Eintrag 73

Einfach ist nicht leicht – oder: Aller Anfang ist schwer

Das Jahr 2021 hatte ich mit dem Aufruf begonnen, im eigenen Interesse darauf zu achten, sorgsam möglichst das wahrzunehmen, was gerade wirklich IST – womit ich meinte, daß wir uns die Wirklichkeit nicht in einem sogleich unbewußt mitvollzogenem Schritt durch eine eigenen Brille aus Ängsten und Ressentiments vorwegnehmen lassen sollten.
Diese Erinnerung hat mit Beginn diesen Jahres nichts von seiner Bedeutung verloren.

2021 (ja, es folgt der traditionelle Jahresrückblick 🙂 ) eröffnete ich mit einer dreiteiligen Reihe zu dem Thema, welches Rüstzeug nötig wäre, unsere engen persönlichen Beziehungen im oligoamoren Sinne als „bedeutsam“ zu führen (Teile 1 | 2 | 3 ): Selbst-Anerkenntnis, Fremd-Mithineindenken (Empathie) und Toleranz angesichts zunächst nicht immer sofort eindeutig zuzuordnenden Impulsen und Wahrnehmungen zeigten sich dabei als hilfreich; ebenso wie die Bewußtmachung, daß wir alle am Ende – eh unvermeidlich aufeinander bezogen – im sprichwörtlich „selben Boot“ säßen.
„Bedeutsame Beziehungen“ in der Oligoamory sind dazu aber ebenfalls auf ein hohes persönliches Qualitätsmanagement angewiesen, sowie auf den Mut, diesen Beziehungen einen Entwicklungs- und Gestaltungsspielraum auch jenseits hergebrachter Geltungsgrenzen zu erlauben.
Weil hierbei die dadurch entstehenden Freiheiten und Erlebensräume in Verantwortung, Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung gründen, kann auf diese Weise ein quasi organisches (Beziehungs)Gebilde entstehen, in welchem alle Teile (also die Beteiligten!) durch ihre Aufeinanderbezogenheit und Liebe füreinander essentielles persönliches Interesse am Gelingen haben – und gerade daher innerhalb eines allseitig nachhaltigen Rahmens beitragen werden [zu den Nachhaltigkeitskriterien siehe Ende Eintrag 3].
Mit dem darauffolgenden Diskriminierungs-Eintrag 65 zeigte ich letztes Jahr diesbezüglich aber auch, daß eine solche nonkonforme, ja gewissermaßen queere Philosophie in Beziehungsdingen durchaus in der „normalen Welt“ noch regelmäßig auf Ablehnung und sogar Herabsetzung aus Angst und Unverständnis treffen kann.
Auch um eines der dahingehend wohl am häufigsten vorgebrachten Stereotypen der Mono- und Heteronormativität zu begegnen, daß Mehrfachbeziehungskonstellationen ja doch der so maßgeblichen Komponente „Treue“ entbehren würden, widmete ich einen ganzen Eintrag dem Thema Loyalität, Zusammengehörigkeit und Verbundenheit.
Und weil dennoch viele Menschen sich an der vermeintlichen „Offenheit“ solcher Beziehungen – wodurch die Beteiligten darin wohl nicht ganz dicht sein könnten… – noch immer den Kopf stoßen, beschrieb ich in Eintrag 67, daß Offenheit in der Oligoamory vor allem in einer systemischen Gedankenfreiheit besteht – und keineswegs in der Beliebigkeit oder Impulsivität, die manch eine*r aus eigenem unterdrückten Wunschdenken hineinprojiziert.
Genau solche verschämten Projektionen indessen lassen ja vielmehr erkennen, wie stark die meisten von uns (noch) in ihrem individuellen Eigenwert gekränkt sind – sei es durch unser Aufwachsen, Sozialisation oder Tradition. Und darum reagieren wir alle allzu oft auch just aus diesen Kränkungen heraus, wenn wir etwas Neuem oder Un-Gewöhnlichem gegenüberstehen (Eintrag 68).
Unser bestgeübtes (Selbst)Schutzverhalten in so einem Fall ist da leider immer noch häufig der Hang zum Wunsch nach mehr Kontrolle; eine Kontrolle, die wir nur zu leicht bereit sind auch auf alle anderen um uns herum auszudehnen, weil „wir doch wissen, was gut für sie ist“ (Eintrag 69).
Meistens wird dieser Schutzreflex ausgelöst, wenn alte „Lebensthemen“ von uns berührt werden (Eintrag 70) – überschießende negative Energien, die aus längst zurückliegenden, erlittenen Mängeln unsere Partnerschaften im Hier & Jetzt vergiften wollen.
Eintrag 71 habe ich darum dann auch noch einmal der Polyamorie daselbst gewidmet, jene Form ethischer Nicht-Monogamie, die aktuell allein aufgrund der inflationären Begriffsbenutzung zumeist exakt all die Häme „systeminhärenter Funktionsuntüchtigkeit“ abbekommt, welche leider stets bloß die Menschen hineintragen, die sich unüberlegt und nach Gutdünken daran versuchen…
Jedwede „gute Beziehung“ lebt jedoch von Widmung, Hingabe und einer Einzigartigkeit, die allen daran Beteiligten ihre Wertschätzung widerspiegelt (Eintrag 72).

Und damit hinein in 2022 !

Wiedereinmal (?) sind wir in einer Zeit angekommen, in sich viele von uns angesichts einer oftmals verworren agierenden Außenwelt nach einem einfacheren Leben sehnen. Und Heerscharen von Coaches stehen scheinbar bereit, uns dabei zu unterstützen, von materiellem Minimalismus bis hin zur Entwicklung unseres höheren Selbst.
„Alternativen“ zu unserer gegenwärtigen Lebensweise sollen darum also her – und diese „Alternativen“ betreffen die Gegenstände und Wohnräume, die uns umgeben, unser spirituelles Potential – und eben auch: Unsere Beziehungen.
Manch eine*r von uns meint es mit den Veränderungen und dem Aufbruch in ein „einfacheres Leben“ auch gleich richtig ernst: Da wird das Dasein durchsortiert, der Hausstand auf 100 (oder 50? oder 30?) Gegenstände reduziert, möglichst allein (aber nicht einsam!) ein Tiny House bezogen, Wochenendworkshops von der Energieheiler*in besucht und – ja, nun muß auch die Beziehungsform da folgen, wozu der Rest doch hinleiten will: Möglichst einfach und zugleich ausreichend alternativ sollte es sein…

Die „einfachste“ Beziehungsform wäre in obiger Konsequenz vermutlich, allein zu bleiben. Aber als Mensch ist man ja doch ein soziales Wesen – und daher hat man eben auch ein paar soziale Bedürfnisse, die ab und an erfüllt werden müssen, erfüllt werden wollen – „Küssen kann man nicht allein“ – das sang schon Max Raabe¹
Also „Polyamorie“, das sind, wie die Werbung weiß, gleich drei Dinge auf einmal: Liebe, Abwechslung und Schokolade, äh, nee…, und persönliches Wohlergehen (was als Wirkung jedenfalls immerhin in etwa Schokolade entspricht…).

Wem das jetzt zu holzschnittartig gedacht ist („Ok, ich bin zwar polyamor aber ich lebe nicht im Tinyhaus und meine Garage ist so voller Zeug, daß nicht mal mehr das Auto drinstehen kann…“), die bitte ich, sich eventuell aber doch einmal gedanklich mit einem Phänomen zu beschäftigen, welches ich „Szenenüberschneidung“ nenne.
Das mag z.B. so eine Szenenüberschneidung wie bei Mittelaltermarktbesucher*in / Biker / Metalhead / Lederszene sein – aber auch eine Szenenüberschneidung wie Oshofan / friedensbewegt / vegan / Permakultur.
Spannender Fun-fact am Rande: Sämtliche soeben aufgeführte „Szenen“ weisen übrigens auch einen erhöhten Faktor an „offenen Beziehungsmodellen“ gegenüber der statistischen „Normalbevölkerung“ auf.
Warum ist das so?
Grundsätzlich verbirgt sich hier etwas Gutes: Menschen, die bereits in einem Bereich ihres Lebens „alternativ“, „non-konform“ oder sogar grenzgängerisch über den Tellerrand der Normativität (also des mittelhochtief normal-Gebräuchlichen) geschaut haben, tendieren dazu, dies auch auf andere Bereiche ihres Lebens auszudehnen. Sehr oft steckt da gar nicht mal so sehr der Drang nach der „Alternativität“ dahinter, sondern schlicht menschliche Neugierde und Entdeckerlust: Z.B. treffe ich auf dem Mittelaltermarkt jemanden, von dessen Gewandung ich begeistert bin – zwei Wochen später sitze ich, von Lederzuschnitten umgeben, daselbst auf dem Boden meines Hauswirtschaftsraumes und entwerfe kühne Gürteltaschen und ein Paar echt heißer Chaps… Dabei spüre ich mit einem Mal Selbstwirksamkeit und denke, daß ich ja immer mehr mit dem in Berührung komme, was mir wirklich wichtig ist, wofür ich brenne und was mich ausmacht.
Was zusätzlich genial ist, daß wir uns bei diesen Themen, die uns da plötzlich so am Herzen liegen, fast wie von selbst von alten Glaubenssätzen befreien, wie z.B.: „Mutter hat immer gesagt, Motorradfahren ist für Selbstmörder…“ oder „Veganer sind Freaks…“ oder „Nur Hungerleider nähen ihre Klamotten selbst.“ oder „Kleingärten sind bloß was für Rentner…“.
Plötzlich schließen wir uns Räume auf, an deren Tür wir früher eventuell sogar naserümpfend vorbeigelaufen sind – bloß, weil unsere Umgebung uns das vielleicht einst so vorgelebt hatte.

Was hat dies nun mit unserem Wunsch nach einem „einfacheren Leben“ zu tun?
Ich glaube eine Menge, weil wir immer dort unser Leben als „einfach“ empfinden, wo wir aus Überzeugung und selbstbestimmt agieren.
Wenn ich z.B. den Mittelaltermarkt nicht mehr als Event konsumiere, sondern möglicherweise richtig teilnehme, dann fühle ich mich aus innerem Antrieb verbunden; vielleicht ist mir die historische Epoche wichtig, die Wissensvermittlung – oder irgendetwas dort erinnert mich daran, daß es ab und an gut ist, viele gewöhnliche Dinge wieder ganz und gar von Hand zu verrichten.
Oder da ist ein engagierter Politiker, der sich nicht heimlich nachts per Limousine aus dem Club abholen läßt, sondern sich im Wahlkampf offen zu seiner BDSM-Neigung bekennt – gerade weil er per persönlichem Beispiel auf eine dringende Inklusion und Berechtigung queeren Lebens in seinem Programm und seiner Stadt hinweisen will.²

Wer bis hierher mitgelesen hat, müsste nun verstehen, was ich mit der Überschrift dieses Eintrags meinte. Denn „leicht“ machen es sich diese entschlossenen Personen ja nun gerade wirklich nicht – weder beim mühsamen Brettchenweben der Wikingerborte, noch bei den Konsequenzen, die so ein couragiertes öffentliches Outing für die Karriere nach sich ziehen kann.
Könnten wir aber die handelnden Personen befragen, dann würden sie uns wiederum wahrscheinlich sagen, daß das, was sie da tun oder getan haben „einfach“ aus ihnen fließt. Und „einfach“ ist es, weil es sich dabei um etwas handelt, was als Anliegen zutiefst mit ihnen selbst verbunden ist – es ihnen dementsprechend „leicht fällt“, weil sie dabei authentisch und unverstellt handeln.

Um nach dieser Art „einfach“ leben zu können, braucht es eine wesentlich Komponente, die oftmals überhaupt nicht leicht herbeizuführen ist: Bewußtheit.
Bewußtheit verlangt nämlich eine willentliche und gegenwärtige Entscheidung FÜR etwas – worum wir Menschen uns im Normalfall gerne mit etwas lauwarmen Ungefähr herummogeln.

Und unsere Einstellung in ethischen Mehrfachbeziehungen wie Poly- oder Oligoamory empfinde ich da als sehr passendes Beispiel.
Denn dafür reicht es nicht, sich lediglich gegen die Monogamie zu entscheiden. Es reicht für die Behauptung von Teilhabe nicht aus, eine andere Tradition als überkommen abzulehnen. Die Gefahr bei solcherart Denken ist nämlich hoch, vor allem Energie darauf zu verwenden, was wir NICHT wollen – und, Hand auf’s Herz, da sind wir Menschen meist recht gut und geübt drin. Ablehnung – bildungssprachlich auch mal „destruktive Kritik“ genannt – ist ja eben genau nicht „konstruktiv“: Sie drückt lediglich aus, daß das Alte, das Hergebrachte weg, nicht sein soll. Aber was ist es, das wir für uns selbst wünschen? Wie sollte denn eine Beziehungsform, die uns gemäß ist, nun tatsächlich aussehen?

Wer sich ungeachtet dessen dennoch erfolgreich um diesen Bewußtmachungsprozeß gedrückt hat, wird in der Poly- bzw. Oligoamory sofort in das nächste Dilemma hineinstolpern – und darum kommt es ebenso häufig zu spektakulären Unfällen.
So scheinen uns Mehrfachbeziehungen ja gelegentlich als verheißungsvoll, weil wir uns dort – im Gegensatz zur bösen, bösen Monogamie! – beim Hinzukommen einer weiteren Liebe NICHT gegen eine der (evtl. bereits vorhandenen) anderen entscheiden müssen.
Dies ist aber fast immer nur wieder das bereits oben erwähnte lauwarme Lavieren, weil wir dadurch ohne allzu großen gedanklichen Kraftaufwand an unserer Komfortzone festhalten können. Denn hier schlägt der von mir in Eintrag 44 und 72 zitierte „innere Schweinehund“ von uns geschickt zu: Das „Gewohnte“ erscheint uns im Normalbetrieb allzu leicht als „das Richtige“, wodurch wir uns erlauben, viele Denkmuster und Strukturen „beim Alten“ zu belassen – was aber leider bedeutet, daß wir einer mehrheitslastigen Normativität noch viel stärker verhaftet sind, als wir es zugeben würden – und so gezwungen sind, auch deren Vorstellungen und Konzepte weit stärker unreflektiert nachzuleben als wir ahnen.
Eigentlich haben wir also gar nichts verändert, sondern genau genommen lediglich eine Nicht-Entscheidung getroffen, durch die wir nahezu gezwungen sind, alte Fehler und Achtlosigkeiten weiter zu wiederholen.

Polyamorie, Oligoamory heißt aber, daß wir uns FÜR, und immer wieder für unsere Liebsten entscheiden. Daß wir uns in einer solchen Mehrfachbeziehung alle immer wieder für einander entscheiden.
Um das bewußt vollbringen zu können, wird in jedem Fall „Komfortzonen-Stretching“ angesagt sein, allein weil wir uns z.B. mit Variablen wie Akzeptanz und Zumutung, Wertschätzung und Stellenwert, Freiheit und Grenzen (und noch vielen anderen) regelmäßig befassen müssen.
„Leicht“ wird das vermutlich niemals sein – und das ist gut, denn Bewußtheit erfordert die Anwesenheit unseres ganzen Seins – und manchmal auch die Auseinandersetzung.
Gleichzeitig kann es durchaus Kennzeichen eines „einfachen“ – also geradlinigen und wahrhaftigen – Lebens sein, sich diesen Herausforderungen engagiert und mit allseitig partnerschaftlicher Aufmerksamkeit zu widmen, genau WEIL eine bewußte Entscheidung getroffen worden ist und nun dieser Teil des Lebens überzeugt, vorbehaltlos und willentlich beschritten wird.

Das ist es, was ich mit der Oligoamory herbeizuführen wünsche, gerade in Zeiten wie jetzt, wo uns innere Unrast und Neujahrsschwung möglicherweise zu Aufräumaktionen treiben, bei denen das bestätigende Klappern des Mülltonnendeckels leicht übertönt, was eigentlich wichtig ist: Bei dem, was da „anstatt“ kommen soll, mit dem Herzen den Kurs zu setzen, keiner Mode zu folgen, keinem Trend und keiner angepriesenen, vermeintlichen „Leichtigkeit“, „Leichtigkeit, die heute zu häufig begrifflich Oberflächlichkeit, geringe Nachhaltigkeit, Unverbindlichkeit oder Unbeständigkeit schönfärben soll.

Einfach ist darum eben nicht immer leicht, gerade wenn es zwischenmenschliche Beziehungen betrifft – oder wie es der schweizerische Aphoristiker und Politiker Ernst Reinhard einmal sagte, als er nach einem Rezept für ein friedlicheres Miteinander gefragt wurde:
„Gelassenheit nimmt das Leben durchaus ernst – aber niemals schwer.“



¹ Max Raabe (und Annette Humpe): Küssen kann man nicht alleine, Decca Records 2011

² So geschehen z.B. im Kommunalwahlkampf 2021 um die Position als Göttinger Oberbürgermeister*in

Danke an comfreak auf pixabay für das Foto!

Eintrag 72

Schöne Bescherung!*

Unsere Reise durch 2021 neigt sich dem Ende und meinen letzten Eintrag in diesem Jahr möchte ich darum zwei oligoamoren Impulsen widmen, die ich sowohl durch meine mono- als auch durch meine poly-amore Beziehungserfahrung gewonnen habe.

Schon in Eintrag 29 sage ich, was ich anstelle meiner langen Einträge nahezu auf jede Seite meines bLogs schreiben würde, wenn dies als Essenz genug sein könnte: „Führt gute Beziehungen!“.

Und ich bin überzeugt, daß genau genommen dieser schlichte Imperativ für jede Form von vertrauensvoll-inniger Interaktion ausschlaggebend ist – ganz egal, wie viele Beteiligte dann schlußendlich zusammen im jeweiligen Beziehung-Boot sitzen.

Darum immer achtsam, mit wem man (sich) teilt…

Die allermeisten meiner Leser*innen stammen wie ich aus der „alten Welt der Mono-Amorie“ – und haben dort vermutlich ebenso ihre ersten Beziehungskenntnisse gesammelt.
An dieser Stelle möchte ich daher auch erst einmal eine Lanze für diese gebräuchliche Konvention brechen.
Denn was den Grad an Intensität angeht, so gibt es vermutlich kein durchdringenderes Arrangement als das von zwei Menschen in einer 1:1-Situation.
Ja, richtig – ich habe Eure Gedanken gehört: „…aber auf Gedeih‘ und Verderb’…“ – und ich stimme auch darin zu. Aber laßt uns heute vielleicht auch „auf Gedeih’“ schauen.

Die „romantische Zweierbeziehung“ ist ja auch deswegen nach wie vor ein so gut verkäufliches Glanzmodell, weil dort nicht etwa eine Übereinkunft (was es im Kern ist!) beworben wird, sondern ein Ideal (was es auch ist!).
Mit Idealen – die ich ja ebenfalls in der Oligoamory sehr schätze – ist es aber so eine Sache. Wir lieben die heldigen und strahlenden Momente, die so ein Narrativ verspricht – aber wir sind gut darin, in solchen Momenten die damit einhergehenden Notwendigkeiten und noch viel mehr die Unvermeidlichkeit sich mittelfristig einstellender Routine zu ignorieren (oder wenigstens zu verharmlosen…).

Wenn sich allerdings Übereinkunft und Ideal treffen, dann kann eine Zweierbeziehung gewissermaßen den Inbegriff des von mir auf meinem bLog so oft zitierten Emotionalvertrags abbilden: Ein gemeinsames Auskosten der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.
Dies – sich einmal auf der Zunge zergehen gelassen – ist schon viel, gewaltig viel, und ein Versprechen von allseitiger Zufriedenheit, Wohlergehen und Sicherheit (inklusive Berechenbarkeit!) für die Beteiligten.
Potenziert mit dem romantischen Motiv des „freiwillig für die Gemeinschaft (also hier: die Beziehung!) erbrachten Selbstopfers“ (ausführlich dazu siehe Eintrag 34), ist die Strahlkraft einer solchen Verheißung gewissermaßen unübertrefflich.

Romantische Verbrämung, mit rosaroter Zuckerwatte verklebter Wunschtraum, realitätsfremde Seifen(opern)blase?
Ich möchte Euch sagen, daß ich all das, was ich im obigen Absatz geschrieben habe, exakt so in meinen Zweierbeziehungen erlebt habe (und jeden Tag erlebe!).

Die Investition und das Engagement meiner Partnerinnen (ich bin heterosexuell) in und für mich waren und sind jederzeit gigantisch. Und vollkommen un-selbstverständlich.
Das Maß an Kooperation, Rücksichtnahme, Widmung, Hingabe, Zugewandheit, Aufmerksamkeit, Einbeziehung, ja, Mit-Hineindenken (Eintrag 53), welches mir insbesondere in meinen Langfrist-Beziehungen entgegengebracht wurde, übersteigt ganz sicher jeden Umfang geläufiger Alltagserfahrung – und auf alle Fälle jedwedes noch so hoch beworbene Leistungsniveau auch nur irgendeiner irdischen Konsumentenerfahrung.

„Häh, der Oligotropos vergleicht jetzt seine Liebsten mit irgendwelchen Dienstleistern…?“
Ja, korrekt, das tue ich in dieser Weise ein wenig – genau um zu zeigen, daß hier wohl eine sublim-metaphysische Komponente im Spiel sein muß, die anderweitig so in keiner anderen Form von zwischenmenschlicher Übereinkunft enthalten ist – nämlich Liebe.
„Liebe“, die mir in jedem kleinen alltäglichen Entgegenkommen meiner Lieblingsmenschen spürbar beweist: Ich werde gesehen, ich bin offensichtlich für das Selbstbild meines Gegenübers von Bedeutung, ich erlebe dadurch Wertschätzung für mein eigenes Selbst aufgrund meines unveräußerlichen Eigenwerts [der von der anderen Person erkannt und geschätzt wird, oh Glückseligkeit!], darum kann ich mich hier in Vertrauen hingeben und darauf weiter aufbauen.

Was ich da gerade formuliert habe ist in der Tat SO viel Bedürfnisabdeckung¹ für einen menschlichen Geist, daß aus diesem Überfluß selbst ein paar Gefahren entstehen können.
Die eine ist das mittlerweile gut belegte Phänomen des „Gesetzes vom abnehmenden Grenzertrages“, welches der Ökonom Daniel Kahneman bereits im Jahr 2000 ausgiebig identifizierte². Wir alle kennen das Phänomen besser als eine Variante der „Macht der Gewohnheit“, bei der wir etwas Gutes, was wir aber regelmäßig erleben, nicht mehr als „besonders“ erachten. Sogar eine Steigerung dieses „Guten“ führte in Studien alsbald wieder zu einem abflachenden Gewöhnungseffekt – und das ist, wie wir alle wissen, nicht nur ein ökonomisches Dilemma, sondern eine echte emotionale Herausforderung für jede Nahbeziehung.
An den sprichwörtlich „schlechten Tagen“ unserer Beziehungen ist es dadurch nämlich zu leicht möglich, die „Gesamtheit der allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ in unserer Beziehung entweder als Selbstverständlichkeit, Selbstzweck oder „profanes Tauschgeschäft“ (quid pro quo) hinzunehmen. Und selbst ein (einseitiges) Bemühen um positive Verbesserung wird nur allzu schnell zu erneuter Gewöhnung an das Dargebotene führen.
Genau diese Zwickmühle macht viele Paartherapeut*innen reich, indem gerade in dieser kritische Situation eine reine Zweierbeziehung oftmals zu eng ist, als daß die Beteiligten allein darin weit genug zurücktreten können, um selbstständig den inneren Reichtum ihrer Gemeinschaftlichkeit (wieder)erkennen zu können.
Hier haben tatsächlich häufig polyamore Mehrfach-Partnerschaften einen Vorteil, weil genau die Dynamik einer Mehrpersonenkonstellation mit ihrer – allein aufgrund der Vielfalt der Beteiligten – unterschiedlich ausgeprägten Sicht auf die „gemeinsame Mitte“ nicht so leicht das „Gesamtwohl“ als Selbstverständlichkeit ansehen wird, wie dies bei lediglich zwei Personen geschehen kann – die, bereits Nase-an-Nase verkeilt, urplötzlich ihr investiertes Eigeninteresse im Ausverkauf wähnen.

Und exakt diese „dunkle Seite“ der „Wohlfühlzonen-Besitzstandswahrung“ führt ebenfalls zu all den extremen Aufwallungen von z.B. Eifersucht oder Neid, wenn der Versuch der Öffnung einer Zweier-Bestandsbeziehung gewagt wird.
Sämtliche Ratgeberliteratur ist voll von Mahnungen, monogame Beziehungen überhaupt nur bei vollständig stabilisierten Binnenverhältnissen und hohem inneren Einvernehmen zu öffnen – keinesfalls aber, um bei bereits an den Spielfeldrändern lauernder Unzufriedenheiten, den berühmten „frischen Wind“ hineinzulassen.
Denn: Der interne „Emotionalvertrag“ einer reinen Zweierbeziehung ist fast immer eine etwas heikle Angelegenheit, indem dieser meist eine subtil austarierte und verflochtene Wechselbezüglichkeit eben nicht immer bewußt eingebrachter sowie „genossener“ Anteile ist.
Als ehemaliger Monoamorist finde ich das übrigens gar nicht so sehr verwerflich. Ja, richtig, Unbewußtheit ist sicher nie eine hilfreiche Eigenschaft – und auch die Mono-Amorie würde von mehr bewußt und vollumfänglich transparent eingegangenen Beziehungen profitieren. Da die Mono-Amorie allerdings ohnehin nur auf zwei mögliche Beteiligte zugeschnitten ist, erlaubt sie aufgrund der „Ganz-oder-gar-nicht-Natur“ ihrer Konzeption an diesem Punkt ein mögliches Maß an, öhm…, Leichtherzigkeit, etwaig unbewußt eingebrachte Problempotentiale der Resilienz der entstehenden Beziehung anvertrauen (was zugegeben ungeschickt – aber zugleich ebenfalls jahrhundertelang ungeheuer attraktiv für das Mono-Modell war und noch ist…).
Das Resultat ist in jedem Fall jenes Zweiertandem, bei dem zwei Welten solcherart miteinander verbunden werden, daß Kurs, Geschwindigkeit und Stabilität in jedem Fall sowohl zu Wohl als auch zu Wehe beider Mitfahrer*innen gehen werden, wodurch einerseits die Intensität der aufgewandten internen Synchronisation – aber eben andererseits auch die interne Abhängigkeit – sehr hoch werden können.
Wird ein solches Arrangement nun zu neuen Beteiligten hin geöffnet, wird es daher unweigerlich zu einem Erleben von Verschiebung und Asymmetrie kommen.
Je höher nun die eingebrachten unbewußten Anteile kompensatorischer Natur (z.B. für erlittene Mängel aus Kindheit oder Sozialisation) sind, umso höher werden diese Verschiebungen nun als schmerzhafte Scherkräfte der eigenen Bedürfnisdeckung erlebt. Neid (Eintrag 59) und Eifersucht (Eintrag 36) stellen nämlich aus meiner Sicht immer die bohrende Frage nach dem eigenen „unveräußerlichen Eigenwert“ (s.o.). Wenn also eine neue (Mehrfach)Beziehungskonstellation dabei vor allem als Ressourcenabfluß erlebt wird und nicht als „Zugewinngemeinschaft“ mit einem sich nach einiger Zeit neu etablierenden, emotionalen Zentrum an „allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden, freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“, dann werden die anfangs vielleicht nur „gefühlten“ Scherkräfte alsbald sehr real die Oberhand gewinnen und allen Beteiligten bis an die Grenze der Beziehungsvernichtung Leid verursachen.

Polyamorie (und natürlich Oligoamory) brauchen, wie ich im letzten Eintrag schrieb, also in jedem Fall alles : Die Übereinkunft – die (Selbst)Verpflichtung, gemeinsame Ideale UND Liebe – und zwar Letztere bei allen und für alle Beteiligten, wenn die Sache perspektivisch eine Zukunft haben soll.

Womit ich genau genommen schon bei meinen Erfahrungen durch die Polyamorie bin.
Wenn ich diese genauer überdenke, dann fällt mir, glaube ich, am eindrücklichsten auf, wie sehr ich erlebt habe, daß man dort niemals versuchen sollte, Beziehungen einander nach einem bestimmten „Wohlfühl“-Muster nachzubauen.
Für manche mag das nun eventuell wie eine Binsenweisheit klingen – oder andere denken, daß diese Lektion ja auch in serieller Monogamie sehr gut zu erleben sei.
In gewissem Sinne stimme ich da auch zu – gleichzeitig ist es exakt wieder die tatsächliche Mehrpersonen-Konstellation, die die beste Versicherung gegen routinierte Selbstsabotage ist.
„Jede Beziehung ist einzigartig“, klar, noch so eine Binsenweisheit, ha, – wie sollte es da möglich sein, sie einander anzugleichen…?
Und doch besteht diese Gefahr, wenn „wir“ jedes Mal genau einer der Bezugspunkte unserer Nahbeziehungen sind – und wir jedes Mal auch unsere eigene „Bedürfniskennung“ dort hinein einzubringen versuchen. Unsere „Bedürfniskennung“ zieht an einer Art virtuellen Schleppleine nämlich auch unsere oben erwähnte „Wohlfühlzone“ mit sich, bei der uns Bequemlichkeit und angenehm gewordene Gewohnheit anstiften können, zu versuchen, ob wir uns nicht noch einen (weiteren) ähnlich beschaffenen Vertrautheits-Schlupfwinkel einrichten könnten… Selbst unsere Gehirne, bei denen wir seit Eintrag 25 wissen, daß sie nichts lieber erleben möchten als möglichst vergleichbare Kohärenz (Übereinstimmung/Sinnzusammenhang), können da mit ihrem „inneren Schweinehund“ geradezu übereifrige Erfüllungsgehilfen werden.
Nun, aber da wären ja noch die jeweiligen Liebsten in ihrer Verschiedenartigkeit, die, was „Kooperation, Rücksichtnahme, Widmung, Hingabe, Zugewandheit, Aufmerksamkeit, Einbeziehung, uns Mit-Hineindenken“ doch Individuum für Individuum ganz unterschiedlich gepolt wären.
Womit wir es uns aber ein wenig zu leicht machen würden, speziell wenn wir die Verantwortung ganz in die Hemisphäre unserer Liebsten verschieben würden, uns aus unserer harmonieerstrebenden Komfortzonen-Uniformität zu locken. Denn dabei würden diese doch gleichzeitig regelmäßig den (richtigen!) Eindruck erleben, gegen irgendein unsichtbares Gefälle auf unserer Seite anzuarbeiten – während wir ja gerade eigentlich in dem Unternehmen bestrebt sind, sie ihrerseits als hübschen Schlußstein in unser Behagens-Kämmerlein einzufügen.
Nein, Mehrfachbeziehungen lassen solche putzigen Manipulationen nie sehr lange zu, bis sie alsbald angesprochen auf dem Tisch des Hauses liegen.
Was für mich eine der wundervollsten Eigenschaften ethischer Non-Monogamie ist.
Denn wie ich es auch drehen und wenden möchte, die Abgeschiedenheit und das in-sich-selbst-verkapselt-Sein einer Zweierkiste ist hier nicht mehr möglich. In gewisser Weise bin ich also definitiv exponierter – soll das also unweigerlich bedeuten, daß ich mit einen gewissen Verlust an Sicherheit und Vertrautheit in der Poly-/Oligoamory leben muß?
Ich glaube nicht. Denn wenn Liebe im Spiel ist, bedeutet dies ja, daß ich gesehen werde, ich offensichtlich für das Selbstbild meiner Gegenüber von Bedeutung bin, ich dadurch Wertschätzung für mein eigenes Selbst aufgrund meines unveräußerlichen Eigenwerts erlebe [der von mehreren anderen Person erkannt und geschätzt wird, oh Glückseligkeit!], darum kann ich mich in Vertrauen hingeben und darauf weiter aufbauen.
Ethische und nachhaltige, so wie von Liebe getragene Mehrfachbeziehungen entfalten an dieser Stelle ihr grandiosestes Potential:
Ich bin mehreren Menschen wichtig und werde darum von ihnen gesehen – es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, daß sich darin alle auf den selben Aspekt von mir beziehen.
Mehrere Personen drücken aus, daß ich für ihr Selbstbild Bedeutung habe und ich ein Teil ihres Lebens bin – aber eben ganz unterschiedlicher Leben und Biographien, von denen ich nun ein wertvoller, beitragender Baustein sein darf.
Mein „unveräußerlicher Eigenwert“ wird von mehreren Menschen auf das höchste geschätzt – und das bedeutet in der Sache das Großartigste von allem: Daß nämlich mein Eigenwert überaus vielseitig und facettenreich sein muß, größer vielleicht, als ich sogar selbst im Moment wahrzunehmen fähig bin.
In dieser Art kommt mir auf ganz festliche Weise wieder einmal mehr die Gabe ethischer Mehrfachpartnerschaften zugute: Mehr zu sein als die Summe der Teile.
Die Gefahr, einer Lullerland-Komfortzone zu erliegen, die ich darob irgendwann für das alltäglich dargebotene, mir zustehende Normalmaß halte, wird dadurch ebenso deutlich geringer. Im Buch meines Lebens können täglich neue Seiten überraschend von meinen Liebsten aufgeschlagen werden, die ich vielleicht selbst eher nicht berührt hätte. Manchmal wird es mich darum Mut kosten, mich als die Hauptfigur auf diesen Seiten zu sehen…
Doch wie der legendäre chinesische Philosoph Laotse schon im sechsten Jahrhundert vor Christus wußte: „Große Liebe macht den Menschen mutig.“
Und so bekomme ich selbst sehr wahrscheinlich ebenfalls Lust darauf, diesen vielseitigen und facettenreichen Menschen, der ich in den Augen meiner Liebsten ja offensichtlich bin, meinerseits auch noch immer gründlicher kennenzulernen, wertzuschätzen und zu entfalten
Was wohl schon der französischen Schriftsteller Marcel Proust gleichermaßen empfunden hat, als er in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ notierte:

„Lasst uns dankbar sein gegenüber den Menschen, die uns glücklich machen. Sie sind liebenswerte Gärtner, die unsere Seele zum Blühen bringen.“



* Der Begriff Bescherung wird abgeleitet von mittelhochdeutsch beschern = „verhängen, zuteilen“ (weil zur Weihnachtszeit landwirtschaftliche Dienstleute von ihren Herren meist eine Sondervergütung erhielten) – womit also eine von der Natur der Beziehung abhängige Zuweisung gemeint war – und ist… 😉

¹ Wenn ich auf diesem bLog von Bedürfnis spreche (meine Stammleserschaft weiß es), dann beziehe ich mich immer auf ihre Verwendung als Persönlichkeitseigenschaft der humanistischen Psychologie, z.B. gemäß A. Maslow, C. Alderfer and M. Rosenberg.

² Kahnemann, D., Experienced utility and objective happiness: A moment-based approach. In: Kahnemann, D. und Tversky, A. – „Choices, Values and Frames“, New York 2000

Und Dank an Oriol Portell auf Unsplash für die schöne Bescherung!

Eintrag 71

Im Namen der Viel-Liebe

In diesem Eintrag möchte ich noch einmal über Polyamorie – welche ja gewissermaßen die Patin meiner „Oligo“-Amory“ ist – sprechen.
Polyamorie also.
Warum gibt es die Polyamorie und warum wollen wir sie leben?

Wenn ich durch den medialen Blätterwald on- und offline lese, so wie mich durch all die verschiedensten Foren zu dem Thema von Joyclub über Facebook (auch z.B. hier oder hier) bis hin zu Polytreff klicke, dann scheint mir der Begriff Polyamorie nach wie vor noch zu oft zum Zwecke der Bezeichnung jedweden promisken Ringelreihens mit mehr als zwei Beteiligten zu dienen. Und daraus einerseits nahezu all seine Faszination zu ziehen – aber auch andererseits all die dadurch entstehenden zwischenmenschlichen Probleme.

Das macht mich traurig. Und ärgerlich. Denn Polyamorie ist eigentlich so viel mehr. Selbst dieses kleine „eigentlich“ ist keine beschwichtigend einschränkende Floskel, sondern sehr bewußt von mir gewählt, denn das Wort „eigentlich“ bedeutet ja „zu eigen“ – also: „zum Wesen, zur inneren Natur gehörig“.

Was also ist es, was der Polyamorie „zu eigen“ ist, zu ihrem innersten Wesenskern gehört?
Dies scheinen mir vor allem drei Dinge zu sein, die alle sämtlich meist wie das Kind mit dem sprichwörtlichen Bade ausgekippt werden – und nahezu sofort vergessen sind, sobald sich Menschen unter dem Feigenblättchen „Polyamorie“ in ein Mehrpersonen-Getümmel stürzen.

Als bLogger, der sich dem Thema verbindlich-nachhaltiger, sowie vor allem ethischer Mehrfachbeziehungen verpflichtet sieht, ist es mir ein Anliegen, die von mir identifizierten drei Wesenskerne der Polyamorie noch einmal hervorzuheben, da aus meiner Sicht durch ihr Vorhandensein oder Fehlen das ganze Gebäude unweigerlich stehen oder fallen muß.

Die drei Zutaten, die vollkommen unzertrennbar in einem polyamoren Miteinander gemeinsam in Wechselwirkung stehen lauten für mich: Idealismus, Pragmatismus und Liebe. Oder – wem das zu bildungssprachlich oder zu abstrakt erscheint – : Uneigennützigkeit, Alltagstauglichkeit und wertschätzende Verbundenheit.
Die Immanenz dieser drei Kernbestandteile der Polyamorie sind nach meinem Dafürhalten keine „steile These“ – vielmehr sage ich sogar, daß kein Mensch ernsthaft das Label „Polyamorie“ für sich verwenden kann, der irgendein Mehrfachbeziehungsarrangement außerhalb ihres Rahmens führt.

Warum bin ich diesbezüglich so scheinbar streng und wie komme ich zu meiner Anmaßung solcher vermeintlichen Deutungshoheit?
Genau indem ich mir noch einmal vor Augen führe, wozu die Polyamorie primär einmal angetreten ist, welche Impulse die Menschen motivierten, die sie von Hause aus erdacht und umgesetzt haben, welche Vision von der Welt und von unserem Leben in dieser Welt gewissermaßen ihre „DNS“ geprägt haben.

In meinem Eintrag 49 zur „Geschichte der Oligoamory“ ehre ich den Personenkreis um die Visionäre, Autoren, und Neuheiden Morning Glory Zell-Ravenheart und Oberon Zell-Ravenheart, von denen erstere ursprünglich das Wort „polyamor“ prägte.
Dies geschah ihrerzeit nicht etwa aus einer Laune oder aus Phantasterei heraus, sondern staunenswerterweise ganz zuvorderst aus vordringlichem Pragmatismus.
„Not“, sagt man, „ist die Mutter der Erfindungen…“ – und es ist doch sehr häufig so, daß sich bestimmte Fragen – selbst weltanschaulicher Art – meist dann erst wirklich zur Lösung aufdrängen, wenn ein akuter Handlungsbedarf besteht. In dieser Weise erging es auch den Menschen um die Zell-Ravenhearts, die – nach intensiven Phasen zutiefst vertrauensvoller, in höchstem Maße selbstehrlicher wie selbstoffenbarender psychologischer wie auch spiritueller Gruppenarbeit – mit der Tatsache konfrontiert waren, daß sich innerhalb der Gruppe Liebesbeziehungen zwischen Beteiligten auszubilden begonnen hatten, die nicht notwendigerweise miteinander (ehelich) legitimiert verbunden waren – bzw. die vielmehr entweder mit anderen Personen aus diesem Kreis bereits in Beziehung standen oder auch mit ganz anderen Personen außerhalb der Gruppe.
Zur „Bewältigung“ dieses Umstandes hätten auch schon 1990 die damals etablierten Möglichkeiten von serieller Monogamie, Heimlichkeit/Betrug oder „Offener Beziehung“ zur Verfügung gestanden – doch die Zell-Ravenhearts wählten ausgerechnet die (neu zu erschaffende) Polyamorie…

Ich möchte genau hier darum noch einen kurzen Moment beim Pragmatismus verweilen, der ja eigentlich überhaupt anfangs den allerersten Stein ins Rollen brachte: Sachbezogenheit, Machbarkeit und Alltagstauglichkeit sind nämlich keine kleinen Nüsse, die es mal eben zu knacken gilt. Kein Ergebnis einer Koalitionsverhandlung oder Klimadebatte kann ohne diese Form von Erdung im „harten Licht der Realität“ zielführend sein – ja, noch mehr: dauerhaft Bestand in der Wirklichkeit haben. Machbarkeit in Form von Lebenstauglichkeit im Alltag sowie belastbare Langfristigkeit gehörten bei der „Polyamorie“ also überhaupt zu den wichtigsten Parametern der ersten Stunde.
Womit in meiner Interpretation also niemals kurzfristige Spielbeziehungen, Wochenendarrangements oder Workshop-Liebschaften gemeint waren, sondern vielmehr der Wunsch und auch die Selbstverpflichtung, das Geschenk einer Mehrfachliebe in eine vollwertige, berechtigte und funktionsfähige Beziehungsform mitten in den Leben der Beteiligten überführen zu können (und zu dürfen!) [siehe dazu auch meinen Eintrag 45 von der „Wunderbaren Alltäglichkeit des Seins“]. „Vollwertig“, „berechtigt“ und „funktionsfähig“ bedeuten damit sofort natürlich auch Offenheit (ja, auch Öffentlichkeit) und Ehrlichkeit, ebenso wie Augenhöhe und Teilhabe aller Beteiligten. Und es bedeutet Selbstverpflichtung und Verbindlichkeit, zum Funktionieren – also dem Selbsterhalt – der Gesamtbeziehung Beitrag zu leisten, mit dem vollen Programm von Übereinkünften, Herstellung von allseitigem Einvernehmen und auch gelegentlicher Selbsthintanstellung.
Womit „Pragmatismus“ der „Knäckebrotanteil“ der Polyamorie zu sein scheint… Aber ohne Realitäts-Check mithilfe des „Knäckebrotanteils“ wird es auch den „Schwarzbrot- (oder meinethalben „Torten-) Anteil“ einer wirklich von allen Parteien als „gemeinsame Beziehung“ angesehenen, vertrauensvollen, sicheren und berechenbaren Gemeinschaftlichkeit nicht geben, in der sich alle Dazugehörige als aufgrund ihres Eigenwerts geschätzte Mitwirkende erleben können.

Über den „Idealismus“ in der Polyamorie habe ich als Idealist daselbst hier auf dieser Plattform vermutlich bis heute am meisten geschrieben. Einen Idealismus, den ich oben mit „Uneigennützigkeit“ übersetze…
Wenn Du Dich also „polyamor“ nennen möchtest, welche Art „Mindset“ würde ich Dir dahingehend wünschen?
Die erwähnten Zell-Ravenhearts hatten sich, bis zu dem Zeitpunkt da die „Polyamorie“ als Lebensweise von ihnen formuliert wurde, mit idealistischen Inhalten gewissermaßen bis zum Rand gefüllt.
Es ging diesen Leuten um nichts weniger als um eine neue Welt – um ein neues Herangehen und um ein erneuertes Umgehen mit allem, was da im Kosmos enthalten ist.
Als Pragmatiker – die sie neben tüchtigen Denkern zugleich waren – wandten sie solcherlei Idealismus aber zuvorderst und nahezu von Anfang an auf sich selbst an: Konzepte wie „Gewaltfreiheit“, „Bewußtseinsschaffung“, „Integration“, „Engagement“, „Verantwortungsübernahme“ und „Verbindlichkeit“ sollten keine bloßen philosophischen Ideen bleiben, die in irgendeinem Wolkenkuckucksheim vor sich hin stauben würden. Mittels des in Eintrag 49 erwähnten Werkzeugs der MaslowschenSelbst-Verwirklichung“ bemühten sich diese mutigen Menschen darum, jeden Tag „ein bißchen mehr die beste Version ihrer selbst“ zu werden. Unehrlichkeit, Intransparenz, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Unbewußtheit, und sich für-nicht-zuständig-Erklären waren dadurch keine Optionen mehr, die sie mit in eine angestrebte neue Welt von Gleichwürdigkeit, Teilhabe und Akzeptanz hätten mitnehmen wollen.
Als also plötzlich die Tatsache von durch Vertrauen und Miteinander entstandenen, erweiterten Liebesbeziehungen im Raum stand, gab es nachgerade nur die Option, deren Machbarkeit und (Er)Lebbarkeit innerhalb des selben ethisch hochwertigen Anspruchs zu verankern, der auch für alles übrige Denken, Sprechen und Handeln ausschlaggebend sein sollte.
Da die Zell-Ravenhearts durch die ihnen eigene Herangehensweise als Gruppenarbeit dadurch sowohl individuelle (also auf den Einzelnen abgestellte) als auch kollektive (also auf die Gruppe, das Gemeinsame, gerichtete) Ziele verfolgt hatten, floß nahezu unbemerkt eine weitere Komponente in die Polyamorie mit ein: Die Multiplizierung von Ressourcen und allseitiger Wohlfahrt, die ich auf diesem bLog regelmäßig als das Zustandekommen von „mehr als der Summe der Teile“ bezeichne.
Genau dieser überindividuelle Gesamtnutzen ist aus meiner eigenen Erfahrung eines der aussagekräftigsten Effekte gelingender Polyamorie, weshalb ich den Idealismus in der Anmoderation auch mit „Uneigennützigkeit“ synonymisiere: Gelingt es uns, uns selbst als Individuum nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen, indem wir einem Ideal als Leitstern folgen, dann begeben wir uns – egal ob wir es jemals vollständig erfüllen werden oder auch nicht – auf den berühmten „Weg des größtmöglichen Mutes“, auf dem wir über uns selbst hinauswachsen können. Insbesondere, weil wir uns damit zugleich vor der Erkenntnis verbeugen, daß nichts im Universum wahrhaft „getrennt“ voneinander existiert und uns darum als bewußtseinsbesitzende Menschen – und umso viel mehr als Liebende – eine besondere Verantwortlichkeit für alles um uns herum obliegt.

Womit ich bei dem dritten Kernbestandteil bin, der es sogar mit in das Wort „Polyamorie“ mit hineingeschafft hat: Der Liebe.
Eve Rickert und Franklin Veaux (die Autoren des für mich nach wie vor großartigsten Polyamorie-Ratgebers „More Than Two“ ¹ – die sich mittlerweile leider miteinander zerstritten haben, exakt weil sie sich selbst nicht an die von ihnen formulierte wichtigste Regel in der Polyamorie „Sei kein Arsch!“ hielten…) nannten in ihrem Buch die Liebe „die große Klärungsfinderin der Werte“ [siehe auch Eintrag 64 „Bedeutsame Beziehungen“].
Und das ist sie auch, denn ohne sie wäre all das, was ich oben über Pragmatismus und Idealismus so schön zusammengetragen habe, nur hübsches – aber letztendlich lebloses – Stückwerk.
Mit „Liebe“ meine ich aber eben nicht dieses immer wieder zu leicht hineingelesene „Liebe machen“ – diesen spießigen, anglizistischen Euphemismus für sexuelle Aktivitäten aus den späten 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ² [Ich mein, bitte!!! Wer sagt denn heute ernsthaft noch „Komm, lass‘ uns Liebe machen…“???]. Darum meine ich damit auch nicht vorrangig Erotik, Lust, Begierde und Leidenschaft (wiewohl ich ein Vorhandensein dieser Aspekte in Liebesdingen als eventuell gewinnbringenden Beitrag erachte…).
Oben setze ich „Liebe“ vielmehr mit „wertschätzender Verbundenheit“ gleich. Dieses „Superkonzentrat“ eines so komplexen Themas wie „Liebe“ begleitet mich, seit ich für Eintrag 14 erstmalig durch die Psychologen Cohen, Underwood und Gottlieb dafür die sehr einleuchtenden Einflußgrößen erhielt, daß wir a) „verstanden, bestätigt und berücksichtigt werden“, weil wir b) für das Selbstbild der anderen Liebespartner*innen von Bedeutung sind, dadurch c) belastbares Vertrauen in unser Angenommensein haben können, wegen d) dem Erleben von Wertschätzung für unser eigenes Selbst aufgrund unseres unveräußerlichen Eigenwerts.
Wertschätzende Verbundenheit, gut ja, kann ich also durchaus auch im Verlauf einer heißen Liebesnacht erfahren. Für unser Leben, für unseren Alltag – und damit für den weitaus größeren Teil unserer (scheinbar) profanen Lebenszeit ist es aber aus meiner Sicht noch viel bedeutsamer, wenn wir diese wertschätzende Verbundenheit in den vermeintlich „kleinen Dingen“ erkennen und widergespiegelt bekommen: Wer bringt mir im November ungefragt das Nasenspray aus der Apotheke mit, wer verabschiedet gerade liebevoll-unerbittlich die Kinder in den Schultag, wer harrt bei mir aus – auch wenn ich gerade schlecht drauf und wenig unterhaltsam bin, für wen wasche ich das Lieblingsshirt eine Maschine schneller, wer fährt jeden Tag zur Arbeit und verdient Geld für die Gemeinschaft, wer besucht mit mir meine quengelige Mutter, wessen Hund habe ich entflöht – auch wenn ich nie einen Hund wollte, wer nennt mich „Superschatz“, wen hole ich um 2 Uhr morgens an irgendeinem götterverlassen Ort ab, wer erzählt mir von den Verlassenheitsgefühlen, als in der Teenagerzeit der geliebte Opa starb?
Liebe ist dadurch für mich das große Band, welches letztendlich jedes Gesamtpaket aus Pragmatismus und Idealismus verbindet – und zusammenhalten wird. Eintragweise (zuletzt Eintrag 69) bringe ich immer wieder den hinter jeder (Liebes)Beziehung stehenden „Emotionalvertrag“ ins Spiel, bei dem es um die „Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ geht. Das klingt zunächst sehr nüchtern, sehr nach dem von mir beim Pragmatismus erwähnten „Knäckebrot“. Aber es enthält auch all die Verheißungen von geteilter Gemeinschaftlichkeit, Vertrautheit und Intimität. Genau jedoch mit der „Liebe“ erst als Band und Umhüllung eines solchen Arrangements hingegen wird doch erst klar, daß wir darin nicht investiert sind, weil wir es wohl oder übel müssen, sondern weil wir es aus tiefster Überzeugung und von ganzem Herzen immer wieder aufs Neue WOLLEN.

Wer noch nicht überzeugt ist, mag den „Negativtest“ antreten – und aus einem vermeintlich polyamoren Geschehen einen der erwähnten Bestandteile herausdefinieren:
Eine Beziehung die von Liebe getragen und auch idealistisch uneigennützig ist – jedoch ohne pragmatische Komponente? Wird eine raumzeitlich begrenzte Flamme sein, die niemals einen wirklichen „Sitz im Leben“ der Beteiligten erhält. Mag eine ganze Weile durch diesen gewissen exklusiven Glanz bestehen, doch niemals einen Schleier von Abstreitbarkeit und Unverbindlichkeit verlieren.
Dann also lieber pragmatisch-sachbezogen, voller Liebe, jedoch ohne Ideale? Auch so eine Selbstverleugnung kann man eine Weile durchziehen… Einer solchen Verbindung wird allerdings eines Tages höchstwahrscheinlich die Liebe ausgehen. Entweder, weil alle daran Beteiligten sich schließlich einander so ähnlich geworden sind wie die sprichwörtlichen Hundebesitzer*innen ihren Hunden – oder weil durch fehlende Impulse von Weiterentwicklung eine lähmende Langweiligkeit irgendwann alle noch ausharrenden Insassen ergriffen hat. Oder sie fliegt sehr schnell in die Luft – an dem Tag, an dem die meisten Teilhaber*innen erkennen, daß sie von ihrem inneren Wesen her eigentlich nach völlig unterschiedlichen Dingen streben.
Und eine Verbindung – sowohl pragmatisch als auch idealistisch – aber ohne Liebe? Unsere Großeltern nannten das wohl ein „Socken-und-Bratkartoffel-Verhältnis“. Oder auch eine „Vernunftbeziehung“. Auf jeden Fall wird unser Herz darin kalt bleiben und im Regen sehnsüchtig mit hochgeschlagenem Kragen auf einer zugigen Brücke stehen. Was die Garantie für vorzeitiges Altern und Vergrauen ist – es sei denn man wäre eventuell ein von einem solchen Arrangement profitierender Narzisst, der seine Energie durch Ausnutzung der anderen in solch einem System bezieht, ohne selbst auch nur ein Fünkchen wahrere Zuneigung beizutragen…

Alle drei Negativtests sind mir leider auf dem „polyamoren“ Kontinent weitaus häufiger begegnet, als die faszinierende, allen Beteiligten förderliche Lebensweise, zu der das Konzept einmal komponiert worden ist: Eine Blaupause, um einvernehmliche, vollumfänglich transparente, durchweg aufrichtige, verbindlich-verläßliche und auf Alltagstauglichkeit angelegte Mehrpersonen-Liebesbeziehungen zu gewährleisten, deren innerer Raum durch Ressourcenvernetzung und allseitige Teilhabe das Potential zur Selbstentwicklung sowohl für die beteiligten Individuen als auch für die Gemeinschaft bzw. die Gesamtbeziehung erhält.

Und daher lehne ich, Oligotropos, die Verwendung des Begriffs „polyamor“ als (Selbst)Bezeichnung für all diejenigen Personen und Begehrenszustände ab, die dadurch überwiegend beschreiben wollen, daß mit mehr als einer weiteren Person vor allem irgendein erotischer Kontext geteilt wird – insbesondere weil für mich auf diese Weise das Potential sowie die Entstehungs- und Anwendungshintergründe der so präsentierten Beziehungsphilosophie ignoriert, mißachtet oder schlimmstenfalls vorsätzlich verschleiert werden.³




¹ Das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² Den Begriff „make love“ gibt es übrigens schon sehr lange, er bedeutete nur über weite Stecken seiner Existenz etwas anderes. Wenn z.B. in Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil im Originaltext „Pride and Prejudice“ von 1813 die Wendung „he made love to all of us“ gebraucht wurde, dann war damit keine Massenorgie gemeint, sondern schlicht freundschaftlich zugewandtes Verhalten in einer Gruppe.

³ Warum ich, Oligotropos, noch darüber hinaus dann von der Poly- zur „Oligo“-Amory übergegangen bin, erläutere ich u.a. ausführlich in Eintrag 2.

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Eintrag 70

Unbemerktes Leitmotiv*…

„Polyamorie ist nichts für mich. Wenn ich zwei Leute gleichzeitig enttäuschen möchte, dann fahre ich zu meinen Eltern.“
Diesen Satz las ich letzten Monat in einem Forum über unterschiedliche Beziehungsformen – und einen schrecklicheren Offenbarungseid angesichts der Einstellung gegenüber Mehrfachbeziehungen habe ich vermutlich noch nie zuvor gesehen.

Wobei „schrecklich“ natürlich wiederum eine höchst subjektive Wortwahl meinerseits ist. Ich hätte auch „erhellend“ oder „interessant“ schreiben können – denn gemäß dem „Vier-Seiten-Modell“ des deutschen Kommunikationspsychologens Friedemann Schulz von Thun enthält ja jede Botschaft eine Selbstoffenbarung, die in erster Linie etwas über die sprechende Person daselbst enthüllt.

Und damit ist die obige Aussage auch kontextuell sofort weit weniger haarsträubend, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Vielmehr spricht sie einmal mehr Bände davon, wie sehr wir – mit Mehrfachbeziehungsmustern (oder auch nur Gedanken daran!) konfrontiert – uns sehr schnell in Emotionsräumen familiärer Konstellationen wiederfinden. Vor allem aber wohl, wenn wir dort in unserer Biographie Asymmetrien hinsichtlich Ansprüchen, Berechtigung, Vertrauen oder Zugehörigkeit erlebt haben.

Für ein Säugetier wie den Homo sapiens ist die eigene kleine Menschenhorde der urspünglichste und erste Lernraum in Bezug auf familiäre Beziehungen („familiar“ heißt ja auch im Englischen bis heute „bekannt/vertraut“). Und dabei geht es eben nicht allein nur um die Verortung des eigenen „Ichs“ in so einem Gefüge oder der Entwicklung von Individualität. Denn untrennbar damit verbunden nimmt ein aufwachsendes Wesen auch alle Dynamiken von Binnenbeziehungen IN einem solchen (Familien)Gefüge wahr, die sich nach und nach zu einem Repertoire eigener (möglicher) Rollen und Rollenreaktionsmuster formen.

Leider (gerade wenn es sich um negative Erfahrungen handelte) waren wir ja keine bloßen Zuschauer bei einem solchen Geschehen. Das vermeintliche Schauspiel ging uns oft buchstäblich zu nah. Und das eben nicht nur, wenn wir selbst direkt betroffen waren, z.B. durch einen ängstlichen, besitzergreifenden, abweisenden oder vermeidenden Bindungsstil unserer Eltern (siehe u.a. Eintrag 14). Ebenso oft hatten wir sicherlich einen eventuell unvermeidbar unangenehmen Platz in der ersten Reihe bei Dramen, die sich zwischen unseren Eltern darboten, zwischen etwaigen Geschwistern – und unseren Eltern – oder wir waren wieder direkt betroffen, wenn es um Resonanzen zwischen vorhandenen Geschwistern und uns ging.
Gerade in den Kleinfamilien, wie wir sie seit Beginn der modernen Zeit meistens gestalten, stellen sich daraus entspringende Konflikte oftmals – trotz möglicherweise mehrerer Beteiligte – als ein lediglich zweiseitiges Geschehen dar, bei dem es nicht selten doch um „Recht haben/behalten“ oder schlussendlich nur „ums Gewinnen“ ging (Letzteres auch gerne abgesichert durch eine Zuweisung von „Schuld“).

Ein solches „zweiseitiges“ Geschehen hat darüber hinaus später höchstwahrscheinlich auch noch all diejenigen Leser*innen mit in ihre monogamen Beziehungen begleitet (mich also ebenfalls), die nicht von Beginn an eine Mehrfachbeziehung aus mehreren gleich aufgestellten Partner*innen eingegangen sind [und bei dieser Gruppe möchte ich mich hier ein bißchen entschuldigen, weil ich in der Tat über deren Beziehungsgrundmuster aus eigener Nicht-Erfahrung nicht so viel beitragen kann].
Meiner Ansicht nach besteht die Verführung nachlässig abgemachter und unbewußt vollzogener Monogamie (und aus meiner Sicht betrifft dies über 90% aller monogamen Arrangements) sogar gerade darin, daß sie – durch die einzig gestattete Konzessionierung von nur zwei Beteiligten – im Konfliktfall „win-lose“-Situationen¹ begünstigt und dabei trotzdem fortgesetzte Funktionsfähigkeit sicherstellt. Sprich: Eine*r setzt durch – und eine*r steckt um des lieben Friedens willen (also um die Gesamterfüllung nicht aufs Spiel zu setzen) zurück.

Wenn ich heute demgemäß einen Satz lese, in dem jemand eine Mehrfachbeziehung mit der Beziehung zur eigenen Familie gleichsetzt, dann fällt mir sofort unwillkürlich das Bild des Familientischs mit einer zu knappen Tischdecke ein, wo von zwei Enden so daran gezogen wird, daß es darum geht, daß eine Partei ihre Tischseite hübsch zu bedecken sucht – auf Kosten einer anderen (ebenso am Tuch zerrenden) Partei, der das am Ende nicht gelingen soll und kann – und die dadurch in letzter Konsequenz auch noch dumm dastehen wird (gewissermaßen buchstäblich „entblößt“).

Speziell all jene Erfahrungen, bei denen wir uns selbst jemals in dieser Weise als „auf der Verliererseite“ wahrgenommen haben, haben so zu einer Art „inneren Registratur“ beigetragen, die die Psychologin Dr. Verena Kast in meinem Eifersuchts-Eintrag 36 „Ressentiment“ nennt. Noch einmal: „Ressentiment“ (aus französisch re-sentir) – ein wiederholtes Nacherleben einer verinnerlichten, generalisierten konflikthaften Erfahrung, die emotional betont und mit einem bestimmten Beziehungsthema verknüpft ist.²
Das Häßliche an „Ressentiments“ ist hierbei, daß sie in uns gewissermaßen eine Form von immerpräsenter „Gefühlskonserve“ bilden: Ich habe meine Eltern einmal enttäuscht als ich 17 war (vielleicht habe ich mich für einen andere Ausbildung entschieden als diese wollten und wurde nicht unterstützt), ich habe sie mit 25 enttäuscht (hochgezogene Augenbrauen bei der Wahl meines Wohnorts, es gab kaum Besuche) – und wenn ich morgen wieder hinfahre, enttäusche ich sie ganz sicherer mit irgendetwas erneut (auch wenn ich nun 48 bin und sie fast 80…).
Die Vorstellung, sich also in einer intimen Beziehung mit zwei (oder mehr) Personen zu befinden, kann dann ganz schnell als ähnlich belastend empfunden werden: Ich hätte dann ja (z.B.) zwei Lieblingsmenschen…, …bestimmt könnte ich es niemals beiden recht machen…, ….beide würden mir das auf ihre Art ganz sicher (negativ) zu verstehen geben…, …das ist etwas, was ich nicht spüren will.
Objektiv stehen die beiden Situationen weder zeitlich noch anlässlich miteinander in Verbindung. Unseren Ressentiments ist das aber egal, da unser Gehirn aufgrund ihrer „generalisierten“ (s.o) – also vereinfachten/schablonisierten – Natur mit ihnen unwillkürlich den Schauplatz wechseln kann.

Ressentiments bedienen sich also unserer Ängste in dem Sinne, daß sie „Wiedererlebensmomente“ heraufbeschwören, als wir „schon einmal“ eine (näherungsmäßig ähnliche) Niederlage oder Bloßstellung erlitten haben.

Wo wir bei Bloßstellung sind… Vor einigen Tagen hatte ich einen faszinierenden Traum, der mir gut zum heutigen Thema zu passen scheint.
In dem Traum befand ich mich nackt mit mehreren ebenso nackten Personen verschiedenerlei Geschlechts in einer Art übergroßen, wasserlosen Duschwanne (und nein, ich besuche weder Tantra- noch Bodyworkseminare 😉 ). Die anderen „Insassen“ der Duschwanne schienen miteinander bei irgendeiner Art von Tätigkeit beschäftigt – soviel war klar – aber ob dies bloß ein intensives Gespräch oder gar sexuelle Aktivität war spielte offenbar für den Traum keine Rolle, es blieb unbedeutsam verwischt. Ich indessen hatte an meiner Seite eine gleichfalls unbekleidete (und ganz und gar klar erkennbare) mir sympathische Gefährtin (eine Traumfigur, die keinerlei Ähnlichkeit zu einem Menschen hatte, den ich kenne). Wir wechselten einige Worte und beobachteten dabei die Personen uns gegenüber in der Duschwanne. Dadurch entwickelte sich rasch ein vertrauliches Verhältnis (ja, Träume sind schon was Tolles…) und wir rückten näher aneinander – Haut an Haut. Schließlich legte ich meinen Kopf auf ihren Arm, den sie auf dem Rand der Wanne ruhen ließ und schmiegte mich mehr und mehr an ihre Seite. Schließlich neigte meine Begleitung ihr hübsches Gesicht zu mir und begann mich ausgiebig zu küssen, was ich gerne erwiderte. Ein wirklich guter, sehr inniger Kuss übrigens, vom Typ „Gehirnbelohnung“.
Just in diesem vertieften Moment mußte ich plötzlich an meinen realen Lieblingsmenschen K. in der wirklichen Welt denken (und auch für den Traum war die Existenz von K. konsequent) und was diese denn bloß dazu sagen würde – und wie ich ihr das erklären müßte – und innerhalb von Zeitbruchteilen stapelten sich schon diverse Szenerien dazu in einem anderen Teil meines Kopfes. Was mein Gehirn dazu benutzte, den Traum mit diesem letzten Eindruck zu beenden – mir aber im Aufwachen noch den Selbstzweifel dazu zu spendieren, ob (und wie?) ich denn mit einem mehrfachen Begehrtwerden umgehen könne…
Für den Traum, mein Gehirn und meinen Geist waren weder Nacktheit oder die intime Situation irgendwie schambehaftet. Auch, daß ich wohl noch mit einer weiteren Partnerin zusammen war, die ebenfalls Teil eines Mehrfachbeziehungskontextes war, stellte – wenn überhaupt – nur den Aufhänger. Aber die Frage nach dem Aushalten des doppelten Begehrens durch zwei Menschen und meine (offenbar ungenügende!) Selbstwirksamkeit in diesem Zusammenhang, DAS hingegen… …erzeugte den eigentlichen Stress.

„Luxusprobleme…“, wird jetzt vielleicht die ein oder der andere denken. Für mich ist das aber kein Luxusproblem sondern ein echtes, weil ich mich in mir damit herumschlage, daß ich „nicht genüge“ (ein ganz beispielhaftes und sehr reales Familienressentiment meinerseits). Und in einem Mehrfachbeziehungskontext kann mich das z.B. in einem Moment teuer zu stehen kommen, wenn ich bloß beginne zu glauben, mich oder meine Hinwendung zu einem Partner rechtfertigen zu müssen.
Die meisten Menschen, die mit mir bereits in intimen Beziehungen gelebt haben, könnten demgemäß vermutlich voraussagen, daß ich mich wahrscheinlich in so einer Situation durch Verharren unter dem Radar oder Ausweichen/Ablenken (= Flucht) zu entziehen versuchen würde.
Sollte ich hingegen ernsthaft zu einer unvermeidlichen Stellungnahme gedrängt werden, bestünde hingegen – wenn ich da so in mich hineinhorche – die Gefahr, daß ich trotz all meiner oligoamoren Weisheit recht schnell unsachlich werden könnte (= Kampf).

Stress engt unsere Perspektive ein, nimmt uns Langmut und Optionen, auf die wir bei ruhigem Gemüt eventuell noch Zugriff gehabt hätten.
Der Coach und Paartherapeut Reinhardt Krätzig schreibt zu diesem Phänomen in seinem Buch „Mit dem Schlüssel der Psyche“ (erschienen 2020):
»Stress erlebt unser Gehirn als Beweis für eine vorhandene Gefahr. Gefahr meint jetzt wirkliche, vielleicht lebensbedrohliche Gefahr. Um der angemessen begegnen zu können, geschieht ein Umschalten in Kopf und Körper. Der sympathische Zweig des autonomen Nervensystems wird aktiviert, wir werden unruhig, fühlen uns unbehaglich und unsicher.
In diesem Zustand beschleunigt sich unsere Herzfrequenz, unser Atem ist kurz und flach. Wir scannen unsere Umgebung, gehen in den Kampf- oder Fluchtmodus. Jetzt erlebt man die Welt eher als einen gefährlichen Ort, an dem man sich vor Schaden schützen muß. Um zu überleben, müssen alle Sinne nach Außen gerichtet sein, das energiefressende und viel zu langsame Bewußtsein bekommt weniger Sauerstoff, wird also zurückgefahren und nur noch zur Sinnesverarbeitung benutzt. Man denkt nicht mehr darüber nach, was man tut, man macht nur noch. Als Bezugspunkt für das Handeln stehen jetzt nur noch die Erfahrungen zur Verfügung. Unter Stress sind dies die Erfahrungen aus anderen schwierigen, belastenden Situationen. Da dies schon ein Leben lang so geschieht, steht man plötzlich mit einem Bein in der Kindheit und hat als Bezugspunkt für das Gegenwartshandeln nur die damals als Antwort auf schwierige Momente entwickelten Verhaltensmuster.
Achtung! Dieses Geschehen läuft nicht nur bei großem, auffälligen und für jeden sichtbaren Stress ab. Auch bei ganz subtilem Stress, insbesondere dem, der entsteht, wenn das eigenen
Lebensthema berührt ist, passiert etwas Vergleichbares. Jeder hat es schon einmal erlebt, dass ein Partner ganz plötzlich in eine merkwürdige Stimmung verfällt. Meist war dann durch irgend etwas eine empfindliche Stelle der Psyche des Gegenübers berührt worden. Das löst sofort diesen Stressmodus aus, verbunden mit dem Rückgriff auf Bewältigungsmuster der Kindheit. Für einen Beobachter wirkt so etwas irritierend und unpassend, aber das läuft bei allen irgendwann so ab, auch bei Ihnen selbst.
Im Umgang mit derart belasteten Menschen – zum Beispiel einem Beziehungspartner, der gerade mit einem streitet – macht es in diesem Moment keinen Sinn, an dessen Bewusstsein beziehungsweise Vernunft zu appellieren und ihn vielleicht aufzufordern, sich doch mal zusammenzureißen. Da das Steuerpult der bewußten Führung aktuell unbesetzt ist – so lange das subjektive Leid anhält – kann auch niemand die Appelle und Aufforderungen umsetzen. Das wichtigste und stärkste Mittel zur Selbstregulierung (Bewußtheit) steht nicht zur Verfügung. Das hat auch nichts mit mangelndem Willen, Bequemlichkeit oder Faulheit zu tun. Auch die Frage nach der Intelligenz stellt sich hier nicht. Auch bei ausgesprochenen intelligenten Menschen läuft dasselbe ab, diese sind unter Stress genauso eingeschränkt wie weniger intelligente.«


Die von Krätzig so bezeichneten „Lebensthemen“ ließen sich seiner Meinung nach übrigens besonders gut bei einer dem auslösenden Anlaß extrem unangemessenen Reaktionen ermitteln: Welche verspürte Widerfahrnis also „läßt uns völlig aus der Haut fahren“, „macht uns total sauer“ oder „zieht uns den Boden unter den Füßen weg“ ?

In Eintrag 26 schreibe ich, daß genau genommen unsere Angst vor der Angst die Dinge noch bedrohlicher erscheinen läßt. „Von uns selbst ertappt“, schreibe ich da, „ein scheußliches Gefühl.“
Mein Traum oder vielmehr mein Unterbewußtsein hat mir für mich diesen Tatbestand noch einmal aufgedeckt. Schwierigkeiten im Umgang mit Begehren? Angst (Ansprüchen) nicht zu genügen? Im Wachzustand darauf angesprochen, würde ich das wohl bestreiten, denn so sehe ich mich eigentlich gar nicht. Aber mein Unterbewußtsein hat mir gezeigt, daß es da eben doch noch einen (wohl nicht so ganz kleinen) Teil gibt, der von mir so denkt.

In unseren heutigen selbstgewählten Beziehungen sind unsere Lieblingsmenschen und Partner*innen jedenfalls nicht unsere Eltern oder Geschwister von einst. Und damit ist es günstig, wenn wir uns in einem ruhigen Moment klar machen können, daß auch die einstige Zweidimensionalität längst zurückliegender Konflikte sich heute (hoffentlich) nicht mehr in ihrer damaligen Kleinlichkeit und Unerbittlichkeit von „Gewonnen“ und „Verloren“ darbieten wird.
Mit Wohlwollen und einer Portion Eigenhumor gegenüber uns selbst können wir dafür unsere „Lebensthemen“ herausfinden, z.B. in dem wir für uns selbst anschauen, wann manchmal unser „Steuerpult unbesetzt“ ist, mit uns kaum zu reden ist, weil uns gerade ein Ressentiment in eine alte Welt aus „wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ hineinzieht (oder wir den inneren aufgewühlten Ozean mit der dritten Tafel XXL-Vollmilch zu glätten versuchen…).
Haben wir ein Lebensthema einmal entlarvt, stehen die Chance mit der Zeit immer besser, ihm seinen überbordenden Status als allesbeherrschendes (aber unbewußtes) „Leitmotiv“ unserer emotionalen Reaktion zu entziehen und es nach und nach zu einer nur noch gelegentlich schrill dazwischentönenden Clownshupe schrumpfen zu lassen.

Coach Krätzig hat übrigens auch noch einen „Positivtest“ zur Erforschung unserer Lebensthemen in petto: Er sagt, daß wir das, was uns selbst im Leben am meisten fehlt (bzw. gefehlt hat), häufig als Kompensation anderen angedeihen lassen. Ist das Fürsorge? Geborgenheit? Praktische Hilfe? Gemeinschaft? Loyalität? Ein jederzeit offenes Ohr? Oder…?
Ich bin gespannt, was ihr entdecken werdet!




* Leitmotiv: Ein mittlerweile gerne in Filmmusiken oder Game-Soundtracks eingesetztes Melodiehema, welches sich nahezu unbemerkt in unzähligen Variationen und Abwandlungen als unterliegendes Element durch den kompletten Musikscore des entsprechenden Werkes zieht.

¹ Die negativen Konsequenzen einer „win/lose-Situation“ (= Gewinner-Verlierer-Strategie: fehlende Bereitschaft von Konfliktparteien zu einer sachgerechten, rationalen Lösung von Konflikten. Eingesetzt werden Provokationen, Strafverhalten und Drohungen [Macht], in der Hoffnung, selbst als Sieger aus dem Konflikt hervorzugehen) spreche ich bereits kurz in Eintrag 26 an.

² Diese Formulierung wiederum stammt von dem Schweizer Psychiater und dem Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung.

Danke an Jonathan Sautter auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 69

Eine*r für alle – alle für eine*n!¹

Als Autor eines bLogs steht man seinen eigenen Texten selbstverständlich auch kritisch gegenüber. Immer wieder schaue ich mir darum Monate – oder mittlerweile sogar Jahre – später von mir verfaßte Einträge regelmäßig noch einmal an, und auch in meinen Augen gibt es da für mich ganz starke aber auch eventuell weniger tiefgreifende Artikel.
Da ist z.B. mein Eintrag 16, bei dem ich immer wieder überlegte, ob ich ihn für den inhaltlich schwächsten in meinem Reigen halten sollte – sogar eine Partnerin von mir meinte damals, beim Abfassen sei ich zu hart mit mir ins Gericht gegangen, denn gelingende Kommunikation würde doch stets von den Beiträgen aller Beteiligten abhängen.
Wenn ich heute indessen Eintrag 16 erneut aufrufe, dann empfinde ich seine Schlußfolgerung jedoch als höchst aktuell und allgegenwärtig – selbst wenn ich den kontextuellen Ansatz seinerzeit ein wenig „über Eck“ gespielt hatte.

Um zu verdeutlichen was ich meine, möchte ich den Ball heute erneut aufnehmen, da mir in meinen eigenen Beziehungen und auch denen in meinem Bekanntenkreis regelmäßig aufgefallen ist, wie schnell wir im „Normalbetriebsmodus“ dazu bereit sind, die Auffassung unseres Teils der Welt nur allzu selbstverständlich schon für das vermutlich „Ganze“ zu halten.

Warum ist es mir für die Oligoamory so wichtig, genau diesen Komplex (mit einem genau genommen altbekannten und recht nachvollziehbaren Mechanismus) noch einmal sehr gründlich zu beleuchten?
Weil ich ganz entschieden ein vermeintliches Hintertürchen in der oligoamoren „Firewall“ schließen möchte, welches sich einem womöglich wohlmeinenden, im Eifer des Gefechts vielleicht etwas allzu selbstüberzeugten Geist darbieten könnte – und zwar in Bezug auf das, was ich in meinen letzten Einträgen als oligoamore Grundphilosophie verankert habe:

Schon auf meiner Startseite lade ich mit der Oligoamory dazu ein, (Mehrfach)Beziehungsgeflechte aufzubauen, in welchen sich alle Beteiligte durch das Vernetzen und Zusammentragen von Fähigkeiten sowie Ressourcen hoffentlich als „mehr als die Summe ihrer Teile“ erleben könnten. In Eintrag 64, welcher der letzte Artikel eines Dreiteilers zu „Bedeutsamen Beziehungen“ war, unterstreiche ich diesen zentralen Punkt der Oligoamory mit den ganzheitlichen Gedanken des frühneuzeitlichen Philosophen Shaftesbury, die man folgendermaßen verkürzt wiedergeben könnte: Was gut für dich ist, wirkt sich förderlich für (d)eine größere Gesamtheit aus – und wenn etwas für die größere Gesamtheit förderlich ist, kommt dieses wiederum dir zugute.
Letzteres übrigens hatte sogar der von mir schon in den Einträgen 11 und 59 erwähnte Primatenforscher Frans de Waal von unseren biologisch nächsten Verwandten abgeleitet: Evolutionär konnte sich Kooperation entwickeln, weil durch erwiesene Gefallen in einer Gruppe für ein solidarisches Individuum die Wahrscheinlichkeit anstieg, selbst einmal zu den durch Fremdsolidarität „Begünstigten“ zu zählen.
So weit, so schön.

Wir Menschen – insbesondere in Liebesbeziehungen – sind aber nicht bloß ein ganzheitlich funktionierendes Ökosystem und wir sind auch keine Affenhorde. Denn „was gut (für uns) ist“, das „Förderliche (für uns)“, darüber müssen – und wollen! – wir selbst entscheiden. Ich würde sogar sagen: Darüber müssen und sollen wir selbst entscheiden.
Um beim Beispiel der Primatengruppe zu bleiben: Für uns wäre es doch wohl einerseits etwas zu beliebig, dem ausgeliefert zu sein, ob heute vielleicht bei der Verteilung einige Bananen für uns übrig blieben oder aber nicht. Und andererseits können nur wir selbst wirklich wissen, ob wir heute überhaupt eine Banane haben wollten – oder eine Kokosnuß oder sonst etwas – und auch darüber wollen wir für uns autonom entscheiden.

Warum ich das sage? Weil ich überzeugt bin, daß ein gewaltiges Konfliktpotential in engen menschlichen Beziehungen in der Bevormundung liegt: „Ich weiß schon, was gut für Dich ist…!“.

Und das kann in Liebesbeziehungen die seltsamsten Blüten treiben, denen ich unter dem Vorwand eines oligoamoren Gruppennutzen von „mehr als die Summe der Teile“ keinen Vorschuß geben möchte.
In der Monoamorie (also z.B. der klassischen Ehe…) haben wir da allein schon aus historischen Gründen ein Problem: Über mehrere Jahrhunderte entwickelte sich die Rolle des Mannes hin zum Versorger, was die Lebensgrundlage anging – die Rolle der Frau hin zur angewiesenen, abhängigen Empfängerin. Schon diese Rollenverteilung trug dazu bei, daß bis heute eine gewisse „Bestimmer-Haltung“ immer noch unser Denken prägt, wenn es sich z.B. um Fragen von Berufstätigkeit, (mehr) Geldverdienen und Brötchenerwerb allgemein dreht. Auf diese Weise reproduziert sich quasi auch ein Eltern-Kind-Verhältnis in der Konstellation einer späteren Liebesbeziehung: Wer fürsorgt, darf entscheiden, hat die (höchste/letztendliche) „Verfügungsgewalt“.
Richtig kompliziert wird es leider, weil diese „Fürsorgermentalität“ in uns Menschen auf eine mehr oder weniger große „Versorgtheitsmentalität“ treffen kann – eine bequeme Haltung, die nur zu gerne abgibt, und froh ist, daß da schon jemand anders ist, der sich „kümmert“.
Und damit ist ganz und gar nicht nur das leibliche oder materielle Wohl gemeint. Die Titelzeile des schmachtenden Jazz-Songs Someone to watch over me von George und Ira Gershwin aus dem Jahr 1926 ist für mich dahingehend das perfekte Beispiel, da dieser Satz mit viermal kindlichem Kussmündchen ausgesprochen werden möchte (probiert’s selbst mal vor dem Spiegel…), dabei sehnsüchtig den Wunsch nach dem quasi allumfassenden Rundum-Fürsorger proklamierend ² .

Auch wir, die sich vermeintlich aus solch einer Welt paternaler „Zweierkisten“ (oder zumindest deren moralisierend verbrämten Überbau) befreit glauben, sind von solch einem Denken noch längst nicht völlig frei.
Für mich zeigt sich das daran, daß Mehrfachbeziehungskontexte (von polyamoren Datingseiten und Foren bis hin zu konkreten Beziehungen) u.a. regelmäßig mit echtem Narzissmus zu kämpfen haben. Was ich wiederum nicht so verwunderlich finde, denn Narzissmus wird entweder davon angezogen, sehr lange unerkannt Macher*in, Bestimmer*in und Objekt der Verehrung sein zu können, was durch eine höhere Anzahl möglicher Bezugspartner schlicht leichter verschleiert werden kann (denn aus Sicht eines Narzissten sind schließlich immer „die anderen“ ursächlich…). Oder Narzissmus wird geradezu eingeladen von Menschen, die Verantwortung an „die Gemeinschaft“ abgeben wollen so daß eine narzisstische Persönlichkeit rasch spürt: Hier kann ich führen und/oder glänzen.
Nicht, daß es Narzissmus nicht auch in üblichen Zweierbeziehungen gibt – aber ein ungeklärt agierendes Mehrfachbeziehungsmodell ist deutlich anfälliger, solche Strukturen gewähren zu lassen.

Es muß aber gar nicht Narzissmus sein, der hinter dem Drang steckt, das, was man selbst für sich als gut erachtet, auch allen anderen als vermeintlich heilsbringend einigermaßen unverblümt überzustülpen.
In den allermeisten Fällen agiert schlicht unsere Überzeugtheit vom „eigenen Film“ wie ich sie bereits in Eintrag 11 beschreibe. Diese Überzeugung kann sogar soweit gehen, daß wir uns selbst in der Rolle des romantischen Selbstopfers sehen, welches das alles, wirklich alles, für die Gemeinschaft zum Zwecke einer höheren Gesamtperformance gibt.

Am Ende des Tages habe ich dafür aber immer noch keinerlei echte Kommunikation aufbringen müssen und es ist genau wie ich in Eintrag 16 sagte, daß ich lediglich „damit meine eigenen Beweggründe an die allerhöchste Stelle für die gesamte Gemeinschaft setze“.

Viele „Held*innen im eigenen Film“ (Eintrag 11) sind oft über so eine Zuschreibung empört, da sie – ganz im Gegenteil – durchaus der Meinung sind, sie würden doch die ganze Zeit und sogar sehr VIEL kommunizieren. Nur würden sie sich leider den Mund fusselig reden, könnten gar mit Engelszungen sprechen, jedoch die unwilligen Objekte solcher aufgewandten Menge an Kommunikation wären schlicht und leider nicht in der Lage die wegweisende Botschaft aufzunehmen. Oder einfach stur.

Schon in Eintrag 4 bezeichne ich „Kommunikation“ nicht als absoluten Wert in Beziehungen, sondern nenne sie einen „Regler“ (wie einen Lautstärkeschieber an einem Mischpult z.B.). Daß dieser „Regler“ also generell vorhanden ist, sagt noch nichts über die hergestellte Qualität aus. Denn gerade in der heutigen Zeit nehmen wir – was unser Verhältnis zu dem „Regler“ angeht – oft eine wenig hilfreiche Haltung ein, die in den Sprachwissenschaften „Metakommunikation“ genannt wird.
„Metakommunikation“ ist aber eine Form der Unterhaltung, die sich eine Ebene hinter – oder vielmehr über – der wirklichen Kommunikation befindet. Im wahrsten Sinne: Wir reden „über“ etwas oder jemanden – aber nicht „mit“ ihr oder ihm. Unsere modernen Kommunikationsmittel machen uns das auf eine wenig nützliche Weise sogar noch einfacher (und gewohnter), indem wir z.B. mittels allzeit zugänglicher Kommunikationsgeräte und Anwendungen wie aus dem Nichts noch weitere (Meta)Gesprächspartner*innen dazubeschwören können. Damit öffnen wir aber höchstwahrscheinlich nur eine weitere Echokammer, die uns in unserer eigenen Meinung bestätigen wird – oder wir erfahren Frustration in dem Erleben einer scheinbar weiteren unverständigen Instanz (außerdem fehlt solchen „Metapartnern“ zusätzlich häufig auch noch situative Gestik, Mimik oder Stimmfarbe). Dem eigentlichen Anlaß ist aber immer noch nicht weitergeholfen – es wäre so, als hätten wir die ganze Zeit nur über den „Regler“ bzw. das Mischpult gesprochen – es allerdings nicht in Betrieb genommen.

Dem gelegentlich unerfreulichen Verlauf von (Streit)Gesprächen können wir nur mit echter Kommunikation, im mit-einander Sprechen begegnen, wenn wir uns darum bemühen offenzulegen, daß verschiedene Seiten vielleicht von ganz unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen, daß Fehlinterpretationen vorliegen können, Mißverständnisse ausgeräumt werden wollen. Mehrdeutigkeit, Ironie und Sarkasmus sind dabei nicht lustig – sondern hinderlich. Wir müssen vielmehr nachfragen, wie unsere Gesprächspartner*innen bestimmte Begriffe benutzen, wir müssen uns darüber verständigen, wie die beteiligten Parteien die gegenwärtige Situation einschätzen – und es ist ganz wichtig, daß alle wirklich über das selbe Thema sprechen (wollen). Nur so können wir Gemeinsamkeiten entdecken und genauer erkennen, welche Punkte unterschiedlich gesehen werden und warum.

Lieber also die Optionen offen halten? Oder wie mir einmal ein Bekannter sagte „Manche Differenzen zwischen Freunden schlicht bestehen lassen und gar nicht so genau ansprechen…“?
In der Oligoamory aus meiner Sicht schlechterdings unmöglich.
Denn der hinter jeder Beziehung befindliche Emotionalvertrag (Eintrag 9) ist kein Werkzeug, kein „Tool“, keine Beschreibung oder eine Option – sondere eine sich sofort mit der Etablierung einer Beziehung manifestierende Tatsache. Der Emotionalvertrag ist immer da, wird „im Hintergrund ausgeführt“ – ob wir wollen oder nicht.

Klar, manchmal kann man sich davon so ein Stückchen weit persönliche Gedankenfreiheit gönnen. Ich mache dazu mal ein eigenes Beispiel auf:
In Eintrag 31 erwähnte ich ja, daß eine meiner Partner*innen ein Pferd besitzt. „Pferd besitzt“ ist da genau genommen schon zu oberflächlich beschrieben – manchmal sage ich: „Du kannst die K. vom Pferd nehmen aber nicht das Pferd aus der K.“ . Womit ich ausdrücken will, daß diese Partner*in vom ganzen Sein mit diesem Pferdethema verknüpft ist.
Ich hingegen mache mir nicht besonders viel aus Pferden. Gut, über die Jahre mit der Partner*in weiß ich mittlerweile etwas mehr, als wo nur vorne und hinten beim Pferd sind – aber ich würde mir so ein Tier allein vermutlich nicht halten, aus vielerlei Gründen (Pferdeäppel z.B.).
Da die Partner*in nun einen zeitaufwendigen Beruf hat, ergibt es sich, daß ich mich angelegentlich einmal um das Tier kümmere, Stallpflege, Füttern, ja und auch das wenig geliebte Abäppeln.
Als Motivationshilfe im Kopf stehe ich dann manchmal auf der Koppel und sage mir, daß es sich ja bei meiner Handlung um eine jederzeit widerufbare Bonusleistung handelt, die ich nicht gezwangsweist erbringen müsste. Und das ist dann ein beruhigender Gedanke und pfeifend leere ich die Schubkarre.
Aber würde ich diese Karte im Ernstfall wirklich ziehen? Es ist nämlich tatsächlich so, daß ich von der entsprechenden Partner*in gar nicht um diese Dienstleistung gebeten wurde. Ein bißchen war es schlicht die rein praktische Notwendigkeit, die sich ergab, sich an manchen Tagen um das Haustier als Lebewesen zu kümmern, welches ja nun trotzdem zu unserer Gemeinschaft gehört. Aber das Resultat daraus war und ist weitestgehend eine von mir komplett eigenständig initiierte Selbstverpflichtung (!).
Eine Selbstverpflichtung geht aber aus der von mir schon in mehreren Einträgen zitierten persönlichen „Lust auf die Übernahme von Verantwortung“ hervor (sonst hätte ich das besser gleich ganz lassen sollen). Und in diesem Sinne hinsichtlich eines Umstandes, bei dem ich (ungefragt) eine Beitragensoption zu unserem Gesamthaushalt ergriffen habe. Und als Erwachsener muß ich doch klar bekennen: Nicht, weil ich nichts besseres zu tun hatte, sondern, weil ich das bewußt so wollte.
Diese Selbstverpflichtung ist damit gleichzeitig sofort als „zu genießende freiwillig erbrachte Leistung“ (siehe Definition) Teil des Emotionalvertrags geworden. Dieser „Genuß“ für meine Partner*in ging wiederum aus meiner Investition in Verbindlichkeit und Integrität hervor. Eine Investition in ein Gebilde, in dem ich mich also offenbar sicher und beteiligt genug gefühlt habe, als ich die Investition getätigt habe.
Genau hier ist meine Investition aber in unser gemeinsames „Mehr als die Summe der Teile“ eingegangen, bei dem sich einzelne „beigetragene und potentiell zu genießende freiwillig erbrachte Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ nicht mehr ohne weiteres auseinanderrechnen lassen. Exakt in dieser Eigenschaft ist die Oligoamory „ganzheitlich“, weswegen ich in Eintrag 57 das von mir geliebte Bild der Babyrassel benutzte: Selbstverständlich wäre es möglich, einzelne Teile wieder aus dem Emotionalvertrag herauszulösen: Ich äpple nicht mehr ab – Du gehst nicht mehr einkaufen – Ich führe nicht mehr Haushaltsbuch – Du meldest dich nicht mehr, wenn es auf der Arbeit später wird… etc. Am Ende wäre es jedoch genau wie bei der Rassel: Man würde das Gebilde Komponente für Komponente auseinandernehmen und am Ende bliebe… nichts! Vermutlich sind Trennungen wegen diesem Effekt so ernüchternd: Nach Abzug aller eingebrachten Teile bleibt lediglich eine irgendwie unbehagliche Leere, aber was – wie bei der Rassel – eigentlich das Betriebsgeräusch war – also die Sache mit Leben erfüllt hatte – das ist dabei ebenfalls entwichen und niemand hätte es greifen können…

Als „Held*in in meinem eigenen Film“ kann ich mich also um meine Bedürfnisbefriedigung kümmern und versuchen herauszufinden, was gut für mich ist.
Wenn ich mit diesem Ziel eines gelingenden Lebens mich als freies Individuum mitwirkend in (m)eine Gemeinschaft einbringen möchte, dann kann ich so möglicherweise zum Gesamtwohl und zum Guten für alle darin beitragen.
Was ich aber niemals wissen oder gar entscheiden kann, ist, was gut für DICH oder irgendwelche anderen konkreten Menschen ist.
Dies bildet die Grenze, die Firewall, die wir als Individuum realistischerweise nicht überschreiten können und darum auch nicht aus Selbstüberschätzung überschreiten sollten. Was für ein hübsches Paradoxon der Oligoamory. Es läuft nur über die geheimnisvolle gemeinschaftliche Mitte:

Eine*r für alle und alle für eine*n!



¹ Wunderbare Phrase, die mit Alexandre DumasRoman als »Un pour tous, tous pour un!« Ewigkeitswert erhielt.

² Sogar wiederaufgelegt in Star Trek Voyager Staffel 5 Episode 22 (28. April 1999 „Liebe inmitten der Sterne“)

Einige Formulierungen sind dem Arbeitsheft „Debattieren lernen“ von Tim Wagner und Ansgar Kemmann entnommen, Klett-Kallmeyer Verlag 2019

Danke an FOTORC auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 68

Grandissimo!

Just im letzten Monat veröffentlichte die Österreichische Zeitung Der Standard, die regelmäßig ausführlich und aufgeschlossen zu zahlreichen Themen rund um allerlei Formen der Non-Monogamie berichtet, erneut einen Online-Artikel, in dem noch einmal verschiedene Beziehungsmodelle in diesem Bereich dargestellt wurden.
Neben vielem mir wohlbekannten, ließ mich allerdings diesmal folgende Passage aufhorchen:
»In der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich, dass die meisten Menschen sich für sich selbst vorstellen können, Beziehungen welcher Art auch immer mit verschiedenen Menschen parallel zu führen. Nur würden sie dies für ihre Beziehungsperson nicht wollen. Wenn „meine“ Beziehungsperson auch andere begehrt, ist dies eine narzisstische Kränkung. Mit dieser umzugehen benötigt den Willen, Hinsehen zu wollen, und viel Selbstreflexion. Mono ist einfacher, da wissen wir ja, wie das geht.«

„Narzisstische Kränkung?“ Hat das etwas mit echtem Narzissmus zu tun und gibt es demgemäß vielleicht sogar eine Art pathologische Selbstsabotage in den meisten von uns, so daß wirklich funktionierende polyamore Beziehungen eigentlich von unserer „Grundausstattung“ her bereits zum Scheitern verurteilt sind?
Diese Frage wollte ich auch für mich selbst klären und dabei bin ich auf einige interessante Zusammenhänge gestoßen, die ich Euch als meinen Leser*innen nicht vorenthalten wollte.

Die deutschsprachige Wikipedia erklärt zunächst schlicht und direkt: »Narzisstische Kränkung bezeichnet sowohl ein spezifisches Verhalten, mit dem eine Kränkung zugefügt, als auch ein Erleben mit dem sie empfunden wird. […] Insofern kommt der narzisstischen Kränkung eine kommunikative Funktion zu. Spezifisch meint dies, dass narzisstische Kränkungen Angriffe auf den Narzissmus und die Identität des Gegenübers sind. Sie sollen dessen Selbstgefühle angreifen, Selbstsicherheit und Selbstvertrauen erschüttern und Selbstachtung sowie Selbstwert infrage stellen und dadurch schwächen. Als Mittel zur Kränkung werden beispielsweise Demütigung, Bloßstellung, Herabwürdigung, Entwertung, Erniedrigung und Spott eingesetzt, erlebt werden unter anderem Angst, Schmerz und Scham, aber auch Frustration, Wut und ggf. der Wunsch nach Rache.«

„Auweiah!“, möchte ein Teil von mir ausrufen. Das klingt ja nun so überhaupt nicht nach liebevollen (Mehrfach)Beziehungen, wie ich sie mit der Oligoamory anpreisen möchte:
Also wenn weitere Partner*innen möglicherweise zu einer vorhandenen Beziehung dazukommen, dann erleben die übrigen Bestandspartner*innen eventuell einen Angriff auf ihre Identität, eine Infragestellung ihres Selbstwertes und empfinden die neue Situation als Herabwürdigung, wobei sie Angst Schmerz, Scham, Frustration, Wut und gegebenenfalls den Wunsch nach Rache empfinden???

So sehr die ein oder der andere von uns nun die obigen Formulierungen als drastisch oder gar überzogen empfinden mag, so traurig nahe kommen sie doch der Realität. Denn es braucht nur eine kurze Stippvisite in einem beliebigen Mehrfachbeziehungs-/Polyamorie-/Non-Monogamie-Online-Forum, um zahlreiche Beiträge und Hilferufe verzweifelter Bestandspartner*innen aufzutun, – und in allen ist der Inhalt sehr ähnlich:
„Mein Mann hat die Beziehung geöffnet und nun ist da eine neue Partnerin, mit der ich gar nicht klarkomme…“ oder „Zu unserem Polykül ist ein weiterer Mann dazugekommen, für den meine Partnerin sich nun sehr interessiert und ich weiß gar nicht mehr wohin in meiner Eifersucht, von der ich nie dachte, daß ich sie je so extrem empfinden würde…“

Was ist da los? Bloß ein Aufwallen alter Krusten der Mononormativität? Überkommenes Besitzanspruchsdenken, Mißgunst und kleinliche Eifersucht?

Das eigentlich dahinterliegende Geschehen hat die Psychologin Bärbel Wardetzki¹ in einem Beitrag für den Deutschlandfunk 2020 höchst spannend erklärt:
Eigentlich sei die Basisreaktion erst einmal ein gutes Zeichen: „Eine Kränkung ist eine völlig normale menschliche Reaktion. Gottseidank. Weil sie zeigt, dass wir empfindsam sind, dass wir durch bestimmte Dinge verletzbar sind. Vor allem in Liebesbeziehungen. Dort ist fast jede*r irgendwann mit Kränkung konfrontiert, dort verorten wir Kränkung in der Regel zuerst. Dort schlägt sie am härtesten ein, verwundet am meisten.“

Aber was ist das genau, was eigentlich „verletzt“ wird – und „machen“ das die anderen handelnden Personen?
Dazu klärt Frau Wardetzki auf: „Bei Kränkungen sind es sehr häufig unsere narzisstischen Bedürfnisse. Und die sind in der Regel Bedürfnisse, die, wenn sie erfüllt werden, unser Selbstwertgefühl stärken. Narzisstisch heißt ja erst mal nichts weiter als ‚den Selbstwert betreffend‘ .“

Im Gegensatz zu meinem Eintrag 32, indem es tatsächlich um krankhaften Narzissmus geht, stellt Frau Wardetzki also klar, daß jede*r von uns grundsätzlich über einen natürlichen „gesunden Narzissmus“ verfügt, der eng mit unserem Selbst und unserem Identitätsgefühl verknüpft ist.
Und dieser „gesunde Narzissmus“ kann also verletzt werden.
Dazu erklärt der Neurobiologe und Neuroimmunologe Joachim Bauer² im oben erwähnten Deutschlandfunk-Beitrag:
Wenn ich zum Beispiel eine Testperson hören lasse, dass jemand anderes schlecht über sie gesprochen hat, dann reagieren die Selbstsysteme. Wenn ich jemanden dadurch kränke, dass ich ihn unfair behandle bei der Verteilung von Ressourcen, dann reagieren die Ekelsysteme. Oder wenn jemand dadurch gekränkt wird, dass die Gruppe ihn oder sie ausschließt und der Eindruck entsteht: ‚Du gehörst nicht mehr zu uns‘, dann reagieren die Schmerzsysteme. Die Schmerzsysteme des menschlichen Gehirns reagieren nicht nur auf zugefügten körperlichen Schmerz, sondern auch auf soziale Ausgrenzung und Demütigung.“

Um noch besser zu verstehen, warum solche Ereignisse die Macht haben, uns dermaßen beuteln zu können, ist es günstig, an dieser Stelle noch ein weiteres psychologisches Ich-Konzepte zu kennen, nämlich unser sogenanntes „Grandioses Selbst“ ³.
Unser „Grandioses Selbst“ bildet sich seiner gesunden Form im günstigen Falle während unseres Aufwachsens ab dem Zeitpunkt unserer Geburt. Als Menschenkind, welches zunehmend die Welt entdeckt, macht unsere Umgebung uns (hoffentlich) kompetent und so gewinnen wir zunehmend die Erwartung, daß im Leben das meiste einigermaßen glatt läuft und – falls einmal nicht – daß wir die Fähigkeiten besitzen, alle anstehenden Lebenssituationen bewältigen zu können.
Sehr bald aber (z.B. wenn wir Teil einer größeren Familie sind – oder spätestens ab dem Kindergarten), müssen wir allerdings beginnen, Korrekturen an diesem Selbstkonzept vorzunehmen: Denn wir werden auf andere Menschen treffen, die, was wiederum ihr grandioses Selbst angeht, sich lauter, aggressiver, oder bloß strategisch geschickter als wir der Welt um uns herum anpreisen können – unsere ersten „Kränkungen“ stellen sich demgemäß ein.
Dazu ergänzt der Neurowissenschaftler Bauer: „Wir können als Menschen nur überleben, wenn wir eine gewisse Resilienz gegenüber kleinen Kränkungen haben. Und diese Resilienz, diese Widerstandskraft erwerben wir dadurch, dass wir ein starkes inneres Selbst in uns haben. Und dieses starke innere Selbst erwerben Menschen als Kinder, nämlich in der Zeit, wo sie aufwachsen. Wenn da Menschen um sie herum sind, die das Kind spüren lassen: Du bist willkommen auf dieser Welt, wenn du mal einen Fehler machst, geht die Welt nicht unter, wir mögen dich so, wie du bist.“

Sind aber darum Kränkungen allein das Problem der Gekränkten? Müssen wir einfach einsehen, dass Erwartungen, die wir ans Leben haben, überzogen sein können? Müssen wir schlicht lernen, es auszuhalten, wenn sie sich nicht erfüllen?
Die Psychologin Bärbel Wardetzki antwortet hier eher vorsichtig: „An sich können wir keinen anderen Menschen kränken, weil wir nicht wissen, wo seine wunden Punkte sind. Jede Kränkung setzt an einem wunden Punkt an, an einer Selbstwert-Verletzung, die vielleicht schon sehr lange vorbei ist. In der Regel werden Menschen von uns gekränkt, obwohl wir es gar nicht merken.“ Und sie fügt hinzu: „Kränkungen sind auch deshalb schwer zu vermeiden, weil jede Seite von sich annimmt, im Guten zu handeln. Nur in seltenen Fällen wird bewusst gekränkt, in der Regel liegt keine Absicht vor.“
Letztere Aussage stimmt übrigens prima mit meinem Eintrag 11 überein, in welchem vom „Schwarzen Fledermausmann“ berichtet wird, der im Alltag stets Heldentaten vollbringen will – aber doch regelmäßig damit nicht gänzlich Erfolg hat.

Psychologie und Neurobiologie weisen selbstverständlich auf einen wichtigen Punkt hin: Je unvollständiger unsere Kompetenzstärkung in unserem Heranwachsen und in unserer Persönlichkeitsbildung geraten ist, umso verunsicherter werden wir in Kränkungssituationen wahrscheinlich reagieren (und also auch unsere Partner*innen so erleben).
Eine Person mit einem schlecht aufgebauten Selbstwertgefühl wird z.B. bei einem einseitigen Bruch einer Absprache eher die Beiträge von Fremd und Selbst vermischen, könnte eventuell schneller in Schuldzuschreibung oder Selbstverdammnis denken wie: „Klar, mir mir kann man das ja machen…“ und wird überhaupt hilfloser agieren, wenn es darum geht, tatsächlich aufzuzeigen, was genau nicht gut gelaufen ist.

Auf der anderen Seite sind auch diejenigen menschlichen Beziehungen, die wir in unserem erwachsenen Leben eingehen, weiterhin Lern- und (Selbst)Erfahrungsort für unsere Eigenwahrnehmung. Und das insbesondere in Hinsicht auf so wichtige Bereiche wie Verläßlichkeit und Verantwortung einerseits – aber auch Wertschätzung und anerkannte Mündigkeit andererseits.

Ich versuche, dies am Extrem zu verdeutlichen: Die Psychoanalysten Richard B. Ulman und Doris Brothers wiesen 2013 in einer Studie* an Vergewaltigungsopfern nach, warum deren entsetzliches Erleben letztendlich quasi zu einer völligen Auslöschung des persönlichen „Grandiosen Selbst“ und einer dadurch hervorgerufenen Traumatisierung führte: Denn nicht nur das übergriffige Geschehen und der völlige Kontrollverlust trugen zu diesem massiven psychischen Schaden bei, sondern genau die damit einhergehende Zerstörung des eigenen Selbstkonstruktes von einem sicheren und selbstbestimmten Individuum.

„Schaden“ in unseren Beziehungen entsteht also vor allem dann, wenn Beteiligte in Situationen geraten, in denen sie sich in ihrer Wirkmächtigkeit (Einflußnahme auf ein Geschehen) und in der Widerspiegelung ihres unveräußerlichen Eigenwertes beschnitten sehen.

Dies geschieht in der Art sehr häufig dann, wenn insbesondere der der Beziehung zugrunde liegende Emotionalvertrag (ich erinnere: „Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.“) vor allem einseitig und/oder sehr schnell verändert wird.

Denn schon aus gesundem Eigeninteresse reagieren wir Menschen normalerweise nicht sehr gut darauf, wenn heute etwas anders gelten soll als noch gestern vereinbart – insbesondere dann, wenn wir die dahinterliegenden Motive weder kennen noch gut einschätzen können.

Eine monogame Person muß folglich normalerweise in der Tat nicht damit rechnen, daß morgen eine weitere Partnerin mit nach Hause gebracht wird; und selbst ein Partner in einer etablierten Mehrfachbeziehung sollte darauf zählen können, daß das Hinzukommen eines weiteren Lieblingsmenschen nicht zu einseitiger bzw. willkürlicher Verschiebung bisher ausgehandelter Verbindlichkeiten führt.
Dennoch können diese Dinge geschehen – oder sie können sich aus der Sicht der gekränkten Person auf jeden Fall so darstellen. Und die handelnde Person wiederum braucht dazu in keiner Weise schuldhaft, absichtsvoll oder gar bewußt verletzend vorgegangen sein.

Ist das dann also das (Mehrfach)Beziehungs-Todesurteil, weil wir ja doch befürchten müßten, das ein Großteil von uns mit einem irgendwie nicht ganz vollständigen Selbstwert aus dem individuellen Aufwachsen hervorgegangen ist? Einem lädierten Selbstwert also, der sich daher nie wirklich sicher sein kann – und damit eine allzeit tickende, höchst empfindliche Kränkungsbombe für unsere Nähemenschen bereithält?

In meinem 63. Eintrag zum Thema „Bedeutsame Beziehungen“ schrieb ich, daß „in menschlichen Beziehungen Freiheit und Sicherheit ein Gegensatzpaar, bilden in dem das eine nicht um des anderen Willen zu haben ist.“ Und ich zitiere dort eine bLogger-Kollegin die ausdrückte: „Lass den Versuch los, die Handlungen anderer Menschen zu kontrollieren; lass diese Art von Angst und Anhänglichkeit los. Indem du das tust, wirst du vielleicht einige Menschen entlang des Weges verlieren, aber es werden höchstwahrscheinlich die wackeligsten Kandidaten sein – du weißt schon: diejenigen, die dir von vornherein das Gefühl gegeben haben, dass du mit ihnen keine wirkliche, keine bedeutsame Beziehung geführt hattest.“

Solche „Wackelkandidaten“ werden uns nämlich kaum unsere ureigene Grandiosität jemals wirklich zugestanden noch bestätigt haben.
Noch werden sie jemals belastbare Emotionalverträge mit uns eingegangen sein, indem sie sonst Bereitschaft dafür hätten signalisieren müssen, regelmäßig Rechenschaft für ihre eigenen Anteile darin abzulegen – uns zwar um unserer informierten Wahl willen!

„Bedeutsame Beziehungen“ (wie ich sie in der Oligoamory in den Einträgen 62, 63 und 64 beschrieben habe) enthalten das Bewußtsein um das unvermeidliche menschliche Risiko von möglichen Kränkungen und zwar genau um den kostbaren Preis von Empfindsamkeit und Verletzbarkeit an- und miteinander, mit dem ich die Psychologin Wardetzki zu Beginn dieses Eintrags zitierte.
Beziehungen, die nicht die Menge an Vertrauen und Güte enthalten, sich voreinander erklären zu können, sich als fehlbar und auch zur Revision des eigenen Standpunktes und des eigenen Handelns als fähig zu erzeigen, können daher niemals wirklich „bedeutsame Beziehungen“ sein.

„Grandios“ zu sein heißt darum auch in unseren Liebesbeziehungen, immer wieder wie ein Narr im Märchen hinauszuziehen; eben nicht so sehr im Glauben an unsere eigene Unverwundbarkeit – aber doch wenigsten in dem Vertrauen darauf, daß uns dort niemals ein vollständig schlimmes Schicksal ereilen kann.
Wir werden vermutlich gekränkt werden, ja, und wir werden unserseits höchstwahrscheinlich mehr als nur einmal unsere Liebsten kränken.
Da wir aber alle um unsere Narrheit wissen und sie darum auch nicht voreinander verbergen müssen, wird uns Loyalität, Aufrichtigkeit und Beharrlichkeit immer wieder zueinander führen.
Um also das Zitat aus „Der Standard“ abzuwandeln würde ich abschließend sagen:
Oligo ist vielleicht nicht einfacher – aber hoffentlich berechenbarer, da wissen wir ja jetzt, wie das geht.



¹ Bärbel Wardetzki, diverse Publikationen zum Thema, u.a.:
Mich kränkt so schnell keiner! Wie wir lernen, nicht alles persönlich zu nehmen. dtv, München 2005
Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung. Kösel Verlag 1991; 19. überarbeitete Auflage 2007
Nimm´s bitte nicht persönlich. Der gelassene Umgang mit Kränkungen. Kösel Verlag, München 2012
Und das soll Liebe sein? Wie es gelingt, sich aus einer narzisstischen Beziehung zu befreien. dtv premium, 2018

² Joachim Bauer, diverse Publikationen zum Thema, u.a.:
Selbststeuerung – Die Wiederentdeckung des freien Willens. Blessing, München 2015
Wie wir werden, wer wir sind: Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Blessing, München 2019
Fühlen, was die Welt fühlt – Die Bedeutung der Empathie für das Überleben von Menschheit und Natur. Blessing, München 2020

³ Das „Grandiose Selbst“ wird im klinisch-psychologischen Zusammenhang auch gelegentlich als „Größen-Selbst“ oder „Grandioses Selbst-Objekt“ bezeichnet.

* Ulman, Richard B.; Brothers, Doris (2013). The Shattered Self: A Psychoanalytic Study of Trauma. Taylor & Francis. p. 114. (lediglich in englischer Sprache)

Danke an Austin Neill auf Unsplash für das grandiose Foto!

Eintrag 67

Wir haben geöffnet

Vor drei Wochen erhielt ich höchst bemerkenswerte Fanpost, in der unter anderem folgender Satz stand: „Dein bLog ist mir ganz schön sympathisch – aber was offenes Lieben angeht bist Du mir auch ziemlich weit voraus.“
Schon gleich beim Lesen gab es einen Teil von mir, der recht grimmig dachte „Ich glaube, wenn Du Dich mit mir unterhalten würdest, müßtest Du sehr schnell bemerken, wie wenig ‚offen‘ ich eigentlich bin…“.

»Offen«»Geschlossen«…, in der Tat begegnet man diesen beiden Qualifizierungen auf dem Kontinent non-monogamer Beziehungen sehr häufig. Im Kern finde ich beide Beschreibungen zur Verständigung miteinander recht nutzlos, so wie z.B. auch das verbreitete Szenewort »Sexpositivität«. Ausgerechnet nämlich in einer Lebenswelt, die für sich selbst Pluralismus, Toleranz und Heterogenität in Anspruch nimmt, halte ich solche rein dualistischen Formulierungen für hochproblematisch.
Dualistisch? Hochproblematisch? Was ich damit meine?
Daß schon die Formulierungen in sich lediglich ein entweder/oder enthalten – und damit sofort immer eine ausschließende Qualität besitzen. Denn du kannst entweder »offen/geöffnet« lieben oder…, ja, ODER – und das impliziert die so unausweichliche Alternative bei rein dualen Formulierungen – du liebst »geschlossen«. Entweder bist du »sexpositiv« oder…, ja, ODER du bist eben »sexnegativ«.
Offen und positiv, das kommt dabei ja sofort stets mit so einem netten Nimbus von Buntheit, Frohsinn, Lebensbejahung und Alternativität daher; geschlossen und negativ hingegen ist pfui-bäh, trägt den Makel von Kleinmütigkeit, Besitzergreifung , Abhängigkeit und Spießertum.
Hach, dualistische Formulierungen sind daher schon etwas Tolles, vereinfachen wunderbar die Welt, denn sein kannst du eben nur das eine ODER das andere – und wenn du das eine NICHT bist, tja, Freund*in, dann bist du wohl leiderleider nach den Regeln der Logik das andere…
Im Endeffekt: Neue Kategorienbildung und Ausschließlichkeit statt Integration und Ganzheit – und durch das Verhindern von Raum für Schattierungen, Nuancen und Graustufen schon in der Wahl der Formulierungen auch irgendwie nicht wirklich queer – und oligoamor…?

Als Autor dieses bLogs glaube ich zunächst einmal, daß die »offen/geschlossen«-Debatte da draußen bei den meisten Liebenden für mehr Verwirrung als für hilfreiche selbstfinderische Klarheit sorgt. Ich bin mir z.B. relativ sicher, daß mein oben erwähnter Fan sich eigentlich auf meine „offene bzw. geöffnete Beziehung“ bezogen hatte, die ich hier ja gelegentlich erwähne. Zum „offen Lieben“ habe ich indessen noch niemals einen Eintrag verfaßt – aus gutem Grund, da ich persönlich mit der expliziten Kombination gerade dieser beiden Wörter so überhaupt nichts anfangen kann.
Denn »Liebe« ist für mich von ihrer Qualität her gewissermaßen eine Art „Energie“ zwischen Lebewesen. Damit „IST“ Liebe für mich auch – wie manche buddhistisch angehauchte, esoterische ober Hippie-Kreise es gerne formulieren, ebenfalls häufig die Szene der „frei Liebenden“ (oder Nena): Sie stellt durchaus einen Wert an sich dar, existiert möglicherweise aus sich selbst heraus, vielleicht auch gespeist aus einer spirituellen oder kosmischen Quelle. In dem Sinne würde ich sogar ebenfalls zustimmen, daß Liebe als eine Art alles umgebende (oder auch durchdringende) Matrix angesehen werden kann, die zwischen sämtlichen Dingen existiert und in der alles andere enthalten ist. Aber!
Gewiss kann ich somit eventuell Kontakt zu dieser allumfassenden Liebe bekommen, könnte mich auch als Teil von ihr und in diese eingebettet wahrnehmen…
Wenn jedoch »Liebe« genau diese Charakteristik hat, über den auch andere natürliche Energiequellen und -speicher verfügen (wie z.B. Luft- und Wassermassen, aber auch Ladung von atomaren Teilchen, Quanten und Photonen), dann ergibt sich für mich immer erst dann ein irgendwie gearteter Zusammenhang, wenn solche Energien zu fließen beginnen, sich auf ein Ziel ausrichten, ein Spannungsfeld entsteht.
Wenn ich demgemäß über mich sagen würde, daß ich „offen liebe“, dann wäre das für mich in etwa so als ob ich sagen würde „Ich habe Wasser/Strom/Musik/etc.“. Damit hätte ich also maximal über mich selbst eine Aussage getroffen, daß ich offenbar Zugang zu der entsprechenden Energie hätte, vielleicht auch selbst damit versorgt wäre – aber ich hätte weder einen Garten bewässert noch eine*n Durstige*n erquickt, hätte kein Dunkel erleuchtet, keinen Akku geladen, keine Saite angeschlagen und noch niemanden tanzen lassen.
»Liebe« hat für mich – spätestens zwischenmenschlich (oder genauer: zwischen Lebewesen insgesamt) – immer eine „Gerichtetheit“, eine Richtung – und damit auch fast immer sofort einen Aspekt: Eine Färbung, einen Anlaß, einen Bezug, einen Sinn, eine Information – und gewinnt dadurch natürlich auch sofort immer eine Wechselwirkung und eine eigene Dimension.
Denn zwischen der „Energie“ und meiner (erzielten) Wirkung befinde ja noch ich mich – und ich entscheide – um bei den obigen Bildern zu bleiben – darüber, ob ich die Energie durch eine breite Düse, einen Brausekopf, eine Linse, feinen Draht, eine Klaviatur oder durch einen Gong weitergebe.
Im Idealfall erhält die Liebe also exakt durch unsere jeweilige Individualität ihre Kohärenz (ihren Zusammenhang, ihren Sinn-Zusammenhang) – und wunderbarerweise kann diese Kohärenz, die ich ja in der Oligoamory so häufig betone, sich dadurch ganz und gar verschieden darstellen.
„Offen“ ist das nach meinem Empfinden aber just gerade nicht – und „offen lieben“ wäre in dieser Hinsicht für mich dann noch in etwa so sinnvoll, wie ein Faß Kerosin in Brand zu setzen oder einen Wassertank zum Platzen zu bringen: auch eine Form von Energiefreigabe – aber im Prinzip ziellos, unverbindlich und fern jedweder Nachhaltigkeit.
Wenn wir uns also nicht gerade in jenem wohligen Gefühl, von universeller Liebe allgegenwärtig umgeben zu sein, aalen (und das ist eher etwas, was wir jede*r in unserem Kernselbst weitestgehend individuell erfahren), dann lieben wir gewissermaßen immer auf die ein oder andere Weise „geschlossen“ – „geschlossen“ im positiven Sinne von „kongruent“ (innere Übereinstimmung) und vielleicht sogar „Kontinuität“ (Zielbewußtheit). Und das ist etwas sehr Gutes, weil wir mit dieser Art „gerichteter Energie“ zweierlei erleben können: Zum einen verantwortliche Selbst- und Fremdfürsorge, weil wir uns in dem Nachhaltigkeitsdreieck aus Beständigkeit, Geeignetheit und Angemessenheit (siehe Ende Artikel 3) bewegen. Zum anderen – und weil das Vorherige evtl. etwas zu langweilig klingt – können wir dadurch jenen höchstgeschätzen Zustand erreichen, der da allgemein als „Flow“ bezeichnet wird: Das Empfinden, ganz zu sein; das als beglückend erlebte Gefühl eines Zustandes völliger Vertiefung. Na: Das hört sich doch schon eher nach Liebe an – oder?

Vielleicht gibt es diesen gegenwärtigen „Horror angustatis“ (lat.: Abscheu vor Geschlossenheit) aber auch erst seit dem Aufkommen moderner Computernetzwerke, bei denen „Offenheit“ für Flexibilität, Zugänglichkeit und Universalität steht, „Geschlossenheit“ hingegen den Charme von Protektionismus, Geheimniskrämerei und alten IBM-Flansch-Steckern hat.
Wobei doch jeder von uns spätestens seit dem ersten Tron-Film im Jahr 1982 weiß, daß Energie immer von Bewegung, Dynamik UND Zielgerichtetheit lebt 😉

Ein klein wenig glaube ich allerdings, daß unser westliches Denken über Beziehungen und ihre Offenheit/Geschlossenheit doch überraschend stark vorwiegend noch durch ein gewisses antikes Erbe geprägt ist. Und im Detail meine ich damit maßgeblich die fast zweieinhalbtausend Jahre alte Erzählung des griechischen Philosophen Platons über die sg. Kugelmenschen.
Ich finde, grundsätzlich ist die dahintersteckende Idee doch auch zu schön: Zürnende Götter reißen als Strafe glücklich und vollständig dahinlebende Kugelwesen in zwei Hälften, wodurch wir Menschen sowohl in unserer Geschlechtlichkeit wie auch in unserem Sehnen und unserer fortan immerwährenden Bedürftigkeit erschaffen werden.
Dabei war Herr Platon seinerzeit sogar noch geradezu aufgeklärt: So ließ er die Götter weibliche, männliche und zweigeschlechtliche Kugelmenschen zerreißen – wodurch lesbische, schwule und heterosexuelle „Hälften“ entstanden, die in den kommenden Äonen dann fortan verzweifelt auf der Suche nach einander und Wiedervervollständigung sein würden.

Antiker Käse, Mottenkiste, Schnee von vorgestern?
Wohl kaum: Durchsucht das Internet mal nach den Stichworten »Dualseele«, »Seelenpartner*in« oder »Twinflame« (Zwillingsflamme). Da haben wir sie, die „bessere Hälfte“, der/die/das „Andere“, was dich erst „ganz“ machen wird.
Tief eingegraben in unsere westliche Zivilisation, älter noch als das Christentum, gab und gibt es nach wie vor den Glauben, daß „da draußen“ irgendwo unsere Ergänzung existieren müsste, das fehlende Teil zu unserem Lebenspuzzle, mithin die Antwort auf unsere Fragen an das Dasein, Stillung unsere sublim verspürten – aber unerfüllten – Sehnsüchte und Bedürfnisse und unseres Wunsches nach Vollständigkeit und Ganzheit.
Abgesehen davon, daß mit diesem Gleichnis auch das verhängnisvolle Fundament für unser mononormatives „nur-EIN-Deckel-für-nur-EINEN-Topf“-Modell angelegt war, hat es selbstverständlich auch jede Menge Schaden hinsichtlich der Ansprüchlichkeit an unsere potentiellen Partner*innen verursacht: Denn jede Person, die uns fürderhin nicht zu 100% ergänzen – also quasi „heilen“ würde – könnte dann wohl auch schlecht unsere tatsächliche „fehlende Hälfte“ sein. Wir hätten uns also geirrt und müßten uns, parallel oder seriell (je nach Veranlagung oder gewählter Strategie), wieder auf die Suche machen. Ewig, erneut, von Göttern und Schicksal verflucht…

Das Wörtchen „anti-oligoamor“ habe ich auf diesem bLog erst zweimal benutzt – aber obiges Narrativ erfüllt diesen Tatbestand in jedem Fall.
Denn das Schlimme ist doch, daß diese alte Geschichte „über Eck“ auch wieder die Art und Weise beeinflußt hat, wie wir oft über uns selbst denken: Als irgendwie unvollständig, bloß halb-irgendwas. Wodurch Ganzheit und Heilsein nicht nur höchst schwierig wären, sondern für uns selbst völlig unerreichbar – und falls doch, dann nur durch äußere Mitwirkung, die jenseits unserer eigenen Verfügungsmöglichkeit läge.
Und noch schlimmer: Gemäß der Legende werden wir auf diese Weise sowohl von unserem sozialen als auch von unserem biologischen Geschlecht her – und auch was unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse angeht – gewissermaßen „im Minus“ geboren. Und selbst wenn wir das höchst unwahrscheinliche Glück der Auffindung unserer „anderen Hälfte“ bewerkstelligen sollten, dann würden wir dadurch gerade mal unseren „Ursprungszustand“, also gewissermaßen als Vollendung und Maximum bestenfalls „Stand 0“, erreichen können.

Und das ist nicht das Menschenbild, für das ich mit der Oligoamory eintrete.
Wer sich wacker durch viele Einträge meines bLogs gelesen hat weiß, daß ich ein großer Fürsprecher unserer persönlichen Ganzheit und individuellen Ganzwerdung bin. Wir sind keine „halben Sachen“ – im Gegenteil, wir sind bereits vollständig und gerade dadurch können wir in unseren Liebesbeziehungen diesen fantastischen Daseinsmodus erreichen, uns als „mehr als die Summe unserer Teile“ zu erleben.
Was mich sogleich wieder an die „Kugelmenschen“ erinnert, die in dieser Art – selbst wenn sie sich wieder zusammenfänden – quasi niemals über sich selbst hinauswachsen könnten (oder wollten?), weil sie mit dem Auffinden ihrer Zwillingsnatur buchstäblich ihr Streben „abgeschlossen“ hätten.
Rührt hierher vielleicht auch ein rebellisches und widerständiges Element mancher Teile der non-monogamen Szene gegen allerlei Formen beziehungstechnischer „Geschlossenheit“ her, wie z.B. gegen die oft geschmähte „RZB“ („Romantische Zweierbeziehung“ als Kampfbegriff der Beziehungsanarchie) oder gegen teilweise mit Argwohn beäugte polyfidele¹ Arrangements? Nicht selten werden deren Beteiligte als „vernagelt“, „unvisionär“ oder gar als „zurückentwickelt“ bezeichnet – ohne daß die Ankläger*innen bemerken, daß sie genau dadurch in die eingangs erwähnte „entweder/oder-Falle“ tappen…

Möglicherweise wollte der alte Platon aber auf etwas ganz anderes hinaus. Moderne psychologische und philosophische Betrachtungen² seiner Geschichte legen nahe, daß der weise Grieche schon zu seiner Zeit auf eine von ihm wahrgenommene, zunehmende Aufspaltung der menschlichen Psyche hinweisen wollte. Damit wäre Platons Geschichte das erste Zeugnis darüber, daß nahezu alle Menschen schon seit langer Zeit unter einer „Realität der Trennung/Aufspaltung“ leiden würden, und sich insgeheim einen Weg zurück in ihr persönliches „Kontinuum“ (siehe Eintrag 26) wünschen. Platon hätte seine etwas seltsame Parabel also als einen dringlichen Appell an unsere Selbstliebe verfaßt – und das empfinde ich beim darüber Nachdenken als eine spannende Idee: Platon „verpackte“ seine Geschichte nämlich ausgerechnet in einen literarischen Dialog, in dem es um „Eros“ (ja, wie in „Erotik“) ging. Eros verstanden die Zeitgenossen Platons aber nicht wie wir heute nur als bloße Form sexuellen Begehrens, sondern gewissermaßen als eine dem Kosmos zugrunde liegende, alles durchströmende und zusammenhaltende Kraft³.

Womit sich für mich der Kreis schließt. In meiner Lehrzeit stand auf den 50kg-Portland-Zement Säcken jedes Mal der schöne Spruch „Es kommt drauf an, was sie daraus machen“.
Genau das gilt für mich hinsichtlich meines Verständnisses von Liebe: Offen, also „ungebunden“ ist Liebe sicher erst einmal reichlich da – aber in dieser Beschaffenheit ist sie weitestgehend formlos und noch ohne Gestalt. Wir Menschen als Schöpfer*innen unserer täglichen Realität können allerdings auf ihr gewaltiges Potential zugreifen, geben ihr durch unser Wirken Richtung und Ziel, bringen die Dinge in Bewegung.
Dabei sind wir aber nicht wie eine Einsatzkraft der Feuerwehr, die lediglich den richtigen Schlauch und die passende Düse für die resultierende Strahlgröße ausgewählt hat, sondern wir selbst sind die Leitung und wir selbst sind auch das Ventil für diese großartige Manifestation, die sich »Liebe« nennt.
Vermutlich wollte Platon also sagen: Sorge zuerst dafür, daß Du heil wirst, damit Du nicht ein zerbrochenes Gefäß bist, welche die Kraft, die Du da empfängst, nicht (aus)halten kannst; sorge dafür, daß Dein Ventil nicht verstopft oder gerissen ist, damit Du auch die Wirkung genau so erzielen kannst, wie Du es beabsichtigt hast.

Und so ist es für mich in der Oligoamory wieder stimmig, daß wir Liebende zugleich dann immer auch fremdverantwortlich handeln, wenn wir zuallererst gute Selbstverantwortung aufwenden. Ob wir unsere Beziehungsmodelle dann „offen“ oder „geschlossen“ wählen, ist dann lediglich noch eine Frage der persönlichen Neigung.
Aber offen oder geschlossen lieben? Beides hört sich für mich regelmäßig irgendwie widerspüchlich an – und darum überlasse ich das Schlußwort lieber dem österreichischen Schriftsteller Ernst Ferstl, dem es gelungen ist, diese Gegensätzlichkeit in einem wunderschönen Sprichwort nebeneinander stehen zu lassen:
„Menschen ins Herz zu schließen heißt, immer offen für sie zu sein.“

¹ Polyfidelity: Form der [polyamoren] Nicht-Monogamie in der alle Mitglieder als gleichberechtigte Partner angesehen werden und sich darauf einigen, sexuelle oder romantische Aktivitäten nur auf andere Mitglieder der eigenen Gruppe zu beschränken.
Definition (nur Englisch): https://lgbta.wikia.org/wiki/Polyfidelity

² U.a. die Philosophin Simone Weil, die sich in ihrer 1951 erschienenen Schrift Intuitions pré-chrétiennes mit dem Kugelmenschen-Mythos befasste. Sie meinte, das Unglück der Menschheit liege „im Zustand der Dualität“, der Trennung von Subjekt und Objekt, und deutete die Teilung der Kugelmenschen als „sichtbares Bild für diesen Dualitätszustand, der unser wesentlicher Mangel ist“.

³ Der Philosoph Empedokles († um 435 v. Chr.) setzte sich z.B. mit der Frage nach den Umständen der Weltentstehung auseinander. Er ging von einem ewigen Kreislauf aus, der von zwei einander entgegenwirkenden bewegenden Kräfte angetrieben wird, einer anziehenden und vereinigenden und einer abstoßenden und trennenden. Sie streben unablässig danach, einander zu verdrängen. Aus ihrem endlosen wechselhaften Kampf resultieren alle Vorgänge im Universum einschließlich der menschlichen Schicksale. Die vereinigende Kraft nannte Empedokles „Liebe“, die trennende „Streit“.
Auch Platon mit seiner berühmten „Platonischen Liebe“ wollte darauf hinaus, daß ein*e „wahrhaft Liebende*r“ (die*der natürlich zugleich auch Philosoph*in wäre!) über ursprünglich erotisches Begehren zu immer höheren Formen der Liebe bis hin zu „kosmischer Liebe“ gelangen würde.

Eintrag 66

Truve is ein seltzen gast –
Wol se kricht de holt se fast

© MeckFoto 2011 via Panoramio

diese Spruchbalkeninschrift an einem Bürgerhaus in Perleberg (Prignitz, Brandenburg) aus dem 16. Jahrhundert begleitet mich schon weit mehr als mein halbes Leben.¹
Die Inschrift wurde damals im Spätmittelalter in Norddeutschland in einer Form unserer Sprache abgefaßt, die heute als „Mittelniederdeutsch“ bekannt ist – und damit dem sg. „Plattdeutschen“ etwas näher steht als dem „Mittelhochdeutsch“ der Minnesänger, aus dem unser heutiges Hochdeutsch schließlich hervorging.
In solche Sprachgeschichte(n) will ich eigentlich gar nicht zu tief eintauchen – was ich aber dennoch an dem obigen Sinnspruch faszinierend finde ist, daß die mittelniederdeutschen Sprecher*innen aufgrund einer noch gewissen sprachlichen Undifferenziertheit mit diesen Worten einen höchst spannenden Doppelsinn ausdrücken konnten. Denn übersetzt in unsere Tage hieße der Satz:
„Treue ist ein seltener Gast – wer sie bekommt, der halte sie fest.“
Das fünfte Wort der Zeile „SELTZEN“ hat aber im Mittelniederdeutschen ebenfalls die Bedeutung „seltsam“, da sich die Wörter „selten“ und „seltsam“ damals noch nicht vollständig voneinander getrennt hatten. Der Satz könnte also ebenfalls als
„Treue ist ein seltsamer Gast – wer sie bekommt, der halte sie fest.“
verstanden werden – bzw. eben so, wie die Mittelniederdeutschen damals: auf beide Arten.
Kluge Zimmerleute müssen das gewesen sein und ebenso kluge Leser*innen, denn genau genommen ist es gar nicht mal so schwierig, sich in ihr „Mindset“ hineinzuversetzen: Denn gleichermaßen, wie das wirklich „Seltsame“ auf dieser Welt stets „selten“ ist, so erscheint uns doch auch das „Seltene“ wahrhaftig oftmals auf gewisse Weise als „seltsam“…

Womit wir bei dem angekommen wären, worum es in der Inschrift und in diesem Eintrag heute als Essenz geht: Um die Treue.
In den sozialen Netzwerken, genau genommen auf einer Dating-Plattform (mal wieder…), hatte ich neulich nämlich einen weiteren eigentümlichen Zusammenstoß. Da ich meine Dating-Profile immer aufrichtig und transparent als nicht-monogam kennzeichne, hatte ich eine dieser „Tausend Fragen“, die viele Profile ja enthalten, damit man etwas über sich selbst erzählen kann, folgendermaßen beantwortet:
»Was halten sie von Treue?«
Meine Antwort: »Mononormative „Treue“ – die genau genommen meist „sexuelle Exklusivität“ meint – ist oftmals wertlos, weil die Menschen nicht verstehen, daß Loyalität und Verbindlichkeit das ist, was wirklich zählt – und alle übrigen Modalitäten Vereinbarungssache der Beteiligten sind.«
Prompt wurde ich daraufhin von einer Frau angeschrieben die dazu erwiderte, daß ich mir das mit meiner Antwort ja durchaus nett eingerichtet hätte, aber wirkliche Treue sei ihrer Meinung doch viel mehr als nur das und würde doch ganz sicher deutlich über Loyalität und Verbindlichkeit hinausgehen…
Bähm!
Da sich die entsprechende Dame daraufhin überraschend flott aus dem entsprechenden Netzwerk wieder abmeldete (vielleicht hatte sie ja einen „wirklich treuen“ Gefährten gefunden…), blieb ich ihr eine Antwort schuldig, die ich darum hier auf meinem bLog nachholen möchte.
Ihre Aussage fordert mich auf, zweierlei Positionen zu untersuchen: Zum einen, ob „wirkliche Treue“ tatsächlich noch über Loyalität und Verbindlichkeit steht. –
Und zum anderen: Ob, wenn „Treue“ reflexartig von vielen Menschen (gerade in der Monogamie) als ein „viel mehr“ verspürt wird, worin dieses „mehr“ dann besteht.

Treue

Die deutsche Wikipedia sagt zu dem Stichwort: »Treue (mhd. triūwe, Nominalisierung des Verbs trūwen „fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen“) ist eine Tugend, welche die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder einer Sache ausdrückt. Im Idealfall basiert sie auf gegenseitigem Vertrauen beziehungsweise Loyalität.[…]«

„Oho!“, will ich da bereits ausrufen: Treue basiert „im Idealfall“ also auf Vertrauen und Loyalität! Dann kann Treue meiner idealistischen Vorstellung nach nicht über diese beiden Basisgrößen hinausgehen.
Denn es wäre doch so ähnlich wie in meinem Bedürfnisbeispiel aus Eintrag 58 vom Fass mit seinen einzelnen Fassdauben (den Brettern, aus denen das Fass gemacht ist): Der „Inhalt“ des Fasses „Treue“ könnte nicht höher steigen, als seine Dauben „Vertrauen“ oder „Loyalität“ jeweils lang wären. Wäre in solch einer Treuebeziehung entweder von Vertrauen oder von Loyalität weniger da als vom anderen, dann könnte der Fassinhalt „Treue“ eben nicht weiter steigen, als bis zu der Höhe des kleineren Wertes. Ohne Vertrauen UND/ODER Loyalität also auch keine Treue – bzw. bei nur wenig von einem von beiden letztendlich nur wenig Treue.
Womit unser Fokus also auf erst recht auf diese beiden zugrunde liegenden Basiswerte rückt.
Was mich wiederum als Autor in die sehr glückliche Lage versetzt sagen zu können, daß ich auf diesem bLog beiden Themen bereits seit Eintrag 3 breiten Raum gegeben habe, insbesondere dem Vertrauen in Eintrag 15 und Eintrag 43 (sowie erweitert um den Komplex Verantwortung und Verantwortlichkeit in Eintrag 42). Neben der in Eintrag 43 zitierten Wikipedia-Definition von „Vertrauen“, ergänzt eine andere Herangehensweise, daß Vertrauen vor allem ein Ausdruck emotionaler (Selbst)Sicherheit sei, anderen Menschen und dem eigenen Dasein gegenüber – und damit Grundlage jeglicher nahen, zwischenmenschlichen Beziehung. In diesem Sinne wird „Vertrauen“ auch direkt mit der Fähigkeit zur Hingabe in Verbindung gebracht, denn die Sozial- und Verhaltenswissenschaften haben ja herausgearbeitet, daß unser Ur-Vertrauen genau dadurch gegründet wird, daß wir uns als Kinder gewissermaßen vorbehaltlos unseren Bezugspersonen ausliefern, von wo aus unsere Ich-Bildung (hoffentlich) ihren stabilen Anfang nimmt ². In unseren liebenden Beziehungen sind wir also auf gewisse Weise auch immer auf der Suche nach dem (Wieder)Erleben einer solchen tragenden Verbindung – und für Säugetiere und Hordenwesen wie den Homo sapiens wäre es evolutionär absurd (und tödlich) gewesen, diese Möglichkeit nur auf ein einziges anderes Wesen zu beschränken.

Darum also noch ein Blick auf die Loyalität, die meiner Forumskritikerin wie eine Art „Treue light“ erscheinen wollte. Wikipedia sagt hier:
»Loyalität: bezeichnet die auf gemeinsamen moralischen Maximen basierende oder von einem Vernunftinteresse geleitete innere Verbundenheit und deren Ausdruck im Verhalten gegenüber einer Person, Gruppe oder Gemeinschaft. Loyalität bedeutet, im Interesse eines gemeinsamen höheren Zieles, die Werte (und Ideologie) des Anderen zu teilen und zu vertreten bzw. diese auch dann zu vertreten, wenn man sie nicht vollumfänglich teilt, solange dies der Bewahrung des gemeinsam vertretenen höheren Zieles dient. Loyalität zeigt sich sowohl im Verhalten gegenüber demjenigen, dem man loyal verbunden ist, als auch Dritten gegenüber.[…]
Loyalität in Partnerschaften ist die auf gegenseitigem Vertrauen, Verbindlichkeit und einem Fundament an gemeinsamen Werten und Grundsätzen des Wollens und Handelns basierende innere Verbundenheit innerhalb der Partnerschaft als eine beziehungskonstitutive Einstellung, sowie deren Ausdruck im Verhalten (Kommunikation, Handeln) nach innen und außen (gegenüber dem Partner, wie auch gegenüber anderen). Darüber hinaus beinhaltet Loyalität auch das Wahren und Vertreten ureigener Interessen des Partners, ggf. auch dann, wenn man sie selbst nicht vollumfänglich teilt, insbesondere wenn dies der Wahrung psychischer Grundbedürfnisse des Partners dient (insbesondere, wenn Ansehen, Würde, Vertrauen, Integrität, Diskretion betroffen sind).
Loyalität wird oft als Erfordernis der partnerschaftlichen Treue gesehen. Sie bedeutet jedoch keine blinde Gefolgschaft oder Unterwerfung unter partnerschaftliche Interessen oder Forderungen, sondern bedarf ggf. einer bewussten Auseinandersetzung mit etwaigen Wertkonflikten unter Wahrung der eigenen Integrität und Wertvorstellungen als Ausdruck der Treue zu sich selbst, die eine Voraussetzung für eine Treue zum Partner darstellt (ohne Treue zum „Ich“ ist auch keine Treue zum „Du“ möglich). Dies gilt in ähnlicher Weise auch für Loyalität in der Freundschaft.«


„Donnerwetter!“, muß ich hier sagen, vollumfänglicher hätte ich das nicht ausdrücken können. Und es ist für mich eine Freude, daß auch in diesem Artikel wieder die Basiswerte Vertrauen und Verbindlichkeit namentlich betont werden.
Was übrigens Kern dieser Auffassung von „Loyalität“ ist (Habt ihr’s erkannt?), ist die von mir gerade erst in Eintrag 64 zitierte „Goldene Regel“ („Was Du nicht willst, das man Dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu.“) bzw. das von mir in Eintrag 53 betonte „Mit-Hineindenken“ der anderen in das eigene Denken und Handeln. Loyalität zeigt in der obigen Definition ja ganz charakteristisch diese geniale Qualität vom „Mitgehen der Extra-Meile“ mit dem oder den anderen – auch wenn das angestrebte Ziel vielleicht nicht immer 100% mit der eigenen Ego-Wohlfühlzone übereinstimmt.
Womit sich also „Vertrauen“ und „Loyalität“ wieder gegenseitig bedingen: Denn wie könnte ich anderen Menschen in dieser Weise entgegenkommen, gewissermaßen einen Hingabe-Vorschuß gewähren, wenn ich ihnen nicht vertraute?
Und damit ist eben genau kein Kadavergehorsam oder Abhängigkeit gemeint, denn all dies ist möglich unter Wahrung eines meiner Oligoamory-Lieblingswerte (seit Eintrag 3!), der Integrität, noch einmal: „Handeln in fortwährend aufrechterhaltender Übereinstimmung mit dem persönlichen Wertesystem“. Wodurch genau „Ich“ und „/BeziehungGemeinschaft“ stets ebenfalls in einem dynamischen Verhältnis stehen.
Ich glaube, ich könnte noch ein Menge mehr zu diesem Komplex schreiben, der meinen gesamten bLog quasi seit der ersten Stunde durchzieht – und könnte es immer nur weit wortreicher auf den Punkt bringen als die Treue-Definition der Brockhaus-Lexikon-Ausgabe von 1993:
»Haltung der Beständigkeit in einer Bindung (Ehe, Freundschaft), die nicht um eigener Vorteile willen aufgegeben wird, auf die daher der andere (ver-)trauen kann.«

Und ich ergänze: Zeigt Euch integer. Baut zunächst Vertrauen auf. Wenn es sich zu zeigen beginnt, dann arbeitet daran, es zu erhalten und zu pflegen. Sprecht und handelt verbindlich sowie verantwortlich! Übernehmt Verantwortung für mehr als nur den direkten Quadratmeter, auf dem ihr selber steht. Seid verläßlich; erkennt Euch als Teil des Ganzen.

„mehr“

Selbst die deutschsprachige Wikipedia beschreibt in ihrem Artikel zur „Treue“:
»Umgangssprachlich wird der Begriff „Treue“ oft als Synonym für sexuelle Exklusivität in der Paarbeziehung verwendet, im Sinne der Ideale der Monogamie. Treue soll in diesem Zusammenhang ausdrücken, dass der Partner außerhalb der Paarbeziehung keine sexuellen Kontakte mit anderen Personen eingeht. Tut er/sie es dennoch, so wird dies von denen, die Partner als zur gegenseitigen Treue verpflichtet betrachten, automatisch als Untreue, also Loyalitätsbruch verstanden. Als illegitim geltendes Sexualverhalten wird in solchen Rechtssystemen strafrechtlich verfolgt, in denen „Ehebruch“ strafbar ist. Allerdings wird in liberalen Gesellschaften verstärkt die Auffassung vertreten, dass die Frage verhandelbar sei, ob Menschen mit einer sexuellen Dauerbeziehung einander treu sein müssten.
Ganz allgemein ist mit dem Attribut „treu“ nicht immer die Vorstellung von einem Exklusivitätsgebot verbunden. So erwartet z.B. niemand ernsthaft, dass ein „treuer“ Kunde niemals (auch) auf das Angebot eines Konkurrenten zurückgreift. In vergleichbaren Fällen bedeutet „Treue“ die langfristige Aufrechterhaltung einer (hier: Geschäfts-)Beziehung.«


Als oligoamorer Chronist ethischer Non-Monogamie grinse ich ein bißchen, denn den Satz „Allerdings wird in liberalen Gesellschaften…“ hätte ich natürlich umformuliert in „Allerdings wird in liberalen Gesellschaften verstärkt die Auffassung vertreten, dass die Frage verhandelbar sei, ob Menschen in treuen (Dauer)Beziehungen einander sexuell exklusiv sein müssten.“

Wie dem auch sei.
Um ein wenig der Sache auf den Grund zu gehen, was Menschen um das Ideal der Treue einen geradezu sprichwörtlich abgöttischen „Tanz um’s Goldene Kalb“ vollführen läßt, habe ich mit Freunden und Bekannten gesprochen und bin auch in mich selbst eingekehrt – schließlich bin ja auch ich eines schönen Tages mal vom Gestade der Mono-Amorie zur Oligo-Amorie aufgebrochen…
Was sich schließlich dann aber unter jenem weit verbreitet diffus verspürten (oder vielmehr erhofften) „mehr“ zusammensammelte, stellte sich bei Licht betrachtet ganz überwiegend eher als ein „weniger“ heraus.
Denn, um das Ergebnis vorweg zu nehmen, fanden sich hier allerlei Manifestationen vor allem von persönlicher Angst (oder genauer: Ängsten) ein.
Dies zeigte sich vor allem, indem fast alle Befragten sich überhaupt nur sehr selten auf die Vorzüge vermeintlich „wirklicher Treue“ bezogen, sondern fast immer Szenarien als erstes angesprochen wurden, wenn diese „Treue“ fehlen würde – und mehrheitlich war ein Bezug zu exklusiver Sexualität deutlich spürbar:
Angst und Neid, daß mit anderen Personen etwas geteilt würde, was man selbst, in der Form/Intensität oder so häufig nicht haben könnte.
Angst vor den fremden Energien anderer Menschen, die so mit in die Beziehung getragen würden
(siehe: Die Geschichte von Anday und Tavitih).
Angst davor, daß dadurch die Beziehungsharmonie in Gefahr sein oder geraten könnte.
Angst davor, sich ungenügend zu fühlen, im Abwärtsvergleich als schlechter abzuschneiden, aus der Beziehung gedrängt zu werden, ersetzt zu werden.
Ängste, Kontrolle über die Beziehung und deren Aspekte und die Partner*innen zu verlieren.


Diese überraschend mittelbare Form Treue – bzw. was diese als metaphysische „Übergröße“ gewährleisten oder verhindern könnte – eher indirekt zu beschreiben, nennt die Psychologie „Sekundärgründe“ – und natürlich sind sie ein Kennzeichen von einem handfesten „Stellvertreterkriegsschauplatz“. Aber der „wirkliche“ Kriegsschauplatz hat es ja auch wahrhaftig in sich. Denn dort sieht es ja oft leider gar nicht so sehr reichhaltig aus, bezogen auf die anfangs erwähnte „emotionale (Selbst)Sicherheit, anderen Menschen und dem eigenen Dasein gegenüber“ – also dem Basiswert „Vertrauen“ auf dem das ganze Haus von Loyalität und Treue laut zahlreicher kluger Definitionen aufgebaut sein sollte.
Und gerade dieser Mangel enthüllt, wie das Wort „Treue“ dem Individuum vielmehr oftmals als Kontrollorgan dienen soll, eine Stellgröße, die eigene Angst verhindern soll, verhindern soll, daß Angst überhaupt gefühlt werden müsste.
Spätestens, wenn Sexualität ins (Beziehungs)Spiel kommt, sind solche Erschütterungen unseres fragilen Selbst, das eben oft längst nicht so gut aufgestellt ist, wie es förderlich für uns wäre, dann deswegen sogar nachvollziehbarer: Sexualität ist hochenergetisch und extremst innig – und meiner oligoamoren Meinung nach nicht etwas, was man „bloß macht“ (wie Bekannte treffen oder Einkaufen), sondern etwas, was jeder Mensch zutiefst innnehat und mit seinem vielzitierten „Kernselbst“ empfindet. Zusätzlich ist Sexualität so etwas wie der materiell (köperlich) greifbarste, buchstäblich fassbarste Ausdruck von Verbundenheit mit einem anderen Menschen.
Was bei einem wackelig aufgestellten Selbst nämlich die Angstfrage anpingt: Woran mache ich (sonst) wirklich fest, daß ein anderer Mensch [„mein“ Partner] (zu) mir gehört?
Für mich wären an dieser Stelle verspürtes Vertrauen und entgegengebrachte Loyalität die besseren Antworten. Und ich möchte betonen, daß ich keinesfalls gegen sexuelle Exklusivität predigen möchte: Denn diese kann durchaus erwiesen werden (und es gibt einige Menschen, die gerade wegen der Intensität von Sexualität sich in dieser Hinsicht sehr bewußt „zuteilen“). Aber sobald Exklusivität unter der Bemäntelung „wirklicher Treue“ eingefordert wird, ist höchstwahrscheinlich eine persönliche Form von Angst die Ursache.

„Ethische Mehrfachbeziehungen“, ja, ethische Beziehungen jeder Art, so wie ich sie für die Oligoamory wünsche, bedeuten jedoch, daß wir nicht im Schneckenhaus und dem Diktat unserer Ängste bleiben können. Vielmehr hoffe ich, daß alle an solchen Verbindungen Beteiligten sich mutig ihren Befangenheiten stellen, damit sie weiterhin sich selbst ermächtigen, ein wirklich mittragender Teil ihrer Beziehung(en) zu sein und zu bleiben.
„Wirkliche Treue“, „wahre“ oder „echte“ Treue, die sich dann tatsächlich durch allseitiges Vertrauen, Loyalität, Verbindlichkeit und hohe Einlassungstiefe auf einander auszeichnet, wird darum vermutlich noch lange Zeit genauso selten wie seltsam bleiben, wie sie schon seit alter Zeit empfunden wurde…
Holt se fast³!


¹ Verewigt in dem Kinderbuch der Autorin Tamara Ramsay: „Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott“, Band 1, Union-Verlag 1960
Siehe auch Wikipediaeintrag zu dem entsprechenden Gebäude oder sehr genau dargestellt durch den historischen Verein in Perleberg (pdf).

² Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage (1986-1994 / 2001) Band 23; F.A. Brockhaus, Mannheim

³ „Halte sie fest!“

Eintrag 65

Auf Abwegen! – oder: Bin ich queer?

Als die beiden seinerzeit mit mir zusammenlebenden Partnerinnen und ich vor knapp acht Jahren damit anfingen, uns in unserem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis als polyamor zu outen und wir offen unsere Beziehungskonstellation zu leben begannen, waren es zuerst die beiden Frauen, die nahezu sofort mit eigentümlichen Reaktionen konfrontiert waren.
Bemerkenswerterweise als erstes durch die Männer in unserem Bekanntenkreis, die plötzlich eine seltsam unsichtbare Zone unerklärlichen Abstands (sowohl sozial als auch tatsächlich räumlich) zwischen sich und den frischerklärten Non-Monogamistinnen errichteten – so als ob sie urplötzlich von einer merkwürdigen Scheu ergriffen worden wären…
Zur Rede gestellt, enthüllte sich als Ursache dieser männlichen Scheu eine recht staunenswerte Auffassung, die schriftlich fixiert nur schwer anschaulich wiederzugeben ist: Durch ihr Bekenntnis zur ethischen Non-Monogamie hatten sich diese Frauen nämlich offensichtlich eine irgendwie verpönte Normen-Freiheit zugebilligt, welche sie nun dadurch eigentümlich unberechenbar, ja, gewissermaßen geradezu gefährlich erscheinen ließ.
Nicht nur, daß diese Frauen, obwohl sie doch schon mit mir in Beziehung waren, damit die gesellschaftlich Umgangssicherheit gebende 1+1-Formel ausgehebelt hatten (will also heißen: das vorgegebene mononormative Modell, welches genau ein Weiblein für genau ein Männlein vorsieht. Wie also sollte man sie künftig bei gesellschaftlichen Anlässen nun behandeln? Als Halbsingle?, Nichganzverpartnerte?? oder doch gar als Freiwild???).
Nein, durch ihre neue Lebensphilosophie hatten diese Frauen praktisch auch auf unkontrollierbar urtümliche Weise auf ihre sexuelle Natur aufmerksam gemacht, indem sie nun in nahezu obszöner Art mit der Wahl ihres Beziehungsmodells ständig direkt darauf hinwiesen, quasi als lüsterne Zurschaustellung weiblicher Selbstwirksamkeit.
Folglich waren diese Frauen von nun an gewissermaßen „tickende Zeitbomben“, oder besser: tückische, durch den sozialen Raum dümpelnde Treibminen, die – da sie sich ja just in so frivoler Art zu ihren eigenen Bedürfnissen bekannt hatten – unvorhersagbar verhielten: Je-der-zeit könnten sie doch jetzt den Kreis ihrer potentiellen Partner willkürlich erweitern wollen! Und gerade das Fehlen jedes mononormativen Rahmens, der normalerweise taktvolle Rücksichtnahme vor z.B. bestehender Verpartnerung, Verlobung oder gar Ehe gewährt hätte, würde nun keinen Schutz vor solcherlei Avancen mehr gewährleisten. Mehr noch: Vermutlich waren diese polyamoren Wölfinnen ohnehin schon dabei, die Umgebung schamlos nach einem Gebüsch und männlicher Beute auszuspähen, allzeit bereit, ein weiteres Männchen auf diese Weise in den gähnenden Schlund ihrer geöffneten Beziehung zu zerren, fortwährend auf der Jagd, immer hungrig…

Und als schon die Männer so verunsicher reagierten, da war es nur noch ein kleiner Schritt zu den Frauen in unserem Bekanntenkreis, die es ja nun ihrerseits auch nicht mehr riskieren konnten, Freunde, Verlobte oder Ehemänner mit den Poly-Wölfinnen alleine in einem Raum zu zurückzulassen, nun, da sich anscheinend wild gewordene Geschlechtsgenossinnen offen zu solch einer wahrhaft fragwürdig zügellosen Form von Anarchie erklärt hatten. Denn dadurch hatten diese moralentgrenzten Hormonbomben ihre fakultative Verfügbarkeit doch für jeden Mann im Raum wie eine alles benebelnde Duftmarke propagiert…! Und schon der Volksmund weiß doch, daß Gelegenheit – also Versuchung – Diebe macht, da sollte niemand bei Verstand „seinen“ Mann mit solcherlei Verführung unbeobachtet lassen…

Die augen- oder vielmehr ohrenfälligste weitere Veränderung in unserem sozialen Umfeld betraf uns alle – und zwar immer dann, wenn im Freundeskreis aus einem Gespräch fallweise eine Diskussion wurde. Durch unsere Erklärung zur ethischen Non-Monogamie hatten wir Betroffene nämlich offenkundig eine seltsame Veränderung unseres Denkens, unserer Auffassungsgabe und unserer Herangehensweisen erfahren, die es uns von nun an mutmaßlich erschwerte, wie „normale Menschen“ zu denken und zu argumentieren. Wohl um uns auf dieses entstandene „Übersetzungs-Problem“ aufmerksam zu machen, leiteten unsere Gesprächsteilnehmer*innen uns gegenüber ihren Beitrag ab jetzt auffallend häufig mit der Einleitung „Ich bin ja nicht polyamor, aber…“ ein, worauf meist eine Verwahrung vor unserer Meinung und eine Berichtigung im Sinne des Gegenübers erfolgte. Und das keinesfalls nur dann, wenn Beziehungsansichten im Raum standen. Wichtig schien es indessen allerdings von nun an regelmäßig , mittels des „Ich bin ja nicht polyamor…“ auf eine grundsätzliche Inkongruenz zwischen dem eigenen und unserem möglichen Standpunkt hinzuweisen, egal, welches Thema sich zu entfalten begann.

Mich selbst „erwischte“ es mit voller Wucht tatsächlich erst, als ich mich zur Partner*innensuche auf den seltsamen Dating-Planeten begab, ein Planet, der – wie ich Naivling nur zu bald erfuhr – in der Hauptsache unbeirrt von der Hand des hetero-wie mononormativen Imperiums verwaltet wurde.
Neben einigen, immerhin ausführlich begründeten Zurückweisungen, die ich bereits in meinen Einträgen 40 und 44 niedergeschrieben habe, erntete ich in kurzer Zeit auch Blüten wie „…so ein Miteinander würde mir Angst machen…“, „…unsere Beziehungsbedürfnisse passen in keinster Weise zusammen…“(sic), „…jemand wie du kommt für mich nicht in Frage…“, „…es gibt sicher andere Frauen, die damit umgehen können…“.
Eine traurige Sternstunde erlebte ich schließlich im Forum eines sehr elitären Partnerportals, in dem eine Diskussionspartnerin schrieb: „Verschwinde hier, wir hier haben es schon schwer genug, überhaupt nur einen Partner für uns zu finden!“
Was für eine Sammlung: Angst vor Miteinander, Zuordnung fremdartiger Bedürfnisse (obwohl wir diese doch gemäß Abraham Maslow alle teilen), Zuordnung einer abweichenden Persönlichkeit („wie du“), Zuordnung zu einem andersartigen Kreis von Menschen und – last but not least: diktierter Mangel durch das „Für-jeden-Topf-stets-nur-ein-Deckel-Modell.

Nach einiger Zeit (ok, es waren zwei Jahre) begann es wirklich an mir zu nagen.
Was war das gemeinsame Prinzip hinter all diesen Erscheinungen?
Erst als ich in diesem Frühjahr den amerikanischen KurzfilmTwo Distant Strangers ansah, der aufgrund der Black Lives Matter-Thematik veröffentlicht wurde, da begriff ich:
Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um Diskriminierung.
Und zwar um Diskriminierung einer Person aufgrund eines einzigen Merkmals.
Ein einziges Merkmal, welches für das diskriminierende Umfeld alle anderen Merkmale, Eigenheiten und Eigenschaften einer Person überschreibt. Und damit diese Person, ihre vielfältige Persönlichkeit, entmenscht und auf diesen Einzelaspekt reduziert.
Kompartmentalisierung (Aufspaltung) und Trennungs-Realität in Reinform.

Ich möchte meine Situation nicht am Leid der afroamerikanischen Belange in den USA messen. Aber der daraus entstandene Film verdeutlicht zahlreiche Mechanismen von Diskriminierung in erschreckend sachkundiger und routinierter Form: Diskriminierung, wie sie jede Minderheit, jede Normabweichung weltweit erlebt.
Während ich den Film in den ersten Minuten betrachtete, da dachte ich noch, daß sich die farbige Hauptfigur doch vielleicht wenigstens etwas gemäßigter, etwas deeskalatorischer verhalten könnte, um auf diese Weise seine Umgebung nicht gar zu sehr auf sich aufmerksam zu machen.
Doch je länger der Film lief, umso mehr begriff ich, daß dies nicht der Weg sein konnte: Viel zu willkürlich sind die Zuschreibungen der aburteilenden Umgebung, viel zu zufällig, unvorhersehbar und beliebig gewählt die drohende Unzahl von Dinge, an denen andere Anstoß nehmen könnten.

„Ich bin ein Mensch!“, das wollte ich in den letzten zwei Jahren zunehmend öfter laut ausrufen. „Ich bin ein Mensch mit einer komplexen Persönlichkeit. Ein Mensch, der – neben der Tatsache, daß er sich für ethische Mehrfachbeziehungen einsetzt – auch sonst sehr interessant ist und noch allerlei andere spannende Seiten zu bieten hat!“
Aber die ethischen Mehrfachbeziehungen waren „das eine Merkmal“. War die Hürde, die Mauer, die Barriere, um die kaum mehr jemand herumsehen wollte, wenn er*sie*es mich wahrnahm.

Ich gebe zu, daß es es ein wichtiges Merkmal von mir ist. Ja, auch ein Merkmal, welches ich für mich als durchaus qualifizierend erachte. Ebenfalls eines, was ich eher schnell zur Sprache bringe, weil ich weiß, daß es für viele Menschen in punkto Beziehungsgestaltung ungewöhnlich erscheinen kann.
Genau deswegen ergeht es mir damit wie dem Hauptdarsteller Carter James mit seinem Aussehen: Es ergibt keinen Sinn, mein Merkmal zu mindern, zu verstecken, zu bemänteln, zu verblümen, zu verkleiden, zu beschwichtigen, zu relativieren oder zu mäßigen: Es ist unveräußerlich, immanent, essentiell, innewohnend, spezifisch – und trägt damit natürlich auch zu dem bei, wer und was ich bin.

Davon Free und Martin Desmond Roe, die beiden Regisseure von Two Distant Strangers beantworteten so für mich auf unvorhergesehene Weise eine Frage, die ich mir schon lange gestellt hatte, die sich viele Menschen in der Polyamorie-Szene stellen und die etliche Menschen auf dem Gebiet der ethischen Non-Monogamie seit Jahren umtreibt:
Bin ich queer?

Für die Oligoamory (wenigstens – und für mich) antworte ich heute: JA.

Aber nicht, weil in dem Kurzfilm der farbige Carter von einem weißen Polizisten drangsaliert wird. Damit würde ich queer-Autoren wie Phillip Ayoub¹ oder auch Mortimer Dora¹ Recht geben, die die (Selbst)Zuschreibung von „queer“ so verstanden wissen möchten, daß der Begriff nur von denjenigen verwendet werden sollte, die auch durch ihn unterdrückt werden.
Nein, die Oligoamory ist für mich eine lebensbejahende Philosophie mit einem positiven Menschenbild, welcher ich durch so eine Negativ-Begründung keinen Dienst erweisen würde.

Denn als Mehrfachbeziehungsphilosophie steht die Oligoamory ohnehin bequem und trocken unter dem Dach der sexuellen Emanzipation, wie es von LGBT+– und Queer-Menschen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Einige dieser Zusammenhänge habe ich in meiner Reihe zur Geschichte der Oligoamory mit den Teilen 1 | 2 | 3 | 4 bereits dargelegt.
Ich habe dadurch vollständigen Respekt vor dem Zeugnis dieser Menschen, die dadurch den Weg bereitet haben, daß ich heute hier über dieses Thema überhaupt schreiben kann.
Und darum möchte ich nicht einfach einen weiteren „schicken Terminus“ unter diesem mittlerweile sehr soliden und unübersehbaren Dach parken, sondern mir den Platz – so klein die Oligoamory auch sein mag – im Gedankengebäude verdienen.

Als bLogger und Gelegenheitsphilosoph hat mich dahingehend die Auffassung der Feministin, Philosophin und Professorin Gudrun Perko zum Thema „Was ist queer?“ fasziniert:

Gemäß Gudrun Perko umfaßt der Begriff „queer“ (den sie als „gegen-die-Norm-sein“ übersetzt) das gesamte Spektrum derer, die nicht hetero- und mononormativen Vorstellungen von Sexualität, binärem Geschlecht oder Beziehungsmodell entsprechen. Verbindend sei dabei, dass die gesellschaftlich vorherrschende Normierung hinterfragt und aufgelöst werde und es Menschen ermöglicht werden solle, ihr Leben mit vielfältigen Formen von sexuellen Orientierungen, Geschlechtsidentitäten oder Beziehungsformen frei von etablierten Normen zu leben.
Gudrun Perko entwickelte aus dieser Herangehensweise die sg. plural-queere Variante, welche radikal offen alle Menschen inkludiert, „die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen oder nicht entsprechen wollen“. Diese Form des plural-queeren Ansatzes greift auch auf die (deutlich strengere) US-amerikanische Variante zurück, die vehemente Kritik an Hetero- und Mononormativität, geschlechtlicher Binarität, repressiven Identitätsmodellen und Ausgrenzungen bestimmter Menschen übt. Im Zentrum der plural-queeren Variante steht das Bemühen um die „möglichste Vielfalt menschlicher Seins- und Daseinsformen in ihrer Unabgeschlossenheit“.²

Mit ihrem Modell greift Gudrun Perko ein queeres Zentralthema auf, welches als „Dekonstruktivismus“ bekannt ist und in etwa lauten könnte: Nach dem Ausgeschlossenen fragen – und durch Inklusion sich dem Außenstehenden öffnen.
Und genau in diesem Verständnis erkenne ich die aktive Anwendung von Scott Pecks integrativer Formulierung wieder, die ja lautet: „Aus welchem Grund sollte xyz denn nicht teilhaben dürfen?“ (Statt: „Aus welchem Grund sollte xyz überhaupt teilhaben?“, siehe Eintrag 33) – die jedem Gruppen- und Gemeinschaftsbildungsprozeß zu Grunde liegt.
In diesem Sinne wünsche ich mir, daß dieses dekonstruktivistische „Warum denn nicht ?“ hoffentlich ebenfalls ein Kennzeichen der Oligoamory ist.

An dieser Stelle ist leicht zu erkennen, daß dadurch der Kampf gegen Intersektionalität (Intersektionalität = Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person) schon immer zur queeren DNA gehört hat. Wie ich in Eintrag 50 bereits kurz angedeutet habe, ist „politisch Sein“ also queeres Kerngeschäft schlechthin:
Themen- und Aktionsverknüpfung mit Bereichen wie Ethnizität, Kultur, Herkunft, Nicht-Identität und Gruppen ohne kollektiven Identitätsbegriff, aber z.B. eben auch Feminismus, religiöse Verfolgung, Ableismus oder Altersdiskriminierung sind unumgänglich, wenn das weiter oben zitierte Haus Bestand für zukünftige Generationen haben soll.
In Eintrag 50 zitiere ich, daß „Politik die stete Auseinandersetzung zwischen der Veränderung oder der Bewahrung bestehender Verhältnisse sei“. Mit der Oligoamory wünsche ich zumindest zu einer Erweiterung, wenn nicht gar einem Wandel, dieser „bestehenden Verhältnisse“ beizutragen. Und in dieser Überzeugung fühle ich mich unter dem queeren Dach wohl, dankbar auf den Schultern derer stehend, die schon seit Jahrzehnten dafür eintreten und eingetreten sind.

Die Queer-Theorie hat mir mit den Autoren Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter übrigens noch eine weitere Überraschung eingebracht, da diese kritisch fragen, ob solcherart queere Unabgeschlossenheit und Offenheit nicht allzu leicht ein Kennzeichen für neoliberalistisches Gedankengut durch die Hintertür sein könnte – bei dem zu bedenken sei, ob dies für die Grundidee überhaupt wünschenswert und förderlich sein könnte?³
Aus der Oligoamory heraus sage ich: „Ja, durchaus, wenn es im Shaftesbury’schen Sinne geschieht! (siehe vorheriger Eintrag)“. Denn der Philosoph Shaftesbury definierte schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts Neoliberalismus im Sinne seines Freiheits- und Autonomiekonzepts als „eine kosmopolitische Grundhaltung ohne übergreifende, zentralistisch gelenkte Einheiten, sowie als Ausdruck einer multipolaren Welt souveräner, freiwillig mitwirkender Elemente“.
Für mich höre ich da sowohl herrschaftskritisches als auch antikapitalistisches Denken heraus, welches sich aus Shaftesburys Hoffnung auf den Menschen als bewußtes, urteilsfähiges und daher (sozial) verantwortliches Wesen speiste.

Oligoamor zu sein, bedeutet folglich auch queer zu sein – „gegen die Norm“, bewußt grenzüberschreitend, absichtsvoll abweichend.
Oligoamor sein heißt, aufgrund von Eigenheit un-angepaßt zu sein, hervorzustechen und dadurch im Zweifel aufzufallen.
Oligoamor heißt menschlich einschließlich und darum gesellschaftlich aufmerksam zu bleiben.
Oligoamor zu sein heißt, dies von innen heraus zu sein: Nicht als Label, als Mode, als Phase, Masche oder Inszenierung, sondern als ein regenbogenbuntes Einhorn-Zebra unter vielen schwarzweißen, welches überzeugt sein vielfarbiges Fell trägt, weil es weder aus seiner Haut kann noch will.

In seinem 2019 veröffentlichten Buch „Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ weist der Autor und Neurowissenschaftler Gerald Hüther auf die aus seiner Sicht bei Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) bestehende Problematik hin, daß dieser Satz von vielen Menschen oftmals darum als unkonkret und irgendwie leer empfunden würde, grade weil sie ihre eigene Würde im Alltag häufig (noch) gar nicht nachvollziehen könnten.
Ich glaube, daß exakt dies in der Welt der Non- und Antinormativität, der Welt der Minderheiten, genau anders ist: Weil sie ihre bunte Andersartigkeit und ihre zur Umgebung oft in Widerspruch stehende Individualität täglich und wöchentlich zu Markte tragen, sind sich die Menschen in diesen Kreisen ihres Wertes und ihrer damit verbundenen unantastbaren Würde meist sehr bewußt.

Es war und ist darum der Beitrag queerer Gruppen und Einzelpersonen, unsere Gesellschaft wach und hellhörig zu halten, daß Menschenwürde kein schwer fassbares, längst triviales Gut ohne konkreten Realwert ist, sondern eine Grundvoraussetzung für eine mitmenschlichere Welt, welche selbst in unseren privatesten Kreisen noch keine Selbstverständlichkeit darstellt.



¹ (nur in englischer Sprache:)
Phillip Ayoub; David Paternotte (28 October 2014). LGBT Activism and the Making of Europe: A Rainbow Europe?. Palgrave Macmillan.
Mortimer, Dora (9 Feb 2016). „Can Straight People Be Queer? – An increasing number of young celebrities are labeling themselves ‚queer.‘ But what does this mean for the queer community?“

² Gudrun Perko: Queer-Theorien: Ethische, politische und logische Dimensionen plural-queeren Denkens. PapyRossa, Köln 2005

³ Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013

Übrigens: Supergeniale queer-Seite und -Fundgrube mit coolem bLog: https://queer-lexikon.net/

Eintrag 64

Bedeutsame Beziehungen (Teil 3)

»Die Natur unserer unsterblichen Existenz liegt in den Konsequenzen unserer Worte und Taten.
Unsere Leben gehören nicht uns. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir verbunden mit anderen, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft.«

aus der „Offenbarung der Sonmi“; David Mitchell, Der Wolkenatlas (2004)

Mit dem dritten Teil dieser Reihe möchte ich einen weiteren zentralen Schlußstein in das Gewölbe oligoamorer Denkweise einfügen.
In den vorangegangenen Teilen 1 und 2 habe ich auf das mir sehr wichtige Thema der „Kategorienlosigkeit des Personenkreises in bedeutsamen Beziehungen“ hingearbeitet, mit dem ich darauf hinauswill, daß – insbesondere wenn unsere vertrauensvollsten und intimsten Beziehungen betroffen sind – wir uns keinen vorgegebenen Rahmen mehr unterwerfen sollten, was deren Ausprägung und deren Ausmaß an möglicher Interaktion angeht.
Auf diese Weise könnten wir für uns die Freiheit des Erlebens unserer Nahbeziehungen in all ihren Nuancen, Facetten und Schattierungen zurückgewinnen – und ebenso hätten wir dadurch die Chance, uns von den Grenzen eines Diktats sozialer Normierung zu lösen, die uns in unserer Gedankenfreiheit, Phantasie und Kreativität, sowohl des Liebens als auch in der konkreten Beziehungsgestaltung selbst, eventuell einschränken.

Wer diesen letzten Satz gelesen hat, könnte nun überrascht ob seines vermeintlich „radikalen“ Charakters sein und mich fragen, ob dies denn nicht am Ende doch genau der Aufruf zur „totalen Befreitheit“ in Liebes- und Beziehungsdingen sei, den ich selbst so oft als recht egoistisch-impulsive Proklamation uneingeschränkter persönlicher Freiheit in Mehrfachbeziehung seit Beginn meines bLogprojektes kritisiert habe…
Nein – ich glaube ganz und gar nicht.
Meine Antwort darauf lautet: Wenn die Kategorie (einer Beziehung) nicht mehr maßgeblich ist, so gewinnt die Qualität der jeweiligen Verbindung automatisch erheblich an Bedeutung.
Die Autoren des Polyamorie-Ratgebers „More Than Two¹“, Franklin Veaux und Eve Rickert, schrieben genau zu diesem Thema im Schlußwort ihres Buches:

»Es ist wichtig und sinnvoll, immer wieder auf die Wurzel der Polyamorie zurückzukommen: Liebe.
Wir haben Beziehungen, weil wir als menschliche Wesen dazu veranlagt sind zu lieben. Und ohne Liebe als Kern unserer Beziehungen und als das Prinzip, auf dem wir bei allem, was wir in diesen Beziehungen tun, zurückzukommen, werden uns die anderen Prinzipien – so unverzichtbar sie auch sind – nicht weiterbringen. Die Liebe ist die große Klärungsfinderin der Werte. Ohne sie wird jeder Rahmen, den wir schaffen, hohl und letztlich leblos bleiben.
«

Mit dieser in meinen Augen ganz hervorragenden Beschreibung bestärkt mich dieses Autorenpaar gleichsam in meiner oligoamoren Gewissheit, daß nämlich genau dadurch die Symbiose von Freiheit und Verbindlichkeit in menschlichen Beziehungen kein misslicher Gegensatz, sondern – im Gegenteil – zutiefster „Kernbestandteil“ ist (siehe auch bereits Eintrag 7).
Und wenn wir die Liebe als unsere „Klärungsfinderin der Werte“ akzeptieren, dann akzeptieren wir damit zugleich auch die (höchst oligoamoren) Qualitäten von Ganzheitlichkeit und Integrativität – und wir umarmen dadurch ebenfalls die „Goldene Regel“ – sowohl im gandhischen Sinne „Du und ich wir sind eins – ich kann Dir nicht wehtun ohne mich zu verletzen.“ wie auch als buchstäbliche Maxime „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Die Grundlagen dieses Zusammenhangs hat für mich zuallererst der englische Philosoph, Schriftsteller und Aufklärer Anthony Ashley Cooper, 3. Earl of Shaftesbury, (1671-1713) ausführlich dargestellt.
Shaftesbury schrieb, daß uns die Ordnung der Natur zwar nur bruchstückhaft bekannt sei [was jeder Quanten- oder Astrophysiker auch heute sicher noch gerne bestätigen wird], doch daß z.B. die körperliche Gestaltung und Funktion von Lebewesen stets einen gemeinsamen Zweck, ein Ziel, erkennen lassen würden. Jedes von ihnen verfüge über eine natürliche Ausstattung, die seinem individuellen Wohlergehen, dem „privaten Guten“ dienen solle. Dieses sei definiert als das, was mit der natürlichen Bestimmung des Lebewesens in Einklang stünde. Die Triebe, Leidenschaften und Gemütsbewegungen zielten darauf, einen für das Individuum optimalen Zustand zu erreichen und zu bewahren.²

Gut 200 Jahre später erhielt Shaftesburys scharfsinnige Überlegung übrigens faszinierende Unterstützung, ausgerechnet durch die aufblühende Wissenschaft der Psychologie.
Dort hatten nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die beiden Freud-Schüler Carl Gustav Jung mit seiner analytischen Psychologie und Alfred Adler mit seiner Individualpsychologie die allzu kausalen Ideen ihres Lehrvaters verworfen und waren ihrerseits vielmehr zu der Auffassung gelangt, daß ein Lebewesen immer als „Individuum“ betrachtet werden müßte, welches z.B. gemäß Adler zur Überwindung seiner Verletzlichkeit am Lebensanfang stets durch fortgesetzte Bemühung nach seinem „optimalen Zustand (Shaftesbury!)“ als Ziel streben würde. Jung und Adler stimmten weiterhin überein, daß jedes Lebewesen genau dadurch in-dividuus (aus dem Lateinischen: un-teilbar!) in seiner Entwicklung betrachtet werden müßte, ein lebenslanger Prozeß, den C.G. Jung sogar „Individuation“ (sinngemäß: „Unauftrennbarkeit“/„Ganzwerdung“) nannte.
Sehr gut ist hier zu erkennen, daß die Psychologie damit also einen holistischen, sprich ganzheitlichen (siehe Eintrag 57), Ansatz zugrunde legte, der ein Lebewesen und dessen Dasein als „mehr als bloß die Summe seiner (Erlebens)Teile“ beschreiben will.

Auch der Philosoph Shaftesbury hatte das zugrundeliegende Prinzip des Holismus bereits seinerzeit erkannt, denn er folgerte, daß doch jedes Lebewesen zugleich auch immer mit dem Wohl und Fortbestand der Gattung verknüpft sei. Daher sei das einzelne Wesen als „privates System“ stets ebenfalls in „umfassendere Systeme“ eingefügt [ein geradezu „ökologischer“ Gedanke!]: In das System seiner Art, in die Gesamtheit der Pflanzen- bzw. Tierwelt [also in die Gesamtbiodiversität!], in das System der Erde [Stichwort Gaiahypothese“], das Sonnensystem und schließlich das System des Universums. Alle Systeme würden schließlich zusammen den Aufbau des Kosmos bilden, und jedes von ihnen sei durch seinen Bezug zum Ganzen bestimmt. Die Systeme würden einander stützen, somit zueinander und zugleich zur Gesamtheit in einem Verhältnis des Zusammenwirkens stehen.
Für Shaftesbury erwies sich so, daß hierin die einzelnen Systeme immer dem Ganzen zugute kommen könnten, wie sich auch für ihn dadurch gleichzeitig zeigte, daß ein ausgeprägter Einklang des individuell Förderlichen mit dem allgemein Förderlichen bestand.

Shaftesbury Auffassung enthält auf diese Weise für mich exakt die Anregung zur Beherzigung der „Goldenen Regel“ in jeder Art von Beziehung, sowie die Aufforderung, alle unsere Beziehungen genau deswegen in-dividuell (also ganzheitlich und NICHT kompartmentalisiert-aufgespalten) anzugehen.
Die Herangehensweise Shaftesburys wollte und will zeigen, daß das Ziel jedes Menschen das Gelingen seines*ihres Lebens als freies Individuum, mitwirkend eingebettet in ihre*seine Gemeinschaft sein sollte [verbunden und zugleich frei!].
Zur Voraussetzung forderte schon Shaftesbury: Als Gemeinschaftswesen kann der Mensch die Autonomie, zu der er veranlagt ist, nur dann ungestört verwirklichen, wenn die (übergeordneten) Systeme, denen er angehört, ebenfalls frei sind und damit ein freier Austausch möglich ist.

Ich glaube, daß ich sogar bei dem großen Gemeinschaftsforscher Scott Peck selbst keine treffendere Befürwortung hinsichtlich dieser Art von Dynamik in selbstgewählten Beziehungen gelesen habe:
Ausgangspunkt ist stets das Individuum, welches dadurch, daß es (quasi „von Natur aus“ bzw. seiner kooperativ-zielgerichteten Veranlagung her) eine Vorstellung von dem, was förderlich ist, in sich trägt, darum um mehr als nur um das eigene Wohl besorgt ist – wodurch es wiederum in der Lage ist, das Wohlergehen (s)eines ganzen Systems ins Auge fassen zu können UND dabei sein eigenes Gedeihen als Teil davon zu erkennen.

In diesem letzten Satz vereinen sich für mich die Bedürfnisüberlegungen von Abraham Maslow, Carl Rogers und Marshall Rosenberg mit der wechselbezüglichen Intimitätsdefinition (siehe unten Fußnote³) durch S. Cohen, L. Underwood und B. Gottlieb.
Die „Kategorienlosigkeit“, wie ich sie mir wünsche, ist also durchaus kein egozentrischer „Totalbefreiungsschlag“ als Schnellschuß gegen lästig empfundene Einschränkungen durch unsere Mitmenschen.
Kategorienlosigkeit in unseren bedeutsamen Beziehungen benötigt aus meiner Sicht vielmehr ermächtigte Individuen, die zu bewußten Willensentscheidungen in der Lage sind und zugleich bereit sind, die Verantwortung, die sie damit für ihr schöpferisches Potential haben, auch anzunehmen.

Der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther schrieb 2011 in seinem Buch „Wer wir sind und was wir sein könnten“, daß »…Erwachsensein eine gewisse Lust auf die Übernahme von Verantwortung bedeuten würde…«, ebenso wie folgendes Zitat (erstmals Eintrag 4):
»Es gibt keine Freiheit ohne Verbundenheit. Aber Verbundenheit ist nicht Abhängigkeit. Wir Menschen sind in der Lage, unsere Beziehungen so zu gestalten, dass wir uns verbunden fühlen, ohne abhängig zu sein. Aber dazu müssten wir uns um die anderen kümmern oder zumindest bereit sein, all das, was wir haben, mit ihnen zu teilen. Unsere Nahrung, unseren Lebensraum, unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, unsere Erfahrung.«

Damit unser menschlicher Hang zu innerem Schweinehund und Schadensvermeidung in diesen Dingen aber nicht sehr schnell vor allem zu Lebensvermeidung führt, bleibt uns nicht anderes übrig, als weiterhin immer wieder unser Bestes zu geben, wenn es darum geht, unseren Befürchtungen mit Zuversicht zuvorzukommen, unserem Wunsch nach Kontrolle mit gelegentlich sehr beherztem Vertrauen zu begegnen und unseren Tendenzen zu Ab- und Aufspaltung im Kleinen wie im Großen die integrative „Warum-denn-nicht?-Frage“ (Eintrag 33) entgegenzustellen.

Am Ende möchte ich daher hier noch einmal F. Veaux und E. Rickert aus „More Than Two“ zu Wort kommen lassen, die das, was sie dort über Liebesverbindungen schrieben, im shaftesburyschen Sinne gleichermaßen über Selbsterkenntnis und fast alle zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie unser Verhältnis zur Umwelt insgesamt bzw. unsere Verantwortung für uns selbst und für unsere Erde hätten sagen können:

»Während wir nachforschten und die Geschichten von Menschen sammelten, beeindruckte uns, wie oft es den Anschein hatte, dass die Menschen, die in der Lage waren, ihren Weg durch Situationen zu navigieren, die andere am Boden zerstört hätten, dies taten, indem sie schlicht beeindruckend waren: Sie verrichteten harte Arbeit, sie kümmerten sich um einander, sie gaben nicht auf, sie setzten sich mit ihren übermächtigen Emotionen auseinander. Sie respektierten die Handlungsfreiheit ihrer Liebsten, auch wenn sie Angst hatten, das zu verlieren, was sie am meisten schätzten. Sie stellten sich ihren eigenen tiefsten Ängsten um ihrer selbst und der Menschen willen, die ihnen wichtig waren.¹«



¹ Das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² zitiert nach Angelica Baum: Selbstgefühl und reflektierte Neigung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, S. 167–181; Friedrich A. Uehlein: Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury. Lehre. In: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. Band 1, Basel 2004, S. 62–84, hier: 63; Stanley Grean: Self-Interest and Public Interest in Shaftesbury’s Philosophy. In: Journal of the History of Philosophy. Band 2, 1964, S. 37–45, hier: 41 f.

³ S. Cohen, L.G. Underwood and B.H. Gottlieb: „Social support measurement and intervention“ – A guide for health and social scientists“, Oxford University Press, 2000 (erstmals zitiert von mir in Eintrag 14):
»Intimität/Vertrautheit bzw. Nähe ist ein grundlegender Prozess, der so definiert wird, dass man sich darin von den Partnern verstanden, bestätigt und berücksichtigt fühlt, die sich ihrerseits der Tatsachen und Gefühle bewusst sind, die für das eigene Selbstverständnis von zentraler Bedeutung sind.
Zu dieser Empfindung tragen Vertrauen (die Erwartung, dass die Partner wichtige Bedürfnisse respektieren und erfüllen) und Akzeptanz (die Überzeugung, dass die Partner einen als die Person die man ist annehmen) bei.
Empathie ist dazu ebenfalls wichtig, weil sie Bewusstheit und Wertschätzung für das Kernselbst eines Partners signalisiert.
Gleichermaßen trägt Zuneigung zur wahrgenommenen Zugewandtheit der Partner bei – sogar unabhängig von Aufeinanderbezogenheit oder Einmütigkeit – nämlich genau wegen der wesentlichen Rolle des Wahrnehmens, dass man es aus deren Sicht wert ist und daher sehr sicher sein kann Liebe und Zuwendung von den Liebsten zu erleben.
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