Eintrag 4

Der Besuch

Gestern empfing ich zum ersten Mal Besuch auf dem entlegenen Eiland der Oligoamory, nachdem ich selber erst vor drei Wochen hier angelandet war. Es war mein*e Freund*in vom vielgestaltigen Archipel der Polyamory – und entsprechend aufgeregt war ich.
Selbstverständlich zeigte ich begeistert all die Dinge, die mir bisher begegnet waren: Wir besuchten den Ort meiner Anlandung, ich führte die Fotos und Karten vor, auf denen sich die Umrisse der Insel allmählich abzuzeichnen begannen, wir betrachteten die reichhaltige Flora und Fauna des Eilands, deren vielversprechendes Potential ich selbstverständlich betonte und natürlich begaben wir uns auch zu dem imposanten „Stein der Oligoamoren“.
Als wir allerdings am Abend auf der Veranda meiner Hütte bei einem kühlen Getränk saßen, bemerkte ich eine deutliche Irritation bei meinem Gast, von der ich den Eindruck hatte, daß sie sich über den Tag nach und nach aufgebaut hatte.
Da ich mich im Sinne der Oligoamory in großer Aufrichtigkeit üben wollte, sprach ich meine*n Freund*in darauf an – und bat, ebenso aufrichtig zu antworten.

„Jetzt hast Du mir soviel von diesem verborgenen neuen Eiland erzählt und gezeigt“, begann mein*e Gesprächspartner*in, „aber das Wichtigste, scheint mir, hast Du dabei ausgelassen. Wo sind denn diese vielbeschworenen Bewohner*innen? Selbst Du, mein guter Oligotropos, lebst hier mit Deiner Nesting-Partnerin in Deiner selbsternannten Forschungsstation – zu zweit – fast wie ein biederes Ehepaar anzusehen.“

„Auf der einen Seite bekümmert mich das natürlich auch ein bisschen“, antwortete ich, „und selbstverständlich hätte ich Dir in der Hinsicht auch gerne schon mehr präsentiert. Auf der anderen Seite ist der gegenwärtige Zustand durchaus soweit ziemlich realistisch.“
„Wie soll ich das verstehen?“ „Nun – erst einmal sind wir hier auf dem entlegenen Eiland der Oligoamory buchstäblich bereits ‚recht weit draußen‘ – es ist ganz wichtig, daß wir uns das immer wieder klar machen, gerade in Zeiten, in denen auf den ersten Blick ’nichts zu sehen ist‘. Schon der sagenumwobene Kontinent der ‚Offenen Beziehungen‘ ist seinerseits ein ganzes Stück von der gegenwärtig noch immens viel größeren ‚Alten Welt der Monogamie‘ entfernt. Nur etwa 15% der Bevölkerung können sich derzeit überhaupt vorstellen, nicht-monogame Beziehungen zu führen, schon das ist keine besonders große Menge.
Und dann erst dein vielgestaltiges Archipel der Polyamory – diese pluralistische Inselgruppe, eben so noch in den Hoheitsgewässern der „Offenen Beziehung“ befindlich. Es heißt, daß es dort gerade einmal 2 bis 3% der Leute hin verschlagen hat, die sich nun als ‚polyamor‘ bezeichnen.
Und von diesem Archipel ist nun die ‚Oligoamory‘ das bislang letzte kleine bekannte Eiland – da finde mal die paar Menschen, die sich bis hierher bewegt haben. Ich meine, da ist ja beinahe der Name schon Programm: Ich brauche dich nicht zu erinnern das ‚oligo-‚ doch ‚wenig‘ bedeutet, und Wenige sind es auch, die in dieser Hinsicht Beziehungsphilosophie und anhängige Lebensweise ähnlich auffassen und teilen möchten. Die müssen sich erst einmal finden!“
„Aber Du selbst bist doch jetzt auf dieser Insel…“, begehrte mein*e Freund*in auf. „Ja, schon“, unterbrach ich, „allerdings erst seit drei Wochen. Und damit kommt ein ganz wichtiger oligoamorer Faktor ins Spiel…“ „Welcher da ist?“
„Die Zeit natürlich“, sagte ich. „Deshalb finde ich das Symbol der Oligoamory, insbesondere dessen Doppelspirale, ja so charakterisierend: Keine Beziehung kann wie mit einem Knopf eingeschaltet werden und dann ist sie sogleich voll entfaltet in der Welt. Beziehungen bahnen sich an, werden aufgenommen, entwickeln sich, wachsen (hoffentlich) zusammen und werden über einen langen Zeitraum hinweg erst immer tiefer und ziehen größere Kreise. Ganz abgesehen von ihrer Eigendynamik und Wechselwirkung auf die daran Beteiligten, die ich in der Spirale ja erst recht gut getroffen finde…“
„Also gut, wir sind nicht an jeder Ecke zu finden, manchmal ist es regelrecht schwierig, das gebe ich zu.“ sagte mein Gegenüber. „Das mit der Beziehungsanbahnung und -führung ist aber doch wohl nirgendwo anders – oder?“
„Darauf antworte ich ein messerscharfes ‚je nachdem‘ “, sagte ich. „Wir leben leider in einer tendenziell serieller werdenden Welt. Alleine die hohen Scheidungsraten legen das nahe. Diesen Hang zur Serialität legen Menschen aber nicht automatisch ab, wenn sie das Territorium von offenen Beziehungen oder polyamoren Boden betreten, selbst wenn sie dort neue Werkzeuge zur Beziehungsführung vorfinden.“
„Und die Oligoamory…“ begann mein*e Gesprächspartner*in. „Ist so abseitig und überschaubar, daß ihre Bewohner*innen deshalb schon aus nachhaltigen Gründen keine schnelle Austauschbarkeit anstreben. Oder genauer, wie ich Dir bereits in meinem Brief schrieb, würden sie in ihrem Streben, sich wechselseitig als ‚ganze Menschen‘ mit allen Stärken und Schwächen anzuerkennen, eher keine Parallelbeziehungen aufgrund rein situativ unerfüllter Bedürfnisse aufnehmen (oder nach Laune wieder ablegen). Das würde ja auch gar nicht zu ihrem Motiv der Zeit und der Endlichkeit passen: Beziehungen sind für sie da mehr wie Pflanzen, quasi organisch. Es ist für alle Beteiligten sinnstiftender, sich über einen wirklich langen Zeitraum in sie einzubringen, um sie mitgestalten zu können. Zeit spielt in der Oligoamory also immer eine Rolle. Eine Mehrfachbeziehung unter verbindlich-nachhaltigen Kriterien zu führen, heißt auch, sie schon beim Aufbau verbindlich und nachhaltig anzugehen und das benötigt genau wiederum Zeit.“
„Was nun aber deine Zweisamkeit hier angeht, mein Bester…“ Diesmal unterbrach ich sofort: „Die Wenigen, die in der Oligoamory angesprochen werden können auch bloß Zwei sein“, sagte ich. „Qualitative Beziehungsführung steht jedem gut, egal wie viele es sind. Ich würde in dem Fall sogar sagen, daß es schon richtig klasse wäre, wenn man demgemäß eine gute Beziehung nur mit sich selbst hätte…“ „Klingt nach einem aber…“ „Richtig, Du weißt doch, daß ich da mit Scott Peck und übrigens auch Gerald Hüther einer Meinung bin: Um wirklich weiter zu kommen, brauchen wir die Anderen! So schreibt Hüther zum Beispiel in seinem 2011 erschienen Buch ‚Wer wir sind und was wir sein könnten‘:
‚Wer sich also weiterentwickeln will, muss in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. Das ist das Geheimnis der Kunst des miteinander und aneinander Wachsens. Erreichen lässt sich dieses Kunststück aber nur durch die Wertschätzung der jeweils anderen als einzigartige Persönlichkeiten, als Quelle von Wissen und Erfahrung, sowie durch die Einführung einer Lern- und Fehlerkultur im gelebten Miteinander.‘

„Ok, ich habe verstanden. Oligoamory, das sind also die Wenigen – und das Wenige braucht Zeit zur Entfaltung.
Wie soll ich dazu aber dann diesen Stein, den Du mir gezeigt hast verstehen? Das ist doch eine ziemliche Monstrosität, meinst Du nicht? Was müßte man für ein Übermensch sein, um das alles zu erfüllen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es irgendwo eine lebendige Beziehung gibt, welche die dort aufgeführten Merkmale realisiert!“ sprach mein Gegenüber immer aufgebrachter.
„Moment, Moment!“, rief ich. „Du solltest den Stein diesbezüglich weder über- noch unterbewerten.“ „Was heißt das schon wieder?“ „Du hast den Stein doch gesehen“, sagte ich, „das ist ja nun nicht gerade eine pompöse Kultstätte, an der die Oligoamoren unter dramatischen Riten ihr Beziehungen darbringen. Ganz im Gegenteil: Es ist ein versteckter, beinahe schon kontemplativer Ort.
Ab und zu, wenn ein oligoamorer Mensch das Bedürfnis danach verspürt, begibt er, sie oder es sich in diesen privaten Raum, um innere Zwiesprache zu halten. Dabei geht es dann meistens um die Person selber, beispielsweise wenn sie ihre Verbindungen im Zusammenhang mit den Werten dort betrachtet, ob ihr eine bestimmte Beziehung jene Dinge noch erfüllt, ob alles in guten Anteilen enthalten ist, ob vielleicht etwas verändert werden könnte, und ob ein Zeitpunkt für Austausch und Kommunikation miteinander darüber gekommen ist – so etwa.“
„Ah, ich beginne zu verstehen…“ „So ‚übermenschlich‘ empfinde ich die Werte übrigens gar nicht. Zugegeben, wegen der Menge der Zeichen und Synonyme kommt es einem so gewaltig vor. Genau genommen ordnen sie sich aber um nur fünf Kernbereiche an, die ich jetzt mal grob ‚Verbindlichkeit, Berechtigung, Aufrichtigkeit, Identifikation und Nachhaltigkeit‚ nennen würde. Außerdem haben die Oligoamoren seit jeher das ‚menschliche Maß‘ sehr betont. Also in dem Sinne, daß ein Ideal als Leitstern wichtig ist, nach dem es sich stets zu streben lohnt – aber für das man keine Gefangenen macht, nicht einmal sich selber. Da hat dieser Gerald Hüther auch etwas zu geschrieben, warte mal:
‚Diese Potentiale konnten damals und können auch heute Menschen nur gemeinsam entfalten. Nicht in Gemeinschaften, die Ameisenstaaten, Horden oder Schwärmen ähneln, sondern in individualistischen Gemeinschaften, in denen es auf jedes einzelne Mitglied ankommt, wo jede*r Einzelne die in ihm angelegten besonderen Begabungen entfalten und mit seinen besonderen Fähigkeiten zur Entfaltung der in diesen Gemeinschaften verborgenen Potentiale beitragen kann.‘
Das ist für mich hinsichtlich der Oligoamory ein sehr schöner Gedanke. Individualistische Gemeinschaften. Da ist sichergestellt, daß auch die vielbeschworenen ‚Werte‘ für die beteiligten Menschen vom Inhalt her immer individuell zugänglich werden und bereichern. Erinnerst Du Dich: Die oligoamoren Schlüsselworte waren ‚Bedürfnisgerechtigkeit statt Verteilungsgerechtigkeit‚ “

„In Ordnung“, gab mein*e Freund*in zu, „ wenn Du es so darstellst, klingt es gleich viel wärmer und lebensnäher.
Ein- zwei Problemchen hätte ich aber trotzdem noch…“ „So? Na dann – Feuer frei!“
Du hattest ja schon viel dazu erklärt, warum ‚Polyamory‘ für Dich selber nicht mehr charakterisierend genug war und wo Du die Chancen der ‚Oligoamory‘ siehst. Dennoch berufst Du Dich dabei gleichzeitig auf zahlreiche Errungenschaften der Polyamory. Doch dabei, scheint mir, hast Du eine Menge über Bord geworfen. Was ist mit den dortigen Werten, die Du bisher noch gar nicht genannt hast, wie z.B. Kommunikation, Vertrauen, sowie der Freiheit von Kontrolle und besitzergreifendem Verhalten?“
„Da halte ich tatsächlich am stärksten gegen“, stellte ich fest, „ weil ich nichts davon als ‚Wert‘ im eigentlichen Sinne betrachte.“ „Wie bitte?“
Ja, das hast Du richtig gehört. Im Gegensatz zu Kriterien wie z.B. Transparenz, Einvernehmlichkeit oder Gleichberechtigung, denen trotz graduell unterschiedlicher Auslegung ein einigermaßen verbindlicher Inhalt zugeordnet wird, gilt das für ‚Kommunikation‘, ‚Vertrauen‘, sowie der ‚Freiheit von Kontrolle und besitzergreifendem Verhalten‘ nicht – diese Beschreibungen enthalten nämlich eine sehr große Bandbreite von damit einhergehenden Handlungsweisen. Ich möchte die Einzelpunkte auch gar nicht näher sezieren, denn meiner Meinung nach sind es keine fixen ‚Werte‘ sondern nichtsdestoweniger wichtige, flexible Stellgrößen. Und hinter den vier obigen Begriffen stecken eigentlich ’nur‘ zwei Stellgrößen, die beide auch für die Oligoamory bedeutsam sind: Kommunikation und Vertrautheit.“
„Das erklär‘ mir mal bitte genauer.“
Kommunikation ist da ein prima Beispiel: Kommunikation ist wichtig für jede Beziehung. Ohne Kommunikation bräuchten wir Gedankenlese-Rubine, die in unsere Stirn eingelassen sein müßten, wie Marshal Rosenberg, der Schöpfer der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘ augenzwinkernd sagte, um herauszubekommen, was im Anderen lebendig ist. Nur mit Kommunikation kann ich mich zeigen, nur mit Kommunikation kann ich die Anderen erleben. Es gibt also entsprechend stürmische Zeiten, in denen vermutlich eine Menge Kommunikation erforderlich ist – und es mag harmonische Zeiten geben, die mit sehr wenig auskommen. ‚Kommunikation‘ ist demgemäß wie ein Hebel oder ein Regler auf einer Skala. Überhaupt hat ‚Kommunikation‘ in dem Sinne sehr viel von einem Werkzeug, denn es ist umso dienlicher, je hochwertiger es ist. Das ist auch der Grund, warum soviele polyamore und gerade auch oligoamore Menschen sich ständig im guten Sprechen und im noch besseren Hören üben.“
„Und das mit dem Vertrauen ist also auch so ein ‚Regler‘?“
„Genau. Wenn Du sagst ‚Besitzanspruch‘ oder ‚Kontrolle‘ oder meinethalben sogar in Teilen ‚Eifersucht‘, dann liegt an der Wurzel all dieser Erscheinungsformen in den allermeisten Fällen ein Mangel an (wechselseitigem) Vertrauen. Vertrauen ist als ganz klar ein verstellbarer ‚Regler‘, weil das Verhalten der Beteiligten, ganz genau wie bei der Kommunikation, Einfluß auf den Punkt auf der Skala haben wird, an dem die Betroffenen miteinander stehen. So und jetzt kommt der oligoamore Faktor…“ „Och nö…“
„Oh ja. Denn Vertrauen (und gute Kommunikation genau genommen auch) ist abhängig von investierter und miteinander verbrachter Zeit. Ich muß dir an dieser Stelle vermutlich einen sehr langweilig klingenden Begriff sagen: ‚Vorhersagbarkeit’…“ „Puh….“ „Ja, puh, aber ‚Vorhersagbarkeit‘ ist für Menschen ein ganz wichtiges Ding, denn bedenke die Alternative.“ „Welche da wäre…?“ „’Unberechenbarkeit‘! Und das ist, was wir Menschen – zumindest in unseren Nahbeziehungen – gar nicht gut ertragen können (und was sogar erwiesenermaßen höchst ungesund ist).“
„Ok – aber was hat das jetzt mit unserem Thema zu tun?“
„Pass auf: Damit ‚Vertrauen‘ den beteiligten Parteien seinen Dienst erweisen kann, damit Besitzergreifung, Kontrolle oder Eifersucht nicht die Gewinner am Beziehungstisch werden, muß Zeit vergehen, in der die Menschen miteinander ‚Vorhersagbarkeit‘ und ‚Berechenbarkeit‘ erlangen. Genau dafür braucht es die ganz zu Anfang erwähnte Zeit. Und erst wenn aus einem gewissen Vorvertrauen berechenbare ‚Vertrautheit‚ entstanden ist, ist eine wirklich belastbare Beziehung entstanden. Unnötig zu sagen, daß dies kein statisches Ergebnis ist, sondern ein Prozess, der vermutlich immer mal wieder aufgesucht werden muß (was ich ja auch schon zum ‚Stein‚ sagte…)…“

„Gut“, mein Besuch stieß hörbar Luft aus. „Aber wenn das zutrifft, was Du mir bisher über Oligoamory erzählt hast und heute von der Insel gezeigt hast, dann könnten die Maßgaben der Oligoamory aber doch auf jedwede Kleingruppe von Menschen angewendet werden, die sich in einer gemeinschaftlichen Form im weitesten Sinne ‚verbunden‘ fühlen. Entfernung würde da keine Rolle spielen – und es würde irgendein gemeinsamer sinnstiftender Zweck als Grundlage ausreichen. Damit wäre Oligoamory doch auch auf kleine Interessengemeinschaften, Vereine, WG’s oder ähnliches anwendbar. Sogar auf Gruppen, die sich nur über das Internet kennen und überhaupt bloß auf diese Weise Kontakt halten…“
„Im Prinzip ja. Aber…“ „Ich wußte, daß es da auch ein ‚aber‘ geben würde…!“ „Aber“, lachte ich, „es heißt ja nicht ‚Oligo-Utility‘ sondern ‚Oligo-Amory‘. Jetzt haben wir so lange geredet, daß Du fast das Wichtigste aus den Augen verloren hast: Wir sprechen doch über emotionale, intime Beziehungen, von durch Liebe getragenen Verbindungen!
Von dem, was ich bisher weiß, würde ich darum sagen: Wenn von den Beteiligten eine tiefe emotionale Verbundenheit miteinander geteilt wird, dann entsteht eine buchstäbliche ‚Zugehörigen-Gemeinschaft‘, bei der es nicht länger bedeutungsstiftend ist, ob die darin befindlichen Verbindungen auch noch durch körperliche Intimität oder gar Sexualität unterstrichen werden. In so einer Gruppe ist Raum für z.B.den 80jährigen Großvater, genauso wie für asexuelle oder körperbehinderte Personen, natürlich auch für Kinder, für Menschen jeder Couleur, jeden Genders, jeder Berufung oder Begabung.
Ich würde sogar soweit gehen und sagen, daß, wenn diese tiefe wechselseitige emotionale Verbundenheit geteilt und gespürt wird, dies auch über Entfernung möglich ist, solange es den in einer solchen Verbindung Befindlichen jeweils zu ihrer vollen Zufriedenheit dienlich ist.
Ich glaube aber genau darum, daß dies niemals für unbegrenzt große Gruppen darstellbar ist, sondern eben auch einem übersichtlichem, menschlichen Maß gerecht werden sollte, ebenso wie dem für alle jederzeit noch erkennbaren ‚gemeinsamen Wir‘.
Diesbezüglich überlasse ich Gerald Hüther heute auch das Schlußwort:
‚Es gibt keine Freiheit ohne Verbundenheit. Aber Verbundenheit ist nicht Abhängigkeit. Wir Menschen sind in der Lage, unsere Beziehungen so zu gestalten, dass wir uns verbunden fühlen, ohne abhängig zu sein. Aber dazu müssten wir uns um die anderen kümmern oder zumindest bereit sein, all das, was wir haben, mit ihnen zu teilen. Unsere Nahrung, unseren Lebensraum, unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, unsere Erfahrung.‘
– und, möchte ich hinzufügen, unsere Liebe.“



Dank an Kyle Glenn auf unsplash.com für das Bild der Habitatsphäre

Eintrag 3

Der Stein der Oligoamoren

Eines Tages entdeckte ich, ungefähr in der Mitte der Insel, einen sehr großen, halbversunkenen und bereits etwas bewachsenen Stein. Dennoch waren auf ihm recht deutlich Worte und Zeichen der Einheimischen zu erkennen, die ich sofort neugierig zu entziffern begann. Dabei stellte ich fest, daß hier vielerlei Hände die Werte der Oligoamory zusammengetragen hatten. Unter den mir schon vom Archipel der Polyamory vertrauten Größen entdeckte ich zu meiner freudigen Überraschung allerdings sowohl bislang weniger vertraute Begriffe, als auch Vertiefungen, die ich so noch nie zuvor erblickt hatte.

Meine persönliche Übertragung der dort aufgefundenen Merkmale möchte ich hier mit Euch teilen:

1) Zuallererst blieb mein Blick an einem Symbol hängen, welches mir schon lange bekannt schien: „Ach, das ist ja ‚Verantwortung‘ “, dachte ich zunächst, „das kenne ich doch bereits vom sonst eher wenig reglementierten Kontinent der offenen Beziehungen…!“. Mit Verantwortung konnte ich etwas anfangen, war es doch in jeder non-monogamen Beziehung besonders wichtig, Verantwortung für das eigene Tun in Bezug auf weitere potentielle Partner*innen zu übernehmen. „Ja, sicher“, dachte ich, „eigene und fremde Grenzen achten, keine unnötigen Risiken eingehen – insbesondere bei Intimitäten mit verschiedenen Beteiligten – ist doch klar.“
Ich wollte mich schon dem nächsten Begriff zuwenden, als ich stutzte, denn irgendjemand hatte dem Symbol eine etwas verwitterte Glyphe zugefügt, so daß hier offensichtlich nicht nur Verantwortung gemeint war, sondern der Begriff zu „Verantwortlichkeit“ erweitert worden war. „Schau an“, erkannte ich, „da sind die Schöpfer dieses Steins ganz klar mit den Leuten vom Archipel der Polyamory verwandt. Nicht nur Veranwortung für sich selbst, wünschen sie, sondern eine Form ethisch selbstverpflichtender Verantwortlichkeit für das ganze Beziehungsgeflecht!“ Nun, auch das war mir als ehemaligem Bewohner des Archipels nicht gänzlich neu. Verantwortlichkeit bedeutete ja schließlich, sich selbst nicht aus der Gleichung zu nehmen, wenn es mal unangenehm wurde, sondern zu dem zu stehen, was Mensch angezettelt hatte. Und das eben auch für den erweiterten Bereich all jener Mehrfachbeziehungen, von denen Mensch ein Teil ist. „Ja, Verantwortlichkeit heißt eben auch, daß alle Beteiligten das große Ganze im Blick haben und ihren Beitrag daran“, lächelte ich, „clever, diese Polyamoren…“
Jetzt hatte ich mir das nächste Zeichen aber verdient!
Doch was soll ich sagen: Kaum wollte ich die Verantwortlichkeit abhaken, da erkannte ich, daß die oligoamoren Macher*innen dieses ausgeklügelten Monolithen mit einem weiteren kühnen Schlag ihres Meißels die Verantwortlichkeit zur „Verbindlichkeit“ gemacht hatten. Das war ja nun beinahe schon eine Metapher, indem so die Bindung des Individuums sowohl an die einzelnen beteiligten Menschen als auch an die Gesamt-Mehrfach-Beziehung betont wurde. Und natürlich klang darin auch die Selbstverpflichtung des vielzitierten „in guten wie in schlechten Zeiten“ wieder an.
Neben diesem nun doch überraschend komplexen Zeichen hatte ein/e andere/r Künstler*in das Zeichen für „Integrität“ gesetzt. Sollte dieses reichlich altmodische Emblem etwa eine Erklärung darstellen? Ich hatte diesen vordergründig unscheinbaren Zusatz mit diesem Gedanken beinahe abgetan, als mir siedenheiß einfiel, daß Integrität ja Handeln in fortwährend aufrechterhaltender Übereinstimmung mit dem persönlichen Wertesystem bedeutet. Innerlich dankte ich dem unbekannten Autor – und mußte gleich darauf lächeln – denn natürlich fand sich knapp daneben auch das Zeichen für „Verläßlichkeit“.

2) Nachdem der erste Begriff doch unerwartet vielfältig und bedeutungsreich ausgefallen war, wollte ich mich bei einem vermeintlich einfacheren etwas erholen. Darum freute ich mich, als ich das Wort „Konsens“ erkannte, der mir auch schon auf dem Kontinent der offenen Beziehungen begegnet war. Konsens war für den Aufbruch von Beziehungen in die Nicht-Monogamie das A und O – sonst wäre es ja eine Affäre oder irgendeine andere Heimlichkeit, wenn nicht alle Partner eine informierte Wahl bzw. Mitsprach auf Augenhöhe bei diesem wichtigen Öffnungsschritt hätten.
Aber meine Erfahrung mit dem mehrschichtigen ersten Zeichen ließ mich hier sofort genauer hinsehen. Und – tatsächlich – die Sigille für Konsens war von eindeutig polyamor geprägter Hand gleich auf „Berechtigung“, was sogar eventuell als „Gleichberechtigung“ gelesen werden konnte, ausgedehnt worden. „Folgerichtig…“, dachte ich, „…ethisch geführte Mehrfachbeziehungen räumen allen Beteiligten gleiche Rechte hinsichtlich persönlicher Entscheidungen, Ressourcenverteilung und Grenzen ein, da gab’s doch sogar mal so eine Art Charta zu… Darum ist ja in der Polyamory auch kaum Raum für ‚Don’t-ask-don’t-tell-Vereinbarungen¹‘, denn damit wird meistens zu sehr das Recht der allseitig informierten Wahl beschnitten. Berechtigung, ja, ganz wichtig, um gut für sich und mit seinen Lieben ebenbürtig verhandeln zu können…“
Gerade wollte ich mich von diesem vermeintlich gut verständlichen Begriff abwenden, als mir erneut einer dieser kühnen oligoamoren Zusätze auffiel, die unversehens dem Symbol die Bedeutung „Teilnahme“ beigefügt hatte. „Warum denn Teilnahme statt Teilhabe?“, grübelte ich, „wenn man dann schon (gleich)berechtigter Teil einer Mehrfachbeziehung ist, ist das doch wunderbar…?“ Da begriff ich, daß der Oligoamory die Möglichkeit rein passive Berechtigung oder Teilhabe wohl nicht ausreichte. Für die der Oligoamory zugrunde liegenden kleinen Beziehungsnetzwerke schien es sehr bedeutsam, wenn auch alle dort Beteiligten aktiv an der Beziehungsgestaltung teilnahmen – und somit auch von ihren unveräußerlichen Rechten mitgestaltend Gebrauch machten. Noch beim Niederschreiben erkannte ich den Sinn dahinter: Eine Beziehung, die alle daran Beteiligten repräsentieren soll und in der sich alle wohl fühlen wollen, muß auch von allen darin gestaltet werden.

3) Die Sonne war mittlerweile hoch gestiegen und ich erkannte, daß dieses oligoamore Vermächtnis mehr einhielt, als es oberflächlich dem Auge darbot. Ich beschloß, die Herausforderung anzunehmen und widmete mich dem Symbol für „Transparenz“. Transparenz konnte nur von den polyamoren Vorfahren der Insulanern auf den Stein gebracht worden sein, denn viele bloß offene Beziehungen kamen ohne dieses Merkmal aus. Für funktionierende Mehrfachbeziehungen hingegen war das Symbol so nachvollziehbar wie auch notwendig, denn wie hieß Transparenz ist ein für erstrebenswert gehaltener Zustand frei zugänglicher Informationen und stetiger Rechenschaft über Abläufe, Sachverhalte, Vorhaben und Entscheidungsprozesse. Kein Wunder, daß dem Symbol für Transparenz unmittelbar das Piktogramm für „Ehrlichkeit“ beigeordnet war.
Genau dort aber hatten nun die oligoamoren Nachfahren angesetzt und diese geradlinigen Zeichen mit weiteren Vertiefungen ergänzt. „Wahrhaftigkeit“, las ich da, „Offenheit“ und zusammengefaßt war das Ganze in „Aufrichtigkeit“. Ich mußte an die zahlreichen Bewohner des polyamoren Archipels denken, die stetig bemüht waren, ihren Partner*innen gegenüber so ehrlich wie nur möglich zu sein – und die zu diesem Zweck sogar die „Gewaltfreie Kommunikation“ bemühten, umso klar als möglich ihre eigenen Beweggründe und Bedürfnisse dabei darzulegen. Und natürlich wußte ich darum selber, wie schwierig es manchmal sein konnte, ungeschönt die (subjektive) Wahrheit hören zu müssen. Warum jetzt also die „Aufrichtigkeit“ als besondere oligoamore Tugend?
Da fiel mir die Geschichte der „Radikalen Ehrlichkeit“ ein, die in deutscher Übersetzung besser „Radikale Aufrichtigkeit“ heißen müsste, für die ein US-Amerikaner namens Dr. Brad Blanton eintrat. Gemäß dessen Philosophie wäre es notwendig, um unter Menschen Lügen und Manipulation aufzulösen, stets radikal aufrichtig zu sein: Sich also gänzlich unverstellt und ungeschönt mit allen Schwächen und Unzulänglichkeiten zu zeigen, ohne in Wort und Tat besser erscheinen zu wollen, als man es eigentlich meinen würde. Nur so – folgerte dieser Doktor – würde ein authentischer „Moment großer Klarheit“ entstehen, in dem Menschen einander wahrhaft erkennen könnten, und ob ihre Gegenüber wirklich zu einem wechselseitigen Beitragen bereit wären.
Für die Bildung oligoamorer Nahbeziehungen war dies ganz offensichtlich ein so entscheidende Erkenntnis, die über bloße „Ehrlichkeit“ hinausging, daß es den Schöpfer*innen dieses Steins ein eigenes Zeichen wert war.

4) An dieser Stelle wurde ich von einer Stelle auf dem Stein abgelenkt, an der den Künstler*innen wohl tatsächlich ein Fehler unterlaufen war. Denn ich entdeckte ein Symbol, welches auf den ersten Blick mit dem Zeichen für „Treue“ identisch war. Mittlerweile hätte ich die oligoamoren Handwerker*innen aber besser kennen sollen, denn ich brauchte nicht einmal eine Lupe, um bei näherem Besehen zu erkennen, daß da in Wirklichkeit „Loyalität“ zu sehen war. Für mich selber gebe ich zu, daß ich den Begriff der Treue eigentlich ganz gern mag, denn das ehemals mittelhochdeutsche Wort, welches auch „sicher sein“, „vertrauen“ und „wagen“ bedeutete, ist ja nicht der Mononormativität vorbehalten. Treu sein kann man sich z.B. selbst, verschiedenen Idealen und darum natürlich auch mehreren lieben Menschen zugleich. Daß die Schöpfer*innen der Bildzeichen aber fehlerhafte Zuordnung vermeiden wollten, konnte ich nachvollziehen, verstehen doch derzeit noch allzu viele Menschen unter „Treue“ schnell so etwas wie „Eheknast lebenslänglich“ – und das meinten unsere Vorfahren mit dem Wort ganz sicher nicht.
Nun also „Loyalität“, da zitiere ich Wikipedia, denn ich kann es selbst nicht besser sagen: „[…] bezeichnet die auf gemeinsamen moralischen Maximen basierende oder von einem Vernunftinteresse geleitete innere Verbundenheit und deren Ausdruck im Verhalten gegenüber einer Person, Gruppe oder Gemeinschaft. Loyalität bedeutet, im Interesse eines gemeinsamen höheren Zieles, die Werte (und Ideologie) des Anderen zu teilen und zu vertreten bzw. diese auch dann zu vertreten, wenn man sie nicht vollumfänglich teilt, solange dies der Bewahrung des gemeinsam vertretenen höheren Zieles dient. Loyalität zeigt sich sowohl im Verhalten gegenüber demjenigen, dem man loyal verbunden ist, als auch Dritten gegenüber.“ Da verwunderte es mich nicht mehr, daß die oligoamoren Urheber*innen, denen das „gemeinsame Wir“ so wichtig war, daß sie es zu ihrem wichtigsten Merkmal erhoben, dieser Stelle auch noch mit den Symbolen für „Einlassung“ und „Identifikation“ schmückten.

5) Als ich nach einem kurzen Päuschen im Schatten am Fuße des Steins erwachte, hatte ich meinen Rücken gegen ein weiteres Zeichen gelehnt, welches mich schmunzeln ließ, da es mir in dieser idyllischen Umgebung in seiner scheinbaren Neuzeitlichkeit hier geradezu unpassend erschien. „Guck an“, amüsierte ich mich, „da wollten die alten Oligoamoren auch mal modern erscheinen….“ Indessen erkannte ich augenblicklich, daß das von mir bespöttelte Zeichen für „Nachhaltigkeit“ schon genauso lange auf dem Stein sein mußte, wie all die anderen auch – daß es aber mit Nachdruck an dieser wichtigen Stelle, quasi der Basis des Steins, angebracht worden war. Trotzdem hatte in jüngere Zeit wohl irgendein kluger Mensch ein komplexes – und tatsächlich neues – Bild als Erklärung danebengesetzt. Aber was sollten denn nun auch noch die drei Komponenten der Nachhaltigkeit „Konsistenz“, „Effizienz“ und „Suffizienz“ mit menschlichen Mehrfachbeziehungen zu tun haben? Wir waren doch keine Recyclingverpackungen…

Als ich auf diese Dreiecksanordnung blickte, fiel es mir endlich wie Schuppen von den Augen. „Aber natürlich!“ Selbstverständlich wünschten sich die Vertreter*innen der Oligoamory, daß ihre Beziehungen konsistent, also sowohl dauerhaft als auch (werte- und personen-)beständig waren. Darum gab es ja sogar in der Polyamorie oftmals das Streben nach Langfristigkeit.
Zugleich sollten oligoamore Beziehungen aber auch für die daran Beteiligten effizient sein. Damit war nicht weniger gemeint, als daß die Beziehungen den Menschen darin dienlich sein sollten, geeignet für alle Beteiligte, und förderlich, sich nach ihren jeweils individuellen Potentialen entfalten und ergänzen zu können.
Und suffizient sollten sie sein – wie hätte ich das jemals unter dem Symbol der endlichen und offenen Doppelspirale im Herzen der Oligoamory vergessen können – weil die Beziehungen zufriedenstellend und (selbst)genügsam sein sollten, also eben gerade nicht unendlich oder beliebig, sondern menschlichen Maßen von Überschaubarkeit und Vertrautheit angemessen.

Abendliches Licht hatte den Platz rund um den Stein eingehüllt und verlieh damit dem Ort fast so etwas wie eine besondere Kraft. Als ich meine Ausrüstung zusammenpackte und einen letzten Blick auf den Stein warf, fiel mir etwas ein, was vor langer Zeit ein Mann namens Scott Peck in seinem Buch „A Different Drum“ über Gemeinschaftsbildung gesagt hatte:

„Es ist wahr, daß wir zur Ganzheit aufgerufen sind, Aber es ist ebenso wahr, daß wir nie völlig heil werden können in uns selbst und durch uns selbst. Wir können nicht alles für uns und andere sein. […]
Es ist zwar wahr, daß wir dazu geschaffen sind, als Einzelne einmalig zu sein.
Wir sind jedoch auch soziale Wesen, die sich gegenseitig nötig brauchen, nicht nur als Versorger, nicht nur zur Gesellschaft, sondern damit unser Leben sinnvoll ist. […]
Wenn wir soweit gekommen sind, den sehr unterschiedlichen Stil der anderen als Geschenk zu schätzen, fangen wir allmählich an, die Begabungen der anderen bis zu einem gewissen Grad zu verinnerlichen. […] Das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht zuerst mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertig geworden wären und wir nicht unsere gegenseitige Abhängigkeit erkannt hätten. […]
Es ist diese Art von sanftem Individualismus, die unsere Abhängigkeit voneinander anerkennt, nicht nur intellektuell, sondern tief in unserem Herzen.“


Fußnote
¹Don’t-ask-don’t-tell: zu deutsch etwa „Frag nicht, sag nicht[s]“: intransparente Beziehungsvereinbarung, bei der die beteiligten Parteien festlegen, einander weder bezüglich Details weitere Partner*innen betreffend zu befragen noch zu informieren.

Dank geht an die freundliche Genehmigung von Prof. Dr. Bernd Siebenhüner zur Nutzung der „Nachhaltigkeitsgrafik“;
sowie an den User darf-nicht-mehr-hochladen auf pixabay für das Bild des Steins.

Eintrag 2

Rückantwort an das Archipel der Polyamory

Liebe*r Freund*in,

Du fragtest mich, warum ich das vielgestaltige Archipel der Polyamory für ein bislang unbekanntes Eiland verlassen habe.
Zunächst einmal möchte ich Dich beruhigen, indem ich ja nicht aus der Welt bin, da meine neue Wirkungsstätte – entlegen wie sie auch sein mag – doch Teil Deines Archipels ist und bleibt.
Gleichzeitig möchte ich Dir ausführlich Antwort auf Deine Frage geben, da diese Angelegenheit für mich natürlich ebenfalls erhebliche Bedeutung hat:

Abgesehen von der mittlerweile etwas inflationären Anwendung des Begriffs „Polyamory“ auf doch recht unterschiedliche Erscheinungsformen und Lebensweisen von Mehrfachbeziehungen (was ich in Eintrag 1 kurz skizzierte), sind aus meiner Sicht auch dem polyamoren Kernbereich selber im 21. Jahrhundert vor allem drei problematische Aspekte entsprossen, die für Beziehungsmenschen meiner Art gegenwärtig regelmäßig wiederkehrende Stolpersteine dieser gesamten Beziehungsphilosophie darstellen.
Und diese neuralgischen Punkte hängen dabei auf gewisse Weise sogar miteinander zusammen.

1) Sexualität als wichtigstes gemeinschaftsstiftendes Hauptinteresse:
Diesem Absatz muß ich zuvor schicken, daß ich keineswegs „sexnegativ“ bin – ich selber schätze, genieße und praktiziere Sexualität in mancherlei Formen, und insbesondere meine Hochsensibilität läßt mich dabei regelmäßig grandiose Höhenflüge mit meinen Lieblingsmenschen erleben.
Was mich hinsichtlich der Polyamory aber immer wieder irritiert, ist die selbst in ernstzunehmenden Foren und Fachaufsätzen regelmäßig beschworene Betonung von gelebter Sexualität als essentiellen und unveräußerlichen Bestandteil der polyamoren Lebensweise.
Diese Betonung wird insbesondere meist dann besonders hervorgehoben, wenn die wichtige Rolle polyamorer Denkweise und Lebensart hinsichtlich der individuellen sexuellen Befreiung und der anhängigen Relevanz von diesbezüglichem moralischen Nonkonformismus Nachdruck verliehen werden soll. Diese Relevanz, die also genau genommen ein soziopolitisches wie kulturpolitisches Argument aus den Wurzeln des Feminismus wie auch der „Freien-Liebe-Bewegung“ ist, kann aus meiner Sicht in gelebter Anwendung in sich anbahnenden Liebesbeziehungen jedoch zu Verwicklungen führen.
Einmal ganz platt darin, indem „Poly-Amory“ als „Viele-Lieben“ dann als „Mit-Vielen-Liebe-machen“ mehr im Sinne von Promiskuität vor allem quantitativ ausgelebt wird.
Was wiederum in etwas abgeschwächter Form dazu führen kann, daß Sexualität in der Polyamory dann zum wichtigsten „gemeinschaftsstiftenden Hauptinteresse“ geraten kann, was in Folge so gewissermaßen als früh initiierter „Türöffner“ bzw. „Kompatibilitätstest“ auf potentielle Liebespartner*innen angewendet werden könnte.
Wiewohl ich ja selber oben erwähnte, daß gemeinschaftliche Sexualität etwas sehr schönes und bereicherndes sein kann, besteht für mich auf diese Weise das Risiko, daß auch das partnerschaftliche Interesse dann oft nicht weiter gehen wird als bis auf die rein sexuelle Ebene. Und selbst wenn dies für alle beteiligten Parteien völlig in Ordnung ist, habe ich damit trotzdem folgende zwei Probleme:
a) Für serielle bzw. parallel sexuelle Verbindungen ohne zusätzliche Beziehungsdimensionen braucht es keine (pseudo-)Legitimation durch eine so komplexe Beziehungsphilosophie, wie Polyamory es sein kann. Offene Beziehungen, Swinger-Arrangements, und Gelegenheits-Dating decken diesen Bereich bereits seit Jahrzehnten etabliert ab – also nennt die Dinge doch bitte bei ihrem richtigen Namen.
Sexualität als Hauptmerkmal der Polyamorie hervorzukehren, sorgt indessen vor allem für fragwürdige mediale Aufmerksamkeit – und dortige anhaltende Begriffsvermischung.
b) In einem solchen Arrangement kompartmentalisiere ich genau genommen meine Partner*innen, indem ich sie auf ihre sexuellen Aspekte reduziere. Womit ich also nicht mehr die Person als Ganzes anspreche. Dadurch erhöht sich meiner Meinung nach die Gefahr von Serialität bzw. Austauschbarkeit, wenn z.B. Attraktivität oder Leistung nachlassen, da die Beziehung eben vor allem auf diesem Teilzweck aufbaut. Und dies wäre für mich ein höchst unethischer Umgang mit meinen etwaigen Partner*innen – und ich selbst möchte natürlich ebenfalls von meinen Lieblingsmenschen keinesfalls so gesehen oder gar behandelt werden wollen.

2) Bedingungslosigkeit und Bedürfnislosigkeit:
Selbst die Wikipedia-Artikel nennen derzeit „nicht-besitzergreifendes Verhalten“ als günstige Grundvoraussetzung einer funktionierenden polyamoren Lebensweise. Dies wird allerdings oftmals mit „Un-Bedingtheit“ (meist der Liebe) gleichgesetzt. Diese Bedingungslosigkeit wird dabei regelmäßig auch mit den Begriffen „Freiheit von (wechselseitigen) Ansprüchen/Erwartungen“ oder „Bedürfnislosigkeit“ paraphrasiert.
Insbesondere polyamore Kreise, die sich mit politischer „Freier Liebe“, spiritueller „Universeller Liebe“ oder – wie unter 1) dargestellt – mit Pan- bzw. Polysexualität beschäftigen, betonen diese Maximen ganz besonders. Dabei wird meist als Begründung angeführt, daß erst wenn ein Mensch jenseits seiner sämtlichen Vor-Urteile, Ansprüche und Bedürfnisse gelangt wäre, er/sie zu einer wirklich entwickelten Form der Viel- bzw. All-Liebe (zu jedwedem Geschöpf) fähig wäre.
Dieses Postulat ist für mich aus meiner oligoamoren Sicht, selbst als Idealist, der ich bin, zutiefst un-menschlich. Mir scheint dadurch nämlich die polyamore Wurst so hoch gehängt zu werden, daß sie zum einen lediglich einer kleinen Elite vorbehalten wird (die auch gerne noch nachschickt, daß man zum „echten Poly“ nur geboren wird) – und zum anderen sich wir Übrigen regelmäßig als „unreif“, „nicht weit genug“, „unterentwickelt“ oder „scheiternd“ erleben müssen. Und das ist für mich kaum eine liebevolle Grundhaltung. Auch hier möchte ich weder meine Partner*innen so sehen, noch von ihnen nach solchen Maßstäben bewertet werden.
Was mich dabei jedoch am meisten nachdenklich macht ist, daß hier ein Ideal formuliert wird, dem wir Menschen von unserem eigentlichen Wesen her nicht gerecht werden können : Soll ich wirklich alles und alle (partnerschaftlich) lieben können? Ist es dann beliebig, mit wem oder was ich mich in Beziehung begeben kann – oder will?
Ich sage: Als Menschen sind wir Individuen mit einzigartigen Grundvoraussetzungen, kombiniert mit einer jeweils einzigartigen Biographie. Beides hat uns zu dem gemacht, was wir hier und jetzt gerade sind. Genau diese Einzigartigkeiten machen meine (potentiellen) Partner*innen für mich anziehend – und ich bin es wegen meiner Eigenheiten hoffentlich für sie… – eben darum liebe ich sie und wünsche mir mit ihnen enge Beziehungen. Ihre und meine Liebe knüpft also direkt an unsere Einzigartigkeiten, Eigenheiten und Ausprägungen an, denn gerade das macht uns Menschen wechselseitig interessant und bereichernd.
Aber selbstverständlich haben wir Menschen genau wegen unserer biologischen und biographischen Unterschiede auch exakt jene unterschiedlichen Präferenzen, daß für uns bestimmte Einzigartigkeiten, Eigenheiten und Ausprägungen attraktiv erscheinen. Wodurch es genau nicht beliebig, frei oder universell ist, wer oder was zu unserem Wohlbefinden beiträgt. Sondern zutiefst menschlich, wenn wir Bedürfnisse, Wünsche und auch Ansprüche hinsichtlich dem haben, was sich exakt die besonderen Personen in unseren selbstgewählten Beziehungsgemeinschaften wechselseitig erfüllen wollen.
Ein Anspruch auf Anspruchslosigkeit hingegen, der sowohl unsere Biologie negiert als auch unser Biographie marginalisiert, entlarvt sich für mich als Widerspruch in sich.

3) Pokémon-Poly und die Unendlichkeit der Liebe(n):
Last but not least habe ich aktuell den Eindruck, daß die Polyamory von manchen ihrer Anhänger*innen zu stark als Modell einer „zeitgemäßen Beziehungsform“ propagiert wird. Die dabei starke Betonung des sexuell- wie bindungsanspruchs-befreiten Individuums hat dabei zu der seltsamen Erscheinungsform der „Pokémon-Polyamorie“ geführt, wozu vermutlich unsere Lebensweise mit Paradigmen einer westlichen Industrienation, wie u.a. betonte Eigenständigkeit, Ideal einer Leistungsgesellschaft, substantielles Arbeitsnomaden- und Singletum, beigetragen haben.
So wird dieser zunächst etwas putzig klingende Modus dann auch vor allem – aber nicht nur – von Solopolys¹ gelebt, die dafür häufig als polyamore bzw. beziehungsanarchistische² Begründung anbieten, daß nach freiheitlich-aufgeklärtem Verständnis „…ein einziger Beziehungsmensch für alle evtl. bestehenden oder aufkommenden Wünsche und Bedürfnisse eines anderen Individuums gar nicht geeignet/in der Lage/zu belangen sei.“
Die Lösung gemäß dieser Doktrin besteht dann häufig darin, sehr individuell und freiheitlich-aufgeklärt alsdann jeweils ein*e Partner*in für jedes mögliche anfallende Bedürfnis anzunehmen – und sich in diesen Beziehungen dann jeweils mit dem entsprechenden Menschen (nur) nach situativer Befähigung zu verbinden: Shoppen mit René, Sex mit Lou, Kultur mit Alex, Workshops mit Fritzi, Kitesurfen mit Micky und Kochen mit Jojo, etc….
Meiner Meinung nach ist ein solches Vorgehen weder besonders polyamor, noch sehr aufgeklärt – oder gar zukunftsfähig. Ich empfinde es vor allem als egozentriert und den Partnern als ganzen Menschen gegenüber ungerecht. Denn auch hier liegt wieder die Kompartmentalisierung und Zweckreduzierung vor, die ich schon in 1) bemängelte: Es wird nicht der ganze Mensch mit seinen Stärken und Schwächen gesehen, wohl auch nicht gewollt – und sicher keinesfalls erwünscht oder geliebt. So werden Menschen zu (wechselseitigen) Bedürfniserfüllmaschinen.
Da wird mir himmelangst vor solcher „Poly-Amory“, weil ich befürchte, daß wir dabei irgendwann die Menschen, die aus irgendwelchen Gründen ihren designierten Zweck nicht mehr erfüllen wollen oder können, in die Wüste jagen. Und was würde uns selbst wohl widerfahren, sollten wir selber einmal krank, behindert oder alt werden? Wieviel Liebe ist dann für uns in diesem Modell noch drin?

Nein, liebe*r Freund*in. Dies alles sind Gründe, bei denen ich nicht möchte, daß sie einmal Teil meines Nachrufs sind, wenn ich dereinst alt und vereinsamt abtrete, weil ich Menschen unter polyamorer Flagge vorwiegend als Sexobjekte, arbiträre Wesen oder Wunscherfüller*innen betrachtet habe.
Darum habe ich Segel gesetzt hin zu jenem Eiland der Oligoamory, weil mir diesbezüglich das „Viele-Lieben“ zu beliebig zu werden droht.
Und hier hoffe ich, mit den Wenigen, die sich ob meiner sämtlichen Eigenheiten auf mich einzulassen bereit sind, verbindlich-nachhaltige Beziehungen aufzubauen, auf daß wir einander Zugehörige und vielleicht sogar Soultribe werden.

Mit dem Versprechen, Dir regelmäßig zu schreiben, grüßt Dich Dein Freund


Oligotropos

PS: Auf die Frage, ob ich/wir unbedingt noch einen weiteren Begriff benötigen, um Mehrfachbeziehungen zu beschreiben, werde ich als Expeditionsleiter dieser Entdeckungsreise selbstverständlich mit „JA!“ antworten.
Den oft damit implizierten Vorwurf, daß so bloß eine weitere „Schublade“ erschaffen würde, halte ich – wie stets in einem solchen Fall – entgegen, daß ein Begriff immer erst einmal nur ein Begriff ist, und das eine sg. „Schublade“ erst durch die Kombination von Begriff plus Bewertung (meist einer negativen) entsteht.
Begriffe selber unterstützen meiner Ansicht nach indessen meistens gute Kommunikation, mit dem Ziel, daß Menschen sich beschreiben und verständigen können – indem sie damit z.B. eine individuelle Ausgangsposition skizzieren. Und danach weiter miteinander sprechen sollten Menschen dann ja trotzdem, um wirklich ein wechselseitiges Verstehen zu bewirken.
So könnte ein Mensch nun z.B. sagen: „Ich wünsche mir für mich persönlich, enge oligoamore Beziehungen zu führen. Oligoamory gehört dem Bereich der polyamoren und transparenten Mehrfachbeziehungen an, die wiederum im weitesten Sinne eine Form von offener Beziehung darstellen.“





Fußnoten:
¹ Solopoly: Ein polyamorer Mensch, der zwar alleine lebt, dabei aber gleichzeitig Teil von Mehrfachbeziehungen sein kann.
² Beziehungsanarchie: Eine Form von Mehrfachbeziehung, in der alle anhängigen Partner*innen bzw. Beziehungen keine Rangfolge oder Gewichtung haben, sondern gleichwertig nebeneinander existieren.



Danke an Joanna Kosinska auf unsplash.com für das Foto!

Eintrag 1

Wie es dazu kam, daß ich mich aufmachte, das entlegene Eiland zu entdecken:

Meine vorherige Ehe wurde von meinen damaligen Freunden und Bekannten stets als „Offene Beziehung“ bezeichnet – eine Beschreibung, mit der sich meine damalige Frau und ich niemals als zutreffend beschrieben wohlfühlten.
Wir hatten kurz vor Ende des letzten Jahrtausends, wenige Jahre bevor wir dann 2002 heirateten, „lediglich“ – und zugegeben, vermutlich etwas naiv – miteinander ausgemacht, daß niemals einer von uns beiden eine weitere sexuelle Begegnung außerhalb unserer Beziehung mit jemand anderem erleben sollte, für den man nicht wahrhafte Zuneigung und Gefühle empfand (!).
Ja, Ihr da draußen habt richtig gelesen. Während viele Paare in „Offenen Beziehungen“ ebenfalls wohl die Vereinbarung haben, weitere sexuelle Begegnungen zuzulassen, wird dort häufig gerade das Heraushalten von Zuneigung bzw. Liebe ebenfalls festgelegt, um die Bestandsbeziehung zu sichern – und wir beide hielten es damals genau genommen nahezu umgekehrt.

Diese gewissermaßen antithetische Übereinkunft funktionierte für uns über ein Jahrzehnt gut bis…, ja, bis aus den zugelassenen Gefühlen und der Zuneigung eines Tages unversehens ein Wunsch nach einer echten weiteren Nahbeziehung im Raum stand.
Die geneigten Leser*innen mag es eventuell verwundern, da diese Folge beim heutigen darüber Nachsinnen sich doch als recht logische Konsequenz einer solchen Haltung darstellen mag. Wir jedoch hatten nie irgendein Vorgehen, einen B-Plan für genau diesen Moment überlegt, wenn aus den Empfindungen für einen weiteren lieben Menschen ein weiterer vollwertiger Beziehungswunsch entstehen würde…
Sämtliche Beteiligte fielen buchstäblich aus allen rosa Wolken.

Dementsprechend versuchten wir von da an etwa ein Jahr lang zu dritt (also gut, zu fünft, wenn man die Kinder mitzählt), gewissermaßen im „Heimwerkermodus“, mit Verständnis, Humor, und Mitgefühl eine Herangehensweise an dieses vermeintlich konventionslose neue Miteinander hinsichtlich veränderter Konfigurationen an Tisch und Bett zu finden.
Erst einige Zeit später gerieten wir – quasi durch eine Zufallsempfehlung – an das Buch „More Than Two – A Practical Guide to Ethical Polyamory“ von Eve Rickert und Franklin Veaux. Und diese 480-Seiten starke Abhandlung wurde quasi unsere erste wirkliche Grundlage – wenn man so will eine erste Landkarte – hin zu einem echten Verständnis der Bedeutung und der Auswirkungen von Mehrfachbeziehungen, insbesondere betreffs der daran Beteiligten.
Dadurch ergaben sich aber auch letztendlich Kriterien bezüglich der Bedürfnisse und Ansprüche eben jener Beteiligten an die Substanz dieser der Polyamory anhängigen Beziehungsphilosophie und der angestrebten eigenen Lebensweise selbst.

Am Ende trug unser selbstgezimmertes Floß darum dann auch nur noch zwei von uns (und nicht die Stammbesatzung!) vom altweltlichen Gestade der Monoamory zu dem vielgestaltigen Archipel der Polyamory hinüber, mit Landkarte und viel Idealismus im Gepäck.
Meine Hoffnung, daß meine Suchwanderung hier alsbald ihr ersehntes Ziel finden würde, erwies sich allerdings als verfrüht. Dabei erschien das neue Land zunächst weit und frei und voller spannender Bewohner*innen, deren Gepflogenheiten wir uns mit Eifer anzupassen suchten.
Dies geschah über rege Teilnahme an netzseitigen Foren zum Thema, über den Besuch von Stammtischen mit Einheimischen – und natürlich auch mit dem gezielten Eingehen einiger weniger Liebesbeziehungen mit jenen (den Einheimischen, nicht den Stammtischen).
Sogar das erstaunliche Atoll der Beziehungsanarchie nahmen wir dabei anfänglich mit Ehrfurcht zur Kenntnis und wagten sogar einige Schritte auf seiner eigentümlich egalitären Oberfläche.

Indessen: Nach beinahe drei Jahren intensiver Forschungsarbeit hatte sich in meinem kleinen Expeditionscorps Unruhe und Verwirrung ausgebreitet. Denn als ob ein zürnender Amor die Sprachen der polyamor Lebenden verwirrt und verstreut hätte, wollte sich keine beständige Basis für die dazugehörige Lebensweise etablieren lassen.

So gab es dort etwa Liebende, die wie in einer geschlossenen Ehe zu Mehreren lebten. Etliche Menschen sahen sich hingegen als Teile weitverzweigter und offener Beziehungsnetzwerke an. Einige wiederum lebten jedoch nahezu ausschließlich allein und verbanden sich mit jeweils ausgewählten Partner*innen nur auf Festivals, Seminaren oder an besonders gestalteten Wochenenden. Teilweise wurde dazu die unbedingte Deckungsgleichheit mit freier oder universeller Liebe postuliert. Andere Polyamoristen schienen indessen etwas zu leben, was Swingen nicht unähnlich war, und eine Anzahl führte sogar serielle oder parallele Affären im Namen der Viel-Liebe, und überhaupt schien die Betonung persönlicher sexueller Aspekte und Freiheiten vielerorts im Vordergrund zu stehen.
Aber dem ungeachtet nannten sich alle stolz Praktizierende der Lebensweise „Polyamory“ – und behaupteten dies besonders vehement und laut in Abgrenzung zu ihren nächsten Nachbarn, die mit entsprechender Leidenschaftlichkeit exakt das Gleiche wiederum für sich in Anspruch nahmen…

Die überall hervortretenden Meinungsverschiedenheiten schienen dadurch die verheißenen Merkmale von Transparenz, Verantwortung und Verbindlichkeit, durch die auch ich einst motiviert zu dem Archipel der Polyamorie aufgebrochen war, auf jederzeit verhandelbare Fußnoten zu reduzieren.

Zu diesem Zeitpunkt erkannte ich, daß ich eben nicht nur als Forscher, sondern selbst auch als Suchender gekommen war, mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen daran, was ich an Mehrwert für mich in polyamoren Beziehungen zu finden hoffte.
Was mir aber besonders deutlich wurde war das Dilemma, daß der bloße Begriff der Polyamorie zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Nutzer*innen nicht mehr konsistent verwendet wurde – und also auch nicht mehr in der Kommunikation zum Zusammenfinden Gleichgesinnter und zur Gemeinschaftsbildung taugte.

Was war zu tun?
Sich mit „Mission Impossible“ zufriedengeben und im Ungefähren mit Kompromissen einrichten? Ruhelos wanderte mein Fernglas über den vielgestaltigen Archipel, der auf einmal so unwirtlich und zerklüftet erschien. Sollte es…?

Doch dort, am äußersten Ende des Archipel, kaum sichtbar, in flimmernde Ferne entrückt, war da nicht doch noch ein weiteres Eiland, nominell dem Archipel zuzuordnen – und doch in seiner Ausprägung eigenständig? Mit einer streng wirkenden Küstenlinie – jedoch üppig grünendem, höchst lebendig erscheinendem Inneren…?
Ein Eiland, welches noch so ursprünglich wähnte, als wäre es bislang noch von keiner sauren Quelle der Begriffsverwässerung getrübt worden.

Mein Entschluß stand umgehend fest. Mit einem kleinen Boot wagten eine einzige Begleiterin und ich die ungewisse Überfahrt. Doch glücklich knirschte schließlich rauh der Kies des Strandes unter unserem Kiel.
Und so setzte ich endlich meinen Fuß in dieses neue Land.
Als ich dabei die mitgebrachte Herzflagge mit der blauen Doppelspirale entrollte, meinte ich in der Weite des blühenden Landesinneren einige wenige menschliche Silhouetten von Mitgliedern des hiesigen Stammes wahrzunehmen. Die kurze Erscheinung dieser ausgewählt Wenigen war es, die mir in jenem Moment den Namen des kleinen Eilandes eingab – und so sprach ich, die Insel betretend:
„Ich nenne Dich OLIGOAMORY!“





(Dank an Ken Suarez auf unsplash.com für das Bild der Insel!)