Eintrag 15 #Vertrauen

Trau, schau, wem? (Volkstümliches Sprichwort)

Ich finde das oft schwierig, überhaupt irgendjemanden kennenzulernen. Zu Anfang gibt es ja noch so gar kein Vertrauen, auf das man aufbauen könnte...“
Das sagte neulich ein*e Freund*in zu mir, als wir über Mehrfachbeziehungen sprachen.
Und obwohl dies im ersten Moment vollkommen nachvollziehbar klingt, gibt es dennoch zu jeder Zeit für die meisten von uns sogar schon zwei Arten von Vertrauen, die uns in so einem (schönen) Fall bereits zur Verfügung stehen.
Zwei?
Ja, richtig gelesen.
Und mit der eher unbekannteren Form, nämlich dem sogenannten „Swift Trust“ (deutsch etwa:„Rasches Vertrauen“), möchte ich heute ganz geschwind beginnen.

Swift Trust

Die „Swift Trust Theory“ wurde erstmals im Jahr 1995 von dem Neuropsychologen D. Meyerson, dem Organisationstheoretiker K.E. Weick und dem Sozialpsychologen R.M. Kramer in der Aufsatzsammlung „Vertrauen in Organisationen: Grenzen von Theorie und Forschung“ (erschienen bei Sage-Publications, London) formuliert.
Genau genommen beschrieben sie eine menschliche Dynamik, welche sie in unternehmerischen Zusammenhängen beobachtet hatten, nämlich wenn fremde Menschen einigermaßen plötzlich als Team zusammenarbeiten mußten.
Also: Zu einem Zeitpunkt, an dem weder zeitlich noch auf Grund von bereits bestehender Bekanntschaft irgend ein Kriterium für echtes Vertrauen erfüllt war.
Obwohl „Swift Trust“ also ursprünglich eine Erscheinung aus der Welt der Arbeits-Verhältnisse ist, glaube ich dennoch, daß es einige Kriterien davon gibt, die ebenfalls beim Kennenlernen und Verlieben für „Normal-Beziehungen“ ausschlaggebend sind (beobachtet Euch selbst!):

  • Orientierung: Da alle neu sind und die Situation noch nicht wirklich überschauen/abschätzen können, entsteht tatsächlich eine verbindende „Gemeinsamkeit“. Zusätzlich wird in solch einer noch unübersichtlichen Lage bei allen Beteiligten Adrenalin ausgeschüttet – wie bei dem berühmten „Brückenexperiment“¹, was einen zusätzlichen Anreiz zur Kooperation setzt.
  • Normativität: Ungewissheit läßt die meisten Menschen quasi wie ein „Sicherheitsnetz“ sehr stark auf angepaßte bzw. normierte Verhaltensweisen als „Krisenmodus“ zurückschalten. Umso erfolgreicher ist dabei, wer extreme Handlungen oder Äußerungen vermeidet und sich damit als verläßlich bzw. berechenbar positionieren kann.
  • Erwartungen: Ja, auch das ist belegt. Auch die jeweiligen Erwartungen an einen erfolgreichen Verlauf schaffen eine weitere „Gemeinsamkeit“ (obwohl die Details dessen, „was“ diesen Erfolg ausmachen soll, individuell stark abweichen können).
  • gleichartig ausgerichtete Aktivitäten und gemeinsame Belohnung(en): Sind quasi anfängliche „Verstärker“, welche die Möglichkeit einer Synchronisierung der Beteiligten erleben lassen (Deswegen balzen z.B. auch Tiere in komplexen aufeinander abgestimmten Mustern, um immer mehr Nähe [zu einem sonstigen Konkurrenten] zulassen zu können).
  • Der Eindruck starker wechselseitiger Aufeinanderbezogenheit: Für unser Gehirn gilt: Auch das Sein beeinflußt das Bewußtsein. Wenden wir uns gerade in einer Anfangsphase wechselseitig einander intensiv zu, nimmt unser Gehirn gerne das „Teil für’s Ganze“ – und erzeugt den Eindruck, daß es wohl bei soviel Vertrautheit schon eine gemeinsame Grundlage gibt (die realistischerweise noch nicht etabliert sein kann).
  • knappe Zeit: Viele erste Treffen sind situativ oder nur punktuell, meistens jedenfalls nicht alltäglich. Ähnlich wie im Brückenexperiment¹ fokussiert unser Wahrnehmungsapparat in solchen Situationen auf das Naheliegende (für egoistische oder unproduktive Aktivitäten, die uns in schlechtem Licht zeigen könnten, ist erst einmal gar kein Raum).
  • ausreichende Ressourcen (materiell oder psychisch): Auf einem Konzert kennengelernt, in einer Kneipe oder auf einem Seminar? Das alles sind in gewisser Weise „Wohlfühlumgebungen“ für uns, in denen wir uns – wenn auch nicht völlig „sicher“ – als „in Fülle“ bzw. auf jeden Fall in einer „Vorzugssituation“ erleben. Wir agieren großzügiger und unbesorgter.
  • starke Prozessorientierung: Persönliche Problemen oder individuelle Kritik werden in diesem Modus meistens weit nach hinten gestellt. Die allgemeine Priorität ist „…daß es erst mal möglichst reibungslos Fahrt aufnimmt“.

Die Kritik – auch die wissenschaftliche – an der „Swift Trust Theorie“ liest sich wie guter freundschaftlicher Rat: Dieses „Rasche Vertrauen“ ist in jedem Fall ein menschlicher Mechanismus zur Reduktion von Komplexität in einer unvertrauten Situation. Damit erfüllt es viele Kriterien, die z.B. auch in Modellen zum Krisenmanagement enthalten sind.
Und schon unsere Mütter sagten: „Niemand kann sich länger als 14 Tage verstellen.“ Womit sie auch beim „Raschen Vertrauen“ Recht behalten werden, denn bei langfristigerer Kooperation von Menschen erhält die Komponente „Kommunikation“ eine immer höhere Bedeutung. Gerade gute Kommunikation (oder vielmehr das Ausbleiben derselben) stellte sich aber als echte Achillesferse der „Swift Trust Theorie“ heraus, da diese Art von anfänglichem (Vor)Vertrauen für das grundlegende Vermitteln von Vertrauenswürdigkeit zwar elementar ist, aber als eben nicht als Ganzes für einen stabilen Beziehungsaufbau ausreicht.

Doch ich schrieb ja von „zwei“ Arten von Vertrauen, die uns auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse betreffs unseres Gegenübers zur Verfügung stehen. Gibt es für uns also noch eine solidere Komponente als das „Rasche (Vor)Vertrauen“?
Ja – aber über diese Variante verfügen nicht alle von uns in gleicher Menge. Es handelt sich nämlich um das

Selbstvertrauen

Über etwas Selbstvertrauen zu verfügen ist in unvertrauten Situationen – insbesondere in Hinsicht auf andere Menschen – von großem Vorteil. Denn dies bedeutet ja nichts weniger, als daß wir auf diese Weise auch in unsere Kompetenz vertrauen, mit eventuellen Herausforderungen oder sogar Schwierigkeiten umgehen zu können. Wenn wir so überwiegend der Überzeugung sind, daß da nahezu kommen kann was will und wir uns diesbezüglich zutrauen, damit fertig zu werden, dann haben wir insgesamt weniger Angst – und das ist eine sehr wichtige Vorbedingung für echtes wechselseitiges Vertrauen.
Mit ausstreichendem Selbstvertrauen gelingt es uns ebenfalls besser, die anderen als „Helden in ihrem eigenen Lebensfilm“ (wie in Eintrag 11) anzusehen – die vielleicht mal unglücklich agieren, grundsätzlich aber, so wie wir selber auch, gute Absichten verfolgen.

Mangelndes Selbstvertrauen hingegen führt dazu, daß wir beginnen ängstlich zu werden, wodurch wir schnell in „Verteidigungsbereitschaft“ oder eine Abwehrhaltung gehen – denn dann glauben wir, daß wir anderen „nicht gewachsen“ sind, bzw. wir stufen uns selbst als „schwächer“ ein.
Selbstvertrauen hat durch diese Verknüpfung leider eine Menge mit unserer Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen zu tun. Und diese Grundeinstellung wiederum ist sehr stark von unseren Erfahrungen während unseres Aufwachsens beeinflußt worden.
„Negative“ elterliche Bindungsstile, wie ich sie in Eintrag 14 beschrieben habe, verfolgen uns bis in unser Erwachsenenleben:
Ängstliche“ Bindungen haben z.B. den Glauben an unsere Selbstwirksamkeit untergraben, indem wir vielleicht überbehütet wurden und selten eigene Erfahrungen machen durften.
Vereinnahmende“ Bindungen stellten (zu) hohe Anforderungen an uns, bei denen wir uns als scheiternd oder als „nie genug“ erleben mußten.
Und in „abweisenden“ Bindungen erfuhren wir möglicherweise keine Unterstützung in Notsituationen bzw. daß Zusagen an uns selten eingehalten wurden.
Solche Lernerfahrungen aber vermitteln Menschen, daß sie weder den eigenen Fähigkeiten, noch anderen Personen, noch dem Leben selbst wirklich vertrauen können.

Leider haben sowohl die sozialen als auch die psychologischen Forschungen der letzten 25 Jahre erwiesen, daß nicht nur wir selber Opfer einer so „erlernten“ Haltung werden, sondern daß auch alle Personen, mit denen wir interagieren, diese Haltung – die sich ja oft in irgendeinem Maß von persönlicher Distanz oder innerer Reserviertheit niederschlägt – durchaus, wenn auch vielleicht nur unbewußt, registrieren.
Dies kann schlimmstenfalls zu dem Phänomen der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ führen, in dem unsere innere Haltung exakt die Resultate und Reaktionen bei anderen Menschen hervorruft, die wir befürchten. Denn genau unsere Haltung aus Vorbehalt – oder zumindest Zurückhaltung – macht uns für die andere Seite zu „Wackelkandidaten“, die schwer einzuschätzen sind und bei denen es schwierig ist, den Mut zur Investition in ein Vorvertrauen aufzubringen.

Gemäß der deutschen Wikipedia bezeichnet Vertrauendie subjektive Überzeugung von der (oder auch das Gefühl für die oder Glaube an die) Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen. Vertrauen kann sich auf andere oder das eigene Ich beziehen.“
Da ein angeschlagenes (Selbst)Vertrauen tiefe Ursachen hat, die nicht mit schlichtem positiven Denken oder einem 14tägigen Programm zur Verhaltensänderung aus der Welt geschafft werden können, möchte ich hier – wo ich mich ja hauptsächlich in der Welt verbindlich-nachhaltiger Nahbeziehungen bewege – drei mögliche Anregungen oder Hilfestellungen geben, die auch bei mir selber zumindest zeitweise gute Wirkung entfalten:

  1. Im weltweiten Netz surfe ich mit einem Adblocker und in sozialen Netzwerken blockiere ich ungeliebte Inhalte. Im wahren Leben „da draußen“ geht es zwar manchmal wie im Internet zu – trotzdem habe ich dort selbst maßgeblich die Wahl, mit welcher „Voreinstellung“ ich mich bewege. Die oft gewählte Schutzhaltung „Das Schlimmste annehmen, damit man wenigstens nicht enttäuscht wird“ ist bei Begegnungen mit echten Menschen fast nie sinnvoll, denn im schlimmsten Fall habe ich mich vielleicht selber geschützt – doch auch im besten Fall passiert dann höchstwahrscheinlich schlicht gar nichts. Denn nur, wenn ich mich mit „deaktiviertem Menschenblocker“ wenigstens etwas öffne, habe ich überhaupt die Chance auf irgendeine menschliche Begegnung. Und die kann ja nur dann wirklich weiter führen, wenn mein ausgeschalteter „Block“ der anderen Person signalisiert, daß wiederum ihre Zukunftserwartung in mich aussichtsreich ist.
  2. Wie in Eintrag 11 „Held im eigenen Film“ gezeigt, ist meine eigene Haltung ein direkter Beitrag zu einer zugewandteren Welt.
    Einmal färbt mein Sein selbstverständlich wieder direkt mein Bewußtsein: Wenn ich mißtrauisch bin, ist die Wahrscheinlichkeit exorbitant hoch, daß ich auch Mißtrauen erleben werde.
    Andererseits hilft manchmal tatsächlich etwas Zweckidealismus: Der Gedanke, daß „da draußen“ liebenswerte und vertrauenswürdige Menschen sind, macht mich selber friedlicher. Dadurch bin ich selber quasi mein eigener Beitrag zu einer „besseren Welt“. Auf diese Weise kann ich bereits in einer ersten kleinen Dimension Selbstwirksamkeit erfahren, was definitiv eine Basis für jeden weiteren Aufbau von gesundem Selbstvertrauen legt.
  3. (für Fortgeschrittene): Sehe ich mich dennoch enttäuscht, weil andere mich meiner Meinung nach eventuell ausnutzen oder ablehnen, versuche ich, meine Enttäuschung und meine Wünsche mitzuteilen. Wird von der anderen Seite das Verhalten fortgesetzt, erhalte ich für mich einen Moment großer Klarheit darüber, daß die Person gegenüber momentan nicht zu meinem Wohlergehen beitragen möchte. Da ich nicht wissen kann, was ihre Beweggründe dafür sind (und ich in so einer Konstellation dann oft genug mit mir selber zu tun habe und ich dann selten Ressourcen zur Klärung habe) kann ich mich aus dieser Situation entfernen bzw. den Kontakt zu dieser Person auf das notwendige Maß begrenzen.
    Das ist aber schon ein Riesenfortschritt, weil es eine situationsbezogen angepaßte Reaktion von mir ist. Und so kann ich selbstwirksam gezielt reagieren statt mit voreingestelltem „Blocker“ in eine Gesamtvermeidungshaltung zu verfallen, die mir von vornherein jede Möglichkeit auf potentielle Lebensfreude trübt.

¹ Schon 1974 veröffentlichten die amerikanischen Psychologen Donald Dutton und Art Aron in der Zeitschrift „Journal of Personality and Social Psychology“ ein Experiment, das sie auf zwei Fußgängerbrücken über dem Capilano Canyon in North Vancouver durchgeführt hatten. Dieses belegte eine erhöhte „Vertraulichkeitswahrscheinlichkeit“ unter unsicheren Außenumständen.

Danke an die Psychotherapeuten Doris Wolf und Rolf Merkle und ihrem Buch „Verschreibungen zum Glücklichsein“ (pAl-Verlagsgesellschaft 2017), in dem in knapper Form Zusammenhänge rund um das Thema „Vertrauen“ dargestellt sind.
Und Dank an Purnomo Capunk auf Unsplash.com für das Foto.

Eine Antwort auf „Eintrag 15 #Vertrauen“

  1. Ich finde dazu die Pionier-Gedanken des österreichischen Psychotherapeuten Alfred Adler interessant.

    Ich denke darum, es gehört noch mehr dazu, Authentizität ist z.B. wichtig. Eigene, nicht die der anderen. Wer bin ich, was kann ich, was will und erwarte ich vom Leben? Bin ich mit mir selbst im reinen, verfolge ich meine Ziele ohne die Erwartungen von irgendwem zu erfüllen? Erst dann kann ich tatsächlich anfangen, mich derart auf andere Menschen einzulassen, dass meine Erwartungen an sie irrelevant werden, dass ihre Erwartungen an mich irrelevant werden, denn dann kann ich in meinem Maß und Willen etwas für andere tun.

    Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein.
    Wenn ich meiner selbst in vollem Maße bewusst bin, kann ich vertrauen in mich und meine Fähigkeiten erlangen und Sicherheit sowohl empfinden als auch ausstrahlen. An dem Punkt wird man auch anziehend für das Außen.
    Ich glaub hier liegt der Knackpunkt, wirklich authentisch zu bleiben, denn wie oft habe ich falsche Selbstsicherheit erlebt und gelebt, die ganz schnell bröckelten, weil man dieses schnelle Vertrauen, das man in seinen Gegenüber gesetzt hat entgegen seines Bauchgefühls (Selbstbewusstsein) unbedingt aufrecht erhalten wollte.

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