Eintrag 3

Der Stein der Oligoamoren

Eines Tages entdeckte ich, ungefähr in der Mitte der Insel, einen sehr großen, halbversunkenen und bereits etwas bewachsenen Stein. Dennoch waren auf ihm recht deutlich Worte und Zeichen der Einheimischen zu erkennen, die ich sofort neugierig zu entziffern begann. Dabei stellte ich fest, daß hier vielerlei Hände die Werte der Oligoamory zusammengetragen hatten. Unter den mir schon vom Archipel der Polyamory vertrauten Größen entdeckte ich zu meiner freudigen Überraschung allerdings sowohl bislang weniger vertraute Begriffe, als auch Vertiefungen, die ich so noch nie zuvor erblickt hatte.

Meine persönliche Übertragung der dort aufgefundenen Merkmale möchte ich hier mit Euch teilen:

1) Zuallererst blieb mein Blick an einem Symbol hängen, welches mir schon lange bekannt schien: „Ach, das ist ja ‚Verantwortung‘ “, dachte ich zunächst, „das kenne ich doch bereits vom sonst eher wenig reglementierten Kontinent der offenen Beziehungen…!“. Mit Verantwortung konnte ich etwas anfangen, war es doch in jeder non-monogamen Beziehung besonders wichtig, Verantwortung für das eigene Tun in Bezug auf weitere potentielle Partner*innen zu übernehmen. „Ja, sicher“, dachte ich, „eigene und fremde Grenzen achten, keine unnötigen Risiken eingehen – insbesondere bei Intimitäten mit verschiedenen Beteiligten – ist doch klar.“
Ich wollte mich schon dem nächsten Begriff zuwenden, als ich stutzte, denn irgendjemand hatte dem Symbol eine etwas verwitterte Glyphe zugefügt, so daß hier offensichtlich nicht nur Verantwortung gemeint war, sondern der Begriff zu „Verantwortlichkeit“ erweitert worden war. „Schau an“, erkannte ich, „da sind die Schöpfer dieses Steins ganz klar mit den Leuten vom Archipel der Polyamory verwandt. Nicht nur Veranwortung für sich selbst, wünschen sie, sondern eine Form ethisch selbstverpflichtender Verantwortlichkeit für das ganze Beziehungsgeflecht!“ Nun, auch das war mir als ehemaligem Bewohner des Archipels nicht gänzlich neu. Verantwortlichkeit bedeutete ja schließlich, sich selbst nicht aus der Gleichung zu nehmen, wenn es mal unangenehm wurde, sondern zu dem zu stehen, was Mensch angezettelt hatte. Und das eben auch für den erweiterten Bereich all jener Mehrfachbeziehungen, von denen Mensch ein Teil ist. „Ja, Verantwortlichkeit heißt eben auch, daß alle Beteiligten das große Ganze im Blick haben und ihren Beitrag daran“, lächelte ich, „clever, diese Polyamoren…“
Jetzt hatte ich mir das nächste Zeichen aber verdient!
Doch was soll ich sagen: Kaum wollte ich die Verantwortlichkeit abhaken, da erkannte ich, daß die oligoamoren Macher*innen dieses ausgeklügelten Monolithen mit einem weiteren kühnen Schlag ihres Meißels die Verantwortlichkeit zur „Verbindlichkeit“ gemacht hatten. Das war ja nun beinahe schon eine Metapher, indem so die Bindung des Individuums sowohl an die einzelnen beteiligten Menschen als auch an die Gesamt-Mehrfach-Beziehung betont wurde. Und natürlich klang darin auch die Selbstverpflichtung des vielzitierten „in guten wie in schlechten Zeiten“ wieder an.
Neben diesem nun doch überraschend komplexen Zeichen hatte ein/e andere/r Künstler*in das Zeichen für „Integrität“ gesetzt. Sollte dieses reichlich altmodische Emblem etwa eine Erklärung darstellen? Ich hatte diesen vordergründig unscheinbaren Zusatz mit diesem Gedanken beinahe abgetan, als mir siedenheiß einfiel, daß Integrität ja Handeln in fortwährend aufrechterhaltender Übereinstimmung mit dem persönlichen Wertesystem bedeutet. Innerlich dankte ich dem unbekannten Autor – und mußte gleich darauf lächeln – denn natürlich fand sich knapp daneben auch das Zeichen für „Verläßlichkeit“.

2) Nachdem der erste Begriff doch unerwartet vielfältig und bedeutungsreich ausgefallen war, wollte ich mich bei einem vermeintlich einfacheren etwas erholen. Darum freute ich mich, als ich das Wort „Konsens“ erkannte, der mir auch schon auf dem Kontinent der offenen Beziehungen begegnet war. Konsens war für den Aufbruch von Beziehungen in die Nicht-Monogamie das A und O – sonst wäre es ja eine Affäre oder irgendeine andere Heimlichkeit, wenn nicht alle Partner eine informierte Wahl bzw. Mitsprach auf Augenhöhe bei diesem wichtigen Öffnungsschritt hätten.
Aber meine Erfahrung mit dem mehrschichtigen ersten Zeichen ließ mich hier sofort genauer hinsehen. Und – tatsächlich – die Sigille für Konsens war von eindeutig polyamor geprägter Hand gleich auf „Berechtigung“, was sogar eventuell als „Gleichberechtigung“ gelesen werden konnte, ausgedehnt worden. „Folgerichtig…“, dachte ich, „…ethisch geführte Mehrfachbeziehungen räumen allen Beteiligten gleiche Rechte hinsichtlich persönlicher Entscheidungen, Ressourcenverteilung und Grenzen ein, da gab’s doch sogar mal so eine Art Charta zu… Darum ist ja in der Polyamory auch kaum Raum für ‚Don’t-ask-don’t-tell-Vereinbarungen¹‘, denn damit wird meistens zu sehr das Recht der allseitig informierten Wahl beschnitten. Berechtigung, ja, ganz wichtig, um gut für sich und mit seinen Lieben ebenbürtig verhandeln zu können…“
Gerade wollte ich mich von diesem vermeintlich gut verständlichen Begriff abwenden, als mir erneut einer dieser kühnen oligoamoren Zusätze auffiel, die unversehens dem Symbol die Bedeutung „Teilnahme“ beigefügt hatte. „Warum denn Teilnahme statt Teilhabe?“, grübelte ich, „wenn man dann schon (gleich)berechtigter Teil einer Mehrfachbeziehung ist, ist das doch wunderbar…?“ Da begriff ich, daß der Oligoamory die Möglichkeit rein passive Berechtigung oder Teilhabe wohl nicht ausreichte. Für die der Oligoamory zugrunde liegenden kleinen Beziehungsnetzwerke schien es sehr bedeutsam, wenn auch alle dort Beteiligten aktiv an der Beziehungsgestaltung teilnahmen – und somit auch von ihren unveräußerlichen Rechten mitgestaltend Gebrauch machten. Noch beim Niederschreiben erkannte ich den Sinn dahinter: Eine Beziehung, die alle daran Beteiligten repräsentieren soll und in der sich alle wohl fühlen wollen, muß auch von allen darin gestaltet werden.

3) Die Sonne war mittlerweile hoch gestiegen und ich erkannte, daß dieses oligoamore Vermächtnis mehr einhielt, als es oberflächlich dem Auge darbot. Ich beschloß, die Herausforderung anzunehmen und widmete mich dem Symbol für „Transparenz“. Transparenz konnte nur von den polyamoren Vorfahren der Insulanern auf den Stein gebracht worden sein, denn viele bloß offene Beziehungen kamen ohne dieses Merkmal aus. Für funktionierende Mehrfachbeziehungen hingegen war das Symbol so nachvollziehbar wie auch notwendig, denn wie hieß Transparenz ist ein für erstrebenswert gehaltener Zustand frei zugänglicher Informationen und stetiger Rechenschaft über Abläufe, Sachverhalte, Vorhaben und Entscheidungsprozesse. Kein Wunder, daß dem Symbol für Transparenz unmittelbar das Piktogramm für „Ehrlichkeit“ beigeordnet war.
Genau dort aber hatten nun die oligoamoren Nachfahren angesetzt und diese geradlinigen Zeichen mit weiteren Vertiefungen ergänzt. „Wahrhaftigkeit“, las ich da, „Offenheit“ und zusammengefaßt war das Ganze in „Aufrichtigkeit“. Ich mußte an die zahlreichen Bewohner des polyamoren Archipels denken, die stetig bemüht waren, ihren Partner*innen gegenüber so ehrlich wie nur möglich zu sein – und die zu diesem Zweck sogar die „Gewaltfreie Kommunikation“ bemühten, umso klar als möglich ihre eigenen Beweggründe und Bedürfnisse dabei darzulegen. Und natürlich wußte ich darum selber, wie schwierig es manchmal sein konnte, ungeschönt die (subjektive) Wahrheit hören zu müssen. Warum jetzt also die „Aufrichtigkeit“ als besondere oligoamore Tugend?
Da fiel mir die Geschichte der „Radikalen Ehrlichkeit“ ein, die in deutscher Übersetzung besser „Radikale Aufrichtigkeit“ heißen müsste, für die ein US-Amerikaner namens Dr. Brad Blanton eintrat. Gemäß dessen Philosophie wäre es notwendig, um unter Menschen Lügen und Manipulation aufzulösen, stets radikal aufrichtig zu sein: Sich also gänzlich unverstellt und ungeschönt mit allen Schwächen und Unzulänglichkeiten zu zeigen, ohne in Wort und Tat besser erscheinen zu wollen, als man es eigentlich meinen würde. Nur so – folgerte dieser Doktor – würde ein authentischer „Moment großer Klarheit“ entstehen, in dem Menschen einander wahrhaft erkennen könnten, und ob ihre Gegenüber wirklich zu einem wechselseitigen Beitragen bereit wären.
Für die Bildung oligoamorer Nahbeziehungen war dies ganz offensichtlich ein so entscheidende Erkenntnis, die über bloße „Ehrlichkeit“ hinausging, daß es den Schöpfer*innen dieses Steins ein eigenes Zeichen wert war.

4) An dieser Stelle wurde ich von einer Stelle auf dem Stein abgelenkt, an der den Künstler*innen wohl tatsächlich ein Fehler unterlaufen war. Denn ich entdeckte ein Symbol, welches auf den ersten Blick mit dem Zeichen für „Treue“ identisch war. Mittlerweile hätte ich die oligoamoren Handwerker*innen aber besser kennen sollen, denn ich brauchte nicht einmal eine Lupe, um bei näherem Besehen zu erkennen, daß da in Wirklichkeit „Loyalität“ zu sehen war. Für mich selber gebe ich zu, daß ich den Begriff der Treue eigentlich ganz gern mag, denn das ehemals mittelhochdeutsche Wort, welches auch „sicher sein“, „vertrauen“ und „wagen“ bedeutete, ist ja nicht der Mononormativität vorbehalten. Treu sein kann man sich z.B. selbst, verschiedenen Idealen und darum natürlich auch mehreren lieben Menschen zugleich. Daß die Schöpfer*innen der Bildzeichen aber fehlerhafte Zuordnung vermeiden wollten, konnte ich nachvollziehen, verstehen doch derzeit noch allzu viele Menschen unter „Treue“ schnell so etwas wie „Eheknast lebenslänglich“ – und das meinten unsere Vorfahren mit dem Wort ganz sicher nicht.
Nun also „Loyalität“, da zitiere ich Wikipedia, denn ich kann es selbst nicht besser sagen: „[…] bezeichnet die auf gemeinsamen moralischen Maximen basierende oder von einem Vernunftinteresse geleitete innere Verbundenheit und deren Ausdruck im Verhalten gegenüber einer Person, Gruppe oder Gemeinschaft. Loyalität bedeutet, im Interesse eines gemeinsamen höheren Zieles, die Werte (und Ideologie) des Anderen zu teilen und zu vertreten bzw. diese auch dann zu vertreten, wenn man sie nicht vollumfänglich teilt, solange dies der Bewahrung des gemeinsam vertretenen höheren Zieles dient. Loyalität zeigt sich sowohl im Verhalten gegenüber demjenigen, dem man loyal verbunden ist, als auch Dritten gegenüber.“ Da verwunderte es mich nicht mehr, daß die oligoamoren Urheber*innen, denen das „gemeinsame Wir“ so wichtig war, daß sie es zu ihrem wichtigsten Merkmal erhoben, dieser Stelle auch noch mit den Symbolen für „Einlassung“ und „Identifikation“ schmückten.

5) Als ich nach einem kurzen Päuschen im Schatten am Fuße des Steins erwachte, hatte ich meinen Rücken gegen ein weiteres Zeichen gelehnt, welches mich schmunzeln ließ, da es mir in dieser idyllischen Umgebung in seiner scheinbaren Neuzeitlichkeit hier geradezu unpassend erschien. „Guck an“, amüsierte ich mich, „da wollten die alten Oligoamoren auch mal modern erscheinen….“ Indessen erkannte ich augenblicklich, daß das von mir bespöttelte Zeichen für „Nachhaltigkeit“ schon genauso lange auf dem Stein sein mußte, wie all die anderen auch – daß es aber mit Nachdruck an dieser wichtigen Stelle, quasi der Basis des Steins, angebracht worden war. Trotzdem hatte in jüngere Zeit wohl irgendein kluger Mensch ein komplexes – und tatsächlich neues – Bild als Erklärung danebengesetzt. Aber was sollten denn nun auch noch die drei Komponenten der Nachhaltigkeit „Konsistenz“, „Effizienz“ und „Suffizienz“ mit menschlichen Mehrfachbeziehungen zu tun haben? Wir waren doch keine Recyclingverpackungen…

Als ich auf diese Dreiecksanordnung blickte, fiel es mir endlich wie Schuppen von den Augen. „Aber natürlich!“ Selbstverständlich wünschten sich die Vertreter*innen der Oligoamory, daß ihre Beziehungen konsistent, also sowohl dauerhaft als auch (werte- und personen-)beständig waren. Darum gab es ja sogar in der Polyamorie oftmals das Streben nach Langfristigkeit.
Zugleich sollten oligoamore Beziehungen aber auch für die daran Beteiligten effizient sein. Damit war nicht weniger gemeint, als daß die Beziehungen den Menschen darin dienlich sein sollten, geeignet für alle Beteiligte, und förderlich, sich nach ihren jeweils individuellen Potentialen entfalten und ergänzen zu können.
Und suffizient sollten sie sein – wie hätte ich das jemals unter dem Symbol der endlichen und offenen Doppelspirale im Herzen der Oligoamory vergessen können – weil die Beziehungen zufriedenstellend und (selbst)genügsam sein sollten, also eben gerade nicht unendlich oder beliebig, sondern menschlichen Maßen von Überschaubarkeit und Vertrautheit angemessen.

Abendliches Licht hatte den Platz rund um den Stein eingehüllt und verlieh damit dem Ort fast so etwas wie eine besondere Kraft. Als ich meine Ausrüstung zusammenpackte und einen letzten Blick auf den Stein warf, fiel mir etwas ein, was vor langer Zeit ein Mann namens Scott Peck in seinem Buch „A Different Drum“ über Gemeinschaftsbildung gesagt hatte:

„Es ist wahr, daß wir zur Ganzheit aufgerufen sind, Aber es ist ebenso wahr, daß wir nie völlig heil werden können in uns selbst und durch uns selbst. Wir können nicht alles für uns und andere sein. […]
Es ist zwar wahr, daß wir dazu geschaffen sind, als Einzelne einmalig zu sein.
Wir sind jedoch auch soziale Wesen, die sich gegenseitig nötig brauchen, nicht nur als Versorger, nicht nur zur Gesellschaft, sondern damit unser Leben sinnvoll ist. […]
Wenn wir soweit gekommen sind, den sehr unterschiedlichen Stil der anderen als Geschenk zu schätzen, fangen wir allmählich an, die Begabungen der anderen bis zu einem gewissen Grad zu verinnerlichen. […] Das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht zuerst mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertig geworden wären und wir nicht unsere gegenseitige Abhängigkeit erkannt hätten. […]
Es ist diese Art von sanftem Individualismus, die unsere Abhängigkeit voneinander anerkennt, nicht nur intellektuell, sondern tief in unserem Herzen.“


Fußnote
¹Don’t-ask-don’t-tell: zu deutsch etwa „Frag nicht, sag nicht[s]“: intransparente Beziehungsvereinbarung, bei der die beteiligten Parteien festlegen, einander weder bezüglich Details weitere Partner*innen betreffend zu befragen noch zu informieren.

Dank geht an die freundliche Genehmigung von Prof. Dr. Bernd Siebenhüner zur Nutzung der „Nachhaltigkeitsgrafik“;
sowie an den User darf-nicht-mehr-hochladen auf pixabay für das Bild des Steins.

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