Eintrag 74

Unteilbar – oder: Mittendrin

Da gibt es ja diesen alten Scherz über den Zen-Meister am Imbißstand, der, als er gefragt wird, wie viele Brötchen er denn haben möchte und was deren Belag sein solle, antwortet: „Eins mit Allem!“

Was eine wunderschöne und sehr oligoamore Antwort ist, wie ich aus aktuellem Anlaß in diesem Eintrag bestätigen möchte – und damit meinen Artikel zugleich dem am 22. Januar diesen Jahres verstorbenen buddhistischen Mönch, Schriftsteller und gewaltfreien Kommunikator Thích Nhất Hạnh widmen.

Ebenfalls im Januar diesen Jahres war ich nämlich zugleich mal wieder in eines meiner Erklärbär-Gespräche über Oligo- und Polyamorie verstrickt, welches bei meinem Gegenüber nur bedingt auf Verständnis traf. Meine Gesprächspartnerin hatte sich meine Herangehensweise an ethische Mehrfachbeziehungen eine Weile angehört, sprach aber schließlich: „Ich selbst könnte mir vielleicht in einer einsamen Stunde vorstellen, gleich zwei Männer für mich zu haben, die nach meiner Pfeife tanzen. Aber selbst mit einer (oder gar mehreren) anderen Frauen zu teilen, wäre für mich undenkbar.“

Da ich in solcherlei Dingen gewöhnlich nicht als Missionar antrete und jedem Menschenkind das Recht auf eigene Meinung in diesen Dingen zubillige, habe ich mich einige Zeit später schmunzelnd allein mit dieser Aussage noch einmal auseinandergesetzt, die ja doch einige Marker enthält, wie wir selbst in der Jetztzeit noch oftmals genug über den Stellenwert von uns selbst, anderen Menschen, den konkreten Sinngehalt von Beziehungen und unsere Position in der Welt denken. Und erschreckenderweise ist dies immer noch in der Hauptsache einigermaßen gewaltsam, wie der Kommunikationsforscher Marshall Rosenberg vermutlich analysiert hätte.
So könnte auch ich nun also anmerken, daß es doch gerade zu den Kernstücken ethischer Mehrfachbeziehungen gehören würde, andere Menschen auf keinen Fall als „Ressource“ anzusehen, die man sich „sichern“ müsste, um sie ganz „für sich“ zu haben. Oder daß man dort Lieblingsmenschen niemals die Rolle von „Siri“ oder „Alexa“ zuweisen sollte, um sie „nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen“.
Genauso könnte ich aber auch amüsiert sagen, daß schon seit dem 5. Jahrhundert vor Christus im antiken Griechenland sich Überlegungen Bahn brachen, daß es Dinge im Universum geben müsse, die „atomos“, also unteilbar, sind. Wozu ich mal im Guten gesunde menschliche Persönlichkeiten zählen würde. Und hier auf diesem bLog habe ich schon erwähnt, daß wir Menschen richtigerweise manches miteinander teilen sollten und müssten (z.B. mit Gerald Hüther in Eintrag 4: unsere Nahrung, unseren Lebensraum, unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, unsere Erfahrung).
Unser „Selbst“ hingegen, da habe ich in der Oligoamory stets ganz eindeutig Stellung bezogen: Das sollte immer höchstmöglich „ganz“ sein, und jede*r unsere*r Lieblingsmenschen dürfte auch genau deswegen darauf bauen dürfen, uns immer „komplett“, zu 100% präsent und vollständig investiert zu erleben.

In der oberen Aussage meiner damaligen Dialogpartnerin ist hingegen also auch jene Angst herauszuhören, die Gedanken an Mehrfachpersonenkonstellationen in Sachen Liebe so häufig begleiten: als wertgeschätztes Individuum in so einem Beziehungsgemenge unterzugehen, aus geliebten Augen verloren zu werden, Opfer von Austauschbarkeit und Beliebigkeit zu werden. Und damit ebenfalls die Projektion, dadurch selbst zu einer Art „Ressource“ zu geraten, die bei Bedarf zu allseitigem Wohl und Sonnenschein beitragen darf – aber bei eigenem Weh allein auf sich selbst und ins Dunkle zurückgeworfen ist.

Und diese Angst ist ja nicht absurd oder weit hergeholt. In Eintrag 26 zitiere ich den schweizerischen Beziehungsforscher und Coach Daniel Hess sowie die Anthropologin Jean Liedloff, die dieses Gegenwartsphänomen unsere alltägliche „Trennungsrealität“ nennen. Denn in unseren „Normalleben“ machen wir alle nämlich immer noch nach wie vor sehr überwiegend die Erfahrung, daß die Dinge klar voneinander abgegrenzt getrennt existieren sollen. Ja, so existieren „müssen“ um sich bloß nicht in einem schwer fassbaren, irgendwie irregulären Ungefähr zu befinden. Das betrifft Begriffe, Besitzverhältnisse, Hierarchien und also auch Beziehungen. „Dies“ oder „das“, „mein“ oder „dein“ – die Wichtigkeit dieser Kategorien bestimmt unser Dasein in westlichen Industrienationen schon von Kindesbeinen an.
Kluge Köpfe wie Daniel Hess oder Jean Liedloff möchten uns aber daran erinnern, daß diese Kategorien durchweg künstliche, menschengemachte Einteilungen sind – und daß diese langfristig nicht zu unserem Wohlbefinden beitragen. Ganz im Gegenteil hält uns diese von uns künstlich errichtete „Trennungsrealität“ von unserer Authentizität, von Angstfreiheit, von echter Verantwortungsübernahme für unser Leben, ja, von unserer vollen Würde als Menschen fern.
„Teilung“ und „Trennung“ sind also die Krücken, an der wir uns durch den Alltag schleppen – durch ein selbstgeschaffenes Labyrinth aus grauen Sackgassen.

„Ganzheit“ wäre also das wesentlich gesündere Ziel – bzw. wenigstens ganz-Werden – und vielleicht irgendwann sogar ganz „Sein“. Es geht um einen Zustand von weitestgehender Infriedenheit, die ich auch mit meinen oligoamoren Beziehungen herbeizuführen wünsche. Trotzdem haben wir oft Angst davor, weil wir schnell glauben, daß der Preis von Ganzheit eben dieses gefürchtete „Verlorengehen“ sein könnte.
Der libanesisch-US-amerikanischer Philosoph und Poet Khalil Gibran schrieb dazu einmal folgenden Text¹:

Man sagt, dass ein Fluss, bevor er ins Meer mündet,
vor Angst zittert.
Sie blickt zurück auf den Weg, den sie zurückgelegt hat,
von den Gipfeln der Berge,
die lange, gewundene Straße durch Wälder und Dörfer.
Und vor ihr,
sieht sie einen Ozean, der so groß ist,
dass das Eintauchen
nichts weiter zu sein scheint, als für immer zu verschwinden.
Aber es gibt keinen anderen Weg.
Der Fluss kann nicht zurückgehen.
Niemand kann zurückgehen.
Zurückzugehen ist in der Existenz unmöglich.
Der Fluss muss das Risiko eingehen
in den Ozean einzugehen
denn nur dann wird die Angst verschwinden,
denn dort wird der Fluss wissen.
dass es nicht darum geht, im Ozean zu verschwinden,
sondern der Ozean zu werden.


Anrührende Worte, bei denen ich, auf ethische Mehrfachbeziehungen übertragen, sagen möchte: Es geht eben nicht darum, in einem verworrenen Beziehungsdickicht unterzugehen, sondern darum – wenn wir uns einmal dafür entschieden haben – unsere Beziehungsphilosophie mit Haut und Haar zu leben, sie für uns zu erschließen und sie wie eine zweite Haut innezuhaben, sie tagtäglich und alltäglich mit unserm ganzen Wesen zu umarmen.

Wir sollen also gewissermaßen unsere Beziehungen „sein“ ? Wie wäre so etwas auch nur annähernd möglich?
Wir müssen uns dazu aus unserer selbstgebauten Trennungsrealität herausdenken – und für mich hat dies niemand bislang besser formuliert als der eingangs erwähnte buddhistische Weisheitslehrer Thích Nhất Hạnh.

Dieser prägte für die dazu passende Einstellung den Begriff des „Inter-Seins“, den ich statt „dazwischen Sein“ viel eher mit „inmitten Sein“ oder „mitten darin Sein“ übertragen würde.
Der Begriff, der eine Übersetzung des englischen Wortes »interbeing« ist, ist eine Annäherung an das vietnamesische tiep hien. Thich Nhat Hanh schrieb in seinem Buch „Interbeing: Fourteen Guidelines for Engaged Buddhism“ (Parallax Press, 1987), dass tiep „in Kontakt sein mit“ und „fortfahren“ bedeutet. Hien bedeutet „verwirklichen“ und „es hier und jetzt machen“.

Eine grundlegende buddhistische Lehrmeinung, die Pratitya-samutpada oder „abhängiges/bedingtes Entstehen“ genannt wird, besagt nämlich, daß alle Phänomene aufeinander angewiesen sind.
Inhalt dieser Anschauung ist, daß nichts eine unabhängige Existenz hat (womit ich übereinstimmend schon in Eintrag 8 Osho widerspreche). Was auch immer existiert, entsteht aufgrund von Faktoren und Bedingungen, die von anderen Phänomenen geschaffen wurden.

Thích Nhất Hạnh widmete sein ganzes Leben dem Mahayana-Buddhismus, insbesondere einer Denkschule, die dort Madhyamaka gewissermaßen „mittlerer Weg“ genannt wird und sich hauptsächlich mit der Natur des Daseins beschäftigt.
Im Madhyamika heißt es, daß nichts eine innewohnende, dauerhafte Eigennatur hat. Stattdessen sind alle Phänomene – einschließlich aller Wesen, also auch der Menschen – vorübergehende Zusammentreffen von Bedingungen, die ihre Identität als individuelle Dinge aus ihrer Beziehung zu anderen Dingen erhalten.

Kompliziert? In Eintrag 57 wähle ich als Sinnbild für diese Synergie eine Babyrassel – Barbara O’Brien, Expertin für Zen-Buddhismus, wählt zur Verdeutlichung einen schlichten Holztisch:
»Er ist eine Ansammlung von Teilen. Wenn wir ihn Stück für Stück auseinandernehmen, an welchem Punkt hört er auf, ein Tisch zu sein? Wenn man darüber nachdenkt, ist dies eine völlig subjektive Wahrnehmung. Eine Person könnte z.B. annehmen, daß es keinen Tisch mehr gibt, sobald er nicht mehr als Tisch zu gebrauchen ist; eine andere Person könnte hingegen den Stapel von Holzteilen betrachten und immer noch den Tisch darin erkennen: „Das ist doch bloß ein zerlegter Tisch…“
Der Punkt ist, daß die bloße Anordnung der Teile eigentlich keine eigenständige Tisch-Natur hat; es ist ein Tisch, weil wir denken, daß es einer ist. „Tisch“ ist in unseren Köpfen. Eine andere Spezies als wir würde in der Ansammlung von Teilen vielleicht Nahrung oder ein Versteck oder lediglich etwas zum Markieren des Reviers erkennen.«
²

In seinem Buch „Das Wunder der Achtsamkeit“ (Beacon Press, 1975) schrieb Thích Nhất Hạnh, daß „die Menschen die Realität absichtlich in verschiedene Bereiche aufteilen und deshalb nicht in der Lage sind, die aufeinander Angewiesenheit aller Phänomene zu erkennen. Weil wir uns also unsere Realität als eine Menge getrennter Teile vorstellen, berücksichtigen wir nicht, wie sie tatsächlich miteinander verbunden sind.
Aber wenn wir dieses Inter-Sein wahrnehmen, erkennen wir, dass nicht nur alles miteinander verbunden ist; wir bemerken, daß alles eins ist und eins alles ist. Wir sind wir selbst, aber gleichzeitig sind wir auch alle(s) andere(n).“


Thích Nhất Hạnhs Weisheit – oder vielmehr seine kluge buddhistische Interpretation dieser über 800 Jahre alten Ideen – befindet sich damit übrigens in hervorragender Gesellschaft:
Nicht nur in der meines Lieblings-Frühneuzeitphilosophens Anthony Ashley Cooper aus Eintrag 64, der seinerseits im 17. Jahrhundert in geradezu ökologischer Weise feststellte, daß „ein einzelnes Wesen als ‚privates System‘ stets ebenfalls in ‚umfassendere Systeme‘ eingefügt sei, wodurch die Systeme einander stützen würden und somit zueinander und zugleich zur Gesamtheit in einem Verhältnis des allseitig förderlichen Zusammenwirkens stünden.“
Sondern auch in der von Mahatma Gandhis berühmten Umkehrschluß: „Du und ich wir sind eins: Ich kann Dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen“ (hier erstmals zitiert Eintrag 54).
Allerdings auch in ganz modernen Kontexten wie dem des Holismus (Eintrag 57), der da besagt, daß „natürliche Systeme oder auch nicht-natürliche, z.B. soziale Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind und daher nicht vollständig aus dem Zusammenwirken aller ihrer Einzelteile verstanden werden könnten, und dass die Bestimmung der Einzelteile von ihrer funktionalen Rolle im Ganzen abhängig ist“ (Definition Wikipedia).
Oder ebenfalls– um ganz in der hochaktuellen Jetztzeit anzukommen – in Einklang mit der für die Computer- und KI-Forschung unerlässlichen Theorie komplex-adaptiver Systeme. Welche genau als komplex gelten, weil sie aus mehreren zusammenhängenden Elementen bestehen und sie adaptiv sind, indem sie ein besonderes Anpassungsvermögen an ihre Umwelt zeigen und die Möglichkeit haben, aus Erfahrung zu lernen. Ein Kybernetik-Wissenschaftler würde noch Emergenz (die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente) und Selbstorganisation mit in diesen Zusammenhang stellen, womit wir unversehens…
…wieder Mehrfachbeziehungsparkett betreten, auf dem wiederum Sozialwissenschaftler auch gerade DEN Gemeinschaften und Beziehungen die größte Tragfähigkeit attestieren, die sich als heterogen (= vielfältig), anpassungsfähig, lernbereit, kooperativ und füreinander einstehend erweisen.

„Ganzheit“ bzw. Ganz-Werdung sind also absolut keine abgehobenen esoterischen oder bloß spirituellen Gebilde. Ganz-Werdung bedeutet größtmögliche Integration (Einbeziehung) im Sinne des Gemeinschaftsforschers Scott Peck, der schon 1984 schrieb:
Integration meint nicht gleichmachen; es entsteht daraus kein zerkochter Eintopf. Vielmehr kann man dies mit einem Salatgericht vergleichen, dessen einzelne Zutaten ihre Identität bewahren, um im Zusammenwirken noch hervorgehoben zu werden.“ ³

Unsere Lieblingsmenschen und wir, wir existieren also niemals getrennt voneinander, wir bilden absichtsvoll ein gemeinsames Ganzes; ihre Bedürfnisse sind auch unsere Bedürfnisse, aus ihrem Wohlergehen geht das unsere hervor. Bzw. um es noch einmal ähnlich wie David Mitchell in seinem Wolkenatlas zu sagen: „Mit jedem Akt eingebrachten Wohlwollens erschaffen wir miteinander unsere gemeinsame Zukunft.“ Eins mit allem – und mitten darin.



¹ Khalil Gibran: Sand und Schaum, Walter-Verlag, Zürich 1999

² Danke an Barbara O’Brien; Expertin für Zen Buddhismus, für ihr „Rethinking Religion“-Projekt, mit dem sie viel zu meinem Verständnis einer komplexen Philosophie beigetragen hat. (Link nur Englisch)

³ Scott Peck „Gemeinschaftsbildung (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag

Danke an Alex Alvarez auf Unsplash für das Bild!

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