Eintrag 51

Folge Fünf

[Die fünfte Folge einer vierteiligen Serie?
Wirklich, Oligotropos, jetzt wird es doch etwas eigentümlich…
]

Der erste Geburtstag des Oligoamory-Projektes ist so leise vergangen, wie er gekommen ist.
Ein aktives erstes Jahr und ein arbeitsreiches, insbesondere mit Hinblick auf die achtbare Schlagzahl: Ein ganzes Jahr mit jeweils vier Einträgen pro Monat, über 50 sind es nun schon im Ganzen. Jeder Eintrag ist mindestens drei A4-Seiten lang (meistens mehr…), macht gut 2300 Wörter pro Artikel und damit die schwindelerregende Zahl von deutlich über 115.000 Wörtern, die von mir schon zum Thema „Oligoamory“ geschrieben wurden. Und da meine Webseite zweisprachig ist, sind es genau genommen wohl mehr als 230.000, denn jeder Eintrag wird von mir getreulich und eigenhändig (und so gut ich es eben vermag) ins Englische übersetzt, was normalerweise innerhalb von drei Tagen nach Erscheinen des deutschen Urtextes vollzogen ist. Insgesamt also ein leidenschaftliches Engagement, welches…
…erst einmal so nicht weiter aufrechterhaltbar ist.
Abgesehen von der Marginalie, daß mein bLog selbstverständlich ein vollständig unentgeltliches und daher strikt werbefreies Medium ist, ist es vor allem der enorme Zeitaufwand, der für das Ausfertigen eines brauchbaren Eintrags in der Woche anfällt – und der mich schlicht an meine Grenzen bringt, denn „Masse“ soll ja nicht „Klasse“ ersetzen, und so gehen nur Artikel ins Netz, bei denen ich auch vom Qualitätsmanagement her mit mir selbst (einigermaßen) zufrieden bin.
Da ich aber in dieser Eigenschaft natürlich ganz allein „mein eigener Antreiber“ bin, bin ich folgerichtig darum auch mit mir selbst schließlich in Verhandlung getreten, so daß ich als Ergebnis dieser internen Besprechung nun verkünden möchte:
Der Oligoamory-bLog wird „bis auf Weiteres“ von heute an ein Monatsmagazin.

Je nun. Im Sinne radikaler Aufrichtigkeit scheint es mir allerdings angebracht, zuzugeben, daß neben dem wesentlichen Faktor Zeit bei mir noch ein anderer Umstand zu der selbstverordneten literarischen Diät in Sachen Oligoamory geführt hat – und damit komme ich dann auch endlich zur „Folge Fünf“, indem nämlich dieser Grund direkt den Erkenntnissen von einem Jahr Beschäftigung mit dem Grundthema des bLogs – „verbindlich-nachhaltige Mehrfachbeziehungen“ – entspringt, und darin nochmals insbesondere der Quintessenz der vorangegangenen vierteiligen Serie zu den (historischen) Wurzeln der Oligoamory [ 1 | 2 | 3 | 4 ].

Sehr korrekte Leser*innen könnten nämlich unter Umständen anmerken, daß ich in dieser Serie ja durchaus die Geschichte der Polyamory leidlich brauchbar dargestellt hätte, am Schluß aber die Hinleitung zu meiner eigenen Kreation, der „Oligoamory“, doch ein wenig schuldig blieb.
Was sowohl in gewissem Sinne tatsächlich zutreffend ist, wie es auch zugleich eine Verkürzung des Geschehens wäre: Denn so, wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte die Geschichte Phantasiens sich erst entfaltet, während sie vom „Alten vom wandernden Berg“ niedergeschrieben wird ¹, so entsteht auch die „Geschichte der Oligoamory“ stets mit all den Wörtern, welche ich ihr hier hinzufüge. Bzw. existiert sie auch schon in soweit, wie ich dazu bereits hinzugefügt habe.
Womit sich – ebenfalls eine Analogie zur „Unendlichen Geschichte“ – die Schlange an dieser Stelle ein klein wenig in den Schwanz zu beißen beginnt, denn insbesondere in Eintrag 1 und Eintrag 2 sind meine ganz persönlichen Schritte und Gründe beschrieben, warum es mich auf das entlegene Eiland der Oligoamory verschlug – und warum ich diese Reise fort vom Gestade der Polyamory unternahm.
Diese Gründe sind mir heute genauso wichtig wie in dem Moment, als ich sie niederschrieb; meine eigene einjährige Auseinandersetzung mit der Oligoamory hat mir jedoch zusätzlich noch deutlicher gemacht, welche Dimension meine Erkundung der Möglichkeiten und der Tauglichkeit ethischer Mehrfachbeziehungen eigentlich auftun würde.
Vor allem meine „Geschichte der Oligoamory“ mit ihren Teilen 1 | 2 | 3 | 4 hat mich selbst als eine Art „Superkonzentrat“ einmal mehr mit den essentiellen „Kernzutaten“ ethischer Non-Monogamie konfrontiert, welche ich in Eintrag 50 als alternative Spiritualität, humanistische Psychologie und integrativen Feminismus benenne.

Genau diese „Kernzutaten“ sind es aber zugleich, die mich unterdessen in Teilen skeptisch stimmen, inwieweit gelebte und gelingende Oligoamory gegenwärtig in der heutigen Zeit – und in unserem real existierenden Alltag – überhaupt innerhalb unserer noch erlangbaren Reichweite liegt.

Spiritualität:
Ja, wer hätte gedacht, daß ich das einmal auf einem bLog für Mehrfachbeziehungen schreiben würde – daß ich es als günstig erachte, wenn die Beteiligten eine grundsätzliche Form von Spiritualität in sich finden könn(t)en.
Wie ihr seht, habe ich das Wort „alternativ“ bereits weggelassen, denn von der Sache her halte ich es durchaus für möglich, daß auch ein „traditioneller Glaube“ die gleiche Rolle spielen kann – falls bzw. wenn dieser Glaube nicht so unflexibel ist, daß seine tradierten Strukturen lediglich rein heteronormatives Denken legitimieren (und jede Abweichung von dieser Norm wie z.B. Mehrfachbeziehungen, Promiskuität, Sexpositivität, gleichgeschlechtliche Liebe, individuelles Fühlen hinsichtlich Sex oder Gender, etc. als „Sünde“ behandeln).
Warum meine ich, daß Spiritualität für ethische Mehrfachbeziehungen eine wichtige „Kernzutat“ ist? Weil ich glaube, daß stabile Mehrfachbeziehungen von Menschen profitieren, die anerkennen und wertschätzen, daß sie mit ihrem Leben Teil von etwas sind, das größer ist als sie selbst. Ein solches Denken enthält nämlich eine derzeit nicht immer angesagte Tugend, die da heißt: Bescheidenheit. Und Bescheidenheit steht laut Wikipedia »gleichbedeutend für „Genügsamkeit“, „Anspruchslosigkeit“, „Einfachheit“, „Zurückhaltung“«. Der Psychologe und Germanist Siegbert A. Warwitz nannte Bescheidenheit einmal den „Schlüssel zur Zufriedenheit“, da sie vor einer überzogenen Bedürfnishaltung, die schnell zu einer „Anspruchshaltung“ geraten könne, schützen würde. Womit sich für mich in der Oligoamory der Bezug zu meinem Subtitel-Stichwort „nachhaltig“ ergibt: Wer bescheiden und nachhaltig ist, wir nicht alle Ressourcen, alle Redezeit, allen Raum und alle Aufmerksamkeit für sich einfordern. Für die Bildung kleiner Gemeinschaften, wie ich sie mir für die Oligoamory wünsche, eine bedeutende Voraussetzung im Umgang miteinander.
Noch mehr als dafür scheint mir eine gut gegründete und funktionierende Spiritualität jedoch noch für etwas mir besonders Wichtiges zu dienen: Einer Achtung und einem Sinn für die „Verzauberung der Welt“. Der Ökonom und Soziologe Max Weber beschrieb deren Gegenteil – die „Entzauberung“ – einmal als einen rationalistische, verweltlichten, bürokratischen Glauben daran, „daß man alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen und kontrollieren könne“. Eine solche Philosophie der „Entzauberung“ liegt jedwedem marktwirtschaftlich-utilitaristischem Zweckdenken zu Grunde, welches allen Dingen einen „Sinn“ oder „Nutzen“ als (einzige) Daseinsberechtigung zuschreibt. Spiritualität hingegen, mit ihrer „Verzauberung“, läßt Raum für „zweckfreie“ Existenz – und für Phänomene, wie sie z.B. Idealismus, Romantik, Kreativität und Phantasie hervorbringen, für Ideen und Gebilde also, die sich einem Abwägen nach Nützlichkeit oder der Zuweisung eines (Markt)Preises eher entziehen.
Wer also „spirituell“ fühlt, denkt und handelt, wird in einem Baum nicht nur ein Stück Holz, in einem Schwein nicht nur einen Braten und in einem Menschen nicht nur eine Arbeitskraft sehen, sondern Lebewesen und sogar Gefährt*innen wie sich selbst erkennen. Die Verwirklichung von Harmonie, Respekt und Frieden – wie sie in allen Religionen in ihren Visionen vom Reich Gottes, Shangri-La, Dschanna oder Nirwana verheißen werden – könnte sich so möglicherweise tatsächlich darbieten, wenn wir alle auf diese Weise „Göttlichkeit“ in allen Dingen erkennen – und folglich auch in uns selbst entdecken würden.

Humanistische Psychologie:
Ohne an dieser Stelle einen allzu tiefen Einstieg in die Gedankenwelt der humanistischen Philosophie zu präsentieren, kann ich all meinen Leser*innen sagen, daß die Grundanschauungen dieser Denkschule meine Oligoamory allenthalben wie ein roter Faden durchziehen. Spannenderweise habe auch ich selbst erst in der Beschäftigung mit der Oligoamory herausgefunden, daß „dieses Kind schon einen Namen hatte“ – nämlich den der Humanistischen Psychologie – welche mich offensichtlich beim Schreiben maßgeblich beeinflußt hat. Die folgenden Prinzipien wurden von den humanistischen Psychologen James Bugental und Tom Greening 1965 formuliert, ich werde sie kurz in Bezug auf die Oligoamory kommentieren:

  1. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile. Menschen können nicht auf einzelne Merkmale reduziert werden.
    Kommentar: Was soll ich dazu noch sagen? Diese Erkenntnis enthält das, was ich auf diesem bLog seit der ersten Stunde wohl am meisten ausgedrückt habe und stellt darum auch mein wichtigstes Ziel dar, zu dessen Erleben die Oligoamory beitragen soll. Gegen das „Kompartmentalisieren“ von Liebsten als „Bedürfniserfüllungsgehilfen“ habe ich mich ebenso oft ausgesprochen, da ich insbesondere diese Auslegungsart derzeitiger Polyamory ablehne (Eintrag 2).
  2. Der Mensch hat seine Existenz in einem einzigartig menschlichen Kontext und auch in einer kosmischen Ökologie.
    Kommentar: Hier greift die humanistische Philosophie direkt in das, was ich schon unter „Spiritualität“ oben ausgedrückt habe. Durch die Bildung enger, intimer und durch Liebe verbundener (Klein)Gemeinschaften hoffe ich, daß sich der Respekt vor exakt dieser Tatsache nachvollziehbarer etablieren läßt, nämlich daß wir mit der Gesamtschöpfung (zu der auch wir selbst gehören) verantwortungsbewußt umgehen müssen – und daß unsere Ressourcen endlich sind.
  3. Menschen sind bewusste Wesen und sie sind sich bewusst, bewusst zu sein. Zum menschlichen Bewusstsein gehört immer ein Bewusstsein von sich selbst im Kontext anderer Menschen.
    Kommentar: Oh happy day – wenn das mal nur immer so wäre! Natürlich wäre allzeitige „Bewußtheit“ ein hohes Gut, insbesondere für gute Entscheidungsfindung. Wir sind aber auch menschlich – und von daher sollten wir uns auch Fehlbarkeit erlauben. Was mir aber an diesem Punkt viel wichtiger ist, ist der direkte Hinweis auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Jürgen Margraf, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Dekan der Fakultät für Pyschologie an der Ruhr-Universität Bochum, sagte erst letzte Woche in einem Tagesschau-Interview »Wir sind soziale Wesen. Als Menschen haben wir uns historisch in kleinen Verbänden entwickelt, mit einigen Dutzend Individuen. Dieses Umfeld ist für uns überlebensrelevant gewesen, evolutionär sind wir keine Einzelgänger. Wir brauchen diese Kontakte.« Exakt das habe ich mit meinem bLog ebenfalls von der ersten Stunde an ausdrücken wollen. Darum liegt mir diese „Alleinheitspropaganda“ so dermaßen fern (siehe z.B. Eintrag 8), mit Plattitüden wie „Der Grad, wie entwickelt wir mit anderen interagieren können, hängt davon ab, wie entwickelt wir mit uns allein sein können.“² Wer wirklich glaubt, in seiner „Alleinheit“ ein entwickeltes menschliches Wesen werden zu können, die*der irrt in meinen Augen ganz und gar. Denn ein integraler Aspekt menschlichen Daseins, nämlich das Bewußtsein und die Prägung, ein soziales Wesen zu sein, muß dabei absichtlich ignoriert, ja quasi abgespalten werden. Was hier wieder zu 1. zurückführen würde…
  4. Der Mensch hat die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, und trägt daher Verantwortung.
    Kommentar: In Eintrag 3 und Eintrag 4 habe ich die wesentlichen Werte der Oligoamory niedergeschrieben. Dabei habe ich auch Verantwortung, die ich als „Verantwortlichkeit“ präzisiert habe, aufgeführt. „Verantwortlichkeit“ ist unsere Chance, endlich vom „Schuld-Konzept“ wegzukommen, indem wir uns selbstverantwortlich zu unserer Ursächlichkeit bekennen dürfen. Und diese Selbstverantwortlichkeit ist wiederum der wichtigste Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation, wenn sie denn „aufrichtig“ sein soll. Echte „Aufrichtigkeit“ aber erfordert sowohl großen Mut als auch gute Selbst(er)kenntnis, um unter Umständen einen Sprung des Vertrauens in die dunklen Punkte der eigenen Seele hinein zu wagen und sich so eventuell nicht immer angenehme Gefühlen zu stellen (bzw. sich damit anderen Menschen anzuvertrauen und „zuzumuten“).
  5. Menschen sind absichtlich, streben Ziele an, sind sich bewusst, dass sie zukünftige Ereignisse verursachen, und suchen nach Sinn, Wert und Kreativität.
    Kommentar: „Sinn, Wert und Kreativität“ sind exakt wieder jene schwer greifbaren und „bepreisbaren“ Komponenten, die aber einem menschlichen Leben erst die eigentliche Bedeutung verleihen können. Wenn wir heute über Lebens- und Arbeitsmodelle sprechen, die nicht mehr nur einem wirtschaftlichen „höher-schneller-weiter“ geschuldet sind, dann rückt insbesondere die „Sinnfrage“ und unsere „Besinnung“ wieder in den Mittelpunkt. Und damit die Entfaltung eines gesamtmenschlichen „Potentials“, welches wir bis heute vermutlich erst zu einem kleinen Teil wirklich erschlossen haben.

Politisch Sein:
Statt nur die soziopolitische Initiative des Feminismus aufzuführen, schreibe ich hier lieber „Politisch Sein“, stellvertretend für „engagiert“. Denn so wie das Hauptanliegen der 4. Welle des Feminismus gegenwärtig der Kampf gegen „Intersektionalität“ ist – also das Entgegentreten gegen sich überschneidende Diskriminierungsformen – so ist an den Leitlinien der humanistischen Psychologie ebenfalls zu erkennen, daß solche Ziele kaum verwirklicht werden können, wenn wir unsere Welt weiterhin saturiert vom Sofa aus konsumieren.
In dem Sinne sollten wir, bis jene ideale Welt, die ich kurz im Abschnitt „Spiritualität“ beschrieb, eintrifft, erst einmal eine geraume Weile mutig zu „Homines politici“ – zu politischen Menschen – werden. Wir leben in einer Welt, die heute vorwiegend nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet ist – und diesen marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten materieller „Gewinnerzielung“ ordnen wir bislang nahezu alles andere unter. Dies betrifft unser Gesellschaftsmodell – und damit die Form unseres Zusammenlebens bis in die kleinsten Einheiten menschlicher Gemeinschaft hinein, es betrifft unsere Bildungspolitik – die uns zu fleißigen Arbeitsdrohnen sowie zu eifrigen Konsumenten erziehen soll, und es beherrscht auf diese Weise unser Denken in der Art, daß wir uns einen „Sinn des Lebens“ jenseits von „Erfolg“, „durchs-Ziel-gehen“ und „Macht-haben-über…“ nur noch schwer vorstellen können. Und darum sind all jene von uns alsbald depressiv oder schließlich sogar ihrer Würde beraubt, wenn sie sich in diesen Mustern nicht wiederfinden.
„Homo politicus“ zu sein, heißt für mich daher nach wie vor, die in der humanistischen Psychologie erwünschte „Bewußtwerdung“ gesellschaftspolitisch als „Bewußtseinsbildung“ zu verstehen – wozu es unabwendbar notwendig ist, sich von der eigenen Couch zu erheben und über den Tellerrand der eigenen Welt zu schauen. Wenn wir eben nicht nur „über die große Dunkelheit jammern wollen“, dann müssen wir den Mut in uns finden, unsere Kerze für unsere Belange oder für die Belange von Minderheiten, Tieren, gesellschaftlichen Bedingungen oder der Umwelt insgesamt zu entzünden und leuchten zu lassen. Von Rudyard Kipling bis hin zu Tristan Taormino und Greta Thunberg: Veränderung hat noch stets mit einem couragierten Individuum begonnen, welches die Notwendigkeit zur dieser Veränderung erkannte und daran ging, sie so beharrlich wie standhaft zu verwirklichen.

Warum bin ich, Oligotropos, die obigen drei Bereiche betreffend nun so skeptisch?
Insgesamt bleibt für mich das Hauptproblem, daß wir Menschen allzu häufig dazu tendieren, uns (an)genehme Ergebnisse nur mittels einer „Methodik“, einem lediglichen „um-zu“ anzustreben: Wir betreiben Yoga, nicht um uns mit dem Urgrund unseres schöpferischen Seins zu verbinden, sondern um in unser Sommeroutfit zu passen. Wir besuchen psychologische Workshops und gruppentherapeutische Seminare, nicht so sehr um im Endeffekt uns selbst kennenzulernen, sondern um dann im Alltag unsere Nachbarn zu analysieren und zu diagnostizieren. Wir gehen lieber nicht auf die Straße, um für erneuerbare Energien und unser langfristiges Überleben einzutreten, denn wir wollen kein Windrad in der Nähe unseres Hauses und haben Angst, daß in der Kantine ein fleischfreier „Veggie Day“ eingeführt wird…

Mittlerweile in meinem 5. Lebensjahrzehnt befürchte ich, daß nicht so sehr viele Menschen unter den heutigen Voraussetzungen den Mut und die Eigeninitiative in sich finden, sich auf eine Reise der Selbsterkenntnis einzulassen, welche sie mit ihrer spirituellen Verwurzelung, dem Stand ihrer Bewußtheitsentwicklung und Individuation, sowie ihrer sozialen und politischen Integrität konfrontiert.
Für noch weniger wahrscheinlich halte ich es darüber hinaus, daß sich irgendwo genug solcher bemerkenswerten Menschenkinder zusammenfinden, auf daß sich miteinander die Möglichkeit der Bildung einer vertrauensvollen, intimen Gemeinschaft von Zugehörigen ergibt.

Davon, daß es doch (noch) möglich ist, werde ich weiterhin träumen.

Kalt ist’s im Skriptorium³, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht mehr worüber:
Von der einstigen Rose steht nur noch der Name, uns bleiben bloß nackte Namen…



¹ Michael Ende, Die unendliche Geschichte, Kapitel XII „Der Alte vom Wandernden Berg“, Thienemann Verlag 1979

² u.a. z.B. Erich Fromm in Die Kunst des Liebens, New York 1956, aber auch Osho in „Liebe, Freiheit, Alleinsein“ , Goldmann 2002

³ Umberto Eco, Der Name der Rose, Epilog, Carl Hanser Verlag 1982

Danke an Skyla Design auf Unsplash für das Foto.

Eine Antwort auf „Eintrag 51“

  1. Wie auch ich es verstehe und zutiefst nachvollziehen kann.
    Denn Menschen die genau über diese Vielfalt nachdenken, nachfühlen wollen und es auch tun, sind wie genau die Fremden in einer fremden Welt.
    Sie können nicht nachvollziehen, warum und wieso, Menschen sich nur mit sogenannten Oberflächlichkeiten beschäftigen, natürlich hat auch das alles seine Berechtigung, nur wenn es dabei bleibt, ist es eben doch etwas dünn und für den einen eben nicht sehr erfüllend.
    Er strebt ja nach Weiterentwicklung und empfindet so einen gewissen Stillstand, was das Gegenüber nicht nachempfinden kann.
    Somit kann es sein, daß einer von beiden sich wie losgelöst fühlt vom Anderen.
    Ein Dilemma, aber manchmal nur hinnehmbar, der eine versucht somit durch Lektüre usw. sich durchs Leben zu hangeln.
    Danke für den Blog.

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