Eintrag 78

Auszeit

Es gibt mehr für Dich
als das, was sich niemals gezeigt hat.
Mehr als das, was nie zustande kam.
Mehr als das, was sich nicht verwirklichen ließ
oder keine Möglichkeit fand, um zu funktionieren,
und es sieht wie Heilung aus
und hat die Form von Möglichkeit.
Im Stich gelassen von Familie oder Eltern,
von vergangenen Träumen und Erwartungen,
verdrossen von Beziehungen,
Romanzen, Karrieren und Vorstellungen –
stets gibt es noch einen weiteren Weg zu erforschen
und andere Pfade zum Beschreiten.
Es gibt einen Stamm, dazu bestimmt, dich willkommen zu heißen,
mit Ermutigungen, um dich zu nähren.
Es gibt Herzen, die dich halten wollen,
und Wohlwollen, das sich danach sehnt, dich zu begleiten.
Es gibt andere Wege, der Liebe zu begegnen,
wie Zugehörige, die schon um die nächste Ecke warten.
Es gibt noch immer sprießende Felder um hindurchzulaufen
und nach wie vor warme Gewässer zum Schwimmen.
Halte durch, Menschenkind,
es gibt mehr als das
was nie erschienen ist…

Diese Zeilen stammen von der kanadischen Dichterin Susan Frybort¹ und mich haben sie sehr berührt.
Denn in all den Jahren, in denen ich mich bereits mit ethischen Mehrfachbeziehungen beschäftigt habe, schien auch mir häufig all das, „was sich niemals gezeigt hat“ regelmäßig den weit größeren Anteil auszumachen im Vergleich zu dem, was zustande kam, sich verwirklichen ließ – oder gar langfristig funktionierte.
Den vermutlich allermeisten Menschen, die in sich eine Veranlagung, ein Erleben, ein Fühlen oder Streben hin zu non-monogamen Konstellationen verspüren, kennen das vermutlich ebenfalls. Die Frage des „WIE?“ scheint – egal, wo man sich auf der „Expedition Mehrfachpartnerschaften“ gerade befindet – immer größer zu bleiben als das konkrete „Das!“.
Häufig fängt das bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt an, indem sehr viele von uns, die sich zu einer Lebensweise ethischer Non-Monogamie bekennen, oft aktuell in ihrem Leben gar keine solche(n) Beziehung(en) führen.
Für Deutschland werden unterschiedliche Zahlen gehandelt, wie viele Personen überhaupt für so eine Lebensweise aufgeschlossen wären; niedrige Schätzungen sprechen z.B. von ca. 10.000 wirklich aktiven polyamoren Menschen, an anderer Stelle wird die Zahl von 0,2% der Gesamtbevölkerung genannt, die sich überhaupt ein Leben in Mehrfachkonstellation vorstellen kann (womit wir bei 84 Millionen Einwohnern irgendwo knapp oberhalb von 160.000 Leuten landesweit landen…). Allein statistisch frustrierend. An manchen Tagen fast schon entmutigend.

Dann gibt es die Menschen, die es vermeintlich „geschafft haben“ und die sich wahrhaftig in die Herausforderung „Mehrfachbeziehung“ hineingewagt haben. Menschen, die ihr Herz in die Hand genommen haben und Liebe für mehr als ein Person empfinden. Liebe, die sie in der Praxis auch mit grünem Leben erfüllen – und zeigen – wollen.
Kaum daß sich der erste romantisch-verliebte Glitzerstaub gesenkt hat, kaum daß man erstmalig kosten durfte, das nahezu Unwahrscheinliche tatsächlich verwirklicht zu haben, scheinen auch schon die überall plötzlich aufbrechenden Hindernisse und Schwierigkeiten mit einem Mal Legion…
Kann ich mich mit mehreren Partner*innen in der Öffentlichkeit zeigen? Und warum ist mir das trotz meiner Verbundenheit unangenehm? Wie kann ich vor meinen Kindern oder Eltern vernünftig und plausibel aussprechen, daß ich mehr als nur eine Person begehre, liebe und legitim ab jetzt in meinem Leben haben möchte? Wird meine Umwelt mich jetzt anders wahrnehmen und behandeln – die Nachbarn, die Kumpel im Verein, meine Freund*innen? Und jetzt, wo ich mehrere Beziehungen habe…– wie schaffe ich es darin meine Bedürfnisse auf eine gute Art und Weise auszudrücken – und gleichzeitig die der anderen zu achten? Wie schaffe ich es, nun nicht zerrieben zu werden zwischen den ganzen Erfordernissen, jenen, die mein normales Umfeld schon so an mich stellt, dem zusätzlichen Bedarf durch mehrere Partner*innen – UND meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst? Wie ist es möglich, allen Beteiligten die ihnen angemessene Berechtigung in einer Mehrpersonengemeinschaft zuteil werden zu lassen – und ist das ad hoc überhaupt herstellbar zwischen Leuten, die sowohl was zeitliche Verfügbarkeit, räumlicher Nähe und eigene Ressourcen (mit bereits eingegangenen eigenen Verpflichtungen und Lebensentwürfen) angeht doch z.T. mit recht unterschiedlich Grundvoraussetzungen ins Rennen gehen?
Und was ist das da alles in meinem Inneren: Ist es meine gute Intuition, die mich bei meinen Entscheidungen, meinem Sprechen und meinem Handeln leitet – oder sind es alte Traumata meiner Vergangenheit, die mich auf Abwege führen wollen? Was beschwört auf einmal diese Ängste in mir hervor, woher kommen Empfindung von Neid, Zurücksetzung, Mißgunst, Eifersucht, Verlassenheit, Unverstandenheit, Ausgeschlossen-Sein und – trotz all der Fülle und Betriebsamkeit – gelegentlicher Leere und Ausgebranntheit?

Wer sich für ethische Non-Monogamie – also für Mehrfachpartnerschaften mit allseitigem Wissen, Einverständnis, Konsens, Augenhöhe und einem hohen Maß an Aufrichtigkeit entscheidet – wird solche Fragen nahezu immer in sich tragen. Ihre Antworten stellen sich aber – egal ob wir bereits mehrere Partner*innen haben oder noch nicht – nicht automatisch ein. Und es ist daher allzu menschlich, daß wir – so ähnlich wie der unwillige Prophet Jona² im Wal – erst einmal eine Weile vor ihnen fliehen oder versuchen, wenigstens vor ihnen in Deckung zu gehen: Wir sind eben nicht so aufrichtig, wie wir es gerne wären; wir versuchen, mit fehlgeleitetem Wohlwollen Kontrolle über die anderen Beteiligten auszuüben; wir sind schrecklich bedürftig und lassen uns dadurch zu entäußernden Handlungen und Selbst- wie Fremdüberfahrungen treiben…
Egal, ob wir dahingehend schon in Beziehung sind oder noch nicht – so ein Zustand fühlt sich unangenehm an, einfach „nicht richtig“.
Statt dem Himmel auf Erden erleben wir Frustration. Frustration, die ja – wie ich in meinem Depressions-Eintrag 22 schon beschrieb – ein „Erlebnis der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Benachteiligung oder Versagung ist, das sich als gefühlsmäßige Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung (Enttäuschung), z.B. infolge des Scheiterns eines persönlichen Plans oder der teilweise oder gänzlich ausbleibenden Befriedigung primärer und sekundärer Bedürfnisse einstellt.“ Und die Definition fährt fort: „Frustration kann einerseits zu konstruktiver Verhaltensänderung führen, löst aber häufig regressive, aggressive oder depressive Verhaltensmuster aus.“
Statt der vielgerühmten „konstruktiven Verhaltensänderung“ ziehen wir uns also weitaus eher vor den Anderen oder in uns selbst hinein zurück (Regression), reagieren auf die Anderen oder auf uns selbst gereizt, genervt oder wütend (Aggression) – oder wir werden sogar von Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung bzw. Burnout gelähmt (Depression).

So erscheint es uns schließlich, wie Susan Frybort es in ihrem Gedicht oben beschreibt: Nichts kommt so zustande, wie wir es uns erhofft hatten, es läßt sich einfach nicht verwirklichen – und es gibt wohl ohnehin keine Möglichkeit, das so etwas funktioniert.
Vielleicht soll es nicht sein. Höchstwahrscheinlich sind wir wohl noch nicht so weit.

Als ich einmal selbst in so einer „Grauzone“ steckte hat mir überraschenderweise jemand in einem sozialen Netzwerk dazu folgendes geschrieben, was mir ein wenig geholfen hat, meine Frustration hinsichtlich Mehrfachbeziehungen – vor allem die, die ich mit mir selbst dahingehend habe – etwas gelassener zu betrachten:

»Auf Deiner Lebensreise wird es „Dazwischenzeiten“ des Übergangs geben.
Du magst dich verloren, verwirrt, verärgert, ungesehen oder leer fühlen.
Verwechsle jedoch diese Zeiten des Übergangs nicht mit einem ewig währenden Zustand des Daseins oder gar des Gebrochenseins.
Du trennst dich von dem, was war, und schaffst Raum, um das, was sein wird, willkommen zu heißen.«


Das empfinde ich als eine sehr gute Betrachtungsweise (und sie erinnert mich in ihrer Wortwahl zusätzlich an Scott Pecks „Phase der Leere“ in seiner „Arbeit der Depression“, die ich ebenfalls in Eintrag 22 nenne). Denn für die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen führen wollen, können wir uns ja erst einmal nur so anbieten, wie wir hier und heute sind. Da, wo wir jetzt in unserem eigenen Prozess stehen.

Und was für Hindernisse haben wir da bereits überwunden! Unter den oben erwähnten 84 Millionen Bewohnern der Bundesrepublik haben selbst viele verheiratete Paare noch Hemmungen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen; viele Umstehende haben Hemmungen, so eine Verbundenheitsbekundung mitzuerleben (und all diese Menschen sind durchaus nicht sämtlich im Rentenalter…). In vielen Ländern der Welt ist eine freie uns selbständige Partnerwahl noch unüblich – und in manchen Regionen ist die Festschreibung moralischer Prinzipien noch so rigide, daß dort weder Männlein noch Weiblein ausreichend Mut fassen können, selbst ihre eigene Sexualität zu erkunden – und schrecklicherweise folglich von der Sexualität oder dem Gefühlsleben anderer Geschlechter gar keine Ahnung haben…
Und wir? Stehen zu 10.000 oder zu 0,2% auf den Schultern couragierter Menschen in unserem Kulturkreis und der dort gebotenen Freiheit, so daß wir uns mit Gedanken von Mehrfachpartnerschaften und Oligo- bzw. Polyamorie beschäftigen können. Welch unglaubliches Privileg – und was für eine großartige persönliche Erreichung: Denn wie weit wir für uns selbst doch in unserem Leben gekommen sind, daß wir dies tun, diese Seite an uns also entdecken durften und entdeckt haben!

Gleichzeitig wird es natürlich immer noch weiterhin kritische Stimmen im Außen und daher auch in uns selbst geben, für die das dennoch nicht „ausreichend“ ist. Das, was sich „niemals gezeigt hat“, „nie zustande kam“, vielleicht deswegen „nie erscheinen wird“, wähnt uns daher nach wie vor zu oft als überwiegend.
Wären wir doch nur freier… Wir sollten aufrichtiger sein. Wir sollten authentischer sein. Wir hätten schon weit mehr zu uns selbst finden müssen. Wir hätten dann längst unterwegs, längst „verwirklicht“ sein können. Hätten dann seit Jahren bereits sicher ein vollumfängliches Mehrfachbeziehungsparadies für uns etabliert. Wären endlich angekommen.

Der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown schreibt dazu in seinem Buch „Soulshaping“³:

»Ich finde jedwede Urteile darüber, wo ein Individuum in einer bestimmten Phase seines Lebens stehen sollte, unangebracht. Es ist, als ob man versuchen würde, diese großartige und komplizierte Reise der Selbstschöpfung in etwas sehr Einfaches und Banales zu verwandeln. In Wirklichkeit kennt nur unsere Seele den Weg, für den sie hier ist und den sie zu gehen hat, was sie zu überwinden hatte und an welchen Errungenschaften sie ihren Fortschritt erkennen kann. Die Menschen urteilen, als ob sie bereits alles durchschaut hätten, aber ihre Urteile verschleiern oft nur ihre eigene Verwirrung. Sind wir Spätblüher oder rechtzeitige Entwickler? Das ist eine ganz persönliche Abwägung. Das Wesentliche ist lediglich, dass wir uns dabei weiter auf einen Ort zubewegen, der sich wie ein Zuhause anfühlt.«

Daß wir uns also überhaupt „schon“ „hier“ befinden, ist für jede*n von uns eine ganz und gar herausragende Entwicklung. Trotz unterschiedlichster Startpunkte haben wir uns an dieses außergewöhnliche Universum von Mehrfachpartnerschaften herangedacht. Ein Universum, durch welches wir uns immer wieder mit den grundsätzlichsten Fragen zu unserem Selbst konfrontieren und dazu, wer wir sind. Mit Fragen, wie wir uns in Beziehung begeben – sowohl zu uns selbst als auch zugleich zu jenen, die ebenfalls einen besonderen Platz in unserem Herzen und in unserem Dasein haben, hatten – oder erhalten sollen.
Für mich sieht das wie Heilung aus.
Und es hat die Form von Möglichkeit.

Halte durch, Menschenkind,
es gibt mehr als das
was nie erschienen ist…



¹ „Look to the Clearing: Poems to Encourage“, Enrealment Press 2021

² Die Bibel, Buch Jona, insb. Kapitel 2, 1-11

³ North Atlantic Books; Original Edition 2009

Danke an Frauke Riether auf Pixabay für das Foto!

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