Eintrag 36 #Eifersucht

Eifersucht – eine Annäherung

Du mit Deiner ewigen Eifersucht…! “, so klingt es. „Du hast doch Komplexe! “.
Und überhaupt: „Überkommene bürgerliche Ressentiments...“, seien das – und darum wird der eifersüchtigen Person obendrauf noch mit einem ironischen Augenzwinkern das Sprüchlein „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht was Leiden schafft “ serviert.
Aber auch in Kreisen der vermeintlich so empathischen und gut aufgeklärten ethischen Mehrfachbeziehungen heißt es schnell: „Arbeite mal an Deiner Eifersucht ( = damit wir anderen unbehelligt weiter machen können wie bisher)!“. Oder das Königsargument jeder Küchentischpsychologie wird ins Feld geführt: „Das Problem sei bei der Person zu belassen, die das Problem hat ( = damit der Rest des Beziehungsnetzwerks unbehelligt weiter machen kann wie bisher).“
Auweia!
Das ist alles wenig friedvoll, größtenteils unzutreffend und die übrigen Körnchen Wahrheit, die darin noch enthalten sind, sind so verdreht wiedergegeben, daß sie in so einem Fall kaum noch hilfreich geraten werden. Was aber ganz sicher deutlich wird ist, daß Eifersucht ein Thema ist, wo Emotionen und Gefühle auf allen Seiten schnell eskalieren – und wo es darum gar nicht so einfach ist, einen Pfad durch den verfilzten Dschungel aus eilfertigen Diagnosen und kategorischen Schuldzuschreibungen zu bahnen.

Durchatmen.
Meiner bisherigen Lebenserfahrung nach gibt es „die Eifersucht“ per se nicht. Eifersucht ist so individuell und unterschiedlich, wie die Menschen, die davon geplagt werden. Geplagt werden, sage ich – ebenfalls nach meiner bisherigen Lebenserfahrung – denn ich habe auch noch nie irgendeine Person getroffen, die wirklich „gerne“ eifersüchtig ist. Und leider auch mit letzterem Vorwurf werden die Betroffenen ja ebenfalls regelmäßig konfrontiert: Eifersüchtige würden ihre Eifersucht geradezu mit Genuß „instrumentieren“, um anderen Menschen „alles“ kaputt zu machen.
Schon ein Blick in die deutschsprachige Wikipedia läßt dies unwahrscheinlich werden:
Eifersucht beschreibt eine schmerzhafte Emotion, die innerhalb einer Partnerschaft, Familie oder Freundschaftsbeziehung entstehen kann; und zwar dann, wenn man empfindet, eine Zuneigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respektsbezeugung vom Partner, von der Bezugsperson oder einem anderen geschätzten Menschen nicht oder nur unzureichend bekommen zu haben.“, heißt es da.

Nun höre ich bereits, wie sich die von der Eifersucht vermeintlich bedrängte/beengte/eingeschränkte Seite zum Gegenschlag bereit macht: Da stünde doch eindeutig „wenn man empfindet, eine Zuneigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respektsbezeugung vom Partner, von der Bezugsperson oder einem anderen geschätzten Menschen nicht oder nur unzureichend bekommen zu haben“. Womit doch erwiesen sei, daß es sich um eine bloße „Empfindung“ – also eine rein subjektive Einschätzung handeln würde. Und überhaupt: Das sei ja ein ganz schön heftiges Anspruchsdenken, wenn andere Menschen für die ausreichende Versorgung mit „Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respekt“ solcherart in Beschlag genommen würden. Die betroffene Person solle mal an ihrem Selbstwert arbeiten.

Durchatmen.
So brauchbar geraten ich den Wikipedia-Eintrag zum Thema Eifersucht insgesamt ansehe, so scheint auch dieser in einem wichtigen Aspekt in meinen Augen zu kurz zu greifen. Wenn man sich den übrigen Artikel (wie so viele andere Beiträge zu dem Thema auch) nämlich durchliest, dann ist die dortige Beschreibung insgesamt sehr dem Präsens (der Gegenwart) verhaftet. „[Eifersucht] entsteht durch das Empfinden einer Vertrautheit zwischen dem Partner und einer dritten Person, die die eifersüchtige Person ausschließt“, ist da zu lesen, sowie „Eifersucht setzt ein Subjekt und zwei Objekte voraus: das Objekt des „Anspruches“ auf Liebe oder der Verlustangst (den Partner) und das Objekt der Eifersucht, welches die Zweierbeziehung als „Eindringling“ bedroht“ und gegen Ende „Im Fall von Eifersucht empfindet der Betroffene mangelnde Wertschätzung durch eine konkrete Person“.

Wenn das so schlicht zutreffen würde, dann sollten meiner Meinung nach die meisten Fälle von Eifersucht – zumindest in ethisch-nicht-monogamen Gefilden – nur sehr selten zu den existenzerschütternden Dramen werden, welche die Beteiligten dort häufig trotzdem erleben müssen. Und selbst wenn wir einwenden, daß die allermeisten von uns eben noch aus der „alten Welt der Monogamie“ mit ihren erlernten Regularien von Anspruchs- und Besitzdenken stammen, so bleibt zugegebenermaßen immer noch ein erhebliche Menge von Beziehungssprengstoff übrig, der eben genau durch einen bloßen Paradigmenwechsel, was die Beziehungsphilosophie angeht, in keiner Weise zu entschärfen ist.
Warum, glaube ich, ist das so?

Zuallererst scheint mir wichtig, die in unserem Denken und Sprechen häufig als „Schuld “ („Du bist schuld dass…!“) vermengten Begriffe von „Ursache“ und „Auslöser“ fein säuberlich voneinander zu trennen. Denn all das, was z.B. der Wikipedia-Artikel beschreibt, gehört für mich in die Kategorie „Auslöser“: Menschen sind in einer Beziehung, ein Beziehungsparameter ändert sich (z.B. durch das Hinzukommen einer Person oder ein zeitintensives Hobby), dies verändert die Beziehungssymmetrie, eine diesbezüglich sensible Person erlebt nun Entzug bis hin zu Minderwertigkeitsgefühlen begleitet von Zorn, Trauer, Angst und Scham.
Selbstverständlich ist es darum auch richtig, sich diesen „Auslöser“ ebenfalls einmal anzusehen: Verstößt dieser in irgendeiner Weise gegen den bestehenden Emotionalvertrag, welcher der Bestandsbeziehung zu Grunde liegt? Beispiel: Wenn miteinander ethische Non-Monogamie, wie Poly- oder Oligoamory, vereinbart wurde und nun steht die Einlassung auf eine weitere Beziehung im Raum, dann könnte das absolut von der Vereinbarung gedeckt sein, wenn nicht plötzlich andere Absprachen (Job, Haushalt, Finanzen) grob vernachlässigt werden. Wahrscheinlich müsste aber auch diese bestehende Absprache „Emotionalvertrag“ zumindest nachjustiert werden, da die Ressource „Zeit“ bekanntlich nicht unendlich teilbar und vermehrbar ist.
Die Empörung in non-monogamen Kreisen hinsichtlich der Eifersucht ist ja nun aber meist vor allem deswegen allseitig so groß, gerade weil trotz all dieser guten Absprachen und Justierungen die Eifersucht trotzdem hervorspringen kann wie ein ungebändigter Tiger. Und das, obwohl man sich gerade noch in allem so einig war…

Meinem Erleben nach ist Eifersucht ein „Ursachenphänomen“ und nicht primär ein „Auslöserphänomen“. Daher die gute Nachricht zuerst: Eifersucht hat allerhöchstwahrscheinlich ursächlich weniger mit den in der Gegenwart agierenden Menschen zu tun. Oder „nur“ soviel: Das, was sich in der Gegenwart abspielt, ist der immer wieder bediente Auslöser (psychologisch „Trigger“) für die ursächlich weit darunter begründete Eifersucht.
Hier enden unsere guten Nachrichten aber auch schon, denn mit dieser Auffassungsweise entfernen wir jetzt buchstäblich den Deckel von der Büchse der Pandora, unter dem in uns allen eine oft furchteinflößende Gemengelage lauert:

Unser Gehirn ist ein wahrlich großartiges Organ. Seine Speicherfähigkeit ist legendär, seine Wirtschaftlichkeit auch¹. Um seine Wirtschaftlichkeit zu erhalten (z.B. damit wir tagtäglich neues Wissen aufnehmen können, ohne groß nachzudenken Auto fahren und effizient unsere Tagesarbeit mit wechselnden Herausforderungen erledigen) bearbeitet und speichert es zahlreiche Eindrücke mit einem vereinfachenden „Blockverfahren“ (also in Form von komprimierten Informationsblöcken), damit uns die schiere Zahl der eingehenden Informationen und Sinneseindrücke nicht handlungsunfähig machen kann. Dieses „Blockverfahren“ setzt mit der Gehirnentwicklung vor unserer Geburt ein und ist unser ganzes Leben lang aktiv.
Das „Geheimnis“ dieses Blockverfahrens ist ein wichtiger Teil unseres Gehirnspeichers, der als „das Unbewußte“ bezeichnet wird, der genau diese großen Informationsmengen aufnehmen und je nach Bedarf zuordnen kann. Dieses „Unbewußte“ dient während unserer Sozialisation auch dazu, all die Emotionen und Gefühle aufzunehmen, mit denen wir uns aus irgendwelchen Gründen nicht sofort auseinandersetzen können – oder wollen. Letzteres ist aber genau genommen kein gutes Zeichen, denn auf diese Weise kann über einen längeren Erleidenszeitraum das entstehen, was psychologisch als „Komplex“ bezeichnet wird, da das Gehirn – wirtschaftlich wie es ist – ähnliche Erfahrungen quasi in einer gemeinsamen Ablage bündelt. Oder wie der Psychologe C.G. Jung sagte: „verinnerlichte, generalisierte konflikthafte Erfahrungen, die emotional betont und mit einem bestimmten Beziehungsthema verknüpft sind “.
Dazu führt die Psychologin Dr. Verena Kast aus: „Werden Themen oder Emotionen, die mit dem Komplex verbunden sind, angesprochen, dann wird das Gesamte der unbewussten Verknüpfung aktiviert, samt der dazugehörigen Emotionen aus der ganzen Lebensgeschichte und den daraus resultierenden, stereotyp ablaufenden Abwehrstrategien. Man kann die Emotionen in dieser Situation nicht mehr kontrollieren, man kann nicht ruhig über eine Situation nachdenken, man hat einen ‚Emotionsdurchbruch‚.“²
An dieser Stelle ist bereits zu erkennen, daß hier „Auslöser“ und „Ursache“ miteinander verknüpft sind. Eifersucht ist dadurch fast immer ein „Ressentiment“.
Noch einmal Dr. Kast: „Das Wort Ressentiment kommt von französisch re-sentir ‚erneut fühlen‘. Es geht um das wiederholte Durch- und Nacherleben einer bestimmten Beziehungserfahrung. Immer wieder fällt einem dann ein, wie man ungerecht behandelt worden ist, wie man keine Möglichkeit hatte, sich erfolgreich dagegen zu wehren. […] Die Ohnmacht des Handelns, die zu einer Entwicklung des Ressentiments geführt hat, wird deutlich sichtbar. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert, gefangen, wehrlos. Das heißt sie haben eine Einbuße an Selbstwirksamkeit, einem wichtigen Aspekt des Selbstwertgefühls, und dies korrespondiert mit einer Komplexepisode, deren Thema Demütigung und damit eine Selbstwertverletzung ist.
Der Anthropologe Max Scheler nannte dies „Seelische Selbstvergiftung“, da die Ressentiments auf normalen menschlichen Affekten und Basisemotionen beruhten, die zur richtigen Zeit nicht ausgedrückt werden konnten und nun im „Auslösefall“ mit Heftigkeit und Dramatik an die Oberfläche brechen.
Was also bedeutet: Unsere eifersüchtigen Personen, ja, die spüren jetzt tatsächlich Zorn, Trauer, Angst und Scham mit einer lebensbedrohlichen Heftigkeit, als ob die einst zugrunde liegenden Ereignisse gerade erst passiert wären – aber sie spüren sie heute, als ob sie dem aktuell auslösenden Ereignis zugeordnet wären – in der Non-Monogamie also beispielsweise beim Hinzukommen weiterer potentieller Lieben.

Daß die Betroffenen an diesem Phänomen „arbeiten“ – wie es in den gutgemeinten Ratschlägen gerne heißt – dem stellen sich vor allem zwei Problematiken entgegen:
Zum einen ist da die vergangene Zeit, die es eben meist nicht mehr möglich macht, die unausgelebten Erfahrungen mit den damals wirklich betroffenen, eben ursächlichen, Personen noch einmal zufriedenstellend und heilsam zu klären. Trotzdem könnte man doch vielleicht für sich selbst heute (wenn die damals „Ursächlichen“ nicht [mehr] zur Verfügung stehen) die Thematiken noch einmal bewußt vornehmen und reflektieren; nun, da wir erwachsen sind und einen übergeordneteren Blick auf die Ereignisse haben – auch dieser Hinweis ist in zahlreichen Ratgebern enthalten.
Aber zum anderen ist da unser Gehirn selber, was mit seinen Arbeitsstrategien ein ganz eigenes Hindernis auftürmt. Der Wissenschaftsautor Stefan Klein beschreibt in seinem Buch „Die Glücksformel “³, wie das Gehirn Nervenbahnen (= Datenbahnen!), die häufig benutzt werden, stärkt – und solche, die wenig „befeuert“ werden, reduziert. Beim Denken in Ressentiments und Komplexepisoden wirkt sich dies verhängnisvoll aus. Klein schreibt dazu: „Wenn wir einmal begonnen haben, die Welt durch eine dunkel Brille zu sehen, ist das Gehirn versucht, diese negative Stimmung aufrechtzuerhalten: Es wählt Reize aus, die zur Gefühlslage passen. Düstere Gedanken, negative Erfahrungen und bittere Erinnerungen erhalten vorrangig Zugang zum Bewußtsein. So sieht man überall Elend, und der ganze Organismus reagiert entsprechend darauf. Man kann es sich so vorstellen, dass die Großhirnnrinde einen abstrakten negativen Gedanken denkt und es schafft, das übrige Gehirn davon zu überzeugen, dass dieser ebenso wirklich sei wie ein physischer Stressor (also ein echter Angriff o.ä.). Im Zustand der Niedergeschlagenheit richtet sich diese Überlebensfunktion gegen uns selbst. […] Bis ins feinste Detail malen wir uns aus, was alles geschehen könnte, befassen uns mit Sorgen und irgendwelchen Möglichkeiten, die doch wahrscheinlich nie eintreten. Aber schon die Gedanken daran ziehen unsere Stimmung nach unten; also ein Preis, den der Mensch auch für seine Phantasie und Intelligenz bezahlt.“
Womit Stefan Klein quasi auch den großen Archetypen aller Eifersüchtigen, den schwermütigen Othello aus dem gleichnamigen Drama passend klassifiziert hätte.

Was also tun?
So eine ‚Einbahnstraße im Kopf‘, die schon in der Kindheit angelegt worden ist, und die sich durch verstärkende ‚Wiedererlebens-Ereignisse‘ im Laufe der Zeit zu einer vierspurigen Autobahn ausgebaut hat, die bekommt man nie wieder vollständig rückgebaut…“, sagte diesbezüglich eine befreundete Psychologin mal zu mir. „Aber“, sagte sie „man kann mit dem gleichen Mechanismus, den das Gehirn benutzt hat, um diesen Denkpfad auszubauen, heute einen anderen Pfad stärken, um diesem Denken etwas gleich- bzw. höherwertiges entgegenzusetzen.“ Also quasi eine ganz eigene neue Autobahn anlegen, auf die dann ein höchst vertrauensvoller und mutiger Gedankensprung notwendig wäre, um die Wege des Denkens zurück in schmerzfreie(re) Gefilde zu leiten (siehe unten).

Das aber erfordert couragiertes Engagement, und ich möchte hier zum Ende des Artikels kurz vier Grundvoraussetzungen dafür skizzieren, die nach meiner oligoamoren Erfahrung dazu unabdingbar sind:

  1. Die eifersüchtige Person muß die Gelegenheit bekommen, die Gesamtheit ihrer Gefühle erst einmal wieder frei von Scham fühlen und ausdrücken zu dürfen. Dazu muß sie die Freiheit von allen anderen im Beziehungsnetzwerk gewährt bekommen – und natürlich muß sie sich dazu erst einmal selber ermächtigen (was, da diese „Art zu denken“ ja ungewohnt ist, richtig schwer sein kann). Systeme wie Brad Blantons „Radikale Ehrlichkeit“ aber auch die „Radikale Erlaubnis“ nach Mike Hellwig können dazu nützliche Herangehensweisen sein.
  2. Alle Beteiligten müssen im Gesamtbeziehungsnetzwerk aktiv für ein gemeinsames Wohlwollen zusammenwirken. Einstellungen wie „Komm‘ mal wieder klar…“ oder „Geht’s jetzt wieder…?“ sind vollkommen kontraproduktiv. Die Entscheidung aller Beteiligten für Verbindlichkeit und der Wunsch hinsichtlich des wirklichen gemeinschaftlichen „ZusammenSein-Wollens“ (u.a. Eintrag 33) sollte für alle so glasklar aussprechbar wie wahrnehmbar sein.
    Denn: In der Oligoamory sorgen selbstverständlich alle Beteiligten im Sinne der Gesamtheit, die „mehr als die Summe ihrer Teile“ ist, für Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt in der Gesamtbeziehung.
    [Ein transparent bekundetes „2.“ wird übrigens auch verhindern, daß die eifersüchtige Person als „Boykotteur*in“ angesehen werden könnte, welche die Eifersucht „benutzt“ um die Gesamtbeziehung doch letztendlich zu verhindern.
    Insbesondere das Vorhalten von Eifersucht als „Schuld“ („Wegen Dir kann ich X jetzt nicht mehr so oft sehen…“) muß so weit wie nur möglich verhindert werden. Denn schuldig fühlt sich ein eifersüchtiger Mensch tief drinnen meist ohnehin schon – und Schuldgefühle werden nur tiefer in ein bestehendes Trauma führen.]
  3. Auf keinen Fall die unvorhersehbare Taktik „Weiter wie bisher“ wählen! Die eifersüchtige Person hat sonst keine Chance, ihre „neue Straße“ zu stärken. Wenn immer wieder die gleichen auslösenden Trigger gesetzt werden (z.B. Intimität / Zeit verbringen mit neuen Liebsten), dann werden immer nur wieder neue Kaskaden an Ressentiments und Komplexereignissen ausgelöst – und die düstere alte Autobahn gewinnt.
    Dies ist für viele Mehrfachbeziehungen der in der Praxis schwierigste Teil: Denn es heißt „Fuß vom Gas!“, langsamer machen. Und es heißt für die sich neu entfaltende Verbindung, frisch entdeckte Dinge (z.B. Intimität) erst einmal wieder zu lassen, bis die neue Straße breit genug ist.
    Wenn die eifersüchtige Person die uneingeschränkte aufrichtige Sicherheit erfährt, daß ihr alle Werkzeuge zur Rückgewinnung ihrer Kompetenz zugetraut werden, ist dies auf der Empathieebene weitaus hilfreicher.
  4. „Wege von der Autobahn“ führen über die Individualität der betroffenen Personen. Oft müssen die Menschen lernen, sich selbst (wieder) zu glauben, sich selbst zu vertrauen. Indem ihnen das gelingt, können sie dann auch den Blickwinkel auf das Außen der Gegenwart mit seinen aktuellen Auslösern nachhaltig verändern (auch wenn das am Anfang vielleicht erst nur immer für kurze Zeit glückt). So besteht aber die Chance, daß dabei eine neue Idee, eine andere Sichtweise entstehen kann. Und diese Idee kann helfen, eine (sonst auslösende) Situation anders als bisher zu bewerten.
    Warnung: Dies ist NICHT mit positivem Denken zu verwechseln. Positives Denken, auf Eifersucht angewendet, wirkt wie eine oberflächliche Selbstprogrammierung, die nicht tauglich ist, den ursächlichen Problemkern gespeicherter alter Komplexe in einem Individuum zu erreichen. Das Gehirn wird „positives Denken“ in dem Fall als „Ablenkungsmanöver“ von der eigentlichen Ursache registrieren und sein Mißtrauen zum Selbstschutz daraufhin eher noch erhöhen!


¹ Die derzeit verständlichsten Erklärungen zu den neusten Erkenntnissen der Neurowissenschaften bezüglich der Kapazitäten unseres Gehirns liefert derzeit Prof. Gerald Hüther in seinen verschiedenen Publikationen und Videobeiträgen.

² Verena Kast: Wi(e)der Angst und Haß: Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung, Patmos Verlag, 2017
Ebenfalls lesenswert:
Verena Kast: Neid und Eifersucht: Die Herausforderung durch unangenehme Gefühle, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1998

³ Stefan Klein: „Die Glücksformel – oder: Wie die guten Gefühle entstehen“, Fischer Verlag, 2014

Danke an meine Nesting-Partnerin Kerstin, ohne die Eifersucht für mich eine nebulöse und irritierende Unbekannte geblieben wäre, und Danke an Thomas Wolter auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 35

Alte Kisten rosten nicht

Dies ist der mittlerweile 35. Eintrag zum Thema „Oligoamory“ – und darum ist es mir ein Anliegen, darin noch einmal eine Grundlage anzusprechen, die mir hinsichtlich dieser Beziehungsphilosophie wichtig ist.
Denn in der Praxis kann eventuell schnell mal wegen der putzigen Vorsilbe „Oligo-“ (ich erinnere: von altgriechisch ὀλίγος olígos „wenig“) verlorengehen, daß es dabei nämlich nicht nur um hübsch übersichtliche Mehrfachpartnerschaften mit wenigen Beteiligten geht, sondern, daß ich damit auch zu einer hohen qualitativen Fokussierung auf die unausweichlichen „Essentials“ ethischer Nicht-Monogamie einladen möchte.
Da man, wie der Volksmund sagt „keine zweite Chance hat, einen ersten Eindruck zu hinterlassen“, kommt in dieser Hinsicht der „Startphase“ einer jeden oligoamoren Beziehung besondere Bedeutung zu – wiewohl es gleichzeitig ein Merkmal eigentlich jeder Beziehungsform ist: Was wir früh verbocken, müssen wir im Nachhinein eher aufwendig wieder versuchen auf einen guten Weg zu bringen…
In echten Gesprächen und beim Surfen durch zahlreiche Foren rund um das Thema Nicht-Monogamie fällt mir z.B. nach wie vor auf, wie willkürlich noch immer mit der Zeitspanne operiert wird, wann Partner*innen zu informieren seien, wenn sich irgendetwas Neues „anbandelt“.
Zeitnah“ wird dann in Deutschland gern gesagt und geschrieben; die Ansichten, was denn „zeitnah“ sei, gehen dann aber schon im nächsten Teilsatz meist weit auseinander. Von „in den ersten 24h“ bis „innerhalb von 14 Tagen“ habe ich schon alles gehört und gelesen – und die Menschen, die solches sagten oder schrieben waren sich ihrer Sache stets sehr sicher. Kritischen Nachfragen wurde regelmäßig vor allem mit dem Aufwands-Argument begegnet – was genau genommen ein Selbstscham- bzw. Bequemlichkeitsargument ist: Beim „Anbandeln“ sei man ja so sehr lange selbst unsicher, ob es sich bei der neuen Begegnung um etwas „Ernstes“ handeln würde, wodurch es dann doch genau deswegen so sehr schwierig abzuschätzen sei, ob etwaige „Bestandspartner*innen“ mit an Bord genommen werden sollten, falls sich eben genau nichts „Konkretes“ aus jenem „Anbandeln“ ergeben würde…

Ich als Autor dieses bLogs werbe spätestens seit Eintrag 20 für eine Herangehensweise der „radikalen Aufrichtigkeit“, die meiner Meinung nach uns allen das Leben in Wechselwirkung einfacher machen könnte. Dazu muß diese radikale Aufrichtigkeit bzw. radikale Ehrlichkeit aber bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt ansetzen: Nämlich schon bei der Zurkenntnisnahme unserer eigenen Motive. Die beiden Kernfragen, die ich in Eintrag 21 streife, lauten ja nach wie vor:
Wünsche ich mir mehrfache Liebesbeziehungen – und wenn ja, warum?
Und wenn ich auf die erste Frage in mir ein großes klares JA! gefunden habe, dann wäre es ein bißchen wir früher zu Schulzeiten, wenn ich meine Hausaufgaben im Vorhinein komplett erledigen könnte, indem ich auch auf die zweite Teilfrage zumindest die Ahnung einer Antwort finden würde. Und dann sollte gelten: Montagmorgen – Hausaufgabe fertig, Ranzen gepackt. Was, wie wir noch wissen, enorm zu einem stressfreieren Aufbruch und zu einem ruhigeren Gewissen beitrug.
Infolge wäre es dann für uns poly- oder oligoamore Personen egal, ob wir abends tanzen gehen oder ein arbeitsbedingtes Fortbildungsseminar zur Rechnungsprüfung besuchen: Wir wissen über uns, daß wir potentiell für Mehrfachpartnerschaften offen sind – und daß wir also fakultativ daher in jeder Umgebung einen neuen interessanten Menschen treffen könnten.

Wenn wir unsere Hausaufgaben hinsichtlich unserer ureigensten Motivationen hinter unserer Poly- oder Oligoamory jedoch nicht bzw. nur unvollständig gemacht haben, dann geraten wir allerdings sofort in Gefahr, vor uns selbst immer irgendwie verlegen zu sein, indem wir uns selbst mit dem gesellschaftlichen Stereotyp beschämen: „Der*Die Poly-/Oligoamore da, der*die ist dauerbedürftig/dauergeil und immer latent auf Partner*innensuche…“.
Unser stolzes Selbst hält dann zwar noch eine Weile dagegen: „Also wirklich, über solch gesellschaftlich-normativer Verurteilung, da stehe ich weit drüber – schließlich habe ich mich doch bewußt für die Poly-/Oligoamory entschieden! “…
Aber – die kleine nagende Stimme ist geweckt, die uns einzuflüstern versucht, daß unsere Grundhaltung irgendwie doch nicht so ganz ok ist, weil wir wohl doch stets auf der Suche nach jemandem fürs Bett sind, nach dem nächsten Verliebtheitskick, nach einem (neuen) aufregenden Menschen, der uns vom Einerlei unseres Alltags zumindest eine Zeit lang ablenken soll.
Auch Letzteres wäre völlig in Ordnung, wenn wir dies zuvor wirklich als den tiefsten Grund unserer Motivation geklärt hätten.
Da wir (s.o.) den Grund unserer Motivation aber eben meist nicht gut geklärt haben, ist die allererste Person, mit der wir nicht ehrlich und aufrichtig sind, wenn wir ins Rennen gehen, wir selbst! Denn in uns selbst bleibt ja eine verschlossene Truhe mit Gründen stehen, die wir lieber nicht so genau angucken wollen. An diese „verschlossene Truhe“ bleiben wir aber auf diese Weise gekettet, denn eine „informierte Wahl “ (wie Franklin Veaux und Eve Rickert es in ihrem Buch „More Than Two“¹ nennen), würde voraussetzen, daß ich im Besitz aller Informationen bin. Versuche ich aber nun, bloß mit meiner inneren „Teil-Wahrheit“ loszuziehen, bin ich niemals wirklich frei, denn unsichtbar zerre ich ab jetzt meine Truhe mit „Uneingestandenem“ überall hin hinter mir her.
Unfrei zu sein und vor allem sich irgendwo unfrei zu fühlen, insbesondere wenn man sich unter anderen Menschen bewegt, macht aber niemandem Spaß – insbesondere, wenn bei diesen Menschen jemand interessantes dabei sein könnte, auf den ich vielleicht neugierig werde. Mir bleibt also nur die Strategie, mich in solch einem Kontext freier zu geben, als ich es wirklich bin, die innere Nervstimme zum Schweigen zu bringen und die lästige unsichtbare Truhe unter dem Tisch zu verstecken. In einem sich eventuell entwickelnden Gespräch werde ich folglich versuchen, mich kompetent und ungehemmt zu präsentieren. In seinem Konzept der „Radikalen Aufrichtigkeit “ (Eintrag 20) nennt Dr. Brad Blanton genau diese Verhaltensweise „den eigenen Mythos erschaffen“. Blanton führt aus, daß unsere Gegenwartskultur extrem von dieser Art Alltags-Unaufrichtigkeit geprägt ist, weil die allermeisten von uns in Folge nur noch mit diesen Mythen-Ichs interagieren. Mythen, in denen wir uns als weit großartiger, als rationaler und stimmiger bzw. mehr als Herr*Frau der Lage darstellen, als wir es ehrlicherweise sind.
Die nächste Person, demgemäß, mit der wir nicht ehrlich und aufrichtig sind, ist dann somit unser potentielles „Angebandel“. Und ich spreche jetzt nicht davon, daß wir beim Flirt oder Date nicht ein wenig unser Gefieder glänzen lassen können!
Ich spreche von der unterschwelligen Inkohärenz (siehe Eintrag 25), die wir dadurch jedes Mal auf unsere Gegenüber abstrahlen, da wir selbst – bzw. genau genommen unser gesponnener Mythos – hinsichtlich unserer Motivationen und Interessen, die wir nun nach außen verkaufen, stets etwas ambivalent und punktuell seltsam unbestimmt bleiben wird. Kein Wunder – dank unserer „unsichtbaren Truhe“ unter dem Tisch. Es gibt ja mittlerweile sogar Menschen, für die so eine „verruchte Undurchschaubarkeit“ gerade den gewissen Reiz eines Flirts ausmacht – aber im Bereich ethischer Non-Monogamie muß ich davon dringlich abraten. „Unklarheiten“ und „Annahmen“ werden sich mittelfristig zu einer riesigen Baustelle enwickeln, vor allem, wenn wir doch eigentlich anfangs noch den Gedanken im Kopf gehabt hatten, eventuell eine Person in eine Mehrfachpartnerschaft auf Augenhöhe einzupflegen…

Spätestens an dieser Stelle ist aber leicht zu sehen, warum sich hier ein schwindelerregendes Nebelfeld voller halsbrecherischer Ausweichmanöver aufzutun beginnt: Da habe ich mich in eine Situation gebracht, wo ich mit meinen ungeklärten Bedürfnissen auf eine Person getroffen bin, der ich einen vorteilhaften Werbemythos meiner selbst angeboten habe, und – da ich das ja von mir ahne – bei der ich schlimmstenfalls annehmen muß, daß ich meinerseits vor allem einer „Wunschvorstellung“ verfallen bin. Der anderen Person ergeht es wiederum vielleicht mit mir so ähnlich – aber selbst im besten Fall weiß sie jetzt immer noch nicht so ganz woran sie mit mir ist. Was soll ich also tun? Die Welle reiten, so lange sie währt – bis irgendwo eine Maske fällt und sich alles in Wohlgefallen auflöst?
Wenn ich dann noch Bestandspartner*innen habe, die mich bereits besser kennen, wird die Bredouille möglicherweise noch schlimmer, denn meine nagende innere Stimme projiziere ich dann schnell auf jedwede noch so harmlose Nachfrage. Oder wie ich in Eintrag 26 schrieb: „Oft sind es aber unsere Ängste, die sehr konkrete Gestalt in uns annehmen können: Angst vor (im Leben so oft erlebter) Zurückweisung; Angst, ausgeschlossen oder allein gelassen zu werden. Oder es sind Ängste von Beschämung und Strafe (die wir mittlerweile mehr im Kopf auf uns selbst herabbeschwören), weil wir bemerken, daß wir etwas nicht so sorgfältig erledigt bzw. durchdacht haben – oder erledigen konnten, wie wir es eigentlich gewünscht hätten. Von sich selber ertappt – ein scheußliches Gefühl…
Daß in solchen Fällen Menschen dann dermaßen verunsichert sind, daß sie nicht mehr wissen „wann“ der richtige Zeitpunkt ist, um ihre Bestandspartner einzuweihen, weil sie eben schon selbst nicht mehr wissen „wann“ irgendetwas echt ist – speziell weil sie es über sich selbst so wenig wissen – das finde ich menschlich vollkommen nachvollziehbar.

Die just beschriebene Kette kann meiner Ansicht aber nach nur an einer Stelle verhindert werden – und das ist ganz an ihrem Anfang: Die Hausaufgabe zu erledigen, für sich selbst das Ob und das Warum hinsichtlich des eigenen Mehrfachbeziehungswunsches zu klären. Und das bedeutet, daß das Ergebnis dieser Hausaufgabe, vor allen weiteren Schritten, direkt Grundlage für Verhandlung mit der*dem Bestandspartner*in wird. Ich hätte mich in Eintrag 9 nicht so ausführlich mit dem „Emotionalvertrag“ (=„Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“) beschäftigt, wenn dieser nicht maßgeblich mit unserem Bindungsverhalten verknüpft wäre. Ergo wird jede weitere Beziehungsanbandelung immer die Symmetrie dieses Übereinkommens beeinflussen und damit verändern. Und sei es nur die Freiheit betreffend, die wir haben, überhaupt neue/mehrere/parallele Beziehungen andenken zu können und zu dürfen.
In ethischer Non-Monogamie, die diesen Namen verdienen soll, ist es wegen dieser Dynamik nicht mehr möglich unser Inneres – und damit unsere verborgenen Auffassungen von uns selbst – als ein privates kleines Königreich zu verwalten und eventuell nicht einmal intime Partner*innen dort hineinzulassen.
Denn die Alternative wäre immer nur der „Mythos“, die „schön ummantelte Wahrheit²“, eine Reklameversion unserer selbst, mit der wir unsere Liebsten abspeisen würden, nur um ihnen – aber eben vor allem uns selbst (!) – möglicherweise unbequem Tatsachen vorzuenthalten.

Fazit: „zeitnah“ heißt in der Oligoamory „sofort“. Punkt!
Und ja, daß soll in Schritt 1 heißen z.B. eine SMS zu schicken wie: „Bin jetzt in der Disco. Gerade gesehen: Total tolle und super-attraktive Menschen heute hier. Musik genau meine Richtung. Könnte sich was ergeben.“ Oder eine WhatsApp: „Gerade in der Pause (Rechnungswesen) total intensives Gespräch mit X geführt. Hab‘ gemerkt, daß ich rote Ohren bekommen habe. Gehe mit X nachher zur Vertiefung noch auf einen Schlummertrunk.“
Das, liebe Leser*innen sind genau die Auftakte zu „informierten Wahlen“, die es in der ethischen Non-Monogamie braucht. Auftakte, mit der durchaus die eigene situative Aufregung und die eigene Unsicherheit kommuniziert werden dürfen – ja, auch ein bißchen die eigene Irrationalität, denn das macht uns zu Menschen.
Schritt 2 lautet folgerichtig, nun nicht sofort das Mobilteil ins Handschuhfach oder an die Garderobe zu entsorgen, sondern eine Antwort abzuwarten. Vielleicht Antworten, die vorher abgesprochen waren, um klares Fahrwasser oder Nöte der anderen Seite in Kurzform zu kommunizieren: „Alles klar! “ oder „Sei bitte trotzdem vor 2 Uhr zuhause“ oder „Kondome schützen! “ oder „Meld‘ Dich bitte, wenn es konkreter wird nochmal kurz “.
Denn so eine „Truhe“ mit persönlichen Ängsten, alten Ressentiments, kleinen Sorgen und zwickenden Beklommenheiten, die hat ja eigentlich jede*r – also auch unsere liebsten Menschen. Und wir würden eben ethisch und sehr integer handeln, wenn wir darauf Rücksicht nehmen könnten, daß diese nun mal da sind.
Der Riesenvorteil, der sich aus solchem Handeln allerdings ergeben würde, wäre, daß wir die ganze Zeit zu 100% mit unserer Wirklichkeit und der allseitigen Wahrheit verbunden blieben: Herumgerate, Annahmen oder peinliche Verstellung könnten auf diese Weise außen vor bleiben.

Ja, ich gebe zu, daß bei diesem Vorgehen sich möglicherweise nicht alle „Wellen“ realisieren würden, die da zu reiten wären – um bei meinem obigen Bild zu bleiben. Und ebenfalls ja: Dies liegt exakt daran, daß allerspätestens die Oligoamory so konzipiert ist, daß ihr wesentliches Merkmals das „Mithineindenken aller potentiell beteiligten Personen“ ist. Aber nach meiner Auffassung kann sich die Oligoamory auch nur dann mit dem Label „ethisch“ schmücken, wenn diese Bedingung gewährleistet ist – die Bedingung, die ja im Positivfall dann wie in zahlreichen von mir geschriebenen Beiträgen das Erleben des „Mehr als die Summe seiner Teile“ erst möglich macht.
Wenn nämlich die Kehrseite Geheimniskrämerei, Gemauschel, Egotripping, und im-Unklaren-lassen wäre, dann weiß ich, um welches Vorgehen ich mich weiter bemühen werde.
Und wie ich – frei von meiner Truhe oder bewußt um ihren Inhalt wissend – zur Freiheit und zum Wohlbefinden aller anderen Beteiligten beitragen will.



¹ Das „Standardwerk“ zur ethischen Non-Monogamie für mich ist nach wie vor das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² ein Zitat übrigens von Käpt’n Blaubär (Walter Moers)

Dank an Frank Winkler auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 34

In guten wie in schlechten Tagen

„Überrascht hörte er den echten Schmerz in ihrer Stimme, und ihm fiel wieder ein, wie sie bei der Flucht über die Stiege gewesen war, klaglos und stark, eine Gefährtin, wie man sie sich nicht besser wünschen konnte.“

(aus: Tad Williams, Der Drachenbeinthron, Wolfgang Krüger Verlag 1991 )

Das obige Zitat und das Kühlschrankfoto scheinen eine linguistische Verknüpfung nahezulegen, die so recht an das romantische Narrativ rührt:
Gefährt*innen, die sind durch dick und dünn geradezu schicksalhaft miteinander verbunden. Denn Freud‘ wie auch Leid, welches eine*n von ihnen betrifft, schlägt stets auch direkt auf alle anderen durch.

Ganz so linear, wie es das Wortspiel auf dem Foto suggeriert, ist es dann in der linguistischen¹ Wirklichkeit allerdings nicht. Um überhaupt irgendeine gemeinsame Wurzel von den scheinbar so sehr ähnlich klingenden Worten „Gefährt*in“ und „Gefahr“ zu finden, muß man weit in die Sprachgeschichte zurück – sehr weit zurück. Über 5000 Jahre weit genau genommen, 3500 v. Chr. etwa, als einige wortgewandte Völkchen, welche uns heute als „die Indoeuropäer“ bekannt sind, irgendwo nördlich des Schwarzen Meeres kulturschöpfend tätig waren. Diese Indoeuropäer verfügten in ihrer Sprache über eine Silbe, die da „per-“ lautete. Die Silbe schliff sich sehr bald schon durch den auch damals bereits etwas maulfaulen Gebrauch ab, so daß statt des harten „p“ oft ein weiches „v“ oder „f“ die erste Stelle einnahm. Dieses „per-“ oder „v/fer-“ diente bei den Indoeuropäern dazu, zahlreiche Arten von irgendeiner Fortbewegung von einem Punkt zu einem anderen auszudrücken (wie z.B. auch heute noch in dem Wort „Fähre“), gleichzeitig aber auch die Anstrengung, den Versuch und den gesamten Prozeß, den diese Bewegung notwendigerweise erforderlich machte. Den klugen Indoeuropäern war also offenbar gegenwärtig, daß jede (Fort)Bewegung stets einer (Willens)Anstrengung bedurfte und ebenso, daß es daher keine „Gelinggarantie“ gab – also bei jeder Bewegung auch ein Risiko bestand (vermutlich kein Wunder bei den Straßenverhältnissen 3500 v.Chr…).
Das Leben der Nachfahren dieser Indoeuropäer scheint dann doch etwas gemäßigter, vielleicht auch etwas luxuriöser geworden zu sein. Auf jeden Fall entschieden schon die Folgegenerationen alsbald, daß zur Klarstellung vielleicht doch besser zwei verschiedene Formulierungen günstig wären: Zum einen also hinsichtlich der Bewegung – woraus sich in Nordeuropa schließlich das Wort „fahren“ entwickeln sollte, und zum anderen ein eigenes Wort für das Risiko und die Angst davor. Letzteres kann man im Englischen heute noch an dem Wort „fear“ (=Furcht/Angst) erkennen – und eben im Deutschen an den heutigen Worten „Gefahr“ oder „Fährnis“.
In diesem Sinne leitet sich aber „(Lebens)Gefährt*in“ natürlich nicht von dem Wort „Gefahr“ ab, sondern von „fahren“: Denn ein*e Gefährt*in ist schlicht jemand, mit dem man „auf Fahrt“ ist. Und ich erinnere daran: „Fahrt“ bedeutet im Kern ja jedwede Form von Bewegung, auch zu Fuß oder sogar im Kopf: wie z.B. bei der „Klassenfahrt“, die ja auch ein Wandertag sein kann, oder „man ist ganz schön in Fahrt “ – womit der Volksmund meint, daß eine Person mächtig in Wallung und sehr energisch ist.

Als ich neulich über den obigen Kühlschrankspruch in dieser Weise schmunzelte, überlegte ich ebenfalls, ob nicht trotzdem ein Teil „indoeuropäischer Wahrheit“ in ihm steckte, die dem Gedanken von Gemeinschaftlichkeit und der Wahl unserer „Zugehörigen“, wie ich sie mir für die Oligoamory wünsche, auf interessante Art nahekam.
Jede*r wackere Indoeuropäer*in hätte mir nämlich vermutlich zugestimmt, daß die Auswahl von „Gefährt*innen“, also Menschen, mit denen man sich „auf Fahrt“ – also auf irgendeine Form von Unternehmung – begab, erhebliche Bedeutung hätte. Insbesondere wegen der „ergebnisoffenen“ Natur einer solchen Unternehmung. Denn zu indoeuropäischer Zeit zumindest scheinen die Menschen sich der Tatsache recht bewußt gewesen zu sein, daß im Vorfeld niemals gewiss war ob eine „Reise“ zu Ende geführt werden konnte – oder ob dieses Ende in irgendeiner Art glücklich oder erfolgreich geraten würde.
Dieses potentielle Risiko, diese „Fährnis“ hat sich wiederum zu jeder Zeit sicherlich auch auf die möglichen „Gefährt*innen“ ausgewirkt: Möchte ich bei so einer Unternehmung mit etwaig ungewissem Ausgang dabei sein? Möchte ich daran mitwirken und eventuell einen Teil der Verantwortung für diesen „Ausgang“ (wie auch immer der sein möge) mit übernehmen?
„Fahrten“ – also Reisen sind und waren regelmäßig so „gefährlich“, daß sich im Laufe der menschlichen Geschichte immer wieder Personengruppen schon aus Gründen der Sicherheit und der Kooperation zusammengefunden haben, allein um das „Risiko“ und die „Angst“ für die*den Einzelne*n zu minimieren. Und deswegen war meist auch nicht beliebig, „wer“ da zusammen unterwegs war: In Wegstationen und Karawansereien formten sich Reisegruppen mit ähnlichen Zielen, ein guter Ruf oder eine Empfehlung mochten Gold wert sein. Auf diese Weise konnten Menschen mit ähnlichen Zielen zur Reisebegleitung „zusammenfinden“ – und „kennenlernen“, ja, dazu war dann ausreichend Zeit während der Reise (Über „Zusammenfinden und Kennenlernen“ siehe auch Eintrag 25).
Und von dem Wort „Reisebegleitung“ ist es nicht einmal mehr einen halben Schritt zu dem Wörtchen „Beziehung“ – die sich unweigerlich ergibt, wenn Menschen eine gewisse Zeit aufeinander angewiesen diese zusammen verbringen.

Und eine „Beziehung“ hat wahrhaft eine Menge Analogien zu einer Reise. Obwohl das Wort „Beziehung“ selbst eher recht jung ist (17. Jahrhundert), so stammt sein Grundverb „ziehen“ von der indoeuropäischen Wurzel „deuk-“, was „mit Kraft zu sich bewegen“ heißt.
Auch „Beziehung“ ist also eine Unternehmung, die im eigentlichen Sinne etwas mit Bewegung zu tun hat. Wenn man nun an zwei oder mehr Beteiligte in einer Beziehung denkt, die sich „mit Kraft zu sich bzw. zueinander bewegen“, dann könnte man an die Dynamik eines Magnetspiels oder eines Tanzes denken (oder wenn man den Rahmen größer ziehen will vielleicht auch an Planeten in einem Sonnensystem), bei der sich irgendwann ein energiegeladenes Gleichgewicht aus Abstand und Nähe zu entwickeln beginnt – wenn die Teile nicht gerade mit einem Knall aneinander prallen oder sich voneinander abstoßen.
Unsere gemeinsamen „Fahrten“, unsere Gefährt*innen“ und sogar unsere „Beziehungen“ sind demgemäß jedenfalls eines nie: Statisch, festgelegt oder vorherbestimmt.
Und wir, die wir heute in einem Zeitalter leben, dem gelegentlich eine gewisse „Vollkaskomentalität“ nachgesagt wird, tun gut daran, uns darum regelmäßig an die Wahrheit der Indoeuropäer zu erinnern: Eine Garantie auf einen „sicheren Verlauf“ oder ein „unzweifelhaftes Ziel“ gibt es nicht.
Dennoch erzählen sich die Menschen seit mehr als indoeuropäischen Zeiten Geschichten, wie wir diesen „Gefahren und „Unwägbarkeiten“ eventuell doch etwas entgegensetzen können. Nämlich in der Wahl und in der Kooperation mit unseren Gefährt*innen“:
Gilgamesch wäre ohne seinen besten Kumpel Enkidu beinahe dem Wahnsinn verfallen oder zumindest ein schlechter König geworden; Odysseus wäre ohne seine tapferen Männer nur ein einsamer Schiffbrüchiger geblieben; der frühmittelalterliche Gralsmythos berichtete erstmals ausführlich, daß ohne Mitmenschlichkeit und die vereinte Weisheit von Männern und Frauen weder Reife noch Liebe erfahrbar seien; und was wäre aus Frodo geworden ohne Merry, Pippin, Aragorn, Gimli und Legolas; was aus Luke ohne Han, Leia, Chewie, R2D2 und C3PO, was aus Harry ohne Ron, Hermine, Ginny, Luna und Neville?
Samt und sonders Geschichten, in denen sich der Zusammenhang zwischen „Gefährt*innen“ und „Lebensgefahr“ regelrecht aufdrängt, ja, auch und gerade wegen des eingangs erwähnten „romantischen Narrativs“.
Der Kern des „romantischen Narrativs“ – so ungern dies seine Gegner*innen“ nämlich hören wollen – ist das freiwillig für die Gemeinschaft erbrachte Selbstopfer ². Dabei muß es gar nicht immer direkt um das eigene Leben gehen, was manchmal in den dramatischsten Geschichten scheinbar so im Vordergrund steht. Denn das größte Opfer, das größte Geschenk, was wir Menschen als spatiotemporär begrenzte und endliche Lebewesen geben können, ist schlicht: Unsere (Lebens)Zeit. Unsere eigene Zeit, die wir uns für die anderen nehmen. Um mit ihnen zu fühlen, mit ihnen entweder auszuhalten oder gemeinsam zu lachen – aber vor allem: um einfach mit ihnen da zu sein.
Verlauf: Ungewiss. Ausgang: Offen.
Wenn Franklin D. Roosevelt recht hatte und „Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist “, dann bedeutet es für ein endliches Lebewesen in diesem Sinne ungeheuren Mut und erheblichen Erkenntnisgewinn, sich auf das Abenteuer „gemeinsam“ einzulassen.
Denn darin investieren wir unwiederbringlich und auf „eigene Gefahr“ unser definitiv begrenztes und darum kostbarstes Gut „Lebenszeit“ in eine Unternehmung mit anderen Menschen.
Auch hierin ist zu erkennen, warum der verbindliche Wunsch hinsichtlich eines „ZusammenSein-Wollens“, den ich im vorherigen Eintrag 33 erwähnte, für (Mehrfach)Beziehungen so außerordentlich bedeutsam ist: Gefährt*innen entscheiden sich sowohl für die gemeinsame „Fahrt“ – also die Unternehmung, die konzeptionelle Beziehung, ein Ideal, ein eventuelles Ziel – als auch füreinander – also für die anderen Gefährt*innen.
Weil aber Reise und Ziel (= Beziehungsverlauf und Effekt) nur eventuell bzw. wie oben erwähnt „ungewiss“ sind, sind es tatsächlich unsere „Gefährt*innen“, die nahezu 100% unserer tagtäglichen Wirklichkeit bilden. In Risiko, Angst und Gefahr werden uns kaum unsere Ideale, Pläne und Konzeptionen beistehen oder trösten – sondern unsere Gefährt*innen sind es, die diese Herausforderungen mit uns bestehen – und wir mit ihnen.
Und darum ist es ja ein bißchen wie bei einer alpinen Seilschaft: Alle müssen ein wenig immer auch für die anderen da sein, Verantwortung für das Ganze übernehmen, damit allen ein Mißgeschick oder eine menschliche Nachlässigkeit gestattet werden kann, ohne daß sofort die gesamte Gruppe dabei zu Schaden kommt. Oder wie es die christliche Seefahrt formuliert: Eine Hand für Dich, die andere für das Schiff.
Lebensgefährt*innen und Lebensgefahr – zwei Wörter also, die also auch in ethischen (Mehrfach)Partnerschaften immer noch genau so viel und hochaktuell miteinander zusammenhängen wie dereinst zu indoeuropäischen Zeiten.

►Wieviele Gefährten soll ich wählen? Dazu erzählt Eintrag 12 etwas.
►Und wenn ich mir auf so einer Reise selber begegne? Oder dem, was in mir verborgen ist? Davon handeln Eintrag 18 (Suchwanderung) und Eintrag 21 („Ungeheuer“ der Innenwelt).



¹ Linguistik ist die Wissenschaft von der Sprache. Ein sehr gutes Online-Werkzeug, welches auch ausführliches etymologisches, also sprachgeschichtliches, Wissen anbietet, findet sich hier: DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache)

² Wiewohl ich mich in meinen Texten vielfach als Romantiker selbstverständlich positiv zum romantischen Narrativ äußere, so ist mir die mißbräuchliche Anwendung als „romantische Verbrämung“ zum Zwecke der Ausbeutung und Kleinhaltung bestimmter Personengruppen schmerzhaft bewußt. Bitte dazu unbedingt den letzten Absatz von Eintrag 5 lesen!

Eintrag 33

Magst Du mit mir gehen?

© NetzTeufel ¹

Eines der wohl wichtigsten „Erfolgsrezepte“ für Mehrfachpartnerschaften – bzw. Partnerschaften überhaupt – ist, sich mit dem Faktor ihrer „Einschließlichkeit“ auseinanderzusetzen.
Der US-amerikanische Psychater und Psychotherapeuth Scott Peck² sagte dazu, daß die Schlüsselfrage für gelingende Integration und „Einschließlichkeit“ genau genommen stets „Gibt es irgendeinen drastischen Grund warum jemand nicht Teil unserer Gemeinschaftlichkeit werden könnte? “ lauten müsste – statt der normalerweise ausschließlich formulierten Frage „Aus welchem Grund sollte jemand Teil unserer Gemeinschaftlichkeit werden dürfen? “.

Als Autor des Oligoamory-Projektes finde ich die „einschließliche“ Variante selbstverständlich wunderbar, denn mit diesem bLog werbe ich ja für Mehrfachpartnerschaften, in denen die einzelnen Beteiligten erleben dürfen, daß sie gemeinsam „mehr als die Summe ihrer Teile“ erzeugen – indem sie Synergieeffekte nutzen, Unterstützung erleben und von Ressourcenzusammenlegung profitieren.
Der Weg zu dieser integrativen (einschließlichen) Herangehensweise an Zusammenlebens- und Zusammenliebensformen führt – wie wiederum Scott Peck so schön beschrieb – darüber, daß wir unseren „Normalzustand“ des „schroffen Individualismus“ für eine Philosophie des „sanften Individualismus“ öffnen sollten. „Sanfter Individualismus“ beginnt in allen Gemeinschaftsbildungsprozessen – und darum auch in der Oligoamory – mit einer immer wieder zu erneuernden Entscheidung aller Beteiligten für Verbindlichkeit und ein „ZusammenSein-Wollen“. Dabei wird es selbstverständlich auch immer wieder sowohl „gute Zeiten“ als auch „schlechte Zeiten“ geben.
Scott Peck sagt dazu wörtlich:
Gemeinschaft und Liebesbeziehungen verlangen von uns, dass wir es ein bisschen aushalten, wenn es ungemütlich wird. Beides verlangt ein gewisses Maß an Verbindlichkeit. Unser Individualismus muss durch Verbindlichkeit ausgeglichen werden. […] Vielleicht ist der wichtigste Schlüssel zum Erreichen dieses Ziels das Anerkennen von Unterschieden. In echten Gemeinschaften werden menschliche Unterschiede nicht ignoriert, verleugnet, versteckt, sondern sie werden geschätzt. […] Und in allen Fällen hat das Überwinden eine Menge mit Liebe zu tun.
Weil dies alles natürlich sehr idealistisch klingt, ergänzt er zwei Seiten später:
Ein wichtiger Bestandteil von Realismus oder Lebensnähe muss hier erwähnt werden: Bescheidenheit. Während schroffer Individualismus zu Selbstüberhöhung neigt, führt der sanfte Individualismus zu Bescheidenheit. Wenn wir anfangen, die Talente anderer zu schätzen, beginnen wir unsere eigenen Grenzen zu erkennen. Wenn wir andere über ihre Unzulänglichkeiten sprechen hören, werden wir dazu fähig, unsere eigene Unvollkommenheit anzunehmen.
Eine (Mehrfach)Beziehung, die von ihren Beteiligten in dieser Weise aufgefasst würde, wäre in höchst idealem Maß oligoamor. Denn mit der erwähnten Erklärung zur Verbindlichkeit würde sogleich auch persönliche Integrität („fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln“) und damit wiederum ein hoher Grad an Verantwortlichkeit für die Gesamtbeziehung Einzug halten.
Noch einmal Scott Peck:
Sobald wir mit Integrität denken, wird uns klar, daß wir alle (Mit)Verwalter*innen sind, und dass wir nicht unsere Verantwortung für die Verwaltung eines jeden Teils des Ganzen leugnen können. […] Als Verwalter*innen können wir keine Anhänger*innen isolationistischen Denkens sein.“
So weit – so wunderbar. Wenn wir in unseren Liebesbeziehungen diesen Stand erreichen könnten, dann wären wir einer Einschließlichkeit, wie sie aus dem oben stehenden Cartoon spricht, wahrhaft nahe – und wir hätten auf Erden vermutlich weit weniger Probleme miteinander…

Wären wir 100%ig einschließlich, dann würde vermutlich sofort sämtliche Datingplattformen der Welt ihre Macht verlieren. Kennenlernen könnte dann z.B.wie die (angestrebten) anonymisierten Bewerbungsprozesse verlaufen – und wir wären einer potentiellen „Universellen Liebe“ sehr nahe: Jede*r Mensch auf diesem Planeten könnte fakultativ unser*e Beziehungspartner*in werden, wenn sich bei einem Treffen die berühmte metaphysische Komponente „Liebe“ einfände und ein gemeinsames Feuer entzünden würde.
Insbesondere für Mehrfachpartnerschaften wäre dieser Zustand verheißungsvoll: Weitere Liebste und auch die Liebsten unserer Liebsten würden verhältnismäßig problemlos einzubeziehen sein, weil eben das allseitige Bekenntnis zur Einschließlichkeit regelmäßig den Weg ebnen könnte, und die maßgebende Frage lediglich: „Warum denn eigentlich nicht? “ lauten würde.
Gleichzeitig sind wir aber alle Menschen, die in der heutigen Welt leben. Und in dieser Welt gibt es aktuell ökologische, gesellschaftliche und politische Prozesse, die unseren „Willen zur Einschließlichkeit“ täglich auf eine harte Probe stellen.

In ihrem hochaktuellen Song Liebestöter (Oktober 2019) beschreibt die Musikerin „Alice im Griff“, was in ihr ausgelöst wird, als sie herausfindet, daß sie sich in einer Liebesbeziehungen mit einem AfD-Wähler befindet:

Es fing alles so gut an du hast mich bei Parship angeschrieben
schon bei deiner ersten Nachricht fing ich an mich zu verlieben
120 Magic-Punkte – Wow! – wie konnte sowas geh’n?
Als du mich dann umarmt hast war’s komplett um mich gescheh’n
doch nun müssen wir uns trennen – oh mein Gott es tut so weh
wieso tust du mir das an wieso bloß wählst du AfD?

Ich hätte dich genommen, auch wenn du arm bist oder schnarchst
hätt‘ sogar Fleisch für dich gebraten auch wenn du darauf nicht beharrst, Mann
ich wär‘ dir treu geblieben, ach wär’s doch nur ein schlechter Scherz
doch du sagst du wählst die AfD und damit brichst du mir das Herz.

Ich seh‘ in deinen schönen Augen und spür‘ in deinem Tunnelblick
deine Sehnsucht nach Gehör, nach Vertrau’n und etwas Glück,
du bist chronisch unterkuschelt, fühlst dich geleimt und abgehängt
doch deine Suche nach den Schuldigen hat dich mental sehr eingeschränkt.
Vielleicht ist es uns zu retten in dieser Zeit gar meine Pflicht
doch so sehr ich dich auch will, Mann verdammt, ich kann das nicht!

Ref.: Ich hätte dich…

Ich war hormonell schon auf dich eingestellt ich hab dich Liebesgott genannt
warum hab‘ ich den Defekt an dir nicht auf den ersten blick erkannt?
Du wirktest auf mich so erotisch, doch mein Ofen ist jetzt aus
ich war bereit für „50 Shades of Grey“ doch das hier halte ich nicht aus.

Ref.: Ich hätte dich…
Oh bitte sag‘, daß du’s dir überlegst und bitte brich mir nicht das Herz!

Der Eingangscartoon von NetzTeufel müsste also dahingehend nun mit der Gegenfrage „Und wenn er Misogynist, Tierquäler oder AfD-Wähler ist? “ ergänzt werden.
Tja, was dann?
In meinem 2. Eintrag kritisiere ich an der Polyamory, daß ein Teil der Vielliebenden dazu tendiert, ihre Partner*innen zu „kompartmentalisieren“ – also „in einzelne Anteile aufzuspalten“. Das wäre ja in obigem Fall auch wirklich praktisch: Die politische Einstellung des betreffenden Herrn einfach ignorieren und trotzdem mit ihm Tisch und Bett teilen – Problem gelöst.
Doch ich wäre nicht „Mr. Oligoamory“, wenn ich nicht in meinem 6. Eintrag darauf hinweisen würde, daß diese Herangehensweise in der Oligoamory nicht möglich ist, weil es hier darum geht, einen Menschen als „Gesamtheit“ zu lieben, also auch mit allen Anteilen ihres*seines Innenlebens.
Und „einschließlich“ wäre eine Herangehensweise des „Kompartmentalisierens“ ja nun erst recht nicht – denn eine „Summe der Teile“ könnte selbstverständlich auf diese Weise auch niemals entstehen.
Vor allem, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und diese Problematik noch auf ein Mehrfachbeziehungsnetzwerk ausdehnen: Was wäre, wenn mein*e Partner*in eine*n Misogynisten, Tierquäler*in oder AfD-Wähler*in als neue*n Liebste*n mit nach Hause brächten? Dann müsste ich gemäß Eintrag 6 diese neue Liebe wohl künftig in meinem Lieblingsmenschen mitlieben – auch wenn ich selbst keine eigenständige Beziehung zu dem oder der „Neuen“ aufbauen würde…
Und Scott Peck zufolge wäre ich dann sogar gewissermaßen „Mitverwalter“, hätte Verantwortung für den neuen Teil – und dessen Sprechen und Tun.
Wie singt da Alice: „Mann, verdammt ich kann das nicht!
Nein, ich könnte das auch nicht.
Unser „Wille zur Einschließlichkeit“ hat also offensichtlich persönliche Grenzen. Und diese persönlichen Grenzen sind obendrein unverkennbar sehr individuell; denn ihren Vegetarismus hätte z.B. Alice auf dem Altar ihrer Liebe vielleicht nicht unbedingt geopfert – aber ihrem neuen Partner zuliebe zumindest relativiert – etwas, was ihr mit seiner politischen Einstellung eben nicht mehr gelingt.
Das scheint somit fast eine Art Paradoxon zu sein, denn wenn diese Grenzen existieren, dann ist doch der Weg zu jedem wahren integrativen Miteinander von vornherein verbaut?
Oder alternativ: Müsste ich mir also, um „wahres Miteinander“ zu gewährleisten, alles gefallen lassen bzw. dürfte ich darin keine persönlichen Standpunkte und Grenzen mehr haben?

Wenn ich an ein menschliches Ringen um „Einschließlichkeit“ denke, dann fällt mir als meine liebste Gestalt die des jüdischen Milchhändlers Tevje aus dem Musical „Anatevka“ ein:
Mit seinen drei Töchtern hat es Tevje nicht leicht. Alle wählen sich nacheinander einen Ehemann, der aus unterschiedlichen Gründen so gar nicht in das System des väterlichen Ethos paßt. Tevje regt sich zunächst jedes mal schrecklich auf, zieht sich dann aber auf der Bühne zu einem inneren Monolog zurück (an dem die Zuschauer also teilhaben) und wägt mit einem ausführlichen „Einerseits…“ / „Andererseits...“ so lange ab, bis er sich selbst beruhigt und er quasi auf diese Weise den neuen Schwiegersohn in sein persönliches Wertesystem „integrieren“ kann.
Die Gestalt des „Tevje“ führt bildhaft vor Augen, was auch Scott Peck beschreibt:
Integrität ist nie schmerzlos. Sie verlangt zuzulassen, dass die Dinge sich aneinander reiben, und wir die Spannung zwischen in Konflikt stehenden Bedürfnissen Forderungen und Interessen ganz erfahren und uns gefühlsmäßig zwischen ihnen zerrissen fühlen.
Auch Tevje kommt daher im Laufe der Geschichte – so wie Alice in ihrem Song – an seine Grenzen. Seine jüngste Tochter will nämlich einen Russen heiraten, was nicht nur einen Religionswechsel der Tochter zur Folge hätte, sonder auch einen „Judenfeind“ zum Schwiegersohn machen würde (da zu der im Musical dargestellten Zeit die Russen gerade versuchen, die Juden aus ihrem Land zu vertreiben). Folgerichtig bleibt Tevje bei seinem dritten Monolog am letzten „Andererseits…“ hängen und erkennt „Es gibt kein ‚Andererseits’…! “ – weil er sich damit spirituell, ethnisch und politisch zu sehr selbst verleugnen müsste, um auch diesmal „Einschließlichkeit“ um des Familienfriedens wegen herstellen zu können. Im Musical kommt es zu einem dramatischen Zerwürfnis mit der Tochter, das erst nach vielen Fährnissen für alle Beteiligten wieder geheilt werden kann. Aber auch, weil am Ende doch sämtliche (!) Beteiligte den „Willen zu Einschließlichkeit“ wiederfinden, Vorurteile überwinden und aufeinander zugehen.

In dem in diesem Artikel schon oft zitierten Buch „A Different Drum – Gemeinschaftsbildung“² von Scott Peck beschreibt dieser verschiedene Gemeinschafts- und Beziehungsformen, die alle, gleich Tevje, um ihre „Einschließlichkeit“ ringen. Dabei skizziert er zahlreiche Vorkommnisse – von äußeren Schwierigkeiten, wie Krieg und Wirtschaftskrise, bis hin zu persönlichen Dramen, wie z.B. Dates, bei denen eine Person regelmäßig betrunken erscheint.
Und am Ende dieses Absatzes erklärt der Autor beruhigenderweise, daß er in seiner langen Praxis keine Gemeinschaft(lichkeit) erlebt hat, die je zu jeder Zeit 100% einschließlich gewesen wäre.
„Einschließlichkeit“ – also ein unerreichbares Ideal, nur ein „Papiertiger“?
Dazu antwortet Scott Peck:
Vielleicht ist der erste Schritt auf dem Weg zur Gemeinschaft das Anerkennen der Tatsache, dass wir eben nicht alle gleich sind und es nie werden können. […]
Ich möchte daran erinnern, dasss Menschen in Gemeinschaften [also auch in Mehrfachpartnerschaften! (Oligotropos)] in einem Zustand sind, in dem sie lernen, ihre Abwehrmechanismen abzubauen, anstatt sich dahinter zu verstecken. Sie lernen nicht nur, ihre Unterschiede zu akzeptieren, sondern sich über sie zu freuen, anstatt sie wie gewöhnlich niederzumachen. Durch Gemeinschaft verliert Vielfalt ihren Problemcharakter. Gemeinschaft ist wahrhaftig ein alchemistischer Prozess, der die Schwierigkeiten unserer Vielfalt in goldene Harmonie verwandelt.


Auf Liebesbeziehungen übertragen bedeutet dies, was Tevje, dessen jüngste Tochter und sein russischer Schwiegersohn im Musical erfahren – und was auch Alice sich mit ihrem Stoßseufzer am Ende des Songs wünscht: Daß eine liebende Beziehung und ein liebendes Miteinander der Ort sein können, an dem alle Stimmen gehört werden dürfen.
So erfährt Tevje, daß sein Schwiegersohn letztlich ein prima Kerl ist (und ein politischer Oppositioneller, der sogar auf seiner Seite steht) – und daß seine Tochter eine Idealistin geworden ist, die der Stimme ihres Herzen folgt – was Tevje mit seiner Vaterschaft genau immer herbeigesehnt hatte.
In dieser Weise könnte eventuell auch der neue Partner von Alice erleben, daß er die AfD nicht mehr braucht, weil er in der Beziehung zu seiner Liebsten Gehör und Vertrauen geschenkt bekommt – und er so entdeckt, daß Verantwortungsübernahme immer der Job von allen Beteiligten ist – und nicht in ein Außen oder auf irgendwelche „Sündenböcke“ abgeschoben werden kann.
Und Alice könnte herausfinden, daß sie in ihrer „integrativen Hartnäckigkeit“ bestärkt wurde, weil sie bis zuletzt aus Liebe (trotzdem) an ihrer Einschließlichkeit festhielt und immer wieder die Hand zu einer Verständigung ausgestreckt hat (jedenfalls könnte man die letzte Szene des Musikclips so deuten).

Einschließlichkeit bedeutet also weder Akzeptanz um jeden Preis noch automatisch harmoniestiftende Beschwichtigung.
Dahingehend überlasse ich das Schlusswort heute ebenfalls Scott Peck:
Integration meint nicht gleichmachen; es entsteht daraus kein zerkochter Eintopf. Vielmehr kann man Gemeinschaft mit einem Salatgericht vergleichen, dessen einzelne Zutaten ihre Identität bewahren und im Zusammenwirken noch hervorgehoben werden. Gemeinschaft löst nicht das Problem der Vielfalt, indem sie die Verschiedenheit auslöscht. Vielmehr sucht sie sich Vielfalt aus, heißt unterschiedliche Sichtweisen willkommen, umarmt Gegensätze, wünscht von jeder Streitfrage auch die andere Seite zu sehen. Sie bezieht uns Menschen ein in einen lebendigen Körper.




¹ Bildnachweis: Mit NetzTeufel hat die Evangelische Akademie zu Berlin ein Projekt gestartet, das direkt in digitalen Räumen agiert: Wir analysieren in Social Media die Verbreitung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Namen des christlichen Glaubens. Auf dieser Basis fragen wie, wie #DIGITALEKIRCHE Zivilcourage im Netz stärken kann: https://www.netzteufel.eaberlin.de/

² Einmal mehr: Das großartige Buch von Scott Peck „Gemeinschaftsbildung (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag