Von der Wertschätzung

Nach über 12 Jahren eigener Reise durch die Welt ethischer Mehrfachbeziehungen, nach etlichen Einblicken in Foren und noch mehr Beiträgen zu dem Thema sowie zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen, würde ich, Stand heute, sagen, daß die häufigste Quelle von Konflikten, die mir bei all diesen Erfahrungen begegnet ist, auf eine Wertschätzungsproblematik zurückzuführen ist.
Dies ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal von Mehrfachbeziehungen; ich glaube, daß diese Herausforderung in allen menschlichen Nahbeziehungen besteht, insbesondere solche von romantischer und längerfristiger Natur scheinen mir vor allem empfänglich – und mein Thema ist es, weil sich aus meiner Sicht die Dynamik potenzieren kann, umso mehr Menschen an den entsprechenden Beziehungen beteiligt sind.
Wörterbücher wie der Duden oder das Oxford Dictionary definieren „Wertschätzung“ etwas blutleer und nicht so wirklich alltagsnah als „den Sachverhalt, dass Menschen jmdm. Achtung, Bewunderung und Respekt entgegenbringen“.
Schön und gut, das hätten wir uns so in etwa schon selbst gedacht…
Erst ein Blick auf den sorgfältiger gemachten Eintrag der (deutschen) Wikipedia läßt klarer erahnen, daß der zwischenmenschliche Gehalt dieses Wortes bedeutsamer sein muß:
„Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf einer inneren allgemeinen Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.
Wertschätzung ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen und drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit.“, so heißt es dort.
Aha: Es geht also sowohl um (persönliche) Bewertung, das heißt: um Subjektivität – als auch um eine unabhängige, übergeordnete Haltung. Wenn wir über diesen Satz nachdenken, scheint sich ein Widerspruch aufzutun.
Wenn wir dann allerdings in die Niederungen unseres persönlichen Alltags schauen, können wir uns selbst relativ leicht in dieser Widersprüchlichkeit wiedererkennen.
Denn Wertschätzungsproblematiken ergeben sich meistens aus der Diskrepanz unserer Wahrnehmung, in der wir unseren eigenen Beitrag zu einer Beziehung selbstverständlich fast immer sehr gut einschätzen können – und dabei vor allem die Beiträge von uns besonders hoch bewerten, die ich hier auf diesem bLog schon einmal als das „Mitgehen der Extra-Meile“ (passenderweise in meinem Treue-Eintrag 66, übrigens!) bezeichnet habe: All das, wo wir uns darin üben, unsere Komfortzone zugunsten der anderen zu dehnen, wo wir Ambiguitätstoleranz beweisen (= mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen tolerieren), gewissermaßen die „bequeme Mittelspur“ unseres Lebens verlassen, weil es die anderen Menschen in unserem Leben gibt.
Unsere Fähigkeit hingegen, diese Beiträge ebenso gut bei den Menschen einzuschätzen, mit denen wir unser Leben teilen, ist naturgemäß meist nicht in dem gleichen Maße ausgeprägt – und das betrifft vor allem die Bewertung dessen, „wie sehr“ unserer Wahrnehmung nach die anderen im Vergleich zu uns selbst ihrerseits bereit zum Komfortzonen-Stretching bzw. zum Verlassen ihrer Mittelspur sind – oder eben nicht…
Die Diskrepanz in so einer subjektiven Bewertung muß also häufig nur eine bestimmte Spannbreite überschreiten – und ein Konflikt scheint vorprogrammiert. Wir alle wissen außerdem, daß besonders häßliche Konflikte meist in so einem Moment dann besonders eskalieren, wenn sich zwei (oder mehr!) Seiten dabei schließlich gegenüberstehen, die sich wechselseitig bei einer solchen Gelegenheit ihre bereits jeweilig aufgelaufenen Beobachtungen und Mißverhältnisse hinsichtlich eigenem, eingebrachten Einsatz und dem vermeintlich bequemen Verharren der Anderen an den Kopf werfen…
Oft kann die dabei freigesetzte Energie an Heftigkeit den Auslöser oder Anlaß weit überschreiten – was im Augenblick des Ereignisses für alle Beteiligten fast immer dramatisch mitzuerleben und unangenehm auszuhalten ist; gleichzeitig ist genau darin der Hinweis auf die Ebene verborgen, von der die zugrundeliegende Problematik ausgeht – und wo angesetzt werden kann, um diese aufzulösen.
Im Jahr 1981 war es der „Vater der Gewaltfreien Kommunikation“, Marshall Rosenberg (über den ich auf diesem bLog schon verschiedentlich geschrieben habe), der den englischen Begriff für Wertschätzung „appreciation“ durch das Wort „mattering“ (in etwa: „von Bedeutung sein“) konkretisierte.¹ Rosenberg war im Laufe seiner Konfliktforschung nämlich regelmäßig das selbe Muster, wie von mir oben beschrieben, aufgefallen – und hatte entlang der Parameter seiner bedürfnisorientierten „Gewaltfreien Kommunikation“ drüber nachgedacht, welche persönlichen Hintergründe zu einem Wertschätzungskonflikt beitragen würden.
[An dieser Stelle zunächst kurz nochmal ein Hinweis auf die Verbindung zu ethischen Mehrfachbeziehungen wie insbesondere Poly- und Oligoamory: Auf diesem bLog habe ich bereits mehrfach dargestellt, daß Marshall Rosenberg ein Schüler des humanistischen Psychologen Abraham Maslow war. Maslows psychologische Vorlesungen – insbesondere dessen Hervorhebung der „Selbst-Verwirklichung“ (original: „self-actualization“) wurden seinerzeit (1943 u. insb. ab 1954) u.a. von dem jungen Timothy (Oberon) Zell-Ravenheart verfolgt, der diesen Aspekt zu einem der Grundpfeiler seiner neopaganen Gruppe „Church of All Worlds“ machte – aus der im Jahr 1990 schließlich über seine Partnerin Morning-Glory Zell-Ravenheart der Grundriss der „Polyamorie“ formuliert wurde (Details siehe Eintrag 49).
Die „polyamore Werkzeugkiste“ enthält daher weitgehend einige der von mir weiter unten skizzierten Möglichkeiten, Wertschätzungsproblematiken zu begegnen, bzw. existierten sie hier bereits, bevor sie später auch auf monogame Beziehungen angewendet wurden.]
Denn aufbauend auf der Bedürfnislehre von Carl Rogers und Abraham Maslow (siehe auch Eintrag 118) wies Rosenberg auf das grundlegende soziale menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit hin. Aus diesem sozialen Bedürfnis heraus ergäbe sich nämlich ebenfalls der Wunsch, „Bedeutung zu haben“, nach „wahrgenommen Werden“. Rosenberg folgerte, daß ein Mensch sich daher wichtig/bedeutsam fühlen würde, wenn er nicht nur einen Beitrag für andere leistete, sondern sich vielmehr für dieses Beitragen auch als wertgeschätzt erleben würde.
Durch dieser Formulierung verknüpfte er Maslows Vorstellung des persönlichen Selbstbildes, von Selbstwirksamkeit und Selbstwertgefühl, mit den persönlicher Bedürfnissen: Bedeutung, Wertschätzung zu verspüren würde in positiver Weise die eigene psychische Resilienz erhöhen – wohingegen das psychische Wohlbefinden von Menschen, die das Gefühl hätten, daß sie nur eine untergeordnete oder mindere Rolle spielen würden, zunehmend leiden würde.
An dieser Stelle ist mir klar, daß manche Leser*innen hier eventuell die Stirn kraus ziehen und denken: „Das klingt alles ganz schön bedürftig…“
Das ist es auch in der Tat – aber in einer bedeutsamen Weise, die sich nicht anderweitig kompensieren oder kognitiv überlisten läßt.
Die sozialen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Wertschätzung hatte Abraham Maslow seinerseits nämlich von seinem Kollegen Carl Rogers entliehen, der in seiner klientenzentrierten Psychotherapie zuvor bereits die Grundhaltung der „bedingungslos positiven Wertschätzung“ (original: „unconditional positive regard”) formuliert hatte.
Innerhalb der humanistischen Psychologie, der sich Rogers und Maslow verpflichtet fühlten, existieren somit zwei wichtige, zusammenwirkende Grundimpulse: Der eine in Form der bereits erwähnten „Selbstverwirklichung“ oder „Selbstaktualisierung“ (das Grundkonzept stammt übrigens nicht von Maslow selbst, sondern von dem Neurologen Kurt Goldstein). Anschauungsgemäß ist die „Selbstaktualisierung“ das ständige Streben des Menschen, seine Entwicklungsmöglichkeiten zu erhalten, zu entfalten und zu verwirklichen, sowie Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu erlangen.
Um jedoch diesem Impuls innerhalb einer sozialen Gruppe optimal mit größtmöglicher Selbstentfaltung nachgehen zu können, benötigt es den anderen, die „bedingungslos positive Wertschätzung“, welchen nach meinem Dafürhalten der US-amerikanische Psychologe David Guy Myers am besten mit den folgenden Worten beschrieben hat:»Es ist eine Haltung der Güte, eine Grundeinstellung, die uns wertschätzt, obwohl sie unsere Schwächen kennt. Es ist die tiefe Erleichterung, unsere Masken fallen zu lassen, unsere schlimmsten Gefühle zu gestehen und zu entdecken, dass wir dennoch akzeptiert werden.«²
Wem das nun immer noch furchtbar bedürftig erscheint, dem möchte ich nahelegen, einmal in seinem Leben weit zurückzugehen. Weit! Denn die vorherigen, vielleicht gelegentlich etwas sperrig erscheinenden Beschreibungen gründen ja nicht in nebulöser Theorie verstiegener Erwachsener.
Wenn wir vielmehr zum Anfang eines unserer jeden Leben zurückkehren, haben wir alle uns einmal an genau dem beschriebenen Punkt befunden: Einstmals wollten wir alle zunächst als Baby, dann als Kleinkind, schließlich als Kind und Teenager unsere zunehmende Autonomie nach unseren persönlichen Vorlieben und Begabungen möglichst frei entfalten. Über die allerweiteste Strecke dieses Zeitraums waren wir aber auch zugleich komplett abhängig von einer für uns fürsorgenden sozialen Umgebung – ohne deren Vorhandensein wir eher früher als später den Tod gefunden hätten. Menschheitsgeschichtlich hätte diese Abhängigkeit eventuell in einer wenig lebensfreundlichen Umgebung (zumindest aus Perspektive von Homo sapiens) zudem höchstwahrscheinlich sogar unser Leben lang angehalten: Ohne unsere soziale Gruppe wären wir verloren gewesen.
Heute, im 21. Jahrhundert noch immer diese Abhängigkeit in dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit wiederzuerleben, ist also keine banale, zu überwindende Anhaftung, sondern ein ab Werk verbautes Überlebensprogramm, welches wir nicht als Teil unserer menschliche Natur verleugnen können.
Darum weiter zum Fokus auf Impuls zwei. Für unsere optimale Selbstentfaltung hätten wir in unserem Aufwachsen eine möglichst ausgeprägte „bedingungslos positive Wertschätzung“ benötigt, um zu „uns“ zu werden. Z.B. in Form von Unterstützung, Anweisung und Hilfe durch jene Bezugspersonen, die uns mit den berühmten „Wurzeln und Flügeln“ ausgestattet hätten. Bezugspersonen, die uns demgemäß ebenso in unserem Scheitern mancher Unternehmung akzeptiert hätten – und um noch einmal die Wikipedia-Wertschätzungsdefinition vom Anfang dieses Artikels hervorzurufen: mit einer inneren allgemeinen Haltung unabhängig von Taten oder Leistung.
Na? Wir nähern uns dem Ziel…
Die allermeisten von uns wissen jedoch, daß ihr eigenes biographisches Aufwachsen nicht ganz so ungetrübt, unterstützt und uneingeschränkt wertgeschätzt verlaufen ist. Viele von uns mußten eher mehr oder weniger mit Verhältnissen zurecht kommen, die Carl Rogers folgendermaßen beschrieb: »Unter ungünstigen Umständen verfügt ein Mensch in einer gegebenen Situation über viele Formen und Mechanismen, um seine Existenz, inkl. seine Selbstachtung, aufrechtzuerhalten. Dies kann zu Blockierungen, seelischen Störungen und Hemmungen oder zu destruktivem, irrationalem und asozialem Verhalten führen.« (dies klingt gegen Ende recht drastisch, bitte bedenkt, daß der Verfasser klinischer Psychologe war und dadurch auch wirklich heftige „Unfallgeschichten“ zu Gesicht bekommen hatte…).
Selbstentfaltung der Persönlichkeit und Wertschätzung stehen demnach in einem Regelkreislauf, der quasi seit unserer Geburt wirksam ist.
Wenn wir nun als aufmerksame Teilnehmer*innen an den Forschungen zu Mehrfachbeziehungen obendrein noch die Bowlbysche Bindungstheorie hinzunehmen (die Jessica Fern in ihren aktuellen Büchern „Polysecure“ und „Polywise“ ins Feld führt³), wird uns alsbald deutlich, daß hinter der überschießenden Energie von Wertschätzungskonflikten oftmals ein biographisches Notprogramm aus Unterversorgung und dem Versuch von Kompensationsstrategien steckt.
Wertschätzungskonflikte erklären sich aber nicht nur durch Vorschädigungen unserer Vergangenheit. Als „lebenslang lernende Wesen“ mit der Plastizität unserer faszinierenden Gehirne ist ja das Potenzial unserer Selbstverwirklichung ebenfalls „lebenslänglich“. Und wenn daher der Impuls der Selbstverwirklichung bzw. Selbstaktualisierung anhält, sind wir ebenso in deutlichem Maße auch anhaltend auf die Wertschätzung unserer sozialen Umgebung in möglichst bedingungsloser und positiver Form angewiesen.
Die gute Nachricht: In dem Sinn ist dann „der Zug noch lange nicht abgefahren“. Was uns möglicherweise zu einem früheren Zeitpunkt im Leben nicht zuteil geworden ist, das können wir in unseren heutigen Beziehungen immer noch erfahren – und erweisen!
Ein paar einfache, praktische Beispiele?
- Aktiv zuhören, ohne sofort zu korrigieren. Du lässt die andere Person ausreden, fragst nach und signalisierst: „Ich nehme dich ernst“.
- Gefühle anerkennen, auch wenn du nicht derselben Meinung bist. Zum Beispiel: „Ich verstehe, dass dich das verletzt hat.“
- Dankbarkeit für die Person ausdrücken, nicht nur für Leistung. Etwa: „Schön, dass du da bist“ oder „Ich freue mich, dass wir uns kennen.“
- Respektvolle Sprache und Tonfall benutzen. Das zeigt, dass die Person für dich wertvoll ist, unabhängig von ihrem aktuellen Verhalten.
- Grenzen akzeptieren. Wenn jemand gerade keine Umarmung, kein Gespräch oder keine Meinung teilen möchte, wird das nicht persönlich genommen.
- In schwierigen Momenten nicht abwerten. Statt „Du bist schon wieder so schwierig“ eher: „Das ist gerade anstrengend, ich bin trotzdem da.“
- Stärken benennen, ohne diese an Bedingungen zu knüpfen. Zum Beispiel: „Ich schätze deinen Humor.“ oder „Mit dir kann man gut reden.“
Carl Rogers und Abraham Maslow pflanzten mit der bedingungslos positiven Wertschätzung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Sämling, der später ebenfalls ein grüner Spross in Morning Glory Raven-Zells „Polyamorie“ wurde – ohne den, meine ich, das Funktionieren einer Beziehung zwischen mehreren in Liebe verbundenen romantischen Partner*innen sonst aus meiner Sicht auch gar nicht nachhaltig möglich wäre.
Denn bedingungslose Wertschätzung zeigt sich meist darin, dass Menschen sich sicher, angenommen und nicht ständig geprüft fühlen. Und sie wird gerade darin besonders spürbar, wenn jemand Fehler machen darf, ohne Liebe, Respekt oder Zugehörigkeit zu verlieren.
Wenn wir also in unseren Beziehungen zueinander sagen können „Ich mag dich nicht nur, wenn alles glatt läuft“, „Du bist mir wichtig, auch wenn wir gerade unterschiedlicher Meinung sind“, „Ich sehe, daß es dir gerade schwerfällt“, „Ich möchte dich verstehen, nicht bewerten“ und auch „Danke, dass du einfach du bist“, dann signalisieren wir damit eine allgemeine Haltung: Zuallererst kommt für uns die Beziehung, unsere subjektive Bewertung ist dem nach- bzw. untergeordnet – der scheinbare Widerspruch, den ich zu Anfang dieses Eintrags nannte, kann also aufgelöst werden.
Und wo Beziehungen in dieser Weise vor Bewertung angesehen sind , kann Nähe wachsen, ohne individuelle Freiheit zu verlieren. So wird aus Anerkennung nicht nur ein schönes Gefühl, sondern ein tragfähiger Boden für Liebe, Vertrauen und gemeinsame Entwicklung.
Vielleicht ist genau das das stille Versprechen gelingender (Mehrfach)Beziehungen: einander zu sehen, ohne einander festzuschreiben.
¹ M. Rosenberg, B. C. McCullough: “Mattering: Inferred significance and mental health” in: “Research in Community and Mental Health”, Band 2, 1981, S. 163–182 (Quelle nur englisch)
² Myers, David G. “Worth” (2007), from “Psychology“ (8thed.), New York
³ Fern, Jessica: „Polysecure – Trauma Bindung und konsensuelle Nicht-Monogamie“, divana-Verlag 2023; “Polywise – A Deeper Dive into Navigating Open Relationships” (zusammen mit David Cooley), Thornapple Press 2023
Danke an Count Chris auf Unsplash für das Foto!

