Eintrag 81

Dreh- und Angelpunkt [Scharniere und Flügel – Teil 2]

…wenn man nun gar Scharnier zwischen vier Partner*innen wäre…

In meinem Eintrag letzten Monat habe ich über die wechselhafte Dynamik der vermeintlichen „Mittelposition“ in einer Mehrfachbeziehung geschrieben.
Es ist daher für mich als bLogger interessant zu verfolgen, daß manche Gedankengänge zu Themenschwerpunkten, welche unsere Lebensweise betreffen, dann oftmals überraschenderweise an verschiedenen Orten nahezu zur gleichen Zeit an den Tag treten.
Vielleicht sollte es mich indessen auch nicht zu sehr überraschen, denn manche Fragen drängen bei dem Versuch, eine Lösung für sie zu finden, in ähnliche Bereiche – wenn die Zeit dafür gekommen ist.
So macht seit kurzer Zeit der aus dem US-Amerikanischen Raum übernommene Begriff „Hinge-Blindness“ in den Reihen progressiver Mehrfachbeziehungs-Führer*innen die Runde. „Hinge-Blindness“ oder „Hinge-Blindheit“ bezeichnet konsequent übersetzt die „Blindheit der Angel“ – mithin also eine Blindheit, welche die Person betreffen soll, die sich in einer Mehrfach-Beziehung auf einer Scharnier- bzw. Angelposition befindet (siehe letzter Eintrag: häufig also z.B. die „Mitte“ einer aus drei Personen bestehenden V-Konstellation).

Eingedenk meines letzten Eintrags habe ich zu diesem schönen neuen Symptom selbstverständlich Einiges zu sagen.
Zuvorderst beispielsweise, daß es sich bei so einem Begriff genau eben um die Spezifizierung eines neuen „Symptoms“ handelt. Und Symptome werden normalerweise zugeordnet, um Verursacher*innen herauszustellen. Und da in unserer Kultur „Verursacher*in“ quasi mit „Ursache“/„Auslöser“ synonymisiert wird, ist von dort der Schritt winzig, solche eine Begriffszuschreibung zum verorten von „Schuld“ zu benutzen.
Für Menschen, die unter den vermeintlichen Auswirkungen von „Hinge-Blindheit“ zu leiden haben ist dies ein verständlicher wie auch naheliegender Reflex: Ich leide – und in Folge möchte ich Verantwortlichkeit für dieses Leid benennen (UND diese Verantwortlichkeit liegt ja wohl NICHT BEI MIR! ).
Womit ich schon bei meinem zweiten Kritikpunkt bin: Der Teflonreflex „Jemand anders hat Schuld!“ führt normalerweise selten zur Lösung des Problems, sondern ganz überwiegend tiefer in einen Konflikt – insbesondere in Gruppen, in denen der Personenkreis übersichtlich ist und sich alle Beteiligten kennen (wie z.B. in einer Beziehung…).

Schauen wir uns die sg. „Hinge-Blindheit“ bzw. die ihr nachgesagten Effekte einmal an:
Da ist also eine Person, die sich auf der „Scharnier“-(Mittel-)Position“ zwischen zwei oder mehr Partner*innen befindet. Hauptkriterium der „Hinge-Blindheit“ soll sein, daß die Scharnier-Person aufgrund ihrer eigenen intensiven Gefühle zu den jeweiligen Seiten-(Flügel-)Partner*innen nicht realisiert, daß wiederum diese Seiten/Flügel-Partner*innen zu-, mit- oder untereinander durchaus nicht mit der selben Intensität fühlen bzw. verbunden sind wie es ihrer jeweiligen Bindung an die „Scharnier-Person“ entspricht. Als Folge würde dieser „blinde Fleck“ zu einer Quelle für Mißverständnisse, konflikthafte Reibung, Beschämung, ja sogar mißbräuchlichem Verhalten durch die Scharnier-Person geraten…

Hm.
Das klingt für mich immer noch irgendwie nach „Wenn zwei sich streiten, zeige man auf eine*n Dritte*n“…
Oder es hat für mich stark den Anschein von „Von der Mitte geht Schaden aus – die Mitte soll es daher richten…“. Und beides hat für mich eher einen Geschmack davon, daß „die Mitte“ entweder ein ewig undankbarer „heißer Stuhl“ ist, bei dem die*derjenige zu bemitleiden wäre, die*der sich dort zu halten hätte – oder von einer schon fast untertänig-passiven Bevollmächtigung jener „Mitte“, weil durch deren Führungstalent (oder Mangel davon) jedes Wohl und Wehe der Gesamtbeziehung bedingt wäre.

Insgesamt empfinde ich persönlich diese Interpretation von Stress in einer Mehrfachbeziehung als Versagen der Mitte aufgrund deren zugeschriebener, subjektiven Voreingenommenheit als extrem Oligoamory-fernes Gedankengut. Ja, ich empfinde es auch weitgehend als recht Polyamory-befremdlich.
Warum lassen wir nur immer wieder monogame Einflussgrößen durch die Hintertür in unsere Mehrfachbeziehungen hinein?
Wie jetzt? Hinge-Blindheit ist doch quasi daselbst ein polyamores Superphänomen, welches schon qua Begriff ausschließlich in Mehrfachbeziehungen vorkommen kann – wie soll es da eine „monogame Einflußgröße“ sein?
Schlicht, weil es – wenn wir uns so einer Art zu denken hingeben – es nach wie vor um eine rein dualistische Trennungsrealität¹ von „Richtig“ oder „Falsch“, „Recht haben“ und „im Unrecht sein“ geht. Statt eine Mehrfachbeziehung als das multifacettierte Gebilde – und die große Chance die damit einhergeht – aufzufassen, spielen wir das alte Spiel der Zweiseitigkeit weiter, bei dem es am Ende nur eine Gewinnerposition und eine Verliererposition geben darf.
So richtig vorwurfsvoll kann ich an dieser Stelle gar nicht sein. Wir alle existieren noch immer in einer weitgehend von der Monogamie geprägten Welt – und auch fast alles, was uns vorgelebt wurde und wird, orientiert sich ganz überwiegend an deren Anschauungen. Schon in Eintrag 8 („Beziehungsschach mit dem Zen-Meister“) weise ich darauf hin, daß es durchaus einer Menge Anstrengung bedarf, um vom „Einzelspielermodus“ zu einem „Gruppen-Status“ überzugehen – und das nicht zuletzt unsere Mentalität, innere Haltung und Denkweise dabei recht tüchtig die Kurve nehmen müssten, um vom „einsamen Wolf“ zum Teamplayer zu werden.

Besonders verstörend erscheint mir jedoch an dem Grundprinzip, welches hinter dem Symptom „Hinge-Blindheit“ steckt, daß darin Mehrfachbeziehungen immer noch als eine Art Collage paralleler Einzelbeziehungen der vorgeblichen „Mitte“ („Hinge“) gedacht werden. Und solange wir uns mit diese Art Energie unseren intimen Nahbeziehungen zuwenden, wird niemals zusammenwachsen, was wir uns eigentlich „zusammen“ wünschen.
Hoppla! Habe ich da jetzt so unreflektiert wie das arme blinde Scharnier gedacht?
Nein, ich glaube nicht – und ich glaube auch nicht, daß die meisten oder wenigstens viele Scharniere „blind“ sind.
Ich glaube vielmehr, daß das, was mit „Hinge-Blindheit“ benannt wird, bei den „Scharnieren“ lediglich ein gewisses Maß an sehr menschlichem, blauäugigen Wunschdenken kennzeichnet. Und zwar in einer nahezu altmodisch nostalgischen Form à la „Ich möchte, daß meine Freund*innen am besten auch alle untereinander gute Freund*innen sind…“. Ein harmonieheischender Wunsch, den viele von uns schon aus Kindheit und Schulzeit kennen – ein Wunsch nach Eintracht, Gleichgesinntheit und weitgehender Übereinstimmung – und damit natürlich auch nach Zugehörigkeit und Eingebettetsein.
Das hat aber „damals“ schon nicht wirklich funktioniert – und auch heute können wir es nicht „machen“ – da mögen wir noch so sehr bevollmächtigtes Scharnier sein, vernarrt in unsere Flügelleute („Wings“) und von diesen verehrt.
Genau genommen hat sich nämlich auch nichts verändert: Wenn damals Alex und Ulli sich nicht gegenseitig ausstehen konnten, dann konnte man es ebenso vergessen, sie zusammen zu unserem 13. Geburtstag einzuladen, wie heute Robin und Toni zu unserem 38., wenn die sich nicht grün sind. Damals hätten Versprechungen und Bestechungen nichts gebracht und heute…
…Ach ja: Heute wären doch Robin und Toni beide unsere Wing-Partner*innen mit uns in einer Mehrfachbeziehung!

Und wenn wir da jetzt blind in der Mitte wären, dann möge mir die delikate Frage gestattet sein, wie es gelungen wäre, mit diesen zwei Menschen, die sich ganz offensichtlich so stark ablehnen, daß sie es nicht einmal zusammen ein paar Stunden auf einer Feierlichkeit aushalten, in Liebe und Leidenschaft verpartnert zu sein…?
Haben wir vielleicht doch Pokémon-Poly² gespielt und mehr auf ein diversifiziertes Liebsten-Portfolio zu unserer individuellen Bedürfnisbefriedigung abgezielt – und dadurch eher ein Parallelbeziehungkonstrukt anstatt einer Gesamtbeziehung errichtet?
Dann wird es jetzt schwer, denn dafür, daß sich Robin und Toni nun bei aller Parallelität doch noch „gut finden“ mögen, können wir genau genommen von der Mitte aus rein gar nichts tun. Will heißen: Das blinde Scharnier kann da nichts machen, denn deren wechselseitige Sym- oder Antipathie ist in allererster Linie eine Sache zwischen Robin und Toni.

„Blind“ würde ich, Oligotropos, das Scharnier übrigens in dem Fall nicht wegen seinen zweckoptimistischen Harmonieerwartungen nennen.
Sehr wohl aber „blind“ hinsichtlich der Wahl des Beziehungs-Grundmodells, welches sich nun bestenfalls als „offene-Beziehungen-Netzwerk“ denn als Polyamory darstellt.
Denn selbst Polyamory – so sagt der erste Satz der deutschen Wikipedia im entsprechenden Artikel„…bezeichnet eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person mehrere Partner liebt und zu jedem einzelnen eine Liebesbeziehung pflegt, wobei diese Tatsache allen Beteiligten bekannt ist und einvernehmlich gelebt wird.“.
Oho: Einvernehmlich! „Einvernehmlich“ – da wiederum hilft uns Wiktionary aus – heißt übertragen soviel wie „Einigkeit“ oder auch „Übereinstimmung“ und bedeutet „die gleiche Einstellung von Personen zu etwas“. In unserem Fall also auf die gemeinschaftliche Beziehung bezogen, in der ja allen Beteiligten diese Tatsache (also Anteil an einer Mehrfachbeziehung zu haben) bekannt wäre (siehe oben!).

Dies zugrunde gelegt, stellt sich für mich die Frage danach, wer oder was „blind“ ist, in neuem Licht. Zu fragen wäre für mich nämlich, wie es denn um den Status jener „Einvernehmlichkeit“ bestellt ist.
Liegt es eventuell tatsächlich an der „Mitte“, die jedoch durch intransparentes Agieren im eigenen Sinne ihre „Flügelleute“ mit einem hohen Grad an Intransparenz ihrerseits geblendet hat? So daß diese Flügelleute gar nicht in der Lage waren ein informiertes Einverständnis bei vollständiger Kenntnis der Gesamtbeziehungslage zu geben? Leider ist das gar nicht so selten, daß andere existierende oder aufblühende Beziehungen als „ziemlich beste Freunde“, „sehr gute Bekannte“ oder „Ach, das ist so’n on/off-Ding…“ deklariert werden; eitle Nebelkerzen, die nur zu leicht vermitteln, daß es „eigentlich“ gar keine anderen, vollwertigen Flügelpartnerschaften (außer der, wo man gerade jetzt Zeit verbringt) gibt […und nochmals herzlich willkommen im mononormativen Denken!].
Oder war die Mitte doch blind – aber durchaus anders, als es die „Hinge-Blindheit“ klassifizieren will. Nämlich indem genau auf das so wichtige „Einvernehmen“ der Polyamorie nicht sorgfältig geachtet wurde. Die berühmteste (Nicht-)Einvernehmens-Formulierung der Welt ist ja bekanntermaßen „Mach doch was Du willst…!“ (Variante: „Ist Deine Entscheidung…“). Ein eh schon blauäugig zweckoptimistisches Scharnier könnte diese etwas vage gehaltene Ach-rutsch-mir-doch-den-Buckel-runter-Ausdrucksweise womöglich mit etwas überschießender Selbstüberzeugtheit zu tatsächlich erteiltem Einverständnis ummünzen. Und von da an im eigenen Kopf beruhigt sein: „Reinen Tisch? Klar! Hab‘ ich gemacht!“.
In beiden Varianten kommen übrigens sowohl „Angel/Scharnier/Mitte“ als auch „Flügel/Seite“ nicht besonders gut weg. Und das liegt leider an unserer menschlichen Schwäche, in unserem eigenen Sinne Aussagen anderer Personen derart zu interpretieren, daß sich doch (hoffentlich) weitere Nachfragen erübrigen und wir darob den „Stand der Dinge“ für zufriedenstellend geregelt halten.
Was uns allen immer exakt in den Situationen um die Ohren fliegt, in denen uns dann plötzlich der Boden mit Sätzen wie „Ich habe nie gesagt, daß…“ unter den Füßen weggezogen wird… Jaja. Aber wie es WIRKLICH GEMEINT war im ursprünglichen Moment, DAS ist leider auch nie gesagt worden, sondern wurde immer bloß mit viel Ungefähr, einem minimalen Hauch schlechten Gewissen und viel „Wird-schon-schiefgehen-Mentalität“ hochgradig interpretationsfähig insinuiert.

Womit für mich nun auch der letzte Glanz vom Symptom „Hinge-Blindheit“ abgeblättert ist, indem es nun so gar kein Mehrfachbeziehungs-Schlagwort mehr ist, sondern im Kern lediglich ein etwas schales, wohlbekanntes Alltagsphänomen zu Tage tritt, worin wir Menschen uns, wenn es um Verbindlichkeit geht, doch sehr oft nur zu gerne um die anhängige Konkretheit herumdrücken wollen.

Fazit:
Charakteristische „Hinge-Blindheit“ gibt es meines Erachtens nicht. Es gibt nur jene weitverbreitete menschliche Blindheit, durch die, wenn einem bestimmte Konsequenzen eigenen Handelns zu schwer auszuhalten dünken, man zu einer scheinbar leichter zu ertragende Variante der Wirklichkeit übergeht, welche man erst sich selbst und kurze Zeit später allen, die davon betroffen sein könnten, als Tatsache einzureden versucht.
Dazu braucht es weder Mehrfachbeziehungen noch gar Polyamorie als Setting – es handelt sich dabei ganz und gar um ein Phänomen des eigenen Selbstverständnisses.
In meinem vorhergegangenen Eintrag habe ich darüber hinaus dargelegt, warum die Zuordnung der Positionen von „Mitte“ („Hinge“) und „Seite“ („Wing“) keineswegs so klar sind, wie sie oberflächlich betrachtet erscheinen können. Auch daraus geht für mich bereits hervor, daß bei dem Verdacht auf „Blindheit“ in einem Mehrfachbeziehungs-Netzwerk sehr genau ergründet werden müsste, a) worin dieser blinde Fleck bestünde und b) wer bzw. wie viele Personen eigentlich davon betroffen wären.
Als „Schuldzuschiebung“ empfinde ich den gesamten Begriffskomplex so überflüssig wie fehl am Platz, da ja bekanntlich, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigt, vier Finger unversehens zurück auf einen selbst verweisen…

Ungeachtet dessen habe ich in diesem Eintrag heute drei der grundlegendsten Werte der Polyamorie wie auch der Oligoamory erwähnt. Diese sind: Einvernehmlichkeit, Transparenz und Verbindlichkeit.
Meinen Eintrag 44, in dem ich davon spreche, warum es zum Gelingen von Mehrfachbeziehungen wirklich wichtig ist, seine Freunde bzw. Partner*innen als ganze Menschen und Persönlichkeiten zu lieben, habe ich quasi auf diesen drei Werten aufgebaut, da sie die unabdingbaren Zutaten für das wichtigste Gut in allen unseren intimen Nahbeziehungen sind: Vertrauen.
Warum es „ohne“ nicht geht, erkennen wir sofort, wenn wir die drei Begriffe in ihre Antonyme (=gegensätzliche Bedeutung) drehen: Unstimmigkeit, Verschleierung (Intransparenz) und Unverbindlichkeit. Haben diese drei apokalytischen Reiter erst begonnen in unseren Beziehungen herumzustrolchen, wird sich darin niemand mehr richtig wohl fühlen. Noch mehr: Auf diese Weise wird sich niemals ein „gemeinsames Wir“ einfinden, welches genau den Unterschied zwischen dem oben erwähnten „ Parallelbeziehungkonstrukt“ und einer echten Gesamtbeziehung ausmacht.
Poly- und Oligoamory wird es immer (erst) dann, wenn wirklich alle Beteiligten komplett an Bord sind, mit ganzem Wissen, vollem Willen und ganzem Herzen.
Das ist keine Versicherung gegen angelegentliche Blindheit, wie sie uns alle mal überkommt. Aber eine der besten Absicherungen für einen solchen Fall, daß dadurch nicht gleich alle anhängig Beteiligten mit in den Abgrund gerissen werden und genug freundliche Augen und Hände da sind, ein schwieriges Stück Wegstrecke gemeinschaftlich zu meistern.



¹ Die Beschreibung „Trennungsrealität“ für unsere vorwiegend alltäglich-unbewußte Art unser Leben zu führen stammt von dem Autor Daniel Hess, dessen Gedankengänge (und Gegenvorstellung) dazu in Eintrag 26 ausführlich zu Wort kommen.

² „Pokémon-Poly“ – und was es bedeutet – wird von mir in Eintrag 2 beschrieben.

Danke an Kiraan p auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 80

Wenn Du in der Mitte der Dinge bist, gerätst Du schon mal anderen in den Weg…¹
[Scharniere und Flügel – Teil 1]

Ich könnte vielleicht sogar etwas spitzfindig reimen:
»Ist’s Polykül auch noch so klein, eine*r muß die Mitte sein…«.
Polykül?
Mitte?
Und was oder wer sind dann die „anderen“?

© Tikva Wolf auf TikvaWolf.com (Kimchi Cuddles)

Das Wort „Polykül“ ist im polyamoren Sprachgebrauch erstmals im Jahr 2007 aufgetaucht, als jemand feststellte, daß manche Mehrfachbeziehungsstrukturen – insbesondere z.B. wenn man sie zur Veranschaulichung dieser netzwerkartigen Verbindungen aufmalt – eine gewisse Ähnlichkeit mit Molekülen haben. Das Bild ist in sofern überaus passend, als daß sowohl bei Molekülen als auch bei polyamoren Beziehungen mit mehreren Lieblingsmenschen sowohl kleine, große, langkettige, kompakte oder sogar eher ringförmig gruppierte Gebilde entstehen können.
In diesem Sinne haben manche dieser Verbindungen auch keine wirkliche „Mitte“ (…wer oder was wäre die „Mitte“ von z.B. vier Personen…?) – und doch… Dazu komme ich gleich.

Das wunderbare und faszinierende an der Poly- und ebenfalls an der Oligoamory ist, daß es darin keinen „Meister-Bauplan“ für eine Beziehungskonstellation gibt. Jede beteilige Person wäre – um im Bild zu bleiben – quasi ein Atom mit beliebig vielen freien Steckplätzen für potentielle weitere Verbindungen.
Ok, in Eintrag 12 habe ich für die Oligoamory bereits etwas einschränkend beschrieben, warum ich persönlich glaube, daß dies nicht „unendlich“ oder „beliebig“ viele freie Plätze wären.

Polyküle können dadurch auf verschiedene Weise entstehen. Die einfachste (und meiner Lebenserfahrung nach häufigste) Art ist, wenn da irgendwo eine Person existiert, die eines Tages Liebe zu zwei anderen Personen zugleich empfindet – und schon ist ein erstes Mini-Polykül mit „Zentralatom“ und V-förmiger Verbindung zu zwei anderen „Atomen“ entstanden. Diese beiden „anderen Atome“ müssen dadurch nicht notwendigerweise nun auch eine Beziehung miteinander eingehen, so daß eine Art „Dreieck“ entstehen würde. Aber für gelingende Polyamorie wäre es mittelfristig günstig, wenn es dennoch eine Art „Wechselwirkung“ zwischen diesen beiden „Atomen“ gäbe, die ich gerne als „allgemeines Wohlwollen“ oder wenigstens als „gegenseitige Akzeptanz“ beschreibe.
Manchmal wiederum bilden sich Gruppenkonstellationen aber auch überraschend dadurch, daß sich mehrere Menschen auf einmal gleichzeitig „richtig gut“ finden – so können Dreier, Vierer oder noch größere Kerngruppen entstehen, in denen quasi alle Beteiligten mit allen eine Form von Bindung haben – dies ist mit zunehmender Größe einer Gruppe aber doch eher immer unwahrscheinlicher.
Gar nicht unwahrscheinlich ist aber die Möglichkeit, daß irgendwann einmal Menschen, die bereits Teil einer eigenen Mehrfachpartnerschaft sind, mit einer weiteren Person, die wiederum selbst Teil einer anderen Mehrfachpartnerschaft ist, anbandeln. Und über diese „Brückenbindung“ wachsen zwei Polyküle zu einem längerkettigen Polykül zusammen. Sollte durch diese Verbindung nun die Faszination für die übrigen Beteiligten in den bereits vorhandenen Ursprungsgruppen aufeinander überspringen, so könnte es sein, daß sich die Polyküle noch über weitere Personenverbindungen enger aneinanderschließen – der Weg zu ersten „ringartigen“ Strukturen wäre eingeschlagen…

So hübsch und verwirrend (darum malt man so etwas auch wirklich besser mal ausführlich auf die Papierserviette einer allzu neugierigen Cousine…) dies alles ist und sein kann – darauf wollte ich heute nur als Einstieg hinaus.
Denn zur Vereinfachung könnte man ja nun auch in der Welt der Mehrfachbeziehungen sagen: Für ein „Atom“ gibt es doch eigentlich nur zwei Zustände – entweder eine Person ist gerade Teil mehrerer Beziehungen und somit irgendwo „in der Mitte“ – oder sie hat gerade nur eine Beziehung zu just einem weiteren Menschen und ist damit gewissermaßen „an einer Seite“.
Dies wird unter poly- und oligoamor eingebundenen Menschen auch genauso gesehen – im angloamerikanischen Sprachraum haben sich dafür bereits eigenständige Begriffe gebildet, die ähnlich ins Deutsche übernommen wurden: Personen, die gerade nur eine Verbindung zu einem Menschen mit mehreren Beziehungen haben, werden „wingpartner“ – also Flügelpartner*in – genannt; Personen, die gerade mit mehreren anderen Menschen in Beziehung sind, werden ob ihrer Position als „hingepartner“ (=Scharnierpartner*in) oder „pivotpartner“ (=Angelpartner*in) genannt [etwa so wie bei einem Möbelscharnier oder einer Türangel, die mindestens zwei andere Teile um sich herum beweglich halten].
Um es kompliziert zu machen, können natürlich auch „Scharnierpartner*innen“ zugleich „Flügelpartner*innen“ sein, wenn nämlich deren Partner*innen sich ihrerseits wieder in Beziehung zu weiteren Personen befinden; Beziehungen also, bei denen sie selbst lediglich „der Flügel“ wären…

Und durch diese zusätzliche Verkomplizierung wären wir endlich bei meinem heutigen Thema.
Denn selbst wenn wir unsere Mehrfachbeziehungen aufmalen würden – so weitläufig oder auch klein sie seien –, eine klare Zuordnung „wer“ denn nun „Flügel“ oder „Mitte“, „wing“ oder „pivot“ wäre, gäbe es nur auf dem Papier.
Ferner könnte man mir ja geradewegs vorhalten, warum dies ausgerechnet ein „oligoamores“ Thema sein sollte, wo ich hier doch andauernd von Personenverbindungen mit buchstäblich „wenigen“ Beteiligten schreiben würde – so viele „Seiten“ oder „Mitten“ gäbe es da doch gar nicht…

Das grüne Leben indessen zeigt sich facettenreich.
Von außen – insbesondere von Menschen, die nicht polyamor leben – scheint die „Mittelposition“ überwiegend als manifestierter Traum wahrgenommen zu werden: In der Mitte, geschätzt, begehrt und gehätschelt von mehreren Seiten, im Zentrum des Interesses und schon dadurch Genießer*in zahlreicher Aufmerksamkeiten…
Im Gegensatz dazu widmet die Mehrzahl polyamorer Ratgeberbücher oft mindestens ein ganzes Kapitel dieser namhaften „Mittelposition“ – und zwar meist mit vielerlei Empfehlungen und Hinweisen, wie es zu schaffen ist, die dortigen Herausforderungen einigermaßen gut zu bestehen.

Mehrfachbeziehungen bilden nämlich häufig das Aufeinandertreffen vieler verschiedener Bedürfnisse ab. Wo ist dieses Spannungsfeld im Konfliktfall am größten? Wahrscheinlich in der Mitte… Und sofort ist es die „Angel“ – um die sich eben noch alles wohlwollend zu drehen schien – an der nun die größten Fliehkräfte auftreten, weil unterschiedliche Wünsche und/oder Erfordernisse in verschiedenen Richtungen ziehen.
Meiner Meinung nach zeigt sich aber bereits an diesem sehr häufig auftretenden Beispiel, daß in einer Mehrpersonen-Konstellation die oben so ausführlich klassifizierte „Mitte“ überhaupt nicht festgelegt ist. Denn das Gefühl, was die Bedürfnisse der anderen Beziehungsbeteiligten angeht, „das Gewicht der Welt (nur) auf den eigenen Schultern zu spüren“, das kann einen in jeder Position erwischen – an der Seite oder im Zentrum.

Gerade wenn z.B. exakt dieses Gefühl der „negativen Mitte“ aufkommt – quasi als wäre man selbst der tiefste Punkt irgendeines Geschehens in der Beziehung, auf den nun von allen Seiten die volle Last zugerutscht kommt – ist es günstig innezuhalten und sich zu fragen, ob man denn in dieser Eigenschaft eigentlich gerade wirklich auch „die Mitte“ ist.
Man braucht nämlich nicht poly- oder oligoamor zu sein, um die „Last der Welt auf den Schultern zu spüren“. Denn vielfach stellt sich dieser Eindruck bereits ein, wenn wir uns selbst für Dinge zuständig erklären, die bei anderer Betrachtung gar nicht die unsrigen sind.
Oder in einer Beziehung: Die nicht uns (allein) betreffen.
Gerade in ethischen Mehrfachbeziehungen sehe ich hier eine gewisse Gefahr des „Übererfüllens“ mit dem man sich und den anderen einen Bärendienst erweist. Ich habe hier in zahlreichen Einträgen über Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit geschrieben, so daß es schnell so erscheinen könnte, als ob das Gesamtwohl und -wehe einer Beziehung wie ein Mühlstein um den Hals jedes und jeder einzelnen Beteiligten hängen würde. Und daß in dem Sinne das „schwache Glied“ (oder Atom…) einer Mehrfach-Verbindung im Scheiternsfall mit der eigenen Unlänglichkeit, dem sich-nicht-verbissen-genug-bemüht-Haben, für den Zusammenbruch des Ganzen einzustehen hätte.
Aber so ist Oligoamory nicht gemeint. Eine Gesamtbeziehung und ein Gesamtwohl benötigen Gesamtverantwortung. Und die tragen immer alle zusammen – egal ob gerade „Mitte“ oder „Flügel“.

Wie unklar die Zuordnung einer „definierten Mitte“ einer Beziehung ist, stellt sich sehr oft auch bei dem beliebten Beispiel der so gern geübten „Dreieckskommunikation“ dar. Dazu braucht es nicht bloß drei Leute (das können leicht auch mehr sein) – und im Volksmund wird es schlicht als „reden über…“ bezeichnet. Die Verführung zu solch mißlungener Gesprächskultur ist seit dem Zeitalter sozialer Netzwerke und Messengerdienste noch einmal immens höher geworden.
Natürlich ist es vermutlich höchst menschlich, daß auch innerhalb einer Beziehung „übereinander“ geredet wird. Und da hoffentlich unsere Beziehungspartner*innen auch unsere nächsten Vertrauten sind, denen wir uns buchstäblich mit all unseren alltäglichen Nöten „anvertrauen“ wollen, ist es auch verständlich, wenn wir sie gewissermaßen als unsere „Verbündeten“ und in gewissem Maße auch als unsere „Seelsorger*innen“ sehen. Durch die indirekte Dreieckskommunikation aber spielen wir innerhalb enger Beziehungsnetzwerke sehr schnell eine*n unsere*r Verbündeten gegen eine*n anderen aus – und das kann nicht gut gehen.
Dazu ergänzt der Polyamorie-bLog Mehrfachzucker ²:
»Den Konflikt zu einer anderen Person zu tragen wird höchstwahrscheinlich obendrein die Beziehung zwischen der dritten Person und der Person, um die es eigentlich geht schädigen. Der eigentliche Konflikt wird dabei nicht gelöst, sondern ausgelagert und oftmals sogar verstärkt. Außerdem haben auch die Partner*innen unserer Partner*innen ein Recht auf eigene Privatsphäre. Besprecht also vorher, was weiter getragen werden darf und was nicht. Dreieckskommunikation ist tückisch und führt zu zahlreichen Problemen. Verlagerung von Verantwortlichkeiten, Erschaffung neuer Konflikte und verletztes Vertrauen sind dabei nur einige wenige Beispiele. Dreieckskommunikation geschieht schnell und schleichend zugleich.«
Letzteres will heißen: Wie schnell wird schon Dritten etwas aus der Situation heraus emotional ins Mobilteil getippt, was gerade noch laut am Tisch kontrovers diskutiert wird. Wir machen so unsere übrigen Lieblingsmenschen zu „Gefangenen“, bei denen es nur noch darum geht, sie als „Zustimm-Vieh“ so schnell, wie möglich ins „eigene Lager“ zu bekommen…

Eine ähnlich unangenehme Seite-Mitte-Seite-Variante der Dreieckskommunikation ist übrigens auch das Ausspielen eigener Partner*innen oder Partner*innen von Partner*innen gegeneinander: „XYZ hat da und damit dafür gesorgt, daß ich so und so gehandelt habe…“. Auf diese Weise wird sich nämlich gerne der Verantwortlichkeit für eigene Entscheidungen entledigt, indem die Ursächlichkeit auf jemanden anders aus der Gesamtbeziehung abgewälzt wird. Man „konnte“ quasi gar nicht mehr anders handeln. Ich habe mich leider selbst schon dabei ertappt, auf solch unerträgliche Art zu argumentieren, speziell um vor mir selbst die Unüberlegtheit mancher Handlungen zu rechtfertigen. Für unsere Lieblingsmenschen muß so eine Zurechnungsverschiebung noch unerträglicher auszuhalten sein.

Einem der in meinen Augen heikelsten Phänomene haben die Autoren Franklin Veaux und Eve Rickert in ihrem Grundlagenbuch „More Than Two“ ³ folgenden Text gewidmet – er beschreibt, was geschieht, wenn „Flügel“ und „Mitten“ beginnen unnachgiebig gegeneinander aufzurechnen:
»„Das ist nicht fair!“ Bis zu einem gewissen Alter hören wir diese Aussage ständig. Ab einem gewissen Alter wird unser Blick weiter, und wir lernen, dass Fairness am besten auf einer allgemeinen und nicht auf einer persönlichen Ebene funktioniert. Wenn du gestern Abend den Abwasch gemacht hast und heute deine Schwester an der Reihe ist, die aber nicht abwäscht, weil sie gerade von einer Zahnoperation zurück ist, mag dir das aus einer rein egoistischen Perspektive unfair erscheinen… aber würdest du wirklich mit ihr tauschen wollen? Und wenn du derjenige wärst, der gerade eine Wurzelbehandlung hinter sich hat, wärst du dann nicht froh, wenn du heute Abend nicht abwaschen müsstest? Manchmal gebietet es das Mitgefühl, einen starren Lebensplan zu ändern.
Wenn wir erwachsen sind, haben wir das ziemlich gut herausgefunden. Oder wir haben einfach der Erschöpfung nachgegeben und aufgehört, uns so viele Gedanken darüber zu machen, was auf einer so detaillierten Ebene „fair“ ist. Doch in Beziehungen, vor allem in polyamoren Beziehungen, dringen die kleinen Einflüsterungen unseres fünfjährigen Ichs durch und sagen: „Das ist nicht fair!“, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es erwarten. Selbst wenn wir nicht über unsere Erwartungen sprechen. Selbst wenn wir wissen, dass unsere Erwartungen albern sind. Verdammt, manchmal sogar, wenn das, was passiert, nicht nur fair, sondern auch hervorragend ist. Wenn du mehrere Partner*innen unter einen Hut zu bringen versuchst, wirst du dieses Motto mit Sicherheit irgendwann hören. Die Worte mögen sich ändern, aber die Bedeutung ist vorhersehbar konstant: „Das ist nicht fair!“
Im Umgang mit Menschen müssen Fragen der „Fairness“ manchmal ganz aus dem Fenster geworfen werden. Menschen verändern sich und Bedürfnisse ändern sich, aber oft bleiben unsere Vorstellungen davon, was „fair“ ist, statisch, so tief vergraben, dass wir uns ihrer nicht einmal bewusst sind
(„Innere Autobahnen“ im Eifersuchts-Eintrag 36). Die Fairness, auf die es in Beziehungen ankommt, ist nicht Gleichmacherei. Manchmal führt ein fairer Ansatz dadurch sogar zu einer Situation, die ausgesprochen unfair ist […]: Gleichstand ist nicht dasselbe wie Fairness.
Die Art von Fairness, die wirklich zählt, ist die Art, die mit Mitgefühl beginnt. Fairness bedeutet, Dinge zu sagen wie: „Mir ist klar, dass meine Unsicherheit zu mir gehört, also werde ich sie nicht als plumpes Werkzeug gegen dich einsetzen und auch nicht von dir erwarten, dass du dein Leben danach ausrichtest. Ich kann dich jedoch bitten, mit mir im Gespräch zu bleiben, während ich mich damit befasse“.
Das ist nicht die Art von Fairness, die unser*e innere*r Fünfjährige*r versteht; er/sie/es ist viel eher darüber besorgt, dass jemand anderes etwas bekommt, was er nicht hat, oder wie er etwas zu einem niedrigeren „Preis“ bekommen könnte, als er dafür bezahlen müsste
(Neid-Eintrag 59). Letzten Endes wird unser*e geistige*r Fünfjährige*r unser Leben aber nicht verbessern, egal wie viel Spektakel er/sie/es macht.«

Indem unsere (Mehrfach)Beziehungen also gerade keine statischen Gebilde sind (dazu Scott Peck in Eintrag 8 und in Eintrag 79), werden wir uns darin regelmäßig (auch bei kleiner Personenzahl!) auf allen „Positionen“ wiederfinden: In der Mitte als „Scharnier“ bzw. „Angel“ – oder an der Seite als „Flügel“. Unsere menschliche Ambivalenz wird uns darüber hinaus immer mal wieder aus eigenem Antrieb in die Mitte drängen lassen – und auch wieder zu einer Flügelposition hin bewegen.
Mehr oder weniger gleichzeitig werden wir dadurch also auch oftmals parallel „(An)Ziehende“ und „(An)Gezogene“, „Drückende“ und „Bedrückte“ sein. Ebenso wie wir ja auch allezeit zugleich sowohl „Genießende“ als auch „Beitragende“, „Unterstützte“ und „Unterstützende“, „Liebende“ und „Geliebte“ sind.
Wichtig ist – und darin stimme ich mit F.Veaux und E. Rickert oben überein – daß wir daher kontinuierlich auf allen Positionen bereit sind, unserem Mitgefühl eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Stimme zu geben.
Gelingt uns das, geraten wir einander weit weniger in den Weg, vielmehr werden unsere Beziehungen dann – um es mit dem persischen Sufi-Mystiker Rumi zu sagen – „Orte jenseits von richtig und falsch“.
Dort treffen wir uns.



¹ Übertragung des angloamerikanischen Sprichworts „If you are at the centre of things – you might get in anybody’s way…“

² Mehrfachzuckerblog: Dreieckskommunikation – Sich über Ecken im Kreis drehen

³ Das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

Danke an Tikva Wolf (Autorin der beliebten Kimchi Cuddles-Polyamorie-Comics) und die höchstpersönliche Erlaubnis für die Verwendung des Bildmaterials auf meinem bLog (sämtliche Rechte bei der Zeichnerin!)
und Dank an Terry Vlisidis auf Unsplash für das Molekül-Foto.

Eintrag 79

…doch der Segen kommt von oben.

Wenn die Oligoamory ein Baum wäre, dann hätte sie verschiedene „Wurzeln“.
Die Hauptwurzel ist ganz sicher die Polyamory, von der meine „Oligo-Amory“ ja gewissermaßen ein Ableger ist.
Die Polyamory, als eine Erscheinungsform der Non-Monogamie (Link leider nur Englisch! ) bietet ein Modell an, worin auf verbindliche Weise nicht-exklusive Liebesbeziehungen zu mehr als lediglich einer Person möglich sein können. Womit „Non-Monogamie“ quasi ebenfalls zu den Wurzeln der Oligoamory zählt, allein schon, weil diese überhaupt die gedankliche Freiheit einräumt, einem Streben nach mehr als einer intimen Beziehung im Leben nachzugeben.
Die Polyamory wiederum, die sich in der großen Gruppe nicht-monogamer Beziehungen mit dem Zusatz „ethische Mehrfachbeziehungen“ auszeichnet, möchte ihrerseits darauf hinwirken, daß solche Mehrfachbeziehungen verantwortlich, einvernehmlich und transparent – also mit größtmöglicher (Gleich)Berechtigung – und vor allem mit dem Wissen und der Zustimmung aller Beteiligten eingegangen werden.
Alle Werte, die in dieser Hinsicht in der Polyamory gelten, sind also in jedem Fall auch für die Oligoamory maßgeblich.

Eine weitere wichtige „Wurzel“ der Oligoamory ist der Gemeinschaftsbildungsprozess, wie er vor allem von dem US-amerikanischen Psychiater und Autor Scott Peck etabliert wurde¹ – und der für viele Zusammenlebensformen wie z.B. Ökodörfer, Wohnprojekte und Lebensgemeinschaften grundlegend geworden ist. Kern der Gemeinschaftsbildung ist ein sehr integratives und inklusives Denken, welches maßgeblich auf ein „gemeinsames Ganzes“ mit einem „Wir-Gefühl“ im Zentrum zielt. Das Beschreiben als „Prozess“ ist hier der beabsichtigte Hinweis, daß es bei dieser Form des Miteinanders nie einen „endgültigen“ oder „fertigen“ Zustand geben wird, sondern daß es sich dabei um eine Herangehensweise handelt, die von den Beteiligten immer wieder aufgesucht und aktuellen Entwicklungen gemäß weiter angepaßt und gestaltet wird.

Die Oligoamory wäre allerdings auch nicht die „Oligo“-Amory (mit dem Präfix „oligo-“, welches ja von dem altgriechischen Wörtchen ὀλίγος olígos „wenig“ stammt), wenn sie nicht auch eine Lebens- und Liebensforms nahelegen würde, die eher auf einen überschaubaren Kreis von Beteiligten hinaus möchte. Und in dieser Eigenschaft sind Wurzeln in der Oligoamory enthalten, die u.a. aus Bedürfnissen der Hochsensibilität hervorgehen, wie sie von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron formuliert wurden.
Da ich als Autor dieses bLogs mich selbst als hochsensibel beschreibe, habe ich für mich herausgefunden, daß eine hohe Fürsorge hinsichtlich der Qualität (vor Quantität!) meiner Sozialbeziehungen der Beschaffenheit und der Relevanz derselben außerordentlich zu Gute kommen, insbesondere was Kohärenz, Berechenbarkeit und Innigkeit angehen.

Da ich über die Hochsensibilität persönlich sehr stark mit den vielfältigen Übergängen hinsichtlich Nuancen, Facetten und Schattierungen der Welt und meines gesamten Daseins konfrontiert bin, die sich natürlicherseits eher selten reiner Einordnung von „entweder…oder“ unterwerfen, war ich – neben der Polyamory – ebenfalls von dem Ansatz der Beziehungsanarchie fasziniert, die so ebenfalls zu einer Wurzel der Oligoamory geworden ist.
Diese Beziehungsphilosophie, die erstmals von der schwedischen Journalistin Andie Nordgren formuliert wurde, lehnt künstliche bzw. ausschließlich sozial tradierte Kategorienbildung zur Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen ab.
Ob eine andere menschliche Person für mich beste*r Freund*in, Liebste*r, Gefährt*in, Bekannte*r, Lieblingsmensch, Partner*in oder was auch immer ist – dies alles ist gemäß der Anschauung der Beziehungsanarchie allein Vereinbarungssache der an der jeweiligen Beziehung Beteiligten. Ebenso ist es lediglich Vereinbarungssache jener Beteiligten „was“ – also quasi „welche Füllung“ – den Inhalt dieses individuellen Binnenverhältnisses dann ausmacht. Sei dies platonische Freundschaft, die Widmung zu einem verbindenden Hobby oder einem anderen Engagement, Seelenverwandtschaft, Bestreiten eines gemeinsamen Alltags, eine Wochenendbeziehung, Sexualität, alles davon zusammen oder welche Mischung noch ganz anderer Merkmale auch immer – all dies bildet einen Möglichkeitenspielraum ab, der schwerlich mit einem konkreten Begriff zu fassen ist, sondern vielmehr von den Teilhabenden beschrieben werden müsste, sollten sie gefragt werden, welcher Art Natur ihre Beziehung zueinander denn hätte.
Somit ist es ebenfalls Teil der Beziehungsanarchie (Stichwort „herrschaftsfrei Lieben“), daß aufgrund der freien Verhandelbarkeit, welche ausschließlich die Beteiligten der Beziehung angeht, keine äußeren Regeln oder Grenzen angelegt werden, was z.B. „nur“ zwischen Freunden, „lediglich“ zwischen Liebsten oder „ausschließlich“ zwischen Intimpartnern möglich und/oder sozial akzeptabel sein kann.
Exakt diese Kategorienlosigkeit und Freiheit der Vereinbarung sind ebenfalls Teil der Oligoamory, die sich in diesem Aspekt gut mit dem nonkonformen und queeren Erbe der Polyamory (siehe Eintrag 50) verbinden.

Wenn ich meine Oligoamory beschreibe, fallen mir meist noch zwei weitere wesentliche Wurzeln ein:
Zum einen ist dies Romantik. Dazu beschreibe ich bereits in Eintrag 34, daß ich das sogenannte (und als Topos der fiktionalen Erzählung geradezu schon fast archetypische) „Selbstopfer“ für ein Kernmotiv der Romantik halte. Was jedoch in Mythen, Romanen und Erzählungen manchmal so dramatisch daherkommt, hat für mich in der Oligoamory eine ganz handfeste, alltägliche Erscheinungsform: Den Willen, für die anderen Beteiligten in einer Beziehung über den eigenen „Dunstkreis“ hinaus den berühmten „extra Meter“ weiter zu gehen. Sicherlich erkennen wir an dieser Stelle darin auch den Gemeinschaftsbildungsprozeß von Scott Peck, worin ohne solches uneigennütziges Denken niemals ein „gemeinsames Wir“ erreichbar wäre.
Gleichzeitig steckt für mich darin aber auch ein Teil dessen, was die humanistischen Psychologen Carl Rogers und Abraham Maslow als Teil der „Selbst-Verwirklichung“ bezeichneten. Ich nenne diesen Teil manchmal etwas humorvoll „Komfortzonenstretching“.
Insbesondere in unseren allernächsten zwischenmenschlichen Beziehungen – solchen familiärer Natur, aber eben auch gerade den „selbstgewählten“ – werden wir doch am regelmäßigsten mit dem konfrontiert, was der kanadische Psychologe (und Vater der sozial-kognitiven Lerntheorie) Albert Bandura Selbstwirksamkeitserwartung nannte. Und damit meine ich all jene Situationen, wo wir mit Umständen, Motivationen, Gefühlen und Handlungen konfrontiert werden, bei denen wir uns unwillkürlich fragen „Kann ich das schaffen?“ – und wo wir uns dem, was dann darauf folgt, stellen müssen. Der natürliche Reflex des „inneren Schweinehunds“ wäre natürlich, solcherlei Herausforderungen möglichst flott den Rücken zu kehren, aus einem „Nein, ich kann das (vielleicht) nicht.“ ein „Nein, ich will das gar nicht!“ zu machen und auf diese Weise innerhalb unserer Komfortzone zu bleiben. Womit wir uns aber prompt die Chance zu weiterer „Selbst-Verwirklichung“ selber genommen hätten…
Jedes mal jedoch, wenn unsere allernächsten Mitmenschen, Freund*innen, Liebste, Gefährt*innen, Bekannte, Lieblingsmenschen und Partner*innen es uns Wert waren, unsere Komfortzone mit der Überzeugung „Ich kann das (doch)!“ zu verlassen, sind wir selbst wieder ein Stück selbstwirksamer geworden – und damit zugleich ein kleines Stückchen mehr „eine noch bessere Version unserer selbst“.
Wenn es im romantischen Narrativ also heißt, daß da ein*e Held*in den „Weg des größtmöglichen Mutes“ beschreitet, dann ist es vor allem das, was damit gemeint ist: Um der anderen willen wachsen wir an uns selbst. Romantischer kann es in der Oligoamory nahezu nicht mehr werden…

Zum anderen bleibt mir noch Idealismus aufzuzählen, und Idealismus geht – ok, das war zu erahnen – ganz sicher auch mit Romantik Hand in Hand. Selbst die deutschsprachige Wikipedia meint, daß „im alltäglichen Sprachgebrauch Idealismus z.B. eine altruistische, selbstlose Haltung bezeichnet“. Die gleiche Wikipedia meint aber auch, daß Idealismus „hervorhebt, dass die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist“ (und wer wäre ich als Beziehungsphilosoph da zu widersprechen…!).
Wenn ich hinsichtlich der Oligoamory von Idealismus spreche, dann meine ich hier hauptsächlich den unübertrefflich durch den tschechischen Dramatiker, Essayisten, Menschenrechtler und Politiker Václav Havel ausgedrückten Aspekt in seinen Worten »Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.« [erstmals zitiert in Eintrag 61]
Denn wenn der Psychiater Scott Peck Recht hat (und aller Wahrscheinlichkeit nach hat er das), daß unsere menschlichen Nahbeziehungen niemals abgeschlossene Gebilde sondern all die Dauer ihrer Existenz hindurch offene, sich organisch entwickelnde, stets erneut aufzusuchende Prozesse sind, dann entziehen sich diese schon aufgrund dieser Natur jeder Leistungsbewertung von „gut“ oder „schlecht“. Und sollten wir als Beteiligte versuchen, uns einem solchen Diktat von Leistungskriterien in unserer Beziehungsgestaltung zu unterwerfen, dann kämen wir in unserer guten Maslowschen Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit wohl kaum auf einen grünen Zweig.
Idealismus aber stellt (wie Wikipedia besagt) die Frage nach möglichem Sinn und nach Erkenntnis. Und Václav Havel spricht uns zu, daß dies durchaus sehr gut auch innerhalb von Prozessen möglich ist, selbst, wenn diese gar kein „Ende“ im klassischen Leistungssinne aufweisen. Mit Albert Bandura ermutigt er uns vielmehr, unsere Motivationen, Gefühle und Handlungen immer wieder in der Weise an unseren Werten und Überzeugungen auszurichten, so daß diese uns als eine Art Leitstern aus unserer Komfortzone herauslocken: „Ich kann das!“.
Die sozial-kognitive Lerntheorie Banduras verheißt uns also – insbesondere im Hinblick auf uns, die wir Mehrfachbeziehungen anstreben – daß unser Selbstwertgefühl wachsen wird, je mehr soziale Rollen wir uns zutrauen. Ja, noch mehr: Da „Selbstwertgefühl“ ja bedeutet „selbst etwas wert zu sein“, daß wir uns durch unsere sozialen Rollen in Beziehungen selbst regelmäßig „als wertvoll empfinden“.

Heute habe ich also noch einmal die wichtigsten Wurzeln der Oligoamory beschrieben. Und im Vorfeld dieses Artikels habe ich über diese nachgedacht und festgestellt, daß für mich doch eine weitere Komponente noch fehlt.
Ich könnte mir ja jetzt die perfekte oligoamore Beziehung vorstellen. Sie wäre im Kern polyamor, in einem fortwährenden Gemeinschaftsbildungsprozeß, sie hätte eine hohe Qualitäts- und Selbstfürsorge im Sinne der Hochsensibilität, sie wäre kategorienfrei und sowohl romantisch-altruistisch als auch selbstverwirklichend-idealistisch.
Wäre dies alles gegeben, würde auch ich sagen, daß dies durchaus eine gute (Mehrfach)Beziehung beschreiben würde – und doch…

So wie ich hier heute sitze wünsche ich Euch, daß Ihr zu diesen Zutaten noch über eine weitere verfügt, die ich heute schlicht und unspezifisch Spiritualität nennen möchte.
„Spiritualität“, sagt die deutsche Wikipedia, „ist die Suche, die Hinwendung, die unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt“. Wikipedia nennt als Bestandteile der Spiritualität ferner „Sinn- und Wertefragen des Daseins“, „Erfahrungen der Ganzheit der Welt“ sowie „Verbundenheit mit der eigenen Existenz“.
Und ich glaube ohne diese letzteren drei Impulse könnten wir eine nach oligoamoren Maßstäben durchaus recht vollkommene Beziehung haben – aber unser Herz würde darin doch eventuell etwas klamm bleiben.

Vielleicht liegt es bei mir daran, daß ich eine rein verstandesbasierte Ethik als alleinige Grundlage für mich nicht als ausreichend erachte.
Vielleicht liegt es daran, daß ich für mich konstatiere, daß ich zur Zeit immerhin noch in einer Welt existiere, in der die Wissenschaft noch lange nicht auf alle Fragen eine konkludente Antwort gefunden hat, sondern in der sogar die klügsten Köpfe mit Ehrfurcht im Blick bestätigen, daß jeder just zufriedenstellend beantwortete Zusammenhang augenblicklich ein fröhliches Völkchen weiterer und tiefergehenderer Fragen im Gepäck hat…
Wahrscheinlich ist es bei mir aber vor allem so, wie es Friedrich Schiller mit seinem Lied von der Glocke erging, dessen eine Zeile mir meine Überschrift zu diesem Eintrag geliefert hat. Und dahingehend wird es vermutlich kein Wunder sein, daß die wesentlichsten Bestandteile der Oligoamory ausgerechnet von einer neopaganen Autorin (Eintrag 49) und einem christlichen Gemeinschaftscoach (u.a. Eintrag 8) stammten:
Jeden Tag beschreiten wir erneut unerschrocken den „Weg des größtmöglichen Mutes“, dehnen unverzagt das Maß unserer Selbstwirksamkeit; wir überschreiten dabei regelmäßig für die Menschen, die uns wichtig sind, die Grenzen unseres eigenen Komforts; wir fragen, wenn es darauf ankommt bzw. jemand nachts verweint an unserer Tür steht nicht, ob jemand Liebste*r, Freund*in oder „nur“ Nachbar*in ist; sensibel versuchen wir ungeachtet dessen die Qualität unserer Beziehungen zu verbessern; wir erweisen uns als Teil einer Gemeinschaft und wir wollen aufrichtig echte Liebesbeziehungen und darin nicht bloß auf eine Person beschränkt sein…

Der „Segen“ aber, gleichsam der „Sinn“ – und zwar „egal wie es ausgeht“ –, wird aber in all diesen Dingen etwas sein, was „größer ist als wir“, etwas, das „über uns hinausgeht“.
Und hier werden Mehrfachbeziehungen, ja, gelingende menschliche Beziehungen insgesamt, für mich zu etwas wirklich Wunderbarem.
Denn das, was „größer ist als wir“, „über und hinausgeht“ wird in der Spiritualität genau eben als transzendent (von lateinisch transcendere „übersteigen/überschreiten“) bezeichnet. Es ist das, was ich von der ersten Stunde der Oligoamory als die Komponente beschrieben habe, die „mehr als die Summe der Teile“ erzeugt – also aus dem Zusammenwirken aller Beteiligten hervorgeht und den Mehrwert hervorruft, von dem (hoffentlich) alle profitieren.
Dazu DASS dieser Sinn, dieser Mehrwert entstehen kann, rufen wir aber etwas in einer*einem jeden von uns ab, was jede*n von uns einzigartig macht, genau jenen unveräußerlichen Selbstwert, der jede*n von uns zu „uns“ macht und ohne den die einzigartige Komposition von Zutaten in einer Beziehung nicht funktionieren würde. Exakt dieses in den Dingen und Lebewesen Enthaltene, das sich aus ihrer individuellen und objektiven Existenz ergibt, wird wiederum in der Spiritualität als immanent (von lateinisch immanere, ,darin bleiben‘, ‚anhaften‘) bezeichnet.

Wie heißt es nochmal in Schillers „Lied von der Glocke“: »…soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben.«? Meinethalben hätte der große Dichter und Denker auch »…von innen« schreiben können. Denn wir brauchen demzufolge eh beides, Immanenz zur Transzendenz und Transzendenz in Immanenz; beide gehen auseinander hervor – und keine der beiden Erscheinungen kann ohne die andere bestehen (wenigstens in der Oligoamory).
Näher können wir dem, was in vielen Religionen als Göttlichkeit bezeichnet wird, in unserem Sehnen, Streben und Schaffen für uns und in unseren Beziehungen nicht kommen.
Jener Art Göttlichkeit, die schon in allen von uns wohnt und die nur darauf wartet, Schicht um Schicht immer mehr zu Tage treten zu dürfen.
Und das ergibt in jedem Fall einen Sinn.
Egal wie es ausgeht.

¹ Vor allem niedergelegt in: Scott Peck „Gemeinschaftsbildung (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag

Danke an Ashwini Chaudhary auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 78

Auszeit

Es gibt mehr für Dich
als das, was sich niemals gezeigt hat.
Mehr als das, was nie zustande kam.
Mehr als das, was sich nicht verwirklichen ließ
oder keine Möglichkeit fand, um zu funktionieren,
und es sieht wie Heilung aus
und hat die Form von Möglichkeit.
Im Stich gelassen von Familie oder Eltern,
von vergangenen Träumen und Erwartungen,
verdrossen von Beziehungen,
Romanzen, Karrieren und Vorstellungen –
stets gibt es noch einen weiteren Weg zu erforschen
und andere Pfade zum Beschreiten.
Es gibt einen Stamm, dazu bestimmt, dich willkommen zu heißen,
mit Ermutigungen, um dich zu nähren.
Es gibt Herzen, die dich halten wollen,
und Wohlwollen, das sich danach sehnt, dich zu begleiten.
Es gibt andere Wege, der Liebe zu begegnen,
wie Zugehörige, die schon um die nächste Ecke warten.
Es gibt noch immer sprießende Felder um hindurchzulaufen
und nach wie vor warme Gewässer zum Schwimmen.
Halte durch, Menschenkind,
es gibt mehr als das
was nie erschienen ist…

Diese Zeilen stammen von der kanadischen Dichterin Susan Frybort¹ und mich haben sie sehr berührt.
Denn in all den Jahren, in denen ich mich bereits mit ethischen Mehrfachbeziehungen beschäftigt habe, schien auch mir häufig all das, „was sich niemals gezeigt hat“ regelmäßig den weit größeren Anteil auszumachen im Vergleich zu dem, was zustande kam, sich verwirklichen ließ – oder gar langfristig funktionierte.
Den vermutlich allermeisten Menschen, die in sich eine Veranlagung, ein Erleben, ein Fühlen oder Streben hin zu non-monogamen Konstellationen verspüren, kennen das vermutlich ebenfalls. Die Frage des „WIE?“ scheint – egal, wo man sich auf der „Expedition Mehrfachpartnerschaften“ gerade befindet – immer größer zu bleiben als das konkrete „Das!“.
Häufig fängt das bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt an, indem sehr viele von uns, die sich zu einer Lebensweise ethischer Non-Monogamie bekennen, oft aktuell in ihrem Leben gar keine solche(n) Beziehung(en) führen.
Für Deutschland werden unterschiedliche Zahlen gehandelt, wie viele Personen überhaupt für so eine Lebensweise aufgeschlossen wären; niedrige Schätzungen sprechen z.B. von ca. 10.000 wirklich aktiven polyamoren Menschen, an anderer Stelle wird die Zahl von 0,2% der Gesamtbevölkerung genannt, die sich überhaupt ein Leben in Mehrfachkonstellation vorstellen kann (womit wir bei 84 Millionen Einwohnern irgendwo knapp oberhalb von 160.000 Leuten landesweit landen…). Allein statistisch frustrierend. An manchen Tagen fast schon entmutigend.

Dann gibt es die Menschen, die es vermeintlich „geschafft haben“ und die sich wahrhaftig in die Herausforderung „Mehrfachbeziehung“ hineingewagt haben. Menschen, die ihr Herz in die Hand genommen haben und Liebe für mehr als ein Person empfinden. Liebe, die sie in der Praxis auch mit grünem Leben erfüllen – und zeigen – wollen.
Kaum daß sich der erste romantisch-verliebte Glitzerstaub gesenkt hat, kaum daß man erstmalig kosten durfte, das nahezu Unwahrscheinliche tatsächlich verwirklicht zu haben, scheinen auch schon die überall plötzlich aufbrechenden Hindernisse und Schwierigkeiten mit einem Mal Legion…
Kann ich mich mit mehreren Partner*innen in der Öffentlichkeit zeigen? Und warum ist mir das trotz meiner Verbundenheit unangenehm? Wie kann ich vor meinen Kindern oder Eltern vernünftig und plausibel aussprechen, daß ich mehr als nur eine Person begehre, liebe und legitim ab jetzt in meinem Leben haben möchte? Wird meine Umwelt mich jetzt anders wahrnehmen und behandeln – die Nachbarn, die Kumpel im Verein, meine Freund*innen? Und jetzt, wo ich mehrere Beziehungen habe…– wie schaffe ich es darin meine Bedürfnisse auf eine gute Art und Weise auszudrücken – und gleichzeitig die der anderen zu achten? Wie schaffe ich es, nun nicht zerrieben zu werden zwischen den ganzen Erfordernissen, jenen, die mein normales Umfeld schon so an mich stellt, dem zusätzlichen Bedarf durch mehrere Partner*innen – UND meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst? Wie ist es möglich, allen Beteiligten die ihnen angemessene Berechtigung in einer Mehrpersonengemeinschaft zuteil werden zu lassen – und ist das ad hoc überhaupt herstellbar zwischen Leuten, die sowohl was zeitliche Verfügbarkeit, räumlicher Nähe und eigene Ressourcen (mit bereits eingegangenen eigenen Verpflichtungen und Lebensentwürfen) angeht doch z.T. mit recht unterschiedlich Grundvoraussetzungen ins Rennen gehen?
Und was ist das da alles in meinem Inneren: Ist es meine gute Intuition, die mich bei meinen Entscheidungen, meinem Sprechen und meinem Handeln leitet – oder sind es alte Traumata meiner Vergangenheit, die mich auf Abwege führen wollen? Was beschwört auf einmal diese Ängste in mir hervor, woher kommen Empfindung von Neid, Zurücksetzung, Mißgunst, Eifersucht, Verlassenheit, Unverstandenheit, Ausgeschlossen-Sein und – trotz all der Fülle und Betriebsamkeit – gelegentlicher Leere und Ausgebranntheit?

Wer sich für ethische Non-Monogamie – also für Mehrfachpartnerschaften mit allseitigem Wissen, Einverständnis, Konsens, Augenhöhe und einem hohen Maß an Aufrichtigkeit entscheidet – wird solche Fragen nahezu immer in sich tragen. Ihre Antworten stellen sich aber – egal ob wir bereits mehrere Partner*innen haben oder noch nicht – nicht automatisch ein. Und es ist daher allzu menschlich, daß wir – so ähnlich wie der unwillige Prophet Jona² im Wal – erst einmal eine Weile vor ihnen fliehen oder versuchen, wenigstens vor ihnen in Deckung zu gehen: Wir sind eben nicht so aufrichtig, wie wir es gerne wären; wir versuchen, mit fehlgeleitetem Wohlwollen Kontrolle über die anderen Beteiligten auszuüben; wir sind schrecklich bedürftig und lassen uns dadurch zu entäußernden Handlungen und Selbst- wie Fremdüberfahrungen treiben…
Egal, ob wir dahingehend schon in Beziehung sind oder noch nicht – so ein Zustand fühlt sich unangenehm an, einfach „nicht richtig“.
Statt dem Himmel auf Erden erleben wir Frustration. Frustration, die ja – wie ich in meinem Depressions-Eintrag 22 schon beschrieb – ein „Erlebnis der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Benachteiligung oder Versagung ist, das sich als gefühlsmäßige Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung (Enttäuschung), z.B. infolge des Scheiterns eines persönlichen Plans oder der teilweise oder gänzlich ausbleibenden Befriedigung primärer und sekundärer Bedürfnisse einstellt.“ Und die Definition fährt fort: „Frustration kann einerseits zu konstruktiver Verhaltensänderung führen, löst aber häufig regressive, aggressive oder depressive Verhaltensmuster aus.“
Statt der vielgerühmten „konstruktiven Verhaltensänderung“ ziehen wir uns also weitaus eher vor den Anderen oder in uns selbst hinein zurück (Regression), reagieren auf die Anderen oder auf uns selbst gereizt, genervt oder wütend (Aggression) – oder wir werden sogar von Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung bzw. Burnout gelähmt (Depression).

So erscheint es uns schließlich, wie Susan Frybort es in ihrem Gedicht oben beschreibt: Nichts kommt so zustande, wie wir es uns erhofft hatten, es läßt sich einfach nicht verwirklichen – und es gibt wohl ohnehin keine Möglichkeit, das so etwas funktioniert.
Vielleicht soll es nicht sein. Höchstwahrscheinlich sind wir wohl noch nicht so weit.

Als ich einmal selbst in so einer „Grauzone“ steckte hat mir überraschenderweise jemand in einem sozialen Netzwerk dazu folgendes geschrieben, was mir ein wenig geholfen hat, meine Frustration hinsichtlich Mehrfachbeziehungen – vor allem die, die ich mit mir selbst dahingehend habe – etwas gelassener zu betrachten:

»Auf Deiner Lebensreise wird es „Dazwischenzeiten“ des Übergangs geben.
Du magst dich verloren, verwirrt, verärgert, ungesehen oder leer fühlen.
Verwechsle jedoch diese Zeiten des Übergangs nicht mit einem ewig währenden Zustand des Daseins oder gar des Gebrochenseins.
Du trennst dich von dem, was war, und schaffst Raum, um das, was sein wird, willkommen zu heißen.«


Das empfinde ich als eine sehr gute Betrachtungsweise (und sie erinnert mich in ihrer Wortwahl zusätzlich an Scott Pecks „Phase der Leere“ in seiner „Arbeit der Depression“, die ich ebenfalls in Eintrag 22 nenne). Denn für die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen führen wollen, können wir uns ja erst einmal nur so anbieten, wie wir hier und heute sind. Da, wo wir jetzt in unserem eigenen Prozess stehen.

Und was für Hindernisse haben wir da bereits überwunden! Unter den oben erwähnten 84 Millionen Bewohnern der Bundesrepublik haben selbst viele verheiratete Paare noch Hemmungen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen; viele Umstehende haben Hemmungen, so eine Verbundenheitsbekundung mitzuerleben (und all diese Menschen sind durchaus nicht sämtlich im Rentenalter…). In vielen Ländern der Welt ist eine freie uns selbständige Partnerwahl noch unüblich – und in manchen Regionen ist die Festschreibung moralischer Prinzipien noch so rigide, daß dort weder Männlein noch Weiblein ausreichend Mut fassen können, selbst ihre eigene Sexualität zu erkunden – und schrecklicherweise folglich von der Sexualität oder dem Gefühlsleben anderer Geschlechter gar keine Ahnung haben…
Und wir? Stehen zu 10.000 oder zu 0,2% auf den Schultern couragierter Menschen in unserem Kulturkreis und der dort gebotenen Freiheit, so daß wir uns mit Gedanken von Mehrfachpartnerschaften und Oligo- bzw. Polyamorie beschäftigen können. Welch unglaubliches Privileg – und was für eine großartige persönliche Erreichung: Denn wie weit wir für uns selbst doch in unserem Leben gekommen sind, daß wir dies tun, diese Seite an uns also entdecken durften und entdeckt haben!

Gleichzeitig wird es natürlich immer noch weiterhin kritische Stimmen im Außen und daher auch in uns selbst geben, für die das dennoch nicht „ausreichend“ ist. Das, was sich „niemals gezeigt hat“, „nie zustande kam“, vielleicht deswegen „nie erscheinen wird“, wähnt uns daher nach wie vor zu oft als überwiegend.
Wären wir doch nur freier… Wir sollten aufrichtiger sein. Wir sollten authentischer sein. Wir hätten schon weit mehr zu uns selbst finden müssen. Wir hätten dann längst unterwegs, längst „verwirklicht“ sein können. Hätten dann seit Jahren bereits sicher ein vollumfängliches Mehrfachbeziehungsparadies für uns etabliert. Wären endlich angekommen.

Der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown schreibt dazu in seinem Buch „Soulshaping“³:

»Ich finde jedwede Urteile darüber, wo ein Individuum in einer bestimmten Phase seines Lebens stehen sollte, unangebracht. Es ist, als ob man versuchen würde, diese großartige und komplizierte Reise der Selbstschöpfung in etwas sehr Einfaches und Banales zu verwandeln. In Wirklichkeit kennt nur unsere Seele den Weg, für den sie hier ist und den sie zu gehen hat, was sie zu überwinden hatte und an welchen Errungenschaften sie ihren Fortschritt erkennen kann. Die Menschen urteilen, als ob sie bereits alles durchschaut hätten, aber ihre Urteile verschleiern oft nur ihre eigene Verwirrung. Sind wir Spätblüher oder rechtzeitige Entwickler? Das ist eine ganz persönliche Abwägung. Das Wesentliche ist lediglich, dass wir uns dabei weiter auf einen Ort zubewegen, der sich wie ein Zuhause anfühlt.«

Daß wir uns also überhaupt „schon“ „hier“ befinden, ist für jede*n von uns eine ganz und gar herausragende Entwicklung. Trotz unterschiedlichster Startpunkte haben wir uns an dieses außergewöhnliche Universum von Mehrfachpartnerschaften herangedacht. Ein Universum, durch welches wir uns immer wieder mit den grundsätzlichsten Fragen zu unserem Selbst konfrontieren und dazu, wer wir sind. Mit Fragen, wie wir uns in Beziehung begeben – sowohl zu uns selbst als auch zugleich zu jenen, die ebenfalls einen besonderen Platz in unserem Herzen und in unserem Dasein haben, hatten – oder erhalten sollen.
Für mich sieht das wie Heilung aus.
Und es hat die Form von Möglichkeit.

Halte durch, Menschenkind,
es gibt mehr als das
was nie erschienen ist…



¹ „Look to the Clearing: Poems to Encourage“, Enrealment Press 2021

² Die Bibel, Buch Jona, insb. Kapitel 2, 1-11

³ North Atlantic Books; Original Edition 2009

Danke an Frauke Riether auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 77

Love. Separate. Repeat.¹

„Hi, ich bin Ingo, ich liebe Dich…!“

Ingo hat es eilig. Er hat ja gerade auch viel aufzuholen, da er vor Kurzem erst aus dem Gefängnis entlassen worden ist, wo er fünf Jahre für das Raubkopieren von Filmen abzusitzen hatte. Darum stürzt er sich jetzt mitten ins Leben. Denn auch in Sachen Beziehung lief in letzter Zeit umständehalber natürlich ebenfalls so gar nichts. Die nächstbeste Kneipe ist Ingo heute darum sofort gut genug. Fieberhaft läßt er seinen suchenden Blick über die Anwesenden schweifen. Der Druck, die verlorene Zeit wieder gut zu machen ist hoch, Ingo entsprechend nervös, er spürt Schweiß auf seinem angespannten Gesicht – hektisch reißt er ein Streichholz für eine schnelle Zigarette an, die seine Anfangshemmungen wenigstens ein bißchen auflockern soll. In kaum drei hastigen Atemzügen hat er wenige Sekunden später seinen Glimmstängel auch schon inhaliert, denn endlich ist sein unruhiger Blick auf eine einzelne Dame ohne Begleitung an der Bar gefallen, der er sich sogleich mit zielstrebigen Schritten nähert. Unverzüglich stellt er Blickkontakt her und spricht die überraschte Frau ohne Umschweife an: „Hallo, ich bin Ingo…“; gleichzeitig saugt sein Blick förmlich alle Merkmale ihres Gesichts in Sekundenbruchteilen auf: Zügig scannt er ihre Haare, ihr Gesicht, die klaren Augen, die wohlgeformten Lippen, ihre strahlenden Zähne. Und in eben denselben Sekundenbruchteilen hat Ingo sich auch entschieden, seine Begrüßung darum fortsetzend: „…ich liebe Dich, ich möchte ein Kind mit Dir!“. Dazu setzt er sein einnehmenstes Flirtgesicht auf, so daß sich sein verblüfftes Gegenüber sprachlos aber belustigt sogleich sichtlich über diesen fulminanten Anmachspruch amüsiert. Doch Ingo ist die Sache sehr ernst. Er weiß, er hat das erste Eis gebrochen, jetzt wird es höchste Zeit, die Dinge verbindlich werden zu lassen: „Naja, jetzt wo wir gemeinsam Kinder bekommen werden…, wollte ich Dich fragen…, willst Du mich heiraten?“, setzt er daher nach, treuherzig in das nun doch zunehmend perplexe Antlitz seiner auserkorenen Herzensdame blickend. Diese muß sichtlich darum ringen, überhaupt ihre Stimme für eine irgendwie angemessene Antwort wiederzufinden – eine Spannung, die Ingo in seiner Hast und seinem Erfüllungsdruck nicht mehr aushält. Sein ganzer Körper kribbelt und vibriert. Nahezu dadurch aus seinem Konzept gebracht, reißt er also fast dem Bartender das Glas Bier, welches dieser gerade servieren will, aus der Hand und stürzt es mit wenigen Schlucken hinunter. Dabei erfaßt ihn ein schrecklicher Gedanke: Es läuft nicht, wie er es erhofft! Und unverzüglich informiert er auch seine immer noch überrumpelte Angebetete von diesem Unbehagen: „Du, also, ich denke, wir sollten uns wirklich mal über unsere Beziehung unterhalten…“ Die ansteigende Nervosität hat nun längst seinen ganzen Körper ergriffen und die Blase meldet sich unbarmherzig; mit einem „Ich bin gleich wieder da!“ flüchtet Ingo in Windeseile auf die Herrentoilette, noch bevor seine potentielle Liebste auch nur ein weiteres Wort einwenden könnte. Dort die geplagte Blase entleeren, die Spülung kaum touchieren, den Hosenlatz schließen, das ist fast eine einzige durchgängige Handlung nonstop. Denn schon steht Ingo wieder bei seiner Auserwählten an der Bar, doch seine Gedanken haben sich verdüstert. „Paß mal auf, so geht das doch nicht weiter, ich meine, in letzter Zeit haben wir uns einfach nichts mehr zu sagen…“ konfrontiert er sie mit ihrer Stille in den vergangenen Minuten. Da schließlich schafft sie es, genau dieses Schweigen endlich zu brechen: Moment mal…!“, entfährt es ihr irritiert – doch damit gerät sie jetzt bei Ingo an den gänzlich Falschen: „Nee, zu spät, versuch bloß nicht, mich aufzuhalten!“, platzt es nach allem nun aus ihm mit ganzer Bitterkeit hervor, „Zwischen uns ist einfach zu viel kaputt gegangen!“ Eine schreckliche Tatsche, der er sich selbst in diesen Sekunden auch erst ganz und gar bewußt wird. Und er vollstreckt konsequent: „Es ist vorbei, tschüss!“ – und er beendet diese ganze mißglückte Beziehungsanbahnung, die ihm wieder kein Glück gebracht hat. Es sind nur wenige Augenblicke, da ist er aber bereits wieder irgendwo im Hintergrund zu hören, offensichtlich schon unablässig auf dem Weg zu einem neuen Ziel: „Hi, ich bin Ingo, ich liebe Dich…!“

Den zugehörigen Videoclip findet ihr HIER (Link zu YouTube)

Diesen mit Abspann (!!!) gerade einmal 44 Sekunden währenden Informationsfilm produzierte einst die Zukunft Kino Marketing GmbH zu Anfang des jetzigen Jahrtausends, um in lustig-nachdenklicher Form vor den Folgen kriminellen Handelns zu warnen.
Ich allerdings glaube längst, daß es für diese Form der dargestellten Bedürftigkeit (und daraus resultierender Getriebenheit) keinerlei Kriminalität oder gar langjähriger Haftstrafe im Vorfeld bedarf, sondern daß wir uns alle unversehens und recht alltäglich schnell einmal in Ingos Schuhen befinden können – und daß die meisten von uns (Hand aufs Herz) bei sich selbst oder einer anderen nahestehenden Person vermutlich bereits erlebt haben, wie sie durch eine „Ingo-Beziehung“ geschlittert sind. „Beziehungen“ also, die wie in einer Art Schnelldurchlauf auf diese Weise vielleicht nur wenige Wochen oder Monate währten.

Aber insbesondere „wir“, die wir uns mit einer Philosophie ethischer Mehrfachbeziehungführung identifizieren, sind aus meiner Sicht stärker als die Anhänger*innen normal-mononormativen² Beziehungsanbahnungsverhaltens gefordert, uns mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen.

Warum? Weil wir mit dessen Risiko stärker konfrontiert sind?
Das nun wiederum glaube ich nicht, denn in einer mononormativen² Welt gibt es ja (trotz anderslautender, hehrer Behauptungen) keine Absicherung gegen solcherlei Serialität. Und darum funktioniert der Spot doch auch im Kino: Ingo, das ist der ewig Suchende; einer, der stets eine Beziehungskiste nach der nächsten zimmert, nur um – nachdem er glaubt, den letzten Nagel eingeschlagen zu haben – mal wieder vor einem Haufen Splitter zu stehen. Selbstgemachte Splitter, erzeugt durch unvorsichtige Betriebsamkeit aufgrund von Drang und daraus resultierend hohem Tempo.

Ich fürchte jedoch, daß „für uns Mehrfachbeziehungsunterstützer*innen“ sowohl die Unwägbarkeit von Kollateralschäden wesentlich höher ist, als auch erst recht die Gefahr, die Werte, die unserer Beziehungsphilosophie zu Grunde liegen, in so einer Weise tüchtig über den Haufen zu fahren. Was in beiden Fällen für eine ebenso tüchtige Katerstimmung zu unseren Ungunsten sorgen wird – unter der wir selbst am meisten zu leiden haben.
Ganz abgesehen davon müssen wir vom „Mehrfachbeziehungsvolk“ gesamtgesellschaftlich auch noch immer gegen ein Wahrnehmungsgefälle anarbeiten, welches uns, die wir uns z.B. gelegentlich mit dem Begriff der „Vielliebe“ (Poly-Amorie) schmücken, nach wie vor unterstellt, daß dieser Ingo ja wohl quasi das Paradebeispiel solcher Viel-Liebelei darstellt: Allezeit unterwegs von Blüte zu Blüte, immer bedürftig, niemals konstant, nie „mit nur einem Partner zufrieden“, stets „auf dem Sprung“ und damit nicht geduldig genug, einer wirklichen Beziehung Tiefgang und Raum zu geben…

Was ist also dran, am „Ingo“?

Da ich gerade selbst erst kürzlich (wieder?) einen „Ingo“ gebaut habe, möchte ich diesbezüglich auf meine Erfahrung damit zurückgreifen – und gleichzeitig den Macher*innen des oben erzählten Kinospots konstatieren, daß ihre Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe recht präzise waren, wodurch es ihnen in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit gelang, etliche allzumenschliche Verhaltensweisen einzufangen.

Wenn ich z.B. einer Person begegne, dann weiß ich für mich verhältnismäßig schnell, ob es für mich „Liebe“ ist. Für viele andere Menschen ist dies indessen recht staunenswert, speziell wie ich denn „so schnell“ ein hohes Gut wie „Liebe“ für mich in weitestgehender Unkenntnis der anderen Person in Anspruch nehmen kann.
Auf diesem bLog habe ich hingegen bereits beschrieben (Eintrag 67), daß ich „Liebe“ für mich als Energieform betrachte; eine Energie also, die von mir gewissermaßen zu der anderen Person fließt. Dazu, damit diese Energie von mir aus in Bewegung gesetzt wird, bedarf es einer – wie ich stets sage – „sublim metaphysischen Komponente“, die für mich in etwa dem „Verliebtheitsfunken“ entspricht und sich aus einem olfaktorisch-haptisch-energetischen Gesamtsinneseindruck plus einem schwer deutbaren „Vertrautheitsgefühl“ bezüglich meines Gegenübers zusammensetzt (das Meiste davon deute ich übrigens hauptsächlich als Ausdruck meiner [Hoch]Sensibilität).
Auch wenn es in dem Kurzfilm etwas übertrieben persifliert wird: Diese Herangehensweise scheint auch Ingo zu eigen zu sein. Er hat eine interessante Person getroffen, sehr schnell haben seine Sinne einen Gesamteindruck zusammengetragen – und irgendetwas in seinem Inneren sagt „Ja“. Und da er dieses innere „Ja“ spürt, kann er für sich folgerichtig auch „Ich liebe Dich.“ formulieren, da dies für ihn bedeutet, nun in einen „Beziehungsanbahnungsprozess“ eintreten zu können.
Ich habe an der Stelle große Sympathie für Ingo, da auch ich mich niemals auf so einen Prozess zu irgendeiner Person einlassen könnte, an der ich nicht a) stark interessiert wäre und hierfür zu dieser b) extrem hohe Sympathie, Zuneigung, Hinwendung, Wohlwollen – nennt es, wie ihr wollt, ich nenne es Liebe – zu empfinden.

Im gleichen Satz noch, als er flugs an sein Liebesbekenntnis die Fortpflanzungsfrage anknüpft, gerät Ingo jedoch auf ein ungünstiges Gleis. Und hier versteckt sich meiner Meinung auch der größte Teil des dann folgenden Dramas: Ingo hat nämlich wohl bereits eigene, recht gefestigte Pläne.
Das ist mehrfach fatal. Denn damit hat er gleich ein ganzes Regal voller solider Mehrfachbeziehungswerte umgerissen. Transparenz (sein Gegenüber wusste ja bisher gar nichts von seinen Plänen), Einvernehmlichkeit und Konsens (Ingo hat für alle Beteiligte offensichtlich schon komplett eigenmächtig entschieden), Augenhöhe und Gleichberechtigung (Ingo hat sich selbst scheinbar schon als diejenige Autorität eingesetzt, die diese Ansagen auch tätigen darf) sowie Verantwortung (die speziell für so tiefgreifende und langfristige Entscheidungen in einer Beziehung in jedem Fall eine mehrseitige Verantwortung für die Gesamtbeziehung zu sein hat). Dadurch hat Ingo obendrein – und um meinen Eintrag 19 zu zitieren – auch bereits völlig den Bereich des momentan einzig wichtigen Augenblicks am Beginn eines Kennenlernens, nämlich das „Hier & Jetzt“, verlassen. Wodurch er seine Offenheit und Flexibilität für das, was gleich ab dem Zeitpunkt seines selbstoffenbarenden Liebesbekenntnisses geschehen könnte, unversehens über Bord geworfen hat.
Auf unglückliche Weise verspielt Ingo, um sich als potentiell guten Partner- bzw. Gemeinschaftsmenschen darzustellen (und sicher auch hervorzuheben), auf diese Weise (Mehrfach)Beziehungsqualitäten, über die er wahrscheinlich verfügt: Er versucht zu einem frühen Zeitpunkt seine Bereitschaft für ein langfristiges Engagement zu zeigen und damit auch seinen Willen zu intensiver Einlassung auf die Beziehung – womit er auch den wichtigen Wert Loyalität für sich in Anspruch nimmt.
Nur…., zu dem entsprechenden Zeitpunkt gibt es noch gar keine Beziehung im eigentlichen Sinne. Ingo verwechselt seine innerlich verspürte positive Absichtserklärung bereits mit dem noch zukünftig zu errichtenden Ganzen. Einem „Ganzen“, woran er dann Beitrag haben könnte, welches aber bekannterweise nur ein Ganzes durch die Summer seiner Teile wird (mit [An]Teilen also, die nicht nur die Seinen sein werden).

Ingos Gegenüber erhält so ebenfalls keine Chance, den Moment mit Ingo unbeschränkt im „Hier & Jetzt“ zu erleben – und von da aus zu erkunden, wie die weitere (gemeinsame?) Reise eventuell verlaufen könnte. Für diesen Ingo sprechen sein Witz, seine sehr unverblümte Aufrichtigkeit und sicher auch seine auf eine möglichst nachhaltige, langfristige Beziehung angelegten Ambitionen. Aber es gibt auch einen „verschatten“ Anteil von ihm, in dem er in gewisser Weise bevormundend und unflexibel ist. Und in diesem Teil sind seine eigenen Bedürfnisse fast die einzig ausschlaggebenden. Vor sich selbst kann Ingo dies vermutlich sehr leicht mit seiner schon zu lange vergeudeten Lebenszeit rechtfertigen; „gute Gründe“ also wohl für ihn – die aber wiederum auch nicht der Gegenseite bekannt sind und darum sein Gebaren geradezu umso schwerer als berechenbar erscheinen lassen (zu unseren „guten persönlichen Gründen“, die für die Anderen gar nicht immer so „gut“ sein müssen, ausführlich Eintrag 11).
Ein sehr lange Zeit nicht gedecktes Bedürfnis entwickelt darüber hinaus leicht sogar Trauma-Energie, aus der heraus eine Person erst recht als irgendwie getrieben und zusätzlich sehr unflexibel wahrgenommen werden kann, da lang angestaute Trauma-Energien im Wegenetz unserer inneren Nervenbahnen regelrechte „Autobahnen“ angelegt haben, von denen nur mit großer Mühe, Bewußtheit und oft sogar nur mit Hilfestellung eine „Abfahrt“ gefunden werden kann.³

Ingos Gegenüber reagiert auf diese Ambivalenz entsprechend ratlos. Und Ingo spürt dies instinktiv: Die „Sache läuft nicht wie erhofft“.
Da Ingo sich mit seiner „Liebeserklärung“ nun aber schon weit nach vorne gewagt hat, reagiert jetzt sein „innerer Kontrolletti“ auf diese Ambivalenz mit Verunsicherung und Angst – wobei diese Instanz aufgrund von Ingos hoher nervöser Vorspannung nur zu leichtes Spiel hat.
Ein aufflackernder rationaler Teil versucht noch einmal für einen kurzen Moment die Oberhand zu gewinnen, als aus ihm gereizt der Satz mit „…über unsere Beziehung unterhalten…“ herauspoltert. Ja, er versucht sogar, weil er seine eigene Anspannung kaum mehr auszuhalten vermag, sich noch zusätzlich eine Art „Auszeit“ (die Toilettenpause) zu verschaffen.
Aber er hat leider den richtigen Zeitpunkt zum Innehalten (um z.B. dem Gegenüber Zeit zu geben oder selber zuzuhören) längst überschritten. Da er so für sich keine weiteren (hilfreichen oder beschwichtigenden) Informationen erhalten hat, bleibt er dadurch in dem rasenden Gedankenstrudel seiner eigenen Innenwelt gefangen, welcher ihn von nun an nur noch weiter mit hinunter zieht.

Zurück an der Bar „ist das Rabattmarkenheft voll“. Ingo hat aus seiner Sicht von seinem Gegenüber keine entgegenkommende Handreichung erlebt, hingegen hat er dort Verunsicherung und Unentschlossenheit ablesen können. Da er selbst Einlassung und Loyalität für sich selbst als wichtige Werte reklamiert, registriert er in dieser Art auf der anderen Seite „nichts“ davon. Seine anfangs verspürte Zuversicht, als Gegenüber eine Person zu haben, die ihm sympathisch vertraut und daher irgendwie ähnlich ist, bröckelt in dem gleichen Tempo, wie sein innerer Kritiker ihm zuflüstert, daß mit dieser potentiellen Partnerin dort auch alle anderen ersehnten Ziele wie Gemeinschaft oder Kinder ganz sicher nicht zu verwirklichen sein werden (denn sonst wäre doch längst schon ein Sturm an Zustimmung erfolgt…).
In der Tat, es ist „zu spät“. Durch sein verzetteltes Gebaren hat Ingo exakt die Befürchtungen, die an einer versteckten Stelle seines Inneren die ganze Zeit gepocht haben, über sich selbst herauf beschworen und „wahr“ gemacht: Torschlußpanik, nicht anerkannt werden, nicht als ganze Person gesehen werden, nur nach Anschein abgelehnt worden zu sein.
Ingo zieht frustriert von dannen, und wenn es ihm nicht gelingt, seine eigenen versteckten Motive offenzulegen, wird er wohl alsbald von ihnen zu einem erneuten Anlauf getrieben.

In seinem Buch „Hearticulations“ (Enrealment Press 2020) schrieb der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown:

»Liebe kann in einem Sekundenbruchteil entstehen. Verbundenheit kann das nicht. Das ist eine Sache, die wir meist erst nach vielen Schwierigkeiten herausfinden.
Dass Liebe nicht das Ende der Geschichte ist. Sie ist nur das erste Kapitel.
Die nächsten Kapitel verlangen von uns, dass wir unsere Verwundungen anerkennen, unsere emotionalen Trümmer beseitigen, unsere Bindungsfähigkeit stärken, lernen, wie wir authentisch in Beziehung treten können, in der Tiefe unseres Inneren reifen.
Kapitel für Kapitel verfeinern wir so unsere Fähigkeit, der Liebe mit ganzem Herzen zu begegnen. Dies ist eine Lebensaufgabe. Unser eigenes Meisterwerk des sich Öffnens.
Wie furchteinflößend.
Wie wunderbar.«


¹ Deutsch: Lieben. Trennen. Wiederholen.

² mononormativ (Adjektiv): Bezieht sich auf die Praktiken und Institutionen, die monosexuelle und monogame Beziehungen als grundlegend und „natürlich“ in der Gesellschaft bevorzugen oder bewerten. [Quelle: Wiktionary.org]

³ Wie Trauma-Energien uns befangen machen können, beschreibe ich z.B. in meinem Eifersuchtseintrag 36.

Danke an Alex Voulgaris auf Unsplash für das Foto.

Danke an prilstrudel auf YouTube für das Einstellen des Kurzfilms.

Eintrag 76

Abrüstung

»Emotionale Rüstung ist nicht leicht abzulegen, und das sollte sie auch nicht sein.
Sie hat sich aus einem bestimmten Grund gebildet: als Erfordernis für bestimmte Arten von Verantwortlichkeit, als konditionierte Reaktion auf sehr reale Umstände, als Schutz vor unerträglichen Gefühlen.
Sie hat einen entscheidenden Zweck erfüllt. Sie hat Leben gerettet.
Dennoch kann sie mit der Zeit abgemildert werden. Sie kann in ihrem Kern zu Sanftheit schmelzen. Sie kann das Licht an ihrem Ursprung offenbaren.
Aber bedränge sie niemals, stemme dich niemals gegen sie; verlange niemals, dass sie ihren Schutz fallen lässt, bevor ihre Zeit gekommen ist.
Denn sie weiß etwas, was du nicht weißt:
In einer immer noch beängstigenden Welt ist Rüstung nicht weniger gültig als Verletzlichkeit.
Lasst sie sich in ihrem eigenen einzigartigen Tempo lösen.«


Diese Gedanken teilte der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown 2015 in seinem Buch „Spiritual Graffiti“ (Enrealment Press).

Ich glaube, daß diese Worte sehr viel Wahrheit enthalten – und ich glaube ebenfalls, daß fast alle Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner Form von ethischer Mehrfachbeziehung befinden, sich irgendwie darin wiedererkennen können.

Dies schreibe ich heute in meiner fortgesetzten Überzeugung und Anerkennung der Tatsache, daß vermutlich wirklich keine Beziehungsform Menschen so stark mit ihren innerseelischen Potentialen konfrontiert, wie es Mehrfachbeziehungen in der Lage sind zu tun.

An dieser Stelle muß ich nun gleich erst einmal eine Art – wie sagt man heute? – „Disclaimer“ einfügen: Ich halte durchaus auch dyadische¹ Modelle – und insbesondere das bekannteste Modell der Mono-Amorie², die „Zweierbeziehung“ – für prinzipiell geeignet und sehr wohl in der Lage, dies genauso zu gewährleisten. Wie ich aber bereits in meinem Eintrag 9 anhand der „Kleinwagen-Metapher“ versucht habe zu verdeutlichen, bin ich mir aufgrund meiner Lebenserfahrung recht sicher, daß jenes Standardmodell aufgrund der häufig ebenfalls sehr standardmäßigen Zurkenntnisnahme (oder doch eher: Nichtzurkenntnisnahme) der anhängigen AGB für die jeweiligen „Insassen“ eine allzu intensive Auseinandersetzung mit den konkreten Befindlichkeiten der wechselseitigen Innenleben normalerweise eher vermeidet [wodurch im Krisenfall dann ja die Sprengkraft auch bekanntermaßen häufig besonders brisant gerät…].

Diese „Sicherheitsreserve“ (die eher eine Art „Ignoranzpuffer“ ist), gibt es in Mehrfachbeziehungen vom ersten Moment des Zustandekommens an nicht.
Denn dort es gibt keine Muster, keine Blaupausen, anhand derer die potentiell Beteiligten sich schlicht eine Kopie von irgendetwas Vorhandenem oder bewährt Vorgelebtem ziehen könnten. Jeder Schritt hinein in die Beziehung – ja, schon bloß in die Gründung einer Mehrfachbeziehung hinein – ist ziemlich aufregend und immer neu.

Irgendwie eine seltsame Sache. Eine Mehrfachbeziehung entsteht (oder erweitert sich). Das ist ja vor der Hand ein Augenblick großer Freude – der auch von Personen eines positiv eingestellten Umfelds mit entsprechenden Glückwünschen und Enthusiasmus begrüßt und bejubelt wird.
Die Beteiligten selbst erleben diese große Freude (hoffentlich) ebenfalls. Aber neben dem Hindernislauf, den jedwedes nicht-normative Geschehen in einer ansonsten noch weitgehend normativen Welt bewältigen muß (Polyamorie? Ist das so etwas wie Fremdgehen mit Erlaubnis…?“ / „Und an die Kinder habt ihr dabei wohl gar nicht gedacht…?“), wird für die Beteiligten selbst eher früher als später die Begegnung mit ihrer eigenen „emotionalen Rüstung“ die wahre Herausforderung werden.

Dies ist ein Umstand, der selten an die große Glocke gehängt wird. Einmal stehen Beteiligte von Mehrfachbeziehungen regelmäßig für das Umfeld ohnehin schon unter einem großen Rechtfertigungs- und Erfolgsdruck („Wußte ich’s doch: Polyamorie KANN nicht funktionieren…!“). Zusätzlich drängen sich vor allem die eher praktischen Gründe häufig in den Vordergrund, die zuallererst beackert werden wollen („Dienstags? Dienstags habe ich diese Woche bis 17 Uhr Yoga und danach muß ich noch die Kinder abholen – wir müssen unser gemeinsames Treffen verschieben, wenn…“). Und nicht zuletzt ist das eingangs erwähnte Thema außerordentlich persönlich.

Mehrfachbeziehungen beruhen auf Grundwerten wie Offenheit, Transparenz und Aufrichtigkeit. Und um mehr als eine Person und ihre Termine sowie Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen – und Göttin bewahre, wenn es womöglich mehr als zwei sind! – ist Flexibilität von Nöten und die in Eintrag 62 erwähnte „Ambiguitätstoleranz“.
Allein das Wort „Rüstung“ legt aber bereits nahe, daß es mit unserer Offenheit und Flexibilität eventuell nicht so weit her ist, wie wir es vor uns selbst (oder gar Anderen) bei einer Tasse Kaffee zugeben würden. Selbst unsere Toleranz wird vom festen Sitz unserer Rüstung begrenzt – hat sie sich doch einstmals gebildet, um die Überforderung durch fremdwillkürlich auf uns eindrängende, äußere Einflüsse zu ertragen – nicht aber, um diese verstehen zu wollen, da uns das zum damaligen Zeitpunkt nicht geholfen oder geschützt hätte.

Nun aber also endlich „hinein in die Mehrfachbeziehung“! Wenn es soweit ist, wird für viele von uns eventuell ein langgehegter Wunsch war – bei manchen mag sogar das Eingeständnis dieses unterschwellig lang vorhandenen Wunsches Geburtshelfer und gleichfalls noch Zeuge dieser Entwicklung sein. Und manche von uns „erwischt“ es aus heiterem Himmel und eine neue Welt in uns entsteht, die möglicherweise nicht geboren wurde, bis diese neuen Menschen in unser Leben kamen, weil durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten konnte…³
Wie dem auch sei. Auf diesem bLog – als Hervorhebung durch die Oligoamory – formuliere ich Mehrfachbeziehungen als Synthese aus vertrauensvollen Liebesbeziehungen und Gemeinschaftsbildung. Dazu bewerbe ich hier das Modell der selbstgewählten „Zugehörigen“ als Gefährt*innen, mit denen wir unser Leben teilen wollen (insb. Eintrag 5, Eintrag 34, Eintrag 55). Im Kern geht es mir hier also um nichts weniger als darum, gemeinsam unser selbstgestaltetes „Zuhause“ zu errichten, worin auch jede*r in sich selbst „zuhause“ sein kann.

In seinem Buch „Hearticulations“ (Enrealment Press 2020) ergänzt Jeff Brown allerdings:

»Du kannst nicht von zu Hause weglaufen. Denn du nimmst es stets mit dir, wohin du auch gehst.
Es kann durchaus von Wert sein, in eine andere geografische Umgebung zu fliehen – aber trotzdem wirst du irgendwann den Weg zurückgehen müssen, um deine Kindheit zurückzufordern.
Denn sie ist nach wie vor in dir lebendig, diktiert noch immer deine Beziehungsmuster, kontrolliert noch immer deine Entscheidungen.
Sie muss anerkannt werden. Sie muss konfrontiert werden. Sie muss geheilt werden.
Und bis das geschieht, bleibt sie weiterhin der Ort, an dem du lebst.«


Meine Kindheit? Der Ort an dem ich lebe? Sollte das wahr sein?

In der US-amerikanischen Science-Fiction-Fernsehserie Deep Space 9 aus dem Jahr 1993 gibt es in der Pilotfolge eine hochinteressante Sequenz:
In seinem ersten Abenteuer begegnet einer der Protagonisten der Serie einer Spezies von Fremdwesen, die ewig existieren und daher nicht den Faktor „Zeit“ als immerwährend fortschreitende Gegebenheit kennen – für sie existiert alles, was ist, in einer immerwährenden Einheit. Für eine Verständigung mit den Fremdwesen ist dies erst einmal ungünstig. Die Aliens nehmen aus ihrer Sicht nämlich wiederum den Protagonisten als sprunghaft, selbstbezogen und unberechenbar handelnd wahr, da sie nicht verstehen, daß sein Agieren einer linearen Existenz „in der Zeit“ geschuldet ist.
Dem Protagonisten gelingt dennoch schließlich eine Verständigung: Er erklärt den Fremdwesen, daß wir Menschen durch unsere Biologie von Geborenwerden und Sterben exakt dieser linearen Existenz unterworfen sind – insbesondere auch, was unser Handeln, Denken und Planen angeht. Er wählt zur Verdeutlichung die Analogie eines Spieles, welches zwar festen Regeln unterworfen ist, bei dem hingegen aber der exakte Verlauf nicht vorherbestimmt werden kann. Als Kontrast zur den in ihrer „Ewigkeit“ etwas rigide und eher passiv wirkenden Fremdwesen, erklärt der Protagonist die Neugierde und Flexibilität der Menschen mit genau ihrer linearen Natur: Dadurch, daß der „Spielverlauf“ nicht festgelegt sei, wären Überraschung, Neugierde und Agilität gegenüber dem, was kommen könnte, kennzeichnende Charakteristika unserer Art. Die Fremdwesen können dieser Erklärung gut folgen, obwohl das Konzept selbstverständlich sehr stark im Gegensatz zu ihrer eigenen Daseinsform steht.
Da entdecken sie plötzlich in der Psyche unseres Protagonisten etwas Erstaunliches – und sofort konfrontieren sie diesen mit jener Szene, die sie ihm kurzerhand vor Augen stellen: Er selbst, in einem brennenden, auseinanderfallenden Raumschiff, unfähig seine sterbende Frau unter einem verbogenen Stahlträger hervorzuziehen. Unser Protagonist ist entsetzt und sagt, daß dies ein schrecklicher Moment seiner Vergangenheit sei, von dem er sofort weg wolle. Die Aliens hingegen sind verwundert und fragen ihn, warum er denn dann dennoch dort emotional existieren würde. In diesem Moment erkennt der Protagonist, daß es zumindest in unserem Geist Orte gibt, die „nicht-linear“ sind, eingefrorene Zeit, Trauma-Orte des Ausgeliefertseins, von denen wir uns bisher nicht (er)lösen konnten.

Genau diese „Orte des Ausgeliefertseins“ meint auch Jeff Brown, wenn er sagt, daß wir dort „weiterhin leben“. Unerlöste Seelenorte, die unsere heutigen Absichten und unsere heutigen Beziehungsdynamiken mit ihren Kräften von Zurücksetzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Erniedrigung und sogar Gewalt fortgesetzt beeinflussen. Beeinflussen können – weil sie in uns auf gewisse Weise noch nicht geendet haben.
Leider aber eben auch Orte, die wir aufgrund der von uns getroffenen Wahlen (oder nicht-Wahlen – aber auch das sind ja genau genommen Wahlen) noch zu „unserem Zuhause“ zählen.
Fremdgenerierte Zurücksetzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Erniedrigung und Gewalt der Vergangenheit „wohnen“ also auch heute noch mit uns – und warten damit auch genau genommen bereits auf diejenigen Leute, die wir absehbar mit in unser Leben, „unser Haus“, einladen werden.

Dies ist der Punkt, an dem Mehrfachbeziehungen zu einem Zerrbild des von mir sonst auf diesem bLog so eifrig propagierten „Mehr als die Summe der Teile“ werden können – weitaus dramatischer als jede bloße Paarbindung aus lediglich zwei Personen.
Insbesondere dann, wenn wir Mehrfachbeziehungen aus dem unbewußten Wunsch heraus eingehen, es mit unseren anderen unangenehmen „Mitbewohnern“ nicht mehr gar so allein „zuhause“ aushalten zu müssen. Bereits in Eintrag 58 warne ich davor, andere Menschen für persönliche Bedürfnislücken einzuspannen, um mittels dieses Kunstgriffs das Maß an eigenem Wohlbefinden zu erhöhen.
Auf diese Weise wird sich dann nämlich viel eher das alte Polyamorie-Axiom bestätigen: „Du willst mehr Drama? Füge weitere Personen hinzu!“.

Um unser eigenes Haus aufzuräumen benötigen wir – wie ich in zahlreichen Einträgen schrieb – Bewußtheit, Hinsehen-Wollen und vor allem eine Menge Mut. Andere Menschen können uns dabei bestenfalls vielleicht unterstützen, die Arbeit selbst dazu bleibt aber ganz und gar nichtsdestoweniger allein die Unsrige.

Heute, da ich selbst seit knapp drei Monaten selber (wieder) an einem Neubeginn in Sachen Mehrfachbeziehung stehe, kann ich Euch, meinen werten Leser*innen, vermutlich keine erlösende Pointe präsentieren.
Ich wollte mit Euch allerdings in diesem Artikel die Weisheit in den Worten von Jeff Brown teilen, da seine Eingangsbemerkung für mich einen wichtigen Schlüssel in dieser Sache enthält: Die Anerkenntnis des Vorhandenseins unserer Rüstung und die Anerkennung der jeweiligen Natur und Herkunft unserer Rüstung.
Die beschriebenen Rüstungen haben wir uns (und das wissen wir in unseren Herzen sehr gut) nicht aus Arroganz, Eitelkeit oder Selbsterhöhung heraus angelegt. Auch unsere Liebsten haben das entsprechend also nicht getan.
In unseren (Mehrfach)Beziehungen werden wir demgemäß stets in einem gewissen Maß an noch vorhandener „Aufrüstung“ aufeinandertreffen, weil ein Teil unserer Welt, unseres „Zuhauses“ für uns – in den Worten von Meister Brown – noch ausreichend „beängstigend“ ist. In der Tat kann der Beginn einer Mehrfachbeziehung daselbst erst einmal sogar noch eine ganze Menge „Beängstigung“ enthalten oder noch obendrein hinzufügen – je nachdem, wie unsere eigenen unerlösten Momente inneren Ausgeliefertseins beschaffen sind.
Druck, übereiltes Handeln oder Erwartungen sind hier also in jedem Fall die schlechtesten Herangehensweisen.

Was aber gibt uns Hoffnung auf Abrüstung?
Ich glaube, das ist unsere Liebe. Oder meinethalben eine Nummer kleiner zur Beginn einer Beziehung: Unsere Verliebtheit.
Denn irgendwo da, an diesem Beginn muß es jenen Moment gegeben haben, als unser Gegenüber – und sei es auch nur für einen kleinen Moment – sich verletzlich gezeigt hat, Panzerung und Schilde senkte, so daß wir das „Licht an deren Ursprung“ erkennen konnten.
Und es ist doch exakt dieses Licht, welches uns angezogen, uns fasziniert hat; das Licht, in dem wir die Zugewandheit und Verbundenheit unserer Seelen für einen Augenblick bereits erkennen konnten.

Wenn der Schriftsteller Henry David Thoreau Recht hat, daß „Liebe sowohl ein Licht als auch eine Flamme sein muß“, dann wird es eben diese Flamme sein, die den Kern unserer Rüstungen zu Sanftheit schmelzen kann.
Gewähren wir uns und einander daher Zeit zur Erlösung.
In unserem eigenen einzigartigen Tempo.



¹ dyadisch: fachsprachlich = zu einem Zweiersystem gehörig (welches auch ausschließlich aus zwei Einheiten besteht).

² Mono-Amorie/Monoamorie verwende ich auf diesem bLog als bewußt entgegengesetzte Formulierung zu dem Begriff „Polyamorie„. Da „Polyamorie“ aus altgriechisch πολύ poly „viele“ und lateinisch amor „Liebe“ zusammengesetzt ist und daher „viele Lieben“ bzw. die „Viel-Liebe“ zu mehreren bezeichnet, steht „Monoamorie“ (aus altgriechisch μόνος monos „ein-/einzig-“ und lateinisch amor „Liebe“ zusammengesetzt) für die Liebe zu nur einer einzigen anderen Person. Eine Erscheinungsform der Mono-Amorie ist z.B. die Ehe = Monogamie.

³ Und noch einmal Dank an Anaïs Nin für dieses wundervolle Zitat!

Danke an 4317940 auf pixabay.com für das Foto!

Eintrag 75 #Konflikt

Erste allgemeine Verunsicherung*

Vor wenigen Wochen war es nach fast auf den Tag genau drei Jahren so weit: Oligotropos befindet sich wieder offiziell in Mehrfachbeziehung!
Daß es bis dahin zwei Coronajahre und einen russischen Einmarsch brauchte…– nun, verbuchen wir diese Tatschen mal unter „Ironie des Schicksals“. Ebenso, daß das erste gemeinsame Date prompt wegen den plötzlich auflaufenden Orkantiefs „Ylenia“ und „Zeynep“ verschoben werden mußte…
Stürmische Zeiten hingegen sind ein gutes Stichwort für meinen heutigen Eintrag, denn wir benötigten dann auch nur ganze zwei Dates, bis auch schon „Gewitter im Paradies“ aufzog, vulgo: Wir unsere erste kleinere Beziehungs(gründungs)krise hatten.
Was war geschehen?
Nun, da es hier auf meinem bLog um die Oligoamory geht, die ich selbst als Unterform der Polyamorie ansehe – und wenn man möchte, auch gewissermaßen um Polyfidelity¹, da ich mit meiner Vorsible „oligo-“ ja nun doch die Beteiligung von eher wenigen Beziehungsteilnehmer*innen bewerbe – könnte ich zuallererst den guten alten Scott Peck hervorholen, der, was Gemeinschaftsbildungsprozesse anging, stets feststellte, daß auf eine erste Phase von Harmonie in Beziehungen im nächsten Schritt unabwendbar eine sogenannte „Chaosphase“ folgen müsse, in der die Ego-Anteile der Beteiligten munter miteinander kollidieren würden (erstmals auf diesem bLog Eintrag 8).

Diese Erkenntnis vorweggenommen, möchte ich hier an dieser Stelle allen Mehrfachbeziehungen, die jetzt vielleicht gerade in irgendeiner Art von Clinch liegen, zusprechen: Keine Panik – vielleicht befindet Ihr Euch gerade (mal wieder) in einer „Chaosphase“.
Habe ich „mal wieder“ gesagt? Ja, das habe ich, ebenfalls in Übereinstimmung mit dem genialen Scott Peck, der konstatierte, daß in jedem bestehendem Beziehungs- bzw. Gemeinschaftsgebilde die Chaosphase nach einer Zeitspanne der Harmonie periodisch immer wieder aufgesucht werden müsse – und daher auch aufgesucht würde (ob man wolle oder nicht). Scott Peck wandte dazu aber ein, daß nachfolgende „Chaosphasen“ meist (aber durchaus nicht immer…) weniger heftig ausfallen würden, als die ersten Ego-Kollisionen speziell der Anfangs- und Gründerzeit.
Als besonders tröstlich möchte ich erwähnen, daß Scott Peck ebenfalls implizierte, daß – im Vergleich – eine konfliktlose Beziehung vermutlich eher der ungünstigere Indikator für den Grad der Miteinander-Vertrautwerdung sei, da regelmäßige Chaosphasen eindeutige Kennzeichen eines sich vertiefenden Gemeinschaftsbildungsprozesses seien; Beziehung, die hingegen alle Zeit nach außen einträchtig aufträten, höchstwahrscheinlich Gebilde seien, in denen der Ausdruck individueller Unterschiede der Beteiligten darin auf irgend eine Weise unterdrückt wäre.

Was war eigentlich bei mir, bei uns, im konkreten Fall geschehen?
Ich, Oligotropos, hatte dem neu dazukommenden Lieblingsmenschen einen privaten Umstand über den bereits an meiner Seite vorhandenen Lieblingsmenschen mitgeteilt. Schon so oder so nicht unbedingt ein feiner Zug und darum sicher nicht das klügste Manöver, da ich zu dem Punkt den Lieblingsmenschen an meiner Seite bezüglich aktueller Art und Ausprägung diese Umstandes gar nicht mehr eingehender befragt hatte.
Daher operierte ich genau genommen bereits zu diesem Punkt im Reich meiner eigenen Annahmen, was, wie wir aus der „gewaltfreien Kommunikation (GfK, Eintrag 20)“ wissen, höchst ungünstig ist, weil wir dadurch die betroffene Person unmündig machen – und meist allein dadurch schon ein Weg in den Konflikt eröffnen.
Wenn Du das so gut weißt, Oligotropos, warum machst Du das dann?“
Sehr gute Frage. Ich glaube, wenn ich mir das Unwetter in meiner frischen Beziehung von vor mehreren Tagen anschaue, dann bleibt als Hauptmotivation auf allen Seiten vor allem „Angst“ im Sinne von „Unsicherheit“ übrig.
Ich z.B. war mir betreffs meines „Bestandslieblingsmenschen“ und dessen möglicher Reaktionen unsicher. Und daher versuchte ich, gewissermaßen manipulativ, zwei Dinge: Einmal den neu dazukommenden Lieblingsmenschen auf meine Seite zu ziehen (ein Verhalten übrigens, was man in vielen Familien und etablierten Freundeskreisen regelmäßig beobachten kann und welches „Gefangene machen“ genannt wird, indem man frühzeitig versucht, sich unter dem vorhandenen Personenkreis vermeintliche Unterstützer für die eigene Position zu sichern, z.B. à la „Tony, Du hast doch neulich auch gesagt, daß die Mira immer etwas schlampig in der Küche ist; Du meinst doch genauso…“) – und, für mich viel wichtiger: Ich hoffte, durch die Information ein mögliches Verhalten meines neuen Lieblingsmenschen gegenüber meinem vorhandenen Lieblingsmenschen zu verhindern, durch welches ICH danach in eine Stresssituation hätte geraten können. Im Fazit also purer narzisstischer Selbstschutz der Marke „Ich möchte keinen Schmerz fühlen / Tu‘ mir nicht weh.“
An dieser Stelle fällt noch einmal umso mehr auf, wie tief ich bereits an diesem Punkt in einem Annahme-Film eigener Ressentiments gefangen war: Ich bemühte einen Abfangversuch für ein eventuell – aber auch vielleicht nicht – eintretendes Verhalten hinsichtlich eines bis dahin nicht gezeigten und auch möglicherweise gar niemals eintretenden Umstandes. Mein Geist versuchte also bereits eine Karte aus einer ausgelösten Angst heraus zu spielen, daß ja ein Umstand eintreten könnte „genau so, wie ich ihn schon einmal erlebt hatte“. Was ja der Kerngehalt eines „Ressentiments“ ist, bei dem ich zuletzt in Eintrag 70 (aber auch maßgeblich in Eintrag 36) beschrieb, daß unser Verstand leider stets nur in der Lage ist, uns gerade im Zweifelsfall immer bloß eine sehr ungenaue Kopie eines Schmerzerlebnisses aus unserer Vergangenheit als Blaupause für etwaig zu erwartende Umstände darzureichen.
Und das funktioniert obendrein umso schlechter, je weniger bis zu dem Zeitpunkt zusammengetragene Vertrauens-Grundlage wir als Gegengewicht zum Abgleich aufbringen können – womit uns so etwas regelmäßig am Heftigsten zu Beginn neuer Beziehungen erwischen wird.

Gleichzeitig hoffte ich, daß ich mit diesem Hasardeursstück unbeholfener Zweiseitendiplomatie ausreichend gut für potentielle Zwischenfälle zwischen meinen beiden Lieblingsmenschen vorgesorgt hatte, was leider ein häufigeres Dilemma von „Mittelleuten“ (auch „Hinge-Partner“ [von engl. „hinge“ = Scharnier/Angel] auf Dazwischenpositionen in Mehrfachbeziehungen ist, indem man dort schnell dem Glauben verfallen kann, maßgeblich der Harmonie in der Gesamtbeziehung verpflichtet zu sein (nur um, wie wir oben gesehen haben, dadurch erneut Entmündigung zu verursachen, womit meist ein allseitiger Bärendienst erwiesen wird).
Daher lautet Scott Pecks erster Satz in seinem Kapitel „Chaos“ auch passenderweise: „Das Chaos entsteht immer durch gut gemeinte, aber unangebrachte Versuche zu heilen oder den anderen zu ändern.“ Ich hatte mich an beidem probiert – und auch noch mit Ziel einer Zukunft, die eventuell gar nicht eintreten würde…

Durch meinen unklaren Schritt reichte ich den ursprünglichen Staffelstab meine Ängste („Ich möchte keinen Schmerz fühlen / Tu‘ mir nicht weh.“ ) nun an meinen neuen Lieblingsmensch weiter. Und dieser spürte intuitiv korrekt in meinem Handeln nicht den ohnehin etwas gönnerhaften Schutzaspekt, sondern empfand darin sofort die übergriffige sowie bevormundende Einschränkung der eigenen Handlungsfreiheit. Da ich ungeschickterweise auch noch einen Umstand über meinen anderen Lieblingsmenschen in meine Botschaft verpackt hatte, löste dies neben Verstörung zusätzlich noch Drama-Alarm bei dem neu hinzukommenden Teil hinsichtlich der Geklärtheit meiner Bestandsbeziehung aus. Was wiederum kein so großes Wunder war, da ja auch die neu hinzukommende Person, was mich oder meinen anderen Lieblingsmenschen anging, noch auf keine ausreichend etablierte Vertrauensgrundlage aus gemeinsamen Erfahrungen zurückgreifen konnte.
Was allerdings geschah war, daß der von mir in Bewegung gesetzte „Angst-Zug“ nun wiederum in Inneren meines neuen Lieblingsmenschen mit dessen Ressentiments (also grob passenden Vorerfahrungen) neu eingekleidet wurde:
Da sich diese Person selbst als jemand sah, der über weniger Beziehungserfahrung verfügen würde als ich, nahm diese meine Initiative als Versuch auf, ihr – gewissermaßen als „Juniorpartner“ – einen bereits vordefinierten, eng abgesteckten Platz mit nur wenig Handlungsvollmacht innerhalb des sich entfaltenden Beziehungskonstrukts zuzuweisen. Da unsere Beziehung gerade erst begann, verstärkte sich die Angst dahingehend, daß potentiell gar kein Raum für individuelle Beziehungsgestaltung in dyadischer Form (= als Zweierbeziehung nur zwischen ihr und mir) möglich sei und sie sich den Entscheidungen der Bestandsbeziehung – inklusive eines einseitigen Beendens der Beziehung – ausgesetzt sah (quasi Auswirkungen von hierarchische Polyamorie, Einhornstatus und Paarprivileg² in ihren schlimmsten Formen).

In Zeiten schneller Messenger-Dienste kann so etwas eine bemerkenswerte Dynamik annehmen, z.B., wenn – wie bei uns geschehen –, dann sowohl meine Bestandspartnerin als auch natürlich ich mit diesem Bedenken per Nachricht und Bitte um Klärung (zwischen uns als Paar!) konfrontiert wurden.
Meine Bestandspartnerin traf diese Botschaft quasi aus heiterem Himmel (keine gute Startbedingung für einen Konflikt…) und selbst ich mußte zwischen trauriger Überraschung (Wie hatte man mein gutes Ansinnen nur SO mißverstehen können?) und aufwallendem Zorn (Und wie konnte irgendjemand, mich, Oligotropos, überhaupt nur SO wahrnehmen?) verzweifelt sortieren, was mir da eigentlich gerade um die Ohren flog.
Natürlich war der Lieblingsmensch an meiner Seite ebenfalls aus der Fassung, wie er so unversehens als Teil eines hegemonialen Privilegien-Paares gezeichnet wurde – wobei es nicht gerade half, daß die betroffene Person dadurch messerscharf schließen konnte, daß da irgendwo in der allmählich auflaufenden Konfliktkette ein Informationselement existieren mußte, von dem sie bisher als einzige wohl keine Kenntnis hatte…
Und damit erreichte der Angst-Zug den nächsten Bahnhof, wo ein erneutes Ressentiment-Refurbishing erfolgte: Für meine Bestandspartnerin war die Informationslücke gemäß einer mißglückten Vorbeziehung nämlich exakt ein Zeichen von ausgeschlossen- und nicht-ernst-genommen-Werden, wodurch für sie nun wiederum die Warnlampe anging, daß sich bereits zwischen „der Neuen und mir“ eine Informationsblase gebildet hätte, von der sie selbst abgeschnitten sei und überhaupt der neue Lieblingsmensch wohl ohnehin an ihr als Person gar nicht wirklich interessiert sei…

Womit ich durch meine vorauseilende Panikdiplomatie genau das Szenario über mich heraufbeschworen hatte, was ich ursprünglich damit hatte verhindern wollen; klassisches Drama inklusive schlechter Gefühle und getrübter Stimmung auf allen Seiten.

Recht passend vom Bild her scheint mir dazu das Lied „Sieben“ ³ der Pagan-Folk-Gruppe „Faun“, welche darin eine Art Beschwörung zwischen zwei Personen präsentieren, die – sich scheinbar nahe – überlegen eine Beziehung miteinander einzugehen. Zunächst werden Dinge dargeboten, Versprechungen gemacht. Im Laufe des Liedes verändert sich allerdings allmählich die Qualität der Beschwörung von einer Verheißung eher hin zu einer Art Bann. Am Ende heißt es gar: „In Deiner Welt da läge ich falsch – und meinen Ring legst du mir um den Hals […]; Sieben Schritte sind sieben zuviel – Wege führ’n weiter ohne Ziel.“
Dieses fast archetypische Lied wirkt auf mich überaus weise.
Manchmal liegen nur sieben Schritte zwischen uns – aber sogar diese „sieben Schritte“ sind für unsere Ressentiments und unsere Ängste – die sich drauf berufen wollen, daß man der gegenwärtigen Situation ja nicht vertrauen darf – schon zu weit.

Was können wir also tun – gerade wenn wir im Anfangsstadium einer Beziehung stehen – und wir für einen (manchmal langen) Moment den Stimmen glauben möchten, die uns suggerieren, daß es da noch so gar keine Vertrauensbasis gegenüber den anderen gibt?
Was hat mir – und was hat uns am Ende geholfen?

Am allerwichtigsten für mich war es– abgesehen von einem flotten Durchdenken, wie diese „Eisenbahn“ zustande kommen konnte, aus meinem eigenen Angst-Zug bewußt auszusteigen. Dabei aber den Zug anzuerkennen, daß er da ist: „Hey, ja Oligotropos, Du hast Angst, bist verunsichert, fürchtest derzeit schnell, daß Du diese neue zarte Beziehung noch verlieren könntest.“
Dieses Eingeständnis hat mir enorm geholfen – auch weil es mich darin unterstützt hat, dadurch herauszufinden, wie und wo ich von meinem geraden Weg des Fühlens, Denkens und Handelns abgewichen bin, um lieber den verrückten Bocksprüngen eines getriebenen „Was-wäre-wenn“-Szenarios hinterherzulaufen. Der Angst-Zug in mir ist immer noch da, dafür ist die Beziehung schlicht noch nicht lange genug in meinem Leben.
Aber wie der buddhistische Sifu Shi Heng Yi einmal sagte „Freiheit bedeutet, nicht jedem Gedanken in mir nachgeben zu müssen.“ Und das ist für meinen Angst-Zug eine wichtige Botschaft: Er darf da sein – aber ich muß ihn nicht mehr mit einem Bauch voll glühender Kohlen aus meinem Bahnhof herausrasen lassen. Dadurch kann ich auch meinen anderen Lieblingsmenschen viel besser zeigen, was in mir ist – und daß da auch diese Angst ist. Da ich dies aber auf eine verständliche Weise tue – und darin bei mir bleibe – werde ich damit gesehen, und viel eher mit Mitgefühl und Empathie empfangen.

Was mir ebenfalls enorm geholfen hat war, dem berühmten Indianer-Sprichwort zu folgen und „mich einmal in die Mokassin der Anderen hineinzustellen“. Dadurch gelang es mir, deren „Bahnhöfe“, soweit mir möglich war, zu betreten und zu erkennen, wie ich mit meiner eigenen Verunsicherung vor allem exakt diese Verunsicherung (und eben nicht meine recht planlos hineingeflochtene Botschaft) weitergegeben habe, die sich dann in den jeweiligen Ängsten der anderen nur zu leicht weitermanifestieren konnte. Und ich konnte erkennen, daß wir in der Eigenschaft des noch nicht etablierten Grundvertrauens buchstäblich „alle in einem Boot“ saßen – in einer Form, in der niemand von uns dadurch einen vermeintlichen Vor- oder Nachteil davon hatte. Und vor allem konnte ich dadurch erkennen, daß es ungeachtet dessen überhaupt keinen Grund gab, irgendeinem von den anderen zu mißtrauen.

Umso mehr habe ich durch die Auseinandersetzung, die unweigerlich folgte, erneut noch einmal mehr gelernt, Verantwortung für mich und Verantwortlichkeit für mein Handeln zu übernehmen. In Eintrag 11 blogge ich über die guten Gründe, die unserem jeweiligen persönlichen und situativen Handeln zugrunde liegen. Und für uns selbst ist das alles ja auch nachvollziehbar; wir selbst sollten uns – und unsere Beweggründe (ja, auch und gerade die nicht ganz so linearen…) – am Besten kennen.
Wenn wir damit aber bei den anderen Beteiligten Verunsicherung und sogar Schmerz ausgelöst haben, dann müssen wir diese nicht sämtlich mit den anderen Parteien durchdeklinieren, und sei es nur, weil wir uns wünschen, daß wir darin ganz genau verstanden werden. Vielleicht wollen wir für uns damit nämlich doch nur in irgendeinem Argument festhalten, daß wir eigentlich gar nicht anders handeln konnten. Viel wichtiger aber ist, daß wir selbst erkennen, daß wir gerade trotz all unserer wohlbekannten eigenen guten Gründe, ganz und gar nicht gezwungen waren genau so zu handeln. Und manchmal war es schlicht ein nicht ganz so weiser Entschluß, den eigenen Zug aus dem Bahnhof fahren zu lassen, hinaus in die weite Welt, beladen mit alter Angst, situativer Unsicherheit und vorzeitigem Mißtrauen. Daß so eine Fracht da draußen Ersprießliches hervorbringen würde, war doch eher unwahrscheinlich…
Solch ein Zug, der so alsbald zu einer veritablen Eisenbahn mit vielen Wagen heranwachsen wird, befährt aber eben nur ein Gleis – und das führt am Ende lediglich gemeinsam in den Abgrund.
Wenn also „Freiheit bedeutet, nicht jedem Gedanken in mir nachgeben zu müssen“, dann ist es besser, das Bahnhofsgebäude wohlgemut zu verlassen und statt des einen unbarmherzigen Gleises die vielen Wege zu sehen, die es außerhalb davon sonst noch gibt – und bei jeder Kreuzung erneut aufmerksam zu sein, ob etwas wirklich so geschieht, wie wir erwarten würden.



* Zufällig beabsichtigte Ähnlichkeit des Titels mit der gleichnamigen österreichischen Pop-Rockband aus dem Jahr 1977 😉

¹ Polyfidelity ist eine Beziehungsform der polyamoren Nicht-Monogamie, in der alle Mitglieder als gleichberechtigte Partner betrachtet werden und sich darauf einigen, sexuelle oder romantische Aktivitäten nur auf andere Mitglieder der Gruppe auszudehnen. Polyfidele Beziehungen sind in dem Sinne „geschlossen“, als daß die Beteiligten vereinbaren können, keine sexuelle oder romantische Intimität mit jemandem zu haben, der nicht in der Beziehung ist. Neue Mitglieder können z.B. mit einstimmiger Zustimmung der bestehenden Mitglieder in die Gruppe aufgenommen werden, oder die Gruppe ist konzeptionell nicht an einer weiteren Expansion interessiert. Englischer Wikipedia-Link.

² Paar-Privileg: Wenn ein bestehendes Paar zum ersten Mal die Idee der Polyamorie erkundet, kann es sehr verlockend sein, zu versuchen, so viele Elemente der Monogamie wie möglich beizubehalten. Die Lösung, die auf der Hand zu liegen scheint und vielen sofort einfällt, besteht darin, eine bisexuelle Frau zu finden, die mit beiden Mitgliedern des Paares in einer treuen Dreierbeziehung Sex hat. Wenn beide Sex mit derselben Person haben, wird doch niemand eifersüchtig sein, oder? Wenn alle treu sind und niemand mit jemand anderem Sex hat, muß niemand sich Sorgen machen, daß irgendwelche Partner mit der ganzen Welt Sex haben, oder? Und natürlich ist es eine Frau – Bisexualität bei Frauen ist heiß, aber Bisexualität bei Männern ist irgendwie eklig, oder?
Solche legendären Bi-Frauen werden „Einhorn“ genannt und die 1.872.453014 Paare, die nach ihnen suchen, „Einhornjäger“. Der Gedanke, nach einem Einhorn zu suchen, scheint völlig vernünftig zu sein – aber er beruht auf vielen Erwartungen, die die bestehende Beziehung privilegieren, auch wenn es nicht so aussieht. Warum? Weil sich fast nie über die Bedürfnisse des „Einhorns“ Gedanken gemacht wurde. Sie war nicht Teil des Gesprächs – und wie sollte sie auch? Meistens hat man sie ja noch nicht einmal kennengelernt. Wenn man im Voraus für jemanden entscheidet, wie die Regeln einer Beziehung aussehen, so ist das entmündigend. Vor allem aber wurde meist nicht darüber nachgedacht, daß das, was verlangt wird, die ursprüngliche Paar-Beziehung hierarchisch über die Beziehung zu dem „Einhorn“ stellt. Das Paar legt fest, wie viel Raum das „Einhorn“ in der Beziehung einnehmen darf.
Privilegien sind eine heimtückische Sache; es ist sehr schwierig, darüber nachzudenken, wie man seinen eigenen bestehenden Beziehungen einen Haufen unverdienter Vorteile verschafft, wenn man sich nicht einmal bewusst ist, worin diese Vorteile bestehen. (Text nach Franklin Veaux So What Is Couple Privilege, Anyway?)

³ Faun: Sieben von ihrem Album „Totem“, 2007; Link zum Text

Weiterhin einmal mehr danke an den Autor und Gemeinschaftsbildungsspezialisten Scott Peck und sein diesbezügliches Buch „Gemeinschaftsbildung“ (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag
– und Dank an Thanh Công Tử auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 74

Unteilbar – oder: Mittendrin

Da gibt es ja diesen alten Scherz über den Zen-Meister am Imbißstand, der, als er gefragt wird, wie viele Brötchen er denn haben möchte und was deren Belag sein solle, antwortet: „Eins mit Allem!“

Was eine wunderschöne und sehr oligoamore Antwort ist, wie ich aus aktuellem Anlaß in diesem Eintrag bestätigen möchte – und damit meinen Artikel zugleich dem am 22. Januar diesen Jahres verstorbenen buddhistischen Mönch, Schriftsteller und gewaltfreien Kommunikator Thích Nhất Hạnh widmen.

Ebenfalls im Januar diesen Jahres war ich nämlich zugleich mal wieder in eines meiner Erklärbär-Gespräche über Oligo- und Polyamorie verstrickt, welches bei meinem Gegenüber nur bedingt auf Verständnis traf. Meine Gesprächspartnerin hatte sich meine Herangehensweise an ethische Mehrfachbeziehungen eine Weile angehört, sprach aber schließlich: „Ich selbst könnte mir vielleicht in einer einsamen Stunde vorstellen, gleich zwei Männer für mich zu haben, die nach meiner Pfeife tanzen. Aber selbst mit einer (oder gar mehreren) anderen Frauen zu teilen, wäre für mich undenkbar.“

Da ich in solcherlei Dingen gewöhnlich nicht als Missionar antrete und jedem Menschenkind das Recht auf eigene Meinung in diesen Dingen zubillige, habe ich mich einige Zeit später schmunzelnd allein mit dieser Aussage noch einmal auseinandergesetzt, die ja doch einige Marker enthält, wie wir selbst in der Jetztzeit noch oftmals genug über den Stellenwert von uns selbst, anderen Menschen, den konkreten Sinngehalt von Beziehungen und unsere Position in der Welt denken. Und erschreckenderweise ist dies immer noch in der Hauptsache einigermaßen gewaltsam, wie der Kommunikationsforscher Marshall Rosenberg vermutlich analysiert hätte.
So könnte auch ich nun also anmerken, daß es doch gerade zu den Kernstücken ethischer Mehrfachbeziehungen gehören würde, andere Menschen auf keinen Fall als „Ressource“ anzusehen, die man sich „sichern“ müsste, um sie ganz „für sich“ zu haben. Oder daß man dort Lieblingsmenschen niemals die Rolle von „Siri“ oder „Alexa“ zuweisen sollte, um sie „nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen“.
Genauso könnte ich aber auch amüsiert sagen, daß schon seit dem 5. Jahrhundert vor Christus im antiken Griechenland sich Überlegungen Bahn brachen, daß es Dinge im Universum geben müsse, die „atomos“, also unteilbar, sind. Wozu ich mal im Guten gesunde menschliche Persönlichkeiten zählen würde. Und hier auf diesem bLog habe ich schon erwähnt, daß wir Menschen richtigerweise manches miteinander teilen sollten und müssten (z.B. mit Gerald Hüther in Eintrag 4: unsere Nahrung, unseren Lebensraum, unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, unsere Erfahrung).
Unser „Selbst“ hingegen, da habe ich in der Oligoamory stets ganz eindeutig Stellung bezogen: Das sollte immer höchstmöglich „ganz“ sein, und jede*r unsere*r Lieblingsmenschen dürfte auch genau deswegen darauf bauen dürfen, uns immer „komplett“, zu 100% präsent und vollständig investiert zu erleben.

In der oberen Aussage meiner damaligen Dialogpartnerin ist hingegen also auch jene Angst herauszuhören, die Gedanken an Mehrfachpersonenkonstellationen in Sachen Liebe so häufig begleiten: als wertgeschätztes Individuum in so einem Beziehungsgemenge unterzugehen, aus geliebten Augen verloren zu werden, Opfer von Austauschbarkeit und Beliebigkeit zu werden. Und damit ebenfalls die Projektion, dadurch selbst zu einer Art „Ressource“ zu geraten, die bei Bedarf zu allseitigem Wohl und Sonnenschein beitragen darf – aber bei eigenem Weh allein auf sich selbst und ins Dunkle zurückgeworfen ist.

Und diese Angst ist ja nicht absurd oder weit hergeholt. In Eintrag 26 zitiere ich den schweizerischen Beziehungsforscher und Coach Daniel Hess sowie die Anthropologin Jean Liedloff, die dieses Gegenwartsphänomen unsere alltägliche „Trennungsrealität“ nennen. Denn in unseren „Normalleben“ machen wir alle nämlich immer noch nach wie vor sehr überwiegend die Erfahrung, daß die Dinge klar voneinander abgegrenzt getrennt existieren sollen. Ja, so existieren „müssen“ um sich bloß nicht in einem schwer fassbaren, irgendwie irregulären Ungefähr zu befinden. Das betrifft Begriffe, Besitzverhältnisse, Hierarchien und also auch Beziehungen. „Dies“ oder „das“, „mein“ oder „dein“ – die Wichtigkeit dieser Kategorien bestimmt unser Dasein in westlichen Industrienationen schon von Kindesbeinen an.
Kluge Köpfe wie Daniel Hess oder Jean Liedloff möchten uns aber daran erinnern, daß diese Kategorien durchweg künstliche, menschengemachte Einteilungen sind – und daß diese langfristig nicht zu unserem Wohlbefinden beitragen. Ganz im Gegenteil hält uns diese von uns künstlich errichtete „Trennungsrealität“ von unserer Authentizität, von Angstfreiheit, von echter Verantwortungsübernahme für unser Leben, ja, von unserer vollen Würde als Menschen fern.
„Teilung“ und „Trennung“ sind also die Krücken, an der wir uns durch den Alltag schleppen – durch ein selbstgeschaffenes Labyrinth aus grauen Sackgassen.

„Ganzheit“ wäre also das wesentlich gesündere Ziel – bzw. wenigstens ganz-Werden – und vielleicht irgendwann sogar ganz „Sein“. Es geht um einen Zustand von weitestgehender Infriedenheit, die ich auch mit meinen oligoamoren Beziehungen herbeizuführen wünsche. Trotzdem haben wir oft Angst davor, weil wir schnell glauben, daß der Preis von Ganzheit eben dieses gefürchtete „Verlorengehen“ sein könnte.
Der libanesisch-US-amerikanischer Philosoph und Poet Khalil Gibran schrieb dazu einmal folgenden Text¹:

Man sagt, dass ein Fluss, bevor er ins Meer mündet,
vor Angst zittert.
Sie blickt zurück auf den Weg, den sie zurückgelegt hat,
von den Gipfeln der Berge,
die lange, gewundene Straße durch Wälder und Dörfer.
Und vor ihr,
sieht sie einen Ozean, der so groß ist,
dass das Eintauchen
nichts weiter zu sein scheint, als für immer zu verschwinden.
Aber es gibt keinen anderen Weg.
Der Fluss kann nicht zurückgehen.
Niemand kann zurückgehen.
Zurückzugehen ist in der Existenz unmöglich.
Der Fluss muss das Risiko eingehen
in den Ozean einzugehen
denn nur dann wird die Angst verschwinden,
denn dort wird der Fluss wissen.
dass es nicht darum geht, im Ozean zu verschwinden,
sondern der Ozean zu werden.


Anrührende Worte, bei denen ich, auf ethische Mehrfachbeziehungen übertragen, sagen möchte: Es geht eben nicht darum, in einem verworrenen Beziehungsdickicht unterzugehen, sondern darum – wenn wir uns einmal dafür entschieden haben – unsere Beziehungsphilosophie mit Haut und Haar zu leben, sie für uns zu erschließen und sie wie eine zweite Haut innezuhaben, sie tagtäglich und alltäglich mit unserm ganzen Wesen zu umarmen.

Wir sollen also gewissermaßen unsere Beziehungen „sein“ ? Wie wäre so etwas auch nur annähernd möglich?
Wir müssen uns dazu aus unserer selbstgebauten Trennungsrealität herausdenken – und für mich hat dies niemand bislang besser formuliert als der eingangs erwähnte buddhistische Weisheitslehrer Thích Nhất Hạnh.

Dieser prägte für die dazu passende Einstellung den Begriff des „Inter-Seins“, den ich statt „dazwischen Sein“ viel eher mit „inmitten Sein“ oder „mitten darin Sein“ übertragen würde.
Der Begriff, der eine Übersetzung des englischen Wortes »interbeing« ist, ist eine Annäherung an das vietnamesische tiep hien. Thich Nhat Hanh schrieb in seinem Buch „Interbeing: Fourteen Guidelines for Engaged Buddhism“ (Parallax Press, 1987), dass tiep „in Kontakt sein mit“ und „fortfahren“ bedeutet. Hien bedeutet „verwirklichen“ und „es hier und jetzt machen“.

Eine grundlegende buddhistische Lehrmeinung, die Pratitya-samutpada oder „abhängiges/bedingtes Entstehen“ genannt wird, besagt nämlich, daß alle Phänomene aufeinander angewiesen sind.
Inhalt dieser Anschauung ist, daß nichts eine unabhängige Existenz hat (womit ich übereinstimmend schon in Eintrag 8 Osho widerspreche). Was auch immer existiert, entsteht aufgrund von Faktoren und Bedingungen, die von anderen Phänomenen geschaffen wurden.

Thích Nhất Hạnh widmete sein ganzes Leben dem Mahayana-Buddhismus, insbesondere einer Denkschule, die dort Madhyamaka gewissermaßen „mittlerer Weg“ genannt wird und sich hauptsächlich mit der Natur des Daseins beschäftigt.
Im Madhyamika heißt es, daß nichts eine innewohnende, dauerhafte Eigennatur hat. Stattdessen sind alle Phänomene – einschließlich aller Wesen, also auch der Menschen – vorübergehende Zusammentreffen von Bedingungen, die ihre Identität als individuelle Dinge aus ihrer Beziehung zu anderen Dingen erhalten.

Kompliziert? In Eintrag 57 wähle ich als Sinnbild für diese Synergie eine Babyrassel – Barbara O’Brien, Expertin für Zen-Buddhismus, wählt zur Verdeutlichung einen schlichten Holztisch:
»Er ist eine Ansammlung von Teilen. Wenn wir ihn Stück für Stück auseinandernehmen, an welchem Punkt hört er auf, ein Tisch zu sein? Wenn man darüber nachdenkt, ist dies eine völlig subjektive Wahrnehmung. Eine Person könnte z.B. annehmen, daß es keinen Tisch mehr gibt, sobald er nicht mehr als Tisch zu gebrauchen ist; eine andere Person könnte hingegen den Stapel von Holzteilen betrachten und immer noch den Tisch darin erkennen: „Das ist doch bloß ein zerlegter Tisch…“
Der Punkt ist, daß die bloße Anordnung der Teile eigentlich keine eigenständige Tisch-Natur hat; es ist ein Tisch, weil wir denken, daß es einer ist. „Tisch“ ist in unseren Köpfen. Eine andere Spezies als wir würde in der Ansammlung von Teilen vielleicht Nahrung oder ein Versteck oder lediglich etwas zum Markieren des Reviers erkennen.«
²

In seinem Buch „Das Wunder der Achtsamkeit“ (Beacon Press, 1975) schrieb Thích Nhất Hạnh, daß „die Menschen die Realität absichtlich in verschiedene Bereiche aufteilen und deshalb nicht in der Lage sind, die aufeinander Angewiesenheit aller Phänomene zu erkennen. Weil wir uns also unsere Realität als eine Menge getrennter Teile vorstellen, berücksichtigen wir nicht, wie sie tatsächlich miteinander verbunden sind.
Aber wenn wir dieses Inter-Sein wahrnehmen, erkennen wir, dass nicht nur alles miteinander verbunden ist; wir bemerken, daß alles eins ist und eins alles ist. Wir sind wir selbst, aber gleichzeitig sind wir auch alle(s) andere(n).“


Thích Nhất Hạnhs Weisheit – oder vielmehr seine kluge buddhistische Interpretation dieser über 800 Jahre alten Ideen – befindet sich damit übrigens in hervorragender Gesellschaft:
Nicht nur in der meines Lieblings-Frühneuzeitphilosophens Anthony Ashley Cooper aus Eintrag 64, der seinerseits im 17. Jahrhundert in geradezu ökologischer Weise feststellte, daß „ein einzelnes Wesen als ‚privates System‘ stets ebenfalls in ‚umfassendere Systeme‘ eingefügt sei, wodurch die Systeme einander stützen würden und somit zueinander und zugleich zur Gesamtheit in einem Verhältnis des allseitig förderlichen Zusammenwirkens stünden.“
Sondern auch in der von Mahatma Gandhis berühmten Umkehrschluß: „Du und ich wir sind eins: Ich kann Dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen“ (hier erstmals zitiert Eintrag 54).
Allerdings auch in ganz modernen Kontexten wie dem des Holismus (Eintrag 57), der da besagt, daß „natürliche Systeme oder auch nicht-natürliche, z.B. soziale Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind und daher nicht vollständig aus dem Zusammenwirken aller ihrer Einzelteile verstanden werden könnten, und dass die Bestimmung der Einzelteile von ihrer funktionalen Rolle im Ganzen abhängig ist“ (Definition Wikipedia).
Oder ebenfalls– um ganz in der hochaktuellen Jetztzeit anzukommen – in Einklang mit der für die Computer- und KI-Forschung unerlässlichen Theorie komplex-adaptiver Systeme. Welche genau als komplex gelten, weil sie aus mehreren zusammenhängenden Elementen bestehen und sie adaptiv sind, indem sie ein besonderes Anpassungsvermögen an ihre Umwelt zeigen und die Möglichkeit haben, aus Erfahrung zu lernen. Ein Kybernetik-Wissenschaftler würde noch Emergenz (die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente) und Selbstorganisation mit in diesen Zusammenhang stellen, womit wir unversehens…
…wieder Mehrfachbeziehungsparkett betreten, auf dem wiederum Sozialwissenschaftler auch gerade DEN Gemeinschaften und Beziehungen die größte Tragfähigkeit attestieren, die sich als heterogen (= vielfältig), anpassungsfähig, lernbereit, kooperativ und füreinander einstehend erweisen.

„Ganzheit“ bzw. Ganz-Werdung sind also absolut keine abgehobenen esoterischen oder bloß spirituellen Gebilde. Ganz-Werdung bedeutet größtmögliche Integration (Einbeziehung) im Sinne des Gemeinschaftsforschers Scott Peck, der schon 1984 schrieb:
Integration meint nicht gleichmachen; es entsteht daraus kein zerkochter Eintopf. Vielmehr kann man dies mit einem Salatgericht vergleichen, dessen einzelne Zutaten ihre Identität bewahren, um im Zusammenwirken noch hervorgehoben zu werden.“ ³

Unsere Lieblingsmenschen und wir, wir existieren also niemals getrennt voneinander, wir bilden absichtsvoll ein gemeinsames Ganzes; ihre Bedürfnisse sind auch unsere Bedürfnisse, aus ihrem Wohlergehen geht das unsere hervor. Bzw. um es noch einmal ähnlich wie David Mitchell in seinem Wolkenatlas zu sagen: „Mit jedem Akt eingebrachten Wohlwollens erschaffen wir miteinander unsere gemeinsame Zukunft.“ Eins mit allem – und mitten darin.



¹ Khalil Gibran: Sand und Schaum, Walter-Verlag, Zürich 1999

² Danke an Barbara O’Brien; Expertin für Zen Buddhismus, für ihr „Rethinking Religion“-Projekt, mit dem sie viel zu meinem Verständnis einer komplexen Philosophie beigetragen hat. (Link nur Englisch)

³ Scott Peck „Gemeinschaftsbildung (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag

Danke an Alex Alvarez auf Unsplash für das Bild!

Eintrag 73

Einfach ist nicht leicht – oder: Aller Anfang ist schwer

Das Jahr 2021 hatte ich mit dem Aufruf begonnen, im eigenen Interesse darauf zu achten, sorgsam möglichst das wahrzunehmen, was gerade wirklich IST – womit ich meinte, daß wir uns die Wirklichkeit nicht in einem sogleich unbewußt mitvollzogenem Schritt durch eine eigenen Brille aus Ängsten und Ressentiments vorwegnehmen lassen sollten.
Diese Erinnerung hat mit Beginn diesen Jahres nichts von seiner Bedeutung verloren.

2021 (ja, es folgt der traditionelle Jahresrückblick 🙂 ) eröffnete ich mit einer dreiteiligen Reihe zu dem Thema, welches Rüstzeug nötig wäre, unsere engen persönlichen Beziehungen im oligoamoren Sinne als „bedeutsam“ zu führen (Teile 1 | 2 | 3 ): Selbst-Anerkenntnis, Fremd-Mithineindenken (Empathie) und Toleranz angesichts zunächst nicht immer sofort eindeutig zuzuordnenden Impulsen und Wahrnehmungen zeigten sich dabei als hilfreich; ebenso wie die Bewußtmachung, daß wir alle am Ende – eh unvermeidlich aufeinander bezogen – im sprichwörtlich „selben Boot“ säßen.
„Bedeutsame Beziehungen“ in der Oligoamory sind dazu aber ebenfalls auf ein hohes persönliches Qualitätsmanagement angewiesen, sowie auf den Mut, diesen Beziehungen einen Entwicklungs- und Gestaltungsspielraum auch jenseits hergebrachter Geltungsgrenzen zu erlauben.
Weil hierbei die dadurch entstehenden Freiheiten und Erlebensräume in Verantwortung, Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung gründen, kann auf diese Weise ein quasi organisches (Beziehungs)Gebilde entstehen, in welchem alle Teile (also die Beteiligten!) durch ihre Aufeinanderbezogenheit und Liebe füreinander essentielles persönliches Interesse am Gelingen haben – und gerade daher innerhalb eines allseitig nachhaltigen Rahmens beitragen werden [zu den Nachhaltigkeitskriterien siehe Ende Eintrag 3].
Mit dem darauffolgenden Diskriminierungs-Eintrag 65 zeigte ich letztes Jahr diesbezüglich aber auch, daß eine solche nonkonforme, ja gewissermaßen queere Philosophie in Beziehungsdingen durchaus in der „normalen Welt“ noch regelmäßig auf Ablehnung und sogar Herabsetzung aus Angst und Unverständnis treffen kann.
Auch um eines der dahingehend wohl am häufigsten vorgebrachten Stereotypen der Mono- und Heteronormativität zu begegnen, daß Mehrfachbeziehungskonstellationen ja doch der so maßgeblichen Komponente „Treue“ entbehren würden, widmete ich einen ganzen Eintrag dem Thema Loyalität, Zusammengehörigkeit und Verbundenheit.
Und weil dennoch viele Menschen sich an der vermeintlichen „Offenheit“ solcher Beziehungen – wodurch die Beteiligten darin wohl nicht ganz dicht sein könnten… – noch immer den Kopf stoßen, beschrieb ich in Eintrag 67, daß Offenheit in der Oligoamory vor allem in einer systemischen Gedankenfreiheit besteht – und keineswegs in der Beliebigkeit oder Impulsivität, die manch eine*r aus eigenem unterdrückten Wunschdenken hineinprojiziert.
Genau solche verschämten Projektionen indessen lassen ja vielmehr erkennen, wie stark die meisten von uns (noch) in ihrem individuellen Eigenwert gekränkt sind – sei es durch unser Aufwachsen, Sozialisation oder Tradition. Und darum reagieren wir alle allzu oft auch just aus diesen Kränkungen heraus, wenn wir etwas Neuem oder Un-Gewöhnlichem gegenüberstehen (Eintrag 68).
Unser bestgeübtes (Selbst)Schutzverhalten in so einem Fall ist da leider immer noch häufig der Hang zum Wunsch nach mehr Kontrolle; eine Kontrolle, die wir nur zu leicht bereit sind auch auf alle anderen um uns herum auszudehnen, weil „wir doch wissen, was gut für sie ist“ (Eintrag 69).
Meistens wird dieser Schutzreflex ausgelöst, wenn alte „Lebensthemen“ von uns berührt werden (Eintrag 70) – überschießende negative Energien, die aus längst zurückliegenden, erlittenen Mängeln unsere Partnerschaften im Hier & Jetzt vergiften wollen.
Eintrag 71 habe ich darum dann auch noch einmal der Polyamorie daselbst gewidmet, jene Form ethischer Nicht-Monogamie, die aktuell allein aufgrund der inflationären Begriffsbenutzung zumeist exakt all die Häme „systeminhärenter Funktionsuntüchtigkeit“ abbekommt, welche leider stets bloß die Menschen hineintragen, die sich unüberlegt und nach Gutdünken daran versuchen…
Jedwede „gute Beziehung“ lebt jedoch von Widmung, Hingabe und einer Einzigartigkeit, die allen daran Beteiligten ihre Wertschätzung widerspiegelt (Eintrag 72).

Und damit hinein in 2022 !

Wiedereinmal (?) sind wir in einer Zeit angekommen, in sich viele von uns angesichts einer oftmals verworren agierenden Außenwelt nach einem einfacheren Leben sehnen. Und Heerscharen von Coaches stehen scheinbar bereit, uns dabei zu unterstützen, von materiellem Minimalismus bis hin zur Entwicklung unseres höheren Selbst.
„Alternativen“ zu unserer gegenwärtigen Lebensweise sollen darum also her – und diese „Alternativen“ betreffen die Gegenstände und Wohnräume, die uns umgeben, unser spirituelles Potential – und eben auch: Unsere Beziehungen.
Manch eine*r von uns meint es mit den Veränderungen und dem Aufbruch in ein „einfacheres Leben“ auch gleich richtig ernst: Da wird das Dasein durchsortiert, der Hausstand auf 100 (oder 50? oder 30?) Gegenstände reduziert, möglichst allein (aber nicht einsam!) ein Tiny House bezogen, Wochenendworkshops von der Energieheiler*in besucht und – ja, nun muß auch die Beziehungsform da folgen, wozu der Rest doch hinleiten will: Möglichst einfach und zugleich ausreichend alternativ sollte es sein…

Die „einfachste“ Beziehungsform wäre in obiger Konsequenz vermutlich, allein zu bleiben. Aber als Mensch ist man ja doch ein soziales Wesen – und daher hat man eben auch ein paar soziale Bedürfnisse, die ab und an erfüllt werden müssen, erfüllt werden wollen – „Küssen kann man nicht allein“ – das sang schon Max Raabe¹
Also „Polyamorie“, das sind, wie die Werbung weiß, gleich drei Dinge auf einmal: Liebe, Abwechslung und Schokolade, äh, nee…, und persönliches Wohlergehen (was als Wirkung jedenfalls immerhin in etwa Schokolade entspricht…).

Wem das jetzt zu holzschnittartig gedacht ist („Ok, ich bin zwar polyamor aber ich lebe nicht im Tinyhaus und meine Garage ist so voller Zeug, daß nicht mal mehr das Auto drinstehen kann…“), die bitte ich, sich eventuell aber doch einmal gedanklich mit einem Phänomen zu beschäftigen, welches ich „Szenenüberschneidung“ nenne.
Das mag z.B. so eine Szenenüberschneidung wie bei Mittelaltermarktbesucher*in / Biker / Metalhead / Lederszene sein – aber auch eine Szenenüberschneidung wie Oshofan / friedensbewegt / vegan / Permakultur.
Spannender Fun-fact am Rande: Sämtliche soeben aufgeführte „Szenen“ weisen übrigens auch einen erhöhten Faktor an „offenen Beziehungsmodellen“ gegenüber der statistischen „Normalbevölkerung“ auf.
Warum ist das so?
Grundsätzlich verbirgt sich hier etwas Gutes: Menschen, die bereits in einem Bereich ihres Lebens „alternativ“, „non-konform“ oder sogar grenzgängerisch über den Tellerrand der Normativität (also des mittelhochtief normal-Gebräuchlichen) geschaut haben, tendieren dazu, dies auch auf andere Bereiche ihres Lebens auszudehnen. Sehr oft steckt da gar nicht mal so sehr der Drang nach der „Alternativität“ dahinter, sondern schlicht menschliche Neugierde und Entdeckerlust: Z.B. treffe ich auf dem Mittelaltermarkt jemanden, von dessen Gewandung ich begeistert bin – zwei Wochen später sitze ich, von Lederzuschnitten umgeben, daselbst auf dem Boden meines Hauswirtschaftsraumes und entwerfe kühne Gürteltaschen und ein Paar echt heißer Chaps… Dabei spüre ich mit einem Mal Selbstwirksamkeit und denke, daß ich ja immer mehr mit dem in Berührung komme, was mir wirklich wichtig ist, wofür ich brenne und was mich ausmacht.
Was zusätzlich genial ist, daß wir uns bei diesen Themen, die uns da plötzlich so am Herzen liegen, fast wie von selbst von alten Glaubenssätzen befreien, wie z.B.: „Mutter hat immer gesagt, Motorradfahren ist für Selbstmörder…“ oder „Veganer sind Freaks…“ oder „Nur Hungerleider nähen ihre Klamotten selbst.“ oder „Kleingärten sind bloß was für Rentner…“.
Plötzlich schließen wir uns Räume auf, an deren Tür wir früher eventuell sogar naserümpfend vorbeigelaufen sind – bloß, weil unsere Umgebung uns das vielleicht einst so vorgelebt hatte.

Was hat dies nun mit unserem Wunsch nach einem „einfacheren Leben“ zu tun?
Ich glaube eine Menge, weil wir immer dort unser Leben als „einfach“ empfinden, wo wir aus Überzeugung und selbstbestimmt agieren.
Wenn ich z.B. den Mittelaltermarkt nicht mehr als Event konsumiere, sondern möglicherweise richtig teilnehme, dann fühle ich mich aus innerem Antrieb verbunden; vielleicht ist mir die historische Epoche wichtig, die Wissensvermittlung – oder irgendetwas dort erinnert mich daran, daß es ab und an gut ist, viele gewöhnliche Dinge wieder ganz und gar von Hand zu verrichten.
Oder da ist ein engagierter Politiker, der sich nicht heimlich nachts per Limousine aus dem Club abholen läßt, sondern sich im Wahlkampf offen zu seiner BDSM-Neigung bekennt – gerade weil er per persönlichem Beispiel auf eine dringende Inklusion und Berechtigung queeren Lebens in seinem Programm und seiner Stadt hinweisen will.²

Wer bis hierher mitgelesen hat, müsste nun verstehen, was ich mit der Überschrift dieses Eintrags meinte. Denn „leicht“ machen es sich diese entschlossenen Personen ja nun gerade wirklich nicht – weder beim mühsamen Brettchenweben der Wikingerborte, noch bei den Konsequenzen, die so ein couragiertes öffentliches Outing für die Karriere nach sich ziehen kann.
Könnten wir aber die handelnden Personen befragen, dann würden sie uns wiederum wahrscheinlich sagen, daß das, was sie da tun oder getan haben „einfach“ aus ihnen fließt. Und „einfach“ ist es, weil es sich dabei um etwas handelt, was als Anliegen zutiefst mit ihnen selbst verbunden ist – es ihnen dementsprechend „leicht fällt“, weil sie dabei authentisch und unverstellt handeln.

Um nach dieser Art „einfach“ leben zu können, braucht es eine wesentlich Komponente, die oftmals überhaupt nicht leicht herbeizuführen ist: Bewußtheit.
Bewußtheit verlangt nämlich eine willentliche und gegenwärtige Entscheidung FÜR etwas – worum wir Menschen uns im Normalfall gerne mit etwas lauwarmen Ungefähr herummogeln.

Und unsere Einstellung in ethischen Mehrfachbeziehungen wie Poly- oder Oligoamory empfinde ich da als sehr passendes Beispiel.
Denn dafür reicht es nicht, sich lediglich gegen die Monogamie zu entscheiden. Es reicht für die Behauptung von Teilhabe nicht aus, eine andere Tradition als überkommen abzulehnen. Die Gefahr bei solcherart Denken ist nämlich hoch, vor allem Energie darauf zu verwenden, was wir NICHT wollen – und, Hand auf’s Herz, da sind wir Menschen meist recht gut und geübt drin. Ablehnung – bildungssprachlich auch mal „destruktive Kritik“ genannt – ist ja eben genau nicht „konstruktiv“: Sie drückt lediglich aus, daß das Alte, das Hergebrachte weg, nicht sein soll. Aber was ist es, das wir für uns selbst wünschen? Wie sollte denn eine Beziehungsform, die uns gemäß ist, nun tatsächlich aussehen?

Wer sich ungeachtet dessen dennoch erfolgreich um diesen Bewußtmachungsprozeß gedrückt hat, wird in der Poly- bzw. Oligoamory sofort in das nächste Dilemma hineinstolpern – und darum kommt es ebenso häufig zu spektakulären Unfällen.
So scheinen uns Mehrfachbeziehungen ja gelegentlich als verheißungsvoll, weil wir uns dort – im Gegensatz zur bösen, bösen Monogamie! – beim Hinzukommen einer weiteren Liebe NICHT gegen eine der (evtl. bereits vorhandenen) anderen entscheiden müssen.
Dies ist aber fast immer nur wieder das bereits oben erwähnte lauwarme Lavieren, weil wir dadurch ohne allzu großen gedanklichen Kraftaufwand an unserer Komfortzone festhalten können. Denn hier schlägt der von mir in Eintrag 44 und 72 zitierte „innere Schweinehund“ von uns geschickt zu: Das „Gewohnte“ erscheint uns im Normalbetrieb allzu leicht als „das Richtige“, wodurch wir uns erlauben, viele Denkmuster und Strukturen „beim Alten“ zu belassen – was aber leider bedeutet, daß wir einer mehrheitslastigen Normativität noch viel stärker verhaftet sind, als wir es zugeben würden – und so gezwungen sind, auch deren Vorstellungen und Konzepte weit stärker unreflektiert nachzuleben als wir ahnen.
Eigentlich haben wir also gar nichts verändert, sondern genau genommen lediglich eine Nicht-Entscheidung getroffen, durch die wir nahezu gezwungen sind, alte Fehler und Achtlosigkeiten weiter zu wiederholen.

Polyamorie, Oligoamory heißt aber, daß wir uns FÜR, und immer wieder für unsere Liebsten entscheiden. Daß wir uns in einer solchen Mehrfachbeziehung alle immer wieder für einander entscheiden.
Um das bewußt vollbringen zu können, wird in jedem Fall „Komfortzonen-Stretching“ angesagt sein, allein weil wir uns z.B. mit Variablen wie Akzeptanz und Zumutung, Wertschätzung und Stellenwert, Freiheit und Grenzen (und noch vielen anderen) regelmäßig befassen müssen.
„Leicht“ wird das vermutlich niemals sein – und das ist gut, denn Bewußtheit erfordert die Anwesenheit unseres ganzen Seins – und manchmal auch die Auseinandersetzung.
Gleichzeitig kann es durchaus Kennzeichen eines „einfachen“ – also geradlinigen und wahrhaftigen – Lebens sein, sich diesen Herausforderungen engagiert und mit allseitig partnerschaftlicher Aufmerksamkeit zu widmen, genau WEIL eine bewußte Entscheidung getroffen worden ist und nun dieser Teil des Lebens überzeugt, vorbehaltlos und willentlich beschritten wird.

Das ist es, was ich mit der Oligoamory herbeizuführen wünsche, gerade in Zeiten wie jetzt, wo uns innere Unrast und Neujahrsschwung möglicherweise zu Aufräumaktionen treiben, bei denen das bestätigende Klappern des Mülltonnendeckels leicht übertönt, was eigentlich wichtig ist: Bei dem, was da „anstatt“ kommen soll, mit dem Herzen den Kurs zu setzen, keiner Mode zu folgen, keinem Trend und keiner angepriesenen, vermeintlichen „Leichtigkeit“, „Leichtigkeit, die heute zu häufig begrifflich Oberflächlichkeit, geringe Nachhaltigkeit, Unverbindlichkeit oder Unbeständigkeit schönfärben soll.

Einfach ist darum eben nicht immer leicht, gerade wenn es zwischenmenschliche Beziehungen betrifft – oder wie es der schweizerische Aphoristiker und Politiker Ernst Reinhard einmal sagte, als er nach einem Rezept für ein friedlicheres Miteinander gefragt wurde:
„Gelassenheit nimmt das Leben durchaus ernst – aber niemals schwer.“



¹ Max Raabe (und Annette Humpe): Küssen kann man nicht alleine, Decca Records 2011

² So geschehen z.B. im Kommunalwahlkampf 2021 um die Position als Göttinger Oberbürgermeister*in

Danke an comfreak auf pixabay für das Foto!

Eintrag 72

Schöne Bescherung!*

Unsere Reise durch 2021 neigt sich dem Ende und meinen letzten Eintrag in diesem Jahr möchte ich darum zwei oligoamoren Impulsen widmen, die ich sowohl durch meine mono- als auch durch meine poly-amore Beziehungserfahrung gewonnen habe.

Schon in Eintrag 29 sage ich, was ich anstelle meiner langen Einträge nahezu auf jede Seite meines bLogs schreiben würde, wenn dies als Essenz genug sein könnte: „Führt gute Beziehungen!“.

Und ich bin überzeugt, daß genau genommen dieser schlichte Imperativ für jede Form von vertrauensvoll-inniger Interaktion ausschlaggebend ist – ganz egal, wie viele Beteiligte dann schlußendlich zusammen im jeweiligen Beziehung-Boot sitzen.

Darum immer achtsam, mit wem man (sich) teilt…

Die allermeisten meiner Leser*innen stammen wie ich aus der „alten Welt der Mono-Amorie“ – und haben dort vermutlich ebenso ihre ersten Beziehungskenntnisse gesammelt.
An dieser Stelle möchte ich daher auch erst einmal eine Lanze für diese gebräuchliche Konvention brechen.
Denn was den Grad an Intensität angeht, so gibt es vermutlich kein durchdringenderes Arrangement als das von zwei Menschen in einer 1:1-Situation.
Ja, richtig – ich habe Eure Gedanken gehört: „…aber auf Gedeih‘ und Verderb’…“ – und ich stimme auch darin zu. Aber laßt uns heute vielleicht auch „auf Gedeih’“ schauen.

Die „romantische Zweierbeziehung“ ist ja auch deswegen nach wie vor ein so gut verkäufliches Glanzmodell, weil dort nicht etwa eine Übereinkunft (was es im Kern ist!) beworben wird, sondern ein Ideal (was es auch ist!).
Mit Idealen – die ich ja ebenfalls in der Oligoamory sehr schätze – ist es aber so eine Sache. Wir lieben die heldigen und strahlenden Momente, die so ein Narrativ verspricht – aber wir sind gut darin, in solchen Momenten die damit einhergehenden Notwendigkeiten und noch viel mehr die Unvermeidlichkeit sich mittelfristig einstellender Routine zu ignorieren (oder wenigstens zu verharmlosen…).

Wenn sich allerdings Übereinkunft und Ideal treffen, dann kann eine Zweierbeziehung gewissermaßen den Inbegriff des von mir auf meinem bLog so oft zitierten Emotionalvertrags abbilden: Ein gemeinsames Auskosten der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.
Dies – sich einmal auf der Zunge zergehen gelassen – ist schon viel, gewaltig viel, und ein Versprechen von allseitiger Zufriedenheit, Wohlergehen und Sicherheit (inklusive Berechenbarkeit!) für die Beteiligten.
Potenziert mit dem romantischen Motiv des „freiwillig für die Gemeinschaft (also hier: die Beziehung!) erbrachten Selbstopfers“ (ausführlich dazu siehe Eintrag 34), ist die Strahlkraft einer solchen Verheißung gewissermaßen unübertrefflich.

Romantische Verbrämung, mit rosaroter Zuckerwatte verklebter Wunschtraum, realitätsfremde Seifen(opern)blase?
Ich möchte Euch sagen, daß ich all das, was ich im obigen Absatz geschrieben habe, exakt so in meinen Zweierbeziehungen erlebt habe (und jeden Tag erlebe!).

Die Investition und das Engagement meiner Partnerinnen (ich bin heterosexuell) in und für mich waren und sind jederzeit gigantisch. Und vollkommen un-selbstverständlich.
Das Maß an Kooperation, Rücksichtnahme, Widmung, Hingabe, Zugewandheit, Aufmerksamkeit, Einbeziehung, ja, Mit-Hineindenken (Eintrag 53), welches mir insbesondere in meinen Langfrist-Beziehungen entgegengebracht wurde, übersteigt ganz sicher jeden Umfang geläufiger Alltagserfahrung – und auf alle Fälle jedwedes noch so hoch beworbene Leistungsniveau auch nur irgendeiner irdischen Konsumentenerfahrung.

„Häh, der Oligotropos vergleicht jetzt seine Liebsten mit irgendwelchen Dienstleistern…?“
Ja, korrekt, das tue ich in dieser Weise ein wenig – genau um zu zeigen, daß hier wohl eine sublim-metaphysische Komponente im Spiel sein muß, die anderweitig so in keiner anderen Form von zwischenmenschlicher Übereinkunft enthalten ist – nämlich Liebe.
„Liebe“, die mir in jedem kleinen alltäglichen Entgegenkommen meiner Lieblingsmenschen spürbar beweist: Ich werde gesehen, ich bin offensichtlich für das Selbstbild meines Gegenübers von Bedeutung, ich erlebe dadurch Wertschätzung für mein eigenes Selbst aufgrund meines unveräußerlichen Eigenwerts [der von der anderen Person erkannt und geschätzt wird, oh Glückseligkeit!], darum kann ich mich hier in Vertrauen hingeben und darauf weiter aufbauen.

Was ich da gerade formuliert habe ist in der Tat SO viel Bedürfnisabdeckung¹ für einen menschlichen Geist, daß aus diesem Überfluß selbst ein paar Gefahren entstehen können.
Die eine ist das mittlerweile gut belegte Phänomen des „Gesetzes vom abnehmenden Grenzertrages“, welches der Ökonom Daniel Kahneman bereits im Jahr 2000 ausgiebig identifizierte². Wir alle kennen das Phänomen besser als eine Variante der „Macht der Gewohnheit“, bei der wir etwas Gutes, was wir aber regelmäßig erleben, nicht mehr als „besonders“ erachten. Sogar eine Steigerung dieses „Guten“ führte in Studien alsbald wieder zu einem abflachenden Gewöhnungseffekt – und das ist, wie wir alle wissen, nicht nur ein ökonomisches Dilemma, sondern eine echte emotionale Herausforderung für jede Nahbeziehung.
An den sprichwörtlich „schlechten Tagen“ unserer Beziehungen ist es dadurch nämlich zu leicht möglich, die „Gesamtheit der allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ in unserer Beziehung entweder als Selbstverständlichkeit, Selbstzweck oder „profanes Tauschgeschäft“ (quid pro quo) hinzunehmen. Und selbst ein (einseitiges) Bemühen um positive Verbesserung wird nur allzu schnell zu erneuter Gewöhnung an das Dargebotene führen.
Genau diese Zwickmühle macht viele Paartherapeut*innen reich, indem gerade in dieser kritische Situation eine reine Zweierbeziehung oftmals zu eng ist, als daß die Beteiligten allein darin weit genug zurücktreten können, um selbstständig den inneren Reichtum ihrer Gemeinschaftlichkeit (wieder)erkennen zu können.
Hier haben tatsächlich häufig polyamore Mehrfach-Partnerschaften einen Vorteil, weil genau die Dynamik einer Mehrpersonenkonstellation mit ihrer – allein aufgrund der Vielfalt der Beteiligten – unterschiedlich ausgeprägten Sicht auf die „gemeinsame Mitte“ nicht so leicht das „Gesamtwohl“ als Selbstverständlichkeit ansehen wird, wie dies bei lediglich zwei Personen geschehen kann – die, bereits Nase-an-Nase verkeilt, urplötzlich ihr investiertes Eigeninteresse im Ausverkauf wähnen.

Und exakt diese „dunkle Seite“ der „Wohlfühlzonen-Besitzstandswahrung“ führt ebenfalls zu all den extremen Aufwallungen von z.B. Eifersucht oder Neid, wenn der Versuch der Öffnung einer Zweier-Bestandsbeziehung gewagt wird.
Sämtliche Ratgeberliteratur ist voll von Mahnungen, monogame Beziehungen überhaupt nur bei vollständig stabilisierten Binnenverhältnissen und hohem inneren Einvernehmen zu öffnen – keinesfalls aber, um bei bereits an den Spielfeldrändern lauernder Unzufriedenheiten, den berühmten „frischen Wind“ hineinzulassen.
Denn: Der interne „Emotionalvertrag“ einer reinen Zweierbeziehung ist fast immer eine etwas heikle Angelegenheit, indem dieser meist eine subtil austarierte und verflochtene Wechselbezüglichkeit eben nicht immer bewußt eingebrachter sowie „genossener“ Anteile ist.
Als ehemaliger Monoamorist finde ich das übrigens gar nicht so sehr verwerflich. Ja, richtig, Unbewußtheit ist sicher nie eine hilfreiche Eigenschaft – und auch die Mono-Amorie würde von mehr bewußt und vollumfänglich transparent eingegangenen Beziehungen profitieren. Da die Mono-Amorie allerdings ohnehin nur auf zwei mögliche Beteiligte zugeschnitten ist, erlaubt sie aufgrund der „Ganz-oder-gar-nicht-Natur“ ihrer Konzeption an diesem Punkt ein mögliches Maß an, öhm…, Leichtherzigkeit, etwaig unbewußt eingebrachte Problempotentiale der Resilienz der entstehenden Beziehung anvertrauen (was zugegeben ungeschickt – aber zugleich ebenfalls jahrhundertelang ungeheuer attraktiv für das Mono-Modell war und noch ist…).
Das Resultat ist in jedem Fall jenes Zweiertandem, bei dem zwei Welten solcherart miteinander verbunden werden, daß Kurs, Geschwindigkeit und Stabilität in jedem Fall sowohl zu Wohl als auch zu Wehe beider Mitfahrer*innen gehen werden, wodurch einerseits die Intensität der aufgewandten internen Synchronisation – aber eben andererseits auch die interne Abhängigkeit – sehr hoch werden können.
Wird ein solches Arrangement nun zu neuen Beteiligten hin geöffnet, wird es daher unweigerlich zu einem Erleben von Verschiebung und Asymmetrie kommen.
Je höher nun die eingebrachten unbewußten Anteile kompensatorischer Natur (z.B. für erlittene Mängel aus Kindheit oder Sozialisation) sind, umso höher werden diese Verschiebungen nun als schmerzhafte Scherkräfte der eigenen Bedürfnisdeckung erlebt. Neid (Eintrag 59) und Eifersucht (Eintrag 36) stellen nämlich aus meiner Sicht immer die bohrende Frage nach dem eigenen „unveräußerlichen Eigenwert“ (s.o.). Wenn also eine neue (Mehrfach)Beziehungskonstellation dabei vor allem als Ressourcenabfluß erlebt wird und nicht als „Zugewinngemeinschaft“ mit einem sich nach einiger Zeit neu etablierenden, emotionalen Zentrum an „allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden, freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“, dann werden die anfangs vielleicht nur „gefühlten“ Scherkräfte alsbald sehr real die Oberhand gewinnen und allen Beteiligten bis an die Grenze der Beziehungsvernichtung Leid verursachen.

Polyamorie (und natürlich Oligoamory) brauchen, wie ich im letzten Eintrag schrieb, also in jedem Fall alles : Die Übereinkunft – die (Selbst)Verpflichtung, gemeinsame Ideale UND Liebe – und zwar Letztere bei allen und für alle Beteiligten, wenn die Sache perspektivisch eine Zukunft haben soll.

Womit ich genau genommen schon bei meinen Erfahrungen durch die Polyamorie bin.
Wenn ich diese genauer überdenke, dann fällt mir, glaube ich, am eindrücklichsten auf, wie sehr ich erlebt habe, daß man dort niemals versuchen sollte, Beziehungen einander nach einem bestimmten „Wohlfühl“-Muster nachzubauen.
Für manche mag das nun eventuell wie eine Binsenweisheit klingen – oder andere denken, daß diese Lektion ja auch in serieller Monogamie sehr gut zu erleben sei.
In gewissem Sinne stimme ich da auch zu – gleichzeitig ist es exakt wieder die tatsächliche Mehrpersonen-Konstellation, die die beste Versicherung gegen routinierte Selbstsabotage ist.
„Jede Beziehung ist einzigartig“, klar, noch so eine Binsenweisheit, ha, – wie sollte es da möglich sein, sie einander anzugleichen…?
Und doch besteht diese Gefahr, wenn „wir“ jedes Mal genau einer der Bezugspunkte unserer Nahbeziehungen sind – und wir jedes Mal auch unsere eigene „Bedürfniskennung“ dort hinein einzubringen versuchen. Unsere „Bedürfniskennung“ zieht an einer Art virtuellen Schleppleine nämlich auch unsere oben erwähnte „Wohlfühlzone“ mit sich, bei der uns Bequemlichkeit und angenehm gewordene Gewohnheit anstiften können, zu versuchen, ob wir uns nicht noch einen (weiteren) ähnlich beschaffenen Vertrautheits-Schlupfwinkel einrichten könnten… Selbst unsere Gehirne, bei denen wir seit Eintrag 25 wissen, daß sie nichts lieber erleben möchten als möglichst vergleichbare Kohärenz (Übereinstimmung/Sinnzusammenhang), können da mit ihrem „inneren Schweinehund“ geradezu übereifrige Erfüllungsgehilfen werden.
Nun, aber da wären ja noch die jeweiligen Liebsten in ihrer Verschiedenartigkeit, die, was „Kooperation, Rücksichtnahme, Widmung, Hingabe, Zugewandheit, Aufmerksamkeit, Einbeziehung, uns Mit-Hineindenken“ doch Individuum für Individuum ganz unterschiedlich gepolt wären.
Womit wir es uns aber ein wenig zu leicht machen würden, speziell wenn wir die Verantwortung ganz in die Hemisphäre unserer Liebsten verschieben würden, uns aus unserer harmonieerstrebenden Komfortzonen-Uniformität zu locken. Denn dabei würden diese doch gleichzeitig regelmäßig den (richtigen!) Eindruck erleben, gegen irgendein unsichtbares Gefälle auf unserer Seite anzuarbeiten – während wir ja gerade eigentlich in dem Unternehmen bestrebt sind, sie ihrerseits als hübschen Schlußstein in unser Behagens-Kämmerlein einzufügen.
Nein, Mehrfachbeziehungen lassen solche putzigen Manipulationen nie sehr lange zu, bis sie alsbald angesprochen auf dem Tisch des Hauses liegen.
Was für mich eine der wundervollsten Eigenschaften ethischer Non-Monogamie ist.
Denn wie ich es auch drehen und wenden möchte, die Abgeschiedenheit und das in-sich-selbst-verkapselt-Sein einer Zweierkiste ist hier nicht mehr möglich. In gewisser Weise bin ich also definitiv exponierter – soll das also unweigerlich bedeuten, daß ich mit einen gewissen Verlust an Sicherheit und Vertrautheit in der Poly-/Oligoamory leben muß?
Ich glaube nicht. Denn wenn Liebe im Spiel ist, bedeutet dies ja, daß ich gesehen werde, ich offensichtlich für das Selbstbild meiner Gegenüber von Bedeutung bin, ich dadurch Wertschätzung für mein eigenes Selbst aufgrund meines unveräußerlichen Eigenwerts erlebe [der von mehreren anderen Person erkannt und geschätzt wird, oh Glückseligkeit!], darum kann ich mich in Vertrauen hingeben und darauf weiter aufbauen.
Ethische und nachhaltige, so wie von Liebe getragene Mehrfachbeziehungen entfalten an dieser Stelle ihr grandiosestes Potential:
Ich bin mehreren Menschen wichtig und werde darum von ihnen gesehen – es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, daß sich darin alle auf den selben Aspekt von mir beziehen.
Mehrere Personen drücken aus, daß ich für ihr Selbstbild Bedeutung habe und ich ein Teil ihres Lebens bin – aber eben ganz unterschiedlicher Leben und Biographien, von denen ich nun ein wertvoller, beitragender Baustein sein darf.
Mein „unveräußerlicher Eigenwert“ wird von mehreren Menschen auf das höchste geschätzt – und das bedeutet in der Sache das Großartigste von allem: Daß nämlich mein Eigenwert überaus vielseitig und facettenreich sein muß, größer vielleicht, als ich sogar selbst im Moment wahrzunehmen fähig bin.
In dieser Art kommt mir auf ganz festliche Weise wieder einmal mehr die Gabe ethischer Mehrfachpartnerschaften zugute: Mehr zu sein als die Summe der Teile.
Die Gefahr, einer Lullerland-Komfortzone zu erliegen, die ich darob irgendwann für das alltäglich dargebotene, mir zustehende Normalmaß halte, wird dadurch ebenso deutlich geringer. Im Buch meines Lebens können täglich neue Seiten überraschend von meinen Liebsten aufgeschlagen werden, die ich vielleicht selbst eher nicht berührt hätte. Manchmal wird es mich darum Mut kosten, mich als die Hauptfigur auf diesen Seiten zu sehen…
Doch wie der legendäre chinesische Philosoph Laotse schon im sechsten Jahrhundert vor Christus wußte: „Große Liebe macht den Menschen mutig.“
Und so bekomme ich selbst sehr wahrscheinlich ebenfalls Lust darauf, diesen vielseitigen und facettenreichen Menschen, der ich in den Augen meiner Liebsten ja offensichtlich bin, meinerseits auch noch immer gründlicher kennenzulernen, wertzuschätzen und zu entfalten
Was wohl schon der französischen Schriftsteller Marcel Proust gleichermaßen empfunden hat, als er in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ notierte:

„Lasst uns dankbar sein gegenüber den Menschen, die uns glücklich machen. Sie sind liebenswerte Gärtner, die unsere Seele zum Blühen bringen.“



* Der Begriff Bescherung wird abgeleitet von mittelhochdeutsch beschern = „verhängen, zuteilen“ (weil zur Weihnachtszeit landwirtschaftliche Dienstleute von ihren Herren meist eine Sondervergütung erhielten) – womit also eine von der Natur der Beziehung abhängige Zuweisung gemeint war – und ist… 😉

¹ Wenn ich auf diesem bLog von Bedürfnis spreche (meine Stammleserschaft weiß es), dann beziehe ich mich immer auf ihre Verwendung als Persönlichkeitseigenschaft der humanistischen Psychologie, z.B. gemäß A. Maslow, C. Alderfer and M. Rosenberg.

² Kahnemann, D., Experienced utility and objective happiness: A moment-based approach. In: Kahnemann, D. und Tversky, A. – „Choices, Values and Frames“, New York 2000

Und Dank an Oriol Portell auf Unsplash für die schöne Bescherung!