Eintrag 24

Abhängigkeitserklärung

Schon seit dem ich mich mit diesem Projekt hier beschäftige, wollte ich im Kontext ethischer Mehrfachbeziehungen – wie sie ja auch die Oligoamory beschreibt – einen Artikel über das Thema „Co-Abhängigkeit“ schreiben.
Da ich mit der Oligoamory für einen hohen Nähefaktor, für Einlassungstiefe und Identifikation mit der Gesamtbeziehung werbe (siehe Eintrag 3 und Eintrag 4), halte ich eine Positionierung meinerseits dazu auch für wichtig.

Über dieses neuralgische Forschungsgebiet gibt es reichlich Literatur, sowohl in analoger als auch in digitaler Form, ferner ist dieses Phänomen Gegenstand sowohl des sozialmediznischen wie auch des psychologischen Gesundheitswesens, so daß für mich allein aufgrund meiner eingeschränkten Sachkompetenz nur eine persönliche Stellungnahme in Frage kommt.
Darum möchte ich hier meine Sicht als ein Mitwirkender in Mehrfachbeziehungen formulieren und auf diese Weise meine Betrachtung der Materie und meine Gedanken dazu teilen.

Grundsätzlich als verfänglich empfinde ich im deutschen Sprachbereich allerdings die gelegentlich unscharfe Begriffsbenutzung.
Das zugrunde liegende englische Wort „Codependency“ hatte sich im Laufe der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts vor allem in der Selbsthilfebewegung von Angehörigen suchterkrankter Personen entwickelt. Im Rahmen von Organisationen wie den „Anonymen Alkoholikern“ und insbesondere den Al-Anon-Familiengruppen, die sich ab 1970 auch in Deutschland zu bilden begannen, gelangte der Begriff, der linear als „Co-Abhängigkeit“ übersetzt wurde, auch hierzulande in den Sprachgebrauch. Die im Suchtkontext korrekte Verwendung des Begriffs bedeutet ja , daß „manche Bezugspersonen eines Suchtkranken dessen Sucht durch ihr Tun oder Unterlassen zusätzlich fördern oder selber darunter in besonderer Form leiden.“. Bereits früh wurde erkannt, daß auf diese Weise ein*e Angehörige*r einer/eines Suchtkranken quasi zum „Komplizen“ einer abhängigen Person werden konnte – wodurch sich eine Dynamik einwickelt, die im Englischen mit dem Wort „Interdependency“(!) abgedeckt ist, die im Deutsche allerdings korrekt mit „wechselseitiger Abhängigkeit“ übersetzt werden müsste.

Als in der ausufernden Selbsthilfewelle der Ratgeberliteratur und -kurse ab Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts dann aber der Sachverhalt „wechselseitige Abhängigkeit in Partnerbeziehungen“ als vermarktungsfähiges Thema entdeckt wurde, wurde von dem ursprüngliche Suchtkontext, der ja nur für einen begrenzten Konsumentenkreis zutreffend gewesen wäre, vielfach abgewichen.
Übrig blieb die „Co-Abhängigkeit“ – und zwar auch in Form der „wechselseitigen Abhängigkeit“, als Problematik von Personenbindungen in vielerlei sozialen Kontexten. Marketingtechnisch war dies ein grandioser Coup, da von nun an Ratgeber zum Thema „Co-Abhängigkeit“ für den gesamten großen Kundenkreis unglücklicher Beziehungen in Frage kamen – die wichtige Unterscheidung in der deutschen Sprache hinsichtlich wechselseitiger Abhängigkeit und echter „Co-Abhängigkeit“ (die als Voraussetzung einer diagnostizieren Sucht bedurfte) wurde allerdings sehr rasch immer mehr verwischt ¹.

Was durch den ehemaligen Zusammenhang jedoch haften blieb, war der Nimbus eines tragischen und im höchstem Maße behandlungsbedürftigen Verhängnisses, wenn von nun an ein Satz wie „Du/Ihr bist/seid ja co-abhängig…!“ in den Raum geworfen wurde.
Entsprechendes gilt übrigens für die in ähnlichen Zusammenhängen so beliebten Worte „toxisch“ und „pathologisch“, die – gerne auch in Kombination mit „Co-Abhängigkeit“– den Anschein diagnostischen Vokabulars vermitteln, jedoch keinerlei konkrete Beschreibung enthalten und vor allem sehr negative Gefühle und Ressentiments heraufbeschwören und damit oft reine Aburteilungen darstellen.

Auf der Beziehungsebene erzeugt das Fehlen eines konkreten Suchtzusammenhangs darum gelegentlich ein Verständnisproblem. Zunächst einmal könnte man ja dennoch versuchen, diesen Zusammenhang wiederherzustellen…
Wonach wären die Beteiligten dann eventuell süchtig? Nach einander? Nach der Beziehung? Nach dem gemeinsamen Glück?
Das klingt für den bunten Blätterwald der Ratgeberliteratur nicht besonders vielversprechend, nicht einmal, wenn wir die „Abhängigkeit“ jetzt wirklich im oligoamoren Sinne beim Schopfe packen wollten:
Denn meiner Meinung nach verzichten wir selbstverständlich in der Oligoamory auf einen Teil unserer (absoluten) persönlichen Freiheit, wenn wir Teil einer (Liebes)Beziehung werden. Dies tun wir, weil wir doch daran teilhaben wollen, daß aus den Elementen, die wir in eine Beziehung einbringen, zusammen mit den Potentialen der anderen Beteiligten ein Mehrwert für alle entsteht, der eben das berühmte „mehr als die Summe seiner Teile“ bietet (siehe dazu Einträge 7, 9 und 14). „In Beziehung gehen“ hat also auch immer direkt etwas mit einer gewissen Lust auf die Übernahme von Verantwortung (was übrigens ein Merkmal von Erwachsen-Sein ist!) und dem Willen zu berechenbarer Integrität (ich sag’s so gern nochmal: „Handeln in fortwährend aufrechterhaltender Übereinstimmung mit dem persönlichen Wertesystem“) zu tun.
Das funktioniert, selbst wenn wir das Geschehen in irgendeiner Beziehung zunächst ganz unverbrämt mehr oder weniger als Tauschgeschäft betrachten, z.B.: Eine Person arbeitet, die andere kümmert sich um den Haushalt. Indem beide Beteiligten ihren Anteil des (Emotional)Vertrages erfüllen, halten sie sich gegenseitig die andere Hemisphäre an notwendigen Aufgaben frei, so daß ein gemeinsamer Zugewinn entsteht. Und selbstverständlich sind auch diese beiden (unromantischen) Beteiligten dadurch in gewissem Sinne sogleich voneinander „wechselseitig abhängig“. Denn wenn eine Seite eben nicht verbindlich oder integer oder verantwortlich für ihren Teil einstünde, würden die zuvor ausbalancierten Vereinbarungen sofort zu Ungunsten der anderen Partei verschoben und der Mehrwert an gemeinsamer freier Zeit oder zusätzlicher Energie würde für beide verpuffen.
Ich bitte in Beziehungen an dieser Stelle also dringend um genügend Ehrlichkeit, daß sich die Beteiligten dieses von-einander-Abhängens – freiwillig und auf abgesprochene oder konkludente Weise – bewußt sind und es auch eingestehen. Im Alltag sammeln sich in jeder Verbindung zwischen Menschen nämlich schnell ein ganzes Bündel wechselseitiger, gemeinsam eingegangener Verbindlichkeiten und Selbstverpflichtungen an, bei denen es eine etwas beschämende Selbsttäuschung wäre, wollten wir uns als Erwachsene einreden „wir wüßten nicht, wie diese zustande gekommen wären“.
Allerspätestens in auf Liebe begründeten Beziehungen wäre dabei ja im günstigen Fall gerade nicht – um ein Bild zu benutzen – ein Sträflingspaar (oder -trupp) gemeint, welcher zwanghaft aneinander gekettet ist, durch den Anderen eingeschränkt und so lieblos wie verbissen seine Pflichten erledigt, sondern vielmehr ein Gleichgewicht dynamischer Spannung, wie bei zwei Kindern auf einer Wippe: Wenn einer abspringt oder sich schwer macht, funktioniert es eben nicht mehr (für Mehrfachbeziehungen mögen sich die Leser*innen sich jetzt schlicht eine geniale Multi-Wippe vorstellen, die umso besser funktioniert, je mehr die Spieler*innen um das allseitig gleichgewichtige Auf und Ab wetteifern…).

Wechselseitige Abhängigkeit “ per se ist also nach oligoamoren Maßstäben erst einmal kein behandlungsbedürftiger Makel, den es zu tilgen gilt, und sie ist in ihrer bewußten Form weder toxisch noch pathologisch.
Solch eine gut eingestellte – noch besser gut eingespielte – wechselseitige Aufeinanderbezogenheit stellt vielmehr eine engagiertes, dynamisches und offenes Binnenverhältnis dar, welches von regelmäßigen, gemeinschaftlichen Verhandlungen und (Nach)Justierungen profitiert.

Weil wir aber nicht allenthalben in einem stets bewußten und planvollen Idealzustand existieren (können), habe auch ich mich in meinem Beziehungsleben regelmäßig in Zusammenhängen wiedergefunden, in denen Anzeichen existierten, daß ein Verhältnis erhoffter, förderlicher wechselseitiger Aufeinanderbezogenheit trotzdem Verflechtungen von co-abhängiger Natur aufwies. Denn in gewissem Sinne können wir natürlich tatsächlich „süchtig“ nach einem Menschen, nach Beziehung oder nach Glück und Zufriedenheit sein. Und das ist fast immer dann der Fall, wenn unsere (unerfüllte) Bedürftigkeit bezüglich einem oder allen dieser Punkte die Oberhand gewinnt. Und Bedürftigkeit kann ein extrem starker Motivator sein, der uns lange Zeit antreibt, ohne daß wir willentlich oder wissentlich Notiz davon nehmen – oder schlimmer: der uns lange Zeit sogar an der Illusion festhalten läßt, daß wir es ja selber genau so im Guten wie im Schlechten „verdienen“ würden.

Die Psychotherapeutin, klinische Psychologin und Feministin Anne Wilson Schaef benannte in ihrem Buch „Co-Abhängigkeit. Die Sucht hinter der Sucht“ (seit 1995 deutsche Übersetzung, Heyne Verlag) hinsichtlich der Merkmale wechselseitiger Abhängigkeit u.a.:

  • Unausgewogene emotionale Situation und (Selbst-)Unehrlichkeit
  • Starke Orientierung nach außen und Selbstbezogenheit
  • Egozentrisches Verschmelzungsbedürfnis, Interpretations- und Kontrollsucht
  • Fehlende Flexibilität und Rechthaberei aus Angst

Da es für unseren Verstand sehr leicht ist, solche streng wirkenden Beschreibungen² als für einen selbst unzutreffend vom Tisch zu wischen, möchte ich uns einigermaßen sensible Menschen, die für sich ein Leben in harmonischen Mehrfachbeziehungen anstreben, anregen, hin und wieder innezuhalten und uns selbst hinsichtlich unserer Motivationen folgende nicht immer angenehme Fragen zu stellen (Ich selbst habe mich in jeder davon zu einem gewissen Grad wiedergefunden):

– Warum möchte ich Mehrfachbeziehungen führen?
– Soll Betriebsamkeit im Außen von einer Unausgefülltheit in meinem Inneren ablenken? Oder von meiner Unausgefülltheit, die ich in einer Bestandsbeziehung erlebe? Brauche ich darum die Aufmerksamkeit und Bespiegelung, die ich gerade durch mehrfache Verbindungen in unterschiedlicher Form erhalten kann?
– Möchte ich mir durch potentiell wiederkehrende Beziehungsaufnahmen meinen (Markt)Wert bestätigen? Brauche ich die Bestätigung vielleicht auch, um mir in meinen eigenen Wahrnehmungen sicher(er) zu sein?
– Bin ich verliebt in die Liebe, so daß ich mich vor allem dann spüren kann, wenn ich eine sehr starke Verliebtheitsaufwallung erzeuge (siehe auch Eintrag 23)?
– Wie sehr versuche ich meine Unzulänglichkeiten zu verbergen? Oder gehe ich mit einigen von ihnen eventuell „hausieren“ und instrumentiere sie, um Empathie zu erhalten?
– Kokettiere ich mit meiner Selbstzuschreibung als „unentbehrlicher Provider und Problemlöser“? Bin ich mir ziemlich sicher, daß ohne mich alles zusammenbrechen würde oder die Anderen „nichts auf die Reihe kriegen“ könnten?
– Schätze ich Anerkennung für meine alltäglichen Mühen als besonders hoch ein? Mache ich regelmäßig auf diese aufmerksam, weil ich glaube, in meiner Auslastung nicht genug gesehen und gewürdigt zu werden?
– Welcher Bindungsstil (sicher, ängstlich, besitzergreifend, abweisend [siehe auch Eintrag 14]) hat mein Aufwachsen maßgeblich begleitet? Tendiere ich dazu einen bestimmten persönlichen Stil dahingehend in meinem erwachsenen Beziehungsleben immer wieder herbeiführen zu wollen (siehe dazu auch Eintrag 21)? Wünsche ich mir mein Leben lang Prinz*essinnen, die ich dann hoffnungsvoll gegen die Wand werfe, nur um bisher festzustellen, daß ich mein Leben überwiegend mit lädierten Fröschen verbringe³?
– Neige ich dazu, manchmal in Kategorien wie „Wir gegen den Rest der Welt“ zu denken?
– Irritieren mich Routineveränderungen, da sie für mich unharmonisch wirken und den Einklang stören?
– Wünsche ich mir „Licht und Liebe“ und anhaltende Leichtigkeit, weil aggressive Potentiale oder Fragen,die ich nicht gleich beantworten kann, sich oft wie erschütternde, persönlichkeitsrelativierende Fundamentalkritik für mich anfühlen?
– Stelle ich mich „um des lieben Friedens willen“ hintan, weil sonst Anerkennung, Zuneigung und Achtung für mich auf der Kippe stehen?
– Habe ich meine Rolle des „um-alle(s)-Gedanken-Machers“ manchmal ganz gern? Bin ich manchmal versucht zu glauben, daß ich darum auf den/die Anderen „aufpassen“ müsste und sehe mich gelegentlich sogar in eine Art „Wächter-“ oder „Netzhalter“-Funktion? Aber kann ich genau genommen eigentlich sowieso nichts ändern?
– Glaube ich, daß meine Beziehung zu eine Person diese positiv beeinflussen kann?
– Korrespondiert meine Verantwortung, die ich für die Gesamtbeziehung übernehme, noch mit der Verantwortung, die ich für mich selbst aufzuwenden bereit bin?
– In wieweit habe ich mich „in meinem Leben eingerichtet“? Wie steht es mit meinem Eifer, der Art der Energie und dem Grad meiner Gefühlsaufwallung, wenn ich meinen Standpunkt oder eine meiner Eigenschaften vermitteln bzw. verdeutlichen will?
– Mit welcher Intensität erlebe ich die Emotionen meiner Gegenüber – verliere ich dabei gelegentlich die Übersicht, wer was spürt (Hallo Hochsensible!)?
– Wie ist die Bewertung in meinem Kopf, wenn ich „Unterschiede bedeuten Verschiedenheit, Verschiedenheit bedeutet Abweichung, Abweichungen bedeuten Differenzen“ lese (oder mir dazu ein konkretes Beispiel vorstelle…)?


¹ Das Problem mit der Begriffsabgrenzung bzw. der eher universellen Verwendung des Wortes „Codependency“ auch in Zusammenhängen, in denen richtigerweise „Interdependency“ hätte gebraucht werden müssen, existierte bereits auch schon im angloamerikanischen Sprachgebrauch. Siehe auch die folgende Fußnote zu A. Wilson Schaef.

² Als ich mich zur Halbzeit dieses Artikels mit dem Ansatz von Anne Wilson Schaef auseinandersetzte, geriet ich für kurze Zeit in eine Sackgasse, weil ich den Zusammenhang zum Abhängigkeitskontext nicht sofort mitvollziehen konnte.
Schließlich verstand ich, daß Wilson Schaef und ihre Mitdenker*innen auf eine globale und systemimmanente Problemstellung aufmerksam machen wollen:
Wir alle leben immer noch in „Abhängigkeits(er)haltung“, indem wir in politischen Systemen wie auch in sozialen Gruppen leben, die in ihren Strukturen und Mechanismen Abhängigkeit unterstützen und sogar z.T. belohnen. Z.B.: Qualifizierte Kritik oder Lob kann nur von „außen“ kommen; bestehende Verhältnisse sind nicht zu hinterfragen; Selbstaufopferung und Selbsthintanstellung gelten als gesellschaftliche Tugend; „Liebesdienste“ werden selbstverständlich, unentgeltlich und gerne erbracht; wer Mehrwert oder Wissen besitzt, soll darüber sparsam verfügen – Untergebene oder Schüler werden mit einem hinreichenden Mindestmaß bei der Stange gehalten, etc.
Im feministischen Diskurs wird vor allem kritisiert, daß weltweit vor allem immer noch Frauen unter dieser Abhängigkeits(er)haltung leiden (siehe auch letzter Absatz von Eintrag 5!).

³ Die Autorin Vicky Gabriel schrieb in ihrem Buch „Wege zu den alten Göttern“ (Arun-Verlag 2002) dazu: „Wer als Hilfeleistender […] meint, genau zu wissen, was für den Hilfesuchenden gut und richtig sei bzw. was dieser tun müsse, um aus seiner Misere herauszukommen, kann diesen offensichtlich nicht in seine eigene Freiheit und Reife entlassen, da er unfreie und unreife Individuen in seiner Umgebung braucht, um sich im Vergleich dazu aufwerten zu können. Oh, ich habe mich jahrelang darüber gewundert, warum in meiner Umgebung nicht endlich jemand auftaucht, der »so ist wie ich«! Warum? Weil ich diese Menschen nicht zugelassen habe – mangels Selbstbewußtsein versammelte ich »arme, hilfsbedürftige Seelen« um mich, die ich dann hingebungsvoll und aufopfernd »unterstützen« konnte und im Vergleich zu denen ich unglaublich gut dastand.“

Danke an Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay für das Foto.


Hinweis: Menschen mit Borderline- (ICD 10, F60.31) oder narzisstischer Persönlichkeitsstörung (ICD 10, F60.8) und deren Angehörige, die aufgrund dieser Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko von Co-Abhängigkeit leben, ziehen im Zweifelsfall bitte weder diesen noch irgendeinen anderen Ratgeber-Artikel zu Hilfe, sondern suchen bitte unbedingt professionelle Unterstützung!

Eintrag 23

Sind Sie hochsensibel?

Es war diese Frage, unter der die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron im Jahr 2005 erstmals in Deutschland ausführlich über ein psychologisches und neurophysiologisches Phänomen informierte, welches etwa jeden 6. Menschen (irgendwo zwischen 15 und 20% der Bevölkerung) betrifft.
Ich möchte mich in diesem Eintrag hier mit den physiologischen Grundlagen der Hochsensibilität nicht zu sehr auseinandersetzen – und damit einen bislang andauernden Expert*innenstreit auslassen, ob Hochsensibilität (auch als Hochsensitivität oder Hypersensibilität bekannt) nun vorrangig ein Zustand aufgrund anders verschalteter neuronaler Reizübertragung im Gehirn, übermäßiger Ausschüttung von Botentransmitterstoffen an den Synapsen, einem Defizit in der relevant/irrelevant-Filterung von Sinneseindrücken oder gar eine rein psychologische Konditionierung aufgrund bestimmter Lebenserfahrungen (oder alles zusammen) ist.
Die Hochsensibilität ist seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts ein vielbeachteter Forschungsgegenstand, der mittlerweile dank intensiver Bemühungen eine Vielzahl von Studien und Fachpublikationen hervorgebracht hat – und der durch das Engagement fleißiger Sachbuchautor*innen auch einem Laienpublikum gut verständlich und von verschiedenen Aspekten her verständlich aufbereitet wurde.

Oligoamory ist das Thema dieser Seite, ich bin der Autor dieses bLogs – und wenn mich jemand fragt „Hochsensibilität und Oligoamory – hat das etwas miteinander zu tun?“, dann antworte ich „Mit jedem Buchstaben – denn als hochsensible Person (HSP) betrachte ich mich selbst auch!“.
Warum also meine ich, daß Oligoamory eine Beziehungsphilosophie ist, die für hochsensible Menschen günstig im Sinne von „gemäß, förderlich und dienlich“ ist? Oder vielmehr: Warum nähert sich ein hochsensibler Mensch wie ich sich dem Thema Mehrfachbeziehungen und ethischer Non-Monogamie mittels der Herangehensweise eines Projektes wie der Oligoamory?

Um ein wenig „Theorie“ werden wir zunächst bei der Beantwortung dieser Fragen allerdings doch nicht herumkommen. Selbstverständlich wünsche ich mir, daß etliche meiner Leser*innen, wenn sie diesen Eintrag hier lesen, bereits mit dem Phänomen der Hochsensibilität ein bißchen vertraut sind, welches in Deutschland zugleich aber immer noch oft mit Begriffen wie „sensibel“, „empfindsam“, „zart besaitet“ und „überempfindlich“ konnotiert wird.
Ein wenig Aufklärung scheint mir da als Betroffener in jedem Fall weiterhin nützlich zu sein.
Für die ganz Neugierigen, die sogleich wissen wollen, ob das Merkmal der „Hochsensibilität“ auch auf sie zutreffen könnte, bietet das Internet mittlerweile zahlreiche Schnelltests an.

Von Betroffenen für Betroffene:
http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

Einigermaßen wissenschaftlich nüchtern:
https://www.psychomeda.de/online-tests/test-fuer-hochsensibilitaet.html

Und hier eine ganze Online-Seite mit ganz vielen Links zu verschiedenen Hochsensibilitätstests – für alle, die es ganz genau wissen möchten:
https://einfach-hochsensibel.de/hochsensibel-test-liste

Meiner Erfahrung nach sollte man tatsächlich die Ausdauer aufbringen und mehrere Tests durchlaufen, obwohl viele Fragen insgesamt eine ähnliche Richtung haben. Es hat sich für mich aber erwiesen, daß ein „begründeter Verdacht auf eigene Hochsensibilität“ wirklich (erst) dann vorliegt, wenn man diese Schnelltests regelmäßig mit einer Wahrscheinlichkeit von 90+% abschließt – und dann ist die Zeit gekommen, diese faszinierende Materie weiter zu erkunden.

Dazu haben sich in meiner Bibliothek nach und nach einige Bücher angesammelt, die Besten davon möchte ich Euch hier kurz vorstellen:

Einsteigerlevel:
Georg Parlow, „Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen“, Festland Verlag, 5. Auflage 2015.
Trotz des Titels sehr gut erklärter „Rundumschlag“ zum Thema, alle Bereiche des eigenen Lebens, die mit der Hochsensibilität zu tun haben, werden kurz angesprochen.

Sylvia Harke, „Hochsensibel: Was tun? Der innere Kompass zu Wohlbefinden und Glück “, Via Nova Verlag, 7. Auflage 2014.
Noch ausführlicher als Parlow, sehr gründliches Einsteigerbuch, sehr mitfühlend formuliert, bereits mit konkreten Alltagstipps und Selbsthilfe.

Fortgeschrittene:
Elaine N. Aron, „Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen“, mvg Verlag, 10. Auflage 2015.
Der „Klassiker“ der „großen Dame der Hochsensibilität“. Selbsttest, vollumfängliches Material zum Thema, Stimmen von Betroffenen. Kleines Minus: Gelegentlich nüchterner Stil.

Susan Marletta-Hart, „Leben mit Hochsensibilität: Herausforderung und Gabe“, Aurum Verlag, 8. Auflage 2015.
Mein „Geheimtipp“, jedoch leicht esoterisch/fernöstlich vom Ansatz. Dadurch allerdings sehr persönlich und abseits vom HSP-Mainstream formuliert.

Profis:
Elaine N. Aron, „Sind Sie hochsensibel?: Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen. Das Arbeitsbuch“, mvg Verlag, 1. Auflage 2014.
Schluß mit Theorie – runter vom Sofa! Mit diesem Arbeitsbuch kannst Du alle Aspekte Deiner Hochsensibilität selber erforschen – für Mutige und Anpacker*innen.

Andrea Brackmann, „Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel?: Die seelischen und sozialen Aspekte der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen“, Klett-Cotta Verlag, 10. Auflage 2019.
Gründlich wissenschaftlich-psychologische Betrachtung des Themas aus medizinisch-therapeutischer Sicht.

Mit diesen Grundlagen im Gepäck können wir uns endlich der Frage nähern, warum Hochsensible in der Oligoamory gut aufgehoben sind – und warum die Oligoamory von den Hochsensiblen profitiert.

Ganz zuvorderst steht ja der Aspekt der Non-Monogamie. Ich persönlich glaube, daß Mehrfachbeziehungen für Hochsensible besonders geeignet sind, weil diese dort die vielfältigen Nuancen und Facetten ihres reichen inneren Seins, insbesondere in ihren sozialen Dimensionen, erkunden und erfahren können – und vor allem: dürfen.
Dieses Potential ist für die Hochsensiblen aufgrund des hohen sensoriellen Inputs und ihrer oft tiefgründigen inneren Reflektionsprozesse allerdings stets mit einem dicken „ABER“ versehen. Im gleichen Maße wie Hochsensible durch das Ausleben ihrer natürlichen Rolle als „soziales Schmieröl“ in partnerschaftlichen und gruppenbezogenen Zusammenhängen enorm an Lebensqualität gewinnen, so benötigen sie ebenso einen angemessen definierten Schutz- und Rückzugsraum für sich, um – bleiben wir beim „Schmierölbild“ – sich von allzu vielen verwirrenden Eindrücken und Fremdenergien beizeiten auch in Ruhe zu „klären“. Hier kann ein Modell wie die Oligoamory mit ihrem verbindlich-nachhaltigen Ansatz genau den Rahmen bieten, der für die Hochsensibilität die so wichtige Mischung aus Freiheit und Verbundenheit gewährleistet.

Viele HSP haben insgesamt in sehr vielen Situationen überhaupt Probleme mit ihrer eher instabilen, etwas „flirrenden“ Außenabgrenzung. Sich aufdrängende Reize über sämtliche Sinnesportale, seien sie optischer, akustischer, aromatischer, olfaktorischer oder haptischer Natur; eine gelegentliche, regelrechte Vernarrtheit in Details (und damit einhergehend häufig eine gewisse Strenge gegenüber sich selbst am Rande des Perfektionismus); Fremdemotionen- und -gefühle, die z.T. wie eigene Eindrücke empfunden werden (und damit eine etwas übermäßige Selbstzuschreibung von Verantwortung dafür) sind stets wiederkehrende Herausforderungen.
Da das neuronale „Kostüm“ von Hochsensiblen dadurch eher schnell auch bei geringfügigen Anlässen in einen Zustand übermäßiger Aktivität versetzt werden kann, ist eine Folge, die der Ehemann von Elaine N. Aron, nämlich Art Aron, in seinem namhaften (und von mir schon in Eintrag 15 erwähnten) „Brückenexperiment“ belegt hatte, daß diese dazu tendieren sich schneller zu verlieben. Und sich manchmal schon nach kurzer Zeit verkatert wundern, an wen sie da geraten sind. Für Hochsensible ist also eine „geöffnete“ Beziehungsform auch in dieser Hinsicht günstig, da sie regelmäßig mit der Tatsche konfrontiert werden, vermutlich für mehr als eine Person intensive Gefühle zu hegen. Da Hochsensible aber durch genau den selben Mechanismus buchstäblich rasch „den Boden unter den Füßen verlieren“ und (zu) schnell bereit sind, sich auf einen Steilflug zur rosaroten „Wolke 7“ einzulassen, benötigen sie gleichzeitig unbedingt Stabilität und die Möglichkeit zur Erdung als Gegengewicht.
Für Hochsensible drohen aufgrund des leicht zugänglichen „Hormonkicks“ hier tatsächlich zwei Gefahren: Einmal „verliebt in die Liebe“ zu sein und dadurch an Partnerschaften zu idealistisch heranzugehen, wodurch potentielle Partner, wenn diese es wagen irdisch-menschliche Schwächen zu zeigen, vorschnell „aussortiert“ werden – da dies dann nicht mehr in der romantischen Verklärung oder dem perfekten Bild des Hochsensiblen unterzubringen ist. Zum anderen das Phänomen des „NRE-Junkies“ [von NRE = New-Relationship-Energy, deutsch etwa „Neu-Beziehungsenergie – eben der anfängliche Verliebtheitsblitz]. Hier können Hochsensible irgendwann wie Süchtige (was sie dann tatsächlich auch sind!) von Beziehungsaufnahme zu Beziehungsaufnahme taumeln, schlicht weil sich der „Emotionsflash“ am Beginn einer neuen Beziehung so gut anfühlt, daß man nicht genug von diesen „Kicks“ bekommen kann.
Übersichtliche, kleine Beziehungsnetzwerke, wie die Oligoamory sie anstrebt, bieten Hochsensiblen hingegen die Gelegenheit, ihre wesentlich größere Trumpfkarte, nämlich die Chance auf intensive Tiefenerfahrung, auch ausspielen zu können, wodurch gerade die langfristig zufriedenstellenden und sättigenden Wahrnehmungen und Erkenntnisse erst ausgelöst werden, die im Leben einer hochsensiblen Person stille aber gewaltige Höhepunkte bilden.
Ich stimme an dieser Stelle zu, daß selbstverständlich auch kleine (Beziehungs)Netzwerke irgendwann einmal mit einer ersten Begegnung anfangen – gerade dort ist es für hochsensible Personen jedoch besonders wichtig, für sich sofort auf den „Nachhaltigkeitsfaktor“ (siehe auch Eintrag 3) zu achten, um sich mit Menschen zu verbinden, die dem Merkmal der Hochsensibilität wertschätzend gegenüberstehen, so daß eine tragfähige Basis geschaffen werden kann. Um ein Bild zu benutzen: Es hat ja z.B. wenig Sinn eine ausgeklügelte und vollumfängliche ökologische Ernährung zu etablieren, indessen aber die Speisen jedes Mal auf einem Einmalgrill oder Wegwerfkocher zuzubereiten…

Gerade in (Mehrfach)Beziehungen gibt es indessen einen weiteren Faktor, der für HSP sowohl Talent als auch Fluch sein kann. Die oben erwähnte Autorin Susan Marletta-Hart zitiert diesbezüglich die niederländische Dichterin Margaretha Vasalis, die dieses Geschehen „Tentakeln, die ins andere Sein hineintasten“ nannte. Sehr leicht ist auch in diesem Bild der Wunsch nach Zusammenfluß und intensiver Verbindung zu erkennen, was für Hochsensible quasi ihrer Natur entspricht.
Indem es aber tatsächlich so sehr „ihrer Natur entspricht“ stellt es auch einen Modus dar, den HSP sehr wenig bis gar nicht unter Kontrolle haben (es sei denn, sie beschäftigen sich im Rahmen der Erforschung ihrer eigenen Hochsensibilität sehr gründlich damit – und selbst dann wäre es, als ob man sich freiwillig einen Arm auf den Rücken binden würde…). Buchstäblich also „können sie nicht anders“.
Dies kann sich in mehrfacher Hinsicht für die Beziehungsqualität problematisch auswirken. Zuvorderst steht für die HSP selbst der bereits angesprochene Aspekt der potentiellen Vermischung von Selbst- und Fremdgefühlen. Direkt an zweiter Stelle – und auch zu einem deutlichen Maß damit zusammenhängend – wirkt sich die unbewußte Komponente, das „nicht-anders-Können“ dieses Prozesses aus, indem die Menschen, in die sich die „Tentakeln“ der HSP „hineintasten“, auf gewisse Weise immer ein klein wenig bei diesem Vorgang entmündigt sind. Und, wie schon Marshall Rosenberg in der Gewaltfreien Kommunikation anmerkte: „Unfreiwiligkeit“ wird schnell als Zwang empfunden und kann Konflikte auslösen (oder tiefer in solche hineinführen).
Die Verantwortung, die HSP für ihre besondere Konstitution haben, ist an dieser Stelle sehr hoch – und auch hier kann eine Beziehungsform, die in einem berechenbaren und integeren oligoamoren Rahmen geführt wird, alle Beteiligten enorm unterstützen:
Hochsensible verfügen dank ihres insgesamt sehr reizempfindlichen Sinnessystems ohnehin bereits über eine sehr „hochauflösende“ Wahrnehmung. Für jede Gruppe stellen sie dadurch im Guten einen äußerst empfindungsfähigen Herzpol wie auch ein empfindliches Frühwarnsystem dar. Gleichzeitig ist diese Fähigkeit für die HSP selbst schnell Grenzgängerei, bei der die Gefahr besteht, daß sie andere ungefragt spiegeln oder ihnen sogar Ratschläge erteilen, insbesondere der Marke „Ich weiß doch, daß es bei Dir so ist…“. Aufgrund ihrer ausgeprägten Beobachtungsgabe und der Empathiefähigkeit, über die manche HSP (aber NICHT alle!) verfügen, treffen sie damit sehr oft sogar ins Schwarze. Wenn wir uns allerdings an das letzte Mal erinnern, an dem uns jemand einen schmerzlich richtigen Ratschlag erteilt hat, dann spüren wir recht genau, daß so eine Form von Treffsicherheit nicht immer angenehm sein kann. Sowohl für die Hochsensiblen als auch für ihre Umgebung ist es daher ebenfalls wichtig, wenn sie sich wirklich in einer liebevollen Beziehung miteinander befinden, sorgfältige Kommunikationsmodelle wie z.B. gewaltfreie Kommunikation oder radikale Ehrlichkeit (siehe zu beiden Eintrag 20) zu praktizieren, um dabei das allseitige Wohlbefinden zu erhalten.
Hochsensible, die unter Stress stehen, schlecht erholt sind oder von Sorgen/Ängsten geplagt werden, können nämlich, wenn ihre genauen Wahrnehmungen dann auf der emotionalen Ebene auf das Gemenge aus Selbst- und Fremdgefühlen treffen, regelrecht in „Empfindungen ertrinken“. Dann mischen sich auch in ihre Beobachtungen Interpretationen und Bewertungen, die durch eigene Filter wie etwa Verlassensängste, Neid oder Eifersucht beeinflusst sind und ihr Gefühlsreichtum führt sie alsbald in eine innere Schreckenskammer aus Annahmen und Befürchtungen. Dies tut eine HSP nicht aus Boshaftigkeit, sondern sie wird in so einem Fall buchstäblich Opfer ihrer eigenen, sonst oft so nützlichen, Potentiale.

An dieser Stelle ist gut zu erkennen, warum ich bereits einen Eintrag wie die Nummer 11 verfasst habe, in dem ich mich eingehend mit den „guten persönlichen Gründen“ beschäftigt habe, die bei nahezu jeder und jedem von uns hinter unserem tagtäglichen Handeln stehen.
Denn auch für uns Hochsensible bleibt es wichtig zu beherzigen, daß wir Menschen, die in einem Universum der Fülle und der Möglichkeiten existieren, unglaublich komplexe Wesen sind. Daher sollten gerade wir unseren Erfahrungshorizont so wenig wie möglich mit Interpretationen und Annahmen beschränken und stattdessen unsere immense Fertigkeit der Offenheit und faszinierten Neugierde pflegen.
Dazu ist es enorm förderlich, wir insbesondere unsere exzellente Wahrnehmung organisch und entwicklungsfähig erhalten: Erlebe ich heute wirklich das Gleiche „wie immer“? Oder ist es nur vermeintlich „gleich“? Für eine wirklich neutrale Kamera, für ein Kind oder für ein Wesen aus dem Weltraum, daß noch nie zuvor auf unserer Erde gewesen ist, geht z.B. unsere Sonne jeden Tag neu und einzigartig auf. Da tut es gut, sich wiederholt daran zu erinnern, auf daß man nicht vermeintliche Weisheit mit (gelangweilter) Erwartung verwechselt.

Auf diese Weise – und durch eine Mischung guter und weniger guter Erfahrungen damit – habe auch ich als Hochsensibler nach und nach gemerkt, daß es für mich günstig ist, eher ein „Weniger“, dieses dafür aber intensiv und in möglichst reichhaltig Bandbreite und Tiefe, auszukosten. Die allermeisten HSP sind ihr Leben lang mit einem ähnlichen „Feintuning“ aufgrund hoher Reizwahrnehmung und starkem innerem Erleben – und darum dem beständigen sortieren-Müssen zwischen „Weiter vertiefen?“ oder „Doch lieber auslassen…“ – beschäftigt.
Mit der Oligoamory möchte ich dazu einladen, sich mit seinen erwählten Liebsten ein Spielfeld zu erschaffen, auf dem aufgrund von wechselseitigem Respekt und Entdeckerfreude für alle Beteiligten überwiegend gute und sichere Erfahrungen gemacht werden. Dies gilt insbesondere für die für HSP so wichtigen Selbst- und Fremderfahrungen, die auf diese Weise zu Selbst- und „Vertrauterfahrungen“ geraten können.

Ich danke heute den Leser*innen, die sich mit mir auf diese kurze Reise in das Reich der Hochsensibilität eingelassen haben, egal, ob sie selber zu dessen Bewohner*innen zählen oder ob sie einen (oder mehrere) liebe/n Menschen haben, auf die dieses Merkmal zutrifft. Von unserem gemeinsamen Verständnis füreinander profitieren wir alle.



Danke an MartisFuksu auf pixabay.com für das Foto.

Eintrag 22

Wüste(n)zeit

Es gibt ja so Momente im Leben, da scheint es einfach nicht vorwärts zu gehen. Stillstand. Das nervt – insbesondere, wenn es Seiten betrifft, die einem eigentlich wichtig sind. Aufbruchsstimmung, Kreativität, Progressivität, ergriffene Eigeninitiative, freudige Erwartung – und plötzlich ist es, als ob man ein Auto ohne Getriebe wäre: Der Motor läuft zwar noch mit hohen Touren, doch nichts bewegt sich irgendwie. Schlimmer: Der Motor macht auch Krach und verbraucht Energie – aber es geht trotzdem nicht vom Fleck.
Das ist frustrierend – und „Frustration“ bedeutet ja laut Brockhaus-Definition (19. Aufl. 1989) „Erlebnis der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Benachteiligung oder Versagung, das sich als gefühlsmäßige Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung (Enttäuschung), z.B. infolge des Scheiterns eines persönlichen Plans oder der teilweise oder gänzlich ausbleibenden Befriedigung primärer und sekundärer Bedürfnisse einstellt. Frustration kann einerseits zu konstruktiver Verhaltensänderung führen, löst aber häufig regressive, aggressive oder depressive Verhaltensmuster aus.“

Bevor es jetzt sofort zu theoretisch wird, erst mal lieber ein persönliches Beispiel:
Vor drei Jahren in eine ländliche Gegend umgezogen und optimistisch gehofft, daß sich das mit dem Mehrfachbeziehungsleben doch schon weiter darstellen würde. Mit dem Internet ist Mensch ja überall mit der ganzen Welt verbunden…
2018 dann allerdings, nachdem die Nonmonogamie-freundliche Datingplattform OkCupid ihre Suchheuristik verändert hatte, mein dortiges Profil gelöscht. Trotzdem weiter das eigene Licht im Netz bei Facebook und JoyClub* leuchten lasse. Zu meinen Erfahrungen mit diesen beiden Angeboten könnte ich hier eine ausführliche Geschichte schreiben – aber ich belasse es mal bei letztem Monat. Da habe ich dann den Joy-Account auf den Tag genau nach zwei insgesamt glücklosen Jahren aufgelöst. Und vor drei Wochen bin ich auch noch aus dem letzten polyamoren Facebook-Forum ausgestiegen (Im wiederkehrenden Wochentakt Fragen – und vor allem die nachfolgenden antioligoamoren Debatten – der Kategorien „Und wiiiie macht ihr das mit euren Kiiiindern…?“ oder „Und waaaann muß man denn dem neuen Date erzählen, daß man noch eine andere Beziehung führt…?“ können über Jahre auch den härtesten Keks kleinkriegen…).
Der noch am ehesten in der Nähe befindliche Polystammtisch ist einmal im Monat in der nächsten größeren Metropole 50 Auto-km entfernt – und überhaupt: Das ist ja kein Kontakthof, wo ständig neue tolle Partnermenschen hereinströmen…
Also wieder Poly-Single. Ja. Nein, Blödsinn – gut, ich lebe ja in einer Beziehung… – aber auch als „Duo“ ist Mensch eben noch kein Polykül, auf jeden Fall keine Mehrfachbeziehung, ach, was weiß denn ich, ich hoffe einfach, Ihr versteht, was ich meine.
Und nun schweigt auch noch das Mobiltelefon, der Mail-Posteingang bleibt leer und der Datenstrom der täglichen Dutzende dieser „XYZ hat einen Beitrag gepostet“-Meldungen ist (endlich?!) versiegt…
So.

Und jetzt?
Jetzt kommt der Moment, sich mit der oben erwähnten gefühlsmäßigen Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung auseinanderzusetzen.
Und das ist bei mir nicht so großartig, da ich statt der ebenfalls oben erwähnten Chance zur „konstruktiven Verhaltensänderung“ dann eher zu den ebenfalls aufgeführten „regressiven und depressiven Verhaltensmustern“ neige.
Na toll.
Frustration, in Unterdeckung verbleibende Bedürfnisse (Austausch, Freundschaft, Gemeinschaftlichkeit, Intimität, Kontakt, Verbindung, Zugehörigkeit – um da mal nur ein paar zu nennen…) – und oben drauf dann auch noch Depression.
Farblos, freu(n)dlos, antriebslos, aussichtslos, leblos.

Depressionen – und mit Depressionen kenne ich mich ein bißchen aus, da sie mich auch außerhalb von Dimensionen potentieller Mehrfachbeziehungen bereits mein Leben lang mal mehr, mal weniger, verschiedentlich geplagt haben – haben aus meiner Sicht vor allem die mehr als lästige Eigenschaft, daß sie so „klebrig“ sind. Der Ostwestfale in mir würde spontan sagen „daß sie so an einem backen“ – und das empfinde ich als gerade das richtige Bild: Es ist von der Hartnäckigkeit, als hätte man einen Hefeteig auf einem nicht gefetteten Blech gemacht – und nun „klebt“ die Sache an einem wie ein sedimentartiges Konglormerat. Mit einer so zähen und porentiefen Anhaftung, daß Mensch an manchen Tagen schon nicht mehr auseinanderhalten kann „Wo höre ich noch auf und wo beginnt ‚Es‘ schon?“. Darum fühle ich sehr mit jenen Leuten mit, die sich an manchen Tagen geradezu mit ihrem „schwarzen Hund“ identifizieren, für die dann alles mit Dunkel übergossen scheint oder, wie nur Rainer Maria Rilke es noch besser ausdrücken konnte, denen ist „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“¹.

Das besonders Scheußliche an so einer Lage ist, daß wir, die wir heute in einer derart leistungsorientierten Welt leben, dann schnell überzeugt sind, daß depressive Zustände und Menschen, die sich darin befinden, sowohl volkswirtschaftlich als auch sonst recht wert- und nutzlos sind. In westlichen Industrienationen ist diese Ansicht so weit verbreitet, daß sich sogar die Betroffenen selbst schon derart beurteilen – was ihren Zustand meist zusätzlich noch verschlimmert und sehr oft darum chronifiziert. „Volkskrankheit“ heißt es dann schnell. Da kann man wenig machen.

Ja, bei so einem fest eingefahrenen Glaubenssatz, bei so einer Be-Urteilung – da würde ich auch sagen: Da kann man wenig machen.

Was aber, wenn diese Be-Urteilung nicht zutreffend wäre?
Was, wenn Depression einen „Nutzen“ – oder meinethalben sanfter „eine wichtige Funktion“ hätte, die sogar für das Führen von verbindlich-nachhaltigen (Mehrfach)Beziehungen von grundsätzlicher Bedeutung sein könnte?
Der von mir schon häufiger zitierte amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Scott Peck nennt den langen dunklen Fünfuhrtee der Seele² „Die Arbeit der Depression“.
Allein diese Beschreibung zeigt, daß er, ebenso wie ich eingangs, verdeutlichen möchte, daß Depression keineswegs unweigerlich mit „Stillstand“ gleichzusetzen ist. Denn der Motor läuft ja durchaus, auch wenn es gerade „nicht von der Stelle zu gehen“ scheint.
Trotzdem ist Scott Peck seinerseits ebenfalls völlig klar darin, daß „Depression“ auf jeden Fall zu den grenzwertigen Zuständen des menschlichen Lebens zählt. Und um dies zu verdeutlichen, greift er dahingehend auf die Erkenntnisse der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross zurück, die in ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden“ (Original „On Death and Dying “ , 1969) die Depression als eine der fünf Phasen des Sterbeweges eines Menschen identifiziert hatte: 1) Leugnung, 2) Zorn, 3) Verhandeln, 4) Depression und schließlich eventuell 5) Akzeptanz.
Scott Peck selbst schreibt zur Veranschaulichung dazu:
»Sagen wir zum Beispiel, da ist ein Makel in meiner Persönlichkeit, und meine Freunde beginnen mich deswegen zu kritisieren.
Meine erste Reaktion ist, dass ich es abstreite: Sie ist diesen Morgen wohl mit dem linken Bein aufgestanden, denke ich, oder: Er ist gerade ärgerlich über seine Frau. So sage ich mir selbst, dass ihre Kritik wirklich nichts mit mir zu tun hat.
Aber wenn meine Freunde sie aufrecht erhalten, dann werde ich ärgerlich über sie. Was gibt ihnen das Recht, ihre Nase in meine Angelegenheiten zu stecken? Sie wissen nicht, wie es ist, in meinen Schuhen zu stecken. „Warum lassen sie ihre Nase nicht in ihren eigenen Angelegenheiten?“, denke ich oder sage es ihnen sogar.
Wenn sie mich genügend lieben, um auf der Kritik zu bestehen, dann verhandle ich: Ich habe ihnen in letzter Zeit wirklich nicht genügend auf die Schulter geklopft und gesagt, wie gut sie alles machen. Und ich gehe herum, lächle meine Freunde an und bin guter Laune und hoffe, dass sie das zum Schweigen bringt.
Wenn das nicht klappt – wenn sie immer noch darauf bestehen, mich zu kritisieren – , beginne ich schließlich die Möglichkeit zu bedenken: Vielleicht ist wirklich etwas nicht in Ordnung. Und das ist deprimierend.
«³

Daß selbstverständlich niemand so einen Prozeß durch ein einfaches Zauberstabschwingen bewältigen kann, da stimmen sowohl Scott Peck als auch Elisabeth Kübler-Ross überein. Beide halten demzufolge fest, daß die meisten Menschen darum entweder verneinend oder zornig oder feilschend oder niedergeschlagen sterben – oder eben weiterleben.

Um das Stadium „Akzeptanz“ zu erreichen, sind nämlich die vorherigen Stadien unumgänglich, inklusive des vollständig in Kauf genommenen Stadiums „Depression“, über die Scott Peck auf sein Beispiel bezogen sagt:
»Wenn ich mich mit diesen deprimierenden Gedanken befasse, sie reflektiere, analysiere, mit ihnen umgehe, kann ich nicht nur den Makel in meiner Persönlichkeit erkennen, sondern ihn auch benennen, erklären und schließlich mich von ihm leer machen. Und sollte ich Erfolg haben mit dieser Anstrengung, einen Teil von mir sterben zu lassen, werde ich am Ende meiner Depression als ein neuer und in gewissem Sinne auferstandener Mensch auftauchen.«³

Gemäß Scott Peck ist die „Arbeit der Depression“ also das folgerichtige (und notwendige) „letzte Stadium“ eines inneren, psychischen Sterbeprozesses, der immer, wenn wir eine bedeutende Wandlung oder einen Schritt in unserem seelischen Wachstum vollziehen, genau dieselben Stadien in derselben Reihenfolge durchmacht.

Warum glauben Scott Peck und ich, als Autor dieses bLogs, daß diese „Innere Arbeit“ einen Beitrag zu unserer Beziehungsfähigkeit leisten kann?
Weil durch die „Arbeit der Depression“ die Chance zu der Bereitschaft sich aufzugeben bzw. sich zu überlassen entsteht.
Und dieses „sich-überlassen“ ist eine wichtige Voraussetzung für die von Scott Peck so geschätzte „Leere“ eines Gemeinschafts- oder Beziehungsbildungsprozesses (bereits kurz von mir in Eintrag 8 skizziert).
Er gibt allerdings auch zu, daß die meisten von uns heutzutage mit der „Leere“, also einem guten Maß an „Nicht-Gewissheit“ Schwierigkeiten haben, da heute „Wissen“ buchstäblich mit „Macht (über)“ gleichgesetzt wird – und selbst in spirituellen oder philosophischen Kreisen zumindest das Wissen über sich selbst als höchstes Ziel menschlicher Erfahrung gilt (bei Letzterem muß ich mir auch regelmäßig selbst an die eigene Nase fassen…).

Hinsichtlich der Oligoamory habe ich schon mehrfach geschrieben, daß ich das Potential einer idealen oligoamoren (Mehrfach)Beziehung darin sehe, daß sie „mehr als die Summe ihrer Teile“ sein kann. Dazu wäre es wichtig, daß sich die an einer solchen Beziehung beteiligten Menschen immer wieder bemühen – um die Beziehung lebendig zu halten – diese als eigenen Organismus jenseits ihrer jeweiligen Identitäten (d.h. der einzelnen Beteiligten) zu verstehen.
Genau dafür braucht es diese Leere, ich könnte auch schreiben „dafür braucht es Raum“.

Wenn wir noch einmal auf die Ebene der Beziehungsbildung zurückgehen, dann beschreibt Scott Peck, daß dem Stadium der „Leere“ regelmäßig die „Chaosphase“ vorgeschaltet ist: Die Phase, in der wir an den Anderen herumverbessern wollen, an denen wir gerne unsere eigenen Standpunkte durchsetzen würden. Exakt die Phase, in der geleugnet, gewütet und verhandelt wird. Auch hier paßt das Bild des Autos: Laut heult der Motor – doch die Insassen streiten sich noch alle um den Platz auf dem Fahrersitz und würden gerne die Richtung angeben; doch weil das Steuer mal in diese und mal in jene Richtung gezerrt wird, gibt es eigentlich keinerlei messbare Vorwärtsbewegung.

Wenn demgemäß die Phase der „Leere“ nun der „Arbeit der Depression“ entspricht, dann ist dies ja gewissermaßen die nicht immer angenehme Erkenntnis, daß wir etwas (von uns) aufgeben, „sterben lassen“, müssen, um etwas Besseres zu gewinnen, indem wir „Raum“ dafür schaffen. Mögliches Wachsen erfordert also offenbar, daß wir durch dieses „Tief“ hindurchgehen.

Wenn wir „Platz schaffen“ sollten in unserem bisher angesammelten Wissen, dann heißt das ja, daß wir „dank“ dieses Wissens uns gewissermaßen selber die Sicht nach und nach gleichzeitig auch mit „Besser-Wissen“, Annahmen, Vorurteilen und Diagnosen verstellt haben. So ein bisschen wie ein liebgewonnenes Zimmer, welches wir nach und nach immer mehr eingerichtet haben (oder wo auch Personen unserer Vergangenheit und Gegenwart Dinge darin abgestellt haben) – bis es geradewegs bis zur Unübersichtlichkeit „zugewachsen“ ist. Das Problem liegt auf der Hand: Irgendwann ist darin kein Platz mehr für etwas „Anderes“.
Was ist nun dieses „Andere “? Es ist das Außer-Gewöhnliche, das Un-Erwartete, das Neue.
Was für uns, die in Dimensionen von Mehrfachbeziehungen denken, direkt bedeutet: Das „Andere“, daß können eben auch Menschen sein. Und wenn wir unser Herz und unser Hirn nicht gelegentlich leer machen, dann haben wir Schwierigkeiten, Menschen an uns heranzulassen, ihnen wahrhaftig zuzuhören oder gar uns anzuvertrauen, uns zu überlassen.
Der „Nutzen“ der Leere ist für uns als Beziehungsmenschen also immer mindestens zweifach: Zum einen hinsichtlich neuer, bislang fremder Menschen und zum anderen für unsere Liebsten, die bereits an unserer Seite sind.

Was uns in Phasen von Depression und scheinbarem Stillstand noch zuversichtlicher machen kann, wenn wir es wagen, uns der „Leere“ wirklich hinzugeben, ist das auf unsere Psyche übertragene Phänomen, welches als „horror vacui“ bekannt ist. „Leere“ ist ja als „Nichtzustand“ gewissermaßen kein Selbstzweck, sogar wenn wir sie, z.B. mit Hilfe von Meditation, aktiv herbeiführen können.
Die Leere selber entfaltet nämlich in jedem Fall eine Anziehungskraft, die nicht unserer bisherigen Kontrolle unterworfen ist: Und damit besteht immer die Chance auf das Un-Vorhergesehene, das Un-Erwartete und das Neue.

Wenn wir uns also in unserer Frustration und Depression manchmal buchstäblich als „Opfer“ erleben, wenn wir Angst empfinden, weil wir den bekanntes Boden unter unseren Füßen verloren haben, wenn wir uns geradezu „verlassen“ vorkommen, sollten wir unsere Bereitschaft zur „Un-Gewissheit“ und „Ent-Fremdung“ nachspüren.
Jenseits von Garantien und Sicherheitsdenken könnte dann „das Neue“ einziehen – von dem wir noch nicht wissen, wer oder was es sein wird.

Und wenn die Aphoristikerin Sophie Manleitner Recht hat: „Jemanden zu lieben, der Depressionen hat, ist wie London – es ist die tollste Stadt der Welt, aber es regnet jeden Tag…“, dann mag ich meinen Regen ab heute jedenfalls ein bißchen mehr.



* JoyClub.de ist eine deutsche Kennenlernplattform – hauptsächlich für Erotikkontakte – die aber darum auch über ein großes nonmonogames Forum verfügt.

¹ Diese Zeile ist dem berühmten Rilke-Gedicht “Der Panther” entnommen.

² Ja, richtig: Dies ist der Titel des Kriminalromans von Douglas Adams (1988), in dem er auf die Depressionen unsterblicher Wesen angesichts der Ewigkeit anspielt.

³ Achtung: Dies ist ein beliebig gewähltes Beispiel! Scott Peck wollte nicht unterstellen, daß alle depressiven Personen Persönlichkeitsmakel hätten! Bitte setzt an dieser Stelle im Zweifel eure eigenen Problemstellungen ein.

Danke an Andy Dutton auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 21

Vielgestalte Innenwelt

Um manche Themen kann man sich in Mehrfachbeziehungen unmöglich herumdrücken.
Eines davon betrifft das eigene Selbstverständnis und die eigene(n) Rollenzuschreibung(en).
Fremdzuschreibungen – gut – die gibt es auch außerhalb von Mehrfachbeziehungen reichlich: Wir müssen nur das Fernsehprogramm, ein Magazin, das Internet oder unsere Familie befragen – da werden wir genügend Antworten erhalten, wie wir für unser Außen „sein sollten“.
Dennoch ist es in der Welt der Mono- bzw. Di-Amory¹ einfacher, das eigene Innere – und damit unsere verborgenen Auffassungen von uns selbst – als ein privates kleines Königreich zu verwalten und eventuell nicht einmal Lebenspartner dort hineinzulassen.
Warum glaube ich, daß dies in Mehrfachbeziehungen in dieser Weise schwer möglich ist?

Ich bin der Meinung, daß einige der Werte, die hinter allen Formen ethischer Nicht-Monogamie (wie eben z.B. Poly- und Oligoamory) stehen, dies, wenn ein Mensch sich erst einmal wirklich gedanklich mit den Konsequenzen echter Mehrfachbeziehung auseinandersetzt, quasi ausschließen.
Diese „Werte“ sind ja keine Einbahnstraßen: Wir wünschen ja nicht nur, daß unsere Partner*innen diese (hoffentlich) anerkennen, sondern wir wählen für uns freiwillig den gleichen Kanon an größtmöglicher Integrität, um das Ganze mit Leben zu erfüllen.
Insbesondere die von mir in Eintrag 3 erwähnten Werte Transparenz, Aufrichtigkeit und Identifikation werden auf diese Weise also eine gewisse „Wechselwirkung“ auf uns ausüben, der wir uns kaum entziehen können.
Und während wir in einer reinen Zweierbeziehung eventuell noch mehrere Jahrzehnte eine halbwegs brauchbare Bindung aufrechterhalten können, indem wir darauf hoffen, daß die oder der Andere schon auf mystisch romantische Art „errät“ was uns glücklich machen würde (und uns so mit einer ungefähren 50:50-Chance von Enttäuschungsmoment zu Erfüllungsmoment retten), wird dieser (Über)Lebensmodus für Mehrfachbeziehungen nicht mehr ausreichen. Genau darum wird „#Kommunikation“ so dermaßen in der Welt der Nicht-Monogamie betont, genau darum habe ich im letzten Eintrag 20 gleich zwei Kommunikationsphilosophien vorgestellt, die an ihrer Wurzel für uns alle als zentrale und wichtigste Erkenntnis enthalten: Um in Kommunikation zu gehen, um mich zu ver-binden, muß ich erst einmal ergründen, was es denn ist, was ich selber wünsche.
Und dieser Blick in den eigenen Spiegel wird uns mit unserem eingangs erwähnten Selbstverständnis und unseren Rollenzuschreibungen konfrontieren – ob wir es wollen oder nicht.
Ich schreibe „ob wir es wollen oder nicht“, weil dabei für uns jedes mal – und sei es auch nur für einen winzigen Augenblick – ein radikal-aufrichtiger „Moment großer Klarheit “ aufblitzt, der uns zu diesem kurzen Zeitpunkt die Kohärenz – oder die Doppelbödigkeit – unserer tiefsten zugrunde liegenden Motivation entgegenhält. Wie wir allerdings mit dieser Offenbarung umgehen, – ob wir schnell wegschauen, sie gar schleunigst wegsperren und vergraben, sie vor uns und den Anderen verschleiern, sie ignorieren, ob wir sie akzeptieren, umarmen oder sogar integrieren – das wird erhebliche Auswirkungen auf unser Leben, unsere Beziehungsfähigkeit und damit selbstverständlich auf (alle) unsere Beziehungen haben.
Dafür gibt es sogar eine wissenschaftliche Grundlage. In seinem Buch „Was wir sind – und was wir sein könnten“ (Verlag S. Fischer, 2011) beschreibt der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, daß unsere auf effiziente Energieverwaltung getrimmten Gehirne nichts so sehr lieben wie „Kohärenz“ ( = Folgerichtigkeit / Sinnzusammenhang). Jedwede „Inkohärenz“ wird demgemäß als Stress in Form von (anstrengendem) Energieverbrauch gemeldet – und dabei ist es egal „wo“ wir diese „Inkohärenz“ wahrnehmen: Hinsichtlich dem Verhalten Anderer – oder in unserem eigenen Inneren…

Was möchte Euch der gute Oligotropos, Autor dieses bLogs damit sagen? Es wird Zeit für ein persönliches Beispiel.
Selbstgewählte „Rollen“ haben wir alle selbstverständlich einige. Wir tragen an einem Alltag viele verschiedene „Hüte“ und wir wechseln sie z.T. je nach Anforderung auch in rascher Folge. So sind wir regelmäßig wahrscheinlich Partner*innen, evtl. Elternteile, Arbeitnehmer*innen, Vorgesetzte, Untergebene, Freund*innen, (Küchentisch)Psychologinnen, Auftraggeber*innen, Einkäufer*innen, Kund*innen, Nachbarn, Vereinsmitglieder, Veranstaltungsbesucher*innen, kreative Geister, Problemlöser*innen, Organisator*innen, Geschwister, selber noch Tochter/Sohn, Lehrende oder Lernende, etc.
Und bei all diesen Rollen, die wir einnehmen, ist es wahrscheinlich, daß unser Auftreten in einem gewissen Ausmaß mehr oder weniger ein bißchen von unserem internen Selbstbild abweichen wird: Als Arbeitnehmer*in sind wir zu den Kunden am Telefon vielleicht ein klein wenig freundlicher, als wenn sich unsere Tochter zum dritten Mal mit der gleichen Nichtigkeit am Mobilteil meldet; wenn wir für unser Ehrenamt bei der Gemeinde vorstellen, um Förderung zu erhalten, geben wir uns vermutlich mutiger und kompetenter als wir uns in Wahrheit fühlen; wenn wir für eine*n Freund*in in die Bresche springen und ihr/ihm den Rücken stärken, könnte unser Rat möglicherweise kämpferischer ausfallen als wir ihn selbst beherzigen würden usw.
Auch hier bewirkt die oben erwähnte etwaige „In/Kohärenz“ bereits, daß wir uns entweder bei einigen dieser Dinge „nicht so ganz wohl in unserer Haut fühlen“, bei anderen hingegen wir „voll in unserem Element “ sind.

Genau genommen möchte ich aber eine Schicht tiefer vorstoßen als es diese „Alltagshüte“ darstellen, denn unser internes Selbstverständnis ist, wie oben schon kurz angedeutet, stets ein elementarer Bestandteil unserer persönlichen Motivation(en) – und damit direkt mit dem so beziehungswichtigen Kern „Was ist es denn, was ich selber (zutiefst/eigentlich) wünsche?“ verbunden. Darum nun endlich das versprochene Beispiel:

Ein oligoamorer Eingeborener ehrt den „Tag der Doppelgesichtigkeit“ im Gedenken an unsere innere Vielgestaltigkeit.

Ich selbst trage z.B. eine Rollenzuschreibung in mir, die ich hier mal den „Weißen Ritter“ nennen möchte. Diese „Weiße-Ritter-Rolle“ war (und ist vermutlich noch) bei mir regelmäßig bei vielen möglichen Beziehungsanbahnungen aktiv. Da ich mich selbst (siehe „Über mich“) als heterosexuell, cisgender und männlich beschreibe, galten die Avancen des „Weißen Ritters“ in meinem Fall dem heterosexuell-cisgender-weiblichen Geschlecht und bildeten bei mir oft die maßgebliche Grundlage für die berühmten „Ersten Schritte“.
Der „Weiße Ritter“ hielt dabei nämlich zunächst nach einer mutmaßlichen „Dame in Not“ Ausschau. Was diesbezüglich „Not“ bedeutete, da war der „Weiße Ritter“ nicht gar zu pingelig mit der Definition: Eine Bekannte mit einem nervtötenden (Ex)Freund, eine Freundin mit Schwierigkeiten beim Umzug, aber auch eine traurige Maid mit einer hoffnungslos dramatisch verfahrenen Biographie konnten meinen „Ritter“ auf den Plan rufen. Alsdann zog der Ritter aus, daß Leben dieser bedrohten Fräulein vor dem drohenden Unbill zu retten, dem heraufziehenden Chaos mit Ordnung zu begegnen und natürlich der Dame in größtmöglicher und getreulichster Weise zu Diensten zu sein.
Beleuchten wir nun kurz die Seite meines Selbstverständnisses (da ich ja schließlich auch ein „Held in meinem eigenen Film“ bin): Auf der einen Seite erkennen wir meine loyalen, zuverlässigen, vertrauenerweckenden und gewissenhaften Qualitäten – über die ich tatsächlich in gutem Maß verfüge.
Wenn ich mir dieser Qualitäten aber so bewußt bin – warum führe ich diese Stärken nicht bei Beziehungsaufnahme direkt ins Feld und werbe damit für mich – sondern wähle diese seltsam indirekte Annäherung über das Krisenmanagement des „Weißen Ritters“?
Weil die andere Seite meines Selbstverständnisses die einer auf den ersten Blick wenig liebenswerten Person ist, die nicht glaubt, eine Partnerin auf dem „freien Markt“ mit den eigenen Vorzügen aufmerksam machen zu können und statt dessen insgeheim hofft, bei den „Damen in Not“ dankbarere, anspruchslosere und damit vermeintlich leichtere „Beute“ zu finden.
Womit ich wieder direkt zu meiner „Weißen-Ritter-Rolle“ zurückkehre, die demgemäß nämlich auch eine „dunkle“ Seite, die selbstverständlich der entsprechenden „Dame“ nicht offen gezeigt wird, hat. Wenn allerdings die Beziehungsanbahnung – zu deren Zweck der „Weiße Ritter“ ja ursprünglich überhaupt aktiviert wurde – Fahrt aufnimmt, kann sich der „Herr Ritter“ dadurch jedoch zu einem in Teilen unangenehmen Partner und Beziehungsmenschen entwickeln, der in der Tat von der dann „erretteten Dame“ eine seltsame Form von Dauerdankbarkeit und fürderhin anhaltender Unaufdringlichkeit erwartet.
Puh. Das war jetzt so dermaßen selbstehrlich, daß sich vermutlich jede von mir jemals umworbene Frau darin wiederfinden wird…
Was ich aber damit zeigen möchte ist, wie auch in mir eine „Rollenzuschreibung“ in ein tiefes internes Selbstverständnis greift, welches aber in der Tat aus mehreren Komponenten besteht, die sich dann wiederum in der Rolle vereinen und dort mittelfristig für ein inkohärentes Auftreten sorgen. Wodurch in meinem Fall aus dem zunächst willkommenen loyalen Unterstützer beim in-Beziehung-Gehen nach und nach der Schatten eines selbstunsicheren Pantoffelhelden hervorscheinen kann.

Noch eine Schicht „tiefer“ als der mir mittlerweile einigermaßen vertraute „Weiße Ritter“ trage ich ebenfalls noch eine Rolle in mir, die ich für mich den „Vampirlord“ getauft habe. Daß diese Rollenzuschreibung über nur wenige positive Qualitäten verfügt, läßt schon ihre buchstäblich „untote“ Natur vermuten, denn sie „lechzt nach den Lebenden“. Der „Vampirlord“ ist dadurch eine Rolle, die ich weit weniger „im Griff“ habe (und auch erst in Teilen bewußt beleuchtet habe) als den „Ritter“.
Auch der „Vampirlord“ gründet bei mir in der biographische gewachsenen Überzeugung ein „unliebenswürdiges Wesen“ zu sein. Seine Bedürftigkeit nach menschlicher Liebe ist seit meiner Kindheit aber über vier Jahrzehnte in einem so großen Maß gestiegen, daß diese Rolle potentiell in der Lage ist, mich heute z.T. noch in haarsträubendste Beziehungsanbahnungssituationen zu bringen. Dabei kann es geschehen, daß ich mein tatsächliches Selbstverständnis komplett über Bord gehen lasse und mich aus Gier und Bedürftigkeit nach Verbindung für meine Verhältnisse bis an die Selbstschädigungsgrenze entäußere (Compliance, Selbstaufgabe, Katerstimmung inklusive) – und wer im „Über mich“ gelesen hat, daß ich mich als hochsensibel qualifiziere, mag wissen, wie dramatisch das für mich in Folge sein kann. „Gute Beziehungen“ – wie die, für die ich mit dem Oligoamory-Projekt“ werbe, bringen der „Weiße Ritter“ und erst Recht der „Vampirlord“ nicht zustande. Aber beide sind nicht unnütz, da sie mir hier als lebensechte Beispiele dienen können.

Der Oligotropos, der hat Probleme...“, mag nun manche*r denken. Je nun.
Ich empfehle zu dieser Materie und ihrer psychischen Dimension die Graphic Novel und den Film „I Kill Giants“², in welcher die Geschichte der Familie des 15jährigen Mädchens Barbara erzählt wird: Ihr Bruder hat sich geistig-moralisch in virtuelle Ego-Shooter-Welten verabschiedet, ihre ältere Schwester hat die Rolle der „Familienversorgerin“ angenommen. Die junge Barbara indessen hat die scheinbar merkwürdige Rolle der „Ortsschamanin“ gewählt, in dem sie die Kleinstadt, in der sie alle wohnen, mittels Runen, magischen Waffen und Schutzzaubern vor der Bedrohung durch Riesen schützt. Die Rollenübernahme und die Identifikation von Barbara mit ihrer Aufgabe als „beschützender Schamanin“ wird in Buch und Film hervorragend dargestellt. Bis hinein in ihre Alltagssprache und in ihrem Umgang mit Schule und Geschwistern pflegt sie ihr „heldiges“ – und in Teilen etwas bärbeißiges – Image. Als Kleinstadtbewohnerin mit nur wenigen Freunden zur Auswahl, die im gleichen Alter sind, erfüllt die „Schamanenrolle“ für Barbara Bedürfnisse nach Kreativität, Abenteuerlust, ein starkes Selbstwertgefühl und non-normatives (Protest)Verhalten. Doch dies ist eben auch bei ihr nur die eine Seite ihrer Motivation, die hinter ihrem internen Selbstverständnis und hinter ihrer „Rolle“ steckt. Denn – der Titel verrät es schon – auch sie muß sich in ihrem Inneren noch ganz anderen Ungeheuern stellen, als es auf den ersten Blick bei diesem etwas verwilderten Teenager zu vermuten ist.

Wie weit unser internes Selbstverständnis mit unseren tiefsten Motivationen von unserer selbstgewählten Rollenzuschreibung abweichen kann, davon haben in diesem Jahr (Stand 2019) die Schicksale der 28jährigen Anna Sorokin und der 31jährigen bLoggerin Marie Sophie Hingst Zeugnis abgelegt. Beide hatten eine komplett alternative Persönlichkeit erschaffen, da ihnen ihr eigentliches internes Selbstverständnis wohl zu farblos, zu alltäglich und damit wenig erfolgversprechend schien. Beide Biographien, die in einem Fall zu langen Jahren Gefängnis, im anderen zum Tod führten, beweisen, zu was für unglaublichen energetischen Anstrengungen wir Menschen uns antreiben können, um uns nicht mit unserer inneren Wahrheit zu konfrontieren, während die Selbst-Diskrepanz zwischen „Soll“ und „Ist“ im Außen immer weiter auseinanderklafft.
Ich halte die geringe Differenz in dem Lebensalter beider Frauen für keinen Zufall, da wir mittel-und langfristig vermutlich doch nur eine begrenzte Spanne haben, wie weit wir unsere inneren Realitäten leugnen können, bevor sie für uns oder unsere Umwelt unhaltbar werden.
Marie Sophie Hingst, die kurz vor ihrem Selbstmord ihrer Mutter hinsichtlich ihres dann von der Presse demontierten (falschen) Selbstbildes sagte, sie fühle sich „als ob sie gehäutet sei“, zeigte auf drastische Weise, warum in jeder Form von Beziehung (auch in der zu sich selbst) Transparenz, Aufrichtigkeit und Identifikation keine verhandelbaren Marginalien sind.

Um wirklich „gute“ Beziehungen zu erwirken ist unsere Selbstzurkenntnisnahme von absoluter Wichtigkeit. Das Erforschen und Beleuchten unserer innersten Motivationen, die direkt mit unserem Selbstverständnis zusammenhängen ist eine Aufgabe, der wir uns darum mit Ruhe und Sorgfalt regelmäßig widmen sollten. Und ja, insbesondere das Hervorholen jener Aspekte, die wir selber nicht gar so wundervoll finden, ist dabei grundlegend für unsere eigene Aufrichtigkeit gegenüber uns selbst wie auch hinsichtlich der Möglichkeit und so unseren Liebsten anzuvertrauen.

Denn egal, ob wir uns gelegentlich für den schwarzen Fledermausmann, den weißen Ritter, die Kaninchenschamanin oder eine Millionärstochter halten: In Beziehung gehen unsere Liebsten – bzw. die Menschen, bei denen wir wünschen, daß sie es werden könnten – instinktiv immer mit der Person, die wir in unserem tiefsten Inneren sind. Darum ist es Zeit – um Cindy Lauper zu zitieren – daß wir uns trauen, unsere wahren Farben erstrahlen zu lassen³.




¹ Ich nenne klasssische „Mono-Amory“ an dieser Stelle bewußt „Di-Amory“ mit der altgriechischen Vorsilbe „Di-“(zwei), weil ich mich auf ein Beziehungsmodell mit genau zwei Beteiligten beziehe.

² Da ich nicht „spoilern“ möchte, setze ich den Wikipedia-Link zu „I Kill Giants“ hier in die Fußnote. Nun mag jede*r mit der Graphic Novel und dem Filminhalt verfahren wie es das Beste ist…

³ Cindy Lauper, True Colours (Song, Lyrics)

Danke an Afrikit auf Pixabay für das Bild.

Eintrag 20 #Kommunikation

Gewaltfrei und aufrichtig

Vorbemerkung: Dieser Text wurde von mir erstmals Ende Oktober 2018 für eine Facebook-Gruppe zum Thema polyamorer Mehrfachbeziehungen geschrieben.
Er entstand als persönliche Antwort auf die Frage nach der „Nützlichkeit“ der Anwendung von „Gewaltfreier Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg)“ [gfK] und „Radikaler Ehrlichkeit (nach Dr. Brad Blanton)“ [rE] im Hinblick auf die Führung von Mehrfachbeziehungen.
Da ich auf meinem bLog regelmäßig Bezug auf beide Kommunikationsformen nehme (zuletzt in den Einträgen 3, 4, 5, 8, 9 und 11 ) – woran abzulesen ist, daß ich diesen Herangehensweisen auf jeden Fall erhebliche Bedeutung zumesse – möchte ich meinen damaligen Artikel auch hier noch einmal in Bezug auf die Art der Anwendung in oligoamoren Zusammenhängen einstellen.

Kurzbeschreibungen:

Die „Gewaltfreie Kommunikation
(gfK) wurde schriftlich erstmals 1972 von dem amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg formuliert.
GfK stellt ein Handlungskonzept dar, welches Menschen ermöglichen soll, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. Es heißt, daß gfK in diesem Sinne sowohl bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein kann. Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglichen möchte.
GfK betrachtet insbesondere Ursachen der Konfliktentstehung; hierbei steht u.a. unsere „lebensentfremdende“, in Teilen als gewaltvoll angesehene Alltagskommunikation im Mittelpunkt. Die gfK stellt zur Konfliktvermeidung und -auflösung vor allem auf das Erforschen der eigenen, persönlichen Bedürfnisse und deren Kenntnisnahme ab und ruft zu einer Schulung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit auf, sowohl was das Geschehen um einen herum als auch die eigenen Emotionen und Gefühle dazu angeht.
Schon vor Rosenbergs Tod im Jahr 2015 hat sich gfK durch engagierte Rosenberg-Schüler in vielfältige Richtungen und Wirkungsbereiche weiterentwickelt.
Da sich gfK historisch aus der klinischen Psychologie von u.a. Carl Rogers heraus entwickelt hat, steht diese Kommunikationsform gelegentlich in der Kritik, anfällig für Manipulation oder „unzulänglich-erscheinen-(lassen)“ des Gesprächsgegenübers zu sein.

Die „Radikale Ehrlichkeit“ ¹
(rE) [im Original „Radical Honesty“] wurde schriftlich erstmals 1990 von dem amerikanischen Psychotheraputen Dr. Brad Blanton formuliert.
RE ist als Selbstverbesserungsprogramm konzipiert, das von Dr. Blanton vor allem zur authentischen Gesprächsführung entwickelt wurde.
Seine Philosophie macht geltend, dass Lügen und Manipulation die Hauptquelle des modernen menschlichen Stresses seien, da aus Scham oder Selbstdarstellungsabsichten kaum noch offen kommuniziert würde. Daher wird bei ihm auf und direktes und unverblümtes Sprechen hingewirkt, sogar über schmerzhafte oder tabuisierte Themen. Auf diese Weise könne authentische Vertrautheit erzeugt werden, die die Kommunikationspartner zufriedener machen würde, was beim Zurückhalten bzw. Verbergen von eigener Befangenheit nicht möglich ist.
Demgemäß müsste Blantons „Radical Honesty“ im Deutschen korrekterweise mit „Radikaler Offenheit“ oder „Radikale Aufrichtigkeit“ übersetzt werden, weil dies das eigentliche Ziel des Selbstausdrucks sein soll.
Dr. Blanton vermarktet derzeit als Rechteinhaber seine Kommunikationsform selber durch verschiedene von ihm geschriebene Bücher zum Thema sowie vor allem in Form von selbstgeleiteten Workshops und Seminaren.
Da es bei rE erwünscht ist, sogar eine erst einmal subjektive „Wahrheit“ in extrem freimütiger und geradewegs schlichter Form zu äußern, steht rE in der Kritik – je nach Kontext – unempathisch bis absichtsvoll beleidigend auf die Gesprächspartner einzuwirken.

Sowohl die „gewaltfreie Kommunikation (gfK)“ als auch die „radikale Ehrlichkeit (rE)“ werden wegen ihrer gesprächsunterstützenden Einsatzmöglichkeiten regelmäßig auch für die Kommunikation in intimen Beziehungen empfohlen – insbesondere bei herausfordernden Anliegen wie dem Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Stand- und Ausgangspunkte.
Speziell an dieser Stelle kommen die Mehrfachpartnerschaften ethischer Non-Monogamie (wie u.a. Offene Beziehung und Polyamory) ins Spiel:

So wird z.B. sowohl auf den Seiten polyamorie.de (von Silvio Wirth, u.a. Integrales Tantra, Sexualtherapie), Christopher-Gottwald.de (ders., zu Polyamorie, Contact Improvisation und Sexological Bodywork), als auch im Artikel der deutschsprachigen Wikipedia zu »Polyamorie (9.3. Kommunikation und Verhandlung)« „Gewaltfreie Kommunikation“ als vorteilhaft für die Gesprächsführung in Polybeziehungen genannt (Ich zitiere insb. diese drei Webseiten, weil Informationssuchende im deutschsprachigen Raum bei der Suche im www mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell auf eine dieser Seiten stoßen werden).

Wenn in diesem Zusammenhang nun also jemand mich dahingehend nach meinen Erfahrungen damit befragen würde – etwa so: „Oligotropos, findest Du gfK und rE für Mehrfachbeziehungen nützlich? “ – dann würde meine Antwort lauten: „Nein.“ Allerdings mit dem wichtigen Zusatz: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß gfK und rE in der Hauptsache für mich ganz persönlich (meine Selbsterkenntnis, meine Arbeit an mir etc.) nützlich sind.“

Warum mein derartiges „Nein.“?:

1) Meinem Erleben nach besteht hinsichtlich gfK und insbesondere bei rE der Grundirrtum, daß diese Kommunikationsformen primär dafür angelegt sind, daß „Ich jetzt mal was sagen darf…! “. Und daß ich, um eine in mir aufgelaufene und drängende Irritation mittels einer Kommunikationsform, die auf einem friedlichen oder radikal ehrlichen Kontext aufgebaut ist, quasi nicht nur gleichsam die Berechtigung erwerbe, mich endlich ausdrücken zu dürfen, sondern auch, da ich das dann ja mittels einer der beiden höchstentwickelten Kommunikationsweisen auf diesem Planeten „gewaltfrei“ bzw. „radikal ehrlich“ getan habe, folglich die Berechtigung erwerbe, endlich auch ernst genommen, verstanden und gehört zu werden.

Ich möchte niemanden meiner Leser*innen, die sich bisher in ihrem Leben angelegentlich schon mit gfK oder rE beschäftigt haben, enttäuschen – aber meinem Verständnis nach ist dies (leider) nicht die Idee hinter der Sache, obwohl beide Kommunikationsweisen am häufigsten aus diesem Grund meist überhaupt erst hervorgeholt werden. Ich habe aus eigener Erfahrung auch sehr großes Verständnis für diesen Wunsch, denn meine Sehnsucht „endlich verstanden/gehört“ zu werden, ist selbstverständlich oft ebenfalls sehr groß.

Was ist stattdessen meiner Meinung nach der Kern von gfK und rE?
So ungern ich das manchmal selber realisieren will: Die Grundhaltung, sich (mit seinem evtl. Anliegen) dem/den Kommunikationspartner/n gegenüber vollkommen nackt und authentisch zu zeigen. Also völlig maskenlos und ungeschönt – aber dafür mit einem sehr hohen (Selbst)Vertrauen. Was demgemäß in diesem vollkommen friedvollen und selbstehrlichen Moment in gewisser Weise ein Risiko enthält, sich so „enthüllt“ den Gesprächspartnern auszuliefern bzw. anzuvertrauen.
Welchen Sinn haben die Schöpfer der gfK oder der rE dadurch anstreben wollen?
Hier unterscheiden sich gfK und rE etwas von einander:
►Bei der gfK wird dadurch ein Augenblick hergestellt, in dem ich mit meinem Gegenüber die Grundlage zu einem Dialog/Prozess eröffne, der als Ziel das wechselseitige Beitragen zu unserem jeweiligen Wohlbefinden (vulgo: „Win-Win-Situation“) hat.
►Bei der rE stellt sich für den „Nackten“ ein Moment außerordentlicher Klarheit ein, da der/die Dialogpartner*innen nun ihrerseits in authentischer Weise auf den manipulationsfreien Selbstausdruck reagieren können (oder eben nicht) – was zu einer unverbrämten Aufdeckung der allseitigen Beweggründe führen wird.

Jetzt könnte man mich fragen: „Aber ist das nicht das selbe – dieser authentische Selbstausdruck und das oben erwähnte ‚…jetzt darf ich mal was sagen…! ‚?“

Wiederum verneine ich, da das forsche und durch gfK oder rE vermeintlich geadelte „…jetzt sag‘ ich mal was…! “ nur den Teil beider Systeme anwendet, in dem es um das Aussprechen eines subjektiven Befindens (mit Anspruch auf Erhörtwerden) geht, nicht aber den anderen, meiner Erfahrung nach viel wichtigeren und schwierigeren, Teil des empathischen Hörens und der damit verbundenen gewaltfreien bzw. radikal-offenen Grundhaltung.

2) Konkret Mehrfachbeziehungen betreffend, noch konkreter bezogen auf eine real existierende Menschengemeinschaft, welche nun versucht, ein Problem, eine Irritation, einen Umstand, ein Hindernis mittels gfK oder rE zu bearbeiten, verneine ich die unmittelbare Nützlichkeit dieser Kommunikationssysteme, insbesondere, wenn sie (erst) im Krisenfall aktiviert werden (das klassische „Küchentischgespräch“). Es hört sich ja erst einmal gut an, wenn alle Beteiligten sich darauf einigen, eine aufgelaufene Angelegenheit im anstehenden Gespräch mittels gfK oder rE anzugehen.

Aber: Die Komplikation, die sich bei dieser Herangehensweise ergibt, ist, daß bei solcherlei Anwendung von gfK oder rE diese wie „Büroyoga“ lediglich als „Technik“ benutzt werden, um die individuellen Ziel- bzw. Wunschvorstellungen der Gesprächspartner*innen zu erreichen.
Weder gfK noch rE sind aber von ihren Gründern mit der Absicht eine „Technik“ – ein nützliches Werkzeug – zur Verfügung zu stellen, entwickelt worden.
Sowohl Marshall B. Rosenberg als auch Dr. Brad Blanton beabsichtigten vielmehr die Formulierung einer Grundhaltung, einer Lebenseinstellung und daraus resultierender Lebensweise. Beide Kommunikationsweisen stellen ein höchst authentisches Menschenbild in den Mittelpunkt, mit einer jeweils friedlich-wohlwollenden bzw. geklärt-aufrichtigen Einstellung gegenüber der Welt und dem Leben, mit all den dazugehörigen Umständen (im Vergleich mit unserem Büroyoga wäre hier also Yoga als spirituell-ganzheitlicher Pfad das passende Synonym).

Wenn sich nun die oben zitierte Gruppe zur Problemklärung an den Küchentisch setzt und gfK oder rE OHNE die dazugehörige Grundhaltung und nur als „Gesprächstechnik“ anwendet – obendrein noch auf ein Problem, welches sich außerhalb der vereinbarten Gesprächssituation im normal-unfriedlichen oder normal-verschlossenen Alltag ereignet hätte, dann haben die Beteiligten einen steinigen Weg vor sich, der mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende nicht zu allseitigem Wohlbefinden oder großer authentischer Offenheit führt – sondern viel eher in dem Erleben, daß man sich selbst oder die anderen sich mal wieder nicht recht verständlich machen konnten. Und das gfK und rE völlig überbewertet seien, weil sie hauptsächlich dazu dienen würden, unbequeme subjektive „Wahrheiten“ auf den oben erwähnten Küchentisch zu kotzen, womit vor allem das gemeinschaftliche Unbehagen erhöht wurde.

Die Anwendung von gfK und rE als reine Gesprächs“techniken“ beinhaltet darüber hinaus die Gefahr der „Welle unter dem Teppich“:
Wenn die Beteiligten einer Mehrfachbeziehung es nicht gewohnt sind, selbstreflektiert normal-menschlich anfallende Irritationen zeitnah im Alltag anzusprechen, dann hat sich meist bis zum schicksalhaften „Küchentischgespräch“ ein ganzer Berg von emotional belastenden Anliegen „unterm Teppich“ angestaut, was quasi schon wie eine „Welle“ unsichtbar über dem Tisch hängt. Wenn in so einem Moment dann auch noch versucht werden soll, beim „Küchentischgespräch“ technisch einwandfrei „friedlich“ oder „offen“ miteinander umzugehen, ist die emotionale Belastungsgrenze oft schon so hoch, daß das initiierte Gespräch bereits nach wenigen Sätzen in Gefahr gerät, dadurch erst recht hochemotional zu entgleisen und mit Streit und Tränen einherzugehen – was obendrein für die selbsternannten Anwender*innen gfK und rE erstmal sehr entzaubern dürfte…
PS: Eine lediglich „problemorientierte“ Anwendung von gfK und rE könnte übrigens ein Indiz dafür sein, daß diese Kommunikationsformen nur „technisch“ – nicht aber integrativ, verwendet werden. Schließlich eignen sich beide Grundhaltungen genauso ausgezeichnet dafür, echte Freude und tiefe Einmütigkeit auszudrücken…

3) Aus dem unter 2) Gesagten kann ich erfahrungsgemäß noch ableiten, daß gfK und rE darum auch nicht gut geeignet sind, um Probleme oder Verhaltensweisen einer miteinander erlebten Vergangenheit zu bearbeiten (damit meine ich eine Vergangenheit, in der die Mehrheit der Kommunikationspartner sich noch nicht im gfK oder rE -Kontext bewegt haben).
Da man damals ja (noch) nicht auf der Grundlage von gfK oder rE agiert hat, waren für einen selbst und die Anderen damals völlig anders gelagerte GUTE Gründe für das Handeln und Sprechen maßgeblich. Und ich betone hier das GUTE so sehr, weil ich uns allen wünsche, daß wir alle sozusagen Superhelden in unserem eigenen Film sind, die es erst einmal nicht darauf anlegen, bösartig absichtsvoll Schaden zu verbreiten – sondern ganz im Gegenteil, den eigenen, zu dem Zeitpunkt hehren, Motiven und Motivationen folgten (siehe Eintrag 11).
Wenn sich also unsere Mehrfachbeziehung heute wieder um den Küchentisch versammelt, um im Lichte der gfK oder der rE vergangene Irritationen der Marke „…ich weiß noch ganz genau, als Du damals XYZ…“ anzugehen, besteht eine große Gefahr der Selbst- und Fremdverurteilung.
Beispiel: Das wäre in etwa, als ob man heute bearbeiten wollte, daß man früher mal seinen Hund mit Kettenwürger zur Räson gebracht hat (Mensch, war ich damals fies und gewaltsam…) und Du, Du hast Deinen Hund sogar mit der Reitgerte zum Parieren gebracht (Mensch, Du warst noch viel fieser und gewaltsamer – und sooowas von unreflektiert…)… Damals aber hat man sich selbst in einem Kontext von Verantwortung für das Tier, sein Verhalten und die allgemeine Sicherheit gesehen und wußte es schlicht nicht besser, auch damals hatte man also nach Lage der Dinge SEHR GUTE Gründe.
Wenn nun also in unserem Küchentischgespräch heute gfK oder rE benutzt werden, um HEUTE (manipulativ) Ursächlichkeit bzw. Schuld zuzuschreiben oder aufgrund vergangener Verhaltensweisen Anklagen zu tätigen, dann wird der Zweck von gfK bzw. rE völlig verdreht. GfK und rE können heute möglicherweise dazu dienen, im Rückblick darüber zu reflektieren, anzuerkennen oder zu trauern, daß wir (alle!) es damals evtl. nicht besser wußten – aber genau an dieser Stelle tritt hervor, wie wichtig es wäre gfK oder rE eben nicht als situative Technik sondern als ins eigene Leben integriert anzuwenden:
Denn dann ist es nur noch wichtig, ob ich ganz allein vor mir friedfertig-wohlwollend oder offen-authentisch existieren und mir selbst ins Gesicht blicken kann. Und erst dann kann ich mich auch so vor den anderen zeigen und mich ihrem Wohlwollen und ihrer Aufrichtigkeit anvertrauen (egal, wie diese auf meine „Selbstoffenlegung“ reagieren).
Außerdem: Um die Art, wie man mit „Altfällen“ umgehen möchte, kann man sich in keiner Lage drücken. Schließlich wird es im Umfeld immer jemanden geben, der das eigene Kommunikationssystem nicht teilt – und wenn es nur die Schwiegermutter ist. Da ist es beizeiten günstig, nicht nur das authentische Sprechen, sondern auch das verständige Hören zu beherzigen…

Mein Fazit:
…ist natürlich ein persönliches. Ich selber beschäftige mich seit ca. 8 Jahren (Stand 2019) mit gfK – und bislang ist es mir weder gelungen eine konstant friedlich-wohlwollende noch vollständig offen-aufrichtige Gesprächskultur mit meinen Beziehungsmenschen zu erreichen. Wenn ich mir aber meine Kommunikation von vor 10 Jahren ansehe, kann ich im Vergleich zu heute bei mir eine durchaus beachtliche Entwicklung feststellen – in meinem Fall dank gfK und der darin geschulten Bedürfniserforschung.

Sowohl gfK als auch rE sind in der Lage, uns auf eine individuelle Reise zur Entdeckung und Anerkennung unserer höchsteigenen Bedürfnisse und Beweggründe mitzunehmen. Beide Systeme eignen sich dazu, uns mit unserer Befangenheit im Dialog auseinanderzusetzen, wie selten wir unseren Gesprächspartner*innen wirklich vertrauen und uns selber zutrauen, uns in unserer normal-unzulänglichen Menschlichkeit zu zeigen.

Beteiligten an Mehrfachbeziehungen erst bei Problemstellungen gfK oder rE als möglichen Lösungsweg aufzuzeigen, halte ich aus den oben genannten Gründen für problematisch.
Die wenigsten von uns können aus dem Stand ihre wirklichen Bedürfnisse von Bedürftigkeiten bzw. innere Aufrichtigkeit von oberflächlicher Befindlichkeit trennen – oder gar Emotionen von Gefühlen abgrenzen. Wir alle agieren im „Normalbetrieb“ in einer in Teilen unfriedlichen Umwelt und werden gelegentlich von dem verständlichen Wunsch beherrscht, unsere Handlungsmotive in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Auch wenn wir in unsere Familien oder Mehrfach- bzw. Paarbeziehungen einkehren, streifen wir diese Haut fast nie automatisch ab.

Last but not least: Aus eigener Erfahrung ist sowohl in der gfK als auch in der rE das „gute Hören“ überproportional schwieriger zu meistern als das „gute Sprechen“. Denn erst beim „Hören“ (der anderen Dialogpartner*innen) zeigt sich erst wirklich, wie es tatsächlich um unser Vertrauen, Wohlwollen und unsere Aufrichtigkeit bestellt ist – und ob wir schon bereit sind, die anderen unverstellt in ihrer normal-unzulänglichen Menschlichkeit liebevoll zu akzeptieren. Ob und wie sich unsere (Selbst)Ehrlichkeit und Empathiefähigkeit also wirklich entwickeln, erfahren wir genau dort.
Diese Qualität für sich selber herzustellen erscheint mir als die wahre Herausforderung guter Kommunikation.

Marshall B. Rosenberg riet vermutlich darum zu einem Weniger – aber dafür mit mehr Gehalt, wenn es um Kommunikation in Beziehungen geht. Oder wie es sein fernöstlicher Geistesverwandter Thich Nhat Hanh ausdrückt: „Manchmal reicht es, nur beieinander zu sitzen und zu atmen… ² “



¹ Zu dem Konzept der „Radikalen Ehrlichkeit“ und zu Dr.Brad Blanton gibt es im deutschsprachigen Raum leider kaum Quellen. Ich verlinke daher in dieser Fußnote auf englischsprachige Ressourcen.

² Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh gilt als „Fernöstlicher Meister“ der gewaltfreien Kommunikation. Gedanken dazu hat er hauptsächlich in seinen Büchern „achtsam sprechen – achtsam zuhören“ (O.W. Barth 2014) und „Einfach lieben“ (O.W. Barth 2016) dargelegt.

Danke an Adi Goldstein auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 19

Verliebt ins Hier und Jetzt

Neulich wurde in einem sozialen Netzwerk – innerhalb einer Gruppe, die sich mit Mehrfachpartnerschaften beschäftigt – über Verliebtheit diskutiert. Wir hier zuhause haben uns noch eine Weile weiter über diese Themen ausgetauscht – und so möchte ich meinen Blog nutzen, um unsere Gedanken auf diese Weise auch noch einmal zu teilen.

Zunächst haben wir überlegt, daß „Verlieben“ wahrscheinlich ein vollkommen individueller Vorgang ist, den jede*r Mensch vermutlich ganz persönlich erlebt – insbesondere wenn man die biologisch-stammesgeschichtliche, sowie die zerebral-hormonelle Ebene von Oxcytocin und Vasopressin, von Testosteron und Prolakin dabei einmal außer Acht läßt (sehr ausführlich dazu R.D. Precht in seinem Buch „Liebe – Ein unordentliches Gefühl “, Goldmann 2009, Kapitel 1: Was Liebe mit Biologie zu tun hat).

Dem wirklichen Verlieben ist ja oftmals das sogenannte „Schwärmen“ vorgeschaltet.
Schwärmen – das kann man auch für Helden, für Filmstars, Musiker*innen, Models und den unerreichbaren Traummenschen aus der Parallelklasse. Dieser „Zielgruppe“ ist gemeinsam, daß wir uns wegen der eingebildeten oder tatsächlichen Distanz zu diesen Personen eher in unsere eigene Vorstellung, die wir uns von diesen Leuten ausmalen, vergucken – und nicht so sehr in den tatsächlichen Menschen selber.

Wenn es dann „ernster“ wird, wenn wir uns dann tatsächlich in ein konkretes Gegenüber verlieben, dann ist uns hier aufgefallen, daß sich die Grundlage dafür trotzdem vielfach aus so etwas wie dem „Schwärmen“ ergibt. Überraschenderweise scheint es dabei nämlich – ähnlich wie bei den „Pragmatikern und Idealisten“ – meistens zwei Ausgangspositionen zu geben:
Die erste Gruppe verliebt sich in eine andere Person, weil diese etwas (für sie) tut.
Die zweite Gruppe verliebt sich in eine andere Person, weil sie glaubt, einen Teil der Persönlichkeit des Anderen erkannt zu haben.

Die erste Gruppe möchte ich hier, etwas künstlich, „dissimilatorisch“ (von Lateinisch „dissimilis“ unähnlich) nennen.
Personen, die zu dieser Gruppe zählen, sind meist von der Unterschiedlichkeit der Menschen fasziniert. Sie legen sehr stark Wert auf ihre eigene Selbständigkeit und schätzen dies darum auch bei ihrem Gegenüber.
Wenn sich auf diese Weise situativ immer wieder neue Spannungsfelder durch die vielfältigen Anregungen der verschiedenartigen Persönlichkeiten auszubilden beginnen, würde eine dissimilatorische Persönlichkeit vermutlich so etwas denken wie: Ja, das ist wirklich cool JETZT!“.
Der „Schatten“ eines dissimilatorischen Stils wäre ein gewisser „Genießermodus“, der insbesondere in Beziehung solche Momente auskostet „solange es währt“ und ein Übergewicht auf positive Reize („Es soll gut sein, es soll leicht sein – ist es nicht leicht, ist es/bist Du nicht richtig…“) legt.

Die zweite Gruppe möchte ich hier demgemäß als „assimilatorisch“ (von Lateinisch „assimilis“ ähnlich) bezeichnen.
Personen, die zu dieser Gruppe zählen, suchen bei sich und ihrem Gegenüber sehr schnell nach verbindenden Gemeinsamkeiten. Sie schätzen ein Wir-Gefühl und legen Wert auf allseitige Bemühungen um einen gewissen Zusammenklang.
Wenn sich auf diese Weise ein gemeinsamer Raum auszubilden beginnt, würde eine assimilatorische Persönlichkeit vermutlich so etwas denken wie „Ja, das ist wirklich cool HIER!“.
Der „Schatten“ des assimilatorischen Stils wäre daher ein Hang zu zwanghafter „Ähnlichmachung“ und insbesondere in Beziehung ein gewisser „Ganzheitswahn“ („Wenn nicht größtmögliche Übereinstimmung/Harmonie herrscht ist es/bist Du nicht richtig…“).

Trotz dieser Unterschiede verlieben sich beide Gruppen in schöner Regelmäßigkeit etwa gleich häufig. Und da „Verlieben“ für unsere Körper und unseren Geist, die rein biologisch eigentlich auf sehr ökonomische Energiehaushaltung getrimmt sind, stets Stress in Form von aufzubringender Zusatzenergie bedeutet, ist Ver-lieben niemals be-liebig (und überhaupt: Sonst könnte man es doch bei dem viel bequemeren Schwärmen belassen…).
Genau genommen stecken also auch hinter dem Verlieben stets ein oder mehrere Bedürfnisse oder sogar eine Bedürftigkeit, die auf das Gewährleisten von Wohlbefinden oder persönlicher Zufriedenheit abzielen. Fast immer sind dies Bedürfnisse der Kategorien Gemeinschaft und Beteiligung (z.B. Angenommensein, Fürsorge, Gemeinschaftlichkeit, Unterstützung, Verbindung), Verständigung und Verständnis (z.B. Aufmerksamkeit, Gegenseitigkeit, Gehört werden, Vertrauen), sowie Zuneigung und Liebe (z.B. Empathie, Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität).

Diese Bedürfnisse aktivieren uns (oder versetzen uns zumindest in einen offenen, erwartungsfreudigen Zustand), so daß wir beim Verlieben – also zu einem Zeitpunkt, da wir das erwählte Gegenüber noch kaum einschätzen können – bereit sind, damit gewissermaßen eine Investition in eine potentielle bzw. fakultative Zukunft zu tätigen, die in unserem Leben möglicherweise nie reale Gestalt annimmt. Aufregende Rahmenbedingungen (wie bei dem in Eintrag 15 erwähnten „Brückenexperiment“) und/oder eine nur mäßig ausgeprägte, eigene Außenabgrenzung (wie bei vielen psychologischen und neurophysiologisch sensiblen Zuständen) können diesen Effekt zusätzlich sehr leicht verstärken.

Was im ersten Moment geradezu erstaunlich und schon beinahe etwas irrational klingt, ist für uns Mitglieder der Spezies „Homo Sapiens“ – egal zu welcher der beiden oben erwähnten Gruppen wir uns zählen – im höchsten Maße plausibel.
Denn wir Menschen sind absichtvoll und planend, weil wir bewußt-zeitliche Wesen sind, was uns vermutlich sogar von dem Gros aller übrigen uns verwandten Säugetiere unterscheidet.
Uns ist bewußt, daß wir eine Vergangenheit haben und eine noch gestaltbare Zukunft – und wir sind uns daher auch unserer Endlichkeit bewußt. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, daß unser Leben – buchstäblich auf Gedeih und Verderb – Prozeßhaftigkeit und Veränderlichkeit unterworfen ist. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche (Ecce homo 1888) nannte diese unumgängliche Erkenntnis einmal sehr schön „Bejahung des Vergehens“, denn für uns Menschen bestätigt sich alltäglich, daß wir eben nicht dauerhaft im 100%ig gegenwärtigen „Hier & Jetzt“ verweilen können. Wir können diesen besonderen Moment anstreben, wir können ihn erleben, auskosten – aber er wird, wie alles andere, nicht von Dauer sein.
Und darum sind wir ja manchmal in gewisser Weise auf die Tiere oder die übrige Natur, die sich ihrer zeitlich begrenzenden Komponente offenbar nicht bewußt sind, neidisch – und die darum auf uns oft so „ausgeglichen“ und sogar „zufrieden“ (was ja tatsächlich ein „in-Frieden“ ist) wirken, weil diese ausstrahlen, daß sie intuitiv/instinktiv immer in ihrem Tun „richtig“ sind.
Dieses „immer“ gibt es für uns nicht – und darum auch kein fortwährendes „richtig“.

Mit der Verliebtheit ist es also so eine Sache: Denn sie schränkt uns bewußt-zeitliche Wesen allein durch die hormonelle Aufwallung in unserer Gesamtwahrnehmungsfähigkeit ein. Wie bereits 1788 der berühmte Freiherr Adolph von Knigge in seinem 4.Kapitel (2. Teil) „Über den Umgang mit und unter Verliebten“ sagte: »Mit Verliebten ist vernünftigerweise gar nicht umzugehn; sie sind so wenig als andre Betrunkene zur Geselligkeit geschickt; außer ihrem Abgotte ist die ganze Welt tot für sie.«
Gerade dieser Fokus auf den „Abgott“, also den geliebten Menschen, versetzt uns gewissermaßen in eine Art „raumzeitliche Sonderzone“, wo es für die Beteiligten sehr leicht ist, das „Teil fürs Ganze“ zu halten – will sagen: In unserer Verliebtheit können wir sehr leicht glauben, den wichtigsten Teil bereits bewältigt zu haben – nämlich daß die „Reise zueinander“ jeweils schon ihr Ziel erreicht hat.

Wie sogar Herr Knigge dazu (im selben Kapitel) bemerkte:
»Die glücklichsten Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegeneinander mit Worten entdeckt hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man mitteilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Wert verlieren, die anständigerweise, ohne Beleidigung der Delikatesse, gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten oder wenn es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.«
Das hat der alte Freiherr zwar gut beobachtet – aber aus meiner Sicht preist er diese „glücklichsten Augenblicke“ der Verliebtheit ein wenig zu sehr. Denn was er beschreibt, ist genau genommen immer noch ein Zustand von Kommunikationslosigkeit, von vagem Ungefähr und von süßer Nicht-Gewissheit. Das allerdings kann uns den Beziehungsweizen noch vollständig verhageln, denn Nicht-Gewissheit ist eine akzeptable Basis für Schwärmerei und Verliebtheit – aber keine gute Grundlage für wechselseitige beständige Liebe.

Wenn wir nämlich dann wirklich aus der Verliebtheit heraus miteinander „in Beziehung gehen“, dann werden wir uns ja in jedem Fall auch in „sonstigen Zusammenhängen“ kennenlernen. Da tut unser Gegenüber vielleicht doch nicht immer das, was wir so faszinierend fanden. Oder es zeigt Seiten seiner Persönlichkeit, die wir bislang nicht erkannt oder erwartet hatten.
Was können wir diesbezüglich tun?
Das vielversprechndste Geheimnis solider Beziehungen, wenn man die glücklichen Betroffenen fragt, ist, daß die Beteiligten sich gegenseitig nicht nur als „Liebste“, sondern auch als „Freunde“ bezeichnen. Diese Menschen haben tagtäglich verinnerlicht, daß „den Anderen besser kennenlernen“ gleichzeitig „sich selbst besser kennenlernen“ bedeutet.

Für beide eingangs erwähnten Gruppen ist es also wichtig zu erkennen, daß weder inspirierende Erlebnisse noch gemeinschaftliche Harmonie sich durch unser (einseitiges) Wollen erreichen lassen.
Denn dabei versuchen wir das Unmögliche: Unsere Liebsten in unserer Vorstellung und in unserem Wünschen in einem bestimmten Zustand zu konservieren, der für uns „richtig“ ist und der uns anzieht, weil er uns so unähnlich oder so ähnlich ist. Was aber eben „prozeßhaft“ und „veränderbar“, unserer eigentlichen menschlichen Natur, in keiner Weise gerecht werden kann und damit unseren Liebsten quasi „verbietet“, sich jemals zu wandeln bzw. zu entwickeln.

Wenn man stattdessen seine Liebsten innerlich losläßt, dann ist man (jedesmal) im Hier und Jetzt angekommen und verharrt nicht mehr im ständigen „Wollen“. Die eigene Energie kann auf einmal ungehindert zu den Liebsten fließen und wird nicht mehr blockiert durch eigenes Festhalten oder Ausüben von Druck. Das heißt nicht etwa, nicht aktiv zu handeln, sondern das Handeln entsteht aus dem Augenblick heraus, ohne festen Plan. Man fixiert sich nicht auf ein Ziel, sondern ist ein Teil des Geschehen. Es bedeutet auch, den Moment, wie erkommt, anzunehmen, den nächsten Schritt zu machen oder zu lassen, dann aber die Folgen davon zu akzeptieren.¹

Und ob wir eher dissimilatorisch oder assimilatorisch veranlagt sind:
Dort beginnt das wirkliche „gemeinsame Wir“.




¹ Dieser letzte Absatz wurde von mir überwiegend dem Buch „Mit Pferden sein… – Das Leben ist einmalig“ von Sabine Birmann, Ippikon Verlag 2017, entnommen.

Danke an Jean-Alain Passard auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 18

„Wenn einer in die Irre geht, dann heißt das noch lange nicht, daß er nicht auf dem richtigen Weg ist.“
Hans Bemmann, Stein und Flöte (1983)

Oh diese Oligoamoren! Ein ganzer Monat Vorarbeit und Feldstudien. Auswählen einer ethnologisch relevanten Gruppe. Richtmikrofon, Aufnahmetechnik und schließlich ein perfekt errichteter, sorgfältig abgetarnter Unterstand ganz in der Nähe ihres allabendlichen „Feuers der Geschichten“. All das, nur um den oligoamoren Eingeborenen eine weitere ihrer grandiosen Legenden abzugewinnen, von denen ich ja weiß, daß sie voller Sinnbilder für die Führung verbindlich-nachhaltiger Mehrfachbeziehungen stecken.
Und dann DAS! Ausgerechnet in dieser Nacht (in der wissenschaftlich relevanten Nacht!) erzählt da einer am Feuer doch tatsächlich das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“. Ja, wirklich! Das aus der Bibel, Lukas-Evangelium, Kapitel 15. Diese total verstaubte Homecoming-Geschichte, bei der es mir hier jetzt sogar zu peinlich ist, sie noch einmal komplett hinzuschreiben. Kann ja jede*r wortwörtlich in der Bibel nachlesen – oder im Internet.
Die ganze Vorbereitung für die Katz, die Feldforschung ruiniert, Erkenntnisgewinn: Null. Die Oligoamoren sind nicht einmal christianisiert. Eigentlich habe ich bisher noch gar nicht herausgefunden, woran sie so glauben – religiös meine ich. Wahrscheinlich ohnehin so ein Potpourri, zusammengetragen von all denen, die es im Laufe der Jahrzehnte zu diesem entlegenen Eiland geschafft haben. Wäre ja auch wieder typisch für die Oligoamoren – wo die doch so auf Potentialvereinigung und „mehr als die Summe der Teile“ stehen…

An Schlaf ist jedenfalls nicht zu denken, ich wälze mich unruhig auf meinem Feldbett hin und her und kann es immer noch kaum fassen. „Verlorener Sohn“ pfff…

Der Horizont färbt sich schon rötlich und kündigt den Beginn des neuen Tages an, da bin ich immer noch wach. Ich hocke vor meiner Büchersammlung, die ich eigens mit auf die Insel habe schaffen lassen. Aber auf Biblisches war ich eigentlich am allerwenigsten vorbereitet und ich habe kaum Literatur zu dem Thema dabei.
Aber dort – links bei den paar Werken zu Religion und Weltanschauungen, da steht ein Bändchen, dessen Umschlag einen Rettungsring zeigt. „Das Schweigen Gottes – Glauben im Ernstfall“ von dem Pfarrer und Professor Helmut Thielicke (erschienen 2000); ich meine dunkel, daß der etwas zu diesem Gleichnis geschrieben hat. Ich ziehe das dünne Taschenbuch hervor und finde tatsächlich auch alsbald die betreffende Stelle:

Der junge Mann ging wohl weg, um sich selbst zu finden.
Damit man sich selbst finden kann, muß man manchmal eigene Wege gehen. Zu Hause, in der Atmosphäre seines Elternhauses, mußte er ja immer tun, was der Vater wollte oder was die häusliche Sitte erforderte. Da fühlte er sich abhängig. Er konnte nicht tun was er wollte, sondern er konnte nur tun, was sich eben gehörte. Und darum gehörte er nicht sich selbst, sondern er gehörte den Gepflogenheiten seines Elternhauses. Da er außerdem nur der jüngere Bruder war, kam er erst recht nicht zu eigener Entfaltung.
Darum ging er weg, um sich selbst zu finden. Man könnte auch sagen: Er ging weg, um die Freiheit kennenzulernen.
Und diese Freiheit, die ihn lockte und die ihm versprach, daß er nun einmal ganz »er selbst« sein dürfe, diese Freiheit erschien ihm als Freiheit von allen Bindungen
.“

Ich pfeife durch die Zähne und sehe mich sogleich ertappt um – gut, daß ich meine Gefährtin nicht geweckt habe. Leise sage ich es in 12 Stunden zum zweiten Mal: „Oh diese Oligoamoren!“ Deswegen also gefällt ihnen diese Geschichte so gut… Weil es darin auch wieder um das Spannungsfeld zwischen Verbindlichkeit und Freiheit geht, welches ich in Eintrag 7 schon einmal beleuchtet hatte…! Neugierig geworden lese ich weiter, was der Professor schreibt:

Nun aber berichtet die Geschichte etwas Merkwürdiges:
Sie sagt uns nämlich, der verlorene Sohn habe all sein Gut mit unrechten Freunden, zweifelhaften Frauenspersonen und anderem üblen Gelichter vertan, sei schließlich an den Bettelstab gekommen, von allen verlassen worden und habe zu guter Letzt die Schweine hüten und aus dem Schweinetrog essen müssen.
Wenn also in seinem Aufbruch ein gewisser idealistischer Schwung gelegen und wenn ihn so etwas wie die Sehnsucht nach der Freiheit getrieben haben mag, so ist er bald kläglich gescheitert. Er suchte die Freiheit und sah sich bald geknechtet an seine Triebe, an seinen Ehrgeiz, an die Angst vor der Einsamkeit, der gegenüber ihm jede*r noch so obskure Gefährt*in recht war; er war geknechtet an das Geld, mit dessen Hilfe er seinen Leidenschaften frönte.
Und also war er nicht frei, sondern er war auf eine neue Weise gebunden. Aber diese Bindung war schrecklicher als alles, was er einmal als häusliche Bindung beklagt hatte.
Was war passiert? Nun ganz einfach dies, daß er sich im Gegensatz zu dem, was er sich vorgenommen hatte, eben selber nicht fand, sondern daß er sich verlor.
Als er sich selber suchte, da meinte er, er würde sich finden, wen er einmal alle seine Anlagen und Gaben zur Entfaltung brächte. Tatsächlich hat er sich dann in der »freien« Fremde ja auch entfalten können. Aber was war es, was sich da als seine »geprägte Form« nun »lebend entwickelte« ?
War es das sogenannte bessere Ich, waren es seine idealistischen Motive, die da zum Zuge kamen?
Vielleicht war das alles auch dabei. Aber jedenfalls entwickelten sich bei seiner Selbstentfaltung auch die dunklen Seiten seines Wesens: Trieb, Ehrgeiz, Angst, Wollust. Indem er sich selbst entfaltete, wurde er gerade an das verknechtet, was sich an dunklen Gewalten in ihm meldete und sich eben mitentfalteten. So saß er schließlich im greulichsten Elend einer Tagelöhnerschaft. So war er plötzlich der letzte Knecht.

Über dem Eiland der Oligoamory geht die Sonne auf – aber ich habe heute keine Augen für dieses Naturschauspiel. Ich sitze da, mit dem Buch in der Hand, wie vom Donner gerührt. Was sich mir nach diesen Zeilen offenbart hat, hat mir den letzten Zweifel genommen, warum die Oligoamoren diese Geschichte so faszinierend finden, daß sie sie in ihren eigenen Geschichtenkanon integriert haben.
Was ich zunächst nur für ein Sinnbild zu dem bekannten Zwiespalt zwischen Verbindlichkeit und Freiheit hielt, entpuppt sich bei tieferer Reflektion als bedeutende Parabel hinsichtlich unserer Motivation und inneren Aufgestelltheit in Sachen (Mehrfach)Beziehung.
Denn da wird ja zu Beginn auch oft von dem „Aufbruch“ (z.B. in die Polyamory) gesprochen. Und so ein verheißungsvoller Aufbruch ist es dann doch auch oft, voller Sehnsucht nach einer neuen Freiheit und voller Idealismus.
Bis – ja, bis wir manchmal schmerzhaft bemerken, daß wir uns selbst auch bei so einem Aufbruch immer „mitnehmen“. Und daß wir – so wie der „verlorene Sohn“ – wohl in neuen Beziehungs- und Gemeinschaftsformen zwar unser Potential entfalten – aber eben buchstäblich unser GANZES Potential: Sowohl das, was im Licht (also bewußt) ist – als auch unsere verschatteten Anteile (was in der Psychologie das „Unbewußte“ genannt wird, und das Anteile enthält, die wir selber nicht gar so gerne an uns wahrnehmen wollen).
Und das, ich weiß es selbst, kann einem die Beziehungssuppe gerade zu Anfang ganz schön versalzen, wenn man plötzlich von persönlichen Unsicherheiten, alten Ängsten, schlecht erlernter Kommunikation, Selbstüberschätzung oder lauernder Bedürftigkeit gebeutelt wird und eigentlich „nur“ auf der Suche nach Freiheit und liebenden Verbindungen war…
Der Zwiespalt zwischen Freiheitswunsch und Ver-Bindung – ja, darum geht es. Nicht aber, wie ich zu Anfang glaubte, im Außen – sondern tief in uns selbst.
Es ist nicht mehr viel Text im Kapitel übrig, darum lese ich rasch, was der Professor für sich aus der Geschichte ableitet:

Nun passiert die zweite Merkwürdigkeit:
Als er so im Elend des Knechtsdaseins sitzt, da sehnt er sich nach der Freiheit, die er als Kind im Elternhaus genossen hatte. Nun weiß er auf einmal, daß sie wirkliche Freiheit war. Ja, er weiß noch mehr: Er weiß nämlich plötzlich, daß Freiheit nicht etwa Bindungslosigkeit ist (die hat sich ja gerade als Knechtschaft entlarvt), sondern daß die Freiheit nur eine besondere Form der Bindung ist.
Freiheit habe ich nur, wenn ich im Einklang mit meinem Ursprung lebe, wenn ich also – so heißt das dann ohne Bild – im Frieden bin. Und als er sich darum zur Heimkehr entschließt, da ist das kein moralischer Entschluß, der ihn auf die lockende Fremde verzichten ließe – mit Ach und Krach und mit jenem moralischen Kater, wie er solche Entschlüsse zu begleiten pflegt –, sondern da ist es eine Wende, die von Freude erfüllt ist. […]
Das liegt daran, daß der Mensch seinem Wesen nach eben nicht eine geprägte Form ist, die sich nur lebend zu entwickeln brauchte, die also alles an Keimanlage in sich trüge, sondern daß er eben ein Wesen ist, daß sich nur dann verwirklicht, wenn es in seine Mündigkeit hineinwächst, und das sich gerade verfehlt, wenn es sich als ein isoliertes Ich und gleichsam als einen Solisten der Lebenskunst sucht.

Still sitze ich da, ein bißchen erschüttert.
Ich begreife, daß „Der verlorene Sohn“ für die Oligoamoren nichts weniger ist als ein uraltes, menschheitsumfassendes Thema.
Welches sich die Menschen überall auf der Welt seit undenklichen Zeiten in Legendenform erzählen, um sich daran zu erinnern. Es ist die selbe Geschichte, welche die Protagonist*innen durchleben müssen, ob im sumerischen „Gilgamesch-Epos“ (2600 v.Chr.), ob in der griechischen „Odyssee“ (800 v.Chr.), ob in den Märchen „Frau Holle“ oder „Das Wasser des Lebens“ (die von den Gebrüdern Grimm ab 1815 verschriftlicht wurden) – oder ob in der „StarWars-Saga“ (ab 1977) oder ob in den „Harry Potter-Geschichten“ (ab 1997).
Es ist das Thema der „Nachtmeerfahrt“, bei der die Heldin oder der Held sich auf eine abenteuerliche Reise begeben, die sich aber genau genommen zu einer Fahrt in das eigene Innere der Psyche entwickelt – und bei der die Helden mit ihren dunklen Aspekten in Form von Leidenschaften, Zwängen und Bedüftigkeiten konfrontiert werden.
Und auch dies berichten all diese alten und neuen Mythen: Kein*e Held*in bleibt von dieser Nachtmeerfahrt unberührt, einige erliegen sogar ihren Herausforderungen, in jedem Fall durchlaufen alle tiefgreifende Veränderungen.

Wenn wir also in die Gewässer rings um den seltsamen Kontinent der Offenen Beziehungen aufbrechen, zwischen den Inseln des vielgestaltigen Archipels der Polyamory kreuzen und dabei vielleicht auch einen Blick auf das entlegene Eiland der Oligoamory erhaschen, dann sind auch wir vielleicht aufgebrochen, um Freiheit, Abenteuer und möglicherweise Vergnügungen zu finden. Wir werden dort aber auch all den Monstern und Ungeheuerlichkeiten begegnen, die wir unerlöst mit uns bringen und dabei heraufbeschwören werden.

Unsere Suchwanderung nach gelingenden Beziehungen, unsere persönliche Queste zum Auffinden unserer Zugehörigen, unseres Soultribes, ist damit zugleich eine Reise, die uns mit der Übernahme von Verantwortung für uns selbst konfrontieren wird. Mit Selbsterkenntnis sowieso – eigentlich müsste ich vielmehr sogar sagen mit „Selbstanerkenntnis“– denn der „Aufbruch in Mehrfachbeziehungen“ gehört sicher zu einer der grundlegendsten Weisen, sich mit seinen eigenen Stärken und Schwächen zu konfrontieren.

Aber die Oligoamoren würden diese Legenden nicht auch deswegen lieben, wenn sie nicht auch trotz allem den möglichen Preis so sehr schätzen würden. Wie der Professor oben am Ende etwas altmodisch sagte: Das Hineinwachsen in die eigene Mündigkeit – und das Erleben von Freiheit in Verbundenheit.

Statt nun „Amen“ zu sagen möchte ich lieber zwei Zitate anhängen, die für mich persönlich das Ganze immer schon sehr berührend ausgedrückt haben.
Das eine stammt ursprünglich von dem französischen Magnetiseur Louis Alphonse Cahagnet (1805-1885) und ist in der Wicca-Religion durch die Hohepriesterin Doreen Valiente (1922-1999) als Teil der „Weisung der Göttin“ bekannt geworden:
Denn wenn du das, was du suchst nicht in dir selbst findest, dann wirst du es auch niemals außerhalb von dir finden“.

Noch schöner – und tröstlicher – hat es für mich dann nur noch der deutsche Schriftsteller und Philosoph Georg Philipp Friedrich von Hardenberg [aka Novalis] (1772-1801) in seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ gesagt:
Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause. Immer nach Hause.“



Danke an Joshua Earle auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 17

Von Pragmatikern und Idealisten

Als ich das Buch „Gemeinschaftsbildung“ von Scott Peck las, erlebte ich gleich im ersten Kapitel etwas für mich unglaublich Beruhigendes. In diesem ersten Kapitel („In Gemeinschaft hineinstolpern“) beschreibt der Autor nämlich seine eigenen ersten Begegnungen mit Gemeinschaftsbildungsprozessen. Und gleich in seinem allerersten Kontakt mit diesem Thema beschrieb er ein Phänomen, welches auch ich genau genommen in allen menschlichen Gruppierungen so wahrnehme – und darum freue ich mich sehr, daß auch einer der prominentesten Vertreter des „Gemeinschaftsbildungsgedankens“ direkt damit konfrontiert wurde.
Natürlich handelte Scott Pecks Erlebnis von einem Gruppenbildungsprozess (an dem er damals selber teilnahm). Im Laufe dieses Prozesses beschreibt er, wie es zu einer Lagerbildung zwischen zwei Gruppen kam, was zunächst den Fluß der Veranstaltung erheblich behinderte:

>> So dauerte es nicht lange, bis jemand bemerkte „Hey Leute, wir haben es vermasselt. Wir haben den guten Geist verloren. Was ist los?“
„Für euch kann ich nicht sprechen“, antwortete einer, „aber ich habe mich geärgert. Ich weiß nicht warum. Es scheint mir, als hätten wir uns in abgehobene Diskussionen über menschliches Schicksal und spirituelles Wachstum verloren.“ Einige Teilnehmer nickten energisch, um ihre Zustimmung zu signalisieren.
„Was ist so abgehoben daran, über menschliches Schicksal und spirituelles Wachstum zu sprechen?“ konterte ein anderer. „Das ist doch etwas ganz Entscheidendes. Da geht’s lang. Darum geht es im Leben. Das ist doch die Basis, um Gottes Willen!“ Andere nickten jetzt ebenso energisch.
„Wenn Du sagst ‚um Gottes Willen‘, triffst Du meiner Meinung nach genau das Problem“, sagte einer derjenigen, die zuerst genickt hatten. „Ich z.B. glaube gar nicht an Gott. Ihr schwatzt über Gott und Schicksal und Geist, als wenn diese Dinge real wären. Nichts davon ist nachweisbar. Darum läßt es mich kalt. Was mich interessiert ist das Hier und Jetzt, d.h., wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, die Masern meiner Kinder, das zunehmende Übergewicht meiner Frau, wie kuriert man Schizophrenie, und ob ich nächstes Jahr nach Vietnam einberufen werde.“
„Man könnte meinen, daß wir anscheinend in zwei Lager gespalten sind“, warf ein anderes Mitglied bescheiden ein.
Plötzlich brach die ganze Gruppe in ein schallendes Gelächter aus, weil er seine Interpretation so milde formuliert hatte.
„Man könnte meinen, daß – ja so ist es – man könnte meinen“, rief jemand laut heraus und schlug sich auf die Oberschenkel. „Ja es könnte möglicherweise so den Anschein haben“, sagte ein anderer und brüllte vor Lachen.
So setzten wir endlich heiter unsere Arbeit fort und analysierten die Spaltung zwischen uns. Wir waren in zwei gleich große Lager geteilt. Das Lager, zu dem ich gehörte, bezeichnete die anderen sechs Teilnehmer als „
Materialisten“.
Die Materialisten wiederum nannten uns „
Gralsritter“. <<

Wenn es Euch nun so wie Scott Peck und mir ergeht – und Ihr in menschlichen Gemeinschaften häufig wahrzunehmen scheint, daß sich z.B. In Gesprächen oder bei Herangehensweisen irgendwann zwei sehr unterschiedliche Ansätze gegenüber stehen – dann könnte das an dem Unterschied zwischen „Pragmatikern“ (Materialisten) und „Idealisten“ (Gralsrittern) liegen.

Pragmatiker
sind Menschen, der sich überwiegend an sachlichen Gegebenheiten ausrichten. Pragmatiker orientieren sich dabei weniger an Prinzipien, sondern überlegen in welcher konkreten Situation sie sich befinden und nutzen dann eine Vorgangsweise, die von – wer hätte das gedacht – Pragmatismus geprägt ist.
Wikipedia sagt dazu: „Der Ausdruck Pragmatismus (von altgriechisch πρᾶγμα pragma „Handlung“, „Sache“) bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten, das sich nach bekannten situativen Gegebenheiten richtet, wodurch das praktische Handeln über die theoretische Vernunft gestellt wird. Die philosophische Tradition Pragmatismus geht davon aus, dass der Gehalt einer Theorie von deren praktischen Konsequenzen her bestimmt werden soll. Daher lehnen Pragmatisten das Arbeiten mit starren oder gar unveränderliche Prinzipien (z.B. auch Maxime, Ideale) häufig ab.
Pragmatismus ist also eine Herangehensweise, wo überlegt wird was machbar ist und welche Auswirkungen das (eigene) Handeln hat.
Eine Stärke der Pragmatiker ist auf diese Weise, daß sie sehr ergebnisorientiert bzw., mehr noch, zielorientiert denken und handeln. Wenn Pragmatiker „Absicht“ sagen, bezeichnen sie damit fast immer bereits eine konkrete Handlungskette.
Wenn Pragmatiker also empfehlen „Nicht soviel denken, einfach machen…“ oder „Nicht verkopft sein, einfach leben…“, dann entspricht diese Aussage gewissermaßen ihrer inneren Natur, da es ihnen leicht fällt, auch situativ sehr schnell ihren Kompaß nach den jeweiligen Gegebenheiten (wieder) zu justieren und dadurch eine konkrete Orientierung hin zum nächsten Ziel bzw. zur nächsten Lösung in Angriff zu nehmen.
Letzteres führt dazu, daß Pragmatiker aus ihrer Sicht eher in einer Welt unterwegs sind, in der das „Sein das Bewußtsein formt“, weil sie überwiegend aus vorhandenen Tatsachen dann Theorien oder Handlungskonzepte für sich ableiten.
Als Varianten der Pragmatiker gibt es „Materialisten“, die letztendlich sämtliche Vorgänge auf das physikalische Wirken der greif- und meßbaren Materie beziehen und persönlich dieser damit auch den höchsten Stellenwert einräumen. Zu diesen zählen daher auch die „Utilitaristen“, die Handlungen oder Gegenstände nach einem Zweckmäßigkeits- bzw. Geeignetheitsgedanken beurteilen.

[Ebenfalls zu den Pragmatikern werden oft auch die philosophischen Strömungen des Hedonismus (basierend auf den Lehren des antiken griechischen Philosophen Aristippos von Kyrene) oder des Epikureismus (benannt nach den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur) gezählt. Diese Selbst- oder Fremdeinordnung muß aber vorsichtig betrachtet werden, da „Hedonismus“ und Epikureismus“ sehr oft in sozialen Kontexten verkürzt mit „Lustmaximierung und Leidvermeidung“ paraphrasiert werden – eigentlich jedoch komplexe Philosophien der Lebensgestaltung nach Gesichtspunkten von Ausgewogenheit und Gelassenheit sind.]

Idealisten‏‎
sind Menschen, die überwiegend – wer hätte das gedacht – nach Idealen streben. „Ideale“ sind dabei meist Vorstellungen eines möglichst vollendeten oder ausgereiften Zustands, dem sie sich in ihren Herangehensweisen annähern wollen. Die „Ideen“, „Maximen“ oder „Prinzipien“ eines „größtmöglichen XYZ“ können dabei auch einem philosophischen, spirituellen oder esoterischen Kontext angelehnt sein, dem sie sich verpflichtet fühlen.

Wikipedia sagt dazu: „Idealismus (abgeleitet von griechisch ἰδέα „Idee“, „Urbild“) bezeichnet in der Philosophie unterschiedliche Strömungen und Einzelpositionen, die hervorheben, dass die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist bzw. dass Ideen bzw. Ideelles die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral ausmachen. Im engeren Sinn wird als Vertreter eines Idealismus bezeichnet, wer annimmt, dass die physikalische Welt nur als Objekt für das Bewusstsein oder im Bewusstsein existiert oder in sich selbst geistig beschaffen ist.

Im
ethischen Idealismus wird davon ausgegangen, dass wir durch vernünftige, verlässliche und verbindliche Überlegungen unser Handeln begründen und regeln können und sollen.“

Eine Stärke der Idealisten ist auf diese Weise, daß sie sehr prozessorientiert bzw., mehr noch, prozessbegleitend denken und handeln. Wenn Idealisten „Absicht“ sagen, bezeichnen sie damit fast immer eine Maxime, die – wie ein Leitstern in der Seefahrt – die Richtung anzeigt, ohne selbst physisch wirklich „erreichbar“ zu sein.
Wenn Idealisten also sagen, daß „…eine Wirkung oder eine Handlung sich aus vielerlei Ursachen zusammensetzt und jedes Vorgehen daher zuvor gründlich überlegt werden muß… (Erst nachdenken/reflektieren – dann handeln) “, dann entspricht diese Aussage gewissermaßen ihrer inneren Natur, da es für sie selbstverständlich ist, allen Begleitumstände zuvor eine ähnlich sorgfältige Betrachtung zuteil werden zu lassen, um zu einer bestmöglichen Vorgehensweise zu gelangen.
Letzteres führt dazu, daß Idealisten aus ihrer Sicht eher in einer Welt unterwegs sind, in der das „Bewußtsein das Sein formt“, weil sie überwiegend aus innerer Anschauung und aus gründlicher Reflektion einer Idee heraus zur Tat schreiten.
Eine Variante der Idealisten sind daher allerdings darum die „Fanatiker“ (in abgemilderter Form auch „Perfektionisten“), die alles und jeden kompromißslos der Erfüllung ihres Vollkommenheitsideals unterwerfen wollen.
[Ebenfalls zu den Idealisten werden oft auch die „Romantiker“ (benannt nach der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik) gezählt. Diese Selbst- oder Fremdeinordnung muß aber vorsichtig betrachtet werden, da „Romantik“ sehr oft in sozialen Kontexten verkürzt mit einem rückwärtsgewandt-sentimentalen Zustand überfließenden Gefühlsreichtums gleichgesetzt wird – eigentlich jedoch auf einer komplexen Philosophie aus Altruismus und Vergänglichkeitsbewußtsein beruht.]

Zwischen Pragmatikern und Idealisten kann es also schnell – wie in dem Beispiel von Scott Peck – gerade im Punkt „gemeinschaftliche Beziehung“ zu Konflikten kommen, weil sich Denk- und Herangehensweisen z.T. so stark unterscheiden, daß das Verhalten der „Gegenseite“ vom jeweils eignen Standpunkt her mißverständlich aufgefasst werden kann.
Die Folge sind oftmals Unverständnis und Kritik.
Auf Pragmatiker können Idealisten mitunter bis zur Erbsenzählerei umständlich und von dieser Welt sehr abgehoben wirken. „Idealisten suchen zu lange im dunklen Zimmer nach der schwarzen Katze, die gar nicht da ist“, würden Pragmatiker eventuell sagen.
Auf Idealisten wiederum können Pragmatiker manchmal unglaublich stumpf und unvisionär wirken. Idealisten könnten z.B. sagen: „Pragmatiker haben gar kein Interesse daran, hinter den Vorhang zu schauen. Ihnen gefällt der Vorhang.

Dabei sind für die meisten menschlichen Projekte beide Ansätze gleichermaßen wichtig: Idealisten überlegen, was wünschenswert wäre, Pragmatiker setzten sich damit auseinander, was machbar ist.
Wenn Pragmatiker keine Ideale haben, drohen ihnen Seichtheit und Banalität.
Idealisten hingegen, die glauben auf Sachbezogenheit verzichten zu können, schweben entweder in den Wolken und setzen nichts um oder sie verzetteln sich in endlosen Streitereien um ein hehres Ziel mit allen anderen.
Pragmatiker und Idealisten können sich deswegen sehr unversöhnlich gegenüber stehen bzw. der Versuch von Kooperation mündet in ein recht fruchtloses „Nebeneinander“.
Oder sie haben die Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten heranzuziehen und zu einer gemeinsamen Synthese zu vereinen, wobei sie sich ergänzen und dadurch ihre extremen Erscheinungsformen abmildern.

Scott Pecks damaliger Gemeinschaftsbildungsprozess geriet übrigens dank des oben beschriebenen allgemeinen Heiterkeitsanfalles glücklich:

>> Wir erkannten, daß es die Materialisten nicht schaffen würden, uns Gralsritter „zur Vernunft“ zu bringen und uns davon abzuhalten unseren Idealen nachzujagen. Gleichzeitig akzeptierten wir Gralsritter, daß wir das andere Lager nicht vom bodenständigen Materialismus abbringen konnten. <<

Mit einer kreativen Lösung konnte sogar ein „Brücke zwischen beiden (Wahrnehmungs)Welten“ geschlagen werden, welche die Stärken beider Modelle vereinte:
>> Wir überlegten, für uns alle einen gemeinsamen, identitätsstiftenden Mythos auszudenken. Wir wollten den Organismus unserer Beziehungsprozesses weder als „rein materialistisch“ noch als „super-spirituell“ konzipieren. So brachte jedes Mitglied eigene Ideen ein, und wir entwarfen gemeinsam eine etwas skurrile Parabel, ein Gleichnis, in dem sich jeder Teilnehmer wiederfinden konnte:
Wir verglichen unsere Beziehungsprozess mit einer Seeschildkröte, die an Land ging, um ihre Eier zu legen, und die sich nun in den Ozean zurückschleppt, um zu sterben. Wie viele Nachkommen schlüpfen und trotz vieler Gefahren den rettenden Ozean erreichen würden, war dem Schicksal überlassen.
<<

Scott Peck resümiert dazu selber:
>> Die Auflösung der Reibung zwischen den „Materialisten“ und den „Gralsrittern“ war meine erste Erfahrung mit Konfliktlösung in einer Gruppe. Ich hatte vorher nicht gewußt, daß es für eine Gruppe von Menschen möglich war, die Unterschiede anzuerkennen, sie beiseite zu legen und sich immer noch zu lieben. In dieser kurzen Zeit konnte ich beobachten, wie Menschen Meinungsverschiedenheiten kreativ nutzten und überwanden. <<

Als Erforscher oligoamorer Lande möchte ich ergänzen: Diese Gruppe besonderer Menschen hatte sich freiwillig miteinander auf einen Gemeinschaftsbildungsprozess eingelassen. Ihre verbindende Stärke war es, daß sie trotz unterschiedlicher Grundkonzeptionen dem „gemeinsamen Wir“ – jenseits aller trennenden Unterschiede – bis zum Schluß den höchsten Stellenwert gaben.

Und da dennoch Idealisten und Pragmatiker im Alltag sehr unterschiedliche Sprachen sprechen können und Verständigung nicht immer gelingt, könnte es hinsichtlich oligoamorer Mehrfachbeziehungen vermutlich wichtiger sein – gerade bei der Wahl von Partner*innen bzw. Konstellationen – nicht so sehr nach FFM, MMF, MFMF…¹ etc. zu fragen, sondern vielmehr nach IPP, PPI, IPIP…



PS: Ich entschuldige mich ausdrücklich, daß ich in diesem Artikel den Plural der Wörter „Pragmatiker“ und „Idealisten“ nicht mit Genderstern versehen habe. Aus meiner Sicht als Autor wäre es diesmal auf Kosten der Lesbarkeit doch recht ungeordnet geworden.

¹ Die Buchstaben beziehen sich auf die häufig auf Dating- und Erotikportalen benutzten Kürzel für Kombinationen von Frau/Frau/Mann, Mann,Mann,Frau etc.

Danke an Anne für die Inspiration und Dank an Simona Robová auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 16 #Kommunikation

Kein guter Tag zum Grillen

In Eintrag 4 schrieb ich, daß ich hinsichtlich der Oligoamory „Kommunikation“ eher als „flexible Stellgröße“ denn als in Stein gemeißelten „Wert“ ansehe.
Die allermeisten Texte, Podcasts und Videos zum Thema ethischer Non-Monogamie betonen „Kommunikation“ als eine der wichtigsten Säulen funktionierender Mehrfachbeziehungen – und das selbstverständlich auch zu Recht und mit gutem Grund. Daher werde auch ich meinerseits in Zukunft garantiert noch den ein oder anderen bLog-Eintrag diesem elementaren Stoff widmen.
Gleichzeitig ist mir in letzter Zeit aufgefallen, daß „gute Kommunikation“ ihrerseits genau genommen ebenfalls „flexible Stellgrößen“ benötigt, um überhaupt stattfinden zu können.
Eine solche Stellgröße sind die eigenen Ressourcen bzw. die eigene Aufgestelltheit der kommunizierenden Personen.
Das mag im ersten Moment seltsam klingen – aber vielfach scheitert Kommunikation doch bereits an dem ersten gut gemeinten Rat: „Setzt Euch doch hin und redet mal vernünftig miteinander!“
Familie ist für kleine Gemeinschaften gelegentlich ein durchaus passendes Übungsfeld, darum bringe ich zu der Problematik, die ich skizzieren will, ein persönliches Beispiel.


So brachte mir meine Tochter am Donnerstag einen dieser berühmten „Informationszettel“ mit. Darin wurde ich als Elternteil über die Details des am direkt folgenden Montagabend stattfindenden „Schuljahrsendtreffen“ mit beiden Klassenlehrern, Eltern und Schülern unterrichtet.
Das Schreiben begann mit dem schönen Satz „Liebe Eltern, wie Ihnen schon von Ihrer Tochter / Ihrem Sohn mitgeteilt wurde, wollen wir am kommenden Montag auf unserem Grillplatz gemeinsam das Schuljahr ausklingen lassen […]“.
Der betreffende Zettel lag Donnerstagmittag irgendwann kommentarlos auf dem Küchentisch (wo ich ihn entdeckte, als ich wegen meiner eigenen Mittagspause den Raum betrat) und – die werten Leser werden es ahnen – es war mir davon bislang kein Sterbenswörtchen im Vorfeld „schon mitgeteilt“ worden.
Nun gebe ich zu, daß bei zwei Kindern in mittlerweile 8 Schuljahren sowohl eine Menge Zettel als auch eine Menge mehr oder weniger wichtige schulische Veranstaltungen an ein geplagtes Elternteil herangetragen werden. Es sind so viele, daß ich mir – um einigermaßen die Übersicht zu behalten – angewöhnt habe, die Ankündigungen nach „Dringlichkeitsgrad“ zu priorisieren. Auf eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch mit dem Mathelehrer über eine einbrechende Leistungskurve reagiere ich daher prompter als auf den Spendenaufruf zum Sportfest oder die Info mit den verschiebbaren Ferientagen. Und ganz am Ende meiner Liste kommen Einladungen zu sozialen Ereignissen, die mit Schule nur noch in sofern zusammenhängen, als daß die Menschen, die sich dort treffen, irgendetwas mit der Klasse 8b zu tun haben (was bei mir individuell außerdem daran liegt, daß ich bezüglich sozialer Zusammenkünfte zur Freizeitgestaltung mit größtenteils fremden Menschen in nahezu keinem Kontext großen Enthusiasmus aufbringe…).
Um eintreffende Nachrichten meinem System von „wichtig“ oder „unwichtig“ zu unterwerfen, muß ich sie nichtsdestoweniger alle zu diesem Zweck wenigstens einmal lesen (das ist immerhin schon mal ein Pluspunkt für mich!).
In diesem Fall wußte ich sogar, daß ich „kommenden Montagabend zwischen 18:00 und 20:30 Uhr“ größtenteils noch mit Tagesarbeit beschäftigt wäre und damit eine plausible Erklärung für meine Nicht-Teilnahme hätte. Ehrlicherweise müsste ich aber zugeben, daß ich für eine persönliche Vorladung durch den Mathelehrer mit einem Krisengespräch zur Leistungskurve selbstverständlich die Kapazität freigeschaufelt hätte (und dies auch nicht mit allzu großem Aufwand für mich verbunden wäre).
Immerhin traf ich meine 14jährige Tochter im Laufe des Donnerstagsabends doch noch einmal an und stellte ihr wiederum frei, ob sie zu dem Grillfest gehen wollte oder nicht („Die Schüler*innen teilen den Lehrern bis Freitag mit, wie viele Teilnehmer*innen aus ihrer Familie in etwa zu erwarten sind […] “). Auch bot ich ihr an, ihr dann etwas zum Grillen zu besorgen. Nun. Eltern von Teenagern ahnen es – die geschätzte Antwort war ein konkret-messerscharfes „Ach, weiß nich’…“.

Manche Ratgeber empfehlen es: Vielleicht wäre hier der Punkt gewesen, zu einem Gespräch über Kommunikationskultur – also quasi Metakommunikation – anzusetzen, angefangen von der allgemeinen Art und Weise des Überbringens schulisch relevanter Nachrichten bis hin zu dem konkreten Formulieren eines Meinungsbildungsprozesses – von dem ja wieder Handlungen weiterer Personen (in dem Fall meine) abhängig gewesen wären.
Kurzum – das tat ich aber nicht und ließ die Sache auf sich beruhen.

Auch wenn diese kurze Begebenheit eventuell jetzt kein so rosiges Licht auf die organisatorischen und rhetorischen Leistungen Heranwachsender wirft – so erzählt sie genau genommen in der Hauptsache etwas über mich.
Was mir klar wurde, als ich am Samstag von meiner Nesting-Partnerin angesprochen wurde, ob ich mich mit meiner Tochter über das Grillfest unterhalten hätte. Und ob ich nachgefragt hätte, was es mit der unterbliebenen Vorankündigung „…wie ihnen schon von Ihrer Tochter / Ihrem Sohn mitgeteilt wurde…“ auf sich gehabt hätte (denn meine Nesting-Partnerin legt als Herrin des Terminkalenders gelegentlich durchaus Wert auf zeitnahe und konkrete Koordinierung).

Hier fehlt doch jemand…?

Wie ist das also mit „meinem Anteil“ an dem (kommunikativen) (Nicht-)Geschehen?
Ich muß zuallererst zugeben, daß ich, Oligotropos, Angelegenheiten, die direkt mich selbst betreffen, an die oberste Stelle setze. Im Verhältnis zu dem beschriebenen Beispiel hätte mich also z.B. ein Schreiben vom Finanzamt, mit meinem Namen als Empfänger darauf, deutlich mehr beeindruckt – und zu einer engagierteren Reaktion geführt. Dabei hat die Schule ja das Ihrige getan, um mich einzubinden – denn mit der Anrede „Liebe Eltern“ war ja ganz eindeutig auch ich gemeint. Trotzdem war ich voreingenommen, indem ich den „Themenkreis Schule“ der Hemisphäre meiner (eben nicht mehr ganz so kleinen) Kinder zugerechnet hatte. Und das nicht so sehr im Sinne von „Ist nicht mein Problem“, sondern mehr im Sinne von „Nicht in erster Linie mein Problem“ – und damit eben nicht Hauptpriorität.
Damit begann für mich jedoch eine „Abwärtsspirale der Verringerung“. Das mag auch daran liegen, daß meine Kinder in der Schule insgesamt ziemlich gut sind. Wodurch ich im Allgemeinen in der Gesamterwartung lebe, daß der „Themenkreis Schule“ sich nicht von heute auf morgen in einen dramatischen Brandherd verwandelt, der meine volle Aufmerksamkeit verlangt (Aber man weiß ja: Gerade hinsichtlich solcher Erwartungen kann einen das Leben gelegentlich recht unversehens überraschen…). So degradierte ich die Begebenheit „Elternbrief & Grillfest“ zu einer „kleinen (Neben)Begebenheit“ und mein Gehirn, stets um kohärente Strukturen bemüht, erledigte die Ablage indem „klein“ mit „schon nicht so wichtig“ synonymisiert wurde.
Wie oben gezeigt, hatte ich meinem „internes Ablagesystem“ aber auch schon eine Steilvorlage geliefert, da mein Gehirn doch meine Abneigung betreffs „sozialer Aktivitäten“ bestens kannte – und so quasi auch noch Schützenhilfe vom „inneren Schweinehund“ bekam. Der „Schweinehund“ wiederum wußte bestens um meinen derzeitigen Erschöpfungszustand durch eine augenblicklich akut erhöhte Arbeitsbelastung bei mir.
Dennoch schaffte ich es, den Elternbrief gegenüber meiner Tochter anzusprechen, da ich für die Einkäufe zuständig bin und das Schreiben besagte, daß „alle ihr Essen und ihre Getränke selbst mitbringen“. „Einkauf“ und „für die Familie sorgen“ haben bei mir nämlich durchaus eine erhöhte Priorität (die ich tatsächlich unter nahezu allen Umständen aufrecht erhalte, sogar, wenn ich ziemlich angeschlagen bin).
Die unentschlossene Antwort meiner Tochter betreffs der Teilnahme war dann allerdings so unmotiviert, daß ich nicht einmal erkennen konnte, ob ich irgendwie zu ihrem Wohlbefinden in Sachen Grillfest beitragen konnte.
Und dies nagelte den letzten Nagel in den Kommunikationssarg: Das „Weiß nich’…“ meiner Tochter bestätigte mir, daß auch für sie das Sommerfest wohl ein Niederprioritätsziel war und ich hakte das Thema ab – als buchstäblich: Nicht der (weiteren) Rede wert. Womit auch jede weitere Unterhaltung über das „Wie“ der Nachrichtenübermittlung mitbegraben wurde. Denn warum noch Disharmonie riskieren, deren Auslöser dann ja auch noch ein Themas wäre, daß von allen beteiligten Seiten mit so wenig Dringlichkeit verfolgt wurde?

Das meinte ich am Anfang mit „Ressourcen“ und „persönlicher Aufgestelltheit“.
Echte Kommunikation wegen des anliegenden Themas, in der alle Beteiligten ihre Interessen darstellen konnten – egal wie diese dann qualitativ ausgefallen wäre – fand bei uns gar nicht erst wirklich statt.
Darum werden wir auch nie erfahren, wie dieses Gespräch abgelaufen wäre – und nur ihr werten Leser lernt hier (lediglich) meine Beweggründe kennen, bei denen es jedoch wichtiger gewesen, wenn es mir gelungen wäre, sie gegenüber den Mitgliedern meiner sozialen Gruppe (hier: Familie) offenzulegen. Auch „Familie“ ist ja genau genommen schon oft eine vollwertige „Mehrfachbeziehung“ (selbst wenn manche Verbindungen – Kinder zu Eltern z.B. – nicht immer auf freier gegenseitiger Wahl beruhen).

Wie beeinflußt also mein obiges Verhalten eventuell so eine „Mehrfachbeziehung“?
Zum einen darf ich natürlich mir und meinen eigenen Bedürfnissen auch in sozialen Situationen einen hohen Stellenwert einräumen. Denn – wie in Eintrag 11 dargestellt – bin ich schließlich der „Held meines eigenen Lebensfilmes“.
Gleichzeitig stehe ich aber nicht über oder neben dieser sozialen Situation, sondern bin Teil davon, womit ich – da ich ja freiwillig an meiner Gemeinschaft teilhabe – zu dem „gemeinsamen Wir“, welches ich in der Oligoamory so häufig zitiere, beitragen möchte. In Eintrag 11 zeige ich daher ebenfalls, daß es für Homo sapiens kein Widerspruch ist, darum in seinen Handlungen Eigennutz und Gruppennutzen zu vereinen, vorausgesetzt daß ein Mensch sich als Teil dieser Gruppe bzw. Horde empfindet.

►Dadurch ist es – auf diese soziale Gruppe bezogen – sehr oft äußerst wichtig, Thema bzw. Gesprächsanlaß von der Gelegenheit zur Kommunikation bzw. dem konkreten Gespräch selber zu trennen (wenigstens im Kopf). Denn sonst stülpe ich meine persönlichen Gründe (z.B. Erschöpfung, Bequemlichkeit, Angelegenheit individuell nicht so wichtig nehmen), die ich mit dem Thema verbinde, der möglichen Gelegenheit zur Kommunikation insgesamt über – und damit meiner ganzen sozialen Gruppe. Welcher ich auf diese Weise a priori eine Mitsprachemöglichkeit gewissermaßen entziehe – und damit meine eigenen Beweggründe an die allerhöchste Stelle für die gesamte Gemeinschaft setze: Das „gemeinsame Wir“ ist mir dabei verlorengegangen.

Und dies war ja in meinem Beispiel nicht einmal ein bewußt-absichtsvoller Prozeß von mir, sondern fußte auf einer Reihe individueller Gegengründe, die infolge meiner situativen Befindlichkeit aus meiner Sicht sehr nachvollziehbar ineinander griffen.
Trotzdem habe ich mir durch diesen kurzfristigen Erfolg (Ich muß jetzt nicht zum Grillfest gehen/beitragen) mehrere wichtige Chancen in Bezug auf meine Gemeinschaft verbaut:
Ich habe eigentlich nicht erfahren, ob Töchterlein wirklich zu dem Abschlußfest gehen wollte oder ob sie nur recht deutlich gespürt hatte, daß ich „die Sache“ eigentlich für mich schon entschieden hatte. Schließlich agieren ja auch die anderen Teilnehmer unserer sozialen Gruppe „reziprok“ – also beziehen wiederum in die eigenen Wünsche und Entscheidungen die Befindlichkeiten der Anderen als Wechselwirkung mit ein (insbesondere Kinder oder sensiblere Individuen).
Genauso bin ich einem Gespräch hinsichtlich der möglichen Verbesserung der Gesamtgesprächskultur aus dem Weg gegangen – und habe dabei ganz genau genommen sogar noch ein Paradebeispiel für schlumpfigen Umgang damit geleistet.
Wodurch ich obendrein mir selber die Gelegenheit genommen habe, mich gegenüber meinen Lieblingsmenschen offen zu zeigen, mit meiner evtl. Überforderung oder meinen Bedürfnissen.
Auf diese Weise ist das, was ich in der Oligoamory als die Kernkompetenz des „gemeinsamen Wirs“ ansehe, nämlich die gemeinsame Ressourcenvereinigung und die Kraft der Unterstützung daraus, gar nicht erst zur Entfaltung gekommen.
Selbstverständlich hätte am Ende das Ergebnis das Gleiche sein können: Vielleicht hätte die Gruppe nicht genug Kapazität gehabt, so kurzfristig das Projekt Grillfest irgendwie zufriedenstellend noch im Terminplan unterzubringen. Oder es hätte sich tatsächlich erwiesen, daß ohnehin wirklich niemand Lust darauf gehabt hätte.
Aber mehr Köpfe hätten vielleicht auch ganz erstaunliche Möglichkeiten gefunden oder überraschende Motivation gezeigt – die ich in meinem eigenen müden und harmoniebedürftigen Kopf allein gar nicht hätte vorhersehen können.
Plus: Auch Kommunikation kann, wie jede Fähigkeit, am Besten durch Übung verbessert werden. Sogar, wenn dafür ein nicht völlig harmonisches Gespräch in Kauf genommen werden müsste, weil auch das „wie“ (Zettel wortlos auf dem Küchentisch) dabei auf die Tagesordnung gekommen wäre.

Manchmal benötigen wir also den Mut, nicht „alles mit uns alleine abzumachen“. Insbesondere, wenn wir uns als Teil einer engen Gemeinschaft sehen. Selbst Dinge, die wir selber als vermeintliche Kleinigkeiten einstufen, werden höchstwahrscheinlich das Ganze – und damit alle anderen Beteiligten – auf irgendeine Art berühren.
Unser wechselseitiges Vertrauen können wir deshalb am meisten durch die Transparentmachung unserer persönlichen Beweggründe stärken.
Es ist möglich, daß uns dabei am Ende des Tages klar wird, daß diese „guten Gründe“ für die Anderen nicht ganz so heldig oder nachvollziehbar waren, wie wir selber dachten.
Aber die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, daß wir von unserer Gemeinschaft und dem „mehr als die Summe ihrer Teile“ profitieren werden, weil uns von unerwarteter Seite Unterstützung oder wenigstens Verständnis zukommen wird.
Ich hoffe, daß mir nächstes Mal dieser freundliche Gedanke rechtzeitig hilft, wenn ich einem Gespräch von vornherein aus dem Weg gehe, weil ich glaube über nicht genügend Kapazität dafür zu verfügen.




Danke an sacriba von sacriba’s Blog für die Nachfrage hinsichtlich der „guten (persönlichen) Gründe) und Dank für das Küchentischbild an Jill Wellington auf Pixabay.

Eintrag 15 #Vertrauen

Trau, schau, wem? (Volkstümliches Sprichwort)

Ich finde das oft schwierig, überhaupt irgendjemanden kennenzulernen. Zu Anfang gibt es ja noch so gar kein Vertrauen, auf das man aufbauen könnte...“
Das sagte neulich ein*e Freund*in zu mir, als wir über Mehrfachbeziehungen sprachen.
Und obwohl dies im ersten Moment vollkommen nachvollziehbar klingt, gibt es dennoch zu jeder Zeit für die meisten von uns sogar schon zwei Arten von Vertrauen, die uns in so einem (schönen) Fall bereits zur Verfügung stehen.
Zwei?
Ja, richtig gelesen.
Und mit der eher unbekannteren Form, nämlich dem sogenannten „Swift Trust“ (deutsch etwa:„Rasches Vertrauen“), möchte ich heute ganz geschwind beginnen.

Swift Trust

Die „Swift Trust Theory“ wurde erstmals im Jahr 1995 von dem Neuropsychologen D. Meyerson, dem Organisationstheoretiker K.E. Weick und dem Sozialpsychologen R.M. Kramer in der Aufsatzsammlung „Vertrauen in Organisationen: Grenzen von Theorie und Forschung“ (erschienen bei Sage-Publications, London) formuliert.
Genau genommen beschrieben sie eine menschliche Dynamik, welche sie in unternehmerischen Zusammenhängen beobachtet hatten, nämlich wenn fremde Menschen einigermaßen plötzlich als Team zusammenarbeiten mußten.
Also: Zu einem Zeitpunkt, an dem weder zeitlich noch auf Grund von bereits bestehender Bekanntschaft irgend ein Kriterium für echtes Vertrauen erfüllt war.
Obwohl „Swift Trust“ also ursprünglich eine Erscheinung aus der Welt der Arbeits-Verhältnisse ist, glaube ich dennoch, daß es einige Kriterien davon gibt, die ebenfalls beim Kennenlernen und Verlieben für „Normal-Beziehungen“ ausschlaggebend sind (beobachtet Euch selbst!):

  • Orientierung: Da alle neu sind und die Situation noch nicht wirklich überschauen/abschätzen können, entsteht tatsächlich eine verbindende „Gemeinsamkeit“. Zusätzlich wird in solch einer noch unübersichtlichen Lage bei allen Beteiligten Adrenalin ausgeschüttet – wie bei dem berühmten „Brückenexperiment“¹, was einen zusätzlichen Anreiz zur Kooperation setzt.
  • Normativität: Ungewissheit läßt die meisten Menschen quasi wie ein „Sicherheitsnetz“ sehr stark auf angepaßte bzw. normierte Verhaltensweisen als „Krisenmodus“ zurückschalten. Umso erfolgreicher ist dabei, wer extreme Handlungen oder Äußerungen vermeidet und sich damit als verläßlich bzw. berechenbar positionieren kann.
  • Erwartungen: Ja, auch das ist belegt. Auch die jeweiligen Erwartungen an einen erfolgreichen Verlauf schaffen eine weitere „Gemeinsamkeit“ (obwohl die Details dessen, „was“ diesen Erfolg ausmachen soll, individuell stark abweichen können).
  • gleichartig ausgerichtete Aktivitäten und gemeinsame Belohnung(en): Sind quasi anfängliche „Verstärker“, welche die Möglichkeit einer Synchronisierung der Beteiligten erleben lassen (Deswegen balzen z.B. auch Tiere in komplexen aufeinander abgestimmten Mustern, um immer mehr Nähe [zu einem sonstigen Konkurrenten] zulassen zu können).
  • Der Eindruck starker wechselseitiger Aufeinanderbezogenheit: Für unser Gehirn gilt: Auch das Sein beeinflußt das Bewußtsein. Wenden wir uns gerade in einer Anfangsphase wechselseitig einander intensiv zu, nimmt unser Gehirn gerne das „Teil für’s Ganze“ – und erzeugt den Eindruck, daß es wohl bei soviel Vertrautheit schon eine gemeinsame Grundlage gibt (die realistischerweise noch nicht etabliert sein kann).
  • knappe Zeit: Viele erste Treffen sind situativ oder nur punktuell, meistens jedenfalls nicht alltäglich. Ähnlich wie im Brückenexperiment¹ fokussiert unser Wahrnehmungsapparat in solchen Situationen auf das Naheliegende (für egoistische oder unproduktive Aktivitäten, die uns in schlechtem Licht zeigen könnten, ist erst einmal gar kein Raum).
  • ausreichende Ressourcen (materiell oder psychisch): Auf einem Konzert kennengelernt, in einer Kneipe oder auf einem Seminar? Das alles sind in gewisser Weise „Wohlfühlumgebungen“ für uns, in denen wir uns – wenn auch nicht völlig „sicher“ – als „in Fülle“ bzw. auf jeden Fall in einer „Vorzugssituation“ erleben. Wir agieren großzügiger und unbesorgter.
  • starke Prozessorientierung: Persönliche Problemen oder individuelle Kritik werden in diesem Modus meistens weit nach hinten gestellt. Die allgemeine Priorität ist „…daß es erst mal möglichst reibungslos Fahrt aufnimmt“.

Die Kritik – auch die wissenschaftliche – an der „Swift Trust Theorie“ liest sich wie guter freundschaftlicher Rat: Dieses „Rasche Vertrauen“ ist in jedem Fall ein menschlicher Mechanismus zur Reduktion von Komplexität in einer unvertrauten Situation. Damit erfüllt es viele Kriterien, die z.B. auch in Modellen zum Krisenmanagement enthalten sind.
Und schon unsere Mütter sagten: „Niemand kann sich länger als 14 Tage verstellen.“ Womit sie auch beim „Raschen Vertrauen“ Recht behalten werden, denn bei langfristigerer Kooperation von Menschen erhält die Komponente „Kommunikation“ eine immer höhere Bedeutung. Gerade gute Kommunikation (oder vielmehr das Ausbleiben derselben) stellte sich aber als echte Achillesferse der „Swift Trust Theorie“ heraus, da diese Art von anfänglichem (Vor)Vertrauen für das grundlegende Vermitteln von Vertrauenswürdigkeit zwar elementar ist, aber als eben nicht als Ganzes für einen stabilen Beziehungsaufbau ausreicht.

Doch ich schrieb ja von „zwei“ Arten von Vertrauen, die uns auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse betreffs unseres Gegenübers zur Verfügung stehen. Gibt es für uns also noch eine solidere Komponente als das „Rasche (Vor)Vertrauen“?
Ja – aber über diese Variante verfügen nicht alle von uns in gleicher Menge. Es handelt sich nämlich um das

Selbstvertrauen

Über etwas Selbstvertrauen zu verfügen ist in unvertrauten Situationen – insbesondere in Hinsicht auf andere Menschen – von großem Vorteil. Denn dies bedeutet ja nichts weniger, als daß wir auf diese Weise auch in unsere Kompetenz vertrauen, mit eventuellen Herausforderungen oder sogar Schwierigkeiten umgehen zu können. Wenn wir so überwiegend der Überzeugung sind, daß da nahezu kommen kann was will und wir uns diesbezüglich zutrauen, damit fertig zu werden, dann haben wir insgesamt weniger Angst – und das ist eine sehr wichtige Vorbedingung für echtes wechselseitiges Vertrauen.
Mit ausstreichendem Selbstvertrauen gelingt es uns ebenfalls besser, die anderen als „Helden in ihrem eigenen Lebensfilm“ (wie in Eintrag 11) anzusehen – die vielleicht mal unglücklich agieren, grundsätzlich aber, so wie wir selber auch, gute Absichten verfolgen.

Mangelndes Selbstvertrauen hingegen führt dazu, daß wir beginnen ängstlich zu werden, wodurch wir schnell in „Verteidigungsbereitschaft“ oder eine Abwehrhaltung gehen – denn dann glauben wir, daß wir anderen „nicht gewachsen“ sind, bzw. wir stufen uns selbst als „schwächer“ ein.
Selbstvertrauen hat durch diese Verknüpfung leider eine Menge mit unserer Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen zu tun. Und diese Grundeinstellung wiederum ist sehr stark von unseren Erfahrungen während unseres Aufwachsens beeinflußt worden.
„Negative“ elterliche Bindungsstile, wie ich sie in Eintrag 14 beschrieben habe, verfolgen uns bis in unser Erwachsenenleben:
Ängstliche“ Bindungen haben z.B. den Glauben an unsere Selbstwirksamkeit untergraben, indem wir vielleicht überbehütet wurden und selten eigene Erfahrungen machen durften.
Vereinnahmende“ Bindungen stellten (zu) hohe Anforderungen an uns, bei denen wir uns als scheiternd oder als „nie genug“ erleben mußten.
Und in „abweisenden“ Bindungen erfuhren wir möglicherweise keine Unterstützung in Notsituationen bzw. daß Zusagen an uns selten eingehalten wurden.
Solche Lernerfahrungen aber vermitteln Menschen, daß sie weder den eigenen Fähigkeiten, noch anderen Personen, noch dem Leben selbst wirklich vertrauen können.

Leider haben sowohl die sozialen als auch die psychologischen Forschungen der letzten 25 Jahre erwiesen, daß nicht nur wir selber Opfer einer so „erlernten“ Haltung werden, sondern daß auch alle Personen, mit denen wir interagieren, diese Haltung – die sich ja oft in irgendeinem Maß von persönlicher Distanz oder innerer Reserviertheit niederschlägt – durchaus, wenn auch vielleicht nur unbewußt, registrieren.
Dies kann schlimmstenfalls zu dem Phänomen der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ führen, in dem unsere innere Haltung exakt die Resultate und Reaktionen bei anderen Menschen hervorruft, die wir befürchten. Denn genau unsere Haltung aus Vorbehalt – oder zumindest Zurückhaltung – macht uns für die andere Seite zu „Wackelkandidaten“, die schwer einzuschätzen sind und bei denen es schwierig ist, den Mut zur Investition in ein Vorvertrauen aufzubringen.

Gemäß der deutschen Wikipedia bezeichnet Vertrauendie subjektive Überzeugung von der (oder auch das Gefühl für die oder Glaube an die) Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen. Vertrauen kann sich auf andere oder das eigene Ich beziehen.“
Da ein angeschlagenes (Selbst)Vertrauen tiefe Ursachen hat, die nicht mit schlichtem positiven Denken oder einem 14tägigen Programm zur Verhaltensänderung aus der Welt geschafft werden können, möchte ich hier – wo ich mich ja hauptsächlich in der Welt verbindlich-nachhaltiger Nahbeziehungen bewege – drei mögliche Anregungen oder Hilfestellungen geben, die auch bei mir selber zumindest zeitweise gute Wirkung entfalten:

  1. Im weltweiten Netz surfe ich mit einem Adblocker und in sozialen Netzwerken blockiere ich ungeliebte Inhalte. Im wahren Leben „da draußen“ geht es zwar manchmal wie im Internet zu – trotzdem habe ich dort selbst maßgeblich die Wahl, mit welcher „Voreinstellung“ ich mich bewege. Die oft gewählte Schutzhaltung „Das Schlimmste annehmen, damit man wenigstens nicht enttäuscht wird“ ist bei Begegnungen mit echten Menschen fast nie sinnvoll, denn im schlimmsten Fall habe ich mich vielleicht selber geschützt – doch auch im besten Fall passiert dann höchstwahrscheinlich schlicht gar nichts. Denn nur, wenn ich mich mit „deaktiviertem Menschenblocker“ wenigstens etwas öffne, habe ich überhaupt die Chance auf irgendeine menschliche Begegnung. Und die kann ja nur dann wirklich weiter führen, wenn mein ausgeschalteter „Block“ der anderen Person signalisiert, daß wiederum ihre Zukunftserwartung in mich aussichtsreich ist.
  2. Wie in Eintrag 11 „Held im eigenen Film“ gezeigt, ist meine eigene Haltung ein direkter Beitrag zu einer zugewandteren Welt.
    Einmal färbt mein Sein selbstverständlich wieder direkt mein Bewußtsein: Wenn ich mißtrauisch bin, ist die Wahrscheinlichkeit exorbitant hoch, daß ich auch Mißtrauen erleben werde.
    Andererseits hilft manchmal tatsächlich etwas Zweckidealismus: Der Gedanke, daß „da draußen“ liebenswerte und vertrauenswürdige Menschen sind, macht mich selber friedlicher. Dadurch bin ich selber quasi mein eigener Beitrag zu einer „besseren Welt“. Auf diese Weise kann ich bereits in einer ersten kleinen Dimension Selbstwirksamkeit erfahren, was definitiv eine Basis für jeden weiteren Aufbau von gesundem Selbstvertrauen legt.
  3. (für Fortgeschrittene): Sehe ich mich dennoch enttäuscht, weil andere mich meiner Meinung nach eventuell ausnutzen oder ablehnen, versuche ich, meine Enttäuschung und meine Wünsche mitzuteilen. Wird von der anderen Seite das Verhalten fortgesetzt, erhalte ich für mich einen Moment großer Klarheit darüber, daß die Person gegenüber momentan nicht zu meinem Wohlergehen beitragen möchte. Da ich nicht wissen kann, was ihre Beweggründe dafür sind (und ich in so einer Konstellation dann oft genug mit mir selber zu tun habe und ich dann selten Ressourcen zur Klärung habe) kann ich mich aus dieser Situation entfernen bzw. den Kontakt zu dieser Person auf das notwendige Maß begrenzen.
    Das ist aber schon ein Riesenfortschritt, weil es eine situationsbezogen angepaßte Reaktion von mir ist. Und so kann ich selbstwirksam gezielt reagieren statt mit voreingestelltem „Blocker“ in eine Gesamtvermeidungshaltung zu verfallen, die mir von vornherein jede Möglichkeit auf potentielle Lebensfreude trübt.

¹ Schon 1974 veröffentlichten die amerikanischen Psychologen Donald Dutton und Art Aron in der Zeitschrift „Journal of Personality and Social Psychology“ ein Experiment, das sie auf zwei Fußgängerbrücken über dem Capilano Canyon in North Vancouver durchgeführt hatten. Dieses belegte eine erhöhte „Vertraulichkeitswahrscheinlichkeit“ unter unsicheren Außenumständen.

Danke an die Psychotherapeuten Doris Wolf und Rolf Merkle und ihrem Buch „Verschreibungen zum Glücklichsein“ (pAl-Verlagsgesellschaft 2017), in dem in knapper Form Zusammenhänge rund um das Thema „Vertrauen“ dargestellt sind.
Und Dank an Purnomo Capunk auf Unsplash.com für das Foto.