Eintrag 28

Freiheit, die ich meine…¹

Eigentlich mag ich diese Bildermeme in sozialen Netzwerken überhaupt nicht und halte mich normalerweise davon fern, solche meinerseits zu posten.
Aber.
Auf eine schräge Weise scheint mir das Obige, gerade was Mehrfachbeziehungen angeht, doch eine wichtige Wahrheit zu enthalten – insbesondere nach oligoamoren Maßstäben.

Gut, ja. Es berührt (mal wieder) das Thema Sexualität und die Freiheit der Liebe. Daß ich diesbezüglich mit dem Umgang, wie er z.T. in der Polyamory geübt wird, nicht einverstanden bin, das habe ich schon in meinem zweiten Eintrag beschrieben, in dem ich erkläre, warum ich mich dahingehend nun lieber als „oligoamor“ betrachte. Und in Eintrag 7 versuche ich auszudrücken, warum für mich in der Oligoamory Verbindlichkeit und Freiheit keinen Widerspruch darstellen.

Immer wieder also die Freiheit.
Insbesondere unsere persönliche Freiheit, die wir so oft in Gefahr wähnen, speziell wenn wir glauben, daß andere Menschen in unserer unmittelbaren Nähe uns darin irgendwie einschränken könnten.
Dabei sind wir, die wir in Dimensionen von Mehrfachbeziehungen denken, was „Freiheit“ angeht bereits sehr privilegiert.
Privilegiert? Ja, privilegiert. Wir haben ein Privileg. Das Maß an Freiheit, was unsere Beziehungsgestaltung angeht – welches wir uns individuell erarbeitet haben bzw. welches wir mit unseren Partner*innen teilen und uns gewähren – das ist ein Privileg.
Ein Privileg – ich bitte Dich, Oligotropos, was ist daran ein Privileg… Ich nehme eben meine persönliche Freiheit wichtig und möchte mich dabei nicht von irgendwelchen Konventionen einschränken lassen, das ist alles...“
Genau das ist ein Privileg, liebe Freund*innen.
Privileg: Das Ding was man hat und darum normalerweise nie darüber nachdenkt.
Das „Ding“ welches einem erst auffällt, wenn man sich z.B. plötzlich mal in einem anderen Kontext – als dem privilegierten (!) – bewegt.

Schnell dazu wieder ein persönliches Beispiel:
Also „wir Mehrfachbeziehungswünscher*innen“ wissen ja, daß das mit dem non-monogamen Dating nicht so einfach ist. Offen bekennt sich kaum jemand dazu; Gleichgesonnene, die auch Modelle ethischer non-Monogamie leben, kennt man im eigenen Umkreis eher selten. Bleibt wieder mal nur das www. Viele Plattformen, die sich mit non-Monogamie oder gar Polyamorie abgeben, gibt es aber auch dort nicht – und wenn, dann treiben sich da 200-300 der „üblichen Verdächtigen“ herum, die von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen verstreut sind – Mist!
Was bleibt? Richtig, sich in einem konventionellen Forum anzumelden. Mit 200 Teilnehmer*innen? Pah, da leben ja selbst in meiner Kleinstadt mehr Menschen… Mit 5000? Schon ganz nett – aber da geht doch noch was… Ah, schau da: Fast 30.000 Mitglieder. Das klingt gut. Ist auf ganz Deutschland bezogen zwar immer noch eine eher bescheidene Streuung (wenn man’s mal genau nähme) – aber wenigstens eine bessere Chance. Also flugs in so einem FB-Forum à la „Freunde finden und verlieben“ angemeldet. Und dann brav gemäß den Regeln am Freitagabend eine interessante und aufrichtige Vorstellung – natürlich mit extra angefertigtem, smarten Bild – eingestellt. Aufrichtig: Damit meine ich, daß ich selbstverständlich angebe, daß ich mich als Teil von Mehrfachbeziehungen auffasse (und in meinem Fall auch schon in einer bin).
Und dann hieß es ja nur noch abwarten.
Ok – natürlich hatte ich schon gesehen, daß, wenn eine Frau eine Vorstellung abgab, sich in kurzer Zeit (2-3h) rund 70 bis 80 Likes sammelten und im gleichen Zeitraum auch ein gutes Dutzend mehr oder weniger sinnvolle Kommentare, inklusive PN-Angebote. Bei den Männervorstellungen gab es an einem Tag (!) vielleicht 2 bis 3 Likes und manchmal hatte jemand kommentiert.
Ich dachte also, daß ich genügsam-optimistisch an die Sache herangegangen war – und wartete genau genommen auf den ersten dummen Kommentar zu meiner Angabe mit den Mehrfachbeziehungen. Auf das, was dann tatsächlich geschah, war ich trotzdem nicht so richtig vorbereitet.
In den folgenden 72 Stunden eines emsigen Forumwochenendes und eines darauffolgenden munteren Montags geschah… gar nichts. Kein Kommentar, nicht einmal ein alberner – und auch kein einziges Like. Auch nicht, als ich mich Sonntagabend selbst kommentierte, damit meinen Post wieder nach oben beförderte und noch eine Reihe biographischer Zusätze darbot. Gar nichts.
DAS, liebe Leser*innen ist Privileg. Also: Privileg, wenn es einem auf solch drastische Weise bewußt wird. Wenn einem klar wird, über welches exorbitante Maß persönlicher Freiheit man bereits verfügt, es sich verschafft hat, es gewährt bekommt – welches für andere Menschen ein absolut unvorstellbares No-Go, beinahe ein Makel, auf jeden Fall aber ein Rühr-mich-nicht an darstellt.
Selbst mit einem mäßig getarnten Vögel-Gesuch hätte ich in dem entsprechenden Forum wahrscheinlich mehr Reaktion erhalten als mit einer Vorstellung, die mich als seltsamen Vogel der non-Monogamie beschrieb. Vermutlich sogar, wenn ich mich mit dem gleichen Vorstellungstext als braven Single verkauft hätte – nicht aber als (potentiell) „vergeben“ nach den dortigen Anschauungen.
Auch das können Auswirkungen von Freiheit sein. Und dem Risiko, daß man mit der Freiheit eines authentischen Selbstausdrucks eingeht, wenn man „zu sich selbst“ steht.

Oligotropos, dann sei beim nächsten Mal eben nicht so unverblümt aufrichtig, sondern guck‘ doch erst mal, wie sich die Dinge entwickeln…

Das hast Du jetzt nicht gesagt – oder gedacht – oder doch?

Als Autor dieses bLogs möchte ich deutlich sagen, daß wir, die wir für ethische nicht-Monogamie eintreten – denen ihre Freiheit darum so wichtig ist – solch eine (Hinter)Tür mit der Entscheidung für unser Lebensmodell geschlossen haben.
Ja, aber meine Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will, wie ich will…!“

Ja unsere Freiheit. Über die derzeit wieder oft geredet wird, weil für viele Menschen auf dieser Welt dieses Privileg eben längst noch nicht so selbstverständlich ist, wie für uns. Sogar das vierteljährliche Magazin der Max-Planck-Gesellschaft, welches mir gestern ins Haus flatterte, widmete sich in der aktuellen Ausgabe diesem Titelthema.
Natürlich beschäftigt sich diese Zeitschrift mit der Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre – aber das genügt, um hinsichtlich des vielstrapazierten Freiheitsbegriffs wieder Kontext herzustellen.
Denn unsere persönliche Freiheit wird in Deutschland maßgeblich vom Grundgesetz abgedeckt (insbesondere in den Grundrechten Artikel 1-19). Ich habe das Grundgesetz immer als sehr trocken und karg formuliert empfunden, bei genauerem Hinsehen sind seine knappen Wortlaute aber doch überraschend umfänglich.
Selbstverständlich liebe ich Artikel 1, der uns allen die volle Menschenwürde zuspricht – und wenn ich meine idealistischen 5 Minuten habe, dann denke ich, daß dieser Artikel doch ausreichend sein müsste, weil schon darin alles Wesentliche im Kern zusammengefaß ist.
Das könnte vielleicht sogar wirklich ausreichen, wenn wir, was Prof. Gerald Hüther in seinem Buch „Würde“ ja so treffend hinterfragt, uns stets in jeder Situation unserer menschlichen Würde und der der anderen Menschen bewußt wären.
Daß wir es nicht immer sind – und daß das mit der menschlichen Bewußtheit so eine Sache ist, scheinen auch die Mütter und Väter des Grundgesetzes gewußt zu haben. Denn schon in Artikel 2 Absatz (1) scheinen sie unsere eben verliehene Freiheit wieder einzuschränken. Und zwar interessanterweise mit den „Rechten anderer“. Und da wir im Grundgesetz bis zu diesem Absatz noch nicht weit gekommen sind, scheinen diese „Rechte anderer“ in wiederum deren Würde und deren Recht auf Persönlichkeitsentfaltung zu bestehen.
Tatsächlich. Ich werde als qua Gesetz in meiner persönlichen Freiheit durch die Würde und die Persönlichkeit anderer Menschen eingeschränkt…
Allerdings. Selbst ein so gewaltiges Privileg wie die Freiheit hat also Grenzen.

Ach so. Darum sitze ich später im Alter dann also allein auf der Bank. Weil mir eben meine vollkommene Freiheit gar nicht gewährleistet wird – und dann wird’s mit dem freien Sex natürlich auch nichts…
Äh – nein.

In meinem letzten Eintrag 27 habe ich dargelegt, wie schnell immer noch unser Wunsch nach wahrer Intimität mit dem Verlangen nach Sexualität „verwechselt“ oder gar damit gleichgestellt wird. Deswegen habe ich dort betont, daß es so wichtig ist, aufrichtig zu sich selbst zu sein, was denn hinter dem eigenen Bedürfnis steckt, sich Mehrfachbeziehungen im Leben zu verwirklichen. „Sexualität“, sagte Marshall Rosenberg² mal, „ist kein Bedürfnis, sondern eine Strategie.“
Ich habe mich erst über diese Zuordnung geärgert, dann lange gegrübelt – und schließlich erkannt, daß der alte Herr damit Recht hatte: Denn wir „Beziehungssucher*innen“ haben uns doch wegen der Intimität auf den Weg gemacht, wegen unserem Bedürfnis nach Vertrautheit, Nähe, Zuneigung, Verbindung und dem emotionalen Zuhause. Selbstverständlich kann da Sexualität zu einem Teil unserer Erfüllung gehören. Aber die Sexualität zum Bedürfnis zu erklären, wäre zumindest für mich nicht aufrichtig, denn damit würde ich das Teil zum Ganzen und zum Selbstzweck erklären, was für mich in jedem Fall nicht zutrifft (und wenn, dann bräuchte ich zur Erfüllung jedenfalls nicht so komplizierte Lebensmodelle wie die Poly- oder Oligoamory…).
Wenn ich mir aber wünsche, bis ins hohe Alter mit echter Intimität gesegnet zu sein (ich wiederhole: mit Vertrautheit, Nähe, Zuneigung, Verbindung und einem emotionalen Zuhause), dann brauche ich wohl auch diese „anderen Menschen“ in meinem Leben, mit denen ich diesen ersehnten und geschätzten Zustand erfahren kann.
Ach, Menschen findet man an jeder Ecke – bald 8 Milliarden gibt es jetzt schon davon auf der Erde…
Ja, mag sein. Gleichzeitig möchte ich auf mein obiges Erlebnis im Forum hinweisen, daß es für uns bisher nur sehr wenige Menschen gibt, die bereit sind, unseren privilegierten Beziehungsethos zu teilen. Und von denen kommen realistischerweise nochmals weniger überhaupt als Beziehungsmenschen für uns in Frage (und wir für sie, übrigens).
Genau darum ist es wichtig, daß ich nicht das Privileg meiner „großen persönlichen Freiheit“ umherschwinge wie die buchstäbliche Axt im Walde. Denn dabei schneide ich hier mal den einen in seiner Persönlichkeitsentfaltung (Hoppla…) und trete dort der anderen auf die Würde (Ups!). So werde ich garantiert irgendwann einmal einsam auf der Parkbank enden…

Ich muß also darauf achten, daß ich das Privileg meiner Freiheit quasi mit dem Privileg meiner erwählten Liebsten abschmecke, es damit sorgfältig austariere.
„Ethische Non-Monogamie“ heißt also in gewisser Weise, daß ich meine „persönliche Freiheit“ nicht mehr als unbewußtes Privileg („Hier komm‘ ich, mir kann keiner…!“) innehabe, sondern, daß ich mich stets in einem Dialog, fast in einer Art Tanz mit meiner Freiheit und der Freiheit der mich umgebenden Menschen befinde. Über diesem Dialog, über den Tanzenden, stehen die Begriffe Würde und Respekt – ein bißchen wie ein Motto, welches zugleich aber eine Art Selbstverpflichtung darstellt.
Denn der Dialog – oder Tanz – gelingt (nur) dann, weil alle Beteiligten nach der Maxime „Was ich wünsch‘, was man mir tu‘ – nur das füg‘ ich auch anderen zu“ (oder der bekannteren Negation: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“) miteinander umgehen. Auf diese Weise steht meine Freiheit, meine persönliche Entfaltung, meine Bedürfniserfüllstrategie immer in einem dynamischen Muster mit der Freiheit, der persönlichen Entfaltung und den Bedürfniserfüllstrategien der anderen.
Und aus dieser Dynamik auf diesem Spielfeld des Miteinanders, gehen alle bedeutsamen Werte der ethischen non-Monogamie hervor, seien sie poly- oder oligoamor: Mitgefühl, Wertschätzung, Kooperation, Selbstverantwortlichkeit, Versöhnlichkeit, Klarheit, absolut vollkommene Aufrichtigkeit – und ein gutes Maß an Gelassenheit.
Wenn wir uns all das wechselseitig gegenüber gewährleisten, dann hätten wir eigentlich schon gewonnen. Wenn wir immer wieder wechselseitig und gemeinsam auf diese Ziele hinarbeiten, dann sind wir auf einem großartigen Weg – denn wir haben verstanden, daß unsere persönliche Freiheit kein selbstverständliches statisches Privileg ist, sondern eine gemeinschaftliche Errungenschaft, für deren Gewährleistung wir jeden Tag erneut eintreten und unser jeweils Bestes geben.

Das Schlußwort möchte ich heute gewissermaßen dem satirischen Schriftsteller Johannes Trojan überlassen, dessen Text ich für die Oligoamory ein wenig abgewandelt habe:

»Es ist auffallend, daß in alten Geschichten ebensowenig von der Freiheit der Liebe als auch von der Freiheit überhaupt wie von einem besonderen Vorzug die Rede ist.
Die Liebe scheinen unsere Voreltern für selbstverständlich gehalten zu haben. Von der Freiheit konnten sie sich vielleicht noch keinen klaren Begriff machen, oder auch es mag ihnen, was sie als Freiheit der Liebe kannten, gleichfalls zu selbstverständlich erschienen sein, als daß es betont werden müsse.
Jetzt aber kann kein Liebender mehr vor einer Tasse Kaffee sitzen, ohne dabei aufs ausdrücklichste zu versichern, daß er sich „liebend und frei“ fühle und daß er ohne die Freiheit der Liebe durchaus nicht leben könne.
Möchte doch eine Zeit kommen, in der wieder weniger auf die Liebe und deren Freiheit beharrt wird.
Sie scheinen beide darunter zu leiden.«³

Weiterführende Links zum Thema:
Das ist aber meine Freiheit und ich darf das….oder?“ auf Polyplom.de
„Muss ich meinem Partner alles sagen?“ auf MySexySalad.com


¹ Diese Zeile stammt – von mir bewußt gewählt – aus dem gleichnamigen Lied von Max von Schenkendorf und Karl A. Groos, welches sie 1815 im Befreiungskrieg gegen Napoleon komponierten. Danach wurde das Lied in Preußen vor dem ersten Weltkrieg für den Schulunterricht in der sieben bzw achten Klasse besonders empfohlen und diente von da an der Kriegserziehung im Kaiserreich und später im Nationalsozialismus. Die Geschichte des Liedes ist eines der besonders traurigen Beispiele dafür, wie der Begriff „Freiheit“ lediglich zum eigenen Wohl – und damit auf Kosten der anderen – verzweckt wurde.

² Marshall Rosenberg hat in seinem Modell der „Gewaltfreien Kommunikation“ ein sehr ausführliches System menschlicher Bedürfnisse ausgearbeitet, die hinter jeder Kommunikation und Interaktion verborgen sind.

³ Originaltext von Johannes Trojan aus „Auswahl aus seinen Schriften“ (Stuttgart 1905): »Es ist auffallend, daß in alten deutschen Liedern ebensowenig von der deutschen Freiheit als auch von dem Deutschsein wie von einem besonderen Vorzug die Rede ist.
Daß ein Deutscher deutsch ist scheinen unsere Voreltern für selbstverständlich gehalten zu haben. Von der deutschen Freiheit konnten sie sich vielleicht noch keinen klaren Begriff machen, oder auch es mag ihnen, was sie als deutsche Freiheit kannten, gleichfalls zu selbstverständlich erschienen sein, als daß es betont werden müsse.
Jetzt aber kann kein Deutscher beim Glase ein Lied singen, ohne darin aufs ausdrücklichste zu versichern, daß er sich „deutsch und groß“ fühle und daß er ohne die deutsche Freiheit durchaus nicht leben könne.
Möchte doch eine Zeit kommen, in der wieder weniger auf die Deutschheit und die deutsche Freiheit getrunken wird.
Sie scheinen beide darunter zu leiden


PS: In der Zeit, in der ich den Artikel geschrieben habe, habe ich übrigens das Mem oben ins Forum gestellt. Es sind jetzt 48 Likes…

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