Eintrag 126

Zu schade für die Tonne?!

Oben auf dem Foto könnt Ihr mein Exemplar des Buches „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“ ¹ von Franklin Veaux und Eve Rickert aus dem Jahr 2014 sehen.
Es ist vielfach berieben, an den Ecken bestoßen, geknickt, zwischenzeitlich mit einer Schutzfolie versehen, im Inneren voller Lesezeichen, Klebezettelchen und massenhaft Anmerkungen mit Bleistift zwischen den Zeilen sowie an etlichen Seitenrändern. Im wahrsten Sinne des Wortes „etwas angegriffen“…
Und „etwas angegriffen“ ist „More Than Two“ buchstäblich in der Tat. Aus meiner Sicht allerdings in einer Weise, die, wie man so sagt, „das Kind mit dem Bade ausschüttet“ – darum möchte ich hier auf meinem bLog, auf dem es doch um verbindlich-nachhaltige Mehrfachbeziehungen gehen soll, auf jeden Fall eine genauere Betrachtung und auch eine Differenzierung zu diesem Buch liefern, welches für mich das erste Werk war, was ich selbst je zu ethischer Nicht-Monogamie gelesen habe – und welches nach wie vor für meine Auffassung von Polyamory (also Oligoamory) ausschlaggebend ist.

Wiewohl viele sich als polyamor identifizierende Menschen das Buch namentlich kennen, haben es letztendlich doch nur sehr wenige gelesen Die Gründe dafür sind dreierlei:

Zum Ersten für deutsche Leser: Trotz mehrfacher Bemühungen im letzten Jahrzehnt ist es letztlich nicht gelungen, das Buch jemals in die deutsche Sprache zu übersetzen.
Zum Zweiten höre ich meist, daß es „zu lang“ sei – und manche Leser*innen sich zunächst daran versucht hätten, dann aber aufgrund des Umfangs daran gescheitert seien.
Und zum Dritten, ja, drittens, gab es dann 2019 diesen Skandal um mißbräuchliche Verhaltensweisen des Co-Autors Franklin Veaux – was dazu führte, daß von da an allein dieser Umstand von allzuvielen polyamoren Menschen genutzt wurde, „More Than Two“ ohne es jemals gelesen zu haben, nahezu wie Mein Kampf von Adolf Hiler, als „verbrannte Erde“ bzw. „liber non grata“² zu betrachten – meist in Form der Aussage „Nein, das habe ich nie gelesen… Ich meine, der Autor war ein Mißbraucher von Frauen, so etwas kann man doch nicht lesen, wenn es einem mit dem ‚ethisch‘ in ‚ethische Mehrfachbeziehung‘ ernst ist…“

Ok. Bevor ich mich also auch bloß irgendeinem Versuch einer Rezension widmen könnte, muß ich mich diesem Dreierlei stellen.
Zu Erstens: Ja, das Buch ist in Englisch. Spätestens heute, im Jahr 2026 im Reich von KI und leistungsfähiger Foto-, Scanner- und Übersetzungssoftware sollte dies aber für jemanden, der es wirklich wissen will, kein ernsthaftes Hindernis mehr sein. Bzw. sollte sich damit niemand herausreden, sich nicht selbst einen eigenen Eindruck verschafft zu haben. Das amerikanische Englisch von Rickert und Veaux selbst ist flüssig, unterhaltsam und immer wieder von persönlichen Erfahrungsberichten unterbrochen. Vokabeltechnisch bin ich selbst am ehesten in den eher sachlichen Kapiteln ins Straucheln geraten, in denen es um Kommunikationsmodelle oder sexuell übertragbare Krankheiten ging. Manchmal waren für mich auch die Kapitel nicht ganz ohne Hilfe eines Online-Lexikon „wegzulesen“, in denen es um verschieden nuancierte (Mehrfach)Beziehungsformen, Beziehungspflege, Regeln und Abmachungen, Selbstermächtigung oder Beziehungsübergänge ging.
Gleichzeitig handelt es sich eben dergestalt um ein wahrhaftes „Fachbuch“ – und desto mehr ich mich in das Buch vertiefte und seinen Gedankengängen folgte, umso mehr begann ich mir auch ein dazugehöriges „Fachvokabular“ der polyamoren Gemeinschaft anzueignen. Dieser Umstand hat maßgeblich dazu beigetragen, daß ich mich schließlich wiederum treffsicherer in polyamoren Kontexten ausdrücken konnte – ein Umstand von dem ich bis heute profitiere. Und auch ein Augenöffner für Konzepte, mit denen ich mich bis dato nie zuvor eingehender beschäftigt hatte – Stichworte Selbstfürsorge, Beziehungspflege, Ermächtigung und andere.

Zu Zweitens: Ja, das Buch ist mit 480 Seiten wirklich lang, etwas, was ich bis heute beeindruckt als „kompletten Rundumschlag“ bezeichne. Als Vielleser sehe ich das aber nicht als Makel, sondern als Tugend, denn in der Tat gibt es in diesem quasi ersten echten Buch zum Thema Polyamory nahezu keinen Lebensaspekt, der nicht beleuchtet würde. In dem Sinne ist „More Than Two“ auch eine Fundgrube, ein Ratgeberwerk und sogar ein wenig wie ein Lexikon, auf dessen bestimmte Abschnitte man im Zweifel immer mal wieder im späteren polyamoren Leben zurückkommen kann.
Ich habe das Buch einer meiner nicht-anglophonen Gefährt*innen vorgelesen und dabei simultanübersetzt (Ich weiß, zu schade, daß ich davon keinen Mitschnitt gemacht habe…) Das Ganze geschah im Rahmen unseres gemeinsamen Studiums des Buches, zusammen mit meiner damaligen Ehefrau, wovon ich in meinem allerersten Eintrag hier auf dem bLog erzähle. In gewissem Sinne habe ich das Buch dementsprechend sogar mehrfach gelesen – wobei ich sagen kann, daß man tatsächlich nicht unbedingt alles davon lesen muß. Mit Seite 452 beginnen z.B. umfangreiche Anhänge, die sich eben leider weitgehend nur auf die Verhältnisse in den USA beziehen (obwohl wiederum die Wortliste mit Begriffserläuterungen schon recht nützlich ist…) und sowohl Kapitel 20 über sexuelle Gesundheit (20 Seiten) als auch Kapitel 24 und 25 (knapp 40 Seiten) über polyamore Netzwerke beziehen sich teilweise ebenfalls maßgeblich auf das US-amerikanische System, so daß hier Informationen enthalten sind, die in Europa nur von begrenztem Nutzen sind.
Trotzdem bleiben also fast 400 Seiten voller Erklärungen, Beschreibungen, lebenspraktischer Beispiele und eigener Berichte der Autor*innen, die es sich lohnt, wahrzunehmen. Da ethische Mehrfachbeziehungen in ihrer Komplexität allerdings auch nicht mit dem Wechsel einer Glühbirne gleichgesetzt werden können, ist es aus meiner Sicht mehr als verständlich, hier keine „Kurzanleitung“ erwarten zu können: „More Than Two“ ist so geschrieben, daß auch eine Person, die sich noch nie zuvor mit ethischer Nicht-Monogamie beschäftigt hat, von Null an mit in die Materie hineingenommen wird – um am Ende mit einer gründlichen Orientierung versehen zu sein. Das halte ich für eine der größten Qualitäten dieses Buches.

Zu Drittens – und selbstverständlich am wichtigsten: Im Jahr 2019 kam es zu einem Skandal, der allerdings nahezu nur im Internet ausgetragen wurde. Vorwürfe gegen Franklin Veaux – Mitautor von „More Than Two“ – wurden öffentlich, als mehrere ehemalige Partner*innen von ihm, darunter die Mitautorin Eve Rickert, detaillierte Berichte veröffentlichten, in denen sie emotionalen Mißbrauch, Zwangsdynamiken und Manipulation in ihren jeweiligen Beziehungen mit Franklin beschrieben. Diese Berichte wurden auf von Betroffenen betriebenen Websites wie polyamory-metoo.com (mittlerweile archiviert) und itrippedonthepolystair.com gesammelt – jedoch nicht zivilgerichtlich zur Anklage gebracht und dementsprechend auch nicht von der Justiz geahndet.³ Speziell die US-amerikanische polyamore Community reagierte indessen äußerst sensibilisiert auf diese Enthüllungen, woraufhin in vielen der bekannten sozialen Netzwerke kommentiert, Analysen erstellt und Fehlverhalten diskutiert wurde.
Da ich nach wie vor ein starker Verfechte von „More Than Two“ als polyamorem Grundlagenwerk bin, empfand ich es als Pflicht, mich mit möglichst vielen dieser Inhalte auseinanderzusetzen – so das ich zu einer eigenen Auffassung der Geschehnisse gelangen konnte. Ich möchte hier kurz mein Fazit vielstündiger Netz-Recherche mit Euch teilen – sowie auch meine Gründe dafür, daß ich „More Than Two“ nichtsdestoweniger ganz überwiegend für lesenswert halte (und die Ebene persönlicher „Schlammschlachten“ der Betroffenen außen vor lassen möchte):

Zum Entstehungszeitpunkt des Buches 2014 war Franklin Veaux bereits eine „Internet-Koryphäe“ zum Thema Polyamory, da er bereits seit 1997 eine Webseite (zunächst unter dem Namen „xeromag“, später als „morethantwo“) dazu betrieb – und somit auch überhaupt eine der ersten etablierten (Langzeit-)Quellen darstellte. Dieser Status erzeugte einerseits sowohl Reichweite als auch andererseits eine damit einhergehende, nur schwer extern zu evaluierende Meinungshoheit. 2012 kam überdies noch ein eigener persönlicher bLog auf Quora dazu (der bis heute HIER besteht).
Durch die Enthüllungen 2019 konnte aufgedeckt werden, daß Franklin Veaux die Geschehnisse in seinen polyamoren Partner*innenschaften in diesen Internet-Medien ganz überwiegend subjektiv und einseitig schilderte. Was bei einem privaten bLog-Projekt im Netz grenzwertig – aber möglicherweise noch nicht sonderlich aufsehenerregend – erscheinen mag, jedoch verflocht Franklin seine „Erfahrungsberichte“ zunehmend wechselweise mit anderen auf seinen Seiten zusammengetragenen Impulsen über die aufwachsende polyamore Community – wobei er keine Sorgfalt walten ließ, zwischen Fakten, Einschätzungen und persönlicher Bewertung von Erlebnissen zu trennen. Sein weitgehender Alleinstellungs-Status als einer der ersten Web-Autoren zum Thema, im Verbund mit seiner daraus resultierenden Reichweite in der Community, verwischte für seine Leser*innen die Möglichkeit, zwischen Sachverhalt und subjektiver Darstellung zu unterscheiden – insbesondere weil die von seinen Beispielbeschreibungen betroffenen Frauen nicht über eine gleichberechtigte Möglichkeit zur Gegendarstellung verfügten – weder damals netztechnisch noch vom Bekanntheitsgrad her. Als 2014 das Buchprojekt „More Than Two“ gemeinsam mit Eve Rickert publiziert wurde, hatte auch die Co-Autorin noch keine differenzierte Möglichkeit gehabt, Franklins „persönliche Erfahrungen“ auf Neutralität hin zu überprüfen, wodurch einige davon schließlich in das entstehende Buch mit aufgenommen wurden – z.T. unter Nennung der Vornamen von Betroffenen.
Eve Rickert und Franklin Veaux wurden ihrerseits im Rahmen des gemeinsamen Buchprojekts romantische Partner*innen (spätes 2012 oder früh im Jahr 2013). Im Laufe ihrer Beziehung mit Franklin begannen Eve zunehmend gewisse Verhaltensweisen der Intransparenz von Franklins Seite aufzufallen; die Verbindung scheiterte letztendlich 2018 – auch dadurch, daß Eve mittlerweile einige frühere Partnerinnen von Franklin kontaktiert hatte, die „ihre“ Seite vergangener Geschehnisse und deren Abläufe darlegen konnten. Dieses Netzwerken der betroffenen Frauen führte 2019 schließlich dazu, daß zunächst fünf von ihnen gemeinsam ihre Enthüllungen über Franklins „einseitige Berichterstattung“ für die Öffentlichkeit publik machten; Eve selbst trat der Initiative einige Wochen später bei. Dieses Vorgehen ermutigte in den nächsten Monaten noch fünf weitere Frauen, ebenfalls zu bestätigen, zuvor Opfer von Franklins tendenziösen narrativen Mustern und Nebelkerzen geworden zu sein, während sie mit ihm in einer Beziehung waren.

Was macht das für mich mit dem Buch?
Ich möchte hier vor allem denjenigen, die sagen, daß man doch „More Than Two“ wegen dieser Geschehnisse – speziell als Frau – nicht einmal mehr mit der Zange anfassen dürfe, zusprechen, daß die Texte in „More Than Two“ bestenfalls zu 50% überhaupt von Franklin Veaux stammten – und eben zur guten Hälfte von Eve Rickert, die vor allem die journalistische Expertise einbrachte. Die „persönlichen Erfahrungsberichte“von beiden, die im ganzen Buch in Form kurzer Abschnitte und Anekdoten mit abgesetztem Druckbild verteilt sind, machen darüber hinaus nur einen sehr kleinen Teil des Projekts aus – auch wenn diese dem Werk einen sehr lebendigen Charme verleihen (oder in Unkenntnis der Hintergründe verleihen würden. Speziell die „Celeste-Geschichten“ von Franklin lese ich nun in einem ganz anderen Licht).
Der absolut überwiegende Teil des Buches besteht jedoch aus Informationen, aus Vorschlägen, aus Tipps und aus Denkanstößen. Das mehrseitige Literaturverzeichnis am Ende des Buches weist ebenfalls aus, daß auch Rickert und Veaux vor allem deshalb so weit schauen konnten, weil sie selbst schon auf Schultern von (literarischen) Riesen standen, die ihrerseits mit Fachliteratur zu Kommunikation, zum Selbst, zu Beziehungsführung oder Formen von Sexualität in Vorleistung gegangen waren. Der Geniestreich von „More Than Two“ war es vielmehr, endlich all diese vielfältige Information endlich an einem Ort zu sammeln und in einen Kontext von realisierbaren ethischen Mehrfachbeziehungen zu stellen.
Das „Gschmäckle“, wie der Schwabe sagen würde, liegt für mich daran, daß leider einer der Co-Autoren in dem Buch so viele wunderbare Dinge über „informierte Wahl“, „Aufrichtigkeit“ und „Transparenz“ schrieb, ohne daß er diesen Maßstab gründlich genug auf seinen eigenen Anteil angewandt hatte… Denn spätestens, als seine Webpräsenz in einigen wesentlichen Teilen in druckreife Form überging, scheint er keine Gedanken darin investiert zu haben, wie Anonymität und Persönlichkeitsrechte vorheriger Partner*innen sicherzustellen wären.
Franklin Veaux ist damit für mich vor allem in seinem Beziehungsleben ein korrupter Privatmensch, der aus meiner Sicht insbesondere des Tatbestandes schuldig ist, den wir mittlerweile als „Gaslighting“ beschreiben: eine Form von psychischer Manipulation, mit der Betroffene gezielt desorientiert, verunsichert und in ihrem Realitäts- und Selbstbewusstsein allmählich beeinträchtigt werden. Franklin hat seinen seinerzeit unleugbaren Einfluß in der Community dazu benutzt, im Nachgang die Integrität romantischer Partner*innen ohne deren Wissen öffentlich zu konterkarieren. Und wer polyamor lebt, hat das verhängnisvolle Potenzial, Schaden zu multiplizieren. Das ist schandbar und unwürdig. Vielleicht hätte er vorher sein Buch lesen sollen, in dem soviel Gutes dazu steht, wie dies zu verhindern wäre – bzw. es anderweitig eine rote Flagge sei, sich doch alsbald aus einer solchen toxischen Beziehung zu lösen…

An Stelle also einer Rezension:
Janet Hardy, eine der Autor*innen des Buchs „Schlampen mit Moral“ 4 (welches sich mit ethischer offener Beziehungsführung, Sexpositivität und Schlampentum auseinandersetzt), widmete „More Than Two“ in ihrem Vorwort die Zeilen: „Franklin und Eve sind eher so etwas wie ‚weise Nachbarn‘ – man denke an den Typen auf der anderen Seite des Gartenzauns in der Serie ‚Hör mal, wer da hämmert‘, ruhig, klug und witzig.“ – ich finde es die zutreffendste Beschreibung überhaupt, der auch mich in Gänze anschließe.

Denn für mich selbst war „More Than Two“ augenöffnend, insbesondere bereits in dem Aspekt, was Polyamorie ist – und was das Wörtchen „ethisch“ in „ethische Mehrfachbeziehungen“ ausmacht und welchen Wertegehalt es hat.
Von Anfang ist es beim Lesen dann , als ob man dann gewissermaßen einen Baum seinen Stamm empor verfolgt: Es gibt große, tragende Äste, Themenfelder in Hauptkapiteln – von denen dann zahlreiche dazugehörige Unterthemen abzweigen, die bisweilen hinein in detailreiche Aspekte, den Adern eines Blattes gleich, in aller Einzelheit erörtert werden. Zwischen den Zeilen wirkt es dann beinahe wie ein Dialog beider Autor*innen, die sich die verschiedenen Facetten wechselseitig zugespielt zu haben scheinen, bis ein ausführlich erörtertes Thema meist mit einer Liste an Fragen an die Leser*innenschaftschaft endet.
Mir hat beim Lesen geholfen, daß ich mich einige Jahre zuvor schon ein wenig mit Kommunikationsformen wie der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg oder der „Radikalen Aufrichtigkeit“ nach Brad Blanton beschäftigt hatte, so daß mir das Universum menschlicher Bedürfnisse nach Maslow und Rogers nicht völlig fremd war.
Doch ohne hier auf Wissenschaftlichkeit länger als nötig zu verharren, starten Veaux und Rickert in ihrem Buch dann gleich hinein in die grüne Realität romantischer Nahbeziehungen – nicht zuletzt mit der wichtigen Nahbeziehung zu sich selbst.
Jeder eingeführte Begriff wird hergeleitet und vom Gehalt erklärt – die grundlegenen Werte der Polyamorie kommen zur Sprache: Verbindlichkeit, Aufrichtigkeit, Transparenz, Augenhöhe (und warum es besser ist, diese zu haben), Integrität und Verantwortlichkeit.
Und daraus sprießen in gewisser Weise alle weiteren Kapitel. Aus heutiger Sicht vielleicht etwas „altmodisch“ wird auch dem Thema „Eifersucht“ in dieser Art begegnet: Mit der Arbeit am Selbst und dem überprüfen eigener Ressourcen (beides immer noch wichtige Hinweise – mittlerweile aber augmentiert durch die Bowlbysche Bindungstheorie).
Seine Sternstunden hat das Buch für mich, wenn es um persönliche Grenzen, Regeln, Absprachen und Vereinbarungen geht, um Hierarchien (oder keine), um das Einlegen eines Vetos und das individuelle Recht auf Privatsphäre, um Berechtigung und Teilhabe.
Es folgen absolut lebenspraktische Situationen rund um die Polyamory: Ob man das sg.„Scharnier“ („Hinge“) als Mitte einer Beziehung zwischen mehreren anderen Personen ist, ob man beschließt, sich als Paar für die Polyamory „zu öffnen“ (ausführlich!), ob eine mono/poly-Beziehung gelingen kann, oder ob es um ein Leben in Fernbeziehungen geht – bzw. wie das mit den Liebsten unserer Liebsten ist (Metamour-Beziehungen). Alle anhängigen Aspekte werden umfangreich beleuchtet und diskutiert.

Gelegentlich wird „More Than Two“ heute vorgeworfen, daß darin nicht genug über „Konsensbildung“ geschrieben worden ist – und sich in dieser Art Franklins mißbräuchliche Handschrift in der Konzeption abgebildet hätte. Dies kann ich nicht bestätigen – auch wenn das Wort „Konsens“ tatsächlich nicht zu den häufig genutzten Begriffen gehört. Rickert und Veaux verwenden allerdings stattdessen die Herangehensweise der „informierten Wahl“, die zur Ermächtigung aller Beteiligten stets hergestellt werden soll, so daß einmütige und gleichwürdige Entscheidungen daraus erfolgen könnten.
Allerschlimmstenfalls könnte man „More Than Two“ – ähnlich der „Gewaltfreien Kommunkation“ – hier vorwerfen, daß es eine eher stärkere Gewichtung auf die gut aufgestellte Autarkie einer für sich selbst eintretenden und verhandelnden Persönlichkeit setzt. Personen mit einer schwächer ausgeprägten Psyche oder rein verbaler Unterlegenheit könnten hier im Nachteil sein – was aber auf die meisten zwischenmenschlichen Systeme zutrifft, die nicht völlig gegen bewußt mißbräuchliche Manipulation in Anwendung gesichert wären.

Ebenso wird gelegentlich kritisiert, daß manche Abschnitte des Buches redundant (= die mehrfache Nennung/Wiederholung von Informationen) seien. Wenn dies als negativ wahrgenommen wird, empfinde ich das als „Geschmackssache“. Um bei meinem Bild des Baumes zu bleiben: Wenn Information wiederholt wird, dann meist, um daran zu erinnern, daß man sich auf einem Baum befindet – bzw. an welchen Hauptästen man bis hierher schon vorbeigekommen ist. Ich erlebe persönlich diese Erklärmethode als sehr hilfreich, da ich auf diese Weise meist in positiver Weise daran erinnert werde, welche Grundlagen ich bislang schon erworben habe – deswegen auch mein Bild des Baumes: Vom „Groben“ zum „Feinen“ und immer „Ausgefeilteren“. Wann immer ich heute „More Than Two“ nochmals in die Hand nehme, merke ich, daß ich „den Stamm“ und einige der großen Verzweigungen gut verinnerlicht habe – was mir dann sehr schnell hilft, mich wieder in die Zweige und Blätter hineinzufuchsen, deren Spezifika ich natürlich mal wieder nach und nach vergessen habe, wenn ich mich erneut orientieren möchte.
So bleibt das Buch aber auch nach vielen Jahren eine Informationsquelle für mich, die immer wieder einen Aha-Effekt bereithält.

Obwohl der polyamore Buchmarkt in Deutschland allmählich breiter aufgestellt ist, treffe ich nach wie vor zu viele Teile der Community, die im deutschsprachigen Segment lediglich „Schlampen mit Moral“ gelesen haben – und nun „alles über Polyamorie wissen, was es zu lesen gibt“.
„Schlampen mit Moral“ war aber von Hause aus urspünglich gar nicht als Polyamory-Buch konzipiert – und es unterstützt, wie ich oben sagte, in erster Linie Offenheit bezüglich der Partner*innenorientierung, Sexpositivität und (ethische) Promiskuität. Es ist für mich daher kein Wunder, daß vor allem maßgebliche Teile der deutschen polyamoren Gemeinschaft Polyamory noch immer sehr stark in diesen Aspekten diskutieren und definieren.
Wer leisere, präzisere und nachdenklichere Töne braucht, die aber daher mit einem gerüttelten Maß Selbsterforschung und Partner*innenwahrnehmung daherkommen, die*der lese bitte unbedingt nach wie vor „More Than Two“.

Auch wenn einer seiner Autor*innen es tragischerweise nicht geschafft hat, sich in seiner Lebensrealität an die explizit darin verschriftlichte Weisheit, die für alle unsere Beziehungen gilt, zu halten:
„Sei kein Arsch!“ (Original: Don’t be an arsehole)




¹ Eve Rickert & Franklin Veaux „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree Press, ursprüngliche Ausgabe 2014

Es gibt mittlerweile eine komplett allein von Eve Rickert und Andrea Zanin zusammengestellte Neuauflage:
„More Than Two, Second Edition: Cultivating Nonmonogamous Relationships with Kindness and Integrity“, Thornapple Press, 2024

² analog zu persona non grata (lat.) „unerwünschte Person“ – „liber non grata“ (lat.) = „unerwünschtes Buch“

³ Die archivierten Seiten von polyamory-metoo.com sind am besten über die Archivplattform internet archieve wayback machine zu erschließen (ab Juni 2019).

Die Betroffenen-Plattform itrippedonthepolystair.com ist nach wie vor aktiv.

Die Datenbanken der US-Bundesgerichte (PACER) zeigen keine Hinweise auf ein Strafverfahren, eine Zivilklage oder ein Gerichtsurteil im Zusammenhang mit Mißbrauchsvorwürfen gegen Franklin Veaux. PACER ermöglicht eine landesweite Suche nach Bundesgerichtsverfahren, und nichts in den verfügbaren Zusammenfassungen oder öffentlichen Kommentaren deutet darauf hin, dass jemals ein solcher Fall eingereicht wurde.

4 Janet W. W. Hardy & Dossie Easton: The Ethical Slut – a guide to infinite sexual possibilities, Greenery Press 1997
Deutsch: „Schlampen mit Moral: Erweiterte Neuausgabe: Warum es an der Zeit ist, Sex und Liebe neu zu denken – wie Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer gelingen können“, mvg-Verlag 2020

Zwei weitere deutsche Rezensionen von „More Than Two“ befinden sich übrigens HIER

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