Eintrag 20 #Kommunikation

Gewaltfrei und aufrichtig

Vorbemerkung: Dieser Text wurde von mir erstmals Ende Oktober 2018 für eine Facebook-Gruppe zum Thema polyamorer Mehrfachbeziehungen geschrieben.
Er entstand als persönliche Antwort auf die Frage nach der „Nützlichkeit“ der Anwendung von „Gewaltfreier Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg)“ [gfK] und „Radikaler Ehrlichkeit (nach Dr. Brad Blanton)“ [rE] im Hinblick auf die Führung von Mehrfachbeziehungen.
Da ich auf meinem bLog regelmäßig Bezug auf beide Kommunikationsformen nehme (zuletzt in den Einträgen 3, 4, 5, 8, 9 und 11 ) – woran abzulesen ist, daß ich diesen Herangehensweisen auf jeden Fall erhebliche Bedeutung zumesse – möchte ich meinen damaligen Artikel auch hier noch einmal in Bezug auf die Art der Anwendung in oligoamoren Zusammenhängen einstellen.

Kurzbeschreibungen:

Die „Gewaltfreie Kommunikation
(gfK) wurde schriftlich erstmals 1972 von dem amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg formuliert.
GfK stellt ein Handlungskonzept dar, welches Menschen ermöglichen soll, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. Es heißt, daß gfK in diesem Sinne sowohl bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein kann. Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglichen möchte.
GfK betrachtet insbesondere Ursachen der Konfliktentstehung; hierbei steht u.a. unsere „lebensentfremdende“, in Teilen als gewaltvoll angesehene Alltagskommunikation im Mittelpunkt. Die gfK stellt zur Konfliktvermeidung und -auflösung vor allem auf das Erforschen der eigenen, persönlichen Bedürfnisse und deren Kenntnisnahme ab und ruft zu einer Schulung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit auf, sowohl was das Geschehen um einen herum als auch die eigenen Emotionen und Gefühle dazu angeht.
Schon vor Rosenbergs Tod im Jahr 2015 hat sich gfK durch engagierte Rosenberg-Schüler in vielfältige Richtungen und Wirkungsbereiche weiterentwickelt.
Da sich gfK historisch aus der klinischen Psychologie von u.a. Carl Rogers heraus entwickelt hat, steht diese Kommunikationsform gelegentlich in der Kritik, anfällig für Manipulation oder „unzulänglich-erscheinen-(lassen)“ des Gesprächsgegenübers zu sein.

Die „Radikale Ehrlichkeit“ ¹
(rE) [im Original „Radical Honesty“] wurde schriftlich erstmals 1990 von dem amerikanischen Psychotheraputen Dr. Brad Blanton formuliert.
RE ist als Selbstverbesserungsprogramm konzipiert, das von Dr. Blanton vor allem zur authentischen Gesprächsführung entwickelt wurde.
Seine Philosophie macht geltend, dass Lügen und Manipulation die Hauptquelle des modernen menschlichen Stresses seien, da aus Scham oder Selbstdarstellungsabsichten kaum noch offen kommuniziert würde. Daher wird bei ihm auf und direktes und unverblümtes Sprechen hingewirkt, sogar über schmerzhafte oder tabuisierte Themen. Auf diese Weise könne authentische Vertrautheit erzeugt werden, die die Kommunikationspartner zufriedener machen würde, was beim Zurückhalten bzw. Verbergen von eigener Befangenheit nicht möglich ist.
Demgemäß müsste Blantons „Radical Honesty“ im Deutschen korrekterweise mit „Radikaler Offenheit“ oder „Radikale Aufrichtigkeit“ übersetzt werden, weil dies das eigentliche Ziel des Selbstausdrucks sein soll.
Dr. Blanton vermarktet derzeit als Rechteinhaber seine Kommunikationsform selber durch verschiedene von ihm geschriebene Bücher zum Thema sowie vor allem in Form von selbstgeleiteten Workshops und Seminaren.
Da es bei rE erwünscht ist, sogar eine erst einmal subjektive „Wahrheit“ in extrem freimütiger und geradewegs schlichter Form zu äußern, steht rE in der Kritik – je nach Kontext – unempathisch bis absichtsvoll beleidigend auf die Gesprächspartner einzuwirken.

Sowohl die „gewaltfreie Kommunikation (gfK)“ als auch die „radikale Ehrlichkeit (rE)“ werden wegen ihrer gesprächsunterstützenden Einsatzmöglichkeiten regelmäßig auch für die Kommunikation in intimen Beziehungen empfohlen – insbesondere bei herausfordernden Anliegen wie dem Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Stand- und Ausgangspunkte.
Speziell an dieser Stelle kommen die Mehrfachpartnerschaften ethischer Non-Monogamie (wie u.a. Offene Beziehung und Polyamory) ins Spiel:

So wird z.B. sowohl auf den Seiten polyamorie.de (von Silvio Wirth, u.a. Integrales Tantra, Sexualtherapie), Christopher-Gottwald.de (ders., zu Polyamorie, Contact Improvisation und Sexological Bodywork), als auch im Artikel der deutschsprachigen Wikipedia zu »Polyamorie (9.3. Kommunikation und Verhandlung)« „Gewaltfreie Kommunikation“ als vorteilhaft für die Gesprächsführung in Polybeziehungen genannt (Ich zitiere insb. diese drei Webseiten, weil Informationssuchende im deutschsprachigen Raum bei der Suche im www mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell auf eine dieser Seiten stoßen werden).

Wenn in diesem Zusammenhang nun also jemand mich dahingehend nach meinen Erfahrungen damit befragen würde – etwa so: „Oligotropos, findest Du gfK und rE für Mehrfachbeziehungen nützlich? “ – dann würde meine Antwort lauten: „Nein.“ Allerdings mit dem wichtigen Zusatz: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß gfK und rE in der Hauptsache für mich ganz persönlich (meine Selbsterkenntnis, meine Arbeit an mir etc.) nützlich sind.“

Warum mein derartiges „Nein.“?:

1) Meinem Erleben nach besteht hinsichtlich gfK und insbesondere bei rE der Grundirrtum, daß diese Kommunikationsformen primär dafür angelegt sind, daß „Ich jetzt mal was sagen darf…! “. Und daß ich, um eine in mir aufgelaufene und drängende Irritation mittels einer Kommunikationsform, die auf einem friedlichen oder radikal ehrlichen Kontext aufgebaut ist, quasi nicht nur gleichsam die Berechtigung erwerbe, mich endlich ausdrücken zu dürfen, sondern auch, da ich das dann ja mittels einer der beiden höchstentwickelten Kommunikationsweisen auf diesem Planeten „gewaltfrei“ bzw. „radikal ehrlich“ getan habe, folglich die Berechtigung erwerbe, endlich auch ernst genommen, verstanden und gehört zu werden.

Ich möchte niemanden meiner Leser*innen, die sich bisher in ihrem Leben angelegentlich schon mit gfK oder rE beschäftigt haben, enttäuschen – aber meinem Verständnis nach ist dies (leider) nicht die Idee hinter der Sache, obwohl beide Kommunikationsweisen am häufigsten aus diesem Grund meist überhaupt erst hervorgeholt werden. Ich habe aus eigener Erfahrung auch sehr großes Verständnis für diesen Wunsch, denn meine Sehnsucht „endlich verstanden/gehört“ zu werden, ist selbstverständlich oft ebenfalls sehr groß.

Was ist stattdessen meiner Meinung nach der Kern von gfK und rE?
So ungern ich das manchmal selber realisieren will: Die Grundhaltung, sich (mit seinem evtl. Anliegen) dem/den Kommunikationspartner/n gegenüber vollkommen nackt und authentisch zu zeigen. Also völlig maskenlos und ungeschönt – aber dafür mit einem sehr hohen (Selbst)Vertrauen. Was demgemäß in diesem vollkommen friedvollen und selbstehrlichen Moment in gewisser Weise ein Risiko enthält, sich so „enthüllt“ den Gesprächspartnern auszuliefern bzw. anzuvertrauen.
Welchen Sinn haben die Schöpfer der gfK oder der rE dadurch anstreben wollen?
Hier unterscheiden sich gfK und rE etwas von einander:
►Bei der gfK wird dadurch ein Augenblick hergestellt, in dem ich mit meinem Gegenüber die Grundlage zu einem Dialog/Prozess eröffne, der als Ziel das wechselseitige Beitragen zu unserem jeweiligen Wohlbefinden (vulgo: „Win-Win-Situation“) hat.
►Bei der rE stellt sich für den „Nackten“ ein Moment außerordentlicher Klarheit ein, da der/die Dialogpartner*innen nun ihrerseits in authentischer Weise auf den manipulationsfreien Selbstausdruck reagieren können (oder eben nicht) – was zu einer unverbrämten Aufdeckung der allseitigen Beweggründe führen wird.

Jetzt könnte man mich fragen: „Aber ist das nicht das selbe – dieser authentische Selbstausdruck und das oben erwähnte ‚…jetzt darf ich mal was sagen…! ‚?“

Wiederum verneine ich, da das forsche und durch gfK oder rE vermeintlich geadelte „…jetzt sag‘ ich mal was…! “ nur den Teil beider Systeme anwendet, in dem es um das Aussprechen eines subjektiven Befindens (mit Anspruch auf Erhörtwerden) geht, nicht aber den anderen, meiner Erfahrung nach viel wichtigeren und schwierigeren, Teil des empathischen Hörens und der damit verbundenen gewaltfreien bzw. radikal-offenen Grundhaltung.

2) Konkret Mehrfachbeziehungen betreffend, noch konkreter bezogen auf eine real existierende Menschengemeinschaft, welche nun versucht, ein Problem, eine Irritation, einen Umstand, ein Hindernis mittels gfK oder rE zu bearbeiten, verneine ich die unmittelbare Nützlichkeit dieser Kommunikationssysteme, insbesondere, wenn sie (erst) im Krisenfall aktiviert werden (das klassische „Küchentischgespräch“). Es hört sich ja erst einmal gut an, wenn alle Beteiligten sich darauf einigen, eine aufgelaufene Angelegenheit im anstehenden Gespräch mittels gfK oder rE anzugehen.

Aber: Die Komplikation, die sich bei dieser Herangehensweise ergibt, ist, daß bei solcherlei Anwendung von gfK oder rE diese wie „Büroyoga“ lediglich als „Technik“ benutzt werden, um die individuellen Ziel- bzw. Wunschvorstellungen der Gesprächspartner*innen zu erreichen.
Weder gfK noch rE sind aber von ihren Gründern mit der Absicht eine „Technik“ – ein nützliches Werkzeug – zur Verfügung zu stellen, entwickelt worden.
Sowohl Marshall B. Rosenberg als auch Dr. Brad Blanton beabsichtigten vielmehr die Formulierung einer Grundhaltung, einer Lebenseinstellung und daraus resultierender Lebensweise. Beide Kommunikationsweisen stellen ein höchst authentisches Menschenbild in den Mittelpunkt, mit einer jeweils friedlich-wohlwollenden bzw. geklärt-aufrichtigen Einstellung gegenüber der Welt und dem Leben, mit all den dazugehörigen Umständen (im Vergleich mit unserem Büroyoga wäre hier also Yoga als spirituell-ganzheitlicher Pfad das passende Synonym).

Wenn sich nun die oben zitierte Gruppe zur Problemklärung an den Küchentisch setzt und gfK oder rE OHNE die dazugehörige Grundhaltung und nur als „Gesprächstechnik“ anwendet – obendrein noch auf ein Problem, welches sich außerhalb der vereinbarten Gesprächssituation im normal-unfriedlichen oder normal-verschlossenen Alltag ereignet hätte, dann haben die Beteiligten einen steinigen Weg vor sich, der mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende nicht zu allseitigem Wohlbefinden oder großer authentischer Offenheit führt – sondern viel eher in dem Erleben, daß man sich selbst oder die anderen sich mal wieder nicht recht verständlich machen konnten. Und das gfK und rE völlig überbewertet seien, weil sie hauptsächlich dazu dienen würden, unbequeme subjektive „Wahrheiten“ auf den oben erwähnten Küchentisch zu kotzen, womit vor allem das gemeinschaftliche Unbehagen erhöht wurde.

Die Anwendung von gfK und rE als reine Gesprächs“techniken“ beinhaltet darüber hinaus die Gefahr der „Welle unter dem Teppich“:
Wenn die Beteiligten einer Mehrfachbeziehung es nicht gewohnt sind, selbstreflektiert normal-menschlich anfallende Irritationen zeitnah im Alltag anzusprechen, dann hat sich meist bis zum schicksalhaften „Küchentischgespräch“ ein ganzer Berg von emotional belastenden Anliegen „unterm Teppich“ angestaut, was quasi schon wie eine „Welle“ unsichtbar über dem Tisch hängt. Wenn in so einem Moment dann auch noch versucht werden soll, beim „Küchentischgespräch“ technisch einwandfrei „friedlich“ oder „offen“ miteinander umzugehen, ist die emotionale Belastungsgrenze oft schon so hoch, daß das initiierte Gespräch bereits nach wenigen Sätzen in Gefahr gerät, dadurch erst recht hochemotional zu entgleisen und mit Streit und Tränen einherzugehen – was obendrein für die selbsternannten Anwender*innen gfK und rE erstmal sehr entzaubern dürfte…
PS: Eine lediglich „problemorientierte“ Anwendung von gfK und rE könnte übrigens ein Indiz dafür sein, daß diese Kommunikationsformen nur „technisch“ – nicht aber integrativ, verwendet werden. Schließlich eignen sich beide Grundhaltungen genauso ausgezeichnet dafür, echte Freude und tiefe Einmütigkeit auszudrücken…

3) Aus dem unter 2) Gesagten kann ich erfahrungsgemäß noch ableiten, daß gfK und rE darum auch nicht gut geeignet sind, um Probleme oder Verhaltensweisen einer miteinander erlebten Vergangenheit zu bearbeiten (damit meine ich eine Vergangenheit, in der die Mehrheit der Kommunikationspartner sich noch nicht im gfK oder rE -Kontext bewegt haben).
Da man damals ja (noch) nicht auf der Grundlage von gfK oder rE agiert hat, waren für einen selbst und die Anderen damals völlig anders gelagerte GUTE Gründe für das Handeln und Sprechen maßgeblich. Und ich betone hier das GUTE so sehr, weil ich uns allen wünsche, daß wir alle sozusagen Superhelden in unserem eigenen Film sind, die es erst einmal nicht darauf anlegen, bösartig absichtsvoll Schaden zu verbreiten – sondern ganz im Gegenteil, den eigenen, zu dem Zeitpunkt hehren, Motiven und Motivationen folgten (siehe Eintrag 11).
Wenn sich also unsere Mehrfachbeziehung heute wieder um den Küchentisch versammelt, um im Lichte der gfK oder der rE vergangene Irritationen der Marke „…ich weiß noch ganz genau, als Du damals XYZ…“ anzugehen, besteht eine große Gefahr der Selbst- und Fremdverurteilung.
Beispiel: Das wäre in etwa, als ob man heute bearbeiten wollte, daß man früher mal seinen Hund mit Kettenwürger zur Räson gebracht hat (Mensch, war ich damals fies und gewaltsam…) und Du, Du hast Deinen Hund sogar mit der Reitgerte zum Parieren gebracht (Mensch, Du warst noch viel fieser und gewaltsamer – und sooowas von unreflektiert…)… Damals aber hat man sich selbst in einem Kontext von Verantwortung für das Tier, sein Verhalten und die allgemeine Sicherheit gesehen und wußte es schlicht nicht besser, auch damals hatte man also nach Lage der Dinge SEHR GUTE Gründe.
Wenn nun also in unserem Küchentischgespräch heute gfK oder rE benutzt werden, um HEUTE (manipulativ) Ursächlichkeit bzw. Schuld zuzuschreiben oder aufgrund vergangener Verhaltensweisen Anklagen zu tätigen, dann wird der Zweck von gfK bzw. rE völlig verdreht. GfK und rE können heute möglicherweise dazu dienen, im Rückblick darüber zu reflektieren, anzuerkennen oder zu trauern, daß wir (alle!) es damals evtl. nicht besser wußten – aber genau an dieser Stelle tritt hervor, wie wichtig es wäre gfK oder rE eben nicht als situative Technik sondern als ins eigene Leben integriert anzuwenden:
Denn dann ist es nur noch wichtig, ob ich ganz allein vor mir friedfertig-wohlwollend oder offen-authentisch existieren und mir selbst ins Gesicht blicken kann. Und erst dann kann ich mich auch so vor den anderen zeigen und mich ihrem Wohlwollen und ihrer Aufrichtigkeit anvertrauen (egal, wie diese auf meine „Selbstoffenlegung“ reagieren).
Außerdem: Um die Art, wie man mit „Altfällen“ umgehen möchte, kann man sich in keiner Lage drücken. Schließlich wird es im Umfeld immer jemanden geben, der das eigene Kommunikationssystem nicht teilt – und wenn es nur die Schwiegermutter ist. Da ist es beizeiten günstig, nicht nur das authentische Sprechen, sondern auch das verständige Hören zu beherzigen…

Mein Fazit:
…ist natürlich ein persönliches. Ich selber beschäftige mich seit ca. 8 Jahren (Stand 2019) mit gfK – und bislang ist es mir weder gelungen eine konstant friedlich-wohlwollende noch vollständig offen-aufrichtige Gesprächskultur mit meinen Beziehungsmenschen zu erreichen. Wenn ich mir aber meine Kommunikation von vor 10 Jahren ansehe, kann ich im Vergleich zu heute bei mir eine durchaus beachtliche Entwicklung feststellen – in meinem Fall dank gfK und der darin geschulten Bedürfniserforschung.

Sowohl gfK als auch rE sind in der Lage, uns auf eine individuelle Reise zur Entdeckung und Anerkennung unserer höchsteigenen Bedürfnisse und Beweggründe mitzunehmen. Beide Systeme eignen sich dazu, uns mit unserer Befangenheit im Dialog auseinanderzusetzen, wie selten wir unseren Gesprächspartner*innen wirklich vertrauen und uns selber zutrauen, uns in unserer normal-unzulänglichen Menschlichkeit zu zeigen.

Beteiligten an Mehrfachbeziehungen erst bei Problemstellungen gfK oder rE als möglichen Lösungsweg aufzuzeigen, halte ich aus den oben genannten Gründen für problematisch.
Die wenigsten von uns können aus dem Stand ihre wirklichen Bedürfnisse von Bedürftigkeiten bzw. innere Aufrichtigkeit von oberflächlicher Befindlichkeit trennen – oder gar Emotionen von Gefühlen abgrenzen. Wir alle agieren im „Normalbetrieb“ in einer in Teilen unfriedlichen Umwelt und werden gelegentlich von dem verständlichen Wunsch beherrscht, unsere Handlungsmotive in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Auch wenn wir in unsere Familien oder Mehrfach- bzw. Paarbeziehungen einkehren, streifen wir diese Haut fast nie automatisch ab.

Last but not least: Aus eigener Erfahrung ist sowohl in der gfK als auch in der rE das „gute Hören“ überproportional schwieriger zu meistern als das „gute Sprechen“. Denn erst beim „Hören“ (der anderen Dialogpartner*innen) zeigt sich erst wirklich, wie es tatsächlich um unser Vertrauen, Wohlwollen und unsere Aufrichtigkeit bestellt ist – und ob wir schon bereit sind, die anderen unverstellt in ihrer normal-unzulänglichen Menschlichkeit liebevoll zu akzeptieren. Ob und wie sich unsere (Selbst)Ehrlichkeit und Empathiefähigkeit also wirklich entwickeln, erfahren wir genau dort.
Diese Qualität für sich selber herzustellen erscheint mir als die wahre Herausforderung guter Kommunikation.

Marshall B. Rosenberg riet vermutlich darum zu einem Weniger – aber dafür mit mehr Gehalt, wenn es um Kommunikation in Beziehungen geht. Oder wie es sein fernöstlicher Geistesverwandter Thich Nhat Hanh ausdrückt: „Manchmal reicht es, nur beieinander zu sitzen und zu atmen… ² “



¹ Zu dem Konzept der „Radikalen Ehrlichkeit“ und zu Dr.Brad Blanton gibt es im deutschsprachigen Raum leider kaum Quellen. Ich verlinke daher in dieser Fußnote auf englischsprachige Ressourcen.

² Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh gilt als „Fernöstlicher Meister“ der gewaltfreien Kommunikation. Gedanken dazu hat er hauptsächlich in seinen Büchern „achtsam sprechen – achtsam zuhören“ (O.W. Barth 2014) und „Einfach lieben“ (O.W. Barth 2016) dargelegt.

Danke an Adi Goldstein auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 19

Verliebt ins Hier und Jetzt

Neulich wurde in einem sozialen Netzwerk – innerhalb einer Gruppe, die sich mit Mehrfachpartnerschaften beschäftigt – über Verliebtheit diskutiert. Wir hier zuhause haben uns noch eine Weile weiter über diese Themen ausgetauscht – und so möchte ich meinen Blog nutzen, um unsere Gedanken auf diese Weise auch noch einmal zu teilen.

Zunächst haben wir überlegt, daß „Verlieben“ wahrscheinlich ein vollkommen individueller Vorgang ist, den jede*r Mensch vermutlich ganz persönlich erlebt – insbesondere wenn man die biologisch-stammesgeschichtliche, sowie die zerebral-hormonelle Ebene von Oxcytocin und Vasopressin, von Testosteron und Prolakin dabei einmal außer Acht läßt (sehr ausführlich dazu R.D. Precht in seinem Buch „Liebe – Ein unordentliches Gefühl “, Goldmann 2009, Kapitel 1: Was Liebe mit Biologie zu tun hat).

Dem wirklichen Verlieben ist ja oftmals das sogenannte „Schwärmen“ vorgeschaltet.
Schwärmen – das kann man auch für Helden, für Filmstars, Musiker*innen, Models und den unerreichbaren Traummenschen aus der Parallelklasse. Dieser „Zielgruppe“ ist gemeinsam, daß wir uns wegen der eingebildeten oder tatsächlichen Distanz zu diesen Personen eher in unsere eigene Vorstellung, die wir uns von diesen Leuten ausmalen, vergucken – und nicht so sehr in den tatsächlichen Menschen selber.

Wenn es dann „ernster“ wird, wenn wir uns dann tatsächlich in ein konkretes Gegenüber verlieben, dann ist uns hier aufgefallen, daß sich die Grundlage dafür trotzdem vielfach aus so etwas wie dem „Schwärmen“ ergibt. Überraschenderweise scheint es dabei nämlich – ähnlich wie bei den „Pragmatikern und Idealisten“ – meistens zwei Ausgangspositionen zu geben:
Die erste Gruppe verliebt sich in eine andere Person, weil diese etwas (für sie) tut.
Die zweite Gruppe verliebt sich in eine andere Person, weil sie glaubt, einen Teil der Persönlichkeit des Anderen erkannt zu haben.

Die erste Gruppe möchte ich hier, etwas künstlich, „dissimilatorisch“ (von Lateinisch „dissimilis“ unähnlich) nennen.
Personen, die zu dieser Gruppe zählen, sind meist von der Unterschiedlichkeit der Menschen fasziniert. Sie legen sehr stark Wert auf ihre eigene Selbständigkeit und schätzen dies darum auch bei ihrem Gegenüber.
Wenn sich auf diese Weise situativ immer wieder neue Spannungsfelder durch die vielfältigen Anregungen der verschiedenartigen Persönlichkeiten auszubilden beginnen, würde eine dissimilatorische Persönlichkeit vermutlich so etwas denken wie: Ja, das ist wirklich cool JETZT!“.
Der „Schatten“ eines dissimilatorischen Stils wäre ein gewisser „Genießermodus“, der insbesondere in Beziehung solche Momente auskostet „solange es währt“ und ein Übergewicht auf positive Reize („Es soll gut sein, es soll leicht sein – ist es nicht leicht, ist es/bist Du nicht richtig…“) legt.

Die zweite Gruppe möchte ich hier demgemäß als „assimilatorisch“ (von Lateinisch „assimilis“ ähnlich) bezeichnen.
Personen, die zu dieser Gruppe zählen, suchen bei sich und ihrem Gegenüber sehr schnell nach verbindenden Gemeinsamkeiten. Sie schätzen ein Wir-Gefühl und legen Wert auf allseitige Bemühungen um einen gewissen Zusammenklang.
Wenn sich auf diese Weise ein gemeinsamer Raum auszubilden beginnt, würde eine assimilatorische Persönlichkeit vermutlich so etwas denken wie „Ja, das ist wirklich cool HIER!“.
Der „Schatten“ des assimilatorischen Stils wäre daher ein Hang zu zwanghafter „Ähnlichmachung“ und insbesondere in Beziehung ein gewisser „Ganzheitswahn“ („Wenn nicht größtmögliche Übereinstimmung/Harmonie herrscht ist es/bist Du nicht richtig…“).

Trotz dieser Unterschiede verlieben sich beide Gruppen in schöner Regelmäßigkeit etwa gleich häufig. Und da „Verlieben“ für unsere Körper und unseren Geist, die rein biologisch eigentlich auf sehr ökonomische Energiehaushaltung getrimmt sind, stets Stress in Form von aufzubringender Zusatzenergie bedeutet, ist Ver-lieben niemals be-liebig (und überhaupt: Sonst könnte man es doch bei dem viel bequemeren Schwärmen belassen…).
Genau genommen stecken also auch hinter dem Verlieben stets ein oder mehrere Bedürfnisse oder sogar eine Bedürftigkeit, die auf das Gewährleisten von Wohlbefinden oder persönlicher Zufriedenheit abzielen. Fast immer sind dies Bedürfnisse der Kategorien Gemeinschaft und Beteiligung (z.B. Angenommensein, Fürsorge, Gemeinschaftlichkeit, Unterstützung, Verbindung), Verständigung und Verständnis (z.B. Aufmerksamkeit, Gegenseitigkeit, Gehört werden, Vertrauen), sowie Zuneigung und Liebe (z.B. Empathie, Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität).

Diese Bedürfnisse aktivieren uns (oder versetzen uns zumindest in einen offenen, erwartungsfreudigen Zustand), so daß wir beim Verlieben – also zu einem Zeitpunkt, da wir das erwählte Gegenüber noch kaum einschätzen können – bereit sind, damit gewissermaßen eine Investition in eine potentielle bzw. fakultative Zukunft zu tätigen, die in unserem Leben möglicherweise nie reale Gestalt annimmt. Aufregende Rahmenbedingungen (wie bei dem in Eintrag 15 erwähnten „Brückenexperiment“) und/oder eine nur mäßig ausgeprägte, eigene Außenabgrenzung (wie bei vielen psychologischen und neurophysiologisch sensiblen Zuständen) können diesen Effekt zusätzlich sehr leicht verstärken.

Was im ersten Moment geradezu erstaunlich und schon beinahe etwas irrational klingt, ist für uns Mitglieder der Spezies „Homo Sapiens“ – egal zu welcher der beiden oben erwähnten Gruppen wir uns zählen – im höchsten Maße plausibel.
Denn wir Menschen sind absichtvoll und planend, weil wir bewußt-zeitliche Wesen sind, was uns vermutlich sogar von dem Gros aller übrigen uns verwandten Säugetiere unterscheidet.
Uns ist bewußt, daß wir eine Vergangenheit haben und eine noch gestaltbare Zukunft – und wir sind uns daher auch unserer Endlichkeit bewußt. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, daß unser Leben – buchstäblich auf Gedeih und Verderb – Prozeßhaftigkeit und Veränderlichkeit unterworfen ist. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche (Ecce homo 1888) nannte diese unumgängliche Erkenntnis einmal sehr schön „Bejahung des Vergehens“, denn für uns Menschen bestätigt sich alltäglich, daß wir eben nicht dauerhaft im 100%ig gegenwärtigen „Hier & Jetzt“ verweilen können. Wir können diesen besonderen Moment anstreben, wir können ihn erleben, auskosten – aber er wird, wie alles andere, nicht von Dauer sein.
Und darum sind wir ja manchmal in gewisser Weise auf die Tiere oder die übrige Natur, die sich ihrer zeitlich begrenzenden Komponente offenbar nicht bewußt sind, neidisch – und die darum auf uns oft so „ausgeglichen“ und sogar „zufrieden“ (was ja tatsächlich ein „in-Frieden“ ist) wirken, weil diese ausstrahlen, daß sie intuitiv/instinktiv immer in ihrem Tun „richtig“ sind.
Dieses „immer“ gibt es für uns nicht – und darum auch kein fortwährendes „richtig“.

Mit der Verliebtheit ist es also so eine Sache: Denn sie schränkt uns bewußt-zeitliche Wesen allein durch die hormonelle Aufwallung in unserer Gesamtwahrnehmungsfähigkeit ein. Wie bereits 1788 der berühmte Freiherr Adolph von Knigge in seinem 4.Kapitel (2. Teil) „Über den Umgang mit und unter Verliebten“ sagte: »Mit Verliebten ist vernünftigerweise gar nicht umzugehn; sie sind so wenig als andre Betrunkene zur Geselligkeit geschickt; außer ihrem Abgotte ist die ganze Welt tot für sie.«
Gerade dieser Fokus auf den „Abgott“, also den geliebten Menschen, versetzt uns gewissermaßen in eine Art „raumzeitliche Sonderzone“, wo es für die Beteiligten sehr leicht ist, das „Teil fürs Ganze“ zu halten – will sagen: In unserer Verliebtheit können wir sehr leicht glauben, den wichtigsten Teil bereits bewältigt zu haben – nämlich daß die „Reise zueinander“ jeweils schon ihr Ziel erreicht hat.

Wie sogar Herr Knigge dazu (im selben Kapitel) bemerkte:
»Die glücklichsten Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegeneinander mit Worten entdeckt hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man mitteilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Wert verlieren, die anständigerweise, ohne Beleidigung der Delikatesse, gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten oder wenn es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.«
Das hat der alte Freiherr zwar gut beobachtet – aber aus meiner Sicht preist er diese „glücklichsten Augenblicke“ der Verliebtheit ein wenig zu sehr. Denn was er beschreibt, ist genau genommen immer noch ein Zustand von Kommunikationslosigkeit, von vagem Ungefähr und von süßer Nicht-Gewissheit. Das allerdings kann uns den Beziehungsweizen noch vollständig verhageln, denn Nicht-Gewissheit ist eine akzeptable Basis für Schwärmerei und Verliebtheit – aber keine gute Grundlage für wechselseitige beständige Liebe.

Wenn wir nämlich dann wirklich aus der Verliebtheit heraus miteinander „in Beziehung gehen“, dann werden wir uns ja in jedem Fall auch in „sonstigen Zusammenhängen“ kennenlernen. Da tut unser Gegenüber vielleicht doch nicht immer das, was wir so faszinierend fanden. Oder es zeigt Seiten seiner Persönlichkeit, die wir bislang nicht erkannt oder erwartet hatten.
Was können wir diesbezüglich tun?
Das vielversprechndste Geheimnis solider Beziehungen, wenn man die glücklichen Betroffenen fragt, ist, daß die Beteiligten sich gegenseitig nicht nur als „Liebste“, sondern auch als „Freunde“ bezeichnen. Diese Menschen haben tagtäglich verinnerlicht, daß „den Anderen besser kennenlernen“ gleichzeitig „sich selbst besser kennenlernen“ bedeutet.

Für beide eingangs erwähnten Gruppen ist es also wichtig zu erkennen, daß weder inspirierende Erlebnisse noch gemeinschaftliche Harmonie sich durch unser (einseitiges) Wollen erreichen lassen.
Denn dabei versuchen wir das Unmögliche: Unsere Liebsten in unserer Vorstellung und in unserem Wünschen in einem bestimmten Zustand zu konservieren, der für uns „richtig“ ist und der uns anzieht, weil er uns so unähnlich oder so ähnlich ist. Was aber eben „prozeßhaft“ und „veränderbar“, unserer eigentlichen menschlichen Natur, in keiner Weise gerecht werden kann und damit unseren Liebsten quasi „verbietet“, sich jemals zu wandeln bzw. zu entwickeln.

Wenn man stattdessen seine Liebsten innerlich losläßt, dann ist man (jedesmal) im Hier und Jetzt angekommen und verharrt nicht mehr im ständigen „Wollen“. Die eigene Energie kann auf einmal ungehindert zu den Liebsten fließen und wird nicht mehr blockiert durch eigenes Festhalten oder Ausüben von Druck. Das heißt nicht etwa, nicht aktiv zu handeln, sondern das Handeln entsteht aus dem Augenblick heraus, ohne festen Plan. Man fixiert sich nicht auf ein Ziel, sondern ist ein Teil des Geschehen. Es bedeutet auch, den Moment, wie erkommt, anzunehmen, den nächsten Schritt zu machen oder zu lassen, dann aber die Folgen davon zu akzeptieren.¹

Und ob wir eher dissimilatorisch oder assimilatorisch veranlagt sind:
Dort beginnt das wirkliche „gemeinsame Wir“.




¹ Dieser letzte Absatz wurde von mir überwiegend dem Buch „Mit Pferden sein… – Das Leben ist einmalig“ von Sabine Birmann, Ippikon Verlag 2017, entnommen.

Danke an Jean-Alain Passard auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 18

„Wenn einer in die Irre geht, dann heißt das noch lange nicht, daß er nicht auf dem richtigen Weg ist.“
Hans Bemmann, Stein und Flöte (1983)

Oh diese Oligoamoren! Ein ganzer Monat Vorarbeit und Feldstudien. Auswählen einer ethnologisch relevanten Gruppe. Richtmikrofon, Aufnahmetechnik und schließlich ein perfekt errichteter, sorgfältig abgetarnter Unterstand ganz in der Nähe ihres allabendlichen „Feuers der Geschichten“. All das, nur um den oligoamoren Eingeborenen eine weitere ihrer grandiosen Legenden abzugewinnen, von denen ich ja weiß, daß sie voller Sinnbilder für die Führung verbindlich-nachhaltiger Mehrfachbeziehungen stecken.
Und dann DAS! Ausgerechnet in dieser Nacht (in der wissenschaftlich relevanten Nacht!) erzählt da einer am Feuer doch tatsächlich das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“. Ja, wirklich! Das aus der Bibel, Lukas-Evangelium, Kapitel 15. Diese total verstaubte Homecoming-Geschichte, bei der es mir hier jetzt sogar zu peinlich ist, sie noch einmal komplett hinzuschreiben. Kann ja jede*r wortwörtlich in der Bibel nachlesen – oder im Internet.
Die ganze Vorbereitung für die Katz, die Feldforschung ruiniert, Erkenntnisgewinn: Null. Die Oligoamoren sind nicht einmal christianisiert. Eigentlich habe ich bisher noch gar nicht herausgefunden, woran sie so glauben – religiös meine ich. Wahrscheinlich ohnehin so ein Potpourri, zusammengetragen von all denen, die es im Laufe der Jahrzehnte zu diesem entlegenen Eiland geschafft haben. Wäre ja auch wieder typisch für die Oligoamoren – wo die doch so auf Potentialvereinigung und „mehr als die Summe der Teile“ stehen…

An Schlaf ist jedenfalls nicht zu denken, ich wälze mich unruhig auf meinem Feldbett hin und her und kann es immer noch kaum fassen. „Verlorener Sohn“ pfff…

Der Horizont färbt sich schon rötlich und kündigt den Beginn des neuen Tages an, da bin ich immer noch wach. Ich hocke vor meiner Büchersammlung, die ich eigens mit auf die Insel habe schaffen lassen. Aber auf Biblisches war ich eigentlich am allerwenigsten vorbereitet und ich habe kaum Literatur zu dem Thema dabei.
Aber dort – links bei den paar Werken zu Religion und Weltanschauungen, da steht ein Bändchen, dessen Umschlag einen Rettungsring zeigt. „Das Schweigen Gottes – Glauben im Ernstfall“ von dem Pfarrer und Professor Helmut Thielicke (erschienen 2000); ich meine dunkel, daß der etwas zu diesem Gleichnis geschrieben hat. Ich ziehe das dünne Taschenbuch hervor und finde tatsächlich auch alsbald die betreffende Stelle:

Der junge Mann ging wohl weg, um sich selbst zu finden.
Damit man sich selbst finden kann, muß man manchmal eigene Wege gehen. Zu Hause, in der Atmosphäre seines Elternhauses, mußte er ja immer tun, was der Vater wollte oder was die häusliche Sitte erforderte. Da fühlte er sich abhängig. Er konnte nicht tun was er wollte, sondern er konnte nur tun, was sich eben gehörte. Und darum gehörte er nicht sich selbst, sondern er gehörte den Gepflogenheiten seines Elternhauses. Da er außerdem nur der jüngere Bruder war, kam er erst recht nicht zu eigener Entfaltung.
Darum ging er weg, um sich selbst zu finden. Man könnte auch sagen: Er ging weg, um die Freiheit kennenzulernen.
Und diese Freiheit, die ihn lockte und die ihm versprach, daß er nun einmal ganz »er selbst« sein dürfe, diese Freiheit erschien ihm als Freiheit von allen Bindungen
.“

Ich pfeife durch die Zähne und sehe mich sogleich ertappt um – gut, daß ich meine Gefährtin nicht geweckt habe. Leise sage ich es in 12 Stunden zum zweiten Mal: „Oh diese Oligoamoren!“ Deswegen also gefällt ihnen diese Geschichte so gut… Weil es darin auch wieder um das Spannungsfeld zwischen Verbindlichkeit und Freiheit geht, welches ich in Eintrag 7 schon einmal beleuchtet hatte…! Neugierig geworden lese ich weiter, was der Professor schreibt:

Nun aber berichtet die Geschichte etwas Merkwürdiges:
Sie sagt uns nämlich, der verlorene Sohn habe all sein Gut mit unrechten Freunden, zweifelhaften Frauenspersonen und anderem üblen Gelichter vertan, sei schließlich an den Bettelstab gekommen, von allen verlassen worden und habe zu guter Letzt die Schweine hüten und aus dem Schweinetrog essen müssen.
Wenn also in seinem Aufbruch ein gewisser idealistischer Schwung gelegen und wenn ihn so etwas wie die Sehnsucht nach der Freiheit getrieben haben mag, so ist er bald kläglich gescheitert. Er suchte die Freiheit und sah sich bald geknechtet an seine Triebe, an seinen Ehrgeiz, an die Angst vor der Einsamkeit, der gegenüber ihm jede*r noch so obskure Gefährt*in recht war; er war geknechtet an das Geld, mit dessen Hilfe er seinen Leidenschaften frönte.
Und also war er nicht frei, sondern er war auf eine neue Weise gebunden. Aber diese Bindung war schrecklicher als alles, was er einmal als häusliche Bindung beklagt hatte.
Was war passiert? Nun ganz einfach dies, daß er sich im Gegensatz zu dem, was er sich vorgenommen hatte, eben selber nicht fand, sondern daß er sich verlor.
Als er sich selber suchte, da meinte er, er würde sich finden, wen er einmal alle seine Anlagen und Gaben zur Entfaltung brächte. Tatsächlich hat er sich dann in der »freien« Fremde ja auch entfalten können. Aber was war es, was sich da als seine »geprägte Form« nun »lebend entwickelte« ?
War es das sogenannte bessere Ich, waren es seine idealistischen Motive, die da zum Zuge kamen?
Vielleicht war das alles auch dabei. Aber jedenfalls entwickelten sich bei seiner Selbstentfaltung auch die dunklen Seiten seines Wesens: Trieb, Ehrgeiz, Angst, Wollust. Indem er sich selbst entfaltete, wurde er gerade an das verknechtet, was sich an dunklen Gewalten in ihm meldete und sich eben mitentfalteten. So saß er schließlich im greulichsten Elend einer Tagelöhnerschaft. So war er plötzlich der letzte Knecht.

Über dem Eiland der Oligoamory geht die Sonne auf – aber ich habe heute keine Augen für dieses Naturschauspiel. Ich sitze da, mit dem Buch in der Hand, wie vom Donner gerührt. Was sich mir nach diesen Zeilen offenbart hat, hat mir den letzten Zweifel genommen, warum die Oligoamoren diese Geschichte so faszinierend finden, daß sie sie in ihren eigenen Geschichtenkanon integriert haben.
Was ich zunächst nur für ein Sinnbild zu dem bekannten Zwiespalt zwischen Verbindlichkeit und Freiheit hielt, entpuppt sich bei tieferer Reflektion als bedeutende Parabel hinsichtlich unserer Motivation und inneren Aufgestelltheit in Sachen (Mehrfach)Beziehung.
Denn da wird ja zu Beginn auch oft von dem „Aufbruch“ (z.B. in die Polyamory) gesprochen. Und so ein verheißungsvoller Aufbruch ist es dann doch auch oft, voller Sehnsucht nach einer neuen Freiheit und voller Idealismus.
Bis – ja, bis wir manchmal schmerzhaft bemerken, daß wir uns selbst auch bei so einem Aufbruch immer „mitnehmen“. Und daß wir – so wie der „verlorene Sohn“ – wohl in neuen Beziehungs- und Gemeinschaftsformen zwar unser Potential entfalten – aber eben buchstäblich unser GANZES Potential: Sowohl das, was im Licht (also bewußt) ist – als auch unsere verschatteten Anteile (was in der Psychologie das „Unbewußte“ genannt wird, und das Anteile enthält, die wir selber nicht gar so gerne an uns wahrnehmen wollen).
Und das, ich weiß es selbst, kann einem die Beziehungssuppe gerade zu Anfang ganz schön versalzen, wenn man plötzlich von persönlichen Unsicherheiten, alten Ängsten, schlecht erlernter Kommunikation, Selbstüberschätzung oder lauernder Bedürftigkeit gebeutelt wird und eigentlich „nur“ auf der Suche nach Freiheit und liebenden Verbindungen war…
Der Zwiespalt zwischen Freiheitswunsch und Ver-Bindung – ja, darum geht es. Nicht aber, wie ich zu Anfang glaubte, im Außen – sondern tief in uns selbst.
Es ist nicht mehr viel Text im Kapitel übrig, darum lese ich rasch, was der Professor für sich aus der Geschichte ableitet:

Nun passiert die zweite Merkwürdigkeit:
Als er so im Elend des Knechtsdaseins sitzt, da sehnt er sich nach der Freiheit, die er als Kind im Elternhaus genossen hatte. Nun weiß er auf einmal, daß sie wirkliche Freiheit war. Ja, er weiß noch mehr: Er weiß nämlich plötzlich, daß Freiheit nicht etwa Bindungslosigkeit ist (die hat sich ja gerade als Knechtschaft entlarvt), sondern daß die Freiheit nur eine besondere Form der Bindung ist.
Freiheit habe ich nur, wenn ich im Einklang mit meinem Ursprung lebe, wenn ich also – so heißt das dann ohne Bild – im Frieden bin. Und als er sich darum zur Heimkehr entschließt, da ist das kein moralischer Entschluß, der ihn auf die lockende Fremde verzichten ließe – mit Ach und Krach und mit jenem moralischen Kater, wie er solche Entschlüsse zu begleiten pflegt –, sondern da ist es eine Wende, die von Freude erfüllt ist. […]
Das liegt daran, daß der Mensch seinem Wesen nach eben nicht eine geprägte Form ist, die sich nur lebend zu entwickeln brauchte, die also alles an Keimanlage in sich trüge, sondern daß er eben ein Wesen ist, daß sich nur dann verwirklicht, wenn es in seine Mündigkeit hineinwächst, und das sich gerade verfehlt, wenn es sich als ein isoliertes Ich und gleichsam als einen Solisten der Lebenskunst sucht.

Still sitze ich da, ein bißchen erschüttert.
Ich begreife, daß „Der verlorene Sohn“ für die Oligoamoren nichts weniger ist als ein uraltes, menschheitsumfassendes Thema.
Welches sich die Menschen überall auf der Welt seit undenklichen Zeiten in Legendenform erzählen, um sich daran zu erinnern. Es ist die selbe Geschichte, welche die Protagonist*innen durchleben müssen, ob im sumerischen „Gilgamesch-Epos“ (2600 v.Chr.), ob in der griechischen „Odyssee“ (800 v.Chr.), ob in den Märchen „Frau Holle“ oder „Das Wasser des Lebens“ (die von den Gebrüdern Grimm ab 1815 verschriftlicht wurden) – oder ob in der „StarWars-Saga“ (ab 1977) oder ob in den „Harry Potter-Geschichten“ (ab 1997).
Es ist das Thema der „Nachtmeerfahrt“, bei der die Heldin oder der Held sich auf eine abenteuerliche Reise begeben, die sich aber genau genommen zu einer Fahrt in das eigene Innere der Psyche entwickelt – und bei der die Helden mit ihren dunklen Aspekten in Form von Leidenschaften, Zwängen und Bedüftigkeiten konfrontiert werden.
Und auch dies berichten all diese alten und neuen Mythen: Kein*e Held*in bleibt von dieser Nachtmeerfahrt unberührt, einige erliegen sogar ihren Herausforderungen, in jedem Fall durchlaufen alle tiefgreifende Veränderungen.

Wenn wir also in die Gewässer rings um den seltsamen Kontinent der Offenen Beziehungen aufbrechen, zwischen den Inseln des vielgestaltigen Archipels der Polyamory kreuzen und dabei vielleicht auch einen Blick auf das entlegene Eiland der Oligoamory erhaschen, dann sind auch wir vielleicht aufgebrochen, um Freiheit, Abenteuer und möglicherweise Vergnügungen zu finden. Wir werden dort aber auch all den Monstern und Ungeheuerlichkeiten begegnen, die wir unerlöst mit uns bringen und dabei heraufbeschwören werden.

Unsere Suchwanderung nach gelingenden Beziehungen, unsere persönliche Queste zum Auffinden unserer Zugehörigen, unseres Soultribes, ist damit zugleich eine Reise, die uns mit der Übernahme von Verantwortung für uns selbst konfrontieren wird. Mit Selbsterkenntnis sowieso – eigentlich müsste ich vielmehr sogar sagen mit „Selbstanerkenntnis“– denn der „Aufbruch in Mehrfachbeziehungen“ gehört sicher zu einer der grundlegendsten Weisen, sich mit seinen eigenen Stärken und Schwächen zu konfrontieren.

Aber die Oligoamoren würden diese Legenden nicht auch deswegen lieben, wenn sie nicht auch trotz allem den möglichen Preis so sehr schätzen würden. Wie der Professor oben am Ende etwas altmodisch sagte: Das Hineinwachsen in die eigene Mündigkeit – und das Erleben von Freiheit in Verbundenheit.

Statt nun „Amen“ zu sagen möchte ich lieber zwei Zitate anhängen, die für mich persönlich das Ganze immer schon sehr berührend ausgedrückt haben.
Das eine stammt ursprünglich von dem französischen Magnetiseur Louis Alphonse Cahagnet (1805-1885) und ist in der Wicca-Religion durch die Hohepriesterin Doreen Valiente (1922-1999) als Teil der „Weisung der Göttin“ bekannt geworden:
Denn wenn du das, was du suchst nicht in dir selbst findest, dann wirst du es auch niemals außerhalb von dir finden“.

Noch schöner – und tröstlicher – hat es für mich dann nur noch der deutsche Schriftsteller und Philosoph Georg Philipp Friedrich von Hardenberg [aka Novalis] (1772-1801) in seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ gesagt:
Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause. Immer nach Hause.“



Danke an Joshua Earle auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 17

Von Pragmatikern und Idealisten

Als ich das Buch „Gemeinschaftsbildung“ von Scott Peck las, erlebte ich gleich im ersten Kapitel etwas für mich unglaublich Beruhigendes. In diesem ersten Kapitel („In Gemeinschaft hineinstolpern“) beschreibt der Autor nämlich seine eigenen ersten Begegnungen mit Gemeinschaftsbildungsprozessen. Und gleich in seinem allerersten Kontakt mit diesem Thema beschrieb er ein Phänomen, welches auch ich genau genommen in allen menschlichen Gruppierungen so wahrnehme – und darum freue ich mich sehr, daß auch einer der prominentesten Vertreter des „Gemeinschaftsbildungsgedankens“ direkt damit konfrontiert wurde.
Natürlich handelte Scott Pecks Erlebnis von einem Gruppenbildungsprozess (an dem er damals selber teilnahm). Im Laufe dieses Prozesses beschreibt er, wie es zu einer Lagerbildung zwischen zwei Gruppen kam, was zunächst den Fluß der Veranstaltung erheblich behinderte:

>> So dauerte es nicht lange, bis jemand bemerkte „Hey Leute, wir haben es vermasselt. Wir haben den guten Geist verloren. Was ist los?“
„Für euch kann ich nicht sprechen“, antwortete einer, „aber ich habe mich geärgert. Ich weiß nicht warum. Es scheint mir, als hätten wir uns in abgehobene Diskussionen über menschliches Schicksal und spirituelles Wachstum verloren.“ Einige Teilnehmer nickten energisch, um ihre Zustimmung zu signalisieren.
„Was ist so abgehoben daran, über menschliches Schicksal und spirituelles Wachstum zu sprechen?“ konterte ein anderer. „Das ist doch etwas ganz Entscheidendes. Da geht’s lang. Darum geht es im Leben. Das ist doch die Basis, um Gottes Willen!“ Andere nickten jetzt ebenso energisch.
„Wenn Du sagst ‚um Gottes Willen‘, triffst Du meiner Meinung nach genau das Problem“, sagte einer derjenigen, die zuerst genickt hatten. „Ich z.B. glaube gar nicht an Gott. Ihr schwatzt über Gott und Schicksal und Geist, als wenn diese Dinge real wären. Nichts davon ist nachweisbar. Darum läßt es mich kalt. Was mich interessiert ist das Hier und Jetzt, d.h., wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, die Masern meiner Kinder, das zunehmende Übergewicht meiner Frau, wie kuriert man Schizophrenie, und ob ich nächstes Jahr nach Vietnam einberufen werde.“
„Man könnte meinen, daß wir anscheinend in zwei Lager gespalten sind“, warf ein anderes Mitglied bescheiden ein.
Plötzlich brach die ganze Gruppe in ein schallendes Gelächter aus, weil er seine Interpretation so milde formuliert hatte.
„Man könnte meinen, daß – ja so ist es – man könnte meinen“, rief jemand laut heraus und schlug sich auf die Oberschenkel. „Ja es könnte möglicherweise so den Anschein haben“, sagte ein anderer und brüllte vor Lachen.
So setzten wir endlich heiter unsere Arbeit fort und analysierten die Spaltung zwischen uns. Wir waren in zwei gleich große Lager geteilt. Das Lager, zu dem ich gehörte, bezeichnete die anderen sechs Teilnehmer als „
Materialisten“.
Die Materialisten wiederum nannten uns „
Gralsritter“. <<

Wenn es Euch nun so wie Scott Peck und mir ergeht – und Ihr in menschlichen Gemeinschaften häufig wahrzunehmen scheint, daß sich z.B. In Gesprächen oder bei Herangehensweisen irgendwann zwei sehr unterschiedliche Ansätze gegenüber stehen – dann könnte das an dem Unterschied zwischen „Pragmatikern“ (Materialisten) und „Idealisten“ (Gralsrittern) liegen.

Pragmatiker
sind Menschen, der sich überwiegend an sachlichen Gegebenheiten ausrichten. Pragmatiker orientieren sich dabei weniger an Prinzipien, sondern überlegen in welcher konkreten Situation sie sich befinden und nutzen dann eine Vorgangsweise, die von – wer hätte das gedacht – Pragmatismus geprägt ist.
Wikipedia sagt dazu: „Der Ausdruck Pragmatismus (von altgriechisch πρᾶγμα pragma „Handlung“, „Sache“) bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten, das sich nach bekannten situativen Gegebenheiten richtet, wodurch das praktische Handeln über die theoretische Vernunft gestellt wird. Die philosophische Tradition Pragmatismus geht davon aus, dass der Gehalt einer Theorie von deren praktischen Konsequenzen her bestimmt werden soll. Daher lehnen Pragmatisten das Arbeiten mit starren oder gar unveränderliche Prinzipien (z.B. auch Maxime, Ideale) häufig ab.
Pragmatismus ist also eine Herangehensweise, wo überlegt wird was machbar ist und welche Auswirkungen das (eigene) Handeln hat.
Eine Stärke der Pragmatiker ist auf diese Weise, daß sie sehr ergebnisorientiert bzw., mehr noch, zielorientiert denken und handeln. Wenn Pragmatiker „Absicht“ sagen, bezeichnen sie damit fast immer bereits eine konkrete Handlungskette.
Wenn Pragmatiker also empfehlen „Nicht soviel denken, einfach machen…“ oder „Nicht verkopft sein, einfach leben…“, dann entspricht diese Aussage gewissermaßen ihrer inneren Natur, da es ihnen leicht fällt, auch situativ sehr schnell ihren Kompaß nach den jeweiligen Gegebenheiten (wieder) zu justieren und dadurch eine konkrete Orientierung hin zum nächsten Ziel bzw. zur nächsten Lösung in Angriff zu nehmen.
Letzteres führt dazu, daß Pragmatiker aus ihrer Sicht eher in einer Welt unterwegs sind, in der das „Sein das Bewußtsein formt“, weil sie überwiegend aus vorhandenen Tatsachen dann Theorien oder Handlungskonzepte für sich ableiten.
Als Varianten der Pragmatiker gibt es „Materialisten“, die letztendlich sämtliche Vorgänge auf das physikalische Wirken der greif- und meßbaren Materie beziehen und persönlich dieser damit auch den höchsten Stellenwert einräumen. Zu diesen zählen daher auch die „Utilitaristen“, die Handlungen oder Gegenstände nach einem Zweckmäßigkeits- bzw. Geeignetheitsgedanken beurteilen.

[Ebenfalls zu den Pragmatikern werden oft auch die philosophischen Strömungen des Hedonismus (basierend auf den Lehren des antiken griechischen Philosophen Aristippos von Kyrene) oder des Epikureismus (benannt nach den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur) gezählt. Diese Selbst- oder Fremdeinordnung muß aber vorsichtig betrachtet werden, da „Hedonismus“ und Epikureismus“ sehr oft in sozialen Kontexten verkürzt mit „Lustmaximierung und Leidvermeidung“ paraphrasiert werden – eigentlich jedoch komplexe Philosophien der Lebensgestaltung nach Gesichtspunkten von Ausgewogenheit und Gelassenheit sind.]

Idealisten‏‎
sind Menschen, die überwiegend – wer hätte das gedacht – nach Idealen streben. „Ideale“ sind dabei meist Vorstellungen eines möglichst vollendeten oder ausgereiften Zustands, dem sie sich in ihren Herangehensweisen annähern wollen. Die „Ideen“, „Maximen“ oder „Prinzipien“ eines „größtmöglichen XYZ“ können dabei auch einem philosophischen, spirituellen oder esoterischen Kontext angelehnt sein, dem sie sich verpflichtet fühlen.

Wikipedia sagt dazu: „Idealismus (abgeleitet von griechisch ἰδέα „Idee“, „Urbild“) bezeichnet in der Philosophie unterschiedliche Strömungen und Einzelpositionen, die hervorheben, dass die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist bzw. dass Ideen bzw. Ideelles die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral ausmachen. Im engeren Sinn wird als Vertreter eines Idealismus bezeichnet, wer annimmt, dass die physikalische Welt nur als Objekt für das Bewusstsein oder im Bewusstsein existiert oder in sich selbst geistig beschaffen ist.

Im
ethischen Idealismus wird davon ausgegangen, dass wir durch vernünftige, verlässliche und verbindliche Überlegungen unser Handeln begründen und regeln können und sollen.“

Eine Stärke der Idealisten ist auf diese Weise, daß sie sehr prozessorientiert bzw., mehr noch, prozessbegleitend denken und handeln. Wenn Idealisten „Absicht“ sagen, bezeichnen sie damit fast immer eine Maxime, die – wie ein Leitstern in der Seefahrt – die Richtung anzeigt, ohne selbst physisch wirklich „erreichbar“ zu sein.
Wenn Idealisten also sagen, daß „…eine Wirkung oder eine Handlung sich aus vielerlei Ursachen zusammensetzt und jedes Vorgehen daher zuvor gründlich überlegt werden muß… (Erst nachdenken/reflektieren – dann handeln) “, dann entspricht diese Aussage gewissermaßen ihrer inneren Natur, da es für sie selbstverständlich ist, allen Begleitumstände zuvor eine ähnlich sorgfältige Betrachtung zuteil werden zu lassen, um zu einer bestmöglichen Vorgehensweise zu gelangen.
Letzteres führt dazu, daß Idealisten aus ihrer Sicht eher in einer Welt unterwegs sind, in der das „Bewußtsein das Sein formt“, weil sie überwiegend aus innerer Anschauung und aus gründlicher Reflektion einer Idee heraus zur Tat schreiten.
Eine Variante der Idealisten sind daher allerdings darum die „Fanatiker“ (in abgemilderter Form auch „Perfektionisten“), die alles und jeden kompromißslos der Erfüllung ihres Vollkommenheitsideals unterwerfen wollen.
[Ebenfalls zu den Idealisten werden oft auch die „Romantiker“ (benannt nach der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik) gezählt. Diese Selbst- oder Fremdeinordnung muß aber vorsichtig betrachtet werden, da „Romantik“ sehr oft in sozialen Kontexten verkürzt mit einem rückwärtsgewandt-sentimentalen Zustand überfließenden Gefühlsreichtums gleichgesetzt wird – eigentlich jedoch auf einer komplexen Philosophie aus Altruismus und Vergänglichkeitsbewußtsein beruht.]

Zwischen Pragmatikern und Idealisten kann es also schnell – wie in dem Beispiel von Scott Peck – gerade im Punkt „gemeinschaftliche Beziehung“ zu Konflikten kommen, weil sich Denk- und Herangehensweisen z.T. so stark unterscheiden, daß das Verhalten der „Gegenseite“ vom jeweils eignen Standpunkt her mißverständlich aufgefasst werden kann.
Die Folge sind oftmals Unverständnis und Kritik.
Auf Pragmatiker können Idealisten mitunter bis zur Erbsenzählerei umständlich und von dieser Welt sehr abgehoben wirken. „Idealisten suchen zu lange im dunklen Zimmer nach der schwarzen Katze, die gar nicht da ist“, würden Pragmatiker eventuell sagen.
Auf Idealisten wiederum können Pragmatiker manchmal unglaublich stumpf und unvisionär wirken. Idealisten könnten z.B. sagen: „Pragmatiker haben gar kein Interesse daran, hinter den Vorhang zu schauen. Ihnen gefällt der Vorhang.

Dabei sind für die meisten menschlichen Projekte beide Ansätze gleichermaßen wichtig: Idealisten überlegen, was wünschenswert wäre, Pragmatiker setzten sich damit auseinander, was machbar ist.
Wenn Pragmatiker keine Ideale haben, drohen ihnen Seichtheit und Banalität.
Idealisten hingegen, die glauben auf Sachbezogenheit verzichten zu können, schweben entweder in den Wolken und setzt nichts um oder sie verzetteln sich in endlosen Streitereien um ein hehres Ziel mit allen anderen.
Pragmatiker und Idealisten können sich deswegen sehr unversöhnlich gegenüber stehen bzw. der Versuch von Kooperation mündet in ein recht fruchtloses „Nebeneinander“.
Oder sie haben die Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten heranzuziehen und zu einer gemeinsamen Synthese zu vereinen, wobei sie sich ergänzen und dadurch ihre extremen Erscheinungsformen abmildern.

Scott Pecks damaliger Gemeinschaftsbildungsprozess geriet übrigens dank des oben beschriebenen allgemeinen Heiterkeitsanfalles glücklich:

>> Wir erkannten, daß es die Materialisten nicht schaffen würden, uns Gralsritter „zur Vernunft“ zu bringen und uns davon abzuhalten unseren Idealen nachzujagen. Gleichzeitig akzeptierten wir Gralsritter, daß wir das andere Lager nicht vom bodenständigen Materialismus abbringen konnten. <<

Mit einer kreativen Lösung konnte sogar ein „Brücke zwischen beiden (Wahrnehmungs)Welten“ geschlagen werden, welche die Stärken beider Modelle vereinte:
>> Wir überlegten, für uns alle einen gemeinsamen, identitätsstiftenden Mythos auszudenken. Wir wollten den Organismus unserer Beziehungsprozesses weder als „rein materialistisch“ noch als „super-spirituell“ konzipieren. So brachte jedes Mitglied eigene Ideen ein, und wir entwarfen gemeinsam eine etwas skurrile Parabel, ein Gleichnis, in dem sich jeder Teilnehmer wiederfinden konnte:
Wir verglichen unsere Beziehungsprozess mit einer Seeschildkröte, die an Land ging, um ihre Eier zu legen, und die sich nun in den Ozean zurückschleppt, um zu sterben. Wie viele Nachkommen schlüpfen und trotz vieler Gefahren den rettenden Ozean erreichen würden, war dem Schicksal überlassen.
<<

Scott Peck resümiert dazu selber:
>> Die Auflösung der Reibung zwischen den „Materialisten“ und den „Gralsrittern“ war meine erste Erfahrung mit Konfliktlösung in einer Gruppe. Ich hatte vorher nicht gewußt, daß es für eine Gruppe von Menschen möglich war, die Unterschiede anzuerkennen, sie beiseite zu legen und sich immer noch zu lieben. In dieser kurzen Zeit konnte ich beobachten, wie Menschen Meinungsverschiedenheiten kreativ nutzten und überwanden. <<

Als Erforscher oligoamorer Lande möchte ich ergänzen: Diese Gruppe besonderer Menschen hatte sich freiwillig miteinander auf einen Gemeinschaftsbildungsprozess eingelassen. Ihre verbindende Stärke war es, daß sie trotz unterschiedlicher Grundkonzeptionen dem „gemeinsamen Wir“ – jenseits aller trennenden Unterschiede – bis zum Schluß den höchsten Stellenwert gaben.

Und da dennoch Idealisten und Pragmatiker im Alltag sehr unterschiedliche Sprachen sprechen können und Verständigung nicht immer gelingt, könnte es hinsichtlich oligoamorer Mehrfachbeziehungen vermutlich wichtiger sein – gerade bei der Wahl von Partner*innen bzw. Konstellationen – nicht so sehr nach FFM, MMF, MFMF…¹ etc. zu fragen, sondern vielmehr nach IPP, PPI, IPIP…



PS: Ich entschuldige mich ausdrücklich, daß ich in diesem Artikel den Plural der Wörter „Pragmatiker“ und „Idealisten“ nicht mit Genderstern versehen habe. Aus meiner Sicht als Autor wäre es diesmal auf Kosten der Lesbarkeit doch recht ungeordnet geworden.

¹ Die Buchstaben beziehen sich auf die häufig auf Dating- und Erotikportalen benutzten Kürzel für Kombinationen von Frau/Frau/Mann, Mann,Mann,Frau etc.

Danke an Anne für die Inspiration und Dank an Simona Robová auf Pixabay für das Foto!