Eintrag 22

Wüste(n)zeit

Es gibt ja so Momente im Leben, da scheint es einfach nicht vorwärts zu gehen. Stillstand. Das nervt – insbesondere, wenn es Seiten betrifft, die einem eigentlich wichtig sind. Aufbruchsstimmung, Kreativität, Progressivität, ergriffene Eigeninitiative, freudige Erwartung – und plötzlich ist es, als ob man ein Auto ohne Getriebe wäre: Der Motor läuft zwar noch mit hohen Touren, doch nichts bewegt sich irgendwie. Schlimmer: Der Motor macht auch Krach und verbraucht Energie – aber es geht trotzdem nicht vom Fleck.
Das ist frustrierend – und „Frustration“ bedeutet ja laut Brockhaus-Definition (19. Aufl. 1989) „Erlebnis der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Benachteiligung oder Versagung, das sich als gefühlsmäßige Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung (Enttäuschung), z.B. infolge des Scheiterns eines persönlichen Plans oder der teilweise oder gänzlich ausbleibenden Befriedigung primärer und sekundärer Bedürfnisse einstellt. Frustration kann einerseits zu konstruktiver Verhaltensänderung führen, löst aber häufig regressive, aggressive oder depressive Verhaltensmuster aus.“

Bevor es jetzt sofort zu theoretisch wird, erst mal lieber ein persönliches Beispiel:
Vor drei Jahren in eine ländliche Gegend umgezogen und optimistisch gehofft, daß sich das mit dem Mehrfachbeziehungsleben doch schon weiter darstellen würde. Mit dem Internet ist Mensch ja überall mit der ganzen Welt verbunden…
2018 dann allerdings, nachdem die Nonmonogamie-freundliche Datingplattform OkCupid ihre Suchheuristik verändert hatte, mein dortiges Profil gelöscht. Trotzdem weiter das eigene Licht im Netz bei Facebook und JoyClub* leuchten lasse. Zu meinen Erfahrungen mit diesen beiden Angeboten könnte ich hier eine ausführliche Geschichte schreiben – aber ich belasse es mal bei letztem Monat. Da habe ich dann den Joy-Account auf den Tag genau nach zwei insgesamt glücklosen Jahren aufgelöst. Und vor drei Wochen bin ich auch noch aus dem letzten polyamoren Facebook-Forum ausgestiegen (Im wiederkehrenden Wochentakt Fragen – und vor allem die nachfolgenden antioligoamoren Debatten – der Kategorien „Und wiiiie macht ihr das mit euren Kiiiindern…?“ oder „Und waaaann muß man denn dem neuen Date erzählen, daß man noch eine andere Beziehung führt…?“ können über Jahre auch den härtesten Keks kleinkriegen…).
Der noch am ehesten in der Nähe befindliche Polystammtisch ist einmal im Monat in der nächsten größeren Metropole 50 Auto-km entfernt – und überhaupt: Das ist ja kein Kontakthof, wo ständig neue tolle Partnermenschen hereinströmen…
Also wieder Poly-Single. Ja. Nein, Blödsinn – gut, ich lebe ja in einer Beziehung… – aber auch als „Duo“ ist Mensch eben noch kein Polykül, auf jeden Fall keine Mehrfachbeziehung, ach, was weiß denn ich, ich hoffe einfach, Ihr versteht, was ich meine.
Und nun schweigt auch noch das Mobiltelefon, der Mail-Posteingang bleibt leer und der Datenstrom der täglichen Dutzende dieser „XYZ hat einen Beitrag gepostet“-Meldungen ist (endlich?!) versiegt…
So.

Und jetzt?
Jetzt kommt der Moment, sich mit der oben erwähnten gefühlsmäßigen Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung auseinanderzusetzen.
Und das ist bei mir nicht so großartig, da ich statt der ebenfalls oben erwähnten Chance zur „konstruktiven Verhaltensänderung“ dann eher zu den ebenfalls aufgeführten „regressiven und depressiven Verhaltensmustern“ neige.
Na toll.
Frustration, in Unterdeckung verbleibende Bedürfnisse (Austausch, Freundschaft, Gemeinschaftlichkeit, Intimität, Kontakt, Verbindung, Zugehörigkeit – um da mal nur ein paar zu nennen…) – und oben drauf dann auch noch Depression.
Farblos, freu(n)dlos, antriebslos, aussichtslos, leblos.

Depressionen – und mit Depressionen kenne ich mich ein bißchen aus, da sie mich auch außerhalb von Dimensionen potentieller Mehrfachbeziehungen bereits mein Leben lang mal mehr, mal weniger, verschiedentlich geplagt haben – haben aus meiner Sicht vor allem die mehr als lästige Eigenschaft, daß sie so „klebrig“ sind. Der Ostwestfale in mir würde spontan sagen „daß sie so an einem backen“ – und das empfinde ich als gerade das richtige Bild: Es ist von der Hartnäckigkeit, als hätte man einen Hefeteig auf einem nicht gefetteten Blech gemacht – und nun „klebt“ die Sache an einem wie ein sedimentartiges Konglormerat. Mit einer so zähen und porentiefen Anhaftung, daß Mensch an manchen Tagen schon nicht mehr auseinanderhalten kann „Wo höre ich noch auf und wo beginnt ‚Es‘ schon?“. Darum fühle ich sehr mit jenen Leuten mit, die sich an manchen Tagen geradezu mit ihrem „schwarzen Hund“ identifizieren, für die dann alles mit Dunkel übergossen scheint oder, wie nur Rainer Maria Rilke es noch besser ausdrücken konnte, denen ist „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“¹.

Das besonders Scheußliche an so einer Lage ist, daß wir, die wir heute in einer derart leistungsorientierten Welt leben, dann schnell überzeugt sind, daß depressive Zustände und Menschen, die sich darin befinden, sowohl volkswirtschaftlich als auch sonst recht wert- und nutzlos sind. In westlichen Industrienationen ist diese Ansicht so weit verbreitet, daß sich sogar die Betroffenen selbst schon derart beurteilen – was ihren Zustand meist zusätzlich noch verschlimmert und sehr oft darum chronifiziert. „Volkskrankheit“ heißt es dann schnell. Da kann man wenig machen.

Ja, bei so einem fest eingefahrenen Glaubenssatz, bei so einer Be-Urteilung – da würde ich auch sagen: Da kann man wenig machen.

Was aber, wenn diese Be-Urteilung nicht zutreffend wäre?
Was, wenn Depression einen „Nutzen“ – oder meinethalben sanfter „eine wichtige Funktion“ hätte, die sogar für das Führen von verbindlich-nachhaltigen (Mehrfach)Beziehungen von grundsätzlicher Bedeutung sein könnte?
Der von mir schon häufiger zitierte amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Scott Peck nennt den langen dunklen Fünfuhrtee der Seele² „Die Arbeit der Depression“.
Allein diese Beschreibung zeigt, daß er, ebenso wie ich eingangs, verdeutlichen möchte, daß Depression keineswegs unweigerlich mit „Stillstand“ gleichzusetzen ist. Denn der Motor läuft ja durchaus, auch wenn es gerade „nicht von der Stelle zu gehen“ scheint.
Trotzdem ist Scott Peck seinerseits ebenfalls völlig klar darin, daß „Depression“ auf jeden Fall zu den grenzwertigen Zuständen des menschlichen Lebens zählt. Und um dies zu verdeutlichen, greift er dahingehend auf die Erkenntnisse der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross zurück, die in ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden“ (Original „On Death and Dying “ , 1969) die Depression als eine der fünf Phasen des Sterbeweges eines Menschen identifiziert hatte: 1) Leugnung, 2) Zorn, 3) Verhandeln, 4) Depression und schließlich eventuell 5) Akzeptanz.
Scott Peck selbst schreibt zur Veranschaulichung dazu:
»Sagen wir zum Beispiel, da ist ein Makel in meiner Persönlichkeit, und meine Freunde beginnen mich deswegen zu kritisieren.
Meine erste Reaktion ist, dass ich es abstreite: Sie ist diesen Morgen wohl mit dem linken Bein aufgestanden, denke ich, oder: Er ist gerade ärgerlich über seine Frau. So sage ich mir selbst, dass ihre Kritik wirklich nichts mit mir zu tun hat.
Aber wenn meine Freunde sie aufrecht erhalten, dann werde ich ärgerlich über sie. Was gibt ihnen das Recht, ihre Nase in meine Angelegenheiten zu stecken? Sie wissen nicht, wie es ist, in meinen Schuhen zu stecken. „Warum lassen sie ihre Nase nicht in ihren eigenen Angelegenheiten?“, denke ich oder sage es ihnen sogar.
Wenn sie mich genügend lieben, um auf der Kritik zu bestehen, dann verhandle ich: Ich habe ihnen in letzter Zeit wirklich nicht genügend auf die Schulter geklopft und gesagt, wie gut sie alles machen. Und ich gehe herum, lächle meine Freunde an und bin guter Laune und hoffe, dass sie das zum Schweigen bringt.
Wenn das nicht klappt – wenn sie immer noch darauf bestehen, mich zu kritisieren – , beginne ich schließlich die Möglichkeit zu bedenken: Vielleicht ist wirklich etwas nicht in Ordnung. Und das ist deprimierend.
«³

Daß selbstverständlich niemand so einen Prozeß durch ein einfaches Zauberstabschwingen bewältigen kann, da stimmen sowohl Scott Peck als auch Elisabeth Kübler-Ross überein. Beide halten demzufolge fest, daß die meisten Menschen darum entweder verneinend oder zornig oder feilschend oder niedergeschlagen sterben – oder eben weiterleben.

Um das Stadium „Akzeptanz“ zu erreichen, sind nämlich die vorherigen Stadien unumgänglich, inklusive des vollständig in Kauf genommenen Stadiums „Depression“, über die Scott Peck auf sein Beispiel bezogen sagt:
»Wenn ich mich mit diesen deprimierenden Gedanken befasse, sie reflektiere, analysiere, mit ihnen umgehe, kann ich nicht nur den Makel in meiner Persönlichkeit erkennen, sondern ihn auch benennen, erklären und schließlich mich von ihm leer machen. Und sollte ich Erfolg haben mit dieser Anstrengung, einen Teil von mir sterben zu lassen, werde ich am Ende meiner Depression als ein neuer und in gewissem Sinne auferstandener Mensch auftauchen.«³

Gemäß Scott Peck ist die „Arbeit der Depression“ also das folgerichtige (und notwendige) „letzte Stadium“ eines inneren, psychischen Sterbeprozesses, der immer, wenn wir eine bedeutende Wandlung oder einen Schritt in unserem seelischen Wachstum vollziehen, genau dieselben Stadien in derselben Reihenfolge durchmacht.

Warum glauben Scott Peck und ich, als Autor dieses bLogs, daß diese „Innere Arbeit“ einen Beitrag zu unserer Beziehungsfähigkeit leisten kann?
Weil durch die „Arbeit der Depression“ die Chance zu der Bereitschaft sich aufzugeben bzw. sich zu überlassen entsteht.
Und dieses „sich-überlassen“ ist eine wichtige Voraussetzung für die von Scott Peck so geschätzte „Leere“ eines Gemeinschafts- oder Beziehungsbildungsprozesses (bereits kurz von mir in Eintrag 8 skizziert).
Er gibt allerdings auch zu, daß die meisten von uns heutzutage mit der „Leere“, also einem guten Maß an „Nicht-Gewissheit“ Schwierigkeiten haben, da heute „Wissen“ buchstäblich mit „Macht (über)“ gleichgesetzt wird – und selbst in spirituellen oder philosophischen Kreisen zumindest das Wissen über sich selbst als höchstes Ziel menschlicher Erfahrung gilt (bei Letzterem muß ich mir auch regelmäßig selbst an die eigene Nase fassen…).

Hinsichtlich der Oligoamory habe ich schon mehrfach geschrieben, daß ich das Potential einer idealen oligoamoren (Mehrfach)Beziehung darin sehe, daß sie „mehr als die Summe ihrer Teile“ sein kann. Dazu wäre es wichtig, daß sich die an einer solchen Beziehung beteiligten Menschen immer wieder bemühen – um die Beziehung lebendig zu halten – diese als eigenen Organismus jenseits ihrer jeweiligen Identitäten (d.h. der einzelnen Beteiligten) zu verstehen.
Genau dafür braucht es diese Leere, ich könnte auch schreiben „dafür braucht es Raum“.

Wenn wir noch einmal auf die Ebene der Beziehungsbildung zurückgehen, dann beschreibt Scott Peck, daß dem Stadium der „Leere“ regelmäßig die „Chaosphase“ vorgeschaltet ist: Die Phase, in der wir an den Anderen herumverbessern wollen, an denen wir gerne unsere eigenen Standpunkte durchsetzen würden. Exakt die Phase, in der geleugnet, gewütet und verhandelt wird. Auch hier paßt das Bild des Autos: Laut heult der Motor – doch die Insassen streiten sich noch alle um den Platz auf dem Fahrersitz und würden gerne die Richtung angeben; doch weil das Steuer mal in diese und mal in jene Richtung gezerrt wird, gibt es eigentlich keinerlei messbare Vorwärtsbewegung.

Wenn demgemäß die Phase der „Leere“ nun der „Arbeit der Depression“ entspricht, dann ist dies ja gewissermaßen die nicht immer angenehme Erkenntnis, daß wir etwas (von uns) aufgeben, „sterben lassen“, müssen, um etwas Besseres zu gewinnen, indem wir „Raum“ dafür schaffen. Mögliches Wachsen erfordert also offenbar, daß wir durch dieses „Tief“ hindurchgehen.

Wenn wir „Platz schaffen“ sollten in unserem bisher angesammelten Wissen, dann heißt das ja, daß wir „dank“ dieses Wissens uns gewissermaßen selber die Sicht nach und nach gleichzeitig auch mit „Besser-Wissen“, Annahmen, Vorurteilen und Diagnosen verstellt haben. So ein bisschen wie ein liebgewonnenes Zimmer, welches wir nach und nach immer mehr eingerichtet haben (oder wo auch Personen unserer Vergangenheit und Gegenwart Dinge darin abgestellt haben) – bis es geradewegs bis zur Unübersichtlichkeit „zugewachsen“ ist. Das Problem liegt auf der Hand: Irgendwann ist darin kein Platz mehr für etwas „Anderes“.
Was ist nun dieses „Andere “? Es ist das Außer-Gewöhnliche, das Un-Erwartete, das Neue.
Was für uns, die in Dimensionen von Mehrfachbeziehungen denken, direkt bedeutet: Das „Andere“, daß können eben auch Menschen sein. Und wenn wir unser Herz und unser Hirn nicht gelegentlich leer machen, dann haben wir Schwierigkeiten, Menschen an uns heranzulassen, ihnen wahrhaftig zuzuhören oder gar uns anzuvertrauen, uns zu überlassen.
Der „Nutzen“ der Leere ist für uns als Beziehungsmenschen also immer mindestens zweifach: Zum einen hinsichtlich neuer, bislang fremder Menschen und zum anderen für unsere Liebsten, die bereits an unserer Seite sind.

Was uns in Phasen von Depression und scheinbarem Stillstand noch zuversichtlicher machen kann, wenn wir es wagen, uns der „Leere“ wirklich hinzugeben, ist das auf unsere Psyche übertragene Phänomen, welches als „horror vacui“ bekannt ist. „Leere“ ist ja als „Nichtzustand“ gewissermaßen kein Selbstzweck, sogar wenn wir sie, z.B. mit Hilfe von Meditation, aktiv herbeiführen können.
Die Leere selber entfaltet nämlich in jedem Fall eine Anziehungskraft, die nicht unserer bisherigen Kontrolle unterworfen ist: Und damit besteht immer die Chance auf das Un-Vorhergesehene, das Un-Erwartete und das Neue.

Wenn wir uns also in unserer Frustration und Depression manchmal buchstäblich als „Opfer“ erleben, wenn wir Angst empfinden, weil wir den bekanntes Boden unter unseren Füßen verloren haben, wenn wir uns geradezu „verlassen“ vorkommen, sollten wir unsere Bereitschaft zur „Un-Gewissheit“ und „Ent-Fremdung“ nachspüren.
Jenseits von Garantien und Sicherheitsdenken könnte dann „das Neue“ einziehen – von dem wir noch nicht wissen, wer oder was es sein wird.

Und wenn die Aphoristikerin Sophie Manleitner Recht hat: „Jemanden zu lieben, der Depressionen hat, ist wie London – es ist die tollste Stadt der Welt, aber es regnet jeden Tag…“, dann mag ich meinen Regen ab heute jedenfalls ein bißchen mehr.



* JoyClub.de ist eine deutsche Kennenlernplattform – hauptsächlich für Erotikkontakte – die aber darum auch über ein großes nonmonogames Forum verfügt.

¹ Diese Zeile ist dem berühmten Rilke-Gedicht “Der Panther” entnommen.

² Ja, richtig: Dies ist der Titel des Kriminalromans von Douglas Adams (1988), in dem er auf die Depressionen unsterblicher Wesen angesichts der Ewigkeit anspielt.

³ Achtung: Dies ist ein beliebig gewähltes Beispiel! Scott Peck wollte nicht unterstellen, daß alle depressiven Personen Persönlichkeitsmakel hätten! Bitte setzt an dieser Stelle im Zweifel eure eigenen Problemstellungen ein.

Danke an Andy Dutton auf Unsplash für das Foto.

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