Eintrag 39

Jemand sein

»Gedenkt man, wie viel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
Und leider ereignet sich dies nicht bloß dem Vorübergehenden. Gemeinschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Mitglieder, Städte gegen ihre würdigsten Bürger, Nationen gegen ihre vorzüglichsten Menschen.«

Dieses Zitat stammt aus dem RomanDie Wahlverwandtschaften ¹ von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1809. In der Tat handelt es sich dabei, wie der bemerkenswerte Titel nahezu vermuten läßt, um ein fast visionäres Buch, welches sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der heiklen Materie potentieller „Viel-Liebe“ versuchte. Es geht um wechselseitiges Begehren, um eine geradezu spirituelle Anziehungskraft, um Beziehungskompatibilität und romantische Motive. Allerdings traute es sich auch der Altmeister Goethe mit dem Roman damals nicht zu, die Geschichte am Ende für alle Beteiligten anders als in Chaos und Leid enden zu lassen – damit blieb er ein Kind seiner Zeit.
Was jedoch Goethe in meinen Augen seinen Kranz als Dichterfürst erhält, ist die Tatsache, daß er es wagte, ausgerechnet die Dynamik einer Vierecksbeziehung zu entwerfen, um mit seinem Werk darüber zu philosophieren, inwieweit seine Hauptpersonen aufgrund naturgesetzlicher Notwendigkeit oder aus freier Willensentscheidung heraus handelten.
Insbesondere Letzteres bildet ja in Beziehungsdingen bis heute immer noch eine der ganz großen Fragestellungen. Und von dem Philosophen Richard David Precht in seinem Buch „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ und dem Neurowissenschaften Gerald Hüther in seinem Werk „Die Evolution der Liebe“, über die Biologen Christopher Ryan und Calcida Jethá in ihrem BuchSex: Die wahre Geschichte bis hin zum Zenmeister Thich Nhat Hanh in „Quelle der Liebe – Wie Partnerschaft dauerhaft gelingt“ oder auch dem Seelencoach Veit Lindau in „Liebe radikal: Wie Du deine Beziehungen zum erblühen bringst“ wird ebenfalls in der Gegenwart über dieses Thema eifrig nachgedacht und geschrieben.

Daher habe ich gegenüber Goethe heute den Vorteil, daß ich auf ein ganzes Menü unterschiedlicher Blickwinkel zum Thema „(Mehrfach)Beziehungsfähigkeit“ zugreifen kann – außerdem kenne ich persönlich eine handvoll mutiger Menschen, die beweisen, daß ethische Non-Monogamie zwar nicht alltäglich einfach ist, jedoch auch keinesfalls Stoff für ein Drama von „Chaos und Leid“ sein muß.

Manchmal allerdings scheinen sich die „Umweltbedingungen“ für Mehrfachbeziehungen seit Goethes Zeiten bis heute wiederum nur wenig geändert zu haben. Mit der politischen wie der gesellschaftlichen Akzeptanz abseits hetero-monogamer Normativität scheinen sich weite Schichten der Bevölkerung nach wie vor schwer zu tun. Für die vier Protagonist*innen der „Wahlverwandtschaften“ bedeutete dies im Roman des 19. Jahrhunderts das Ende, bzw. wie Wikipedia so pragmatisch schreibt: „Das Experiment scheitert, weil die Gesellschaft nicht jene Bindungsfreiheit zulässt, die für Wahlverwandtschaften notwendig ist.“

Tatsächlich glaube ich, daß viele Menschen, die sich potentiell für ethische Non-Monogamie interessieren, diesen Satz auch heute noch genauso unterschreiben würden.
Und ja: Es ist auch schwer, zu einer Avantgarde von „Andersdenkenden“ zu gehören. Denn dies bedeutet nicht nur, sich eine andere Philosophie oder Lebensweise, als sie der „Mainstream“ hat, zu erwählen. Es bedeutet vor allem, auch gegenüber sich selbst tagtäglich immer wieder neu von dieser anderen Philosophie und Lebensweise überzeugt zu sein, obwohl man sich damit höchstwahrscheinlich in einem Umfeld bewegt, welches überwiegend noch nach anderen Maßstäben ausgerichtet ist.
Mit anderen Worten: Man braucht eine ziemlich starke Persönlichkeit.

Ich glaube, daß auch Goethe dies in seinem Roman, an dessen Konzeption er fast zwei Jahre feilte, sehr genau erkannt hatte: Umweltbedingungen sind ein wichtiger Faktor – aber daneben gibt es noch den Faktor der individuellen „Resilienz“ – also dem Maß, in wie weit ein Mensch, trotz widriger Umstände, in der Lage ist, dennoch seinen persönlichen Wünschen und Idealen treu zu bleiben.
Und natürlich hängen diese beiden Faktoren auch zusammen.
Goethe z.B. skizzierte genau genommen vier Hauptpersonen, die alle aus unterschiedlichen Gründen irgendwann unter dem äußeren Druck zusammenbrachen, weil sie in sich selbst ängstlich, verzagt, unsicher, eifersüchtig oder überheblich waren. Gleichzeitig spielt seine ganze Geschichte vor einem höchst obrigkeitsstaatlichen Hintergrund und einer (klein)bürgerlichen Gesellschaft, die genau darauf angelegt ist, ihre Mitglieder unmündig und begrenzt im Denken zu halten.
Das in meinen Augen „Revolutionäre“ an der Goethegeschichte ist darum, daß er genau mit Sätzen wie dem, der meinen heutigen Eintrag einleitet, sehr deutlich darauf hinweist, wie stark er sich selbst dieser mangelnden Förderung von „Persönlichkeitsbildung“ seiner Zeit bewußt war – und er sie darum quasi indirekt anklagte.

Und damit ist Goethe für mich auch in der Jetztzeit hochaktuell.
Denn in meinen Augen haben heute Modelle ethischer Non-Monogamie, wie die Poly– oder die Oligoamory, nur dann wirklich Aussichten auf Erfolg, wenn wir es schaffen, sowohl gesellschaftlich, als auch individuell, unsere Individualität, unsere „Verschiedenartigkeit“ zu wahren – um sie dadurch zugleich als Brücke zur Gemeinschaftsbildung zu begreifen.

Der Erziehungswissenschaftler Rainhard Kahl hat diesen scheinbaren Widerspruch für mich einmal sehr eindrücklich formuliert, indem er uns diesbezüglich zu unerschrockenem Handeln aufruft und uns einlädt „Ein Jemand zu sein“²:

»Das ist weder selbstverständlich noch banal, denn es bedeutet ein Wagnis, ein Jemand zu sein, nicht nur eine Rolle zu spielen oder zu funktionieren.
Denn „jeder Mensch steht an einer Stelle in der Welt, an der noch nie zuvor ein anderer vor ihm stand“³.
Erst aus dieser nicht weiter reduzierbaren Verschiedenheit und Eigenheit eines jeden – aus der Pluralität – ergibt sich die Möglichkeit zur Verständigung. Wenn wir alle identisch wären oder sein sollten, wäre Verständigung weder nötig noch denkbar.
Der Preis von Pluralität allerdings ist erst einmal eine ursprüngliche Fremdheit:
„Das Risiko, als ein Jemand im Miteinander in Erscheinung zu treten, kann nur auf sich nehmen, wer bereit ist, im sich Miteinander unter seinesgleichen zu bewegen, Aufschluß zu geben, wer er ist und auf die ursprüngliche Fremdheit dessen, der durch Geburt als Neuankömmling in die Welt gekommen ist, zu verzichten.“³
Auf seine ursprüngliche Fremdheit verzichten! Ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Mit dem Aufbau einer gemeinsamen Welt ließe sich diese ursprüngliche Fremdheit überwinden.
Der Misanthrop allerdings ist ein Mensch, der nicht auf seine Fremdheit verzichten mag:

„Die Menschlichkeit, die sich in Gesprächen der Freundschaft verwirklicht, nannten die Griechen ‚Philantropeia‘, eine Liebe zu den Menschen, die sich daran erweist, daß man bereit ist, die Welt mit anderen zu teilen. Ihr Gegensatz, die Misanthropie oder der Menschenhaß, besteht darin, daß der Misanthrop niemanden findet, mit dem er die Welt teilen möchte, daß er niemanden gleichsam für würdig erachtet, sich mit ihm an der Welt und an der Natur und dem Kosmos zu erfreuen.“ […]
„Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dieses Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch, ist heute Gegenstand der größten Sorge. Jede Wahrheit, ob sie nun den Menschen Heil oder Unheil bringen mag, ist unmenschlich im wörtlichen Sinne, weil sie zur Folge haben könnte, daß alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so daß aus vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände.“³«

All die Zitate, die Rainhard Kahl seinerseits verwendet, stammen übrigens von der Philosophin Hannah Arendt, die im Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der maßgeblich die „Endlösung der Judenfrage“ geplant und umgesetzt hatte, auf schonungsloseste Art damit konfrontiert worden war, wie aus einem „konformen Bürger“ ein gewissenloser Befehlsausführer geworden war. Fortan widmete diese Philosophin einen Großteil ihres Lebenswerkes der Fragestellung, welche Bedingungen erfüllt sein mußten, damit manche Menschen einen Teil ihrer Menschlichkeit abspalten konnten – wohingegen es anderen gelang, mitfühlend und empathisch zu bleiben.
Sie identifizierte, daß der Verzicht darauf „Ein Jemand zu sein (bzw. zu bleiben)“ und statt dessen zu einem angepassten Massenwesen und Trendfollower zu werden, am stärksten zu Verführbarkeit und Selbstvergessenheit beitrug. Und das solch eine Anpassung schließlich maßgeblich zu einem gesamtgesellschaftlichen Klima von Unterwürfigkeit und Angst führten, die Ausgrenzung und Gewaltexzesse schließlich erst ermöglichten.

Genau da empfinde ich, Oligotropos, die Tagesaktualität: Insbesondere wir Menschen, die bis in unsere privaten Beziehungen hinein versuchen nonkonformes, ja geradewegs queeres Gedankengut zu leben, sind aufgefordert, uns immer wieder darin zu üben „ein Jemand zu sein“. Speziell in einer Gesellschaft, die uns heute weit größere Freiheit ermöglicht als es das 19. Jahrhundert konnte – eine Freiheit, die aber heute trotzdem durch rechte Ränder oder digitale Massenhypes in Gefahr geraten kann, relativiert zu werden.
Für unsere Liebsten, für unsere Kinder, für uns selbst ist es darum wichtig, unser Profil zu pflegen, mit seinen Eigenheiten und Potentialen – eben genau um zu dem integrativen „bunten Buffet“ beizutragen, welches ich in Eintrag 33 beschreibe – und was unsere beste Versicherung ist gegen stumpfes Funktionieren und geistig weggetretenes Hinterherlaufen.

Das Schlusswort überlasse ich dazu noch einmal Rainhard Kahl:
»Die Lust sich zu exponieren verbindet Hannah Arendt mit der Bereitschaft sich vom Ungewissen treffen zu lassen. Verletzbarkeit ist eine Voraussetzung dafür, Erfahrungen zu machen und sich entwickeln zu können. Ja, Verletzbarkeit ist eine Funktion von Stärke. Die Stärke wächst mit dem Verzicht auf Panzerung.
In einem Fernsehinterview 1964 sagte sie:
„Wir fangen etwas an, wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen; was daraus wird, wissen wir nie. Das gilt für alles Handeln, ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist, im Vertrauen auf die Menschen, das heißt in irgendeinem, schwer genau zu fassenden, grundsätzlichen Vertrauen in das Menschliche aller Menschen.
Anders könnte man es nicht.“
«

¹ Johann Wolfgang von Goethe, „Die Wahlverwandtschaften“: 2. Teil, 1. Kapitel

² Reinhard Kahl, „Auf der Suche nach erwachsen gewordenen Erwachsenen“; Fachaufsatz in „Kinder suchen Orientierung“, 2002, Walther/Patmos-Verlag

³ Hannah Arendt, Auszüge aus ihrer Rede zur Verleihung des Lessing-Preises 1959

Danke an Kurt Kleeb auf Unsplash für das Foto!

7 Antworten auf „Eintrag 39“

  1. Es is wahr, und erst dann ist man echt, wenn man Jemand ist. Selbst dann, gerade da, wenn die tiefe Überzeugung in dir gewachsen ist, auch wenn du immer wieder beteuern mußt: Es ist nicht gefährlich, für alle Beteiligten.
    Interessant ist auch, wenn man ist, daß man unglaublich anziehend wirkt für Andere.
    Sie kleben regelrecht an einem. Sein oder nicht Sein, ist hier nicht die Frage; weg mit der Angst, ich will Sein – ich muß nichts „Haben“.

    1. Da alle Menschen so unglaublich verschieden sind, können wir vermutlich über die Einschätzung der „Gefährlichkeit“ hinsichtlich dieser anderen Menschenkinder wenig sagen. Konstitutionen und Resilienzen sind manchmal überraschend anders gelagert als bei uns selbst – wo die eine ein „cooler Kunde“ bleibt, da sind bei einem anderen die persönlichen Grundfesten völlig erschüttert. Vorleben und die eigene Sache einigermaßen gut machen – ja, das kann vielleicht helfen; manch eine*r sitzt aber auch so in der eigenen Grube fest, daß sie*er erst einmal wagen müßte, wieder richtig hinzusehen.
      Und ja, echte „Jemande“ sind anziehend – aber des einen Held*in ist des anderen Erzketzer*in und Loyalitäten sowie Bewunderung können da urplötzlich kippen (Jesus, Martin Luther King, John Lennon, Che Guevara etc. legen Zeugnis davon ab). Den Weg zur persönlichen Authentizität muß eben jeder für sich selbst finden, es hilft meist sogar wenig, wenn man versucht jemandem anders die Tür dahin offenzuhalten.

      1. Stimmt, also bedeutet diese persönliche Freiheit eben auch Verzicht auf diese.
        Da muß ich auch mal den Paulus aus der Bibel zitieren, der eben auch meinte, daß er alles kann, aber nicht alles förderlich ist der Anderen wegen.
        Mit der Anziehung ist es wohl auch so wie mit der Unterschiedlichkeit.
        Das Leben bleibt bunt.

          1. Ok, aber kann man das denn miteinander vergleichen?
            Ich glaube kaum.
            Aber was ist schon Wahrheit?
            Die, die uns jemand vorgibt, oder die, die in uns selbst wächst?
            Gibt es etwas Absolutes? Oder ist alles im Fluß oder Werden?
            Es gibt soviel Spannendes, über das man nachdenken kann, vor allem wo es sich lohnt es in Erwägung zu ziehen.
            Fantastisch was ich hier alles entdecke.

          2. Liebe „Anima“ – das kann man allerdings direkt miteinander vergleichen und dies wird auch wissenschaftlich begriffsgeschichtlich sowie ethisch getan. Sowohl der Paulusbrief an die Korinther als auch die „Wiccan Rede“ spielen inhaltlich nämlich auf die sogenante „Goldene Regel“ an, die im Deutschen bestens als „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ bekannt ist. Diese Handlungsmaxime ist in zahlreichen Theologien und Philosophien vieler Weltkulturen seit antiker Zeit enthalten und reicht weit in die Zeit vor dem Christentum zurück.
            Denn worum geht es dabei im Detail? Um nichts weniger als um die Aufforderung zur Übernahme von Selbstverantwortung – die ich ja auch auf diesem bLog in etlichen Einträgen verpackt habe. Daß sogar Paulus in der Bibel hier auf ältere Quellen zurückgreift wird in genau dem Korintherbrief, den Du zitierst hast, deutlich, da er dort seine Mitgläubigen auffordert, sich selbst als Tempel des heiligen Geistes zu betrachten und gegenseitig so zu behandeln. Was nichts weniger als genau die innere Göttlichkeit ist, die im Neopaganismus (aber eben auch im Zoroastrismus, im Hinduismus und im Konfuzianismus) ebenfalls so betont wird.
            Und genau da müssen wir doch heute wieder hin: Uns als Teil dieser Welt anerkennen, wo nur die Erkenntnis zur Harmonie miteinander führt, daß wir alle aus dem gleichen heiligen Stoff bestehen und darum im gleichen Boot sitzen.

  2. Stimmt, so ist es. Und es bestätigt genau das, was ich denke.
    Die wahre Freiheit liegt im Verzicht auf meine Eigene.
    Um Rücksicht auf die Entwicklung oder auch Nichtweiterentwicklung des Gegenübers zu nehmen.
    Nicht leicht – aber es lässt meine Persönlichkeit reifen.

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