Über die Dankbarkeit

Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt – Läuft die Zeit, wir laufen mit. An dieses Zitat¹ erinnert mich die Nummer des heutigen Eintrags – und so ist es ja auch oft mit dem eigenen Zeitgefühl zu Beginn eines Jahres, wenn der kurze Februar vorbei gehastet ist und das vorrückende Datum einen gefühlt schon „mitten in 2026“ drängt.
Währenddessen bestreiten wir unseren Alltag und koordinieren unsere Beziehungen (oder zumindest die Bemühungen darum), so daß wir uns fast wie Napoleon Bonaparte wähnen, von dem es hieß, er habe die Gabe, mit der einen Hand eine Schlacht zu schlagen, mit der anderen Europa zu regieren, dabei einen Brief an seine Geliebte zu diktieren und vermutlich gleichzeitig noch ein Bankett zu planen (was ihn zu einem der ersten überlieferten männlichen Multitasker macht…). Wenn wir dann noch sehen, daß andere bereits ihren Garten komplett frühjahrsfrisch darbieten, alle Fenster geputzt und sogar schon die Urlaubsplanung im Kasten haben, ist es mit unserer Seelenruhe allerspätestens vorbei: Schon wieder zu lange noch im Winterhalbschlaf herumgetrottet, Stress laß nach!
Sehr schnell wird aus dem oben erwähnten „Sauseschritt“ auf diese Weise alsbald der weltbekannte deutsche Stechschritt, mit dem wir uns dann eiligst an die offensichtlich bislang nachlässig betriebene Pflichterfüllung machen – und die Wahrscheinlichkeit, daß wir in dieser Art den gesenkten Blick gar nicht mehr vom schmutzigen Fußboden, dem Einkaufszettel oder dem Abgabetermin losbekommen, steigt exponentiell.
Auf der Strecke bleibt dabei meist das, was Marshall Rosenberg, der Urheber der „Gewaltfreien Kommunikation“ [GfK] (die ja gerade auch in Mehrfachbeziehungskontexten gern mit zur allgemeinen Werkzeugkiste gezählt wird) innerhalb seiner Philosophie die „Celebration of Life“ (die „Feier des Lebens“) nannte. Denn auch die GfK (die ich kurz in Eintrag 20 vorstelle) war und ist sowohl für Lernende als auch erfahrene Anwender*innen regelmäßig eine durchaus herausfordernde Materie. Marshall Rosenberg war das sehr wohl bewußt, weshalb er zugleich – einer übersteigerten Ernsthaftigkeit entgegen – zu regelmäßigen Anlässen einer „Feier des Lebens“ aufrief. Womit er keine komplizierten, im Vorfeld zu planenden Events meinte, sondern ein schlichtes Innehalten im Alltag miteinander, um sich gegenseitig in dem zu versichern, was gerade gut laufen würde. Ein Buddhist würde an dieser Stelle vermutlich so etwas sagen wie „um Dankbarkeit zu praktizieren“.
„Dankbarkeit praktizieren“ scheint heutzutage überhaupt häufig eher einem spirituell-religiösen Nischendasein zugeordnet zu werden. Doch in der Tat hat der Ausdruck von Dankbarkeit in nahezu allen Religionen überall auf der Welt einen festen Platz innerhalb der rituellen Struktur, sei es z.B. im christlichen Gottesdienst als Danksagungen oder durch symbolische Gaben an shintoistischen Schreinen.
Ok, das mag ja alles ganz nett sein… Aber wo ist da jetzt der Bezug zu ethischen Mehrfachbeziehungen, insbesondere zur Poly- oder Oligoamory?
Er ist näherliegend, als es auf den ersten Blick scheint – und der eilige Sauseschritt der Zeit mag auch hier dafür ursächlich sein, daß wir, die wir uns solchen Mehrfachbeziehungskonzepten als zugehörig empfinden, gelegentlich zu hastig darüber hinwegschreiten.
Nicht jeder Eintrag, den ich hier auf diesem bLog veröffentliche, ist inhaltlich jedes Mal von bahnbrechender oder grundlegender Bedeutung – manchmal plaudere ich, weise hier auf einen Zusammenhang hin oder teile dort eine Erkenntnis, die mir selbst relevant erscheinen. Es gibt durchaus aber auch Einträge hier, ohne die die Oligoamory nicht die Oligoamory wären; solche, die gewissermaßen „zu ihrer DNA zählen“, wie man so sagt.
Einer dieser Einträge ist die Nummer 79, in dem ich „sieben Wurzeln“ dieser Beziehungsphilosophie beschreibe, aus denen sie sich meinem Empfinden nach nährt. Die letzte Wurzel, die ich in Eintrag 79 nenne, ist Spiritualität, insbesondere in der Art, an etwas Anteil zu haben und darin Sinn zu erleben, was über einen selbst hinausgeht.
Um mich selbst zu loben, Eintrag 79 ist gut geschrieben, er erzählt auf diese Weise auch eine Menge über mich – und von den dargelegten „Ausgangsbestandteilen“ der Oligoamory würde ich heute, fast vier Jahre später, keinen einzigen Buchstaben streichen, im Gegenteil.
Daß die Spiritualität aber selbstverständlich genau genommen ohnehin schon eine bedeutsame Zutat der ursprünglichen Polyamorie war, hätte ich eigentlich schon damals klarer betonen können (insbesondere, weil ich zu dem Zeitpunkt meine „Geschichte der Polyamorie“ [Teile 1 | 2 | 3 | 4 ] bereits geschrieben hatte, vor allem Teil 2 (Eintrag 48) und Teil 3 (Eintrag 49), die voller Spiritualität stecken).
Denn die Personen, unter denen in der Neuzeit ein Regelungsbedarf betreffs ethischer Mehrfachbeziehungen aufkam – und für die die neopagane Hohepriesterin Morning Glory Zell-Ravenheart in der Szenezeitschrift „Green Egg“ im Jahr 1990 dann zum ersten Mal ihren Text mit der ersten Nennung des Wortes „polyamor“ schrieb² – waren ein Kreis gemeinschaftlich spirituell praktizierender Menschen.
Ohne hier alle Geschichten und Gründe, die dann zur Entstehung der Polyamorie führten, nochmals aufzuzählen (lest die gerne in den soeben verlinkten Einträgen): Diese Polyamorie entstand in einem Kreis spirituellen Zusammenkommens und Feierns.
Persönlich hatte ich das große Glück in meinem Leben, über zwei mehrjährige Phasen selbst Mitwirkender in und an solchen Kreisen spirituellen, neopaganen Feierns zu sein – ähnliche Erfahrungen machen zu dürfen, wie Morning Glory selbst. Auf diese Weise ist letztendlich nicht nur die Polyamorie in mein Leben getreten – ich habe vor allem auch von den spirituellen Hintergründen her Erfahrungen „aus erster Hand“ machen dürfen, die ich eben genau für die von mir genannte polyamore (und natürlich oligoamore) DNA als bedeutsam erachte.
Eine dieser Erfahrungen ist der Ausdruck von Dankbarkeit. Und zwar – speziell im Erleben der aktuellen Weltlage – einer geradezu grundsätzlichen, naiven, gewissermaßen radikalen Dankbarkeit (wenn man hier das Wort „radikal“ so versteht, wie es aus dem Lateinischen kommt – nämlich von dem Wort „radix“, welches „Wurzel“ bedeutet).
Wenn wir zusammen feiernd und praktizierend im Kreis standen, empfanden und äußerten wir Dankbarkeit für die scheinbar selbstverständlichsten Dinge: Daß die Erde uns trug. Für die Luft die wir atmeten. Für die Klarheit des Wassers, mit dem wir uns reinigten. Für das Feuer in der Mitte, welches uns wärmte und Energie spendete.
Jede*r Buddhist*in würde nun sicher weise nicken: Dankbarkeit, immer und immer wieder – speziell in wiederkehrender, zeremonieller Form ausgedrückt – wurde so nach und nach zu einer Haltung, einer persönlichen Einstellung. Wir wurden dankbar für die Gemeinschaft, mit der wir immer wieder zusammenkamen. Wir waren dankbar, für die Menschen darin, mit denen wir die Erfahrungen dort teilten. Wir wurden dankbar, insgesamt teilzuhaben, uns etwas erschlossen zu haben, mit dem viele andere Leute in ihrem Leben unter Umständen nie in Kontakt kommen würden.
Womit für mich der Bogen zur Polyamorie geschlagen ist. Denn insbesondere der letzte Satz des vorherigen Absatzes enthält für mich die Essenz, warum ich mittlerweile überzeugt von mir sage, daß ich mich als Teil einer Lebensweise ethischer Mehrfachbeziehungen identifiziere.
Und zwar ganz unabhängig davon, wie viele Liebste oder Partner*innenmenschen gerade in meinem Leben präsent sind. Oder ob mir das Datingglück hold ist. Polyamorie – oder in meinem Fall richtiger: Oligoamory ist für mich eine innere Haltung geworden, eine Lebenseinstellung aus der heraus ich in die Welt schaue und mit dieser interagiere. Dafür brauche ich keine „äußeren Umstände“, an denen das abzulesen oder erkennbar wäre. Dafür brauche ich nur mich selbst und meine innere Überzeugung (wobei ich in meinem Fall finde, daß „Überzeugung“ zu hart klingt, ein bißchen zu kopflastig; ich würde für mich selbst eher so etwas wie „Gestimmtheit“ wählen).
Obwohl… das ja im Licht des Obigen gar nicht so ganz paßt, daß ich dafür „nur mich selbst“ brauche. Ich brauche dafür nach wie vor meine „spirituelle Anbindung“ an etwas Schwerbeschreibliches, das größer ist, als ich selbst – oder zumindest signifikant über mich hinausgeht.³
Genau dieses Schwerbeschreibliche ist die Grundlage für meine ebenso fortgesetzte Haltung von Dankbarkeit, Anteil zu haben.
Womit für mich in der Übertragung eben auch in ethischen Mehrfachbeziehungen „Dankbarkeit“ einen wichtigen Stellenwert hat. Und das ist an vorderster Stelle exakt das Privileg, welches ich mir selbst erarbeitet habe und nun gewähre, welches sich viele andere Menschen derzeit auf dieser Welt nicht einräumen: Die schiere Möglichkeit jederzeit eine (weitere) vollumfängliche (romantische) Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen aufnehmen zu können, ja, überhaupt über diesen Möglichkeitsraum zu verfügen.
Allein wenn in das Potential dieses vorhandenen Raums hineinspüre, verändert das für mich jeden Tag meines Daseins (…aber manchmal denke ich auch nur an Einkaufszettel und Abgabetermine und habe einen ganz gewöhnlichen Mittwoch…).
Und als Privileg empfinde ich es, weil Privileg für mich genau das ist: „das, was man hat – aber selten wirklich gewahr ist, daß man es hat“.
Das hat für mich weniger damit zu tun, wer es gewährt. Also im Sinne von „Meine (Bestands)Partnerin gewährt mit das Privileg, noch weitere romantische Beziehungen verfolgen zu dürfen..“ Was für einige Teile der polyamoren Community eine schwer zu verdauende Aussage wäre, da dies vielmehr darauf hinweisen könnte, daß sich da jemand polyamor wohl noch nicht wirklich frei geschwommen hätte und verdeckt immer noch als anhängendes Paarwesen agieren würde… Und bei manchen Menschen mag das eventuell sogar so sein.
Aber für mich selbst ergibt das keinen Sinn. Denn nicht andere Menschen verleihen mir ein solches Privileg; ich muß vielmehr selbst tüchtig strampeln – Normen hinterfragen, mich selbst mehr und mehr erkennen, Perspektiven wechseln – bis ich mir so etwas selber endlich von meiner eigenen Haltung her gewähren kann. Sofern also bei mir meine Lieblingsmenschen unterdessen zu mir sagen: „Hey, Oligotropos, geh‘ doch zum Speeddating – und viel Glück und Erfolg…!“, dann bin ich nichtsdestoweniger dankbar – und zwar darauf, mit diesen besonderen Menschen zusammen zu sein, die untereinander eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen haben, in der so eine Freiheit der Möglichkeiten besteht.
Und wenn ich sage: „Ich bin dankbar“ oder „Ich bin privilegiert“, dann spreche ich gewissermaßen über (m)einen Weg von Selbstinitiation, den ich aber ohne ein „größeres Ganzes“ und ohne andere Menschen auf dieser Reise nicht bewältigt hätte (und nach wie vor nicht zustande bringen würde).
Ihr Leser*innen da draußen: Durchaus, auch ich empfinde angesichts von mancher Dankbarkeit – speziell wenn sie in Form mannigfaltiger Mems auf sozialen Medien an mich herangetragen wird, einen gewissen Zynismus. Ich war zwei Jahre mittelgradig depressiv und habe vor allem in jener Zeit solche leeren Aufmunterungen, die so fröhlich-aufdringlich Dankbarkeit in allen Dingen des Alltags propagierten, als nachgerade schmerzhaft und herablassend empfunden. Und mit Blick auf die Weltlage, dem Geschehen in anderen Ländern, den Widerfahrnissen so vieler Menschen und den Auswirkungen auf uns selbst, scheint sich solcherlei „Dankbarkeit“ regelmäßig nahezu ad absurdum zu führen.
Dahingehend möchte ich Euch zusprechen, daß „Dankbarkeit“ nicht mit „Duldung“ verwechselt werden sollte. Als Morning Glory Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts mit den Mitgliedern ihres Nests unter den Sternen stand, war ihr sicher sehr klar, daß täglich ein Teil der Erde versiegelt, Luft verpestet und Wasser vergiftet wurde. Daß Feuer oft in zerstörerischer Form und zu aggressiven Zwecken benutzt wurde.
Spirituelle Dankbarkeit ist darum keine gefügige Passivität angesichts des Gegebenen, sondern die Hervorhebung eines Moments der Wertschätzung – Wertschätzung, die eine vergängliche Kostbarkeit betont, welche vielmehr zu Aktivität, zu bewußtem Genießen, zu Nachhaltigkeit und Bewahrung auffordert.
Wenn ich jetzt also wieder auf die Welt schaue, ihre Krisen, die Menschen, die in keinen anderen Bahnen denken können – dann spüre ich mittlerweile irgendwann auch wieder mein eigenes Privileg.
Aber auch, daß ich es nicht einfach als Dauerabonnement „innehaben“ kann. Sondern es mir, wie ich es mit meinem Weg zu den Mehrfachbeziehungen beschrieben habe, aktiv erhalten muß.
Ethische Mehrfachbeziehungen sind in einem Kontext von Freiheit entstanden. Unter freien Menschen, die auf diese Weise die Chance hatten, in scheinbaren Selbstverständlichkeiten die Außergewöhnlichkeit wahrzunehmen – und diese miteinander anzuerkennen bereit waren.
Romantische Mehrfach-Partner*innenschaften sind für manche von uns (so wie ich es z.B. oben für mich beschrieben habe) Teil unseres Selbstverständnisses geworden. Und das ist wirklich gut so, denn auf diese Weise können Identitäten heilen und die Welt wird zugleich ein vielfältigerer Ort.
Im Getriebe dieser Welt bleibt es aber noch „außer-gewöhnlich“, was uns zu oft von außen nach wie vor schmerzhaft bewußt gemacht wird.
Sorgen wir also von innen dafür, daß es uns auch wiederkehrend in dankbarer Form bewußt wird: Dankbar für uns selbst, daß wir diesen Weg gewählt haben, ihn weiter gegangen sind und uns heute damit identifizieren. Dankbar für einander, daß wir mit Liebsten sind, die uns in dieser Form „wir“ sein lassen. Dankbar, daß wir in dieser Weise Teil dieses Spiels sind – es aber auch weitergespielt werden muß, damit es fortbesteht – und auch andere künftig noch mitspielen können…
¹ Zitat: Wilhem Busch, „Tobias-Knopp-Trilogie“, 1874-1877
² Der Text des „Bouquet of Lovers“ aus der Zeitschrift „Green Egg“ (1990) von Morning Glory Zell-Ravenheart ist hier leider nur in englischer Sprache verfügbar.
³ PS: Ach, Oligotropos. Manchmal kannst Du einem mit diesem Gerede über ‚größer als wir selbst‘ etwas auf die Nerven gehen…“
„Echt? Wie wäre es mit einem Zitat: ‚Jeder Blick in die Sterne ist auch ein Blick auf unsere eigene Herkunft. Wir beobachten das Universum mit Augen, deren Atome einst im Herzen sterbender Sonnen geschmiedet wurden.‘
Wo ich das her habe? HIER“ 😉
Danke an JOHN TOWNER auf Unsplash für das Foto!

