Eintrag 51

Folge Fünf

[Die fünfte Folge einer vierteiligen Serie?
Wirklich, Oligotropos, jetzt wird es doch etwas eigentümlich…
]

Der erste Geburtstag des Oligoamory-Projektes ist so leise vergangen, wie er gekommen ist.
Ein aktives erstes Jahr und ein arbeitsreiches, insbesondere mit Hinblick auf die achtbare Schlagzahl: Ein ganzes Jahr mit jeweils vier Einträgen pro Monat, über 50 sind es nun schon im Ganzen. Jeder Eintrag ist mindestens drei A4-Seiten lang (meistens mehr…), macht gut 2300 Wörter pro Artikel und damit die schwindelerregende Zahl von deutlich über 115.000 Wörtern, die von mir schon zum Thema „Oligoamory“ geschrieben wurden. Und da meine Webseite zweisprachig ist, sind es genau genommen wohl mehr als 230.000, denn jeder Eintrag wird von mir getreulich und eigenhändig (und so gut ich es eben vermag) ins Englische übersetzt, was normalerweise innerhalb von drei Tagen nach Erscheinen des deutschen Urtextes vollzogen ist. Insgesamt also ein leidenschaftliches Engagement, welches…
…erst einmal so nicht weiter aufrechterhaltbar ist.
Abgesehen von der Marginalie, daß mein bLog selbstverständlich ein vollständig unentgeltliches und daher strikt werbefreies Medium ist, ist es vor allem der enorme Zeitaufwand, der für das Ausfertigen eines brauchbaren Eintrags in der Woche anfällt – und der mich schlicht an meine Grenzen bringt, denn „Masse“ soll ja nicht „Klasse“ ersetzen, und so gehen nur Artikel ins Netz, bei denen ich auch vom Qualitätsmanagement her mit mir selbst (einigermaßen) zufrieden bin.
Da ich aber in dieser Eigenschaft natürlich ganz allein „mein eigener Antreiber“ bin, bin ich folgerichtig darum auch mit mir selbst schließlich in Verhandlung getreten, so daß ich als Ergebnis dieser internen Besprechung nun verkünden möchte:
Der Oligoamory-bLog wird „bis auf Weiteres“ von heute an ein Monatsmagazin.

Je nun. Im Sinne radikaler Aufrichtigkeit scheint es mir allerdings angebracht, zuzugeben, daß neben dem wesentlichen Faktor Zeit bei mir noch ein anderer Umstand zu der selbstverordneten literarischen Diät in Sachen Oligoamory geführt hat – und damit komme ich dann auch endlich zur „Folge Fünf“, indem nämlich dieser Grund direkt den Erkenntnissen von einem Jahr Beschäftigung mit dem Grundthema des bLogs – „verbindlich-nachhaltige Mehrfachbeziehungen“ – entspringt, und darin nochmals insbesondere der Quintessenz der vorangegangenen vierteiligen Serie zu den (historischen) Wurzeln der Oligoamory [ 1 | 2 | 3 | 4 ].

Sehr korrekte Leser*innen könnten nämlich unter Umständen anmerken, daß ich in dieser Serie ja durchaus die Geschichte der Polyamory leidlich brauchbar dargestellt hätte, am Schluß aber die Hinleitung zu meiner eigenen Kreation, der „Oligoamory“, doch ein wenig schuldig blieb.
Was sowohl in gewissem Sinne tatsächlich zutreffend ist, wie es auch zugleich eine Verkürzung des Geschehens wäre: Denn so, wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte die Geschichte Phantasiens sich erst entfaltet, während sie vom „Alten vom wandernden Berg“ niedergeschrieben wird ¹, so entsteht auch die „Geschichte der Oligoamory“ stets mit all den Wörtern, welche ich ihr hier hinzufüge. Bzw. existiert sie auch schon in soweit, wie ich dazu bereits hinzugefügt habe.
Womit sich – ebenfalls eine Analogie zur „Unendlichen Geschichte“ – die Schlange an dieser Stelle ein klein wenig in den Schwanz zu beißen beginnt, denn insbesondere in Eintrag 1 und Eintrag 2 sind meine ganz persönlichen Schritte und Gründe beschrieben, warum es mich auf das entlegene Eiland der Oligoamory verschlug – und warum ich diese Reise fort vom Gestade der Polyamory unternahm.
Diese Gründe sind mir heute genauso wichtig wie in dem Moment, als ich sie niederschrieb; meine eigene einjährige Auseinandersetzung mit der Oligoamory hat mir jedoch zusätzlich noch deutlicher gemacht, welche Dimension meine Erkundung der Möglichkeiten und der Tauglichkeit ethischer Mehrfachbeziehungen eigentlich auftun würde.
Vor allem meine „Geschichte der Oligoamory“ mit ihren Teilen 1 | 2 | 3 | 4 hat mich selbst als eine Art „Superkonzentrat“ einmal mehr mit den essentiellen „Kernzutaten“ ethischer Non-Monogamie konfrontiert, welche ich in Eintrag 50 als alternative Spiritualität, humanistische Psychologie und integrativen Feminismus benenne.

Genau diese „Kernzutaten“ sind es aber zugleich, die mich unterdessen in Teilen skeptisch stimmen, inwieweit gelebte und gelingende Oligoamory gegenwärtig in der heutigen Zeit – und in unserem real existierenden Alltag – überhaupt innerhalb unserer noch erlangbaren Reichweite liegt.

Spiritualität:
Ja, wer hätte gedacht, daß ich das einmal auf einem bLog für Mehrfachbeziehungen schreiben würde – daß ich es als günstig erachte, wenn die Beteiligten eine grundsätzliche Form von Spiritualität in sich finden könn(t)en.
Wie ihr seht, habe ich das Wort „alternativ“ bereits weggelassen, denn von der Sache her halte ich es durchaus für möglich, daß auch ein „traditioneller Glaube“ die gleiche Rolle spielen kann – falls bzw. wenn dieser Glaube nicht so unflexibel ist, daß seine tradierten Strukturen lediglich rein heteronormatives Denken legitimieren (und jede Abweichung von dieser Norm wie z.B. Mehrfachbeziehungen, Promiskuität, Sexpositivität, gleichgeschlechtliche Liebe, individuelles Fühlen hinsichtlich Sex oder Gender, etc. als „Sünde“ behandeln).
Warum meine ich, daß Spiritualität für ethische Mehrfachbeziehungen eine wichtige „Kernzutat“ ist? Weil ich glaube, daß stabile Mehrfachbeziehungen von Menschen profitieren, die anerkennen und wertschätzen, daß sie mit ihrem Leben Teil von etwas sind, das größer ist als sie selbst. Ein solches Denken enthält nämlich eine derzeit nicht immer angesagte Tugend, die da heißt: Bescheidenheit. Und Bescheidenheit steht laut Wikipedia »gleichbedeutend für „Genügsamkeit“, „Anspruchslosigkeit“, „Einfachheit“, „Zurückhaltung“«. Der Psychologe und Germanist Siegbert A. Warwitz nannte Bescheidenheit einmal den „Schlüssel zur Zufriedenheit“, da sie vor einer überzogenen Bedürfnishaltung, die schnell zu einer „Anspruchshaltung“ geraten könne, schützen würde. Womit sich für mich in der Oligoamory der Bezug zu meinem Subtitel-Stichwort „nachhaltig“ ergibt: Wer bescheiden und nachhaltig ist, wir nicht alle Ressourcen, alle Redezeit, allen Raum und alle Aufmerksamkeit für sich einfordern. Für die Bildung kleiner Gemeinschaften, wie ich sie mir für die Oligoamory wünsche, eine bedeutende Voraussetzung im Umgang miteinander.
Noch mehr als dafür scheint mir eine gut gegründete und funktionierende Spiritualität jedoch noch für etwas mir besonders Wichtiges zu dienen: Einer Achtung und einem Sinn für die „Verzauberung der Welt“. Der Ökonom und Soziologe Max Weber beschrieb deren Gegenteil – die „Entzauberung“ – einmal als einen rationalistische, verweltlichten, bürokratischen Glauben daran, „daß man alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen und kontrollieren könne“. Eine solche Philosophie der „Entzauberung“ liegt jedwedem marktwirtschaftlich-utilitaristischem Zweckdenken zu Grunde, welches allen Dingen einen „Sinn“ oder „Nutzen“ als (einzige) Daseinsberechtigung zuschreibt. Spiritualität hingegen, mit ihrer „Verzauberung“, läßt Raum für „zweckfreie“ Existenz – und für Phänomene, wie sie z.B. Idealismus, Romantik, Kreativität und Phantasie hervorbringen, für Ideen und Gebilde also, die sich einem Abwägen nach Nützlichkeit oder der Zuweisung eines (Markt)Preises eher entziehen.
Wer also „spirituell“ fühlt, denkt und handelt, wird in einem Baum nicht nur ein Stück Holz, in einem Schwein nicht nur einen Braten und in einem Menschen nicht nur eine Arbeitskraft sehen, sondern Lebewesen und sogar Gefährt*innen wie sich selbst erkennen. Die Verwirklichung von Harmonie, Respekt und Frieden – wie sie in allen Religionen in ihren Visionen vom Reich Gottes, Shangri-La, Dschanna oder Nirwana verheißen werden – könnte sich so möglicherweise tatsächlich darbieten, wenn wir alle auf diese Weise „Göttlichkeit“ in allen Dingen erkennen – und folglich auch in uns selbst entdecken würden.

Humanistische Psychologie:
Ohne an dieser Stelle einen allzu tiefen Einstieg in die Gedankenwelt der humanistischen Philosophie zu präsentieren, kann ich all meinen Leser*innen sagen, daß die Grundanschauungen dieser Denkschule meine Oligoamory allenthalben wie ein roter Faden durchziehen. Spannenderweise habe auch ich selbst erst in der Beschäftigung mit der Oligoamory herausgefunden, daß „dieses Kind schon einen Namen hatte“ – nämlich den der Humanistischen Psychologie – welche mich offensichtlich beim Schreiben maßgeblich beeinflußt hat. Die folgenden Prinzipien wurden von den humanistischen Psychologen James Bugental und Tom Greening 1965 formuliert, ich werde sie kurz in Bezug auf die Oligoamory kommentieren:

  1. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile. Menschen können nicht auf einzelne Merkmale reduziert werden.
    Kommentar: Was soll ich dazu noch sagen? Diese Erkenntnis enthält das, was ich auf diesem bLog seit der ersten Stunde wohl am meisten ausgedrückt habe und stellt darum auch mein wichtigstes Ziel dar, zu dessen Erleben die Oligoamory beitragen soll. Gegen das „Kompartmentalisieren“ von Liebsten als „Bedürfniserfüllungsgehilfen“ habe ich mich ebenso oft ausgesprochen, da ich insbesondere diese Auslegungsart derzeitiger Polyamory ablehne (Eintrag 2).
  2. Der Mensch hat seine Existenz in einem einzigartig menschlichen Kontext und auch in einer kosmischen Ökologie.
    Kommentar: Hier greift die humanistische Philosophie direkt in das, was ich schon unter „Spiritualität“ oben ausgedrückt habe. Durch die Bildung enger, intimer und durch Liebe verbundener (Klein)Gemeinschaften hoffe ich, daß sich der Respekt vor exakt dieser Tatsache nachvollziehbarer etablieren läßt, nämlich daß wir mit der Gesamtschöpfung (zu der auch wir selbst gehören) verantwortungsbewußt umgehen müssen – und daß unsere Ressourcen endlich sind.
  3. Menschen sind bewusste Wesen und sie sind sich bewusst, bewusst zu sein. Zum menschlichen Bewusstsein gehört immer ein Bewusstsein von sich selbst im Kontext anderer Menschen.
    Kommentar: Oh happy day – wenn das mal nur immer so wäre! Natürlich wäre allzeitige „Bewußtheit“ ein hohes Gut, insbesondere für gute Entscheidungsfindung. Wir sind aber auch menschlich – und von daher sollten wir uns auch Fehlbarkeit erlauben. Was mir aber an diesem Punkt viel wichtiger ist, ist der direkte Hinweis auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Jürgen Margraf, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Dekan der Fakultät für Pyschologie an der Ruhr-Universität Bochum, sagte erst letzte Woche in einem Tagesschau-Interview »Wir sind soziale Wesen. Als Menschen haben wir uns historisch in kleinen Verbänden entwickelt, mit einigen Dutzend Individuen. Dieses Umfeld ist für uns überlebensrelevant gewesen, evolutionär sind wir keine Einzelgänger. Wir brauchen diese Kontakte.« Exakt das habe ich mit meinem bLog ebenfalls von der ersten Stunde an ausdrücken wollen. Darum liegt mir diese „Alleinheitspropaganda“ so dermaßen fern (siehe z.B. Eintrag 8), mit Plattitüden wie „Der Grad, wie entwickelt wir mit anderen interagieren können, hängt davon ab, wie entwickelt wir mit uns allein sein können.“² Wer wirklich glaubt, in seiner „Alleinheit“ ein entwickeltes menschliches Wesen werden zu können, die*der irrt in meinen Augen ganz und gar. Denn ein integraler Aspekt menschlichen Daseins, nämlich das Bewußtsein und die Prägung, ein soziales Wesen zu sein, muß dabei absichtlich ignoriert, ja quasi abgespalten werden. Was hier wieder zu 1. zurückführen würde…
  4. Der Mensch hat die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, und trägt daher Verantwortung.
    Kommentar: In Eintrag 3 und Eintrag 4 habe ich die wesentlichen Werte der Oligoamory niedergeschrieben. Dabei habe ich auch Verantwortung, die ich als „Verantwortlichkeit“ präzisiert habe, aufgeführt. „Verantwortlichkeit“ ist unsere Chance, endlich vom „Schuld-Konzept“ wegzukommen, indem wir uns selbstverantwortlich zu unserer Ursächlichkeit bekennen dürfen. Und diese Selbstverantwortlichkeit ist wiederum der wichtigste Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation, wenn sie denn „aufrichtig“ sein soll. Echte „Aufrichtigkeit“ aber erfordert sowohl großen Mut als auch gute Selbst(er)kenntnis, um unter Umständen einen Sprung des Vertrauens in die dunklen Punkte der eigenen Seele hinein zu wagen und sich so eventuell nicht immer angenehme Gefühlen zu stellen (bzw. sich damit anderen Menschen anzuvertrauen und „zuzumuten“).
  5. Menschen sind absichtlich, streben Ziele an, sind sich bewusst, dass sie zukünftige Ereignisse verursachen, und suchen nach Sinn, Wert und Kreativität.
    Kommentar: „Sinn, Wert und Kreativität“ sind exakt wieder jene schwer greifbaren und „bepreisbaren“ Komponenten, die aber einem menschlichen Leben erst die eigentliche Bedeutung verleihen können. Wenn wir heute über Lebens- und Arbeitsmodelle sprechen, die nicht mehr nur einem wirtschaftlichen „höher-schneller-weiter“ geschuldet sind, dann rückt insbesondere die „Sinnfrage“ und unsere „Besinnung“ wieder in den Mittelpunkt. Und damit die Entfaltung eines gesamtmenschlichen „Potentials“, welches wir bis heute vermutlich erst zu einem kleinen Teil wirklich erschlossen haben.

Politisch Sein:
Statt nur die soziopolitische Initiative des Feminismus aufzuführen, schreibe ich hier lieber „Politisch Sein“, stellvertretend für „engagiert“. Denn so wie das Hauptanliegen der 4. Welle des Feminismus gegenwärtig der Kampf gegen „Intersektionalität“ ist – also das Entgegentreten gegen sich überschneidende Diskriminierungsformen – so ist an den Leitlinien der humanistischen Psychologie ebenfalls zu erkennen, daß solche Ziele kaum verwirklicht werden können, wenn wir unsere Welt weiterhin saturiert vom Sofa aus konsumieren.
In dem Sinne sollten wir, bis jene ideale Welt, die ich kurz im Abschnitt „Spiritualität“ beschrieb, eintrifft, erst einmal eine geraume Weile mutig zu „Homines politici“ – zu politischen Menschen – werden. Wir leben in einer Welt, die heute vorwiegend nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet ist – und diesen marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten materieller „Gewinnerzielung“ ordnen wir bislang nahezu alles andere unter. Dies betrifft unser Gesellschaftsmodell – und damit die Form unseres Zusammenlebens bis in die kleinsten Einheiten menschlicher Gemeinschaft hinein, es betrifft unsere Bildungspolitik – die uns zu fleißigen Arbeitsdrohnen sowie zu eifrigen Konsumenten erziehen soll, und es beherrscht auf diese Weise unser Denken in der Art, daß wir uns einen „Sinn des Lebens“ jenseits von „Erfolg“, „durchs-Ziel-gehen“ und „Macht-haben-über…“ nur noch schwer vorstellen können. Und darum sind all jene von uns alsbald depressiv oder schließlich sogar ihrer Würde beraubt, wenn sie sich in diesen Mustern nicht wiederfinden.
„Homo politicus“ zu sein, heißt für mich daher nach wie vor, die in der humanistischen Psychologie erwünschte „Bewußtwerdung“ gesellschaftspolitisch als „Bewußtseinsbildung“ zu verstehen – wozu es unabwendbar notwendig ist, sich von der eigenen Couch zu erheben und über den Tellerrand der eigenen Welt zu schauen. Wenn wir eben nicht nur „über die große Dunkelheit jammern wollen“, dann müssen wir den Mut in uns finden, unsere Kerze für unsere Belange oder für die Belange von Minderheiten, Tieren, gesellschaftlichen Bedingungen oder der Umwelt insgesamt zu entzünden und leuchten zu lassen. Von Rudyard Kipling bis hin zu Tristan Taormino und Greta Thunberg: Veränderung hat noch stets mit einem couragierten Individuum begonnen, welches die Notwendigkeit zur dieser Veränderung erkannte und daran ging, sie so beharrlich wie standhaft zu verwirklichen.

Warum bin ich, Oligotropos, die obigen drei Bereiche betreffend nun so skeptisch?
Insgesamt bleibt für mich das Hauptproblem, daß wir Menschen allzu häufig dazu tendieren, uns (an)genehme Ergebnisse nur mittels einer „Methodik“, einem lediglichen „um-zu“ anzustreben: Wir betreiben Yoga, nicht um uns mit dem Urgrund unseres schöpferischen Seins zu verbinden, sondern um in unser Sommeroutfit zu passen. Wir besuchen psychologische Workshops und gruppentherapeutische Seminare, nicht so sehr um im Endeffekt uns selbst kennenzulernen, sondern um dann im Alltag unsere Nachbarn zu analysieren und zu diagnostizieren. Wir gehen lieber nicht auf die Straße, um für erneuerbare Energien und unser langfristiges Überleben einzutreten, denn wir wollen kein Windrad in der Nähe unseres Hauses und haben Angst, daß in der Kantine ein fleischfreier „Veggie Day“ eingeführt wird…

Mittlerweile in meinem 5. Lebensjahrzehnt befürchte ich, daß nicht so sehr viele Menschen unter den heutigen Voraussetzungen den Mut und die Eigeninitiative in sich finden, sich auf eine Reise der Selbsterkenntnis einzulassen, welche sie mit ihrer spirituellen Verwurzelung, dem Stand ihrer Bewußtheitsentwicklung und Individuation, sowie ihrer sozialen und politischen Integrität konfrontiert.
Für noch weniger wahrscheinlich halte ich es darüber hinaus, daß sich irgendwo genug solcher bemerkenswerten Menschenkinder zusammenfinden, auf daß sich miteinander die Möglichkeit der Bildung einer vertrauensvollen, intimen Gemeinschaft von Zugehörigen ergibt.

Davon, daß es doch (noch) möglich ist, werde ich weiterhin träumen.

Kalt ist’s im Skriptorium³, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht mehr worüber:
Von der einstigen Rose steht nur noch der Name, uns bleiben bloß nackte Namen…



¹ Michael Ende, Die unendliche Geschichte, Kapitel XII „Der Alte vom Wandernden Berg“, Thienemann Verlag 1979

² u.a. z.B. Erich Fromm in Die Kunst des Liebens, New York 1956, aber auch Osho in „Liebe, Freiheit, Alleinsein“ , Goldmann 2002

³ Umberto Eco, Der Name der Rose, Epilog, Carl Hanser Verlag 1982

Danke an Skyla Design auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 50 #politisch

Die Schultern, auf denen wir stehen – Teil 4

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern.
Die besten Geschichten aber schreibt die Wirklichkeit selber – oder vielmehr: Es ist die Wirklichkeit, die ihren Ausdruck in Geschichten findet, wiederum Impulse aus diesen aufnimmt und schließlich zu einem unglaublich bunten Teppich verwebt.
Diese vierteilige Artikelserie möchte ich der Geschichte der Oligoamory widmen, insbesondere ihren faszinierenden Wurzeln und ihrem wichtigsten Wert, der Selbsterkenntnis.

Politisch Sein

Wer die vorigen drei Einträge [ 123 ] dieser Serie gelesen hat, könnte bis hierher vielleicht noch versucht sein, die Poly- und Oligoamory als ein Ergebnis der überbordenden Phantasie zweier kruder Schriftsteller und der schillernden Visionen einiger obskurer Sonderlinge abzutun.
Der Eventualität einer solchen zweifelhaften gedanklichen Zuflucht möchte ich allerdings mit diesem Artikel begegnen, denn die gesamte Entwicklung, die bis zum heutigen Tage zur Realisation von Poly- und Oligoamory führte, war von Anfang an keinesfalls ein Zufallsprodukt – und sie war, ebenfalls von Anfang an, stets politisch.

Bereits Teil 1 (Eintrag 47) habe ich mit dem Hinweis auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eingeleitet, welche mit ihrer zunehmenden religiösen Gewissensfreiheit den Menschen immer häufiger die Möglichkeit zu einem gleichermaßen spirituellen wie auch psychologischen Auf-Bruch aus bislang eng tradierten Strukturen bot.
Die ersten Personen, die in dieser Art von einem „erweiterten geistigen Horizont“ profitierten, waren, wie erwähnt, damals zunächst Mitglieder einer gebildeten bürgerlichen Mittelschicht – und aus dieser sollten auch die ersten mutigen Personen hervorgehen, die die neu errungene „Gedankenfreiheit“ auf vielerlei Weise zur Anwendung brachten.
Als Autor dieser Zeilen würde ich sagen, daß buchstäblich „die Zeit reif war“, denn nach der fast fieberhaften Industrialisierungswelle des 19. Jahrhunderts begann in einigen Kreisen gebildeterer Schichten die Erkenntnis zu reifen, daß die hektischen technischen wie strukturellen Umwälzungen in den Leben hunderttausender von Zeitgenossen problematische geistige wie gesamtgesellschaftliche Spuren zu hinterlassen begonnen hatten: Viele Menschen fühlten sich durch Landflucht und Verstädterung unbewußt entwurzelt und erlebten sich oft als bloße „Erfüllungsgehilfen“ undurchschaubarer maschinisierter Prozesse, was zu einem allgemeinen Gefühl von Entfremdung und Selbstverlust noch beitrug. Vielfach zu beobachtende Folgen waren Merkmale von (städtischer) Verelendung und erhöhtem Konfliktpotential, wie z.B. durch Alkoholismus, Gewaltausbrüche, div. „Geisteskrankheiten“ und Radikalisierung unter „Banden-/Gruppenbildung“.
Die intellektuelle Antwort der Jahrhundertwende auf diese Erscheinungen fiel entsprechend vielfältig aus: In Parlamenten wurden die ersten Arbeitsschutzgesetze diskutiert; politische Strömungen begannen nationalistische Identifikationsideen anzubieten; die gerade erst aufblühenden Wissenschaften von Psychologie und Psychoanalyse versuchten, sich den neuartigen mentalen Phänomenen zu stellen (u.a. „Neurosen“, „Hysterie“, „Manien“, „Psychosen“); alternative Orientierung bietende, esoterische Gruppen entstanden (wie in Eintrag 48 dargestellt – aber z.B. auch Spiritismus und Theosophie); und aus dem Bewußtsein, daß die aufgelaufenen Entwicklungen vermutlich in erster Linie die Schwächsten einer Gesellschaft besonders betreffen würden (Arme, Kinder, Frauen) entstand die Keimzelle von Wohlfahrts-, Fürsorge- und Reformbewegung. Alle Personen und Organisationen, die hier anzusetzen versuchten, mußten jedoch erkennen, daß der „weibliche Wirkungskreis von „Heim/Herd/Kinderbetreuung“ nahezu gar nicht von den strukturellen Umbrüchen der Jahrhundertwende erfasst worden war, sondern daß bei den betroffenen Frauen sogar noch durch den traditionellen Nimbus „entsagungsvoller Selbstaufopferung der Familie zuliebe“ vor allem eine erhöhte Arbeitsbelastung bei vollständiger wirtschaftlicher Abhängigkeit festzustellen war.
Diese Erkenntnis wurde zur Geburtsstunde der 1. Welle des Feminismus, als gutsituiert Frauen in Wohlfahrtsorganisationen wahrnahmen, daß eine Veränderung der Lage ihrer weniger privilegierten Geschlechtsgenossinnen nur über eine gesamtgesellschaftliche Berechtigung und Teilhabe – alle Frauen betreffend – zu erreichen sein würde.
Es war die große Zeit der sg. „Suffragettenbewegung“, die ab 1903 über ein Vierteljahrhundert die Existenz und die Wahrnehmung weiblicher Belange und Bedürfnisse entschlossen und nachhaltig an die Öffentlichkeit brachte. Die daraus resultierende verstärkte Präsenz von Frauen an Universitäten und Regierungsinstitutionen, ihre vermehrte Würdigung als Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen und Künstlerinnen und ein daraus hervorgehendes, gesteigertes weibliches Bewußtsein, was sich in Politik, Spiritualität, Literatur und Forschung niederzuschlagen begann, war darum, wie ich eingangs sagte kein Zufall. Es war der Beginn der längst fälligen „Göttinnendämmerung“ (siehe dazu Teil 2 – Eintrag 48).
Die erste Welle des Feminismus endete mit zwei Weltkriegen, die ihrerseits auf verdrehte Weise und durch Not hervorgerufen – was berufliche Berechtigung und gesellschaftliche Bewegungsfreiheit anging – für Frauen weltweit zu einem deutlich vergrößerten Spielraum beitrugen.
Die restaurativ maskulinistische Gegenbewegung der darauffolgenden 50er Jahre des 20. Jahrhunderts (USA: Truman/Eisenhower-Ära; BRD: Adenauer-Zeit) kassierte jedoch anschließend zahlreiche dieser neu errungenen Freiheiten wieder – „Heim/Herd/Kinder“ wurden erneut als der „eigentliche Wirkungskreis“ der Frau proklamiert.

Diese Rückentwicklung löste maßgeblich die zweite Welle des Feminismus aus, welche dieses Mal allerdings auf eine breite Schicht ausreichend gebildeter Mitstreiterinnen in vielen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft aufbauen konnte. Dadurch entwickelte sich als Ausgangspunkt der zweiten Welle eine Herangehensweise, die zuvorderst auf die Schaffung einer gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung und eines aufzurüttelnden Problembewußtseins (Englisch: „Consciousness-raising“) gerichtet war. Diese „Bewußtseinsbildung“ löste in Folge wiederum eine erhöhte Wahrnehmung zahlreicher Mißstände hinsichtlich Berechtigung und Autonomie in den unterschiedlichsten Bereichen aus, so daß neben feministischen Belangen gleichzeitig Fragen der Bürgerrechte, von Rassenunterschieden, des Wettrüstens und internationaler Stellvertreterkonflikte (u. a. Vietnam, Palästina, Afghanistan) und ebenfalls der zunehmenden Umweltzerstörung in den Fokus rückten. Die „Bewußtseinsbildung“ berührte aber auch den individuellen Bereich, da in dieser Weise eine ganze Generation sich jetzt über den Begriff eines übergreifenden „Erwachens“ in intellektueller wie zugleich spiritueller Weise zu definieren begann.
Im Verbund mit verbesserten Kommunkationsmöglichkeiten erleichterte dies eine rasche solidarische Vernetzung verschiedenster Protestbewegungen und alternativkultureller Initiativen: Farbige Musikerinnen wie Aretha Franklin und Mahalia Jackson forderten Respekt und (Welt)Frieden, Künstlerinnen wie Yoko Ono oder Joan Baez prangerten soziale Mißstände an, „Neue Hexen“ und neopagane Priesterinnen wie Starhawk und Shekhinah Mountainwater blockierten kerntechnische Anlagen.
Zusätzlich zu diesen überpersönlichen Belangen geriet durch die Marktgenehmigung wirksamer medikamentöser Verhütungsmittel (Erstzulassung „Antibabypille“ USA 1960) ein weiteres weibliches Hauptanliegen zu einem der Kernthemen der „Zweiten Welle“, nämlich die Frage sexueller Autonomie. Obwohl das Augenmerk hier zuerst auf reproduktiver Selbstbestimmung lag, erweiterte sich dieses Thema sehr schnell zu einer Frage insgesamter sexueller Wahlfreiheit und Selbstgestaltung.
Durch die oben erwähnten übergreifenden Solidaritäts- und Vernetzungsmerkmale des Zweite-Welle-Feminismus begünstigt, griff diese Frage schon am Ende der 60er Jahre auf die bis dahin überwiegend in einen sozialen blinden Fleck verdrängte Queere und LGBT-Community über.
Nach meinem Verständnis war damit ein wichtiger (Zusatz)Effekt des Zweite-Welle-Feminismus, daß dadurch ab 1969 auch die LGBT-Bewegung ihren fälligen Prozess von Bewußtseinsbildung, Wahrnehmung, Berechtigung, gesamtgesellschaftlicher Teilhabe und Akzeptanz einleiten konnte (der, wie beim Feminismus selbst, bis heute noch nicht abgeschlossen ist).

Aus heutiger Sicht scheint es bizarr faszinierend, daß ausgerechnet das Eintreten für allumfassende sexuelle Autonomie den politischen Zweite-Welle-Feminismus im Sex War der 80er Jahre im Streit um die Einstellung der Bewegung zu Themen wie Sexpositivität, Pornographie, BDSM und der Rolle transsexueller Frauen beendete.
Die „Dritte Welle“ erhob sich ab 1990 somit aus der Erkenntnis, fürderhin konsequent Sexismen jeglicher Art entgegenzutreten.
Unterdessen hatten aber auch schon zahlreicher Menschen mit non-heteronormativen und non-monogamen Bedürfnissen und Hintergründen längst begonnen, aufgrund der Erfordernisse ihrer alltäglichen Lebenswirklichkeit, selbst nach lebbaren und lebensfähigen Umgehensweisen zu suchen.
Wer nun meinen Teil 3 – Eintrag 49 aufmerksam gelesen hat, kann leicht erkennen, daß „Polyamory“ in dieser Weise direkt ein Ergebnis einer solchen bedarfsorientierten Herangehensweise war – bezogen auf einen Bedarf, wie er zu der Zeit in neopaganen Kreisen bestand.
Dieser Bedarf, über rein sexuelle Autonomie hinaus zusätzlich noch über Unabhängigkeit und Gedankenfreiheit hinsichtlich der Ausgestaltung individueller Beziehungs(gestaltungs)konzepte zu verfügen, existierte allerdings nicht nur im alternativspirituellen Neuheidentum.
Auch die queere und die sexpositive Community (zu letzterer auch zunehmend die BDSM-Szene zählte) benötigte neue und progressive Beziehungsmuster, die einer promiskuitiven Sexualitätsauffassung Rechnung trugen.
Meiner Deutung nach ist die Beziehungsphilosophie der Polyamory mit ihrer eklektischen Herkunft (d.h. „bestehend aus Elementen unterschiedlicher Systeme“) aus alternativer Spiritualität, humanistischer Psychologie und integrativem Feminismus allerdings genau darum geeignet, auch in Teilen wesensverschiedenen Bedürfnislagen eine (Beziehungs)Gestaltungsgrundlage zu bieten.
Ein klassisches „Ménage à trois“ hat vermutlich anders gelagerte Anforderungen als eine BDSM-Spielbeziehung mit fünf Beteiligten oder ein egalitäres Netzwerk aus asexuell Liebenden.
Dennoch dreht es sich heute in jedem dieser Fälle noch immer um die selben Grundsätze, denen sich auch der Feminismus in allen seinen Phasen verpflichtet sah: Bewußtseinsbildung, daß ein Handlungssbedarf beseht; Wahrnehmung der Bedürfnisse der Betroffenen; ihre allseitige Berechtigung hinsichtlich selbstbestimmter Teilhabe und letztendlich uneingeschränkte Akzeptanz ihres so-Seins.

Und exakt in dieser Hinsicht empfinde ich „Polyamory“ (und damit natürlich auch meine eigene Konzeption der „Oligoamory“) als Beziehungsphilosophie nach wie vor als politisch – denn, wie ich schon oft genug betonte, ist „Oligoamory nicht etwas, das man macht, sondern etwas, das man IST “.
Und wenn der deutsche Politologe und Historiker Christian Graf von Krockow sagte, daß „Politik die stete Auseinandersetzung zwischen der Veränderung oder der Bewahrung bestehender Verhältnisse“ sei, dann haben mir die Gedanken und Lebensentwürfe von Kipling, Heinlein, Maslow, der Zell-Ravenhearts, der Suffragetten, der Blumenkindern, und die der Menschen im Stonewall bewiesen, daß Veränderung immer wieder notwendig – und Anpassung an diese Veränderung stets möglich ist.

Großes PS:
Von den Hexencoven des Wicca über die engagierten Gruppen des Feminismus bis hin zu queeren Aktivist*innen der LGBT-Bewegung und hinein in die Niederungen polyamorer Lebensweise: All diese Communities, Gemeinschaften und Initiativen scheinen in den USA freier zu atmen, sind liberaler, häufiger auf Kooperation angelegt – und insgesamt wirken sie von ihrer Einstellung deutlich inklusiver als hierzulande, mit einer Herangehensweise, die untereinander eher einer Auffassung von „Leben und Leben lassen“ entspricht, sowie der Denkweise „Dein xyz ist nicht exakt mein xyz – aber Dein xyz ist ok und mein xyz ist ok und wenn es drauf‘ ankommt sind wir schließlich eh alle im selben Boot“.
Warum ist dies in Deutschland oft so sehr anders, im Land der Laubenkolonien, Hausordnungen und Gartenzäune, wo stets vor allem so streitbar wie unerbittlich die Unterschiede und das Trennende betont werden, selbst wenn Gruppen dem Namen nach der selben Philosophie angehören?
Ich Oligotropos glaube, daß dieser Unterschied im Gebaren leider in der sehr verschiedenen Grundaufstellung der gesamtgesellschaftlichen wie auch der gesamtpolitischen Struktur der USA im Gegensatz zu Mitteleuropa (und insbesondere zur Bundesrepublik Deutschland) besteht.
In den USA war der Kampf unterprivilegierter Gruppen stets auf „Berechtigung und Teilhabe“ ausgerichtet, egal ob es sich dabei um People of Color, religiöse Bekenntnisse, Geschlecht, sexuelle bzw. gendergerechte Orientierung oder um die Form individueller Beziehungsgestaltung handelte. Dank der Unabhängigkeitserklärung von 1776 (!) mit ihrer Zusicherung von „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ (dt.: „Leben, Freiheit und dem Streben nach Zufriedenheit“) war die Hervorbringung grundsätzlicher Freiheit für Individuen und Gemeinschaften in den USA von der ersten Stunde an Programm und festgeschriebenes Recht (wenn auch lange Zeit zunächst nur für weiße Männer).
Diese Ausgangslage war im „alten Europa“ und insbesondere in den höchst obrigkeitsstaatlichen Systemen, welche die Vorläufergebilde der BRD darstellten, eine völlig andere. Als ab Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts erstmals umfassend in vielen Bereichen für eine gesellschaftliche Liberalisierung gestritten wurde, mußten die beteiligten Gruppen nicht nur für ihre Berechtigung und Teilhabe eintreten, sondern zur selben Zeit ebenfalls erst einmal einem über Jahrhunderte tradierten und immer noch in weiten Teilen patriarchal geführten wie auch autoritären Staat die einhergehenden Freiheitsrechte abgewinnen.
Dieses Klima eines von allen Beteiligten in Teilen aggressiv (z.B. APO / RAF) geführten Freiheitsprozesses führte zu einem Ellenbogendenken und einer kategorischen Durchsetzungsmentalität, dessen Erbe uns hierzulande bis heute in allen gesellschaftspolitischen Diskussionen mit ihrer teils erschreckend kaltherzigen und oft kompromisslosen Diktion bis hinein in die sozialen Netzwerke begleitet.

Ethische Mehrfachbeziehungsführung – wie die Poly- und Oligoamory – sind jedoch, wie ich nun in den vier Teilen meiner Serie gezeigt habe, ein Ergebnis eines über fast einhundertfünfzig Jahre zurückreichenden Entwicklungsweges von Multikulturalismus sowie zugleich sozialem Pluralismus.
Möchten doch diese beiden bunten Fahnen auch für unser Land – und damit für uns alle – auf lange Zeit zu einem Schmuck und einem Ansporn zu verstärkt solidarischem, integrativem und vor allem friedlichen Handeln geraten.



Danke an Wikimedia Commons für die Zurverfügungstellung einer Bearbeitung des Plakats „We can do it“ von J. Howard Miller (Creative Commons 4.0 Lizenz)

Eintrag 49

Die Schultern, auf denen wir stehen – Teil 3

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern.
Die besten Geschichten aber schreibt die Wirklichkeit selber – oder vielmehr: Es ist die Wirklichkeit, die ihren Ausdruck in Geschichten findet, wiederum Impulse aus diesen aufnimmt und schließlich zu einem unglaublich bunten Teppich verwebt.
Diese vierteilige Artikelserie möchte ich der Geschichte der Oligoamory widmen, insbesondere ihren faszinierenden Wurzeln und ihrem wichtigsten Wert, der Selbsterkenntnis.

„Doppelt müht euch, mengt und mischt! // Kessel brodelt, Feuer zischt.“*

In meinem letzten Eintrag schrieb ich, daß sich zur Findung des Begriffs und der inhaltlichen Konzeption von „Polyamory“ zuvor noch zwei Menschen begegnen mußten.
Die eine Person war der Psychologiestudent Timothy Zell [Künstlername „Otter“ oder „Oberon“] der in seiner Ausbildung stark von der Denkweise Abraham Maslows (der übrigens auch ein Mentor des „Vaters der gewaltfreien Kommunikation“, Marshall Rosenbergs, war) beeinflusst wurde. Maslow zielte mit seinen Ideen auf einen ganzheitlicher Humanismus durch Individuation, insbesondere mittels Erforschung und Wahrnehmung eigener Bedürfnisse – einen Prozess, den er Selbst-Verwirklichung (Original: „Self-Actualization“) nannte. Zell hörte während seiner Studien u.a. Sätze wie diese:

„Selbstverwirklichende Menschen, Menschen also, die einen hohen Grad der Reife, Gesundheit und Selbsterfüllung erreicht haben, können uns so viel lehren, dass sie manchmal fast wie eine andere Rasse menschlicher Wesen erscheinen. Doch weil sie so neu ist, ist die Erforschung der höchsten Bereiche der menschlichen Natur und ihrer äußersten Möglichkeiten und Hoffnungen eine schwierige und gewundene Aufgabe. Sie hat für mich eine ständige Zerstörung liebgewordener Axiome mit sich gebracht, die unentwegte Auseinandersetzung mit scheinbaren Paradoxa, Widersprüchen und Zweideutigkeiten, manchmal auch den Zusammenbruch lang etablierter, fest geglaubter und scheinbar unangreifbarer Gesetze der Psychologie. Oft stellte sich heraus, daß es keine Gesetze waren, sondern nur Regeln für das Leben in einem Zustand milder und chronischer Psychopathologie und Ängstlichkeit, im Zustand der Behinderung und Verkrüppelung und Unreife, den wir nicht bemerken, weil die meisten anderen dieselbe Krankheit haben wie wir.“ ¹

Gewaltigen Eindruck hinterließ insbesondere der folgender Satz:

„Selbstverwirklicher sind ethisch; sie verfügen über soziales Gespür; sie haben eine umfassende Betrachtungsweise, einen Sinn für Wunder und ein Gefühl für das Mysteriöse. Aber sie sind auch von herkömmlicher Konvention befremdet. Sie fühlen sich von den Werten der gewöhnlichen Kultur losgelöst. Sie sind Fremde in einem fremden Land.“ ²

Zell unterhielt nämlich zugleich seit 1961 einen literarischen Zirkel, der sich vorwiegend mit fiktionalen Texten beschäftigte und dort schlug Robert Heinleins Roman Fremder in einer fremden Welt 1962 (siehe dazu Teil 1 – Eintrag 47) buchstäblich ein wie eine Bombe.
Maslows Anschauungen hinsichtlich persönlicher Potentialentfaltung kombiniert mit Heinleins visionärer Vorstellung eines alternativen, non-konformen Gesellschaftsmodells ergaben eine faszinierende Perspektive. Doch bei den meisten Menschen wäre es vermutlich bei einer solchen gedanklichen Perspektive in der Theorie geblieben.
Zell und eine kleine Gruppe motivierter Mitstreiter waren davon jedoch so inspiriert, daß sie versuchen wollten, ein solcherart gedankliches „Was-wäre-wenn“ in eine lebensfähige Praxis umzusetzen – analog zu dem chinesischen Sprichwort „daß es besser wäre, selber eine Kerze anzuzünden, statt bloß über die vorherrschende Dunkelheit zu jammern“. Die damaligen Studenten sahen vermutlich darüber hinaus die Gefahr, daß Maslows Gedanken auf akademischer Ebene (zu) wenig Eindruck auf tatsächliche gesellschaftliche Entwicklungen der Zeit nehmen würden. Eine Zeit, die allenthalben Zeichen eines gesellschaftlichen Aufbruchs in vielerlei Hinsicht ankündigte [Kennedy/Johnson-Ära in den USA: u.a. Bürgerrechtsbewegung, Black Power, atomares Wettrüsten, Vietnamkrieg, Hippie-Kultur, Gay-Rights-Movement, Womens Liberation].
In Folge formierte sich 1962 aus Zells Lesezirkel die Organisation „Church of All Worlds – CAW“ (dt.: „Kirche aller Welten“), die 1968 mit sogar einem eigenen thematischen Magazin an die Öffentlichkeit ging, dem alternativ gegenkulturellen „Green Egg“ (dt.: „Grünes Ei“).
Einer der Autoren des „Green Eggs“, Tom Williams, beschrieb später die Überzeugung der CAW folgendermaßen:
„Heutzutage haben wir das seltene Privileg, bewusst die Mythen zu wählen, nach denen wir leben wollen und zu wissen, dass die Welt, die damit heraufbeschworen wird, von der mythischen Struktur der Bevölkerung abhängt – und dadurch buchstäblich alles sein kann, von Öl, Bombern und Umweltzerstörung durch Pentagon und Kreml bis hin zum Zauberwald der Galadriel³.“
In diesem bemerkenswerten Satz ist z.B. ebenfalls die „Erschaffung des (persönlichen) Mythos“ angedeutet, von der auch der Kommunikationslehrer Brad Blanton in seiner „Radikalen Aufrichtigkeit“ spricht (die „Radikale Aufrichtigkeit“ ist ihrerseits wiederum aus der „Gewaltfreien Kommunikation“ hervorgegangen).
Zell und seine Weggefährten hatten also folglich erkannt, daß die „wahre Magie der Gegenwart“ in der philosophischen Tatsache der Wechselwirkung vom „Sein, welches das Bewußtsein“ – sowie dem „Bewußtsein welches wiederum das Sein“ formt, liegt. Denn übersetzt lautet diese Erkenntnis, daß unsere Wahrnehmungen und Erwartungen stets stark von den Gegebenheiten und Ereignissen unseres Umfelds (unserer „Wirklichkeit“) geprägt, ja geradezu programmiert werden. Allerdings existiert zugleich auch der bemerkenswerte andere Aspekt, nämlich daß der menschliche Geist ebenso fähig ist, wiederum Gegebenheiten und Ereignisse (also unsere „Wirklichkeit“!) maßgeblich zu beeinflussen und zu modifizieren, wenn es gelingt eine Bewußtseinsveränderung herbeizuführen.
Da Zell und die Mitglieder seiner „Kirche“ daher betonen wollten, daß jeder entwickelte Mensch potentiell auf diese Weise zu „schöpferischem“ (und in diesem Sinne quasi „göttlichem“) Handeln in der Lage sei, wurde die CAW von vornherein neopagan (neuheidnisch, siehe Teil 2 – Eintrag 48) konzipiert, was ebenfalls durch Heinleins Roman (siehe Teil 1 – Eintrag 47) angeregt wurde – aus dem auch bereits die Bezeichnung „Church Of All Worlds“ entlehnt war, indem sich die dortigen Mitglieder ehrenhalber mit „Du bist Gott“ (engl.: „Thou Art God“) begrüßten.
Die von Zell ganz real gegründete CAW wurde damit in den Folgejahrzehnten ein schillernder Mittel- und Projektionspunkt für die sich entfaltende nordamerikanische Neopaganismus-Szene in all ihren Ausprägungen. Zu den (Science-)fiktionalen Grundlagen der Anfangszeit gesellten sich so schon bald Ideen aus der Wicca-Szene, dem (Neu-)Hexentum und des Göttinnen-Mythos (siehe Teil 2 – Eintrag 48).

Timothy Zell, der sich damals Otter Zell nannte, mit Morning Glory 1974

Auf diese Weise begegnete Timothy Zell 1973 schließlich der anderen „wichtigen Person“, die ich für meine Geschichte der Poly- und Oligoamory brauche – und selbstverständlich ereignete sich dieses Zusammentreffen vor dem Hintergrund einer gnostisch-neopaganen Tagung (dem „Gnosticon“), bei der Zell die Eröffnungsrede hielt.
Dort nämlich verliebte sich Zell in die unter den Besuchern anwesende Hexe Morning Glory Ferns (dt. etwa „Prunkwinde Farn“ – selbstgewählte [Pflanzen]Namen sind bei Hexen nicht unüblich). Und diese Begebenheit stieß eine Kette von Ereignissen an, die es nötig machen würden, spirituelle Theorie mit den Niederungen alltäglicher Lebenspraxis klug zu vereinen.
Denn die gestaltungsbedürftige Ausgangslage bot sich bis in das Privatleben unser beiden Protagonisten hinein nun folgender maßen dar:
Sowohl das Hexentum als auch die „Kirche aller Welten“ waren in unabhängigen Kleingruppen organisiert. Im Hexentum als „Coven“ (siehe Teil 2 – Eintrag 48), in der CAW in den von Heinlein vorgeschlagenen „Nestern“. In beiden Gruppenformen arbeiteten Frauen und Männer intensiv esoterisch, spirituell und psychologisch an ihrer individuellen wie auch gemeinschaftlichen Potentialentfaltung, egal ob magisch oder zum Zwecke der Persönlichkeitsentwicklung.
Möglicherweise wird sich nun jede*r Teilnehmer*in an einer kleinen Kursgruppe, Workshop, Seminar, was auch immer, selbst daran erinnern: Der Grad an notwendigem „Seelenstriptease“ im Rahmen solcher Kleingruppen kann recht erheblich sein – was eventuell dazu führt, daß unter den Beteiligten umständehalber ein beträchtliches Maß an Vertrauen und Vertrautheit miteinander entsteht. Im Idealfall läuft dadurch sogar exakt das ab, was der US-amerikanische Psychologe Scott Peck als die Schritte zur „Gemeinschaftsbildung“ bezeichnete (siehe Eintrag 8). Und es war ebenfalls Scott Peck, der in dieser Hinsicht ebenfalls auf ein potentielles Maß an dabei freigesetzter sexueller Energie hinwies. Vor dem Hintergrund der „Wilden 60er“ – aber noch vielmehr vor dem Hintergrund der extrem gegenkulturell freiheitlich aufgestellten „Coven“ und „Nester“ kam es dementsprechend immer mal wieder vor, daß Teilnehmer*innen miteinander auch dieser Energie nachgaben. Und es kam vor, daß sich Teilnehmer*innen wegen der zusätzlich hergestellten Vertrautheit noch darüber hinaus ineinander verliebten – und durch die Kleingruppenarbeit gab es ja sogar die Perspektive einer Art längerfristig fortführbaren Beziehung.
An Coven oder Nestern partizipierten nun allerdings durchaus Menschen, die in ihrem Leben sonst in anderweitigen intimen Beziehungen standen, z.B. zu Lebens- oder Ehepartner, die nicht Teil des Covens oder des selben Nestes waren. Woraus sich ein moralisches Dilemma abzubilden begann, welchem zunächst mit dem bereits bekannten Konzept der „Offenen Beziehung“ oder „Offenen Ehe“ zu begegnen versucht wurde.
Trotzdem stellte sich alsbald ein weiteres Problem dar: Unter dem Konzept der „offenen Beziehung“ konnten die neuen (Liebes)Verbindungen oftmals nur als Erscheinung der entsprechenden Kleingruppe gelebt und erlebt werden (analog: „Was in der Gruppe passiert, bleibt in der Gruppe.“). In der Praxis ließen sich jedoch weder Gefühle auf bestimmte Lebensbereiche beschränken, noch harmonisierte diese Herangehensweise mit einem Konzept ganzheitlicher „Selbstverwirklichung“ (wie z.B. nach Maslow, der diesbezüglich einen uneingeschränkten Ansatz postuliert hatte). So mußte auch Morning Glory selbst erleben, wie die „offene Ehe“ mit ihrem damaligen Mann zerbrach, als sie die Beziehung zu Timothy Zell aufnahm.
Als aktive Angehörige einer gegenkulturellen Szene, die sich sonst intensiv (und in Teilen sogar politisch) mit Werten wie Berechtigung, Ehrlichkeit, Selbstermächtigung, Inklusivität und Akzeptanz auseinandersetzte, wird diese Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit vermutlich besonders schwer hinnehmbar gewesen sein. Doch gemäß Maslow, der schrieb, „daß Selbstverwirklicher lösungsorientierte Menschen seien“ gingen Zell und Morning Glory in den nächsten 10 Jahren daran, für sich und ihre persönliche Umgebung ein Modell zu entwickeln (und zu leben!), welches schlüssiger mit den Zielen konsequenter Selbstentwicklung und „innerer Göttlichkeit“ in Übereinstimmung gebracht werden konnte.

Die Ravenheart-Familie 1996: v.l.n.r.: Wynter, Wolf, Liza, Morning Glory, Oberon

Aus ihren eigenen Erfahrungen in einer Dreier- und schließlich sogar in einer Sechsfachbeziehung (der sg. „Ravenheart-Familie) ging schließlich eine Zusammenlebens und -liebensform hervor, die Morning Glory schriftlich erstmals im Mai 1990 im „Green Egg-Magazin“ skizzierte.
Der Text, in dem weltweit erstmals das Wort polyamor im Kontext einer Beziehungsform gebraucht wurde, findet sich in deutscher Übersetzung HIER ³.
In ihm befinden sich bereits alle wegweisenden Grundwerte angedeutet, welche bis heute für ethische Mehrfachbeziehungen ausschlaggebend sind: Engagement, Verbindlichkeit, Aufrichtigkeit, Verantwortung und Transparenz.
[Warum das beschreibende Wort dann ausgerechnet „polyamor“ hieß? Dazu gibt es mehrere Quellen, z.B. hier und dort (beide Englisch). Morning Glory sagte in einem Interview einmal: „Wenn Oberon und ich Wörter prägen wollten, schauten wir meist auf griechische und lateinische Wurzeln. Der lateinische Ausdruck für „viele lieben“ wäre jedoch „Multi-amory“, was unbeholfen klang; und das Griechische wäre „Polyphilie, was wie eine Krankheit klingt. So wurde es „poly-amor“ – und der Rest ist Geschichte.“]

Und der Rest ist tatsächlich Geschichte.
Die Polyamory war der Durchbruch für die überfällige Befreiung und Berechtigung einer (Liebes)Beziehungs- und Erlebenswelt, die viele Menschen bereits so oder so ähnlich für sich empfanden und in Teilen in verschiedener Subkulturen auch schon mit Leben zu erfüllen suchten. Morning Glorys „Polyamory“ folgte damit hinsichtlich der Befreiung und Berechtigung bezüglich der Gestaltung von Beziehungsformen dem Weg, den die queere und LGBT-Bewegung wenige Jahre zuvor für geschlechtliche Präferenzen bereits zu ebnen begonnen hatte.
Dieses Nachfolge sollte jedoch in den nächsten 25 Jahren regelmäßig die Problematik aufwerfen, wie stark „Beziehungsführung“ von sexuellen konnotierten Rahmenbedingungen abhängig wäre – wodurch die Philosophie der Polyamory immer wieder in Gefahr gerät, als charakterisierendes Merkmal von lediglich promisken oder vorwiegend sexpositiven Kreisen für sich beansprucht zu werden.

(Mein) Fazit:
Der „Große Wurf“ von Morning Glory und Oberon Zell, eine schöpferisch selbstverwirklichende Philosophie mit einer gemeinschaftsstiftenden Lebensweise durch die Wahl von in Liebe verbundenen Zugehörigen zu verknüpfen, war in mehrfacher Hinsicht bahnbrechend.

  • Ganz zuvorderst für die neopagane Community – egal ob rein mystisch/esoterisch oder politisch (z.B. Faerie, Dianisches Wicca, Reclaiming etc.). Die Zell-Ravenhearts konnten mit ihrem ganzheitlichen Ansatz von Leben und Lieben und den daraus gewonnenen gruppenpsychologischen Erkenntnissen erheblich zu dem Verständnis spiritueller Selbstentfaltung in Gemeinschaft beitragen. Ab der Jahrtausendwende erschienen auf diese Weise z.B. Ratgeber wie z.B. „Wicca Covens: How to start and organize your own“ von Judy Harrow (Citadel 2000), die sich wie das 1×1 integrativer Gemeinschaftsbildung innerhalb eines Hexenzirkels lesen.
  • In jedem Fall gesellschaftspolitisch, indem durch die erstmalige Formulierung einer ethischen Form von Mehrfachbeziehungsführung zunächst überhaupt eine öffentliche Wahrnehmung dieser Lebensweise hergestellt wurde. Diese Wahrnehmung wirkte sich – ähnlich wie im queeren/LGBT Bereich – wohltuend zweiseitig aus: Nämlich durch die Manifestation im öffentlichen Bewußtsein, daß es Menschen mit diesen Wünschen und Bedürfnissen gab – wodurch es wiederum Menschen, die sich mit Mehrfachbeziehungsgedanken trugen, erleichtert wurde, sich zu diesen Empfindungen zu bekennen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und sich zu trauen, diese Lebensweise in die Tat umzusetzen. [Über die politische Dimension von Polyamory siehe Teil 4!]
  • Und natürlich – last but not least – in Privatleben vieler zehntausender von Menschen, die global bemüht sind, in die Fußstapfen Oberon Zells und Morning Glorys zu treten.
    Menschen, die alltäglich in ihren Mehrfachbeziehungen den „Weg des größtmöglichen Mutes“ gehen, sich z.B. ihren Ängsten und Eifersüchten stellen, die unablässig an sich arbeiten – um damit schließlich doch an der phantastischsten Erfahrung von allen teilzuhaben:
    Sich individuell selbst zu erkennen, sich zu verwirklichen und bei all dem zu erleben, wie wir mit unserem gemeinschaftlich schöpferischen Potential – in seiner magiegleichen Synthese als potenzierte Summe seiner Einzelteile – Mehrwert erzeugen können für das Wohl von allem, was uns umgibt und dem, was in uns ist.
Morning Glory und Oberon auf ihrer letzten gemeinsamen Australienreise 2006


* Zitat aus William Shakespeare, Macbeth, Gesang der drei Hexen, Akt IV, Szene 1

¹ A. H. Maslow (Ed: Richard Lowry), „Dominance, Self-Esteem, Self-Actualization: Germinal Papers“, Monterey, CA: Brooks/Cole, 1973

² A. H. Maslow, „Motivation and Personality“, 2nd Edition, New York: Harper & Row, 1970

³ Danke an Atman Wiska für die deutsche Übersetzung, Kontexteinbindung und Netz-Einstellung des Bouquet of Lovers“ von Morning Glory Zell-Ravenheart.

Danke posthum an Margot Adler und ihr Buch „Drawing Down The Moon – Witches Druids, Goddess-Worshippers and other Pagans in America“, completly revised and updated edition 2006, Penguin Books

Und tausend Dank an Oberon Zell-Ravenheart für die freundliche und höchstpersönliche Zurverfügungstellung der schönen Privatfotos. (Rechte Oberon Zell und CAW.org)