Theorie ist schön, aber Praxis ist anders ¹

Nicht zum ersten Mal erhebt sich eine genuin queere Stimme mit einer Buchrezension auf meinem bLog. Und nicht zum ersten Mal nimmt Yaniv Barinberg in meinem „virtuellen Wohnzimmer“ auf dem entlegenen Eiland der Oligoamory Platz.
Dieses Mal aber möchte ich seiner queeren Perspektive und ihm selbst noch ein wenig mehr Raum geben – und über sein Buch „Mehr ist mehr – Meine Erfahrungen mit Polyamorie“ ² schreiben.
In meinem letzten Eintrag äußerte ich den kühnen Satz, „daß der polyamore Buchmarkt in Deutschland allmählich breiter aufgestellt“ wäre. Ja – und nein: Denn Bücher, die sich wirklich explizit mit der Lebensweise und Beziehungsphilosophie der „Polyamorie“ beschäftigen (und nicht nur mit übergeordneteren Kategorien wie z.B. „ethische Nicht-Monogamie [ENM]“ oder „offene Beziehung“), sind nach wie vor nicht sonderlich häufig zu finden.
Das muß sich vermutlich auch Yaniv gedacht haben, als er am Ende seines bLogger-Daseins 2019 seine gesammelten bLog-Einträge in Buchform brachte – denn es ist sicherlich so, daß „das Netz niemals vergißt“ – gleichzeitig bleibt die bibliophile Wahrheit „wer schreibt, der bleibt“ bestehen, wenn nämlich ansonsten eine nicht mehr aktiv gepflegte Webseite alsbald unter den sich schnell überlagernden Sedimenten eines weiterhin rasant wachsenden WWW versanden würde.
In dem Sinne ist es zwar auch heute noch möglich, über die Internet Archive der Wayback-Machine z.B., Yanivs bLogseiten zu finden, ich bin allerdings im Sinne der Zugänglichkeit äußerst dankbar, daß er seine Erfahrungen für uns alle schließlich doch als Buch veröffentlicht hat.
Zudem hat sein Buch, oder besser: sein vorhergehender bLog, viel mit mit meinem eigenen polyamoren Werdegang zu tun – und da ich meinen Rezensionsreigen im letzten Eintrag mit einem nur auf englisch erschienenen Werk begonnen habe, lasse ich hier die Herausforderung für meine angloamerikanischen Follower mit einem (bislang) rein deutschsprachigen Buch folgen [die meisten Webseiten von Yaniv sind aber – ebenso wie mein bLog zweisprachig; wer suchen kann, der finde!].
Yaniv möge mir verzeihen, wenn ich auf meinem bLog zum zweiten Mal seinen Deadname verwende – ich habe ihn aber eben noch als „Inna“ im Jahr 2018 mit seinem „Polyplom“-bLog („Von der täglichen Kunst, polyamore Beziehungen zu führen“) kennen- und schätzen gelernt. So sehr, daß ich einen damaligen Artikel von ihm vor einiger Zeit als ersten Gastbeitrag auf meinem eigenen bLog gepostet habe (Danke Yaniv, für deine Erlaubnis und deinen Zuspruch!).
Als ich mich 2018 erstmals mit Yanivs bLog, der zwei Jahre vor meinem eigenen an den Start ging, beschäftigte, war ich gerade zum ersten Mal Moderator der größten deutschsprachigen Facebook-Gruppe zum Thema Polyamorie und Polyfidelity geworden. Deutschsprachiges Material zum Thema war immer noch rar, bLogs oder gar vLogs waren Mangelware. Ich war fasziniert von ihrem*seinem freimütigen Schreibstil, den zahlreichen nachdenklichen Tönen – aber auch dem unermüdlichen Standpunkt-Beziehen, welches mir in den Beiträgen begegnete.
Beim Lesen damals erging es mir allerdings wie noch heute, wenn ich eine amerikanische Fernsehserie binge: Ok, da spielen eben irgendwelche Personen unterschiedlicher Hautfarbe eine Rolle und interagieren dem Handlungsskript gemäß…
Daß eine PoC oder z.B. ein*e Bewohner*in der USA diese Serien möglicherweise mit ganz anderen Augen sehen würde – den farbigen Chefarzt, die asiatische Hubschrauberpilotin, das philippinische Dancefloor-Wunder – das übersehe ich als gewohnt pluralistisch-liberaler und kosmopolitisch aufgeschlossener Mensch aus Deutschland eigentlich immer.
Denn zu oft sind diese Charakterrollen ja immer noch eine Art (beabsichtigte) „utopische Avantgarde“, die medial eine Gleichberechtigung und Gleichwürdigkeit schrankenlos interagierender Menschenkinder in einer egalitären Bildschirmwelt zeigen, die es leider so bis jetzt längst nicht überall gibt.
Aber so (naiv) unvoreingenommen habe ich auch Yanivs bLog zunächst einmal gelesen: sein biografisches „Über mich“ hatte ich lediglich überflogen; mir war egal, ob er jüdischen Migrationshintergrund hatte, daß er queer war, wen er liebte, daß er mit depressiven Phasen zurechtkommen musste – und während der Zeit seines bLoggens außerdem wichtige Teile seiner Transition durchlief.
Ich las seinen bLog in der Hauptsache als selber polyamore Person, die (endlich) einen Gleichgesinnten trifft, der schon einige Schritte auf seinem eigene Weg voraus ist – und in dieser Weise für mich in einigen Punkten richtungsweisend und bestärkend auf meine eigene Auffassung von ethischer Nicht-Monogamie Einfluss nahm.
(Wer z.B. meinem Oligoamory-bLog bereits länger folgt, kann in einigen frühen Einträgen gut erkennen, wie Yanivs Beitrag „Das ist meine Freiheit und ich darf das… Oder?“ meine Auffassung von oligoamorer Verantwortung und Integrität geprägt hat – speziell da in der Tat 2018/19 in vielen Polyamorie-Foren äußerst streitbar über die „Freiheit der Liebe“ disputiert wurde – bei der immer wieder eine Vorfahrt-Berechtigung des Individuums gegenüber bestehenden Partner*innenschaften eingefordert wurde).
Was ich als hetero–cis–vanilla–männliche Normperson aber nicht wirklich wahrnahm – und darum erwähnte ich oben die für mich so scheinbar harmlos daherkommenden Fernsehserien – war, daß Yaniv in seinem Alltag nichtsdestoweniger die ganze Zeit die Auswirkungen intersektionaler Diskriminierung (= Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person) vor Augen hatte – und daß dies dadurch natürlich in seinem Blick auf die Welt enthalten war.
Und mit diesen Eingangsbemerkungen komme ich nun endlich zu der Rezension seines Buches – denn insbesondere letzterer Umstand macht für mich die besondere Qualität von „Mehr ist mehr“ aus.
Und erst in seinem Buch, welches ich viel konsequenter und nicht so ausschnitthaft wie seine monatlich erscheinenden bLog-Beiträge las, trat Yaniv für mich als der facettenreiche Mensch, der er ist, dann wirklich hervor.
Warum, meine ich, ist „Mehr ist mehr“ lesenswert?
Habe ich in meinem letzten Eintrag einen Polyamorie-Ratgeber von 480 Seiten Länge beschrieben, scheint „Mehr ist mehr“ mit gerade einmal 140 Seiten geradezu ein „Easy-Reader“ zu sein. Ganz im Gegensatz zu „More than Two“ ist hier aber kein Ratgeber oder gar ein „Fachbuch“ zu erwarten, bzw. wie Yaniv selbst schrieb: »Ich habe leider nicht die Weisheit nicht mit dem Löffel gegessen und würde mich auch nicht als Expert*in für polyamore Beziehungen bezeichnen. Aus diesem Grund findet ihr keine ‘Ich weiß alles besser und möchte euch eines besseren belehren’ Beiträge hier.«
Daher würde ich persönlich auch sagen, daß „Mehr ist mehr“ nicht wirklich ein „Einsteiger*innenbuch“ ist. Das Buch setzt voraus, daß eine Leser*in weiß, was ethische Nicht-Monogamie ist – und auch, daß es hier speziell um Polyamorie gehen wird, also „eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person mehrere Partner liebt und zu jedem einzelnen eine Liebesbeziehung pflegt, wobei diese Tatsache allen Beteiligten bekannt ist und einvernehmlich gelebt wird“ (Wikipedia).
Diese Art Einordnung ist aber auch nicht der Aspekt, aus dem heraus Yaniv mit seinen 31 kurzen Kapiteln (+ Vorwort und Endnotes) hervortritt. Sein Klappentext verheißt vielmehr „Wie navigiere ich neue Beziehungsenergie? Was tue ich, wenn Absprachen gebrochen werden? Wie kann ich meine Eifersucht befreunden? Und wie macht man das eigentlich mit dem Kinderkriegen?“
Und ja, all diese Themen sind Inhalt dieses kleinen Buches – entstanden aus der Lebenswirklichkeit heraus – für andere, die sich vielleicht in ähnlichen Situationen wiederfinden!
Yaniv schreibt darin über die Übernahme von Verantwortung, über das Öffnen (s)einer Beziehung, über graduelle Unterschiede zwischen Freund*innenschaft und romantischer Beziehung, über den Sinn von Grenzen, über die Notwendigkeit von Definitionen, über die Diktatur des Smartphones, von Sex mit neuen Menschen, von Kinderplänen und über psychische Gesundheit.
Das Faszinosum: Yaniv setzt den Untertitel seines Buches „Meine Erfahrungen mit Polyamorie“ konsequent um – er schreibt nicht vor, er will keine Standards zementieren.
Es gelingt ihm aber, durch die Einnahme unterschiedlicher Standpunkte, jedes Mal ein sehr differenziertes Lagebild zu entwerfen, insbesondere, wenn er seine eigenes inneres Empfinden dazu darlegt.
Wer darum auf ein Buch hofft „So gelingt Deine Polyamorie garantiert“, wäre hier nicht an der richtigen Adresse. Yanivs Stärke sind vielmehr seine zahlreichen Fragen – insbesondere das Hinterfragen seiner selbst sowie seiner eigenen Motive und Motivationen.
In dieser Weise tritt nach und nach eine reflektierte wie auch verletzliche Persönlichkeit hervor, die es wagt, den Leser*innen auch ihre Nicht-Entschiedenheit und gelegentliche Widersprüchlichkeit zu offenbaren.
An den stärksten Stellen des Buches folgt man Yaniv direkt in seine persönlichen Beziehungen hinein, nimmt quasi Teil an seinem inneren Monolog, der Ambivalenz, Zweifel und Selbstunsicherheit zuläßt.
Wenn Yaniv ungefähr in der Mitte des Buchs beschreibt: »Je näher ich jemandem komme, umso näher komme ich mir selbst«, dann ist dies für mich gewissermaßen die Synthese meiner eigenen Oligoamory, deren wichtigster Wert ja die Selbsterkenntnis ist – welche für mich selber seit jeher das größte Abenteuer ethischer Nicht-Monogamie darstellt. Auch Yaniv drückt seine Erfahrungen an vielen Stellen als eine Art „Reise nach Innen“ oder psychischen Prozess aus – und um wieviel mehr wird dies für ihn als queere Person mehrerer intersektionaler Aspekte gelten…
Während man das Buch liest, lernt man indirekt immer mehr auch die „private“ Seite des Autors und die ihn umgebenden Nahbeziehungen kennen. In dieser Hinsicht ist „Mehr ist mehr“ beinahe wie eine der von mir erwähnten Fernsehserien, in der einem die (Haupt)Charaktere, je mehr man über sie erfährt, stärker ans Herz wachsen – eben weil man sie mit der Zeit auch als menschlich und fehlbar kennenlernt – und sich in diesen Eigenschaften mit ihnen identifizieren kann. So ist es schließlich ein wenig, als dürfe man für einige Zeit zu Gast im Kopf des Autors sein, vielleicht – um beim Bild der Fernsehserie zu bleiben – wie in dem von dem (Anti)Helden J.D. (dargestellt von Zach Braff) aus der Krankenhausserie „Scrubs“ – der ebenfalls die Zuschauer darin an seinen Gedanken, Ängsten und Tagträumen teilhaben läßt.
Für mich war es u.a. sehr berührend, über einige Kapitel den Kinderwunsch von Yanivs Polykül mitzuverfolgen; ein Thema, welches nicht alle – aber sicherlich immer wieder manche – Mehrfachbeziehungen betreffen wird – und welchem in der Bundesrepublik rechtlich wie lebenspraktisch nach wie vor Hürden und Grenzen gesetzt sind.
Yaniv wahrt dabei konsequent die Identität seiner Liebsten – bezieht ihre Seiten aber mit Respekt und Würde in das Gesamtbild ein.
Nicht zuletzt seine äußerst selbstehrlichen Gedanken zum Einfluß seiner Depression auf manche Wahrnehmungen haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.
Am Ende des Buches erging es mir dann auch tatsächlich wie einem Zuschauer, der feststellt daß seine Lieblingsserie mit der zweiten Staffel vorzeitig endet. „Was…, was?“, dachte ich, „was wird jetzt aus den vielen losen Enden – wie ist die Geschichte weitergegangen?“
Gleichzeitig war es möglicherweise ein beabsichtigter Kunstgriff des Autors, zum Schluß die Leser*innen wieder zurück in ihr eigenes (Liebes)Leben zu entlassen, mit der eigenen Verantwortung, die sie dort erwartet. Eben genau eingedenk dessen, daß das wirkliche Leben selten ein finales „Happy End“ bereithält, keinen Tusch, keine Sherlock-Holmes-artige Auflösung aller Rätsel, keinen kitschigen Sonnenuntergang im CinemaScope-Format. Sondern eher etwas, das mit den unaufdringlichen Worten von Yaniv Barinberg so klingt:
»Ich schließe nicht von mir auf andere, denn ich bin ich und ihr seid ihr, deswegen kann ich niemandem sagen, ob das Warten sich lohnen wird und mit der Zeit auch schöne Dinge daraus erwachsen. Was ich jedoch sagen kann: Dass ich den Versuch, genau das herauszufinden, sehr wertvoll finde, denn wenn ihr euch auf den Versuch einlassen wollt, wisst ihr immerhin, was euch in Beziehungen wichtig ist, und habt eine Menge über euch gelernt.«
¹ Als Überschrift habe ich mir hier einen Satz, genau genommen eine Absatzüberschrift, aus Yanivs Buch gemopst – aus seinem 5. Kapitel „Beziehungen öffnen – wo fange ich an?“
² „Mehr ist Mehr – Meine Erfahrungen mit Polyamorie“, von Yaniv Barinberg, edition assemblage 2020; Paperback (Naturkarton Cover), 144 Seiten, 140 x 205mm, ISBN 978-3-96042-089-7 / 2-973, 18,00 Euro, aktuelle Auflage 26.02.2024, mit Illustrationen von Carina Büker
In meinem eigenen Eintrag zum Thema „Queer“ stelle ich fest, daß ich mit meiner polyamoren Queerness auf den Schultern von LGBTQI+Gigant*innen stehe, die mir und meiner Lebensweise buchstäblich den Weg bereiteten.
Menschen wie Yaniv sind für mich Leuchtfeuer, die mit ihrem Dasein und ihrem Aktivismus SO VIEL bewegen. Dies gilt nach wie vor auch für Yaniv, der es nicht nur beim bLoggen und Bücherschreiben belassen hat, sondern mit Gleichgesinnten in Berlin den queer-feministischen, sex-positiven, umweltfreundlichen und veganen, alternativen Sex Laden „Other Nature„ gegründet hat.
Des weiteren bietet er auf seiner eigenen Webpräsenz https://yaniv-barinberg.com/ diskriminierungssensible (auch queere und polyamore Konstellationen) Beziehungsberatungen vor Ort in Berlin und Online an.










