Eintrag 22

Wüste(n)zeit

Es gibt ja so Momente im Leben, da scheint es einfach nicht vorwärts zu gehen. Stillstand. Das nervt – insbesondere, wenn es Seiten betrifft, die einem eigentlich wichtig sind. Aufbruchsstimmung, Kreativität, Progressivität, ergriffene Eigeninitiative, freudige Erwartung – und plötzlich ist es, als ob man ein Auto ohne Getriebe wäre: Der Motor läuft zwar noch mit hohen Touren, doch nichts bewegt sich irgendwie. Schlimmer: Der Motor macht auch Krach und verbraucht Energie – aber es geht trotzdem nicht vom Fleck.
Das ist frustrierend – und „Frustration“ bedeutet ja laut Brockhaus-Definition (19. Aufl. 1989) „Erlebnis der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Benachteiligung oder Versagung, das sich als gefühlsmäßige Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung (Enttäuschung), z.B. infolge des Scheiterns eines persönlichen Plans oder der teilweise oder gänzlich ausbleibenden Befriedigung primärer und sekundärer Bedürfnisse einstellt. Frustration kann einerseits zu konstruktiver Verhaltensänderung führen, löst aber häufig regressive, aggressive oder depressive Verhaltensmuster aus.“

Bevor es jetzt sofort zu theoretisch wird, erst mal lieber ein persönliches Beispiel:
Vor drei Jahren in eine ländliche Gegend umgezogen und optimistisch gehofft, daß sich das mit dem Mehrfachbeziehungsleben doch schon weiter darstellen würde. Mit dem Internet ist Mensch ja überall mit der ganzen Welt verbunden…
2018 dann allerdings, nachdem die Nonmonogamie-freundliche Datingplattform OkCupid ihre Suchheuristik verändert hatte, mein dortiges Profil gelöscht. Trotzdem weiter das eigene Licht im Netz bei Facebook und JoyClub* leuchten lasse. Zu meinen Erfahrungen mit diesen beiden Angeboten könnte ich hier eine ausführliche Geschichte schreiben – aber ich belasse es mal bei letztem Monat. Da habe ich dann den Joy-Account auf den Tag genau nach zwei insgesamt glücklosen Jahren aufgelöst. Und vor drei Wochen bin ich auch noch aus dem letzten polyamoren Facebook-Forum ausgestiegen (Im wiederkehrenden Wochentakt Fragen – und vor allem die nachfolgenden antioligoamoren Debatten – der Kategorien „Und wiiiie macht ihr das mit euren Kiiiindern…?“ oder „Und waaaann muß man denn dem neuen Date erzählen, daß man noch eine andere Beziehung führt…?“ können über Jahre auch den härtesten Keks kleinkriegen…).
Der noch am ehesten in der Nähe befindliche Polystammtisch ist einmal im Monat in der nächsten größeren Metropole 50 Auto-km entfernt – und überhaupt: Das ist ja kein Kontakthof, wo ständig neue tolle Partnermenschen hereinströmen…
Also wieder Poly-Single. Ja. Nein, Blödsinn – gut, ich lebe ja in einer Beziehung… – aber auch als „Duo“ ist Mensch eben noch kein Polykül, auf jeden Fall keine Mehrfachbeziehung, ach, was weiß denn ich, ich hoffe einfach, Ihr versteht, was ich meine.
Und nun schweigt auch noch das Mobiltelefon, der Mail-Posteingang bleibt leer und der Datenstrom der täglichen Dutzende dieser „XYZ hat einen Beitrag gepostet“-Meldungen ist (endlich?!) versiegt…
So.

Und jetzt?
Jetzt kommt der Moment, sich mit der oben erwähnten gefühlsmäßigen Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung auseinanderzusetzen.
Und das ist bei mir nicht so großartig, da ich statt der ebenfalls oben erwähnten Chance zur „konstruktiven Verhaltensänderung“ dann eher zu den ebenfalls aufgeführten „regressiven und depressiven Verhaltensmustern“ neige.
Na toll.
Frustration, in Unterdeckung verbleibende Bedürfnisse (Austausch, Freundschaft, Gemeinschaftlichkeit, Intimität, Kontakt, Verbindung, Zugehörigkeit – um da mal nur ein paar zu nennen…) – und oben drauf dann auch noch Depression.
Farblos, freu(n)dlos, antriebslos, aussichtslos, leblos.

Depressionen – und mit Depressionen kenne ich mich ein bißchen aus, da sie mich auch außerhalb von Dimensionen potentieller Mehrfachbeziehungen bereits mein Leben lang mal mehr, mal weniger, verschiedentlich geplagt haben – haben aus meiner Sicht vor allem die mehr als lästige Eigenschaft, daß sie so „klebrig“ sind. Der Ostwestfale in mir würde spontan sagen „daß sie so an einem backen“ – und das empfinde ich als gerade das richtige Bild: Es ist von der Hartnäckigkeit, als hätte man einen Hefeteig auf einem nicht gefetteten Blech gemacht – und nun „klebt“ die Sache an einem wie ein sedimentartiges Konglormerat. Mit einer so zähen und porentiefen Anhaftung, daß Mensch an manchen Tagen schon nicht mehr auseinanderhalten kann „Wo höre ich noch auf und wo beginnt ‚Es‘ schon?“. Darum fühle ich sehr mit jenen Leuten mit, die sich an manchen Tagen geradezu mit ihrem „schwarzen Hund“ identifizieren, für die dann alles mit Dunkel übergossen scheint oder, wie nur Rainer Maria Rilke es noch besser ausdrücken konnte, denen ist „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“¹.

Das besonders Scheußliche an so einer Lage ist, daß wir, die wir heute in einer derart leistungsorientierten Welt leben, dann schnell überzeugt sind, daß depressive Zustände und Menschen, die sich darin befinden, sowohl volkswirtschaftlich als auch sonst recht wert- und nutzlos sind. In westlichen Industrienationen ist diese Ansicht so weit verbreitet, daß sich sogar die Betroffenen selbst schon derart beurteilen – was ihren Zustand meist zusätzlich noch verschlimmert und sehr oft darum chronifiziert. „Volkskrankheit“ heißt es dann schnell. Da kann man wenig machen.

Ja, bei so einem fest eingefahrenen Glaubenssatz, bei so einer Be-Urteilung – da würde ich auch sagen: Da kann man wenig machen.

Was aber, wenn diese Be-Urteilung nicht zutreffend wäre?
Was, wenn Depression einen „Nutzen“ – oder meinethalben sanfter „eine wichtige Funktion“ hätte, die sogar für das Führen von verbindlich-nachhaltigen (Mehrfach)Beziehungen von grundsätzlicher Bedeutung sein könnte?
Der von mir schon häufiger zitierte amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Scott Peck nennt den langen dunklen Fünfuhrtee der Seele² „Die Arbeit der Depression“.
Allein diese Beschreibung zeigt, daß er, ebenso wie ich eingangs, verdeutlichen möchte, daß Depression keineswegs unweigerlich mit „Stillstand“ gleichzusetzen ist. Denn der Motor läuft ja durchaus, auch wenn es gerade „nicht von der Stelle zu gehen“ scheint.
Trotzdem ist Scott Peck seinerseits ebenfalls völlig klar darin, daß „Depression“ auf jeden Fall zu den grenzwertigen Zuständen des menschlichen Lebens zählt. Und um dies zu verdeutlichen, greift er dahingehend auf die Erkenntnisse der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross zurück, die in ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden“ (Original „On Death and Dying “ , 1969) die Depression als eine der fünf Phasen des Sterbeweges eines Menschen identifiziert hatte: 1) Leugnung, 2) Zorn, 3) Verhandeln, 4) Depression und schließlich eventuell 5) Akzeptanz.
Scott Peck selbst schreibt zur Veranschaulichung dazu:
»Sagen wir zum Beispiel, da ist ein Makel in meiner Persönlichkeit, und meine Freunde beginnen mich deswegen zu kritisieren.
Meine erste Reaktion ist, dass ich es abstreite: Sie ist diesen Morgen wohl mit dem linken Bein aufgestanden, denke ich, oder: Er ist gerade ärgerlich über seine Frau. So sage ich mir selbst, dass ihre Kritik wirklich nichts mit mir zu tun hat.
Aber wenn meine Freunde sie aufrecht erhalten, dann werde ich ärgerlich über sie. Was gibt ihnen das Recht, ihre Nase in meine Angelegenheiten zu stecken? Sie wissen nicht, wie es ist, in meinen Schuhen zu stecken. „Warum lassen sie ihre Nase nicht in ihren eigenen Angelegenheiten?“, denke ich oder sage es ihnen sogar.
Wenn sie mich genügend lieben, um auf der Kritik zu bestehen, dann verhandle ich: Ich habe ihnen in letzter Zeit wirklich nicht genügend auf die Schulter geklopft und gesagt, wie gut sie alles machen. Und ich gehe herum, lächle meine Freunde an und bin guter Laune und hoffe, dass sie das zum Schweigen bringt.
Wenn das nicht klappt – wenn sie immer noch darauf bestehen, mich zu kritisieren – , beginne ich schließlich die Möglichkeit zu bedenken: Vielleicht ist wirklich etwas nicht in Ordnung. Und das ist deprimierend.
«³

Daß selbstverständlich niemand so einen Prozeß durch ein einfaches Zauberstabschwingen bewältigen kann, da stimmen sowohl Scott Peck als auch Elisabeth Kübler-Ross überein. Beide halten demzufolge fest, daß die meisten Menschen darum entweder verneinend oder zornig oder feilschend oder niedergeschlagen sterben – oder eben weiterleben.

Um das Stadium „Akzeptanz“ zu erreichen, sind nämlich die vorherigen Stadien unumgänglich, inklusive des vollständig in Kauf genommenen Stadiums „Depression“, über die Scott Peck auf sein Beispiel bezogen sagt:
»Wenn ich mich mit diesen deprimierenden Gedanken befasse, sie reflektiere, analysiere, mit ihnen umgehe, kann ich nicht nur den Makel in meiner Persönlichkeit erkennen, sondern ihn auch benennen, erklären und schließlich mich von ihm leer machen. Und sollte ich Erfolg haben mit dieser Anstrengung, einen Teil von mir sterben zu lassen, werde ich am Ende meiner Depression als ein neuer und in gewissem Sinne auferstandener Mensch auftauchen.«³

Gemäß Scott Peck ist die „Arbeit der Depression“ also das folgerichtige (und notwendige) „letzte Stadium“ eines inneren, psychischen Sterbeprozesses, der immer, wenn wir eine bedeutende Wandlung oder einen Schritt in unserem seelischen Wachstum vollziehen, genau dieselben Stadien in derselben Reihenfolge durchmacht.

Warum glauben Scott Peck und ich, als Autor dieses bLogs, daß diese „Innere Arbeit“ einen Beitrag zu unserer Beziehungsfähigkeit leisten kann?
Weil durch die „Arbeit der Depression“ die Chance zu der Bereitschaft sich aufzugeben bzw. sich zu überlassen entsteht.
Und dieses „sich-überlassen“ ist eine wichtige Voraussetzung für die von Scott Peck so geschätzte „Leere“ eines Gemeinschafts- oder Beziehungsbildungsprozesses (bereits kurz von mir in Eintrag 8 skizziert).
Er gibt allerdings auch zu, daß die meisten von uns heutzutage mit der „Leere“, also einem guten Maß an „Nicht-Gewissheit“ Schwierigkeiten haben, da heute „Wissen“ buchstäblich mit „Macht (über)“ gleichgesetzt wird – und selbst in spirituellen oder philosophischen Kreisen zumindest das Wissen über sich selbst als höchstes Ziel menschlicher Erfahrung gilt (bei Letzterem muß ich mir auch regelmäßig selbst an die eigene Nase fassen…).

Hinsichtlich der Oligoamory habe ich schon mehrfach geschrieben, daß ich das Potential einer idealen oligoamoren (Mehrfach)Beziehung darin sehe, daß sie „mehr als die Summe ihrer Teile“ sein kann. Dazu wäre es wichtig, daß sich die an einer solchen Beziehung beteiligten Menschen immer wieder bemühen – um die Beziehung lebendig zu halten – diese als eigenen Organismus jenseits ihrer jeweiligen Identitäten (d.h. der einzelnen Beteiligten) zu verstehen.
Genau dafür braucht es diese Leere, ich könnte auch schreiben „dafür braucht es Raum“.

Wenn wir noch einmal auf die Ebene der Beziehungsbildung zurückgehen, dann beschreibt Scott Peck, daß dem Stadium der „Leere“ regelmäßig die „Chaosphase“ vorgeschaltet ist: Die Phase, in der wir an den Anderen herumverbessern wollen, an denen wir gerne unsere eigenen Standpunkte durchsetzen würden. Exakt die Phase, in der geleugnet, gewütet und verhandelt wird. Auch hier paßt das Bild des Autos: Laut heult der Motor – doch die Insassen streiten sich noch alle um den Platz auf dem Fahrersitz und würden gerne die Richtung angeben; doch weil das Steuer mal in diese und mal in jene Richtung gezerrt wird, gibt es eigentlich keinerlei messbare Vorwärtsbewegung.

Wenn demgemäß die Phase der „Leere“ nun der „Arbeit der Depression“ entspricht, dann ist dies ja gewissermaßen die nicht immer angenehme Erkenntnis, daß wir etwas (von uns) aufgeben, „sterben lassen“, müssen, um etwas Besseres zu gewinnen, indem wir „Raum“ dafür schaffen. Mögliches Wachsen erfordert also offenbar, daß wir durch dieses „Tief“ hindurchgehen.

Wenn wir „Platz schaffen“ sollten in unserem bisher angesammelten Wissen, dann heißt das ja, daß wir „dank“ dieses Wissens uns gewissermaßen selber die Sicht nach und nach gleichzeitig auch mit „Besser-Wissen“, Annahmen, Vorurteilen und Diagnosen verstellt haben. So ein bisschen wie ein liebgewonnenes Zimmer, welches wir nach und nach immer mehr eingerichtet haben (oder wo auch Personen unserer Vergangenheit und Gegenwart Dinge darin abgestellt haben) – bis es geradewegs bis zur Unübersichtlichkeit „zugewachsen“ ist. Das Problem liegt auf der Hand: Irgendwann ist darin kein Platz mehr für etwas „Anderes“.
Was ist nun dieses „Andere “? Es ist das Außer-Gewöhnliche, das Un-Erwartete, das Neue.
Was für uns, die in Dimensionen von Mehrfachbeziehungen denken, direkt bedeutet: Das „Andere“, daß können eben auch Menschen sein. Und wenn wir unser Herz und unser Hirn nicht gelegentlich leer machen, dann haben wir Schwierigkeiten, Menschen an uns heranzulassen, ihnen wahrhaftig zuzuhören oder gar uns anzuvertrauen, uns zu überlassen.
Der „Nutzen“ der Leere ist für uns als Beziehungsmenschen also immer mindestens zweifach: Zum einen hinsichtlich neuer, bislang fremder Menschen und zum anderen für unsere Liebsten, die bereits an unserer Seite sind.

Was uns in Phasen von Depression und scheinbarem Stillstand noch zuversichtlicher machen kann, wenn wir es wagen, uns der „Leere“ wirklich hinzugeben, ist das auf unsere Psyche übertragene Phänomen, welches als „horror vacui“ bekannt ist. „Leere“ ist ja als „Nichtzustand“ gewissermaßen kein Selbstzweck, sogar wenn wir sie, z.B. mit Hilfe von Meditation, aktiv herbeiführen können.
Die Leere selber entfaltet nämlich in jedem Fall eine Anziehungskraft, die nicht unserer bisherigen Kontrolle unterworfen ist: Und damit besteht immer die Chance auf das Un-Vorhergesehene, das Un-Erwartete und das Neue.

Wenn wir uns also in unserer Frustration und Depression manchmal buchstäblich als „Opfer“ erleben, wenn wir Angst empfinden, weil wir den bekanntes Boden unter unseren Füßen verloren haben, wenn wir uns geradezu „verlassen“ vorkommen, sollten wir unsere Bereitschaft zur „Un-Gewissheit“ und „Ent-Fremdung“ nachspüren.
Jenseits von Garantien und Sicherheitsdenken könnte dann „das Neue“ einziehen – von dem wir noch nicht wissen, wer oder was es sein wird.

Und wenn die Aphoristikerin Sophie Manleitner Recht hat: „Jemanden zu lieben, der Depressionen hat, ist wie London – es ist die tollste Stadt der Welt, aber es regnet jeden Tag…“, dann mag ich meinen Regen ab heute jedenfalls ein bißchen mehr.



* JoyClub.de ist eine deutsche Kennenlernplattform – hauptsächlich für Erotikkontakte – die aber darum auch über ein großes nonmonogames Forum verfügt.

¹ Diese Zeile ist dem berühmten Rilke-Gedicht “Der Panther” entnommen.

² Ja, richtig: Dies ist der Titel des Kriminalromans von Douglas Adams (1988), in dem er auf die Depressionen unsterblicher Wesen angesichts der Ewigkeit anspielt.

³ Achtung: Dies ist ein beliebig gewähltes Beispiel! Scott Peck wollte nicht unterstellen, daß alle depressiven Personen Persönlichkeitsmakel hätten! Bitte setzt an dieser Stelle im Zweifel eure eigenen Problemstellungen ein.

Danke an Andy Dutton auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 21

Vielgestalte Innenwelt

Um manche Themen kann man sich in Mehrfachbeziehungen unmöglich herumdrücken.
Eines davon betrifft das eigene Selbstverständnis und die eigene(n) Rollenzuschreibung(en).
Fremdzuschreibungen – gut – die gibt es auch außerhalb von Mehrfachbeziehungen reichlich: Wir müssen nur das Fernsehprogramm, ein Magazin, das Internet oder unsere Familie befragen – da werden wir genügend Antworten erhalten, wie wir für unser Außen „sein sollten“.
Dennoch ist es in der Welt der Mono- bzw. Di-Amory¹ einfacher, das eigene Innere – und damit unsere verborgenen Auffassungen von uns selbst – als ein privates kleines Königreich zu verwalten und eventuell nicht einmal Lebenspartner dort hineinzulassen.
Warum glaube ich, daß dies in Mehrfachbeziehungen in dieser Weise schwer möglich ist?

Ich bin der Meinung, daß einige der Werte, die hinter allen Formen ethischer Nicht-Monogamie (wie eben z.B. Poly- und Oligoamory) stehen, dies, wenn ein Mensch sich erst einmal wirklich gedanklich mit den Konsequenzen echter Mehrfachbeziehung auseinandersetzt, quasi ausschließen.
Diese „Werte“ sind ja keine Einbahnstraßen: Wir wünschen ja nicht nur, daß unsere Partner*innen diese (hoffentlich) anerkennen, sondern wir wählen für uns freiwillig den gleichen Kanon an größtmöglicher Integrität, um das Ganze mit Leben zu erfüllen.
Insbesondere die von mir in Eintrag 3 erwähnten Werte Transparenz, Aufrichtigkeit und Identifikation werden auf diese Weise also eine gewisse „Wechselwirkung“ auf uns ausüben, der wir uns kaum entziehen können.
Und während wir in einer reinen Zweierbeziehung eventuell noch mehrere Jahrzehnte eine halbwegs brauchbare Bindung aufrechterhalten können, indem wir darauf hoffen, daß die oder der Andere schon auf mystisch romantische Art „errät“ was uns glücklich machen würde (und uns so mit einer ungefähren 50:50-Chance von Enttäuschungsmoment zu Erfüllungsmoment retten), wird dieser (Über)Lebensmodus für Mehrfachbeziehungen nicht mehr ausreichen. Genau darum wird „#Kommunikation“ so dermaßen in der Welt der Nicht-Monogamie betont, genau darum habe ich im letzten Eintrag 20 gleich zwei Kommunikationsphilosophien vorgestellt, die an ihrer Wurzel für uns alle als zentrale und wichtigste Erkenntnis enthalten: Um in Kommunikation zu gehen, um mich zu ver-binden, muß ich erst einmal ergründen, was es denn ist, was ich selber wünsche.
Und dieser Blick in den eigenen Spiegel wird uns mit unserem eingangs erwähnten Selbstverständnis und unseren Rollenzuschreibungen konfrontieren – ob wir es wollen oder nicht.
Ich schreibe „ob wir es wollen oder nicht“, weil dabei für uns jedes mal – und sei es auch nur für einen winzigen Augenblick – ein radikal-aufrichtiger „Moment großer Klarheit “ aufblitzt, der uns zu diesem kurzen Zeitpunkt die Kohärenz – oder die Doppelbödigkeit – unserer tiefsten zugrunde liegenden Motivation entgegenhält. Wie wir allerdings mit dieser Offenbarung umgehen, – ob wir schnell wegschauen, sie gar schleunigst wegsperren und vergraben, sie vor uns und den Anderen verschleiern, sie ignorieren, ob wir sie akzeptieren, umarmen oder sogar integrieren – das wird erhebliche Auswirkungen auf unser Leben, unsere Beziehungsfähigkeit und damit selbstverständlich auf (alle) unsere Beziehungen haben.
Dafür gibt es sogar eine wissenschaftliche Grundlage. In seinem Buch „Was wir sind – und was wir sein könnten“ (Verlag S. Fischer, 2011) beschreibt der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, daß unsere auf effiziente Energieverwaltung getrimmten Gehirne nichts so sehr lieben wie „Kohärenz“ ( = Folgerichtigkeit / Sinnzusammenhang). Jedwede „Inkohärenz“ wird demgemäß als Stress in Form von (anstrengendem) Energieverbrauch gemeldet – und dabei ist es egal „wo“ wir diese „Inkohärenz“ wahrnehmen: Hinsichtlich dem Verhalten Anderer – oder in unserem eigenen Inneren…

Was möchte Euch der gute Oligotropos, Autor dieses bLogs damit sagen? Es wird Zeit für ein persönliches Beispiel.
Selbstgewählte „Rollen“ haben wir alle selbstverständlich einige. Wir tragen an einem Alltag viele verschiedene „Hüte“ und wir wechseln sie z.T. je nach Anforderung auch in rascher Folge. So sind wir regelmäßig wahrscheinlich Partner*innen, evtl. Elternteile, Arbeitnehmer*innen, Vorgesetzte, Untergebene, Freund*innen, (Küchentisch)Psychologinnen, Auftraggeber*innen, Einkäufer*innen, Kund*innen, Nachbarn, Vereinsmitglieder, Veranstaltungsbesucher*innen, kreative Geister, Problemlöser*innen, Organisator*innen, Geschwister, selber noch Tochter/Sohn, Lehrende oder Lernende, etc.
Und bei all diesen Rollen, die wir einnehmen, ist es wahrscheinlich, daß unser Auftreten in einem gewissen Ausmaß mehr oder weniger ein bißchen von unserem internen Selbstbild abweichen wird: Als Arbeitnehmer*in sind wir zu den Kunden am Telefon vielleicht ein klein wenig freundlicher, als wenn sich unsere Tochter zum dritten Mal mit der gleichen Nichtigkeit am Mobilteil meldet; wenn wir für unser Ehrenamt bei der Gemeinde vorstellen, um Förderung zu erhalten, geben wir uns vermutlich mutiger und kompetenter als wir uns in Wahrheit fühlen; wenn wir für eine*n Freund*in in die Bresche springen und ihr/ihm den Rücken stärken, könnte unser Rat möglicherweise kämpferischer ausfallen als wir ihn selbst beherzigen würden usw.
Auch hier bewirkt die oben erwähnte etwaige „In/Kohärenz“ bereits, daß wir uns entweder bei einigen dieser Dinge „nicht so ganz wohl in unserer Haut fühlen“, bei anderen hingegen wir „voll in unserem Element “ sind.

Genau genommen möchte ich aber eine Schicht tiefer vorstoßen als es diese „Alltagshüte“ darstellen, denn unser internes Selbstverständnis ist, wie oben schon kurz angedeutet, stets ein elementarer Bestandteil unserer persönlichen Motivation(en) – und damit direkt mit dem so beziehungswichtigen Kern „Was ist es denn, was ich selber (zutiefst/eigentlich) wünsche?“ verbunden. Darum nun endlich das versprochene Beispiel:

Ein oligoamorer Eingeborener ehrt den „Tag der Doppelgesichtigkeit“ im Gedenken an unsere innere Vielgestaltigkeit.

Ich selbst trage z.B. eine Rollenzuschreibung in mir, die ich hier mal den „Weißen Ritter“ nennen möchte. Diese „Weiße-Ritter-Rolle“ war (und ist vermutlich noch) bei mir regelmäßig bei vielen möglichen Beziehungsanbahnungen aktiv. Da ich mich selbst (siehe „Über mich“) als heterosexuell, cisgender und männlich beschreibe, galten die Avancen des „Weißen Ritters“ in meinem Fall dem heterosexuell-cisgender-weiblichen Geschlecht und bildeten bei mir oft die maßgebliche Grundlage für die berühmten „Ersten Schritte“.
Der „Weiße Ritter“ hielt dabei nämlich zunächst nach einer mutmaßlichen „Dame in Not“ Ausschau. Was diesbezüglich „Not“ bedeutete, da war der „Weiße Ritter“ nicht gar zu pingelig mit der Definition: Eine Bekannte mit einem nervtötenden (Ex)Freund, eine Freundin mit Schwierigkeiten beim Umzug, aber auch eine traurige Maid mit einer hoffnungslos dramatisch verfahrenen Biographie konnten meinen „Ritter“ auf den Plan rufen. Alsdann zog der Ritter aus, daß Leben dieser bedrohten Fräulein vor dem drohenden Unbill zu retten, dem heraufziehenden Chaos mit Ordnung zu begegnen und natürlich der Dame in größtmöglicher und getreulichster Weise zu Diensten zu sein.
Beleuchten wir nun kurz die Seite meines Selbstverständnisses (da ich ja schließlich auch ein „Held in meinem eigenen Film“ bin): Auf der einen Seite erkennen wir meine loyalen, zuverlässigen, vertrauenerweckenden und gewissenhaften Qualitäten – über die ich tatsächlich in gutem Maß verfüge.
Wenn ich mir dieser Qualitäten aber so bewußt bin – warum führe ich diese Stärken nicht bei Beziehungsaufnahme direkt ins Feld und werbe damit für mich – sondern wähle diese seltsam indirekte Annäherung über das Krisenmanagement des „Weißen Ritters“?
Weil die andere Seite meines Selbstverständnisses die einer auf den ersten Blick wenig liebenswerten Person ist, die nicht glaubt, eine Partnerin auf dem „freien Markt“ mit den eigenen Vorzügen aufmerksam machen zu können und statt dessen insgeheim hofft, bei den „Damen in Not“ dankbarere, anspruchslosere und damit vermeintlich leichtere „Beute“ zu finden.
Womit ich wieder direkt zu meiner „Weißen-Ritter-Rolle“ zurückkehre, die demgemäß nämlich auch eine „dunkle“ Seite, die selbstverständlich der entsprechenden „Dame“ nicht offen gezeigt wird, hat. Wenn allerdings die Beziehungsanbahnung – zu deren Zweck der „Weiße Ritter“ ja ursprünglich überhaupt aktiviert wurde – Fahrt aufnimmt, kann sich der „Herr Ritter“ dadurch jedoch zu einem in Teilen unangenehmen Partner und Beziehungsmenschen entwickeln, der in der Tat von der dann „erretteten Dame“ eine seltsame Form von Dauerdankbarkeit und fürderhin anhaltender Unaufdringlichkeit erwartet.
Puh. Das war jetzt so dermaßen selbstehrlich, daß sich vermutlich jede von mir jemals umworbene Frau darin wiederfinden wird…
Was ich aber damit zeigen möchte ist, wie auch in mir eine „Rollenzuschreibung“ in ein tiefes internes Selbstverständnis greift, welches aber in der Tat aus mehreren Komponenten besteht, die sich dann wiederum in der Rolle vereinen und dort mittelfristig für ein inkohärentes Auftreten sorgen. Wodurch in meinem Fall aus dem zunächst willkommenen loyalen Unterstützer beim in-Beziehung-Gehen nach und nach der Schatten eines selbstunsicheren Pantoffelhelden hervorscheinen kann.

Noch eine Schicht „tiefer“ als der mir mittlerweile einigermaßen vertraute „Weiße Ritter“ trage ich ebenfalls noch eine Rolle in mir, die ich für mich den „Vampirlord“ getauft habe. Daß diese Rollenzuschreibung über nur wenige positive Qualitäten verfügt, läßt schon ihre buchstäblich „untote“ Natur vermuten, denn sie „lechzt nach den Lebenden“. Der „Vampirlord“ ist dadurch eine Rolle, die ich weit weniger „im Griff“ habe (und auch erst in Teilen bewußt beleuchtet habe) als den „Ritter“.
Auch der „Vampirlord“ gründet bei mir in der biographische gewachsenen Überzeugung ein „unliebenswürdiges Wesen“ zu sein. Seine Bedürftigkeit nach menschlicher Liebe ist seit meiner Kindheit aber über vier Jahrzehnte in einem so großen Maß gestiegen, daß diese Rolle potentiell in der Lage ist, mich heute z.T. noch in haarsträubendste Beziehungsanbahnungssituationen zu bringen. Dabei kann es geschehen, daß ich mein tatsächliches Selbstverständnis komplett über Bord gehen lasse und mich aus Gier und Bedürftigkeit nach Verbindung für meine Verhältnisse bis an die Selbstschädigungsgrenze entäußere (Compliance, Selbstaufgabe, Katerstimmung inklusive) – und wer im „Über mich“ gelesen hat, daß ich mich als hochsensibel qualifiziere, mag wissen, wie dramatisch das für mich in Folge sein kann. „Gute Beziehungen“ – wie die, für die ich mit dem Oligoamory-Projekt“ werbe, bringen der „Weiße Ritter“ und erst Recht der „Vampirlord“ nicht zustande. Aber beide sind nicht unnütz, da sie mir hier als lebensechte Beispiele dienen können.

Der Oligotropos, der hat Probleme...“, mag nun manche*r denken. Je nun.
Ich empfehle zu dieser Materie und ihrer psychischen Dimension die Graphic Novel und den Film „I Kill Giants“², in welcher die Geschichte der Familie des 15jährigen Mädchens Barbara erzählt wird: Ihr Bruder hat sich geistig-moralisch in virtuelle Ego-Shooter-Welten verabschiedet, ihre ältere Schwester hat die Rolle der „Familienversorgerin“ angenommen. Die junge Barbara indessen hat die scheinbar merkwürdige Rolle der „Ortsschamanin“ gewählt, in dem sie die Kleinstadt, in der sie alle wohnen, mittels Runen, magischen Waffen und Schutzzaubern vor der Bedrohung durch Riesen schützt. Die Rollenübernahme und die Identifikation von Barbara mit ihrer Aufgabe als „beschützender Schamanin“ wird in Buch und Film hervorragend dargestellt. Bis hinein in ihre Alltagssprache und in ihrem Umgang mit Schule und Geschwistern pflegt sie ihr „heldiges“ – und in Teilen etwas bärbeißiges – Image. Als Kleinstadtbewohnerin mit nur wenigen Freunden zur Auswahl, die im gleichen Alter sind, erfüllt die „Schamanenrolle“ für Barbara Bedürfnisse nach Kreativität, Abenteuerlust, ein starkes Selbstwertgefühl und non-normatives (Protest)Verhalten. Doch dies ist eben auch bei ihr nur die eine Seite ihrer Motivation, die hinter ihrem internen Selbstverständnis und hinter ihrer „Rolle“ steckt. Denn – der Titel verrät es schon – auch sie muß sich in ihrem Inneren noch ganz anderen Ungeheuern stellen, als es auf den ersten Blick bei diesem etwas verwilderten Teenager zu vermuten ist.

Wie weit unser internes Selbstverständnis mit unseren tiefsten Motivationen von unserer selbstgewählten Rollenzuschreibung abweichen kann, davon haben in diesem Jahr (Stand 2019) die Schicksale der 28jährigen Anna Sorokin und der 31jährigen bLoggerin Marie Sophie Hingst Zeugnis abgelegt. Beide hatten eine komplett alternative Persönlichkeit erschaffen, da ihnen ihr eigentliches internes Selbstverständnis wohl zu farblos, zu alltäglich und damit wenig erfolgversprechend schien. Beide Biographien, die in einem Fall zu langen Jahren Gefängnis, im anderen zum Tod führten, beweisen, zu was für unglaublichen energetischen Anstrengungen wir Menschen uns antreiben können, um uns nicht mit unserer inneren Wahrheit zu konfrontieren, während die Selbst-Diskrepanz zwischen „Soll“ und „Ist“ im Außen immer weiter auseinanderklafft.
Ich halte die geringe Differenz in dem Lebensalter beider Frauen für keinen Zufall, da wir mittel-und langfristig vermutlich doch nur eine begrenzte Spanne haben, wie weit wir unsere inneren Realitäten leugnen können, bevor sie für uns oder unsere Umwelt unhaltbar werden.
Marie Sophie Hingst, die kurz vor ihrem Selbstmord ihrer Mutter hinsichtlich ihres dann von der Presse demontierten (falschen) Selbstbildes sagte, sie fühle sich „als ob sie gehäutet sei“, zeigte auf drastische Weise, warum in jeder Form von Beziehung (auch in der zu sich selbst) Transparenz, Aufrichtigkeit und Identifikation keine verhandelbaren Marginalien sind.

Um wirklich „gute“ Beziehungen zu erwirken ist unsere Selbstzurkenntnisnahme von absoluter Wichtigkeit. Das Erforschen und Beleuchten unserer innersten Motivationen, die direkt mit unserem Selbstverständnis zusammenhängen ist eine Aufgabe, der wir uns darum mit Ruhe und Sorgfalt regelmäßig widmen sollten. Und ja, insbesondere das Hervorholen jener Aspekte, die wir selber nicht gar so wundervoll finden, ist dabei grundlegend für unsere eigene Aufrichtigkeit gegenüber uns selbst wie auch hinsichtlich der Möglichkeit und so unseren Liebsten anzuvertrauen.

Denn egal, ob wir uns gelegentlich für den schwarzen Fledermausmann, den weißen Ritter, die Kaninchenschamanin oder eine Millionärstochter halten: In Beziehung gehen unsere Liebsten – bzw. die Menschen, bei denen wir wünschen, daß sie es werden könnten – instinktiv immer mit der Person, die wir in unserem tiefsten Inneren sind. Darum ist es Zeit – um Cindy Lauper zu zitieren – daß wir uns trauen, unsere wahren Farben erstrahlen zu lassen³.




¹ Ich nenne klasssische „Mono-Amory“ an dieser Stelle bewußt „Di-Amory“ mit der altgriechischen Vorsilbe „Di-“(zwei), weil ich mich auf ein Beziehungsmodell mit genau zwei Beteiligten beziehe.

² Da ich nicht „spoilern“ möchte, setze ich den Wikipedia-Link zu „I Kill Giants“ hier in die Fußnote. Nun mag jede*r mit der Graphic Novel und dem Filminhalt verfahren wie es das Beste ist…

³ Cindy Lauper, True Colours (Song, Lyrics)

Danke an Afrikit auf Pixabay für das Bild.

¹ Ich nenne klasssische „Mono-Amory“ an dieser Stelle bewußt „Di-Amory“ mit der altgriechischen Vorsilbe „Di-“(zwei), weil ich mich auf ein Beziehungsmodell mit genau zwei Beteiligten beziehe.

² Da ich nicht „spoilern“ möchte, setze ich den Wikipedia-Link hier in die Fußnote. Nun mag jede*r mit der Graphic Novel und dem Filminhalt verfahren wie es das Beste ist…

³

Danke an Afrikit auf Pixabay für das Bild.

Eintrag 20 #Kommunikation

Gewaltfrei und aufrichtig

Vorbemerkung: Dieser Text wurde von mir erstmals Ende Oktober 2018 für eine Facebook-Gruppe zum Thema polyamorer Mehrfachbeziehungen geschrieben.
Er entstand als persönliche Antwort auf die Frage nach der „Nützlichkeit“ der Anwendung von „Gewaltfreier Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg)“ [gfK] und „Radikaler Ehrlichkeit (nach Dr. Brad Blanton)“ [rE] im Hinblick auf die Führung von Mehrfachbeziehungen.
Da ich auf meinem bLog regelmäßig Bezug auf beide Kommunikationsformen nehme (zuletzt in den Einträgen 3, 4, 5, 8, 9 und 11 ) – woran abzulesen ist, daß ich diesen Herangehensweisen auf jeden Fall erhebliche Bedeutung zumesse – möchte ich meinen damaligen Artikel auch hier noch einmal in Bezug auf die Art der Anwendung in oligoamoren Zusammenhängen einstellen.

Kurzbeschreibungen:

Die „Gewaltfreie Kommunikation
(gfK) wurde schriftlich erstmals 1972 von dem amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg formuliert.
GfK stellt ein Handlungskonzept dar, welches Menschen ermöglichen soll, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. Es heißt, daß gfK in diesem Sinne sowohl bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein kann. Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglichen möchte.
GfK betrachtet insbesondere Ursachen der Konfliktentstehung; hierbei steht u.a. unsere „lebensentfremdende“, in Teilen als gewaltvoll angesehene Alltagskommunikation im Mittelpunkt. Die gfK stellt zur Konfliktvermeidung und -auflösung vor allem auf das Erforschen der eigenen, persönlichen Bedürfnisse und deren Kenntnisnahme ab und ruft zu einer Schulung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit auf, sowohl was das Geschehen um einen herum als auch die eigenen Emotionen und Gefühle dazu angeht.
Schon vor Rosenbergs Tod im Jahr 2015 hat sich gfK durch engagierte Rosenberg-Schüler in vielfältige Richtungen und Wirkungsbereiche weiterentwickelt.
Da sich gfK historisch aus der klinischen Psychologie von u.a. Carl Rogers heraus entwickelt hat, steht diese Kommunikationsform gelegentlich in der Kritik, anfällig für Manipulation oder „unzulänglich-erscheinen-(lassen)“ des Gesprächsgegenübers zu sein.

Die „Radikale Ehrlichkeit“ ¹
(rE) [im Original „Radical Honesty“] wurde schriftlich erstmals 1990 von dem amerikanischen Psychotheraputen Dr. Brad Blanton formuliert.
RE ist als Selbstverbesserungsprogramm konzipiert, das von Dr. Blanton vor allem zur authentischen Gesprächsführung entwickelt wurde.
Seine Philosophie macht geltend, dass Lügen und Manipulation die Hauptquelle des modernen menschlichen Stresses seien, da aus Scham oder Selbstdarstellungsabsichten kaum noch offen kommuniziert würde. Daher wird bei ihm auf und direktes und unverblümtes Sprechen hingewirkt, sogar über schmerzhafte oder tabuisierte Themen. Auf diese Weise könne authentische Vertrautheit erzeugt werden, die die Kommunikationspartner zufriedener machen würde, was beim Zurückhalten bzw. Verbergen von eigener Befangenheit nicht möglich ist.
Demgemäß müsste Blantons „Radical Honesty“ im Deutschen korrekterweise mit „Radikaler Offenheit“ oder „Radikale Aufrichtigkeit“ übersetzt werden, weil dies das eigentliche Ziel des Selbstausdrucks sein soll.
Dr. Blanton vermarktet derzeit als Rechteinhaber seine Kommunikationsform selber durch verschiedene von ihm geschriebene Bücher zum Thema sowie vor allem in Form von selbstgeleiteten Workshops und Seminaren.
Da es bei rE erwünscht ist, sogar eine erst einmal subjektive „Wahrheit“ in extrem freimütiger und geradewegs schlichter Form zu äußern, steht rE in der Kritik – je nach Kontext – unempathisch bis absichtsvoll beleidigend auf die Gesprächspartner einzuwirken.

Sowohl die „gewaltfreie Kommunikation (gfK)“ als auch die „radikale Ehrlichkeit (rE)“ werden wegen ihrer gesprächsunterstützenden Einsatzmöglichkeiten regelmäßig auch für die Kommunikation in intimen Beziehungen empfohlen – insbesondere bei herausfordernden Anliegen wie dem Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Stand- und Ausgangspunkte.
Speziell an dieser Stelle kommen die Mehrfachpartnerschaften ethischer Non-Monogamie (wie u.a. Offene Beziehung und Polyamory) ins Spiel:

So wird z.B. sowohl auf den Seiten polyamorie.de (von Silvio Wirth, u.a. Integrales Tantra, Sexualtherapie), Christopher-Gottwald.de (ders., zu Polyamorie, Contact Improvisation und Sexological Bodywork), als auch im Artikel der deutschsprachigen Wikipedia zu »Polyamorie (9.3. Kommunikation und Verhandlung)« „Gewaltfreie Kommunikation“ als vorteilhaft für die Gesprächsführung in Polybeziehungen genannt (Ich zitiere insb. diese drei Webseiten, weil Informationssuchende im deutschsprachigen Raum bei der Suche im www mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell auf eine dieser Seiten stoßen werden).

Wenn in diesem Zusammenhang nun also jemand mich dahingehend nach meinen Erfahrungen damit befragen würde – etwa so: „Oligotropos, findest Du gfK und rE für Mehrfachbeziehungen nützlich? “ – dann würde meine Antwort lauten: „Nein.“ Allerdings mit dem wichtigen Zusatz: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß gfK und rE in der Hauptsache für mich ganz persönlich (meine Selbsterkenntnis, meine Arbeit an mir etc.) nützlich sind.“

Warum mein derartiges „Nein.“?:

1) Meinem Erleben nach besteht hinsichtlich gfK und insbesondere bei rE der Grundirrtum, daß diese Kommunikationsformen primär dafür angelegt sind, daß „Ich jetzt mal was sagen darf…! “. Und daß ich, um eine in mir aufgelaufene und drängende Irritation mittels einer Kommunikationsform, die auf einem friedlichen oder radikal ehrlichen Kontext aufgebaut ist, quasi nicht nur gleichsam die Berechtigung erwerbe, mich endlich ausdrücken zu dürfen, sondern auch, da ich das dann ja mittels einer der beiden höchstentwickelten Kommunikationsweisen auf diesem Planeten „gewaltfrei“ bzw. „radikal ehrlich“ getan habe, folglich die Berechtigung erwerbe, endlich auch ernst genommen, verstanden und gehört zu werden.

Ich möchte niemanden meiner Leser*innen, die sich bisher in ihrem Leben angelegentlich schon mit gfK oder rE beschäftigt haben, enttäuschen – aber meinem Verständnis nach ist dies (leider) nicht die Idee hinter der Sache, obwohl beide Kommunikationsweisen am häufigsten aus diesem Grund meist überhaupt erst hervorgeholt werden. Ich habe aus eigener Erfahrung auch sehr großes Verständnis für diesen Wunsch, denn meine Sehnsucht „endlich verstanden/gehört“ zu werden, ist selbstverständlich oft ebenfalls sehr groß.

Was ist stattdessen meiner Meinung nach der Kern von gfK und rE?
So ungern ich das manchmal selber realisieren will: Die Grundhaltung, sich (mit seinem evtl. Anliegen) dem/den Kommunikationspartner/n gegenüber vollkommen nackt und authentisch zu zeigen. Also völlig maskenlos und ungeschönt – aber dafür mit einem sehr hohen (Selbst)Vertrauen. Was demgemäß in diesem vollkommen friedvollen und selbstehrlichen Moment in gewisser Weise ein Risiko enthält, sich so „enthüllt“ den Gesprächspartnern auszuliefern bzw. anzuvertrauen.
Welchen Sinn haben die Schöpfer der gfK oder der rE dadurch anstreben wollen?
Hier unterscheiden sich gfK und rE etwas von einander:
►Bei der gfK wird dadurch ein Augenblick hergestellt, in dem ich mit meinem Gegenüber die Grundlage zu einem Dialog/Prozess eröffne, der als Ziel das wechselseitige Beitragen zu unserem jeweiligen Wohlbefinden (vulgo: „Win-Win-Situation“) hat.
►Bei der rE stellt sich für den „Nackten“ ein Moment außerordentlicher Klarheit ein, da der/die Dialogpartner*innen nun ihrerseits in authentischer Weise auf den manipulationsfreien Selbstausdruck reagieren können (oder eben nicht) – was zu einer unverbrämten Aufdeckung der allseitigen Beweggründe führen wird.

Jetzt könnte man mich fragen: „Aber ist das nicht das selbe – dieser authentische Selbstausdruck und das oben erwähnte ‚…jetzt darf ich mal was sagen…! ‚?“

Wiederum verneine ich, da das forsche und durch gfK oder rE vermeintlich geadelte „…jetzt sag‘ ich mal was…! “ nur den Teil beider Systeme anwendet, in dem es um das Aussprechen eines subjektiven Befindens (mit Anspruch auf Erhörtwerden) geht, nicht aber den anderen, meiner Erfahrung nach viel wichtigeren und schwierigeren, Teil des empathischen Hörens und der damit verbundenen gewaltfreien bzw. radikal-offenen Grundhaltung.

2) Konkret Mehrfachbeziehungen betreffend, noch konkreter bezogen auf eine real existierende Menschengemeinschaft, welche nun versucht, ein Problem, eine Irritation, einen Umstand, ein Hindernis mittels gfK oder rE zu bearbeiten, verneine ich die unmittelbare Nützlichkeit dieser Kommunikationssysteme, insbesondere, wenn sie (erst) im Krisenfall aktiviert werden (das klassische „Küchentischgespräch“). Es hört sich ja erst einmal gut an, wenn alle Beteiligten sich darauf einigen, eine aufgelaufene Angelegenheit im anstehenden Gespräch mittels gfK oder rE anzugehen.

Aber: Die Komplikation, die sich bei dieser Herangehensweise ergibt, ist, daß bei solcherlei Anwendung von gfK oder rE diese wie „Büroyoga“ lediglich als „Technik“ benutzt werden, um die individuellen Ziel- bzw. Wunschvorstellungen der Gesprächspartner*innen zu erreichen.
Weder gfK noch rE sind aber von ihren Gründern mit der Absicht eine „Technik“ – ein nützliches Werkzeug – zur Verfügung zu stellen, entwickelt worden.
Sowohl Marshall B. Rosenberg als auch Dr. Brad Blanton beabsichtigten vielmehr die Formulierung einer Grundhaltung, einer Lebenseinstellung und daraus resultierender Lebensweise. Beide Kommunikationsweisen stellen ein höchst authentisches Menschenbild in den Mittelpunkt, mit einer jeweils friedlich-wohlwollenden bzw. geklärt-aufrichtigen Einstellung gegenüber der Welt und dem Leben, mit all den dazugehörigen Umständen (im Vergleich mit unserem Büroyoga wäre hier also Yoga als spirituell-ganzheitlicher Pfad das passende Synonym).

Wenn sich nun die oben zitierte Gruppe zur Problemklärung an den Küchentisch setzt und gfK oder rE OHNE die dazugehörige Grundhaltung und nur als „Gesprächstechnik“ anwendet – obendrein noch auf ein Problem, welches sich außerhalb der vereinbarten Gesprächssituation im normal-unfriedlichen oder normal-verschlossenen Alltag ereignet hätte, dann haben die Beteiligten einen steinigen Weg vor sich, der mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende nicht zu allseitigem Wohlbefinden oder großer authentischer Offenheit führt – sondern viel eher in dem Erleben, daß man sich selbst oder die anderen sich mal wieder nicht recht verständlich machen konnten. Und das gfK und rE völlig überbewertet seien, weil sie hauptsächlich dazu dienen würden, unbequeme subjektive „Wahrheiten“ auf den oben erwähnten Küchentisch zu kotzen, womit vor allem das gemeinschaftliche Unbehagen erhöht wurde.

Die Anwendung von gfK und rE als reine Gesprächs“techniken“ beinhaltet darüber hinaus die Gefahr der „Welle unter dem Teppich“:
Wenn die Beteiligten einer Mehrfachbeziehung es nicht gewohnt sind, selbstreflektiert normal-menschlich anfallende Irritationen zeitnah im Alltag anzusprechen, dann hat sich meist bis zum schicksalhaften „Küchentischgespräch“ ein ganzer Berg von emotional belastenden Anliegen „unterm Teppich“ angestaut, was quasi schon wie eine „Welle“ unsichtbar über dem Tisch hängt. Wenn in so einem Moment dann auch noch versucht werden soll, beim „Küchentischgespräch“ technisch einwandfrei „friedlich“ oder „offen“ miteinander umzugehen, ist die emotionale Belastungsgrenze oft schon so hoch, daß das initiierte Gespräch bereits nach wenigen Sätzen in Gefahr gerät, dadurch erst recht hochemotional zu entgleisen und mit Streit und Tränen einherzugehen – was obendrein für die selbsternannten Anwender*innen gfK und rE erstmal sehr entzaubern dürfte…
PS: Eine lediglich „problemorientierte“ Anwendung von gfK und rE könnte übrigens ein Indiz dafür sein, daß diese Kommunikationsformen nur „technisch“ – nicht aber integrativ, verwendet werden. Schließlich eignen sich beide Grundhaltungen genauso ausgezeichnet dafür, echte Freude und tiefe Einmütigkeit auszudrücken…

3) Aus dem unter 2) Gesagten kann ich erfahrungsgemäß noch ableiten, daß gfK und rE darum auch nicht gut geeignet sind, um Probleme oder Verhaltensweisen einer miteinander erlebten Vergangenheit zu bearbeiten (damit meine ich eine Vergangenheit, in der die Mehrheit der Kommunikationspartner sich noch nicht im gfK oder rE -Kontext bewegt haben).
Da man damals ja (noch) nicht auf der Grundlage von gfK oder rE agiert hat, waren für einen selbst und die Anderen damals völlig anders gelagerte GUTE Gründe für das Handeln und Sprechen maßgeblich. Und ich betone hier das GUTE so sehr, weil ich uns allen wünsche, daß wir alle sozusagen Superhelden in unserem eigenen Film sind, die es erst einmal nicht darauf anlegen, bösartig absichtsvoll Schaden zu verbreiten – sondern ganz im Gegenteil, den eigenen, zu dem Zeitpunkt hehren, Motiven und Motivationen folgten (siehe Eintrag 11).
Wenn sich also unsere Mehrfachbeziehung heute wieder um den Küchentisch versammelt, um im Lichte der gfK oder der rE vergangene Irritationen der Marke „…ich weiß noch ganz genau, als Du damals XYZ…“ anzugehen, besteht eine große Gefahr der Selbst- und Fremdverurteilung.
Beispiel: Das wäre in etwa, als ob man heute bearbeiten wollte, daß man früher mal seinen Hund mit Kettenwürger zur Räson gebracht hat (Mensch, war ich damals fies und gewaltsam…) und Du, Du hast Deinen Hund sogar mit der Reitgerte zum Parieren gebracht (Mensch, Du warst noch viel fieser und gewaltsamer – und sooowas von unreflektiert…)… Damals aber hat man sich selbst in einem Kontext von Verantwortung für das Tier, sein Verhalten und die allgemeine Sicherheit gesehen und wußte es schlicht nicht besser, auch damals hatte man also nach Lage der Dinge SEHR GUTE Gründe.
Wenn nun also in unserem Küchentischgespräch heute gfK oder rE benutzt werden, um HEUTE (manipulativ) Ursächlichkeit bzw. Schuld zuzuschreiben oder aufgrund vergangener Verhaltensweisen Anklagen zu tätigen, dann wird der Zweck von gfK bzw. rE völlig verdreht. GfK und rE können heute möglicherweise dazu dienen, im Rückblick darüber zu reflektieren, anzuerkennen oder zu trauern, daß wir (alle!) es damals evtl. nicht besser wußten – aber genau an dieser Stelle tritt hervor, wie wichtig es wäre gfK oder rE eben nicht als situative Technik sondern als ins eigene Leben integriert anzuwenden:
Denn dann ist es nur noch wichtig, ob ich ganz allein vor mir friedfertig-wohlwollend oder offen-authentisch existieren und mir selbst ins Gesicht blicken kann. Und erst dann kann ich mich auch so vor den anderen zeigen und mich ihrem Wohlwollen und ihrer Aufrichtigkeit anvertrauen (egal, wie diese auf meine „Selbstoffenlegung“ reagieren).
Außerdem: Um die Art, wie man mit „Altfällen“ umgehen möchte, kann man sich in keiner Lage drücken. Schließlich wird es im Umfeld immer jemanden geben, der das eigene Kommunikationssystem nicht teilt – und wenn es nur die Schwiegermutter ist. Da ist es beizeiten günstig, nicht nur das authentische Sprechen, sondern auch das verständige Hören zu beherzigen…

Mein Fazit:
…ist natürlich ein persönliches. Ich selber beschäftige mich seit ca. 8 Jahren (Stand 2019) mit gfK – und bislang ist es mir weder gelungen eine konstant friedlich-wohlwollende noch vollständig offen-aufrichtige Gesprächskultur mit meinen Beziehungsmenschen zu erreichen. Wenn ich mir aber meine Kommunikation von vor 10 Jahren ansehe, kann ich im Vergleich zu heute bei mir eine durchaus beachtliche Entwicklung feststellen – in meinem Fall dank gfK und der darin geschulten Bedürfniserforschung.

Sowohl gfK als auch rE sind in der Lage, uns auf eine individuelle Reise zur Entdeckung und Anerkennung unserer höchsteigenen Bedürfnisse und Beweggründe mitzunehmen. Beide Systeme eignen sich dazu, uns mit unserer Befangenheit im Dialog auseinanderzusetzen, wie selten wir unseren Gesprächspartner*innen wirklich vertrauen und uns selber zutrauen, uns in unserer normal-unzulänglichen Menschlichkeit zu zeigen.

Beteiligten an Mehrfachbeziehungen erst bei Problemstellungen gfK oder rE als möglichen Lösungsweg aufzuzeigen, halte ich aus den oben genannten Gründen für problematisch.
Die wenigsten von uns können aus dem Stand ihre wirklichen Bedürfnisse von Bedürftigkeiten bzw. innere Aufrichtigkeit von oberflächlicher Befindlichkeit trennen – oder gar Emotionen von Gefühlen abgrenzen. Wir alle agieren im „Normalbetrieb“ in einer in Teilen unfriedlichen Umwelt und werden gelegentlich von dem verständlichen Wunsch beherrscht, unsere Handlungsmotive in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Auch wenn wir in unsere Familien oder Mehrfach- bzw. Paarbeziehungen einkehren, streifen wir diese Haut fast nie automatisch ab.

Last but not least: Aus eigener Erfahrung ist sowohl in der gfK als auch in der rE das „gute Hören“ überproportional schwieriger zu meistern als das „gute Sprechen“. Denn erst beim „Hören“ (der anderen Dialogpartner*innen) zeigt sich erst wirklich, wie es tatsächlich um unser Vertrauen, Wohlwollen und unsere Aufrichtigkeit bestellt ist – und ob wir schon bereit sind, die anderen unverstellt in ihrer normal-unzulänglichen Menschlichkeit liebevoll zu akzeptieren. Ob und wie sich unsere (Selbst)Ehrlichkeit und Empathiefähigkeit also wirklich entwickeln, erfahren wir genau dort.
Diese Qualität für sich selber herzustellen erscheint mir als die wahre Herausforderung guter Kommunikation.

Marshall B. Rosenberg riet vermutlich darum zu einem Weniger – aber dafür mit mehr Gehalt, wenn es um Kommunikation in Beziehungen geht. Oder wie es sein fernöstlicher Geistesverwandter Thich Nhat Hanh ausdrückt: „Manchmal reicht es, nur beieinander zu sitzen und zu atmen… ² “



¹ Zu dem Konzept der „Radikalen Ehrlichkeit“ und zu Dr.Brad Blanton gibt es im deutschsprachigen Raum leider kaum Quellen. Ich verlinke daher in dieser Fußnote auf englischsprachige Ressourcen.

² Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh gilt als „Fernöstlicher Meister“ der gewaltfreien Kommunikation. Gedanken dazu hat er hauptsächlich in seinen Büchern „achtsam sprechen – achtsam zuhören“ (O.W. Barth 2014) und „Einfach lieben“ (O.W. Barth 2016) dargelegt.

Danke an Adi Goldstein auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 19

Verliebt ins Hier und Jetzt

Neulich wurde in einem sozialen Netzwerk – innerhalb einer Gruppe, die sich mit Mehrfachpartnerschaften beschäftigt – über Verliebtheit diskutiert. Wir hier zuhause haben uns noch eine Weile weiter über diese Themen ausgetauscht – und so möchte ich meinen Blog nutzen, um unsere Gedanken auf diese Weise auch noch einmal zu teilen.

Zunächst haben wir überlegt, daß „Verlieben“ wahrscheinlich ein vollkommen individueller Vorgang ist, den jede*r Mensch vermutlich ganz persönlich erlebt – insbesondere wenn man die biologisch-stammesgeschichtliche, sowie die zerebral-hormonelle Ebene von Oxcytocin und Vasopressin, von Testosteron und Prolakin dabei einmal außer Acht läßt (sehr ausführlich dazu R.D. Precht in seinem Buch „Liebe – Ein unordentliches Gefühl “, Goldmann 2009, Kapitel 1: Was Liebe mit Biologie zu tun hat).

Dem wirklichen Verlieben ist ja oftmals das sogenannte „Schwärmen“ vorgeschaltet.
Schwärmen – das kann man auch für Helden, für Filmstars, Musiker*innen, Models und den unerreichbaren Traummenschen aus der Parallelklasse. Dieser „Zielgruppe“ ist gemeinsam, daß wir uns wegen der eingebildeten oder tatsächlichen Distanz zu diesen Personen eher in unsere eigene Vorstellung, die wir uns von diesen Leuten ausmalen, vergucken – und nicht so sehr in den tatsächlichen Menschen selber.

Wenn es dann „ernster“ wird, wenn wir uns dann tatsächlich in ein konkretes Gegenüber verlieben, dann ist uns hier aufgefallen, daß sich die Grundlage dafür trotzdem vielfach aus so etwas wie dem „Schwärmen“ ergibt. Überraschenderweise scheint es dabei nämlich – ähnlich wie bei den „Pragmatikern und Idealisten“ – meistens zwei Ausgangspositionen zu geben:
Die erste Gruppe verliebt sich in eine andere Person, weil diese etwas (für sie) tut.
Die zweite Gruppe verliebt sich in eine andere Person, weil sie glaubt, einen Teil der Persönlichkeit des Anderen erkannt zu haben.

Die erste Gruppe möchte ich hier, etwas künstlich, „dissimilatorisch“ (von Lateinisch „dissimilis“ unähnlich) nennen.
Personen, die zu dieser Gruppe zählen, sind meist von der Unterschiedlichkeit der Menschen fasziniert. Sie legen sehr stark Wert auf ihre eigene Selbständigkeit und schätzen dies darum auch bei ihrem Gegenüber.
Wenn sich auf diese Weise situativ immer wieder neue Spannungsfelder durch die vielfältigen Anregungen der verschiedenartigen Persönlichkeiten auszubilden beginnen, würde eine dissimilatorische Persönlichkeit vermutlich so etwas denken wie: Ja, das ist wirklich cool JETZT!“.
Der „Schatten“ eines dissimilatorischen Stils wäre ein gewisser „Genießermodus“, der insbesondere in Beziehung solche Momente auskostet „solange es währt“ und ein Übergewicht auf positive Reize („Es soll gut sein, es soll leicht sein – ist es nicht leicht, ist es/bist Du nicht richtig…“) legt.

Die zweite Gruppe möchte ich hier demgemäß als „assimilatorisch“ (von Lateinisch „assimilis“ ähnlich) bezeichnen.
Personen, die zu dieser Gruppe zählen, suchen bei sich und ihrem Gegenüber sehr schnell nach verbindenden Gemeinsamkeiten. Sie schätzen ein Wir-Gefühl und legen Wert auf allseitige Bemühungen um einen gewissen Zusammenklang.
Wenn sich auf diese Weise ein gemeinsamer Raum auszubilden beginnt, würde eine assimilatorische Persönlichkeit vermutlich so etwas denken wie „Ja, das ist wirklich cool HIER!“.
Der „Schatten“ des assimilatorischen Stils wäre daher ein Hang zu zwanghafter „Ähnlichmachung“ und insbesondere in Beziehung ein gewisser „Ganzheitswahn“ („Wenn nicht größtmögliche Übereinstimmung/Harmonie herrscht ist es/bist Du nicht richtig…“).

Trotz dieser Unterschiede verlieben sich beide Gruppen in schöner Regelmäßigkeit etwa gleich häufig. Und da „Verlieben“ für unsere Körper und unseren Geist, die rein biologisch eigentlich auf sehr ökonomische Energiehaushaltung getrimmt sind, stets Stress in Form von aufzubringender Zusatzenergie bedeutet, ist Ver-lieben niemals be-liebig (und überhaupt: Sonst könnte man es doch bei dem viel bequemeren Schwärmen belassen…).
Genau genommen stecken also auch hinter dem Verlieben stets ein oder mehrere Bedürfnisse oder sogar eine Bedürftigkeit, die auf das Gewährleisten von Wohlbefinden oder persönlicher Zufriedenheit abzielen. Fast immer sind dies Bedürfnisse der Kategorien Gemeinschaft und Beteiligung (z.B. Angenommensein, Fürsorge, Gemeinschaftlichkeit, Unterstützung, Verbindung), Verständigung und Verständnis (z.B. Aufmerksamkeit, Gegenseitigkeit, Gehört werden, Vertrauen), sowie Zuneigung und Liebe (z.B. Empathie, Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität).

Diese Bedürfnisse aktivieren uns (oder versetzen uns zumindest in einen offenen, erwartungsfreudigen Zustand), so daß wir beim Verlieben – also zu einem Zeitpunkt, da wir das erwählte Gegenüber noch kaum einschätzen können – bereit sind, damit gewissermaßen eine Investition in eine potentielle bzw. fakultative Zukunft zu tätigen, die in unserem Leben möglicherweise nie reale Gestalt annimmt. Aufregende Rahmenbedingungen (wie bei dem in Eintrag 15 erwähnten „Brückenexperiment“) und/oder eine nur mäßig ausgeprägte, eigene Außenabgrenzung (wie bei vielen psychologischen und neurophysiologisch sensiblen Zuständen) können diesen Effekt zusätzlich sehr leicht verstärken.

Was im ersten Moment geradezu erstaunlich und schon beinahe etwas irrational klingt, ist für uns Mitglieder der Spezies „Homo Sapiens“ – egal zu welcher der beiden oben erwähnten Gruppen wir uns zählen – im höchsten Maße plausibel.
Denn wir Menschen sind absichtvoll und planend, weil wir bewußt-zeitliche Wesen sind, was uns vermutlich sogar von dem Gros aller übrigen uns verwandten Säugetiere unterscheidet.
Uns ist bewußt, daß wir eine Vergangenheit haben und eine noch gestaltbare Zukunft – und wir sind uns daher auch unserer Endlichkeit bewußt. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, daß unser Leben – buchstäblich auf Gedeih und Verderb – Prozeßhaftigkeit und Veränderlichkeit unterworfen ist. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche (Ecce homo 1888) nannte diese unumgängliche Erkenntnis einmal sehr schön „Bejahung des Vergehens“, denn für uns Menschen bestätigt sich alltäglich, daß wir eben nicht dauerhaft im 100%ig gegenwärtigen „Hier & Jetzt“ verweilen können. Wir können diesen besonderen Moment anstreben, wir können ihn erleben, auskosten – aber er wird, wie alles andere, nicht von Dauer sein.
Und darum sind wir ja manchmal in gewisser Weise auf die Tiere oder die übrige Natur, die sich ihrer zeitlich begrenzenden Komponente offenbar nicht bewußt sind, neidisch – und die darum auf uns oft so „ausgeglichen“ und sogar „zufrieden“ (was ja tatsächlich ein „in-Frieden“ ist) wirken, weil diese ausstrahlen, daß sie intuitiv/instinktiv immer in ihrem Tun „richtig“ sind.
Dieses „immer“ gibt es für uns nicht – und darum auch kein fortwährendes „richtig“.

Mit der Verliebtheit ist es also so eine Sache: Denn sie schränkt uns bewußt-zeitliche Wesen allein durch die hormonelle Aufwallung in unserer Gesamtwahrnehmungsfähigkeit ein. Wie bereits 1788 der berühmte Freiherr Adolph von Knigge in seinem 4.Kapitel (2. Teil) „Über den Umgang mit und unter Verliebten“ sagte: »Mit Verliebten ist vernünftigerweise gar nicht umzugehn; sie sind so wenig als andre Betrunkene zur Geselligkeit geschickt; außer ihrem Abgotte ist die ganze Welt tot für sie.«
Gerade dieser Fokus auf den „Abgott“, also den geliebten Menschen, versetzt uns gewissermaßen in eine Art „raumzeitliche Sonderzone“, wo es für die Beteiligten sehr leicht ist, das „Teil fürs Ganze“ zu halten – will sagen: In unserer Verliebtheit können wir sehr leicht glauben, den wichtigsten Teil bereits bewältigt zu haben – nämlich daß die „Reise zueinander“ jeweils schon ihr Ziel erreicht hat.

Wie sogar Herr Knigge dazu (im selben Kapitel) bemerkte:
»Die glücklichsten Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegeneinander mit Worten entdeckt hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man mitteilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Wert verlieren, die anständigerweise, ohne Beleidigung der Delikatesse, gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten oder wenn es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.«
Das hat der alte Freiherr zwar gut beobachtet – aber aus meiner Sicht preist er diese „glücklichsten Augenblicke“ der Verliebtheit ein wenig zu sehr. Denn was er beschreibt, ist genau genommen immer noch ein Zustand von Kommunikationslosigkeit, von vagem Ungefähr und von süßer Nicht-Gewissheit. Das allerdings kann uns den Beziehungsweizen noch vollständig verhageln, denn Nicht-Gewissheit ist eine akzeptable Basis für Schwärmerei und Verliebtheit – aber keine gute Grundlage für wechselseitige beständige Liebe.

Wenn wir nämlich dann wirklich aus der Verliebtheit heraus miteinander „in Beziehung gehen“, dann werden wir uns ja in jedem Fall auch in „sonstigen Zusammenhängen“ kennenlernen. Da tut unser Gegenüber vielleicht doch nicht immer das, was wir so faszinierend fanden. Oder es zeigt Seiten seiner Persönlichkeit, die wir bislang nicht erkannt oder erwartet hatten.
Was können wir diesbezüglich tun?
Das vielversprechndste Geheimnis solider Beziehungen, wenn man die glücklichen Betroffenen fragt, ist, daß die Beteiligten sich gegenseitig nicht nur als „Liebste“, sondern auch als „Freunde“ bezeichnen. Diese Menschen haben tagtäglich verinnerlicht, daß „den Anderen besser kennenlernen“ gleichzeitig „sich selbst besser kennenlernen“ bedeutet.

Für beide eingangs erwähnten Gruppen ist es also wichtig zu erkennen, daß weder inspirierende Erlebnisse noch gemeinschaftliche Harmonie sich durch unser (einseitiges) Wollen erreichen lassen.
Denn dabei versuchen wir das Unmögliche: Unsere Liebsten in unserer Vorstellung und in unserem Wünschen in einem bestimmten Zustand zu konservieren, der für uns „richtig“ ist und der uns anzieht, weil er uns so unähnlich oder so ähnlich ist. Was aber eben „prozeßhaft“ und „veränderbar“, unserer eigentlichen menschlichen Natur, in keiner Weise gerecht werden kann und damit unseren Liebsten quasi „verbietet“, sich jemals zu wandeln bzw. zu entwickeln.

Wenn man stattdessen seine Liebsten innerlich losläßt, dann ist man (jedesmal) im Hier und Jetzt angekommen und verharrt nicht mehr im ständigen „Wollen“. Die eigene Energie kann auf einmal ungehindert zu den Liebsten fließen und wird nicht mehr blockiert durch eigenes Festhalten oder Ausüben von Druck. Das heißt nicht etwa, nicht aktiv zu handeln, sondern das Handeln entsteht aus dem Augenblick heraus, ohne festen Plan. Man fixiert sich nicht auf ein Ziel, sondern ist ein Teil des Geschehen. Es bedeutet auch, den Moment, wie erkommt, anzunehmen, den nächsten Schritt zu machen oder zu lassen, dann aber die Folgen davon zu akzeptieren.¹

Und ob wir eher dissimilatorisch oder assimilatorisch veranlagt sind:
Dort beginnt das wirkliche „gemeinsame Wir“.




¹ Dieser letzte Absatz wurde von mir überwiegend dem Buch „Mit Pferden sein… – Das Leben ist einmalig“ von Sabine Birmann, Ippikon Verlag 2017, entnommen.

Danke an Jean-Alain Passard auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 18

„Wenn einer in die Irre geht, dann heißt das noch lange nicht, daß er nicht auf dem richtigen Weg ist.“
Hans Bemmann, Stein und Flöte (1983)

Oh diese Oligoamoren! Ein ganzer Monat Vorarbeit und Feldstudien. Auswählen einer ethnologisch relevanten Gruppe. Richtmikrofon, Aufnahmetechnik und schließlich ein perfekt errichteter, sorgfältig abgetarnter Unterstand ganz in der Nähe ihres allabendlichen „Feuers der Geschichten“. All das, nur um den oligoamoren Eingeborenen eine weitere ihrer grandiosen Legenden abzugewinnen, von denen ich ja weiß, daß sie voller Sinnbilder für die Führung verbindlich-nachhaltiger Mehrfachbeziehungen stecken.
Und dann DAS! Ausgerechnet in dieser Nacht (in der wissenschaftlich relevanten Nacht!) erzählt da einer am Feuer doch tatsächlich das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“. Ja, wirklich! Das aus der Bibel, Lukas-Evangelium, Kapitel 15. Diese total verstaubte Homecoming-Geschichte, bei der es mir hier jetzt sogar zu peinlich ist, sie noch einmal komplett hinzuschreiben. Kann ja jede*r wortwörtlich in der Bibel nachlesen – oder im Internet.
Die ganze Vorbereitung für die Katz, die Feldforschung ruiniert, Erkenntnisgewinn: Null. Die Oligoamoren sind nicht einmal christianisiert. Eigentlich habe ich bisher noch gar nicht herausgefunden, woran sie so glauben – religiös meine ich. Wahrscheinlich ohnehin so ein Potpourri, zusammengetragen von all denen, die es im Laufe der Jahrzehnte zu diesem entlegenen Eiland geschafft haben. Wäre ja auch wieder typisch für die Oligoamoren – wo die doch so auf Potentialvereinigung und „mehr als die Summe der Teile“ stehen…

An Schlaf ist jedenfalls nicht zu denken, ich wälze mich unruhig auf meinem Feldbett hin und her und kann es immer noch kaum fassen. „Verlorener Sohn“ pfff…

Der Horizont färbt sich schon rötlich und kündigt den Beginn des neuen Tages an, da bin ich immer noch wach. Ich hocke vor meiner Büchersammlung, die ich eigens mit auf die Insel habe schaffen lassen. Aber auf Biblisches war ich eigentlich am allerwenigsten vorbereitet und ich habe kaum Literatur zu dem Thema dabei.
Aber dort – links bei den paar Werken zu Religion und Weltanschauungen, da steht ein Bändchen, dessen Umschlag einen Rettungsring zeigt. „Das Schweigen Gottes – Glauben im Ernstfall“ von dem Pfarrer und Professor Helmut Thielicke (erschienen 2000); ich meine dunkel, daß der etwas zu diesem Gleichnis geschrieben hat. Ich ziehe das dünne Taschenbuch hervor und finde tatsächlich auch alsbald die betreffende Stelle:

Der junge Mann ging wohl weg, um sich selbst zu finden.
Damit man sich selbst finden kann, muß man manchmal eigene Wege gehen. Zu Hause, in der Atmosphäre seines Elternhauses, mußte er ja immer tun, was der Vater wollte oder was die häusliche Sitte erforderte. Da fühlte er sich abhängig. Er konnte nicht tun was er wollte, sondern er konnte nur tun, was sich eben gehörte. Und darum gehörte er nicht sich selbst, sondern er gehörte den Gepflogenheiten seines Elternhauses. Da er außerdem nur der jüngere Bruder war, kam er erst recht nicht zu eigener Entfaltung.
Darum ging er weg, um sich selbst zu finden. Man könnte auch sagen: Er ging weg, um die Freiheit kennenzulernen.
Und diese Freiheit, die ihn lockte und die ihm versprach, daß er nun einmal ganz »er selbst« sein dürfe, diese Freiheit erschien ihm als Freiheit von allen Bindungen
.“

Ich pfeife durch die Zähne und sehe mich sogleich ertappt um – gut, daß ich meine Gefährtin nicht geweckt habe. Leise sage ich es in 12 Stunden zum zweiten Mal: „Oh diese Oligoamoren!“ Deswegen also gefällt ihnen diese Geschichte so gut… Weil es darin auch wieder um das Spannungsfeld zwischen Verbindlichkeit und Freiheit geht, welches ich in Eintrag 7 schon einmal beleuchtet hatte…! Neugierig geworden lese ich weiter, was der Professor schreibt:

Nun aber berichtet die Geschichte etwas Merkwürdiges:
Sie sagt uns nämlich, der verlorene Sohn habe all sein Gut mit unrechten Freunden, zweifelhaften Frauenspersonen und anderem üblen Gelichter vertan, sei schließlich an den Bettelstab gekommen, von allen verlassen worden und habe zu guter Letzt die Schweine hüten und aus dem Schweinetrog essen müssen.
Wenn also in seinem Aufbruch ein gewisser idealistischer Schwung gelegen und wenn ihn so etwas wie die Sehnsucht nach der Freiheit getrieben haben mag, so ist er bald kläglich gescheitert. Er suchte die Freiheit und sah sich bald geknechtet an seine Triebe, an seinen Ehrgeiz, an die Angst vor der Einsamkeit, der gegenüber ihm jede*r noch so obskure Gefährt*in recht war; er war geknechtet an das Geld, mit dessen Hilfe er seinen Leidenschaften frönte.
Und also war er nicht frei, sondern er war auf eine neue Weise gebunden. Aber diese Bindung war schrecklicher als alles, was er einmal als häusliche Bindung beklagt hatte.
Was war passiert? Nun ganz einfach dies, daß er sich im Gegensatz zu dem, was er sich vorgenommen hatte, eben selber nicht fand, sondern daß er sich verlor.
Als er sich selber suchte, da meinte er, er würde sich finden, wen er einmal alle seine Anlagen und Gaben zur Entfaltung brächte. Tatsächlich hat er sich dann in der »freien« Fremde ja auch entfalten können. Aber was war es, was sich da als seine »geprägte Form« nun »lebend entwickelte« ?
War es das sogenannte bessere Ich, waren es seine idealistischen Motive, die da zum Zuge kamen?
Vielleicht war das alles auch dabei. Aber jedenfalls entwickelten sich bei seiner Selbstentfaltung auch die dunklen Seiten seines Wesens: Trieb, Ehrgeiz, Angst, Wollust. Indem er sich selbst entfaltete, wurde er gerade an das verknechtet, was sich an dunklen Gewalten in ihm meldete und sich eben mitentfalteten. So saß er schließlich im greulichsten Elend einer Tagelöhnerschaft. So war er plötzlich der letzte Knecht.

Über dem Eiland der Oligoamory geht die Sonne auf – aber ich habe heute keine Augen für dieses Naturschauspiel. Ich sitze da, mit dem Buch in der Hand, wie vom Donner gerührt. Was sich mir nach diesen Zeilen offenbart hat, hat mir den letzten Zweifel genommen, warum die Oligoamoren diese Geschichte so faszinierend finden, daß sie sie in ihren eigenen Geschichtenkanon integriert haben.
Was ich zunächst nur für ein Sinnbild zu dem bekannten Zwiespalt zwischen Verbindlichkeit und Freiheit hielt, entpuppt sich bei tieferer Reflektion als bedeutende Parabel hinsichtlich unserer Motivation und inneren Aufgestelltheit in Sachen (Mehrfach)Beziehung.
Denn da wird ja zu Beginn auch oft von dem „Aufbruch“ (z.B. in die Polyamory) gesprochen. Und so ein verheißungsvoller Aufbruch ist es dann doch auch oft, voller Sehnsucht nach einer neuen Freiheit und voller Idealismus.
Bis – ja, bis wir manchmal schmerzhaft bemerken, daß wir uns selbst auch bei so einem Aufbruch immer „mitnehmen“. Und daß wir – so wie der „verlorene Sohn“ – wohl in neuen Beziehungs- und Gemeinschaftsformen zwar unser Potential entfalten – aber eben buchstäblich unser GANZES Potential: Sowohl das, was im Licht (also bewußt) ist – als auch unsere verschatteten Anteile (was in der Psychologie das „Unbewußte“ genannt wird, und das Anteile enthält, die wir selber nicht gar so gerne an uns wahrnehmen wollen).
Und das, ich weiß es selbst, kann einem die Beziehungssuppe gerade zu Anfang ganz schön versalzen, wenn man plötzlich von persönlichen Unsicherheiten, alten Ängsten, schlecht erlernter Kommunikation, Selbstüberschätzung oder lauernder Bedürftigkeit gebeutelt wird und eigentlich „nur“ auf der Suche nach Freiheit und liebenden Verbindungen war…
Der Zwiespalt zwischen Freiheitswunsch und Ver-Bindung – ja, darum geht es. Nicht aber, wie ich zu Anfang glaubte, im Außen – sondern tief in uns selbst.
Es ist nicht mehr viel Text im Kapitel übrig, darum lese ich rasch, was der Professor für sich aus der Geschichte ableitet:

Nun passiert die zweite Merkwürdigkeit:
Als er so im Elend des Knechtsdaseins sitzt, da sehnt er sich nach der Freiheit, die er als Kind im Elternhaus genossen hatte. Nun weiß er auf einmal, daß sie wirkliche Freiheit war. Ja, er weiß noch mehr: Er weiß nämlich plötzlich, daß Freiheit nicht etwa Bindungslosigkeit ist (die hat sich ja gerade als Knechtschaft entlarvt), sondern daß die Freiheit nur eine besondere Form der Bindung ist.
Freiheit habe ich nur, wenn ich im Einklang mit meinem Ursprung lebe, wenn ich also – so heißt das dann ohne Bild – im Frieden bin. Und als er sich darum zur Heimkehr entschließt, da ist das kein moralischer Entschluß, der ihn auf die lockende Fremde verzichten ließe – mit Ach und Krach und mit jenem moralischen Kater, wie er solche Entschlüsse zu begleiten pflegt –, sondern da ist es eine Wende, die von Freude erfüllt ist. […]
Das liegt daran, daß der Mensch seinem Wesen nach eben nicht eine geprägte Form ist, die sich nur lebend zu entwickeln brauchte, die also alles an Keimanlage in sich trüge, sondern daß er eben ein Wesen ist, daß sich nur dann verwirklicht, wenn es in seine Mündigkeit hineinwächst, und das sich gerade verfehlt, wenn es sich als ein isoliertes Ich und gleichsam als einen Solisten der Lebenskunst sucht.

Still sitze ich da, ein bißchen erschüttert.
Ich begreife, daß „Der verlorene Sohn“ für die Oligoamoren nichts weniger ist als ein uraltes, menschheitsumfassendes Thema.
Welches sich die Menschen überall auf der Welt seit undenklichen Zeiten in Legendenform erzählen, um sich daran zu erinnern. Es ist die selbe Geschichte, welche die Protagonist*innen durchleben müssen, ob im sumerischen „Gilgamesch-Epos“ (2600 v.Chr.), ob in der griechischen „Odyssee“ (800 v.Chr.), ob in den Märchen „Frau Holle“ oder „Das Wasser des Lebens“ (die von den Gebrüdern Grimm ab 1815 verschriftlicht wurden) – oder ob in der „StarWars-Saga“ (ab 1977) oder ob in den „Harry Potter-Geschichten“ (ab 1997).
Es ist das Thema der „Nachtmeerfahrt“, bei der die Heldin oder der Held sich auf eine abenteuerliche Reise begeben, die sich aber genau genommen zu einer Fahrt in das eigene Innere der Psyche entwickelt – und bei der die Helden mit ihren dunklen Aspekten in Form von Leidenschaften, Zwängen und Bedüftigkeiten konfrontiert werden.
Und auch dies berichten all diese alten und neuen Mythen: Kein*e Held*in bleibt von dieser Nachtmeerfahrt unberührt, einige erliegen sogar ihren Herausforderungen, in jedem Fall durchlaufen alle tiefgreifende Veränderungen.

Wenn wir also in die Gewässer rings um den seltsamen Kontinent der Offenen Beziehungen aufbrechen, zwischen den Inseln des vielgestaltigen Archipels der Polyamory kreuzen und dabei vielleicht auch einen Blick auf das entlegene Eiland der Oligoamory erhaschen, dann sind auch wir vielleicht aufgebrochen, um Freiheit, Abenteuer und möglicherweise Vergnügungen zu finden. Wir werden dort aber auch all den Monstern und Ungeheuerlichkeiten begegnen, die wir unerlöst mit uns bringen und dabei heraufbeschwören werden.

Unsere Suchwanderung nach gelingenden Beziehungen, unsere persönliche Queste zum Auffinden unserer Zugehörigen, unseres Soultribes, ist damit zugleich eine Reise, die uns mit der Übernahme von Verantwortung für uns selbst konfrontieren wird. Mit Selbsterkenntnis sowieso – eigentlich müsste ich vielmehr sogar sagen mit „Selbstanerkenntnis“– denn der „Aufbruch in Mehrfachbeziehungen“ gehört sicher zu einer der grundlegendsten Weisen, sich mit seinen eigenen Stärken und Schwächen zu konfrontieren.

Aber die Oligoamoren würden diese Legenden nicht auch deswegen lieben, wenn sie nicht auch trotz allem den möglichen Preis so sehr schätzen würden. Wie der Professor oben am Ende etwas altmodisch sagte: Das Hineinwachsen in die eigene Mündigkeit – und das Erleben von Freiheit in Verbundenheit.

Statt nun „Amen“ zu sagen möchte ich lieber zwei Zitate anhängen, die für mich persönlich das Ganze immer schon sehr berührend ausgedrückt haben.
Das eine stammt ursprünglich von dem französischen Magnetiseur Louis Alphonse Cahagnet (1805-1885) und ist in der Wicca-Religion durch die Hohepriesterin Doreen Valiente (1922-1999) als Teil der „Weisung der Göttin“ bekannt geworden:
Denn wenn du das, was du suchst nicht in dir selbst findest, dann wirst du es auch niemals außerhalb von dir finden“.

Noch schöner – und tröstlicher – hat es für mich dann nur noch der deutsche Schriftsteller und Philosoph Georg Philipp Friedrich von Hardenberg [aka Novalis] (1772-1801) in seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ gesagt:
Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause. Immer nach Hause.“



Danke an Joshua Earle auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 17

Von Pragmatikern und Idealisten

Als ich das Buch „Gemeinschaftsbildung“ von Scott Peck las, erlebte ich gleich im ersten Kapitel etwas für mich unglaublich Beruhigendes. In diesem ersten Kapitel („In Gemeinschaft hineinstolpern“) beschreibt der Autor nämlich seine eigenen ersten Begegnungen mit Gemeinschaftsbildungsprozessen. Und gleich in seinem allerersten Kontakt mit diesem Thema beschrieb er ein Phänomen, welches auch ich genau genommen in allen menschlichen Gruppierungen so wahrnehme – und darum freue ich mich sehr, daß auch einer der prominentesten Vertreter des „Gemeinschaftsbildungsgedankens“ direkt damit konfrontiert wurde.
Natürlich handelte Scott Pecks Erlebnis von einem Gruppenbildungsprozess (an dem er damals selber teilnahm). Im Laufe dieses Prozesses beschreibt er, wie es zu einer Lagerbildung zwischen zwei Gruppen kam, was zunächst den Fluß der Veranstaltung erheblich behinderte:

>> So dauerte es nicht lange, bis jemand bemerkte „Hey Leute, wir haben es vermasselt. Wir haben den guten Geist verloren. Was ist los?“
„Für euch kann ich nicht sprechen“, antwortete einer, „aber ich habe mich geärgert. Ich weiß nicht warum. Es scheint mir, als hätten wir uns in abgehobene Diskussionen über menschliches Schicksal und spirituelles Wachstum verloren.“ Einige Teilnehmer nickten energisch, um ihre Zustimmung zu signalisieren.
„Was ist so abgehoben daran, über menschliches Schicksal und spirituelles Wachstum zu sprechen?“ konterte ein anderer. „Das ist doch etwas ganz Entscheidendes. Da geht’s lang. Darum geht es im Leben. Das ist doch die Basis, um Gottes Willen!“ Andere nickten jetzt ebenso energisch.
„Wenn Du sagst ‚um Gottes Willen‘, triffst Du meiner Meinung nach genau das Problem“, sagte einer derjenigen, die zuerst genickt hatten. „Ich z.B. glaube gar nicht an Gott. Ihr schwatzt über Gott und Schicksal und Geist, als wenn diese Dinge real wären. Nichts davon ist nachweisbar. Darum läßt es mich kalt. Was mich interessiert ist das Hier und Jetzt, d.h., wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, die Masern meiner Kinder, das zunehmende Übergewicht meiner Frau, wie kuriert man Schizophrenie, und ob ich nächstes Jahr nach Vietnam einberufen werde.“
„Man könnte meinen, daß wir anscheinend in zwei Lager gespalten sind“, warf ein anderes Mitglied bescheiden ein.
Plötzlich brach die ganze Gruppe in ein schallendes Gelächter aus, weil er seine Interpretation so milde formuliert hatte.
„Man könnte meinen, daß – ja so ist es – man könnte meinen“, rief jemand laut heraus und schlug sich auf die Oberschenkel. „Ja es könnte möglicherweise so den Anschein haben“, sagte ein anderer und brüllte vor Lachen.
So setzten wir endlich heiter unsere Arbeit fort und analysierten die Spaltung zwischen uns. Wir waren in zwei gleich große Lager geteilt. Das Lager, zu dem ich gehörte, bezeichnete die anderen sechs Teilnehmer als „
Materialisten“.
Die Materialisten wiederum nannten uns „
Gralsritter“. <<

Wenn es Euch nun so wie Scott Peck und mir ergeht – und Ihr in menschlichen Gemeinschaften häufig wahrzunehmen scheint, daß sich z.B. In Gesprächen oder bei Herangehensweisen irgendwann zwei sehr unterschiedliche Ansätze gegenüber stehen – dann könnte das an dem Unterschied zwischen „Pragmatikern“ (Materialisten) und „Idealisten“ (Gralsrittern) liegen.

Pragmatiker
sind Menschen, der sich überwiegend an sachlichen Gegebenheiten ausrichten. Pragmatiker orientieren sich dabei weniger an Prinzipien, sondern überlegen in welcher konkreten Situation sie sich befinden und nutzen dann eine Vorgangsweise, die von – wer hätte das gedacht – Pragmatismus geprägt ist.
Wikipedia sagt dazu: „Der Ausdruck Pragmatismus (von altgriechisch πρᾶγμα pragma „Handlung“, „Sache“) bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten, das sich nach bekannten situativen Gegebenheiten richtet, wodurch das praktische Handeln über die theoretische Vernunft gestellt wird. Die philosophische Tradition Pragmatismus geht davon aus, dass der Gehalt einer Theorie von deren praktischen Konsequenzen her bestimmt werden soll. Daher lehnen Pragmatisten das Arbeiten mit starren oder gar unveränderliche Prinzipien (z.B. auch Maxime, Ideale) häufig ab.
Pragmatismus ist also eine Herangehensweise, wo überlegt wird was machbar ist und welche Auswirkungen das (eigene) Handeln hat.
Eine Stärke der Pragmatiker ist auf diese Weise, daß sie sehr ergebnisorientiert bzw., mehr noch, zielorientiert denken und handeln. Wenn Pragmatiker „Absicht“ sagen, bezeichnen sie damit fast immer bereits eine konkrete Handlungskette.
Wenn Pragmatiker also empfehlen „Nicht soviel denken, einfach machen…“ oder „Nicht verkopft sein, einfach leben…“, dann entspricht diese Aussage gewissermaßen ihrer inneren Natur, da es ihnen leicht fällt, auch situativ sehr schnell ihren Kompaß nach den jeweiligen Gegebenheiten (wieder) zu justieren und dadurch eine konkrete Orientierung hin zum nächsten Ziel bzw. zur nächsten Lösung in Angriff zu nehmen.
Letzteres führt dazu, daß Pragmatiker aus ihrer Sicht eher in einer Welt unterwegs sind, in der das „Sein das Bewußtsein formt“, weil sie überwiegend aus vorhandenen Tatsachen dann Theorien oder Handlungskonzepte für sich ableiten.
Als Varianten der Pragmatiker gibt es „Materialisten“, die letztendlich sämtliche Vorgänge auf das physikalische Wirken der greif- und meßbaren Materie beziehen und persönlich dieser damit auch den höchsten Stellenwert einräumen. Zu diesen zählen daher auch die „Utilitaristen“, die Handlungen oder Gegenstände nach einem Zweckmäßigkeits- bzw. Geeignetheitsgedanken beurteilen.

[Ebenfalls zu den Pragmatikern werden oft auch die philosophischen Strömungen des Hedonismus (basierend auf den Lehren des antiken griechischen Philosophen Aristippos von Kyrene) oder des Epikureismus (benannt nach den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur) gezählt. Diese Selbst- oder Fremdeinordnung muß aber vorsichtig betrachtet werden, da „Hedonismus“ und Epikureismus“ sehr oft in sozialen Kontexten verkürzt mit „Lustmaximierung und Leidvermeidung“ paraphrasiert werden – eigentlich jedoch komplexe Philosophien der Lebensgestaltung nach Gesichtspunkten von Ausgewogenheit und Gelassenheit sind.]

Idealisten‏‎
sind Menschen, die überwiegend – wer hätte das gedacht – nach Idealen streben. „Ideale“ sind dabei meist Vorstellungen eines möglichst vollendeten oder ausgereiften Zustands, dem sie sich in ihren Herangehensweisen annähern wollen. Die „Ideen“, „Maximen“ oder „Prinzipien“ eines „größtmöglichen XYZ“ können dabei auch einem philosophischen, spirituellen oder esoterischen Kontext angelehnt sein, dem sie sich verpflichtet fühlen.

Wikipedia sagt dazu: „Idealismus (abgeleitet von griechisch ἰδέα „Idee“, „Urbild“) bezeichnet in der Philosophie unterschiedliche Strömungen und Einzelpositionen, die hervorheben, dass die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist bzw. dass Ideen bzw. Ideelles die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral ausmachen. Im engeren Sinn wird als Vertreter eines Idealismus bezeichnet, wer annimmt, dass die physikalische Welt nur als Objekt für das Bewusstsein oder im Bewusstsein existiert oder in sich selbst geistig beschaffen ist.

Im
ethischen Idealismus wird davon ausgegangen, dass wir durch vernünftige, verlässliche und verbindliche Überlegungen unser Handeln begründen und regeln können und sollen.“

Eine Stärke der Idealisten ist auf diese Weise, daß sie sehr prozessorientiert bzw., mehr noch, prozessbegleitend denken und handeln. Wenn Idealisten „Absicht“ sagen, bezeichnen sie damit fast immer eine Maxime, die – wie ein Leitstern in der Seefahrt – die Richtung anzeigt, ohne selbst physisch wirklich „erreichbar“ zu sein.
Wenn Idealisten also sagen, daß „…eine Wirkung oder eine Handlung sich aus vielerlei Ursachen zusammensetzt und jedes Vorgehen daher zuvor gründlich überlegt werden muß… (Erst nachdenken/reflektieren – dann handeln) “, dann entspricht diese Aussage gewissermaßen ihrer inneren Natur, da es für sie selbstverständlich ist, allen Begleitumstände zuvor eine ähnlich sorgfältige Betrachtung zuteil werden zu lassen, um zu einer bestmöglichen Vorgehensweise zu gelangen.
Letzteres führt dazu, daß Idealisten aus ihrer Sicht eher in einer Welt unterwegs sind, in der das „Bewußtsein das Sein formt“, weil sie überwiegend aus innerer Anschauung und aus gründlicher Reflektion einer Idee heraus zur Tat schreiten.
Eine Variante der Idealisten sind daher allerdings darum die „Fanatiker“ (in abgemilderter Form auch „Perfektionisten“), die alles und jeden kompromißslos der Erfüllung ihres Vollkommenheitsideals unterwerfen wollen.
[Ebenfalls zu den Idealisten werden oft auch die „Romantiker“ (benannt nach der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik) gezählt. Diese Selbst- oder Fremdeinordnung muß aber vorsichtig betrachtet werden, da „Romantik“ sehr oft in sozialen Kontexten verkürzt mit einem rückwärtsgewandt-sentimentalen Zustand überfließenden Gefühlsreichtums gleichgesetzt wird – eigentlich jedoch auf einer komplexen Philosophie aus Altruismus und Vergänglichkeitsbewußtsein beruht.]

Zwischen Pragmatikern und Idealisten kann es also schnell – wie in dem Beispiel von Scott Peck – gerade im Punkt „gemeinschaftliche Beziehung“ zu Konflikten kommen, weil sich Denk- und Herangehensweisen z.T. so stark unterscheiden, daß das Verhalten der „Gegenseite“ vom jeweils eignen Standpunkt her mißverständlich aufgefasst werden kann.
Die Folge sind oftmals Unverständnis und Kritik.
Auf Pragmatiker können Idealisten mitunter bis zur Erbsenzählerei umständlich und von dieser Welt sehr abgehoben wirken. „Idealisten suchen zu lange im dunklen Zimmer nach der schwarzen Katze, die gar nicht da ist“, würden Pragmatiker eventuell sagen.
Auf Idealisten wiederum können Pragmatiker manchmal unglaublich stumpf und unvisionär wirken. Idealisten könnten z.B. sagen: „Pragmatiker haben gar kein Interesse daran, hinter den Vorhang zu schauen. Ihnen gefällt der Vorhang.

Dabei sind für die meisten menschlichen Projekte beide Ansätze gleichermaßen wichtig: Idealisten überlegen, was wünschenswert wäre, Pragmatiker setzten sich damit auseinander, was machbar ist.
Wenn Pragmatiker keine Ideale haben, drohen ihnen Seichtheit und Banalität.
Idealisten hingegen, die glauben auf Sachbezogenheit verzichten zu können, schweben entweder in den Wolken und setzt nichts um oder sie verzetteln sich in endlosen Streitereien um ein hehres Ziel mit allen anderen.
Pragmatiker und Idealisten können sich deswegen sehr unversöhnlich gegenüber stehen bzw. der Versuch von Kooperation mündet in ein recht fruchtloses „Nebeneinander“.
Oder sie haben die Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten heranzuziehen und zu einer gemeinsamen Synthese zu vereinen, wobei sie sich ergänzen und dadurch ihre extremen Erscheinungsformen abmildern.

Scott Pecks damaliger Gemeinschaftsbildungsprozess geriet übrigens dank des oben beschriebenen allgemeinen Heiterkeitsanfalles glücklich:

>> Wir erkannten, daß es die Materialisten nicht schaffen würden, uns Gralsritter „zur Vernunft“ zu bringen und uns davon abzuhalten unseren Idealen nachzujagen. Gleichzeitig akzeptierten wir Gralsritter, daß wir das andere Lager nicht vom bodenständigen Materialismus abbringen konnten. <<

Mit einer kreativen Lösung konnte sogar ein „Brücke zwischen beiden (Wahrnehmungs)Welten“ geschlagen werden, welche die Stärken beider Modelle vereinte:
>> Wir überlegten, für uns alle einen gemeinsamen, identitätsstiftenden Mythos auszudenken. Wir wollten den Organismus unserer Beziehungsprozesses weder als „rein materialistisch“ noch als „super-spirituell“ konzipieren. So brachte jedes Mitglied eigene Ideen ein, und wir entwarfen gemeinsam eine etwas skurrile Parabel, ein Gleichnis, in dem sich jeder Teilnehmer wiederfinden konnte:
Wir verglichen unsere Beziehungsprozess mit einer Seeschildkröte, die an Land ging, um ihre Eier zu legen, und die sich nun in den Ozean zurückschleppt, um zu sterben. Wie viele Nachkommen schlüpfen und trotz vieler Gefahren den rettenden Ozean erreichen würden, war dem Schicksal überlassen.
<<

Scott Peck resümiert dazu selber:
>> Die Auflösung der Reibung zwischen den „Materialisten“ und den „Gralsrittern“ war meine erste Erfahrung mit Konfliktlösung in einer Gruppe. Ich hatte vorher nicht gewußt, daß es für eine Gruppe von Menschen möglich war, die Unterschiede anzuerkennen, sie beiseite zu legen und sich immer noch zu lieben. In dieser kurzen Zeit konnte ich beobachten, wie Menschen Meinungsverschiedenheiten kreativ nutzten und überwanden. <<

Als Erforscher oligoamorer Lande möchte ich ergänzen: Diese Gruppe besonderer Menschen hatte sich freiwillig miteinander auf einen Gemeinschaftsbildungsprozess eingelassen. Ihre verbindende Stärke war es, daß sie trotz unterschiedlicher Grundkonzeptionen dem „gemeinsamen Wir“ – jenseits aller trennenden Unterschiede – bis zum Schluß den höchsten Stellenwert gaben.

Und da dennoch Idealisten und Pragmatiker im Alltag sehr unterschiedliche Sprachen sprechen können und Verständigung nicht immer gelingt, könnte es hinsichtlich oligoamorer Mehrfachbeziehungen vermutlich wichtiger sein – gerade bei der Wahl von Partner*innen bzw. Konstellationen – nicht so sehr nach FFM, MMF, MFMF…¹ etc. zu fragen, sondern vielmehr nach IPP, PPI, IPIP…



PS: Ich entschuldige mich ausdrücklich, daß ich in diesem Artikel den Plural der Wörter „Pragmatiker“ und „Idealisten“ nicht mit Genderstern versehen habe. Aus meiner Sicht als Autor wäre es diesmal auf Kosten der Lesbarkeit doch recht ungeordnet geworden.

¹ Die Buchstaben beziehen sich auf die häufig auf Dating- und Erotikportalen benutzten Kürzel für Kombinationen von Frau/Frau/Mann, Mann,Mann,Frau etc.

Danke an Anne für die Inspiration und Dank an Simona Robová auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 16 #Kommunikation

Kein guter Tag zum Grillen

In Eintrag 4 schrieb ich, daß ich hinsichtlich der Oligoamory „Kommunikation“ eher als „flexible Stellgröße“ denn als in Stein gemeißelten „Wert“ ansehe.
Die allermeisten Texte, Podcasts und Videos zum Thema ethischer Non-Monogamie betonen „Kommunikation“ als eine der wichtigsten Säulen funktionierender Mehrfachbeziehungen – und das selbstverständlich auch zu Recht und mit gutem Grund. Daher werde auch ich meinerseits in Zukunft garantiert noch den ein oder anderen bLog-Eintrag diesem elementaren Stoff widmen.
Gleichzeitig ist mir in letzter Zeit aufgefallen, daß „gute Kommunikation“ ihrerseits genau genommen ebenfalls „flexible Stellgrößen“ benötigt, um überhaupt stattfinden zu können.
Eine solche Stellgröße sind die eigenen Ressourcen bzw. die eigene Aufgestelltheit der kommunizierenden Personen.
Das mag im ersten Moment seltsam klingen – aber vielfach scheitert Kommunikation doch bereits an dem ersten gut gemeinten Rat: „Setzt Euch doch hin und redet mal vernünftig miteinander!“
Familie ist für kleine Gemeinschaften gelegentlich ein durchaus passendes Übungsfeld, darum bringe ich zu der Problematik, die ich skizzieren will, ein persönliches Beispiel.


So brachte mir meine Tochter am Donnerstag einen dieser berühmten „Informationszettel“ mit. Darin wurde ich als Elternteil über die Details des am direkt folgenden Montagabend stattfindenden „Schuljahrsendtreffen“ mit beiden Klassenlehrern, Eltern und Schülern unterrichtet.
Das Schreiben begann mit dem schönen Satz „Liebe Eltern, wie Ihnen schon von Ihrer Tochter / Ihrem Sohn mitgeteilt wurde, wollen wir am kommenden Montag auf unserem Grillplatz gemeinsam das Schuljahr ausklingen lassen […]“.
Der betreffende Zettel lag Donnerstagmittag irgendwann kommentarlos auf dem Küchentisch (wo ich ihn entdeckte, als ich wegen meiner eigenen Mittagspause den Raum betrat) und – die werten Leser werden es ahnen – es war mir davon bislang kein Sterbenswörtchen im Vorfeld „schon mitgeteilt“ worden.
Nun gebe ich zu, daß bei zwei Kindern in mittlerweile 8 Schuljahren sowohl eine Menge Zettel als auch eine Menge mehr oder weniger wichtige schulische Veranstaltungen an ein geplagtes Elternteil herangetragen werden. Es sind so viele, daß ich mir – um einigermaßen die Übersicht zu behalten – angewöhnt habe, die Ankündigungen nach „Dringlichkeitsgrad“ zu priorisieren. Auf eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch mit dem Mathelehrer über eine einbrechende Leistungskurve reagiere ich daher prompter als auf den Spendenaufruf zum Sportfest oder die Info mit den verschiebbaren Ferientagen. Und ganz am Ende meiner Liste kommen Einladungen zu sozialen Ereignissen, die mit Schule nur noch in sofern zusammenhängen, als daß die Menschen, die sich dort treffen, irgendetwas mit der Klasse 8b zu tun haben (was bei mir individuell außerdem daran liegt, daß ich bezüglich sozialer Zusammenkünfte zur Freizeitgestaltung mit größtenteils fremden Menschen in nahezu keinem Kontext großen Enthusiasmus aufbringe…).
Um eintreffende Nachrichten meinem System von „wichtig“ oder „unwichtig“ zu unterwerfen, muß ich sie nichtsdestoweniger alle zu diesem Zweck wenigstens einmal lesen (das ist immerhin schon mal ein Pluspunkt für mich!).
In diesem Fall wußte ich sogar, daß ich „kommenden Montagabend zwischen 18:00 und 20:30 Uhr“ größtenteils noch mit Tagesarbeit beschäftigt wäre und damit eine plausible Erklärung für meine Nicht-Teilnahme hätte. Ehrlicherweise müsste ich aber zugeben, daß ich für eine persönliche Vorladung durch den Mathelehrer mit einem Krisengespräch zur Leistungskurve selbstverständlich die Kapazität freigeschaufelt hätte (und dies auch nicht mit allzu großem Aufwand für mich verbunden wäre).
Immerhin traf ich meine 14jährige Tochter im Laufe des Donnerstagsabends doch noch einmal an und stellte ihr wiederum frei, ob sie zu dem Grillfest gehen wollte oder nicht („Die Schüler*innen teilen den Lehrern bis Freitag mit, wie viele Teilnehmer*innen aus ihrer Familie in etwa zu erwarten sind […] “). Auch bot ich ihr an, ihr dann etwas zum Grillen zu besorgen. Nun. Eltern von Teenagern ahnen es – die geschätzte Antwort war ein konkret-messerscharfes „Ach, weiß nich’…“.

Manche Ratgeber empfehlen es: Vielleicht wäre hier der Punkt gewesen, zu einem Gespräch über Kommunikationskultur – also quasi Metakommunikation – anzusetzen, angefangen von der allgemeinen Art und Weise des Überbringens schulisch relevanter Nachrichten bis hin zu dem konkreten Formulieren eines Meinungsbildungsprozesses – von dem ja wieder Handlungen weiterer Personen (in dem Fall meine) abhängig gewesen wären.
Kurzum – das tat ich aber nicht und ließ die Sache auf sich beruhen.

Auch wenn diese kurze Begebenheit eventuell jetzt kein so rosiges Licht auf die organisatorischen und rhetorischen Leistungen Heranwachsender wirft – so erzählt sie genau genommen in der Hauptsache etwas über mich.
Was mir klar wurde, als ich am Samstag von meiner Nesting-Partnerin angesprochen wurde, ob ich mich mit meiner Tochter über das Grillfest unterhalten hätte. Und ob ich nachgefragt hätte, was es mit der unterbliebenen Vorankündigung „…wie ihnen schon von Ihrer Tochter / Ihrem Sohn mitgeteilt wurde…“ auf sich gehabt hätte (denn meine Nesting-Partnerin legt als Herrin des Terminkalenders gelegentlich durchaus Wert auf zeitnahe und konkrete Koordinierung).

Hier fehlt doch jemand…?

Wie ist das also mit „meinem Anteil“ an dem (kommunikativen) (Nicht-)Geschehen?
Ich muß zuallererst zugeben, daß ich, Oligotropos, Angelegenheiten, die direkt mich selbst betreffen, an die oberste Stelle setze. Im Verhältnis zu dem beschriebenen Beispiel hätte mich also z.B. ein Schreiben vom Finanzamt, mit meinem Namen als Empfänger darauf, deutlich mehr beeindruckt – und zu einer engagierteren Reaktion geführt. Dabei hat die Schule ja das Ihrige getan, um mich einzubinden – denn mit der Anrede „Liebe Eltern“ war ja ganz eindeutig auch ich gemeint. Trotzdem war ich voreingenommen, indem ich den „Themenkreis Schule“ der Hemisphäre meiner (eben nicht mehr ganz so kleinen) Kinder zugerechnet hatte. Und das nicht so sehr im Sinne von „Ist nicht mein Problem“, sondern mehr im Sinne von „Nicht in erster Linie mein Problem“ – und damit eben nicht Hauptpriorität.
Damit begann für mich jedoch eine „Abwärtsspirale der Verringerung“. Das mag auch daran liegen, daß meine Kinder in der Schule insgesamt ziemlich gut sind. Wodurch ich im Allgemeinen in der Gesamterwartung lebe, daß der „Themenkreis Schule“ sich nicht von heute auf morgen in einen dramatischen Brandherd verwandelt, der meine volle Aufmerksamkeit verlangt (Aber man weiß ja: Gerade hinsichtlich solcher Erwartungen kann einen das Leben gelegentlich recht unversehens überraschen…). So degradierte ich die Begebenheit „Elternbrief & Grillfest“ zu einer „kleinen (Neben)Begebenheit“ und mein Gehirn, stets um kohärente Strukturen bemüht, erledigte die Ablage indem „klein“ mit „schon nicht so wichtig“ synonymisiert wurde.
Wie oben gezeigt, hatte ich meinem „internes Ablagesystem“ aber auch schon eine Steilvorlage geliefert, da mein Gehirn doch meine Abneigung betreffs „sozialer Aktivitäten“ bestens kannte – und so quasi auch noch Schützenhilfe vom „inneren Schweinehund“ bekam. Der „Schweinehund“ wiederum wußte bestens um meinen derzeitigen Erschöpfungszustand durch eine augenblicklich akut erhöhte Arbeitsbelastung bei mir.
Dennoch schaffte ich es, den Elternbrief gegenüber meiner Tochter anzusprechen, da ich für die Einkäufe zuständig bin und das Schreiben besagte, daß „alle ihr Essen und ihre Getränke selbst mitbringen“. „Einkauf“ und „für die Familie sorgen“ haben bei mir nämlich durchaus eine erhöhte Priorität (die ich tatsächlich unter nahezu allen Umständen aufrecht erhalte, sogar, wenn ich ziemlich angeschlagen bin).
Die unentschlossene Antwort meiner Tochter betreffs der Teilnahme war dann allerdings so unmotiviert, daß ich nicht einmal erkennen konnte, ob ich irgendwie zu ihrem Wohlbefinden in Sachen Grillfest beitragen konnte.
Und dies nagelte den letzten Nagel in den Kommunikationssarg: Das „Weiß nich’…“ meiner Tochter bestätigte mir, daß auch für sie das Sommerfest wohl ein Niederprioritätsziel war und ich hakte das Thema ab – als buchstäblich: Nicht der (weiteren) Rede wert. Womit auch jede weitere Unterhaltung über das „Wie“ der Nachrichtenübermittlung mitbegraben wurde. Denn warum noch Disharmonie riskieren, deren Auslöser dann ja auch noch ein Themas wäre, daß von allen beteiligten Seiten mit so wenig Dringlichkeit verfolgt wurde?

Das meinte ich am Anfang mit „Ressourcen“ und „persönlicher Aufgestelltheit“.
Echte Kommunikation wegen des anliegenden Themas, in der alle Beteiligten ihre Interessen darstellen konnten – egal wie diese dann qualitativ ausgefallen wäre – fand bei uns gar nicht erst wirklich statt.
Darum werden wir auch nie erfahren, wie dieses Gespräch abgelaufen wäre – und nur ihr werten Leser lernt hier (lediglich) meine Beweggründe kennen, bei denen es jedoch wichtiger gewesen, wenn es mir gelungen wäre, sie gegenüber den Mitgliedern meiner sozialen Gruppe (hier: Familie) offenzulegen. Auch „Familie“ ist ja genau genommen schon oft eine vollwertige „Mehrfachbeziehung“ (selbst wenn manche Verbindungen – Kinder zu Eltern z.B. – nicht immer auf freier gegenseitiger Wahl beruhen).

Wie beeinflußt also mein obiges Verhalten eventuell so eine „Mehrfachbeziehung“?
Zum einen darf ich natürlich mir und meinen eigenen Bedürfnissen auch in sozialen Situationen einen hohen Stellenwert einräumen. Denn – wie in Eintrag 11 dargestellt – bin ich schließlich der „Held meines eigenen Lebensfilmes“.
Gleichzeitig stehe ich aber nicht über oder neben dieser sozialen Situation, sondern bin Teil davon, womit ich – da ich ja freiwillig an meiner Gemeinschaft teilhabe – zu dem „gemeinsamen Wir“, welches ich in der Oligoamory so häufig zitiere, beitragen möchte. In Eintrag 11 zeige ich daher ebenfalls, daß es für Homo sapiens kein Widerspruch ist, darum in seinen Handlungen Eigennutz und Gruppennutzen zu vereinen, vorausgesetzt daß ein Mensch sich als Teil dieser Gruppe bzw. Horde empfindet.

►Dadurch ist es – auf diese soziale Gruppe bezogen – sehr oft äußerst wichtig, Thema bzw. Gesprächsanlaß von der Gelegenheit zur Kommunikation bzw. dem konkreten Gespräch selber zu trennen (wenigstens im Kopf). Denn sonst stülpe ich meine persönlichen Gründe (z.B. Erschöpfung, Bequemlichkeit, Angelegenheit individuell nicht so wichtig nehmen), die ich mit dem Thema verbinde, der möglichen Gelegenheit zur Kommunikation insgesamt über – und damit meiner ganzen sozialen Gruppe. Welcher ich auf diese Weise a priori eine Mitsprachemöglichkeit gewissermaßen entziehe – und damit meine eigenen Beweggründe an die allerhöchste Stelle für die gesamte Gemeinschaft setze: Das „gemeinsame Wir“ ist mir dabei verlorengegangen.

Und dies war ja in meinem Beispiel nicht einmal ein bewußt-absichtsvoller Prozeß von mir, sondern fußte auf einer Reihe individueller Gegengründe, die infolge meiner situativen Befindlichkeit aus meiner Sicht sehr nachvollziehbar ineinander griffen.
Trotzdem habe ich mir durch diesen kurzfristigen Erfolg (Ich muß jetzt nicht zum Grillfest gehen/beitragen) mehrere wichtige Chancen in Bezug auf meine Gemeinschaft verbaut:
Ich habe eigentlich nicht erfahren, ob Töchterlein wirklich zu dem Abschlußfest gehen wollte oder ob sie nur recht deutlich gespürt hatte, daß ich „die Sache“ eigentlich für mich schon entschieden hatte. Schließlich agieren ja auch die anderen Teilnehmer unserer sozialen Gruppe „reziprok“ – also beziehen wiederum in die eigenen Wünsche und Entscheidungen die Befindlichkeiten der Anderen als Wechselwirkung mit ein (insbesondere Kinder oder sensiblere Individuen).
Genauso bin ich einem Gespräch hinsichtlich der möglichen Verbesserung der Gesamtgesprächskultur aus dem Weg gegangen – und habe dabei ganz genau genommen sogar noch ein Paradebeispiel für schlumpfigen Umgang damit geleistet.
Wodurch ich obendrein mir selber die Gelegenheit genommen habe, mich gegenüber meinen Lieblingsmenschen offen zu zeigen, mit meiner evtl. Überforderung oder meinen Bedürfnissen.
Auf diese Weise ist das, was ich in der Oligoamory als die Kernkompetenz des „gemeinsamen Wirs“ ansehe, nämlich die gemeinsame Ressourcenvereinigung und die Kraft der Unterstützung daraus, gar nicht erst zur Entfaltung gekommen.
Selbstverständlich hätte am Ende das Ergebnis das Gleiche sein können: Vielleicht hätte die Gruppe nicht genug Kapazität gehabt, so kurzfristig das Projekt Grillfest irgendwie zufriedenstellend noch im Terminplan unterzubringen. Oder es hätte sich tatsächlich erwiesen, daß ohnehin wirklich niemand Lust darauf gehabt hätte.
Aber mehr Köpfe hätten vielleicht auch ganz erstaunliche Möglichkeiten gefunden oder überraschende Motivation gezeigt – die ich in meinem eigenen müden und harmoniebedürftigen Kopf allein gar nicht hätte vorhersehen können.
Plus: Auch Kommunikation kann, wie jede Fähigkeit, am Besten durch Übung verbessert werden. Sogar, wenn dafür ein nicht völlig harmonisches Gespräch in Kauf genommen werden müsste, weil auch das „wie“ (Zettel wortlos auf dem Küchentisch) dabei auf die Tagesordnung gekommen wäre.

Manchmal benötigen wir also den Mut, nicht „alles mit uns alleine abzumachen“. Insbesondere, wenn wir uns als Teil einer engen Gemeinschaft sehen. Selbst Dinge, die wir selber als vermeintliche Kleinigkeiten einstufen, werden höchstwahrscheinlich das Ganze – und damit alle anderen Beteiligten – auf irgendeine Art berühren.
Unser wechselseitiges Vertrauen können wir deshalb am meisten durch die Transparentmachung unserer persönlichen Beweggründe stärken.
Es ist möglich, daß uns dabei am Ende des Tages klar wird, daß diese „guten Gründe“ für die Anderen nicht ganz so heldig oder nachvollziehbar waren, wie wir selber dachten.
Aber die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, daß wir von unserer Gemeinschaft und dem „mehr als die Summe ihrer Teile“ profitieren werden, weil uns von unerwarteter Seite Unterstützung oder wenigstens Verständnis zukommen wird.
Ich hoffe, daß mir nächstes Mal dieser freundliche Gedanke rechtzeitig hilft, wenn ich einem Gespräch von vornherein aus dem Weg gehe, weil ich glaube über nicht genügend Kapazität dafür zu verfügen.




Danke an sacriba von sacriba’s Blog für die Nachfrage hinsichtlich der „guten (persönlichen) Gründe) und Dank für das Küchentischbild an Jill Wellington auf Pixabay.

Eintrag 15 #Vertrauen

Trau, schau, wem? (Volkstümliches Sprichwort)

Ich finde das oft schwierig, überhaupt irgendjemanden kennenzulernen. Zu Anfang gibt es ja noch so gar kein Vertrauen, auf das man aufbauen könnte...“
Das sagte neulich ein*e Freund*in zu mir, als wir über Mehrfachbeziehungen sprachen.
Und obwohl dies im ersten Moment vollkommen nachvollziehbar klingt, gibt es dennoch zu jeder Zeit für die meisten von uns sogar schon zwei Arten von Vertrauen, die uns in so einem (schönen) Fall bereits zur Verfügung stehen.
Zwei?
Ja, richtig gelesen.
Und mit der eher unbekannteren Form, nämlich dem sogenannten „Swift Trust“ (deutsch etwa:„Rasches Vertrauen“), möchte ich heute ganz geschwind beginnen.

Swift Trust

Die „Swift Trust Theory“ wurde erstmals im Jahr 1995 von dem Neuropsychologen D. Meyerson, dem Organisationstheoretiker K.E. Weick und dem Sozialpsychologen R.M. Kramer in der Aufsatzsammlung „Vertrauen in Organisationen: Grenzen von Theorie und Forschung“ (erschienen bei Sage-Publications, London) formuliert.
Genau genommen beschrieben sie eine menschliche Dynamik, welche sie in unternehmerischen Zusammenhängen beobachtet hatten, nämlich wenn fremde Menschen einigermaßen plötzlich als Team zusammenarbeiten mußten.
Also: Zu einem Zeitpunkt, an dem weder zeitlich noch auf Grund von bereits bestehender Bekanntschaft irgend ein Kriterium für echtes Vertrauen erfüllt war.
Obwohl „Swift Trust“ also ursprünglich eine Erscheinung aus der Welt der Arbeits-Verhältnisse ist, glaube ich dennoch, daß es einige Kriterien davon gibt, die ebenfalls beim Kennenlernen und Verlieben für „Normal-Beziehungen“ ausschlaggebend sind (beobachtet Euch selbst!):

  • Orientierung: Da alle neu sind und die Situation noch nicht wirklich überschauen/abschätzen können, entsteht tatsächlich eine verbindende „Gemeinsamkeit“. Zusätzlich wird in solch einer noch unübersichtlichen Lage bei allen Beteiligten Adrenalin ausgeschüttet – wie bei dem berühmten „Brückenexperiment“¹, was einen zusätzlichen Anreiz zur Kooperation setzt.
  • Normativität: Ungewissheit läßt die meisten Menschen quasi wie ein „Sicherheitsnetz“ sehr stark auf angepaßte bzw. normierte Verhaltensweisen als „Krisenmodus“ zurückschalten. Umso erfolgreicher ist dabei, wer extreme Handlungen oder Äußerungen vermeidet und sich damit als verläßlich bzw. berechenbar positionieren kann.
  • Erwartungen: Ja, auch das ist belegt. Auch die jeweiligen Erwartungen an einen erfolgreichen Verlauf schaffen eine weitere „Gemeinsamkeit“ (obwohl die Details dessen, „was“ diesen Erfolg ausmachen soll, individuell stark abweichen können).
  • gleichartig ausgerichtete Aktivitäten und gemeinsame Belohnung(en): Sind quasi anfängliche „Verstärker“, welche die Möglichkeit einer Synchronisierung der Beteiligten erleben lassen (Deswegen balzen z.B. auch Tiere in komplexen aufeinander abgestimmten Mustern, um immer mehr Nähe [zu einem sonstigen Konkurrenten] zulassen zu können).
  • Der Eindruck starker wechselseitiger Aufeinanderbezogenheit: Für unser Gehirn gilt: Auch das Sein beeinflußt das Bewußtsein. Wenden wir uns gerade in einer Anfangsphase wechselseitig einander intensiv zu, nimmt unser Gehirn gerne das „Teil für’s Ganze“ – und erzeugt den Eindruck, daß es wohl bei soviel Vertrautheit schon eine gemeinsame Grundlage gibt (die realistischerweise noch nicht etabliert sein kann).
  • knappe Zeit: Viele erste Treffen sind situativ oder nur punktuell, meistens jedenfalls nicht alltäglich. Ähnlich wie im Brückenexperiment¹ fokussiert unser Wahrnehmungsapparat in solchen Situationen auf das Naheliegende (für egoistische oder unproduktive Aktivitäten, die uns in schlechtem Licht zeigen könnten, ist erst einmal gar kein Raum).
  • ausreichende Ressourcen (materiell oder psychisch): Auf einem Konzert kennengelernt, in einer Kneipe oder auf einem Seminar? Das alles sind in gewisser Weise „Wohlfühlumgebungen“ für uns, in denen wir uns – wenn auch nicht völlig „sicher“ – als „in Fülle“ bzw. auf jeden Fall in einer „Vorzugssituation“ erleben. Wir agieren großzügiger und unbesorgter.
  • starke Prozessorientierung: Persönliche Problemen oder individuelle Kritik werden in diesem Modus meistens weit nach hinten gestellt. Die allgemeine Priorität ist „…daß es erst mal möglichst reibungslos Fahrt aufnimmt“.

Die Kritik – auch die wissenschaftliche – an der „Swift Trust Theorie“ liest sich wie guter freundschaftlicher Rat: Dieses „Rasche Vertrauen“ ist in jedem Fall ein menschlicher Mechanismus zur Reduktion von Komplexität in einer unvertrauten Situation. Damit erfüllt es viele Kriterien, die z.B. auch in Modellen zum Krisenmanagement enthalten sind.
Und schon unsere Mütter sagten: „Niemand kann sich länger als 14 Tage verstellen.“ Womit sie auch beim „Raschen Vertrauen“ Recht behalten werden, denn bei langfristigerer Kooperation von Menschen erhält die Komponente „Kommunikation“ eine immer höhere Bedeutung. Gerade gute Kommunikation (oder vielmehr das Ausbleiben derselben) stellte sich aber als echte Achillesferse der „Swift Trust Theorie“ heraus, da diese Art von anfänglichem (Vor)Vertrauen für das grundlegende Vermitteln von Vertrauenswürdigkeit zwar elementar ist, aber als eben nicht als Ganzes für einen stabilen Beziehungsaufbau ausreicht.

Doch ich schrieb ja von „zwei“ Arten von Vertrauen, die uns auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse betreffs unseres Gegenübers zur Verfügung stehen. Gibt es für uns also noch eine solidere Komponente als das „Rasche (Vor)Vertrauen“?
Ja – aber über diese Variante verfügen nicht alle von uns in gleicher Menge. Es handelt sich nämlich um das

Selbstvertrauen

Über etwas Selbstvertrauen zu verfügen ist in unvertrauten Situationen – insbesondere in Hinsicht auf andere Menschen – von großem Vorteil. Denn dies bedeutet ja nichts weniger, als daß wir auf diese Weise auch in unsere Kompetenz vertrauen, mit eventuellen Herausforderungen oder sogar Schwierigkeiten umgehen zu können. Wenn wir so überwiegend der Überzeugung sind, daß da nahezu kommen kann was will und wir uns diesbezüglich zutrauen, damit fertig zu werden, dann haben wir insgesamt weniger Angst – und das ist eine sehr wichtige Vorbedingung für echtes wechselseitiges Vertrauen.
Mit ausstreichendem Selbstvertrauen gelingt es uns ebenfalls besser, die anderen als „Helden in ihrem eigenen Lebensfilm“ (wie in Eintrag 11) anzusehen – die vielleicht mal unglücklich agieren, grundsätzlich aber, so wie wir selber auch, gute Absichten verfolgen.

Mangelndes Selbstvertrauen hingegen führt dazu, daß wir beginnen ängstlich zu werden, wodurch wir schnell in „Verteidigungsbereitschaft“ oder eine Abwehrhaltung gehen – denn dann glauben wir, daß wir anderen „nicht gewachsen“ sind, bzw. wir stufen uns selbst als „schwächer“ ein.
Selbstvertrauen hat durch diese Verknüpfung leider eine Menge mit unserer Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen zu tun. Und diese Grundeinstellung wiederum ist sehr stark von unseren Erfahrungen während unseres Aufwachsens beeinflußt worden.
„Negative“ elterliche Bindungsstile, wie ich sie in Eintrag 14 beschrieben habe, verfolgen uns bis in unser Erwachsenenleben:
Ängstliche“ Bindungen haben z.B. den Glauben an unsere Selbstwirksamkeit untergraben, indem wir vielleicht überbehütet wurden und selten eigene Erfahrungen machen durften.
Vereinnahmende“ Bindungen stellten (zu) hohe Anforderungen an uns, bei denen wir uns als scheiternd oder als „nie genug“ erleben mußten.
Und in „abweisenden“ Bindungen erfuhren wir möglicherweise keine Unterstützung in Notsituationen bzw. daß Zusagen an uns selten eingehalten wurden.
Solche Lernerfahrungen aber vermitteln Menschen, daß sie weder den eigenen Fähigkeiten, noch anderen Personen, noch dem Leben selbst wirklich vertrauen können.

Leider haben sowohl die sozialen als auch die psychologischen Forschungen der letzten 25 Jahre erwiesen, daß nicht nur wir selber Opfer einer so „erlernten“ Haltung werden, sondern daß auch alle Personen, mit denen wir interagieren, diese Haltung – die sich ja oft in irgendeinem Maß von persönlicher Distanz oder innerer Reserviertheit niederschlägt – durchaus, wenn auch vielleicht nur unbewußt, registrieren.
Dies kann schlimmstenfalls zu dem Phänomen der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ führen, in dem unsere innere Haltung exakt die Resultate und Reaktionen bei anderen Menschen hervorruft, die wir befürchten. Denn genau unsere Haltung aus Vorbehalt – oder zumindest Zurückhaltung – macht uns für die andere Seite zu „Wackelkandidaten“, die schwer einzuschätzen sind und bei denen es schwierig ist, den Mut zur Investition in ein Vorvertrauen aufzubringen.

Gemäß der deutschen Wikipedia bezeichnet Vertrauendie subjektive Überzeugung von der (oder auch das Gefühl für die oder Glaube an die) Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen. Vertrauen kann sich auf andere oder das eigene Ich beziehen.“
Da ein angeschlagenes (Selbst)Vertrauen tiefe Ursachen hat, die nicht mit schlichtem positiven Denken oder einem 14tägigen Programm zur Verhaltensänderung aus der Welt geschafft werden können, möchte ich hier – wo ich mich ja hauptsächlich in der Welt verbindlich-nachhaltiger Nahbeziehungen bewege – drei mögliche Anregungen oder Hilfestellungen geben, die auch bei mir selber zumindest zeitweise gute Wirkung entfalten:

  1. Im weltweiten Netz surfe ich mit einem Adblocker und in sozialen Netzwerken blockiere ich ungeliebte Inhalte. Im wahren Leben „da draußen“ geht es zwar manchmal wie im Internet zu – trotzdem habe ich dort selbst maßgeblich die Wahl, mit welcher „Voreinstellung“ ich mich bewege. Die oft gewählte Schutzhaltung „Das Schlimmste annehmen, damit man wenigstens nicht enttäuscht wird“ ist bei Begegnungen mit echten Menschen fast nie sinnvoll, denn im schlimmsten Fall habe ich mich vielleicht selber geschützt – doch auch im besten Fall passiert dann höchstwahrscheinlich schlicht gar nichts. Denn nur, wenn ich mich mit „deaktiviertem Menschenblocker“ wenigstens etwas öffne, habe ich überhaupt die Chance auf irgendeine menschliche Begegnung. Und die kann ja nur dann wirklich weiter führen, wenn mein ausgeschalteter „Block“ der anderen Person signalisiert, daß wiederum ihre Zukunftserwartung in mich aussichtsreich ist.
  2. Wie in Eintrag 11 „Held im eigenen Film“ gezeigt, ist meine eigene Haltung ein direkter Beitrag zu einer zugewandteren Welt.
    Einmal färbt mein Sein selbstverständlich wieder direkt mein Bewußtsein: Wenn ich mißtrauisch bin, ist die Wahrscheinlichkeit exorbitant hoch, daß ich auch Mißtrauen erleben werde.
    Andererseits hilft manchmal tatsächlich etwas Zweckidealismus: Der Gedanke, daß „da draußen“ liebenswerte und vertrauenswürdige Menschen sind, macht mich selber friedlicher. Dadurch bin ich selber quasi mein eigener Beitrag zu einer „besseren Welt“. Auf diese Weise kann ich bereits in einer ersten kleinen Dimension Selbstwirksamkeit erfahren, was definitiv eine Basis für jeden weiteren Aufbau von gesundem Selbstvertrauen legt.
  3. (für Fortgeschrittene): Sehe ich mich dennoch enttäuscht, weil andere mich meiner Meinung nach eventuell ausnutzen oder ablehnen, versuche ich, meine Enttäuschung und meine Wünsche mitzuteilen. Wird von der anderen Seite das Verhalten fortgesetzt, erhalte ich für mich einen Moment großer Klarheit darüber, daß die Person gegenüber momentan nicht zu meinem Wohlergehen beitragen möchte. Da ich nicht wissen kann, was ihre Beweggründe dafür sind (und ich in so einer Konstellation dann oft genug mit mir selber zu tun habe und ich dann selten Ressourcen zur Klärung habe) kann ich mich aus dieser Situation entfernen bzw. den Kontakt zu dieser Person auf das notwendige Maß begrenzen.
    Das ist aber schon ein Riesenfortschritt, weil es eine situationsbezogen angepaßte Reaktion von mir ist. Und so kann ich selbstwirksam gezielt reagieren statt mit voreingestelltem „Blocker“ in eine Gesamtvermeidungshaltung zu verfallen, die mir von vornherein jede Möglichkeit auf potentielle Lebensfreude trübt.

¹ Schon 1974 veröffentlichten die amerikanischen Psychologen Donald Dutton und Art Aron in der Zeitschrift „Journal of Personality and Social Psychology“ ein Experiment, das sie auf zwei Fußgängerbrücken über dem Capilano Canyon in North Vancouver durchgeführt hatten. Dieses belegte eine erhöhte „Vertraulichkeitswahrscheinlichkeit“ unter unsicheren Außenumständen.

Danke an die Psychotherapeuten Doris Wolf und Rolf Merkle und ihrem Buch „Verschreibungen zum Glücklichsein“ (pAl-Verlagsgesellschaft 2017), in dem in knapper Form Zusammenhänge rund um das Thema „Vertrauen“ dargestellt sind.
Und Dank an Purnomo Capunk auf Unsplash.com für das Foto.

Eintrag 14

Amor und Psyche

Das Gespräch mit dem Oligoamoren letzte Woche hat mich nachdenklich gemacht. Irgendwie glaube ich immer noch, daß diese außergewöhnlichen Menschen über einen besonderen „6. Beziehungssinn“ verfügen, der uns „Normalsterblichen“ so meistens nicht zur Verfügung steht.
Und obwohl ich ja nun von den Oligoamoren schon ein paar Dinge abgeguckt habe, die die Grundlage guter (Mehrfach)Beziehungsführung bilden, so frage ich mich nun doch wieder, was uns denn eigentlich manchmal hindert, trotz dieses Wissens ein gutes Fundament für eine haltbare Beziehung zu etablieren.
Gibt es dazu auch außerhalb des entlegenen Eilands der Oligoamory meßbare Größen, die begründet die Qualität einer (Liebes)Beziehung beschreiben können?

So grabe ich mich eine Woche durch die Archive der alten Welt und entdecke – beinahe durch einen Zufallsfund¹ – die „Bestandsaufnahme zu Nähe in Beziehungen“ – Eine Einschätzung zur Nähe in zwischenmenschlichen Beziehungen – aus der „Zeitschrift für Persönlichkeit und Sozialpsychologie“ No. 57, S. 792-807, von E. Berscheid, M. Snyder und A.M. Omoto aus dem Jahr 1989.
Wenn mich jemand fragt, warum ich ausgerechnet diese Untersuchung, die ja dieses Jahr nun schon ihren 30. Geburtstag feiert, hervorkrame, dann möchte ich dies kurz erklären: Die „Nähebestandsaufnahme“ der oben genannten Wissenschaftler aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts bildete eine Grundlage für zahlreiche weitere Forschungen des zwischenmenschlichen Bindungsverhaltens, die bis heute andauern. „Bestandsaufnahme“ ist in dem Fall übrigens ganz wörtlich zu nehmen, denn aus den Parametern der Untersuchung wurde eine Art „Beziehungstest“ zusammengestellt, der bis heute im Internet absolviert werden kann (leider nur als englische Version verfügbar). In den letzten drei Jahrzehnten ist dieser „Test“ selbstverständlich viele Male, und nicht immer ernsthaft, abgerufen worden, um für Neugierige die vermeintliche „Güte“ ihrer Beziehung zu bestimmen.
Dennoch waren Berscheid, Snyder und Omoto wichtigen Ausgangspunkten auf der Spur. Sie ermittelten für eine „gute Nähebeziehung“ namentlich die Einflussgrößen a) „Häufigkeit von Interaktion“, b) „Vielfältigkeit von (gemeinsamen) Aktivitäten“ und c) „Stärke der (wechselseitigen) Einwirkung der Beziehungsperson(en) “.
Allein die Betrachtung der Häufigkeit von Interaktion zeigte, daß „Nähe“ in einer Beziehung nicht nur von einer rein „metaphysische Komponente“ im Sinne von „sich jemandem verbunden fühlen“ bestimmt wird, sondern ganz buchstäblich direkt von konkret miteinander verbrachter Zeit qualitativ abhängt [Ich hebe dies hervor, da bis heute insbesondere in den freiheitsbetonenden Kreisen der Polyamory – z.B. um Fern- und Wochenendbeziehungen aufzuwerten – dieser Zusammenhang immer noch regelmäßig relativiert wird. Er ist aber zutiefst menschlich, real – und elementar.].
Sehr irdisch-menschlich waren auch die Überlegungen hinsichtlich der Vielfältigkeit der Interaktionen, da die Wissenschaftler dort keinesfalls besonders ausgefallene Unternehmungen ansetzten, sondern vielmehr eine breite Palette alltäglicher Aktivitäten beschrieben (wie z.B. gemeinsames Wäschemachen, Besuch von Freunden – aber durchaus auch einen Konzertbesuch), welche dem Erleben von „Nähe“ in einer Beziehung förderlich sind.
Die dritte „Achse“ ihrer Variablen bildete die wechselseitige Einflußnahme der Beziehungsmenschen aufeinander, was die persönlichen Entscheidungen und Pläne betraf. Dies war ein wegweisender Gedanke – den ich persönlich als äußerst oligoamor empfinde – da die Wissenschaftler damit erstmals ein Maß für ein überpersönliches „gemeinames Wir“ formulierten. Also eine Betrachtung all der kleinen Gesten und Zugeständnis, die Menschen in einer echten Beziehung füreinander aufbringen, um zusammen wirkliche Gemeinschaftlichkeit und Verbundenheit zu erleben.
Indem in der Arbeit von Berscheid, Snyder und Omoto erstmals alle drei Faktoren (a-Häufigkeit, b-Vielfältigkeit, c-Aufeinanderbezogenheit) verbunden wurden, konnten auch erste Aussagen über die Belastbarkeit von Beziehungen abgeleitet werden. Denn damit stellte sich auch heraus, wie wichtig das Erfahren von „Nähe“ für essentielle Beziehungsbausteine wie z.B. Verbindlichkeit, Verläßlichkeit, Teilhabe und Identifikation ist. Und als bLogger über Oligoamory möchte ich hinzufügen: Und damit also auch für den „Nachhaltigkeitsfaktor“ einer Beziehung (siehe Eintrag 3).

Die „Nähebestandsaufnahme“ nach Berscheid, Snyder und Omoto brachte in den darauffolgenden Jahren allerdings regelmäßig weitere Wissenschaftler*innen auf den Plan, die bemerkten, daß das Optimieren von „Häufigkeit“, „Vielfältigkeit“ und „Aufeinanderbezogenheit“ zum Gelingen einer Beziehung trotzdem nicht immer ausreichte – oder vielmehr: Daß die Beziehungspersonen dieses „Optimieren“ oftmals scheinbar selbst sabotierten.
Eine der wichtigsten Untersuchungen zu diesem Thema verfassten die Forscher K. Bartholomew und L.M. Horowitz, betitelt „Bindungsstile unter jungen ErwachsenenTest eines vier-Kategorien Modells “ – in der „Zeitschrift für Persönlichkeit und Sozialpsychologie No. 61, S. 226-244 im Jahr 1991.
Bartholomew und Horowitz setzten nämlich noch einen Schritt vor Berscheid, Snyder und Omoto an, und zwar mit der Frage „warum“ Menschen miteinander überhaupt (Liebes)Beziehungen eingehen würden. Da sie bemerkten, daß manche Menschen durch die oben erwähnte „Selbstsabotage“ regelmäßig Schwierigkeiten beim Eingehen und Aufrechterhalten ihrer Liebesbeziehungen hatten, versuchten sie mittels Befragungen mögliche Ursachen zu ermitteln. Und weil Störungen in der Eltern-Kind-Bindung in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts bei Tieren und Menschen vielfach untersucht worden waren (maßgeblich Harry Harlow, John Bowlby), vermuteten die Wissenschaftler einen Zusammenhang mit erlernten „Bindungsstrategien“ in der Kindheit und fragten daher sowohl nach dem Selbst- wie auch nach dem Fremdbild, welches die Proband*innen im Laufe ihres Aufwachsens entwickelt hatten.
Die Ergebnisse sollten sich an einem zwei-Achsen-Modell orientieren, wobei jeweils „besitzergreifend“ vs. „abweisend“ und „sicher“ vs. „ängstlich“ Gegensatzpaare bildeten.
Auf diese Weise identifizierten die Psychologen in der Tat bei ihren erwachsenen Teilnehmer*innen einen Zusammenhang hinsichtlich unterschiedlicher Bewältigungsstrategien für ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Nähe in der früheren Eltern-Kind-Beziehung mancher Proband*innen:
Wer z.B. „Opfer“ eines eher abweisenden elterlichen Stils geworden war, versuchte in der Gegenwart in seinen (Liebes)Beziehungen überwiegend nun ein positives Selbstwertgefühl dadurch aufrechtzuerhalten, daß andere abgewertet wurden.
Bei Menschen, die einen ängstlichen Stil erfahren hatten, schlug sich die erlittene Zurückweisung in Minderwertigkeitsgefühlen und manchmal auch in Vermeidung allzu intensiver Vertrautheit nieder – was tendenziell schon den Aufbau einer Liebesbeziehung deutlich erschwerte.
Die jungen Erwachsenen aus besitzergreifenden Elternhäusern wiederum zeigten in ihren Liebesbeziehungen eher eine Tendenz zu Unselbständigkeit – bis hin zu Selbstaufgabe und Überidentifikation mit ihren Partner*innen.
Interessanterweise zeigte sich aber auch, daß für eine „sichere“ Bindung ebenfalls immer ein Mindestmaß an Anhänglichkeit sowie ein Bezogensein auf den Partner vorhanden sein mußte.
Das „Zwei-Achsen-Modell“ erlaubte nachzuweisen, daß es bei all diesen Erscheinungen zahlreiche Mischformen und sogar widerstreitende Tendenzen geben konnte.
Diese Basisergebnisse wurden in den Folgejahren durch ergänzende Untersuchungen mehrfach abgemildert, da die Befunde ansonsten einen zu hohen Grad an „pathologischer“ Beziehungsführung nahegelegt hätten, wenn nur das Maß elterlicher Zuwendung in der Kindheit für die Beziehungsfähigkeit allein ausschlaggebend wäre (M.W. Baldwin et al. 1996²). Denn es stellte sich zusätzlich heraus, daß Peergroup und Freundeskreis in der späteren Pubertät und beim Eintritt ins Erwachsenenalter einen nahezu gleichwertigen Effekt haben konnten – der dann in der Lage war „Vorschädigungen“ evtl. zu verstärken oder sogar vollständig aufzuheben.
Daß unsere Vergangenheit jedoch immer „mitliebt“, insbesondere was unsere Motivationen angeht warum und wie wir uns „in Beziehung begeben“, erwies sich in das 21. Jahrhundert hinein allerdings als immer deutlicher.

Als wichtiges Beispiel möchte ich darum zuletzt die Studie „Übermäßiges Konkurrenzdenken und Beziehungen: Weitere Auswirkungen auf Liebesbeziehungen, Familie und Peers“ in der Zeitschrift „Psychologie“ No.2, S. 269-274 der Forscher B. Thornton, R. Ryckman und J. Gold aus dem Jahr 2011 hinzuziehen. Denn wiewohl auch diese Betrachtung auf den beiden zuvor genannten aufbaut, zeigte sie trotzdem, daß auch „äußere Faktoren“ in der Gegenwart unsere Beziehungsfähigkeit beeinträchtigen können: Indem wir nämlich derzeit in einer Welt leben, die sehr stark einen „Kult des Individuums“ unterstützt und in der Nähebeziehungen gerne als „unzeitgemäß“ oder „klebrig“ und damit als Modell für Konventionalität oder gar als Beispiel für wechselseitige Abhängigkeit herhalten müssen. Da Nähe dennoch ein menschliches Grundbedürfnis bleibt, finden wir uns allerdings trotz solcher Anschauungen oft in Beziehungen zusammen – und aktuell werden ja gerade Mehrfachbeziehungsformen als Universallösung für unser Drama aus Individualismusstreben und Nähewunsch angepriesen.
Wenn wir allerdings in solchen Beziehungen (nur) auf unsere Individualität und die Erfüllung unserer damit verbundenen Bedürfnisse beharren, ohne die von Berscheid, Snyder und Omoto eingangs erwähnte Aufeinanderbezogenheit und Selbstzurücknahme zu berücksichtigen, dann betreten wir sehr schnell das Territorium des „Übermäßigen Konkurrenzdenkens“ (englisch: Hypercompetitiveness).
In ihrer Arbeit dazu konnten Thornton, Ryckman und Gold nämlich nachweisen, daß in solchen „Wettbewerbsbeziehungen“ ein hoher Grad an Selbstsucht, geringer Einlassung bzw. Oberflächlichkeit und Zweckdienlichkeit vorherrschte. Auch gelang es ihnen zu zeigen, daß die emotionale Unterstützung in solchen Beziehungen geringer ausfiel, das Konfliktpotential erhöht war und auch oft eine höhere Motivation bestand, das Verhalten der anderen Partner übermäßig zu kontrollieren. Selbst für uns Laien ist auf diese Weise zu erkennen, daß solche Merkmale bereits sowohl egoistischen wie auch narzisstischen Tendenzen den Weg bereiten.
Und Hand auf’s Herz – Spuren von übersteigertem Vergleichsdenken bringen wir heutzutage alle ein wenig in unsere (Liebes)Beziehungen ein: Sei es, wenn wir die Anderen stets korrigieren, an ihnen mäkeln oder sie vorführen, sei es, wenn wir ausgerechnet unsere Beziehungsmenschen als Vergleichspunkte wählen, wo sie oder wir „besser“ oder „schlechter“ wegkommen, oder sei es, wenn wir felsenfest überzeugt sind, alles selber schaffen zu müssen, weil auf niemand anderen Verlaß ist.

Amor und Psyche von Antonio Canova (Paris, Louvre)

Als ich schließlich aus den Archiven psychologischer Labore und Fragebögen wieder an das Tageslicht zurückkehre, bin ich genau genommen nachdenklicher als zuvor. Denn die moderne Wissenschaft scheint zu belegen, was die alten Griechen und Römer wohl schon vor gut 2000 Jahren wußten: Daß in uns die Kräfte von Amor und Psyche nach wie vor zahlreiche Abenteuer zu bestehen haben, bevor sie wirklich eine Beziehung auf Augenhöhe miteinander eingehen können. Und wir demgemäß mit unseren Lieblingsmenschen.
Wenn ich in dieser Art die Wissenschaftler*innen der Neuzeit als die modernen Dolmetscher*innen unserer verborgenen Innenwelt ansehe, eine Rolle, die in alten Zeiten eben von Geschichtenerzähler*innen und Poet*innen übernommen wurde, dann wollen auch sie uns zeigen, daß es für menschliche Beziehungen keine einfachen Antworten gibt.

Berscheid, Snyder und Omoto beispielsweise zeigen uns, warum es für nachhaltige Beziehungsführung nicht ausreicht, allabendlich mit der Chipstüte beieinander auf dem selben Sofa zu sitzen und bloß zusammen im Frust über die europäische Grenzpolitik vereint zu sein. Denn um wirkliche Nähe entstehen zu lassen, ist es vielmehr bedeutsam, daß wir wechselseitig unsere Grenzen erkunden, überschreiten und uns in die Partner hineinfühlen. Nähe und Verbundenheit benötigen Gemeinschaftlichkeit, in der wir uns von der inneren Wirklichkeit unserer Liebsten berühren und beeinflussen lassen – uns sie sich von uns. Und dadurch wird klar, warum echte Nähe und Verbindlichkeit Vollzeitprojekte sind, die weder schnell herzustellen, noch ohne regelmäßige Aufmerksamkeit von Dauer sind.

Gerade hinsichtlich dieses „Vollzeitprojekts“ betont dann genau auch eine Studie wie die von Bartholomew und Horowitz, warum es so wichtig ist, uns selbst und die anderen ausreichend wahrzunehmen:
Denn wir starten keinesfalls alle mit dem gleichen Gepäck. Und schnell können wir uns und unsere Liebsten in leidvolle Untiefen bringen, wenn wir „Beziehung“ oder gar „Liebe“ sagen – aber eigentlich unsere Bedürftigkeit nach Nähe zum Zweck der Selbsterhöhung über andere, aus mangelndem Selbstwert oder aus Unselbständigkeit heraus meinen.
Und weil nur wenige von uns mit prall gefüllten Liebestanks und hochglanzpoliertem Selbstwert in unser eigenes Liebesleben starten, gilt ganz besonders für den Aufbruch in Mehrfachbeziehungen wiederum ein Rezept, das schon Griechen und Römer empfahlen „Γνῶθι σεαυτόν”, bzw. „Nosce te ipsum” – nämlich: „Kenne Dich selbst!”. Diese Selbstzurkenntnisnahme, sowohl der eigenen Begrenztheit – aber auch der eigenen Potentiale – macht uns alle menschlicher und gnädiger einander gegenüber. Und das ist gerade in den Zeiten wichtig, wenn es mal nicht glatt läuft, wo uns Zweifel erfüllen und wo wir oder andere uns uns als wenig “beziehungsfähig” erleben.

Zu diesen Zeiten ist es dann besonders gut, wenn wir es schaffen uns nicht auch noch als Teilnehmer*innen eines wettbewerbsorientierten Rattenrennens in Beziehungsdingen mit den Dimensionen „schneller“ oder „mehr ist besser“ wiederzufinden. Thornton, Rickman und Gold konnten zeigen, wie unwillkürlich wir uns in einer selbstgestellten Falle wiederfinden, wenn wir dabei mithalten wollen und beginnen, unsere Beziehungen und die Menschen darin wie unseren Planeten zu behandeln: Als gäbe es jederzeit Ersatz um die nächste Ecke.

Und wer bis hierher noch glauben mag, daß gegenwärtige Wissenschaft und antike Mythen uns doch bestimmt jeweils unvereinbare Ideale vermitteln wollen, dem widme ich diesen letzten versöhnlichen Absatz, in dem ich S. Cohen, L.G. Underwood und B.H. Gottlieb in „Soziale Unterstützung, Bemessung und Intervention – ein Leitfaden für Wissenschaftler im sozialen und medizinischen Bereich “ , Oxford University Press, 2000 zitiere:
Intimität bzw. Nähe ist somit ein grundlegender Prozess, der so definiert wird, daß man sich darin von den Partnern verstanden, bestätigt und berücksichtigt fühlt, die sich der Tatsachen und Gefühle bewusst sind, die für das eigene Selbstverständnis von zentraler Bedeutung sind.
Zu dieser Empfindung tragen Vertrauen (die Erwartung, dass die Partner wichtige Bedürfnisse respektieren und erfüllen) und Akzeptanz (die Überzeugung, dass die Partner einen als die Person, die man ist, annehmen) bei.
Empathie ist dazu ebenfalls wichtig, weil sie Bewusstheit und Wertschätzung für das Kernselbst eines Partners signalisiert.
Gleichermaßen trägt Zuneigung zur wahrgenommenen Zugewandtheit der Partner bei – sogar unabhängig von Aufeinanderbezogenheit oder Einmütigkeit – nämlich genau wegen der wesentlichen Rolle des Wahrnehmens, daß man es aus deren Sicht wert ist und daher sehr sicher sein kann Liebe und Zuwendung von den Liebsten zu erleben.


Manchmal kann Wissenschaft so schön sein.
Amor und Psyche hätten sich gefunden ♥.



¹ Die „Nähebestandsaufnahme“ nach Berscheid, Snyder und Omoto wird in der Fernsehserie „The Big Bang Theory“ von dem Charakter Sheldon Cooper in Folge 162 (8. Staffel, 3. Episode: „Werfen wie ein Mädchen“) erwähnt.

² Baldwin M.W., Keelan J.P.R., Fehr B., Enns V. & Koh-Rangarajoo E. (1996). Sozial-kognitive Konzeptualisierung von Bindungsarbeitsmodellen: Verfügbarkeits- und Zugänglichkeitseffekte. Zeitschrift für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie , Nr. 71, Seiten 94-109

Danke an Francesca Bratto auf Pixabay für das Bild aus dem Louvre.

Eintrag 13

Eben war noch alles gut…

Ein ausgewachsener oligoamorer Eingeborener, der mit großen Schritten aus dem Wald auf einen zukommt und dabei zugleich ein Tablet schwenkt, ist ein durchaus imposanter wie auch eigenartiger Anblick. Zudem, wenn es noch früh am Morgen ist und Dunstschleier zwischen den Baumstämmen aufsteigen, die ihrerseits von den ersten Sonnenstrahlen in sagenhaft leuchtende Gebilde verwandelt werden. Noch bevor ich den Teekessel neben dem Lagerfeuer absetzen kann, hat sich der ehrfurchtgebietende Ankömmling jedoch schon schnaufend neben mich auf einen beängstigend knackenden Campingstuhl herabgesenkt und beginnt zu sprechen:

„Deine Geschichte mit dem Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten hat mir gut gefallen. Und auch wie Du darin zeigst, daß wir Menschen in unseren Beziehungen ganz ähnlich unterschiedliche Geschwindigkeiten haben.“
In einer Mischung aus Überraschung und Einschüchterung gelingt es mir immerhin so etwas wie meinen Dank hervorzustammeln und dem Oligoamoren einen Becher mit Tee anzubieten – den dieser auch annimmt und dann fortfährt:
„…Allerdings hast Du einen interessanten Zeitpunkt gewählt, an dem Du die Geschichte abgebrochen hast.“
„Naja…“, sage ich, indem ich endlich meine Stimme richtig wiederfinde, „Ich schrieb am Ende doch, daß alle Beteiligten in dem Moment eigentlich erst ganz am Anfang ihrer Beziehungsreise miteinander stehen. Und ich beschrieb auch ihre inneren Wünsche, Unklarheiten und Einwendungen, die es zukünftig gemeinsam noch zu integrieren gilt.“
Mein Sitznachbar wiegt den Kopf: „Für den seltsamen Kontinent der Offenen Beziehungen oder das vielgestaltige Archipel der Polyamory mag das vielleicht gerade noch so angehen…“, sagt er, „…aber nach oligoamoren Maßstäben könnte Deine Geschichte sogar da schon zu Ende sein.“
Jetzt falle ich wieder in meine anfängliche Rolle zurück, meinen Besucher mit offenem Mund und geweiteten Augen anzustarren.
Der aber sieht plötzlich sehr ernst aus, beinahe auch irgendwie traurig, als er weiterspricht: „Nun, lieber Oligotropos, Dir sind doch wahrscheinlich genug Mehrfachbeziehungen bekannt, die nach einigen Wochen oder auch Monaten von vielversprechenden und fulminanten Anfängen scheinbar urplötzlich und unvorhersehbar vollkommen aus dem Ruder gelaufen sind – wo oft einzelne oder mehrere Beteiligte ausscherten und zum Entsetzen der Übrigen verkündeten, daß sie so nicht mehr weitermachen könnten…“
Statt zu antworten nicke ich erst mal, denn ich kann erkennen, daß es dem Oligoamoren wohl wirklich um etwas Wichtiges geht.
„Hier, der Vincent in Deiner Geschichte und ebenfalls die Ivana wären solche Personen – ja vielleicht auch der Max.“

Nun hat mein Gesprächspartner mein Interesse vollends geweckt, ich setze mich auf, schenke Tee nach und frage: „Habt Ihr Oligoamoren da von etwas Kenntnis, was uns anderen bisher verborgen geblieben ist? Habt Ihr gar eine Art ‚6. Beziehungssinn‘?“
Mein Besucher gestattet sich nur ein halbes Lächeln, als er antwortet: „Das nun wohl gerade nicht. Dennoch sind manche von uns gute Beobachter – und natürlich haben wir im Laufe der Zeit unsere eigenen Erfahrungen gesammelt. Was nicht heißen soll, daß das entlegene Eiland der Oligoamory völlig von solchen Erscheinungen verschont geblieben ist.“
„Ach, das hätte ich so nicht gedacht“, sage ich. „Erzählt mir bitte alles, was Ihr über diese plötzlichen Stimmungsveränderungen wißt!“
„Nun“, beginnt mein Gast langsam, „zum Beispiel, daß es nie wirklich ‚plötzlich‘ ist.“
„Erklärt es mir!“
„Es ist doch so, daß wir als Lebewesen immer kleine Signale aussenden, auch wenn es vielleicht sogar unbewußt ist.“ „Ja…“
„Wenn nun in den Anfängen einer Mehrfachbeziehung bei einer oder gar mehreren Personen irgendwelche Irritationen im Verborgenen liegen, dann sind auch dafür diese ‚kleinen Signale‘ immer schon da.“
„Ich verstehe.“
„Ja – aber Menschen zeigen dann manchmal auf allen Seiten der Beziehung ein scheinbar seltsames Verhalten, welches Beobachtern oftmals eher auffallen kann als den Betroffenen selbst.“
„Dafür bräuchte ich ein Beispiel…“

„Also – z.B. kommt von manchen an der Gründung von Mehrfachbeziehungen Beteiligen kein großes, klares ‚Ja!‚, sondern mehr Äußerungen wie ‚Ok, lass es uns versuchen…‚ oder ein ‚Wenn Du meinst...‘ oder ‚Das könnte schon irgendwie gehen...‘. Nun ist es aber dadurch für die anderen Personen in der entstehenden Beziehung – vermutlich auch, weil sich alle noch nicht gut genug kennen – zu leicht, in so einem Fall die ‚kleinen Signale‘, nämlich, daß es sich da keineswegs um ein klares ‚Ja!‘ handelt, sondern um eine Befangenheit, die ausgedrückt wurde, zu übersehen. Oder es wird sich auf das Gesagte verlassen, den ein klares ‚Nein!‘ war es ja nun gerade auch nicht.“
„Aber es heißt doch“, wende ich ein, „daß Kommunikation in Mehrfachbeziehungen das Wichtigste ist. Das steht doch schon in nahezu jedem Artikel zum Thema…“
„Das mag schon sein“, erwidert mein Besucher, „aber gleichzeitig haben wir Menschen auch oft Angst, daß wir auf eine Nachfrage etwas hören müssen, was wir nicht hören wollen. Also fragen wir lieber nicht nach, denn die andere Person hat ja noch keinen Umstand ausgedrückt, der das nötig machen würde. Und solange diese nichts gesagt hat, kann ich mir weiter zusprechen, daß wohl alles ok ist und setze mein bisheriges Verhalten fort… Und das kann eine Art Teufelskreis – oder besser eine Teufelsspirale in Gang setzen, weil auch die Person, die ihre Unsicherheit nur indirekt ausgedrückt hat, erleben wird, wie alle Anderen das bisherige Verhalten fortsetzen oder sogar noch verstärken.“
„Aber Du gibst damit ja zu, daß das Erkennen der Unsicherheit schwierig ist…“, wende ich ein.
„Wir müssen nicht immer alles erkennen können, richtig. Wir müssen auch nicht auf die anderen ‚aufpassen‘. Aber als Erwachsene haben wir für uns die Verantwortung, den Mut aufzubringen, auch Dinge hören zu können, die wir vielleicht lieber nicht hören wollen. Schließlich geht es um nichts weniger als um den Aufbau einer Beziehung zueinander. Je rechtzeitiger wir also nachfragen, umso eher wird es auch eine gemeinsame Problemlösung geben können.“
„Ja aber…“
„Oligotropos, Menschen sind sehr unterschiedlich. Manche haben vielleicht keine gute Startposition, was Mehrfachbeziehungen betrifft. Dann ist so manches von Anfang an ‚zuviel‘, was den Stand ihrer inneren Entwicklung angeht. Vielleicht kommt der Mensch bei etwas nicht mit, weil er glaubt, daß es von ihm verlangt wird. Oder sie*er möchte es vielleicht selber gerne geben, weiß aber noch nicht wie. Oder sie*er hat sich noch nie damit auseinandergesetzt, ob sie*er überhaupt jemals so leben wollte.“
„Das klingt schwerwiegend…“
„Ist es für die Betroffenen auch. Denn für sie könnte sich der Beginn einer Mehrfachbeziehung schnell wie ein Sprint von Marathonlänge anfühlen, weil sie durch das Tempo der Anderen merken, daß sie aufholen müssten – und die Diskrepanz zwischen innerer Einstellung und dem, was nach außen gezeigt wird, wird dann häufig immer größer.“
„Ah, jetzt beginn ich, den Einstieg mit der ‚Befangenheit‘ zu verstehen.“
„Ja genau. Denn der anfängliche Graben bleibt – und wird schlimmstenfalls allmählich größer. Und die Inkohärenz zwischen innerer Einstellung und dem, was nach außen gezeigt wird, die in so einem Menschen herrscht, die ist von außen durchaus zu bemerken.“
„Das wäre doch dann wieder der Moment für gute Kommunikation – oder sogar für ein Innehalten!“, sage ich eifrig.

Der Große neben mir seufzt schwer. „Ja, aber oft beginnt da eine weitere Phase, in der dann von den Beteiligten versucht wird, das Verspürte mit unglücklich angebrachtem Humor zu überspielen oder der Person, die Schwierigkeiten hat, das als bloße Schrulligkeit auszulegen. Denn in so einem Moment wirklich nachzufragen, würde ja erst recht das Risiko in sich tragen, nicht mehr mit dem weitermachen zu können, was man eigentlich gerne – und lieber – tun würde.“ Der Oligoamore pausiert und legt die Stirn in Falten, bevor er weiterspricht.
„Das kann auf beiden Seiten zu sehr dummen Gedankengängen führen. Die Seite, die die ersehnte Mehrfachbeziehung unbedingt für sich ins Ziel bringen möchte, denkt an so einem Punkt vielleicht ‚Ich muß mich hierbei jetzt durchsetzen, denn sonst verliere ich mich (und meine Bedürfnisdeckung)…‘ Und die unsichere Seite glaubt vielleicht ängstlich ‚Ich lass Dich machen, denn sonst verliere ich Dich möglicherweise…‘ Und leider wird da dann meistens zu lange gewartet, bis eine*r der Beteiligten sagt: ‚Halt stopp, so geht das jetzt nicht.‘.
An so einem Punkt beginnen alle aus Ängsten heraus zu agieren: Verzichtsangst gegen Verlustangst. Das kann nicht gut gehen.“
„Das wirkt für mich ganz schön dramatisch“, sage ich. „Was könnten die Beziehungsmenschen denn besser machen?“
Der Oligoamore schnauft; er sieht ein bißchen so aus, als ob er an etwas denkt, was ihm einstmals selber widerfahren ist. Wortlos fülle ich seinen Tee auf.
„Es wird nicht umsonst oft genug betont, daß die Langsamen die Tempomacher sein sollen“, fährt er schließlich fort. „Wenn man die Langsamen durch Druck machen oder selbstvergessenes Handeln aus dem Boot verliert, dann hat niemand mehr Freude. Denn irgendwo sitzt dann jemand zuhause, der aus Überforderung aus den Ohren pfeift und sehr unglücklich ist.
Ich meine: Wir reden hier doch über Menschen, die eigentlich starke Gefühle füreinander empfinden, die sich lieben. Eine Lösung findet sich also nur über ein gemeinsames, wohlwollendes Ganzes. Partei A könnte also z.B. sich um Lösungen für die eigene Verunsicherung bemühen. Gleichzeitig müsste Partei B aber mit der ersehnten Umsetzung warten. Und beides müsste in einem wechselseitigen Prozess geschehen – und zwar so, daß es auch wechselseitig spürbar wäre. Während A also ‚Komfortzonenstretching‘ betreibt, muß B sich in Selbstzurücknahme üben. Das ist beides ganz schön anspruchsvoll.“
„Puh, das hört sich für mich auch so an. Erst recht in einer Mehrfachbeziehung, wo gleich mehrerer Personen betroffen sein können…“
„Allerdings. Und das ist nicht alles. Der vorherige Prozess aus Unklarheit und ungenügender Aufmerksamkeit entwickelt sich allmählich, wie eine exponentielle Kurve. Die ‚Explosion‘ oder das ‚Aufgeben‘ von Beteiligten an deren Ende ist fast immer ein Verhalten, was an einem Höchstpunkt gewählt wird, wenn sonst keine andere Strategie mehr wirkt.
Meist müssen dann echte Schritte von den Dingen zurück gemacht werden, die man schon erreicht zu haben glaubte. Und die danach erfolgenden, langsameren Schritte werden eine ganze Weile noch nicht wieder bei dem ‚Schein-Erreichten‘ anlangen.“
„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber das klingt so frustrierend…“

Da aber habe ich mit einem Mal die volle Aufmerksamkeit des Oligoamoren, denn sein Kopf fährt zu mir herum und er schaut mich mit wilden Augen an:
„Was ist die Alternative, Oligotropos? Wer in einer liebenden Beziehung hat die Verantwortung dafür, daß es allen damit gut geht?
Ihr Menschen vom Festland – ihr haltet es da wie mit einem Buch, bei dem ihr mitten in die Geschichte springt, weil Euer Bedürfnis – ja, ich sage sogar Eure Bedürftigkeit – an dem Punkt, an dem ihr endlich das Buch gefunden habt, schon dermaßen groß ist, daß ihr nicht mehr abwarten wollt, wie sich die Geschichte darin zunächst überhaupt entfaltet. Ihr wollt gleich mitten in der Geschichte sein – oder vielmehr an deren glücklichem Ende, ihr wollt dann alles sofort haben, das volle Programm. Es ist dann aber nur eine ‚Schein-Geschichte‘, denn über diesen Versuch einer Abkürzung ist eigentlich gar keine Geschichte entstanden. Und ohne die Geschichte gibt es auch nur die Illusion von diesem ‚Schein-Erreichten‘, das ich eben erwähnte.
Oft stimmt aber irgendetwas nicht für irgendwen, häufig gehen Menschen auf diese Weise über ihre eigenen Grenzen, manche möchten mehr gönnen als sie tatsächlich schon geben können – denn im Hintergrund bleibt ja die Dynamik aus erworbenen Ängsten, Vorbehalten oder Emotionalität trotzdem aktiv.
Gerade das ruft dann bei den Personen, die bislang mit ihrer Befangenheit ringen, eine Zeit lang noch das Phänomen von dargebotener Compliance (diese eher unfreiwillige Mischung aus Fügsamkeit und Konformität) hervor, hinter der im Inneren eigentlich ein sich aufschaukelndes Paradoxon steht: Tempo und Einklang sind noch gar nicht reif – aber der Mensch tut mal so, als ob.
Dabei sind ‚Abkürzungen‘ hier schlichtweg nicht möglich – und führen nur tiefer in den Konflikt der ‚Teufelsspirale‘, von der ich schon sprach.
Die Person gerät für sich selbst und für die anderen zu einem ’schwierigen Fall‘. Denn alle versuchen ein wenig so zu tun, als ob nichts wäre. Und die Selbstwirksamkeit der Betroffenen leidet dabei am meisten – also wird sich trotz noch so blumiger allseitiger Versicherungen kein wirkliches Vertrauen aufbauen.
Jede*r von uns kann sich aber nur wirklich jemandem anvertrauen, dem sie oder er wahrhaft vertraut. Dabei wäre der Selbstausdruck jetzt so wichtig, damit alle verstehen, was in der leidenden Person gerade lebendig ist.“
„Jetzt verstehe ich, was Du mir zu verstehen geben wolltest, als Du anfänglich sagtest, meine Geschichte könnte an dem Punkt, an dem ich sie beendet hatte, wirklich schlimmstenfalls schon tatsächlich ganz und gar zu Ende sein.“ sage ich leise. „Ich werde darüber gründlich nachdenken. Was soll ich aber nun heute meinen Leser*innen in das Blogbuch der Expedition schreiben?“

Der Oligoamore erhebt sich ächzend – und ich erkenne noch mal, wie groß er wirklich ist. „Schreib‘ doch, daß es wichtig ist, daß jede*r sich auf ihre/seine Art äußern können muß. Schreib‘, daß es wichtig ist, daß alle sich im aufrichtigen Ausdruck voreinander üben. Jeder Mensch möchte ernst genommen und gehört werden.
Oft nehmen wir Übrigen so etwas aber dann persönlich, fühlen uns häufig selbst gemeint, vielleicht sogar angegriffen oder schuldig. Das passiert, wenn wir mit dem ‚Appellohr‚ hören: ‚Du mußt jetzt gleich etwas tun, damit es für mich besser wird…!‘ – Aber so ist das fast nie gemeint. Darum, Oligotropos, mochte ich Deine Erzählung unserer Legende vom gefallenen Helden, dem schwarzen Fledermausmann, richtig gerne: Menschen versuchen normalerweise für sich und für einander etwas Gutes zu bewirken; das kann auch ordentlich schief gehen – aber die Absicht dahinter war meist trotzdem erst mal gut. Das ist wichtig im Kopf zu behalten, vor allem in Liebesbeziehungen!“
Ich bin jetzt doch beinahe etwas gebauchpinselt von diesem letzten Lob des Eingeborenen – und darum merke ich gar nicht, daß dieser schon wieder mit langen Schritten fast im Wald verschwunden ist.
Und darum erhasche ich nur einen letzten Blick auf ihn, als dieser mir, sein Tablet dabei über dem Kopf schwenkend, noch zuruft: „Darüber schreibe weiter, Oligotropos. Schreibe weiter und erzähle unsere Geschichten!“
So bleibe ich heute etwas verwirrt an meinem Feuer zurück. Sehr unvermittelt ist diese Begegnung über mich gekommen – und mit ihr dieses ziemlich unbequeme Thema.
Doch plötzlich muß ich doch fast lachen, denn ich denke mit einem Mal: Sich auch etwas nicht so Angenehmes sagen zu lassen – ohne davor wegzulaufen… Vielleicht ist mir das heute auf sonderbare Weise beinahe ein bisschen geglückt.




Danke an Katrin, Kerstin, Sebastian und Silke ohne deren Erlebnisse und Erfahrungen ich diesen Eintrag nicht hätte verfassen können.
Und Dank an holgerheinze0 auf Pixabay für das Bild meines Besuchers.