Eintrag 42

…sieh, das Gute liegt so nah.*

Der derzeit amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist jemand, der regelmäßig betont, daß Freiheit und Verantwortung Hand in Hand gehen. In seiner Rede im Futurium Berlin¹ sagte er letztes Jahr sogar, daß zur Freiheit eine „Erwartung an die Verantwortung“ gehöre, die aus der Freiheit erwächst.
Ich, als Autor dieses bLogs, glaube, daß er damit Recht hat, insbesondere weil „Verantwortung“ aus meiner Sicht direkt etwas mit „Nachhaltigkeit“ zu tun hat, die ja als Untertitel auch der Oligoamory zugrunde liegt.
In der von mir schon oft zitierten Buchszene, in der der „Kleine Prinz“ des Autors Antoine de Saint-Exupéry auf den Fuchs trifft, erklärt der Fuchs: „Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ ²
Demgemäß bedingen sich also ebenfalls Vertrauen und Verantwortung…

Freiheit, Vertrauen, Nachhaltigkeit, Verantwortung – ich möchte versuchen, ein wenig zu ordnen, warum ich denke, daß diese Werte für oligoamores Denken und Handeln wichtig sind – und wie sie zusammenhängen.

In meinem 3. Eintrag führe ich die Nachhaltigkeit als bedeutenden oligoamoren Wert ein, indem ich erläutere, daß „Nachhaltigkeit“ drei wichtige Kernkriterien umfasst³, nämlich Konsistenz, Effizienz und Suffizienz. Dazu schrieb ich, daß in der Oligoamory Beziehungen „konsistent, also sowohl dauerhaft als auch (werte- und personen-)beständig“ seien sollten.
„Zugleich sollten oligoamore Beziehungen aber auch für die daran Beteiligten effizient sein. Damit sei nicht weniger gemeint, als daß die Beziehungen den Menschen darin dienlich sein sollten, geeignet für alle Beteiligte, und förderlich, sich nach ihren jeweils individuellen Potentialen entfalten und ergänzen zu können.
Und suffizient sollten sie sein, […] weil die Beziehungen zufriedenstellend und (selbst)genügsam sein sollten, also eben gerade nicht unendlich oder beliebig, sondern menschlichen Maßen von Überschaubarkeit und Vertrautheit angemessen.“

Auch wenn ich diese Zeilen heute noch einmal lese, fällt mir auf, daß dies auf jeden Fall einigermaßen ambitionierte Wünsche für jede Beziehung sind. Gleichzeitig nicke ich aber auch beinahe unwillkürlich mit dem Kopf, weil ich denke: „Ja, solche Beziehungen würden von ihrer Berechenbarkeit, von ihrem Spielraum meiner Freiheitsgestaltung und von ihrer Wahrnehmungsmöglichkeit meines Angenommenseins/Einbezogenseins definitiv stark zu meinem persönlichen Wohlbefinden beitragen!“
An dieser Stelle kommt für mich dann in mehrfacher Hinsicht wieder Saint-Exupéry mit seinem Fuchs ins Spiel. Der Fuchs zeigt dem „Kleinen Prinzen“ nämlich, daß ein solcher ersehnter Zustand nicht schnell herbeiführbar ist. Als Bedingung nennt er ein „sich vertraut Machen“, also einen allmählichen Aufbau von Vertrauen, der nur wechselseitig und über einen längeren Zeitraum zum gemeinsamen Ziel führen kann. Und dieser Prozess würde dahinein münden, daß mit der wachsenden „Vertrautheit miteinander“ die zunehmende „Verantwortung füreinander“ einherginge.

Daß dies in der Tat ein wegweisend nachhaltiger Gedankengang ist, fällt vor allem dann auf, wenn wir die Verantwortung, die ja am Ende der Kette steht, einmal weglassen:
Ohne Verantwortung, bzw. genauer „Verantwortlichkeit“ würde es mit dem Vertrauen vermutlich sehr schwer werden. Wer könnte Vertrauen in eine Person oder Institution haben, die Verantwortlichkeit für ihr Sprechen und Handeln ablehnen würde – oder in dieser Eigenschaft recht wetterwendisch oder beliebig wäre? Auch jedwede gemeinsam verbrachte Zeit wäre dann keine hilfreiche Verbündete mehr, denn die für unsere Gehirne so wichtige „Kohärenz“ (Folgerichtigkeit/Sinnzusamenhang) könnte sich nicht einpendeln: Der verläßliche, vorhersagbare Fundus an ähnlichen Erfahrungen bliebe aus.
Und dadurch wären wir seelisch/mental ständig „auf dem Sprung“, in einem halbalarmierten Zustand vorsichtiger Wachsamkeit, weil möglicherweise im nächsten Moment eine gänzlich neue oder andere (Beziehungs)Erfahrung gemacht werden müsste, als beim Mal davor – oder dem davor…
Diese Lage, wenn der Alarmschalter des Gehirns längere Zeit auf einer mittleren Position feststeckt, nennt die Wissenschaft „Stress“. Und wer möchte mittel- oder langfristig in einer Beziehung sein, in der Stress die Normalsituation wäre?
Auf diese Weise wird sich ein „Zufriedenheitszustand“ der Nachhaltigkeit nie ergeben, denn wir könnten niemals sicher sein, ob unsere Beziehungen beständig (konsistent), geeignet (effizient) und ausreichend (suffizient) wären.

Ohne so erlebte Nachhaltigkeit wiederum würden wir höchstwahrscheinlich früher oder später in einen unerfüllten und bedürftigen Zustand geraten, der uns alsbald zu Konsum und einer gewissen Maßlosigkeit ( = Mangel an Maß) treiben würde.
Und da „Zu-friedenheit“ ja genau genommen eine „In-Friedenheit“, ein „In-Frieden-Sein“ bedeutet, würden wir mit dem Verlust unserer Zufriedenheit zugleich auch aggressiver und kompromißloser werden.
Hoppla!
Haben wir da gerade etwas wiedererkannt? Aus unserem Alltag oder sogar bezüglich des Zustands der Welt?

Wenn mir das gelungen ist, dann bin ich meinem heutigen bLog-Ziel sehr nahe.
Denn mit der Oligoamory möchte ich ja auch „Lust auf das Vertraute“ machen.
Und dies kann beizeiten bedeuten, daß ich mich darum bemühen muß, aus einer situativen „Unzufriedenheit“ eben nicht in Konsum und Maßlosigkeit zu flüchten.
Oder es kann bedeuten, daß ich aufgefordert bin zu schauen, ob ich mit dem „Vorhandenen“, dem Vertrauten, nicht doch „in Frieden“ sein kann.

Diesbezüglich leben wir zugegeben in einer etwas zwiespältigen Zeit. Denn wiewohl es zunehmend Initiativen gibt, die, wie ich hier, der Nachhaltigkeit mehr Bedeutung verleihen wollen, so gibt es immer noch genug Stimmen, die das „Vertraute“ als rückständig, altbacken oder langweilig stempeln wollen, um uns aus unserem Frieden zu locken (und ohne Unzufriedenheit gäbe es sicherlich deutlich weniger Konsum…).
Wenn wir diese Dynamik auf die Ebene der Beziehungsführung übertragen, dann sehen wir schnell, wie wir in eine Haltung von „höher-schneller-weiter“ katapultiert werden könnten, die non-monogamer Lebensführung z.T. einen so schlechten Ruf eingebracht hat. Denn wenn der innere Frieden erst einmal verloren ist, dann besteht die Gefahr, daß die unerfüllte Bedürftigkeit stets die Hoffnung nährt, daß „da draußen“ immer noch etwas (also: jemand!) passenderes, tolleres, besseres sein könnte – und das „Wisch-und-weg“ moderner Datingportale ist geboren. Und irgendwann geht es dann nicht einmal mehr um das Ziel der Erfüllung eigener Bedürfnisse (und sei es in irgendeinem unerreichbaren Superlativ), sondern nur noch um das nächste Neue, Aufregende, Aufreizende, weil nur noch dieser Kick stark genug ist, das Leeregefühl kurzfristig wirklich zu unterdrücken.

Wenn wir nicht in solch ein Hamsterrad geraten wollen, dann bleibt uns – auch und gerade in Beziehungsdingen – vor allem, eine etwas in Vergessenheit geratene Tugend (wieder) zu mobilisieren: Zufrieden zu sein mit dem, was wir (schon) haben. Oder was mir in der Oligoamory besonders lieb ist: Das, was wir haben, sorgfältig zu erwägen.
Das scheint mir heute in einer Zeit, in der immer noch so häufig Konsumlaune künstlich erzeugt wird, sehr wichtig zu sein: Was brauche ich denn (noch), um zu-frieden, in Frieden, zu sein? Oder wenigstens: zufriedener. Und: Gibt es das (nur?) „da draußen“?

Mit dem, was ich (schon) habe, kann ich aber mein „In-Frieden-Sein“ vermutlich viel besser überprüfen. Und dabei kann ich ganz bei mir bleiben – und muß nicht auf ein „Außen“ oder etwaige Partner*innen zeigen.
Z.B., wie sieht es mit meiner Verantwortlichkeit aus? Zur Verantwortlichkeit gehören wichtige Eckpfeiler jeder (Mehrfach)Beziehungsführung: Meine Aufrichtigkeit, meine Loyalität, das Maß meiner Transparenz. Wie viel solcher Kapazitäten bin ich bereit aufzuwenden, um mich beständig, integer und, ja, berechenbar, als jemand zu bewähren, der vertrauenswürdig ist? Und habe ich den Willen und die Zeit dazu?
Letztere Frage ist gar nicht so unwichtig. Neulich las ich auf einem Datingportal in einem Profil den Satz: „Bitte schreibe mich nur an, wenn Du in Deinem Leben wirklich Raum für eine weitere Beziehung hast.“
Manche Menschen scheinen es also auch mit Flirts wie mit Milchtüten zu halten: Sie kommen mit einer neuen Packung nach Hause, nur um festzustellen, daß der Kühlschrank schon voll ist – Folge: Neue Packungen haben keinen Platz, alte Packungen werden sauer…

Nachhaltige Beziehungsführung, wie ich sie mir in der Oligoamory wünsche, will also mit Sorgfalt ausgeübt sein. Meine persönliche Freiheit geht nämlich tatsächlich mit einer „Erwartung an (meine) Verantwortung“ einher:
Einerseits, daß ich mich selbst gut genug kenne, um zu wissen wo meine Stärken und meine Grenzen bzw. meine noch ausbaufähigen Potentiale liegen. Andererseits, daß ein Beziehungsprozess, auf den sich zwei (oder mehr!) Lebewesen freiwillig einlassen, immer gleichzeitig ein Hineinwachsen in eine Gesamtverantwortung füreinander bedeutet.

Und das ist doch genau genommen sehr gut so. Denn Nachhaltigkeit, mit ihren Aspekten von Konsistenz, Effizienz und Suffizienz bedeutet doch, daß eine bestimmte Sache für uns einen Wert gewonnen hat. Soviel an Wert, daß sie eben normalerweise nicht beliebig oder austauschbar ist. Und dieser Wert ist aus einem Zugewinn an Vertrauen zu einem Gegenstand, einer Person oder einer Beziehung heraus entstanden.
Und jede*r weißes von sich selbst: Wen oder was man in dieser Weise „lieb gewonnen“ hat, mit dem ist man im Umkehrschluß wiederum besonders bemüht oder sorgfältig, zeigt sich „verantwortlich“.

In dieser Hinsicht kann die Parole aus der Umweltbewegung „Nachhaltigkeit beginnt vor der eigenen Haustür!“ direkt auf unsere intimen Beziehungen übertragen werden: Wir müssen den Blick dazu nicht in die Ferne schweifen lassen oder auf das ewig grünere Gras der Nachbar*in. Als der beste Beziehungsmensch können wir uns hier und heute gegenüber uns selbst und in unseren Bestandsbeziehungen erproben, verantwortlich und frei.
Was enorm sexy ist, übrigens, richtig gehend attraktiv…
Welch‘ schöneres Argument könnte es für (potentielle) Teilnehmer*innen ethischer Mehrfachbeziehungen geben?



* 2. Zeile aus Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Erinnerung“.

¹ Rede am 26. September 2019 im Futurium in Berlin zur Kampagne „Freiheit ist unser System“.

² „Der Kleine Prinz“; 21. Kapitel; „Freundschaft mit dem Fuchs“

³ Danke diesbezüglich nochmals für Input durch Dr. Bernd Siebenhüner.

Danke an pine watt auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 41

tl;dr

„Ach ja, Oligotropos… – dein bLog“, so seufzte neulich eine Bekanntschaft aus den sozialen Netzwerken. „Aber du schreibst immer so viel… …und so lang…!“
Liebe Leser*innen: Ich bekenne mich in all diesen Punkten schuldig. Und wenn ich „schuldig“ sage, dann meine ich im Sinne radikaler Aufrichtigkeit damit „ursächlich“.
Als ich in verschiedenen sozialen Netzwerken noch sehr aktiv war, habe ich mir darum gelegentlich auch schon einmal von Rezipient*innen den recht eigenwilligen Kommentar „tl;dr“ eingefangen. Dieses Akronym aus dem Netzjargon steht für die englischen Wörter „too long; didn’t read“ – und sollen als Antwort auf einen als überlang empfundenen Beitrag bedeuten: „[Der Text war] zu lang; [deswegen habe ich ihn] nicht gelesen“.*
Solch eine Anmerkung ist dann in ihrer Einfältigkeit nur noch mit der unverfrorenen Einleitung zu toppen: „Ich hab‘ den Text nicht ganz gelesen, aber…“ und dann wird unverdrossen drauflos kommentiert.
Ihr lieben Menschen, die Ihr Euch mit mir in das wortreiche Innere des entlegenen Eilands der Oligoamory begebt: In einer Zeit, in der Simplifikation und Mundgerecht-Machung oftmals publikumswirksam als das Gebot der Stunde angepriesen werden, werde ich Euch diesen Bärendienst nicht erweisen.
Denn es wäre nicht redlich von mir, Euch zu suggerieren, daß es in Beziehungsdingen auf schwierige Fragen einfache bzw. schnelle oder gar universelle Antworten gäbe.

Von hier gehen die Einträge vom entlegenen Eiland der Oligoamory jeden Monat hinaus in die Welt…

Den Wunsch nach Einfachheit und Leichtigkeit kann ich selbstverständlich gut nachvollziehen. Und unser Gehirn ist diesbezüglich ja auch oft ein allzu williger Erfüllungsgehilfe: Wenn wir z.B. verliebt sind, flutet es unsere Existenz mit körpereigenen Wohlfühlstoffen, die uns in der Kennenlernzeit erst einmal mögliche Diskrepanzen und Konfliktherde übersehen lassen. Oder es schaltet in langjährigen Beziehungen auf „Autopilot“ und ist darum bemüht, etwaige Abweichungen von der kohärenten Routine so weit wie möglich in den Hintergrund zu verschieben, so daß die partnerschaftliche „Funktionsharmonie“ den eindeutigen Vorzug bekommt.

Ethische (Mehrfach)Beziehungsführung – auf jeden Fall nach oligoamoren Ideen – wird sich allerdings nicht mit der idyllischen Oberfläche begnügen. Wer sich auf die abenteuerlichen Gewässer der Non-Monogamie begibt, muß darauf gefaßt sein: Das geht unter die Haut. Denn ethische Non-Monogamie, die das Präfix „ethisch“ verdient, verlangt von uns, daß wir Lust daran haben uns „im Miteinander unter unseresgleichen zu bewegen, [und] Aufschluß darüber zu geben, wer wir sind“ ¹.
Darum wünsche ich mir auch, daß das Oligoamory-Projekt nicht so sehr als tagesaktueller bLog aufgefasst wird – bei dem der oberste Eintrag stets eine situative Befindlichkeit des Autors oder eine weltbewegende neuste Erkenntnis enthält – sondern mehr als ein Kompendium miteinander vernetzter Knotenpunkte.
In dem Sinne finde ich es natürlich schön, wenn jemand einen meiner Einträge für sich als gut gelungen ansieht und diesen Artikel besonders herausstellt, teilt etc. Aber als ledigliche „Fundgrube“ würden die ethische Non-Monogamie und die Oligoamory schwer nachvollziehbares Stückwerk bleiben, dem ohne Bezug zu den anderen „Knotenpunkten“ das stützende Rückgrat fehlen würde.
Denn noch einmal: Oligoamory ist keine „Methode“, die man, wie z.B. Büroyoga, getrennt vom ursprünglichen Kontext rein situativ erfolgversprechend anwenden kann. Oligoamory ist eine Philosophie und eine Lebensweise, die zur (Selbst)Berechtigung und (Selbst)Ermächtigung bzw. dem reflektiven Selbsterleben aller daran Beteiligten einladen möchte.

Und dafür kann ich keinen „einfachen“ Schlüssel vorgaukeln.
Noch mehr: Da ich als Grundansatz für meine Ideale und Ziele „Beziehungsführung“ gewählt habe, wünsche ich mir als Schauplatz unseres oben erwähnten „Selbsterlebens“ unsere engen Begegnungen mit anderen Menschen in überschaubaren, auf Vertrauen basierenden Gemeinschaften. Ich möchte also nicht, daß wir als meditierende Einsiedler*innen irgendwann erleuchtet auf unserem einsamen Berg mit einem letzten „Heureka!“ auf den Lippen erwachen, sondern, daß wir quasi ein Selbst-Entwicklungsprojekt auf einer lebendigen Leinwand sind – „Mobilis in Mobili“ (lat.: Bewegt im Beweglichen)² sozusagen.
Speziell mit Letzterem ist ganz offensichtlich, daß wir bei so viel buchstäblich „unvorhersehbaren“ Faktoren und Einflußgrößen wirklich den größtmöglichen Mut haben müssen, auf jeglichen Autopiloten und auf alle fremdgenerierten Rezeptbücher zu verzichten. Und daß wir stattdessen „Vertrauen wagen“³ und neugierige Offenheit wie einen bisher eher wenig ausgebildeten Muskel trainieren sollten.

Deshalb ist ein großes Thema der Oligoamory die Einheit von sowohl freiem wie auch gleichzeitig verbindlichem Handeln. In Eintrag 7 stelle ich dar, daß diese Einheit bewußt und widerspruchsfrei gelebt werden kann – und daß dies in der Tat gar nicht mal so schwierig ist (Ich glaube sogar, daß viele Menschen, die sich im Umwelt- oder Tierschutz engagieren, grundsätzlich schon eine solche Philosophie umsetzen, insbesondere was ihre Ernährungs- und Konsumgewohnheiten angeht). Denn im Zentrum steht dabei unsere individuelle Integrität, unsere „fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln“ (Zitat Wikipedia). Dabei kann es sich demgemäß nicht um ein für die Ewigkeit in Stein gemeißeltes Regularium handeln: Denn wir sind so lebendig wie unser Umfeld, mit dem wir interagieren. Stete Beobachtung, Neubewertung, Dazulernen und Anpassung sind also ein unveräußerlicher Teil davon.

In Eintrag 9 betone ich darum beim Thema „Emotionalvertrag“, der – unausgesprochen oder nicht – hinter jeder tieferen Beziehung steht, daß es diesbezüglich wichtig ist, sich selbst gut kennenzulernen. Denn um mich gut vertreten zu können, um für mich einstehen und verhandeln zu können, muß ich zuerst wissen, was ich brauche und muß daher die Mühe auf mich nehmen, meine eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse kennenzulernen. Und dabei wird mir nicht helfen, wer ich nach Ansicht meiner Eltern oder Lehrer oder Chefs sein sollte, sondern nur, wer ich jetzt gerade bin – mit meinen aktuellen Stärken und Schwächen – und natürlich, was ich denn von der anhängigen Beziehung erhoffe.

Weil wir aber doch oft aufgrund eines „vorgegebenen“ Selbstbildes operieren, versuche ich z.B. in Eintrag 14 die Komplexität dessen zu beleuchten, was diese „Vorgaben“ ausmacht. Und ich versuche zu skizzieren, daß wir nicht alle die gleichen guten Chancen haben, aufgrund unserer Aufgestelltheit und unserer individuellen Resilienz mit unseren möglichen Vorerfahrungen in Sachen „Beziehung“ umzugehen. Trotzdem bestätigt auch die Wissenschaft, daß die Anerkennung unseres Kernselbst die zentrale Aufgabe unserer Eigenwahrnehmung ist, bei der allen Nähemenschen unserer Wahl eine ganz besondere unterstützende Rolle zukommt.

Demgemäß wende ich in Eintrag 18 allerdings ein, daß es für diese besonderen Nähemenschen manchmal schwer werden kann, wenn sie während unserer nicht immer einfachen Anstrengungen die gesamte Bandbreite unserer Potentialentfaltung miterleben. Denn auch darin wäre ich ein unredlicher Autor, würde ich verschweigen, daß eine Selbsterforschungsreise stets immer nur schöne oder angenehme Ergebnisse zu Tage fördern würde.
Daß es in einer Beziehung auf Augenhöhe dann schlechterdings jedoch auch unmöglich ist, diese Potentiale unter dem Teppich zu halten, beschreibe ich in Einträgen rund um persönliche Doppelbödigkeit (Eintrag 21) oder (mangelnde) Transparenz (Eintrag 37). In diesen Zusammenhängen weise ich immer wieder auf eine Haltung von hoher Aufrichtigkeit hin, die nach meinem Verständnis noch über bloße Ehrlichkeit hinausgeht, insbesondere in dem Aspekt, genau auch unangenehmen Erkenntnissen bzw. Gefühlen ihren benötigten Raum und die erforderliche Aufmerksamkeit zu geben (was für alle Beteiligten eben auch mal schwer „auszuhalten“ sein kann).

Aus der Anerkenntnis dieser „dunklen Aspekte“ lade ich dazu ein, sich sogar Phänomenen wie Depression (Eintrag 22) oder Abspaltung (Eintrag 26) nicht zu verweigern, da es sich dabei meistens um Facetten unseres Seins handelt, die über lange Zeit in uns gewachsen sind – und die sich durch ledigliches Verleugnen nicht nur nicht bessern, sondern sich oftmals geradewegs selbst bestätigen und stärken – und dadurch in der Jetztzeit erneut wieder Schwierigkeiten in unserer Beziehungsfähigkeit aufwerfen werden.

Unsere „dunklen Aspekte“ können uns aber ebenso wertvolle Hinweise darauf geben, wie es um die Sehnsucht nach unserer (verlorenen) Intimität beschaffen ist – und welche Erfüllungsstrategien wir dafür in der Gegenwart heranziehen. Und damit sind wir der Dynamik „Wir – und die Anderen“ und wie wir uns darin verorten (wollen), ein großes Stück näher gekommen. Also auch unseren Beweggründen dafür, warum wir uns eventuell mit non-monogamen Ideen beschäftigen – und wo diesbezüglich unsere Talente und unsere Defizite liegen könnten (Einträge 27 + 28).

Deshalb liegt hinter der Philosophie der Oligoamory die beinahe beziehungsanarchistische Betrachtung all unserer Nähemenschen als Gesamtgemeinschaft (von der auch wir Teil sind), frei von künstlicher Reihenfolge oder Hierarchie. Bezüglich dieser selbstgewählten Zugehörigen ist also bedeutsam, welche Konzessionen und faulen Kompromisse wir eingehen würden, um ein anerkanntes Gemeinschaftswesen zu sein, bzw. wie wir genug Vertrauen und Einschließlichkeit aufbringen können, um klassische Autoritäts- und Angststrukturen zu verhindern (Eintrag 29 + 33).

Und damit schließt sich mein Bogen zum Anfang, indem ich mit der Oligoamory zu einer Berechtigung und Ermächtigung aller an einer Beziehung Beteiligten hinführen möchte, wie ich es speziell in meinen jüngeren Artikeln 37 + 39 auch noch einmal deutlich betone.

Als Erforscher oligoamorer Lande danke ich allen Leser*innen, die sich immer wieder die Mühe machen, meine vielen und langen Einträge zu lesen, über sie nachzudenken und über sie zu sprechen. Wenn ich mir etwas wünschen darf, so hoffe ich, daß wir alle auf diese Weise zu einer friedlicheren, bewußteren und integrativeren Welt beitragen. Auf ein Neues!



* Quelle Wikipedia und Urban Dictionary

¹ Zitat von Hannah Arendt, in voller Länge in Eintrag 39 nachzulesen.

² Motto der Romanfigur Kapitän Nemo des Autors Jules Verne – Kapitän Nemo ist seinerseits aber sicher kein günstiges Beispiel für ein „Gemeinschaftswesen“…

³ klingt fast wie das bekannte Willy Brandt-Zitat („Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert.“), ist aber nur so ähnlich. Sinngemäß stimme ich dem Altkanzler selbstverständlich in diesem Aspekt zu.