Es war einmal

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern.
Die besten Geschichten aber schreibt die Wirklichkeit selber – oder vielmehr: Es ist die Wirklichkeit, die ihren Ausdruck in Geschichten findet, wiederum Impulse aus diesen aufnimmt und schließlich zu einem unglaublich bunten Teppich verwebt.
Es ist 1773 – und ein Traum von Freiheit und der Hoffnung nach mehr Selbstbestimmung liegt in der Luft.
Sogar in den sowohl mit der Landgrafschaft Hessen-Kassel als auch dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg verbundenen Grenzorten nahe der Universitätsstadt Göttingen ist das zu spüren – einer Gegend, die wir heute als „ländliches Südniedersachsen“ bezeichnen würden.
Durch die Vermittlung eines Freundes – heute würden wir „mithilfe von Vitamin B“ sagen – hat der gerade 25 Jahre alte und frischgebackene Justizamtmann Gottfried August Bürger vor einem Jahr die Chance erhalten, in dem kleinen Örtchen Gelliehausen einen Posten zu ergattern.
Gerichtsarbeit auf dem Land, Streit unter Gutsbesitzern, Erbschaftsangelegenheiten, Grenzfestlegungen und Rechtsprechung bei kleineren Delikten sind nicht gerade das, was einen regen Intellekt beansprucht – und auch gesellschaftlich ist man hier fernab jedweder „höheren Kreise“.
Trotz aller offensichtlichen Einschränkungen ist Gottfried aber insgesamt ganz zufrieden mit dieser Entwicklung, denn sein Herz schlägt eigentlich für die Kunst, genau genommen für Literatur und Poesie. Mehrere Jahre Meinungsverschiedenheit mit seiner Familie, speziell mit seinem dominanten Großvater Jakob Philipp, hat Gottfried zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich. Zunächst zu einem öden Theologiestudium in Halle an der Saale gedrängt, widmet er sich darauf folgend als Kompromiss schließlich den Rechtswissenschaften in Göttingen, was Gottfried aber auch die Tür öffnet, dann innerhalb von kürzester Zeit an einem Kreis musisch interessierter und freigeistiger Gleichgesinnter teilzuhaben. Denn die gebildete Welt blickt seinerzeit in die neuen Kolonien (das, was wir heute als die USA kennen), wo sich landbesitzende Siedler gerade gegen die britische Vorherrschaft ihrer Kolonialherren zu erheben beginnen. Und noch mehr blickt die Welt hinüber in das nahe Frankreich, wo es innerhalb des Bauernstandes und den bürgerlichen Kreisen knistert und knirscht – aufgrund zu starker Bedrückung in Form von Abgaben und Gängelung durch das dortige Königshaus.
Auch im noch immer so genannten „Heiligen Römischen Reich“, diesem Flickenteppich aus zahlreichen Territorien und Fürstentümern, in dem Gottfried lebt, ist diese Bedrückung ähnlich zu spüren. Absolutistisch agierende Landesfürsten schachern mit ihren Ländereien, liegen in Konflikten miteinander und äugen zusätzlich momentan mißtrauisch auf die mächtigsten militärischen Mitspieler*innen dieser Zeit: Friedrich II., König von Preußen sowie Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich. Denn über Wohl und Wehe ihrer Einwohner*innen entscheidet gänzlich die jeweils lokale Obrigkeit; von der Festsetzung des Berufs, des Wohnorts, der Familie und ihres standesgemäßen Umgangs, über Dienste und Abgaben, ja, bis hin sogar zur Religion.
Während Bauern und einfache Handwerker diesen Verhältnissen seit Jahrhunderten nahezu völlig ausgeliefert sind, beginnt sich in der zunehmend gebildeteren Mittelschicht indessen ein neues Denken zu verbreiten, welches seit kurzem mit dem Wort „Aufklärung“ bezeichnet wird: Eine Reformbewegung, mit der man sich – unter Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz – von solchen althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen und Ideologien gegen den Widerstand von Tradition und Gewohnheitsrecht befreien will.
Diese Ideen haben auch den jungen Gottfried und seine Künstlerfreunde erfasst – ihr erhoffter Beitrag: Das Licht der „Aufklärung“ auch weniger gebildeten Kreisen zugänglich zu machen, die Lieder und Geschichten des „einfachen Volkes aufzuwerten, indem man sie sammelt und aufschreibt und – Stichwort „Flickenteppich“ – endlich über Sprache und Literatur gemeinschaftlich zusammenträgt, was kulturell einem „ganzen Deutschland“ (welches es ja in seiner bisherigen Zersplitterung noch gar nicht gibt) zu eigen wäre.
Hehre Ideale also – in einem jungen, schwärmerischen Kopf.
In der wirklichen Welt pendelt Gottfried in dieser Weise zwischen seinem Göttinger Musenzirkel und den Häusern der ihm standesmäßig ähnlichgestellten Verwaltungsbeamten des ländlichen Berufsalltags. Regelmäßig zu Gast in der vielköpfigen Familie eines Nachbaramtmannes (Familie Leonhart in Niedeck), verliebt er sich dort allmählich in die zweitälteste Tochter des Hauses, die 17jährige Dorothea, die von allen liebevoll „Dorette“ genannt wird. Doch auch auf ihrer hübschen, 2 Jahre jüngeren Lieblingsschwester Augusta, die durchweg nur „Molly“ gerufen wird, verweilt sein Blick von Zeit zu Zeit…
Von da an ist Gottfried immer regelmäßiger Gast in Niedeck – und im Juli des nächsten Jahres, 1774, ist es so weit und die Hochzeit zwischen ihm und Dorette wird festlich begangen.
Ist es Pikanterie oder eine eigenartige Laune des Schicksal? Als Schwiegervater Johann Carl in seiner Hochzeitsrede spaßvoll erwähnt, daß er in seinem eigenen Leben ja selbst nacheinander mit zwei Schwestern verheiratet war und die Ehe so eine höchst familienerhaltende Institution sei, da sind sogar an diesem Ehrentag längst schon verdeckte romantische Bande von erheblicher Tragweite im Aufwachsen. Denn auch Molly und Gottfried haben begonnen, sich ineinander zu verlieben – und so lustig die Rede des alten Herren auch sein mag, die Konsequenzen daraus scheinen haarsträubend, selbst im Lichte dieses hellen Sommertages…
So kommt es, wie es kommen muß: Der schwärmerische Gottfried, der von späteren Literaturhistoriker*innen ob seines literarischen Schaffens als „Stürmer und Dränger“ eingeordnet werden wird, trifft sich weiter heimlich mit Molly, meistens in einer verdeckt liegenden Felsgrotte unterhalb ihres Familienhauses in Niedeck, während im Frühjahr 1775 Dorette zuhause in Wöllmarshausen bereits mit dem ersten gemeinsamen Baby, Antoinette, beschäftigt ist.
Doch die sozialen und familiären Verhältnisse sind eng – und Dorette ist weder blind noch auf den Kopf gefallen – sie durchschaut sehr bald, daß die „freundschaftliche Verehrung“ ihres Mannes für ihre liebe Schwester ganz offensichtlich bereits von Anfang an mehr war, als bloß vertrautes Miteinander. Da ihr Vater Johann Carl inzwischen erkrankt und auf die Pflege Mollys angewiesen ist, stellt sie die beiden Heimlichtuer letztendlich zur Rede und es kommt zu einem langen Gespräch mit vielen Vorwürfen, Geständnissen, Tränen und Reue – aber am Ende auch mit Vergebung,Verständigung und nach allem mit einem beispiellosen Einvernehmen. Die Geschichte weiß nicht, wer von den Dreien es schließlich war, der den schicksalhaften Satz aussprach, der erst über 200 Jahre später in dem Gedicht „Triad“ durch den Lyriker David Crosby als Präambel des ersten Textes über moderne Polyamorie verschriftlicht wurde: „Warum können wir nicht zu dritt weitermachen?“¹
Und so machen die drei es gemeinsam aus, ohne Kenntnis der Außenwelt: Vor einander und vor Gott beschließen sie, fortan eine „Ehe zu dritt“ zu führen – in der Dorett und Molly ohnehin naturgemäß schon schwesterlich und jeweils romantisch mit Gottfried verbunden sind.
Etwas mehr als ein Jahr später (1777) wird dieses zunächst verdeckte Arrangement durch eine weitere Wendung des Schicksals deutlich konkreter. Schwiegervater Johann Carl stirbt nach kurzer, heftiger Krankheit – Molly ist dadurch von ihrer familiären Verpflichtung frei und zieht kurzentschlossen zu Dorette und Gottfried mit ins gemeinschaftliche Haus in Wöllmarshausen – die „Ménage à trois” ist komplett!
Was folgt, ist eine Zeit von vermutlich großer Freude wie auch von gesichert tiefem Leid.
Zuerst sind es die häuslichen Dienstboten, die – bedingt durch das enge Zusammenwohnen im selben Haus – ihre Schlüsse ziehen und zu tuscheln beginnen. Während Gottfried in Göttingen im Kreis seiner literarisch-liberalen „Musenverehrer” noch freimütiger von seinen heimischen Verhältnissen berichten kann – und von seinen Freunden darob halb scherzhaft, halb neidisch mit den Patriarchen der Bibel von Abraham bis König David verglichen wird – schlägt die Stimmung in der provinziell-biederen Gerichtsbarkeit Gleichen, insbesondere in Niedeck und Wöllmarshausen , alsbald in Befremdung um. Vor allem die Frauen bekommen das zu spüren, indem ihnen nach kurzer Zeit unverblümt deutlich gemacht wird, daß bekannt geworden sei „wie sie da wohl mit dem Herrn Bürger in Schande leben würden“ – nicht eben sonderlich heimlich wird hinter ihnen getratscht oder sogar ausgespuckt, Bauersfrauen im Dorfladen wenden sich bei ihrem Kommen ab oder rutschen in der Kirche von ihnen fort – speziell Molly muß die schlimmsten Demütigungen ertragen, wenn von rotgesichtigen Landarbeitern „Kebsweib!“ oder sogar „Metze!“ hinter ihr hergerufen wird.
Als im eisigen Winter 1777 dann auch noch die kleine Antoinette kaum dreijährig an einem Fieber verstirbt, wirkt dies zusätzlich wie eine Manifestation der allseitig bösen Blicke, mit denen sich das Dreiergespann auf Schritt und Tritt nun herumzuschlagen hat.
In einem Zeitalter lebend, welches bisher weder wirksamen Verhütungsmittel kennt noch medizinisch das Überleben von Kleinkindern oder ihren Müttern sicherstellen kann, ist die trauernde Dorette allerdings schon wieder schwanger; im Sommer des nächsten Jahres bringt sie die Tochter Marianne zur Welt (die das damals erstaunliche Alter von 84 Jahren erreichen wird!). Die Geburt von Marianne ist ein kurzer ersehnter Lichtblick, der wenigstens zuhause für ein bisschen heile Welt sorgen kann, derweil auch draußen sich die dunklen Wolken zumindest für den Moment möglicherweise etwas zurückgezogen haben.
Aber während die Geburt von Marianne die Ehe von Dorette und Gottfried für die Außenwelt wieder deutlicher zu legitimieren scheint, schießen sich die Lästerer nun erst recht und umso mehr erneut auf Molly ein, die nach einem weiteren Jahr solcherart sozialen Drucks kapituliert und 1779 in den Haushalt einer älteren Schwester nach Bissendorf bei Hannover (Wedemark) flieht. Erst über ein Jahr später, nach zahlreichen Kutschreisen gen Norden und noch mehr Gesprächen können Gottfried und Dorette sie zur Rückkehr überzeugen: Um den bösen Zungen in Wöllmarshausen und Umgebung wenigstens zeitweise entzogen zu sein, hat Gottfried für die Familie trotz notorisch knapper Kasse ein kleines Domizil im etwas abgelegenen Appenrode angepachtet, in das sich die Familienmitglieder nun zurückziehen können, wenn ein Rückzugsort erwünscht ist.
Dieses Arrangement scheint endlich für die dringend benötigte Seelenruhe und Normalisierung der Verhältnisse zu sorgen, denn einige wenige harmonische Jahre weiß die Chronik über unser Proto-Polykül² nahezu nichts zu berichten (was, historisch gesehen, meist ein gutes Zeichen ist). 1782 ist es dann sogar Molly, welche die kleine, ungewöhnliche Patchworkfamilie mit dem ersten männlichen Nachkommen, Emil, ergänzt. Das sich auf diese Weise endlich manifestierende Glück währt jedoch nur noch zwei weitere Jahre, obwohl sich doch nun alles allmählich einzufinden scheint – es ist 1783 und Dorette erwartet ihr drittes Kind, ein Geschwisterchen für Marianne und den kleinen Emil.
Denn natürlich sind die Stimmen der Missgunst nie wirklich verstummt, zu groß ist das Ziel welches Gottfried Bürger mit seinem unkonventionellen Haushalt bietet. So führen eine kritische Bemerkung hier und ein eifriger Fingerzeig dort dazu, daß die Vorgesetzten von Gottfried, das zuständige Amtskammerpräsidium, schließlich eine Untersuchung „wegen nachlässiger Geschäftsführung“ gegen diesen einleiten; speziell die ewig knappen Finanzen und hohen Ausgaben ihres Bediensteten haben die übergeordneten Stellen mißtrauisch gemacht (kein Wunder mit dem Pachtanwesen in Appenrode sowie regelmäßigen literarischen Tätigkeiten in Göttingen, die beide deutlich über den Rahmen eines braven Justizamtmannes vom Land hinausgehen…).
Doch das Leben schlägt an anderer Stelle noch viel härter zu: Dorettes Geburt im Juli ’84 verläuft voller Komplikationen und schließlich verhängnisvoll. Mutter und Kind (welches den Namen Auguste tragen sollte) versterben im Wochenbett an den erlittenen Strapazen – ein zu damaliger Zeit häufiges Schicksal, welches die Regenbogenwelt mit einem Schlag zerstört. Dorette wurde 28 Jahre alt.
Während Molly und Gottfried vor Kummer um Schwester und Gefährtin kaum mehr ein noch aus wissen, ist dies natürlich erneut Wasser auf die Mühlen der Lästerer. Gottfried wird zwar kurz darauf noch vom Vorwurf des Amtsmißbrauchs freigesprochen – aber die Überlebenden sind spätestens jetzt mit Wöllmarshausen, mit Niedeck, mit Gleichen, mit all den dörflichen Kleingeistern, Verleumdern und Tratschereien endgültig fertig.
Gottfried legt seine angezählte Amtmannsstelle nieder, die trauernde Familie zieht mit Sack und Pack in das im Vergleich mit Wöllmarshausen geradezu kosmopolitisch wirkende Göttingen, welches ohnehin schon seit langem Gottfrieds eigentliche Wirkungsstätte seiner schriftstellerischen Laufbahn ist. Da der Unterhalt der übriggebliebenen Familie sichergestellt werden muß, tritt er dort noch im selben Jahr eine Stelle als Privatdozent an.
Molly und Gottfried sind durch die Ereignisse zutiefst erschüttert – doch in gewisser Weise bietet Göttingen nach außen hin auch die Chance zu einem Neuanfang. Im darauffolgenden Frühjahr wird den beiden klar, daß Molly bereits erneut schwanger ist – und im Juli 1785 heiraten Molly und Gottfried offiziell in einer schönen Zeremonie, die maßgeblich von Gottfrieds Göttinger Freund*innen mitgestaltet wird. Frohgemut macht sich Gottfried nun an einen seiner wichtigsten Beiträge zur deutschen Literatur – die kleine Familie beginnt wieder auf die Füße zu kommen und die mittlerweile sehr schwangere Molly hat genug mit dem wiedererstehenden Hausstand zu tun. Ihr Geburtstermin im August verläuft allerdings ganz und gar nicht leicht, was Gottfried und die geschwächte Molly selbst auf schreckliche Weise an das Schicksal der armen Dorette erinnert. Noch am Wochenbett vereinbaren die beiden, die unter qualvolllen Mühen zur Welt gebrachte Tochter im Andenken an Dorette und ihr verstorbenes Baby ebenfalls „Auguste“ zu nennen – und so geschieht es.
Doch während Auguste entgegen früher gemachter Erfahrungen gedeiht und gänzlich gesund ist, erholt sich die tapfere Molly von der komplizierten Geburt nicht so, wie es den Ärzten gefällt. Das Weihnachtsfest und die Feierlichkeiten zu Neujahr kann sie nur vom Bett aus miterleben, während Gottfried und die Kinder kaum noch von ihrer Seite weichen. Im Januar 1786 befällt sie schließlich ein schweres Fieber, von dem sie sich nicht mehr erholt. Sie stirbt, ohne ihren 28 Geburtstag erlebt zu haben.
Übrig bleiben die drei Kinder Marianne, Emil und Auguste, sowie Gottfried, dem alles verloren scheint. Er kann die Kinder noch in der Familie unterbringen (u.a. im wedemärkischen Bissendorf bei Dorettes und Mollys Schwester), selbst stürzt er in eine tiefe Schaffenskrise, die seinen Fortschritt um drei Jahre ausbremst.
Als er dann 1789 die „Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“ veröffentlicht, ist er schon kaum mehr wiederzuerkennen.
Ein letzter Funke glimmt aber noch in ihm, während in Frankreich mit der Erklärung des Dritten Standes zur Nationalversammlung und kurz darauf dem Sturm auf die Bastille die Französische Revolution vollends hereinbricht – und ihn an die Freiheit erinnert, die ihm so viel bedeutet.
Ein glühender, gedichteter Leserbrief einer Verehrerin aus Stuttgart erreicht ihn – und stürmend und drängend wie anderthalb Jahrzehnte zuvor wirft sich Gottfried in die Kutsche gen Süden. In der Tat findet er die Verehrerin, Elise Hahn, die selbst Schriftstellerin ist – und versteigt sich, ihr einen Heiratsantrag zu machen – um vielleicht doch noch das verspätete Glück letztlich in der etablierten Monogamie zu finden.
Elise sagt „Ja“, das Paar zieht nach Göttingen, heiratet im Oktober 1790 – und schon im nächsten August wird ein gemeinsamer Sohn (Agathon) geboren – Gottfried versucht alles, diesmal doch noch „ein normales Leben“ zu führen.
Dies allerdings mißlingt gründlich. Die zu dem Zeitpunkt 22jährige Elise (die 21 Jahre jünger als Gottfried selbst ist) geht mehrfach fremd, unter anderem mit einem lokalen Adeligen weit über Gottfrieds sozialer Stellung. Als er sie schließlich auch noch beim Sex mit einem seiner eigenen Göttinger Studenten erwischt, ist das Maß voll: Es kommt zu einer schmutzigen, öffentlichkeitswirksam geführten Scheidung, bei der zwar Elise 1792 die Schuld zugesprochen wird – die aber Gottfrieds sinkendem Stern einen letzten, beständigen Stoß versetzt: Denn ausgerechnet einer der ganz großen Stars am damaligen deutschen Literatenhimmel, Friedrich Schiller, der einst Gottfried Bürger verehrte und in Teilen zu Beginn seiner Karriere sogar nachahmte, hat ein Jahr zuvor Gottfrieds literarisches Lebenswerk in einer der wichtigsten Publikationen der zeitgenössischen Literaturszene auf eine Weise verrissen, die sich nun erneut für alle Welt zu bestätigen scheint. Gerade Schiller, der in seiner eigenen Jugend ebenfalls mehrfache Parallelbeziehungen zur holden Weiblichkeit aufweist, schreibt dort u.a. abschätzig, „daß nur ein sittlich integrer Mensch ein guter Dichter sein könne“.
Gottfried ist vernichtet, der Stress zu viel des Ertragbaren. Seine Stimme versagt während einer Vorlesung – und kehrt nicht mehr zurück. Seinen Dozentenposten muß er aufgeben. Verarmt, mit nur einer einmaligen Ersatzzahlung der Universität alimentiert , demontiert, geschlagen, abgezehrt – und vor allem einsam – stirbt er zwei Jahre später, im Juni 1794, im Alter von nur 46 Jahren an Schwindsucht.
Für die Polyamorie, die ihm soviel Glück und soviel Leid bereitete hatte, war es noch 200 Jahre zu früh.
Ein Nachwort und ein Disclaimer, sozusagen:
Als Autor dieses bLogs habe ich mich hier ganz schwerpunktmäßig auf das Beziehungsleben des deutschen Dichters Gottfried August Bürgers konzentriert, der in dem Abschnitt unserer Geschichte lebte, die heute dem „Zeitalter der Aufklärung“ zugerechnet wird.
Ob die Geschehnisse dort in der Tat als eine frühe Vorform von „Polyamorie“ bezeichnet werden können, möchte ich genau genommen den Leser*innen dieser Zeilen überlassen. Persönlich halte ich nichtsdestoweniger Dorette, Molly und Gottfried für unglaublich mutige Menschen, die in einem spannenden Moment europäischer Geschichte, in dem es sowohl um nationale Befreiung wie auch um die Verwirklichung größerer persönlicher Freiheiten ging, einen couragierten, unkonventionellen und non-normativen Weg beschritten hatten.
Aus heutiger Sicht sind sexuelle Beziehungen zu Teenagern (die nach gegenwärtigem Recht schlicht Kinder sind!) abzulehnen (in den meisten Ländern der Welt stehen sie heutzutage unstrittig unter Strafe). Zur damaligen Zeit war das frühe in-Beziehung-Gehen und auch das frühe Heiraten eine gewohnte Gegebenheit, ebenso der häufig relativ große Altersabstand eines älteren Ehemannes zu (s)einer jüngeren Frau. All diese Maßnahmen sollten in der Regel sicherstellen, daß eine noch junge und gesunde Frau unter den bestehenden schlechten medizinischen Umständen in der Lage wäre, hoffentlich den riskanten Moment der Geburt zu vollziehen und somit eine Familie genealogisch zu erhalten. Individualistische Gesichtspunkte wurden diesem Ziel stets untergeordnet. Zusätzlich war die Abhängigkeit europäischer Frauen von einem männlichen „Familienoberhaupt“ in der Gesellschaftsordnung gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahezu 100%.
„Wie“ es also tatsächlich im Bürgerschen Hause zuging, ob die Menschen dort wirklich miteinander glücklich waren – oder ob es sich um ein seltsames Arrangement oder auch nur die Verwirklichung einer „Männerphantasie“ handelte, das kann ich natürlich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Viele lexikalische Werke bezeichnen die Ehe zwischen Gottfried und Dorette als „unglücklich“ – meist aber lediglich darin begründet, „weil“ es Molly gab.
Als oligoamore Person daselbst, der mir heute (nur) geschichtliche Quellen, historische Orte, Briefwechsel, Lebensdaten, Biographien und Texte zur Verfügung stehen, sehe ich dies allerdings durch meine „eigene Brille“, die zu meiner persönlichen Auswertung der damaligen Verhältnisse führte – und ich interpretiere dies anders.
Ich habe noch vor wenigen Wochen in der sg. „Bürgergrotte“ in Niedeck gesessen, in der Gottfried einstmals heimlich seine Molly traf. Daran angebracht ist ein Schild, welches sich voller verdrehter Formulierungen und umständlicher Beschreibung um den Fakt herumwindet, daß dieser Ort an eine Dreierbeziehung erinnert, die schließlich sieben (!) Jahre lang Bestand hatte. Im Jahr 2026 (ok, die Tafel ist schon ein paar Jahre alt) empfand ich das als peinlich – und als diskriminierend.
Und daher gibt es nun auf meinem bLog diesen Eintrag, mit dem ich Gottfried – aber eben vor allem Dorette und Molly ein Ehrenzeichen setzen wollte.
Gottfried August Bürger schenkte der Welt als Literat auf seinem ersten Schaffenshöhepunkt (zu der Zeit, als er Dorette und Molly kennenlernte) die düstere Ballade „Leonore“, die seiner Zeit weit voraus war und mich an spätere Werke Edgar Allan Poes erinnert (der auch davon inspiriert wurde). Bürger war als gebildete Person vieler Sprachen mächtig und präsentierte die erste deutsche Übersetzung z.B. von Shakespeares Tragödie Macbeth.
Sein poetisches und literarisches Werk ist umfassend, ich bitte im Zweifel, dies dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen zu entnehmen.
Am bekanntesten wurde Bürger für die meisten Leser*innen allerdings tatsächlich durch die „Rückholung“ des deutschen Baron Münchhausen-Erzählstoffs, welcher erstmals 1785 durch Rudolf Erich Raspe in England als „Baron Munchausen’s Narrative of his marvellous Travels and Campaigns in Russia“ herausgegeben wurde. Bürger übersetzte und erweiterte den Stoff als „Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“. Dieses Material lag ihm persönlich sehr am Herzen, weil dessen Quelle aus seiner unmittelbaren Heimatumgebung stammte (Bodenwerder in Südniedersachsen). Insbesondere aber, weil diese Initiative zu seinem Gesamtansinnen paßte, „deutsches Erzählgut“ aufzufinden und zu bewahren, womit er hoffte, zu einer deutschen, freiheitlichen Erhebung beizutragen, die, ähnlich wie in Amerika oder Frankreich, zu einer größeren Berechtigung, persönlichen Freiheit und Gleichwürdigkeit seiner Zeitgenoss*innen führen würde [Ziele der Aufklärung und Ziele von Sturm und Drang].
¹ Als Morning Glory Raven-Zell im Mai 1990 in der 23. Ausgabe des Green-Egg-Magazins ihren Text „A Bouquet of Lovers “, in dem sie zum ersten mal in der Neuzeit das Wort „polyamor” verwendete, veröffentlichte, stellte sie diesem das Gedicht „Triad” von David Crosby voran. Ich habe es hier für Euch übersetzt:
Ihr möchtet wissen, wie es sein wird,
Ich und sie oder du und ich.
Ihr beide sitzt dort, euer langes Haar weht im Wind,
Mit lebhaften Augen versucht ihr noch alles erst zu erfassen,
Während ihr zu mir sagt: Was können wir tun,
Jetzt, wo wir beide dich lieben?
Ich liebe euch auch. Ich seh’ nicht wirklich ein,
Warum wir nicht zu dritt weitermachen können?
² „Polykül” ist ein humorvolles Kofferwort aus den Begriffen „Polyamorie” und „Molekül “. Weil manche polyamoren Beziehungskonstellationen, wenn man sie zweidimensional zur besseren Veranschaulichung aufmalt, gelegentlich wie ein Molekül mit seinen Mehrfach-Verbindungen zu verschiedenen atomaren Einzelbestandteilen auszusehen beginnt, hat sich dieses Wort als augenzwingernde Bezeichnung für Mehrfachbeziehungsnetzwerke etabliert.
In Dorettes, Mollys und Gottfrieds Fall schrieb ich „Proto”-Polykül, also „Vor-Polykül”, weil es zu ihrer Zeit weder das Konzept noch den Begriff gab.
Und danke diesmal an Maria Anna von Österreich, welche das Aquarell malte, das diesen Eintrag ziert. Es stellt natürlich nicht den Haushalt von Gottfried, Dorette und Molly mit ihren Kindern dar, sondern zeigt die Familie Maria Theresias am Nikolausabend (1762). Ich habe es verwendet, um dennoch zu zeigen, wie die Menschen der damaligen Zeit in etwas aussahen und wohnten. Das Gemälde ist gemeinfrei und wird freundlicherweise von der Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft zur Verfügung gestellt.










