Eintrag 16 #Kommunikation

Kein guter Tag zum Grillen

In Eintrag 4 schrieb ich, daß ich hinsichtlich der Oligoamory „Kommunikation“ eher als „flexible Stellgröße“ denn als in Stein gemeißelten „Wert“ ansehe.
Die allermeisten Texte, Podcasts und Videos zum Thema ethischer Non-Monogamie betonen „Kommunikation“ als eine der wichtigsten Säulen funktionierender Mehrfachbeziehungen – und das selbstverständlich auch zu Recht und mit gutem Grund. Daher werde auch ich meinerseits in Zukunft garantiert noch den ein oder anderen bLog-Eintrag diesem elementaren Stoff widmen.
Gleichzeitig ist mir in letzter Zeit aufgefallen, daß „gute Kommunikation“ ihrerseits genau genommen ebenfalls „flexible Stellgrößen“ benötigt, um überhaupt stattfinden zu können.
Eine solche Stellgröße sind die eigenen Ressourcen bzw. die eigene Aufgestelltheit der kommunizierenden Personen.
Das mag im ersten Moment seltsam klingen – aber vielfach scheitert Kommunikation doch bereits an dem ersten gut gemeinten Rat: „Setzt Euch doch hin und redet mal vernünftig miteinander!“
Familie ist für kleine Gemeinschaften gelegentlich ein durchaus passendes Übungsfeld, darum bringe ich zu der Problematik, die ich skizzieren will, ein persönliches Beispiel.


So brachte mir meine Tochter am Donnerstag einen dieser berühmten „Informationszettel“ mit. Darin wurde ich als Elternteil über die Details des am direkt folgenden Montagabend stattfindenden „Schuljahrsendtreffen“ mit beiden Klassenlehrern, Eltern und Schülern unterrichtet.
Das Schreiben begann mit dem schönen Satz „Liebe Eltern, wie Ihnen schon von Ihrer Tochter / Ihrem Sohn mitgeteilt wurde, wollen wir am kommenden Montag auf unserem Grillplatz gemeinsam das Schuljahr ausklingen lassen […]“.
Der betreffende Zettel lag Donnerstagmittag irgendwann kommentarlos auf dem Küchentisch (wo ich ihn entdeckte, als ich wegen meiner eigenen Mittagspause den Raum betrat) und – die werten Leser werden es ahnen – es war mir davon bislang kein Sterbenswörtchen im Vorfeld „schon mitgeteilt“ worden.
Nun gebe ich zu, daß bei zwei Kindern in mittlerweile 8 Schuljahren sowohl eine Menge Zettel als auch eine Menge mehr oder weniger wichtige schulische Veranstaltungen an ein geplagtes Elternteil herangetragen werden. Es sind so viele, daß ich mir – um einigermaßen die Übersicht zu behalten – angewöhnt habe, die Ankündigungen nach „Dringlichkeitsgrad“ zu priorisieren. Auf eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch mit dem Mathelehrer über eine einbrechende Leistungskurve reagiere ich daher prompter als auf den Spendenaufruf zum Sportfest oder die Info mit den verschiebbaren Ferientagen. Und ganz am Ende meiner Liste kommen Einladungen zu sozialen Ereignissen, die mit Schule nur noch in sofern zusammenhängen, als daß die Menschen, die sich dort treffen, irgendetwas mit der Klasse 8b zu tun haben (was bei mir individuell außerdem daran liegt, daß ich bezüglich sozialer Zusammenkünfte zur Freizeitgestaltung mit größtenteils fremden Menschen in nahezu keinem Kontext großen Enthusiasmus aufbringe…).
Um eintreffende Nachrichten meinem System von „wichtig“ oder „unwichtig“ zu unterwerfen, muß ich sie nichtsdestoweniger alle zu diesem Zweck wenigstens einmal lesen (das ist immerhin schon mal ein Pluspunkt für mich!).
In diesem Fall wußte ich sogar, daß ich „kommenden Montagabend zwischen 18:00 und 20:30 Uhr“ größtenteils noch mit Tagesarbeit beschäftigt wäre und damit eine plausible Erklärung für meine Nicht-Teilnahme hätte. Ehrlicherweise müsste ich aber zugeben, daß ich für eine persönliche Vorladung durch den Mathelehrer mit einem Krisengespräch zur Leistungskurve selbstverständlich die Kapazität freigeschaufelt hätte (und dies auch nicht mit allzu großem Aufwand für mich verbunden wäre).
Immerhin traf ich meine 14jährige Tochter im Laufe des Donnerstagsabends doch noch einmal an und stellte ihr wiederum frei, ob sie zu dem Grillfest gehen wollte oder nicht („Die Schüler*innen teilen den Lehrern bis Freitag mit, wie viele Teilnehmer*innen aus ihrer Familie in etwa zu erwarten sind […] “). Auch bot ich ihr an, ihr dann etwas zum Grillen zu besorgen. Nun. Eltern von Teenagern ahnen es – die geschätzte Antwort war ein konkret-messerscharfes „Ach, weiß nich’…“.

Manche Ratgeber empfehlen es: Vielleicht wäre hier der Punkt gewesen, zu einem Gespräch über Kommunikationskultur – also quasi Metakommunikation – anzusetzen, angefangen von der allgemeinen Art und Weise des Überbringens schulisch relevanter Nachrichten bis hin zu dem konkreten Formulieren eines Meinungsbildungsprozesses – von dem ja wieder Handlungen weiterer Personen (in dem Fall meine) abhängig gewesen wären.
Kurzum – das tat ich aber nicht und ließ die Sache auf sich beruhen.

Auch wenn diese kurze Begebenheit eventuell jetzt kein so rosiges Licht auf die organisatorischen und rhetorischen Leistungen Heranwachsender wirft – so erzählt sie genau genommen in der Hauptsache etwas über mich.
Was mir klar wurde, als ich am Samstag von meiner Nesting-Partnerin angesprochen wurde, ob ich mich mit meiner Tochter über das Grillfest unterhalten hätte. Und ob ich nachgefragt hätte, was es mit der unterbliebenen Vorankündigung „…wie ihnen schon von Ihrer Tochter / Ihrem Sohn mitgeteilt wurde…“ auf sich gehabt hätte (denn meine Nesting-Partnerin legt als Herrin des Terminkalenders gelegentlich durchaus Wert auf zeitnahe und konkrete Koordinierung).

Hier fehlt doch jemand…?

Wie ist das also mit „meinem Anteil“ an dem (kommunikativen) (Nicht-)Geschehen?
Ich muß zuallererst zugeben, daß ich, Oligotropos, Angelegenheiten, die direkt mich selbst betreffen, an die oberste Stelle setze. Im Verhältnis zu dem beschriebenen Beispiel hätte mich also z.B. ein Schreiben vom Finanzamt, mit meinem Namen als Empfänger darauf, deutlich mehr beeindruckt – und zu einer engagierteren Reaktion geführt. Dabei hat die Schule ja das Ihrige getan, um mich einzubinden – denn mit der Anrede „Liebe Eltern“ war ja ganz eindeutig auch ich gemeint. Trotzdem war ich voreingenommen, indem ich den „Themenkreis Schule“ der Hemisphäre meiner (eben nicht mehr ganz so kleinen) Kinder zugerechnet hatte. Und das nicht so sehr im Sinne von „Ist nicht mein Problem“, sondern mehr im Sinne von „Nicht in erster Linie mein Problem“ – und damit eben nicht Hauptpriorität.
Damit begann für mich jedoch eine „Abwärtsspirale der Verringerung“. Das mag auch daran liegen, daß meine Kinder in der Schule insgesamt ziemlich gut sind. Wodurch ich im Allgemeinen in der Gesamterwartung lebe, daß der „Themenkreis Schule“ sich nicht von heute auf morgen in einen dramatischen Brandherd verwandelt, der meine volle Aufmerksamkeit verlangt (Aber man weiß ja: Gerade hinsichtlich solcher Erwartungen kann einen das Leben gelegentlich recht unversehens überraschen…). So degradierte ich die Begebenheit „Elternbrief & Grillfest“ zu einer „kleinen (Neben)Begebenheit“ und mein Gehirn, stets um kohärente Strukturen bemüht, erledigte die Ablage indem „klein“ mit „schon nicht so wichtig“ synonymisiert wurde.
Wie oben gezeigt, hatte ich meinem „internes Ablagesystem“ aber auch schon eine Steilvorlage geliefert, da mein Gehirn doch meine Abneigung betreffs „sozialer Aktivitäten“ bestens kannte – und so quasi auch noch Schützenhilfe vom „inneren Schweinehund“ bekam. Der „Schweinehund“ wiederum wußte bestens um meinen derzeitigen Erschöpfungszustand durch eine augenblicklich akut erhöhte Arbeitsbelastung bei mir.
Dennoch schaffte ich es, den Elternbrief gegenüber meiner Tochter anzusprechen, da ich für die Einkäufe zuständig bin und das Schreiben besagte, daß „alle ihr Essen und ihre Getränke selbst mitbringen“. „Einkauf“ und „für die Familie sorgen“ haben bei mir nämlich durchaus eine erhöhte Priorität (die ich tatsächlich unter nahezu allen Umständen aufrecht erhalte, sogar, wenn ich ziemlich angeschlagen bin).
Die unentschlossene Antwort meiner Tochter betreffs der Teilnahme war dann allerdings so unmotiviert, daß ich nicht einmal erkennen konnte, ob ich irgendwie zu ihrem Wohlbefinden in Sachen Grillfest beitragen konnte.
Und dies nagelte den letzten Nagel in den Kommunikationssarg: Das „Weiß nich’…“ meiner Tochter bestätigte mir, daß auch für sie das Sommerfest wohl ein Niederprioritätsziel war und ich hakte das Thema ab – als buchstäblich: Nicht der (weiteren) Rede wert. Womit auch jede weitere Unterhaltung über das „Wie“ der Nachrichtenübermittlung mitbegraben wurde. Denn warum noch Disharmonie riskieren, deren Auslöser dann ja auch noch ein Themas wäre, daß von allen beteiligten Seiten mit so wenig Dringlichkeit verfolgt wurde?

Das meinte ich am Anfang mit „Ressourcen“ und „persönlicher Aufgestelltheit“.
Echte Kommunikation wegen des anliegenden Themas, in der alle Beteiligten ihre Interessen darstellen konnten – egal wie diese dann qualitativ ausgefallen wäre – fand bei uns gar nicht erst wirklich statt.
Darum werden wir auch nie erfahren, wie dieses Gespräch abgelaufen wäre – und nur ihr werten Leser lernt hier (lediglich) meine Beweggründe kennen, bei denen es jedoch wichtiger gewesen, wenn es mir gelungen wäre, sie gegenüber den Mitgliedern meiner sozialen Gruppe (hier: Familie) offenzulegen. Auch „Familie“ ist ja genau genommen schon oft eine vollwertige „Mehrfachbeziehung“ (selbst wenn manche Verbindungen – Kinder zu Eltern z.B. – nicht immer auf freier gegenseitiger Wahl beruhen).

Wie beeinflußt also mein obiges Verhalten eventuell so eine „Mehrfachbeziehung“?
Zum einen darf ich natürlich mir und meinen eigenen Bedürfnissen auch in sozialen Situationen einen hohen Stellenwert einräumen. Denn – wie in Eintrag 11 dargestellt – bin ich schließlich der „Held meines eigenen Lebensfilmes“.
Gleichzeitig stehe ich aber nicht über oder neben dieser sozialen Situation, sondern bin Teil davon, womit ich – da ich ja freiwillig an meiner Gemeinschaft teilhabe – zu dem „gemeinsamen Wir“, welches ich in der Oligoamory so häufig zitiere, beitragen möchte. In Eintrag 11 zeige ich daher ebenfalls, daß es für Homo sapiens kein Widerspruch ist, darum in seinen Handlungen Eigennutz und Gruppennutzen zu vereinen, vorausgesetzt daß ein Mensch sich als Teil dieser Gruppe bzw. Horde empfindet.

►Dadurch ist es – auf diese soziale Gruppe bezogen – sehr oft äußerst wichtig, Thema bzw. Gesprächsanlaß von der Gelegenheit zur Kommunikation bzw. dem konkreten Gespräch selber zu trennen (wenigstens im Kopf). Denn sonst stülpe ich meine persönlichen Gründe (z.B. Erschöpfung, Bequemlichkeit, Angelegenheit individuell nicht so wichtig nehmen), die ich mit dem Thema verbinde, der möglichen Gelegenheit zur Kommunikation insgesamt über – und damit meiner ganzen sozialen Gruppe. Welcher ich auf diese Weise a priori eine Mitsprachemöglichkeit gewissermaßen entziehe – und damit meine eigenen Beweggründe an die allerhöchste Stelle für die gesamte Gemeinschaft setze: Das „gemeinsame Wir“ ist mir dabei verlorengegangen.

Und dies war ja in meinem Beispiel nicht einmal ein bewußt-absichtsvoller Prozeß von mir, sondern fußte auf einer Reihe individueller Gegengründe, die infolge meiner situativen Befindlichkeit aus meiner Sicht sehr nachvollziehbar ineinander griffen.
Trotzdem habe ich mir durch diesen kurzfristigen Erfolg (Ich muß jetzt nicht zum Grillfest gehen/beitragen) mehrere wichtige Chancen in Bezug auf meine Gemeinschaft verbaut:
Ich habe eigentlich nicht erfahren, ob Töchterlein wirklich zu dem Abschlußfest gehen wollte oder ob sie nur recht deutlich gespürt hatte, daß ich „die Sache“ eigentlich für mich schon entschieden hatte. Schließlich agieren ja auch die anderen Teilnehmer unserer sozialen Gruppe „reziprok“ – also beziehen wiederum in die eigenen Wünsche und Entscheidungen die Befindlichkeiten der Anderen als Wechselwirkung mit ein (insbesondere Kinder oder sensiblere Individuen).
Genauso bin ich einem Gespräch hinsichtlich der möglichen Verbesserung der Gesamtgesprächskultur aus dem Weg gegangen – und habe dabei ganz genau genommen sogar noch ein Paradebeispiel für schlumpfigen Umgang damit geleistet.
Wodurch ich obendrein mir selber die Gelegenheit genommen habe, mich gegenüber meinen Lieblingsmenschen offen zu zeigen, mit meiner evtl. Überforderung oder meinen Bedürfnissen.
Auf diese Weise ist das, was ich in der Oligoamory als die Kernkompetenz des „gemeinsamen Wirs“ ansehe, nämlich die gemeinsame Ressourcenvereinigung und die Kraft der Unterstützung daraus, gar nicht erst zur Entfaltung gekommen.
Selbstverständlich hätte am Ende das Ergebnis das Gleiche sein können: Vielleicht hätte die Gruppe nicht genug Kapazität gehabt, so kurzfristig das Projekt Grillfest irgendwie zufriedenstellend noch im Terminplan unterzubringen. Oder es hätte sich tatsächlich erwiesen, daß ohnehin wirklich niemand Lust darauf gehabt hätte.
Aber mehr Köpfe hätten vielleicht auch ganz erstaunliche Möglichkeiten gefunden oder überraschende Motivation gezeigt – die ich in meinem eigenen müden und harmoniebedürftigen Kopf allein gar nicht hätte vorhersehen können.
Plus: Auch Kommunikation kann, wie jede Fähigkeit, am Besten durch Übung verbessert werden. Sogar, wenn dafür ein nicht völlig harmonisches Gespräch in Kauf genommen werden müsste, weil auch das „wie“ (Zettel wortlos auf dem Küchentisch) dabei auf die Tagesordnung gekommen wäre.

Manchmal benötigen wir also den Mut, nicht „alles mit uns alleine abzumachen“. Insbesondere, wenn wir uns als Teil einer engen Gemeinschaft sehen. Selbst Dinge, die wir selber als vermeintliche Kleinigkeiten einstufen, werden höchstwahrscheinlich das Ganze – und damit alle anderen Beteiligten – auf irgendeine Art berühren.
Unser wechselseitiges Vertrauen können wir deshalb am meisten durch die Transparentmachung unserer persönlichen Beweggründe stärken.
Es ist möglich, daß uns dabei am Ende des Tages klar wird, daß diese „guten Gründe“ für die Anderen nicht ganz so heldig oder nachvollziehbar waren, wie wir selber dachten.
Aber die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, daß wir von unserer Gemeinschaft und dem „mehr als die Summe ihrer Teile“ profitieren werden, weil uns von unerwarteter Seite Unterstützung oder wenigstens Verständnis zukommen wird.
Ich hoffe, daß mir nächstes Mal dieser freundliche Gedanke rechtzeitig hilft, wenn ich einem Gespräch von vornherein aus dem Weg gehe, weil ich glaube über nicht genügend Kapazität dafür zu verfügen.




Danke an sacriba von sacriba’s Blog für die Nachfrage hinsichtlich der „guten (persönlichen) Gründe) und Dank für das Küchentischbild an Jill Wellington auf Pixabay.

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