Eintrag 12

Wie viel ist wenig?

Heute erreichte mich eine Nachricht vom Festland, in der ich gefragt wurde, was für die Oligoamoren denn die vielzitierten „Wenigen“ wären, die sich in einem ihrer Beziehungsnetzwerke zusammenfinden würden. Und wer das im Zweifelsfall festzulegen hätte, insbesondere in dem Fall, wenn Verliebtheit zu der Möglichkeit einer weiteren Beziehungsaufnahme führen könnte.

Diese beiden Fragen finde ich höchst spannend. Und so wie die Fragesteller*in bin ich auch der Meinung, daß sie in gewisser Weise zusammenhängen. Ebenfalls glaube ich, daß diese Fragen viele oligoamore Kernbereiche betreffen – hier also statt kurzer Antwort ein ganzer bLog-Eintrag, mit dem ich versuchen werde, mich diesem Themenbereich zu nähern.

In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte der britische Psychologe Robin Dunbar bezüglich der Größe von Primaten-Gemeinschaften eine interessante Korrelation zwischen Gehirngröße und der Anzahl der möglichen Individuen solcher Gemeinschaften, aus der er schließlich die sogenannte „Dunbar-Zahl“ entwickelte, die er für Menschen mit durchschnittlich 150 bezifferte. Zum besseren Verständnis teilte er dieses Feld von 150 Personen noch in mehrere konzentrische Kreise ein, deren Mittelpunkt eine Einzelperson – also quasi Du oder ich – darstellt.
Den ersten und engsten Kreis beschrieb Dunbar mit der Bezeichnung „Intimität und Nähe“ und ordnete diesem die Zahl von 5 Personen zu. Er führte aus, daß in diesem „Kreis“ Leute versammelt seien, mit denen ein Mensch meist eng zusammenleben würde, die einen selbst sehr genau kennen würden (und umgekehrt), mit denen ein sehr hoher Grad an sozialer Interaktion bestünde und denen man das meiste Vertrauen entgegenbrächte.
Den zweiten Kreis beschrieb er mit der Bezeichnung „Freundschaft“ und gab dessen Zahl mit 15 Personen an. Diesem Kreis ordnete er jene Nahbeziehungen zu, mit denen immer noch sehr starke Verbindungen bestehen würde, z.B. daß Träume, Pläne, Freude und Leid miteinander geteilt würden, obwohl vielleicht miteinander nicht mehr unbedingt eine räumliche oder finanzielle Gemeinschaft bestünde und nicht mehr ein Großteil der Zeit miteinander verbracht würde.
Den dritten Kreis, der mit dem Begriff „Anteilnahme“ beschrieben werden kann, enthält etwa 35-50 Personen, die in ungefähr das abbilden, was viele von uns mit „Bekannte“ bezeichnen. Also auch engere Arbeitskollegen, Leute aus der eigenen Gemeinde oder dem Vereinsleben mit denen wir regelmäßig zu tun haben – auf jeden Fall eine Gruppe, deren Zugehörigkeit schon deutlich heterogen (uneinheitlich zusammengesetzt) ist. Dunbar verwies darauf, daß zu dieser Gruppe auch all jene Beziehungen und Freundschaften zählten, die nicht (mehr) regelmäßig gepflegt würden.
Die Bedeutung des vierten Kreises schließlich, der dann je nach Individuum 100 bis 200 Menschen stark wäre, könnte mit dem Terminus „im-Austausch-stehen“ beschrieben werden. Dort wären dann all die Personen angesiedelt, die uns noch gerade namentlich bekannt wären, mit denen wir aber eher bloß punktuelle Erledigungen oder Vorgänge verbänden, wie z.B. ein*e Hausärzt*in, eine Putzhilfe, evtl. eigene Kunden oder Ähnliches.
[Manche Dunbar-Modelle arbeiten noch mit darüber hinaus gehenden Kreisen von ca.500 bis1500 Leuten. Diese bilden dann Personenfelder ab, bei denen wir vom Gesicht her möglicherweise gerade noch wissen, daß diese z.B. wahrscheinlich in unserem Unternehmen oder an unserer Bildungsstätte tätig sind, obwohl uns der Name nicht mehr ohne weiteres zu ihnen einfallen würde – oder wo wir recht sicher sind, daß sie in unserer Stadt oder in unserem Viertel leben, wir aber keinerlei weitere biographischen Daten zu ihnen haben (und auch nie daran interessiert waren)]

Nun sind wir – um gewissermaßen Patrick McGoohan¹ zu zitieren, selbstverständlich keine bloßen Zahlen sondern echte Menschen. Dennoch fanden und finden sich für die Dunbar-Zahl und ihre „Kreise“ überraschend menschliche Entsprechungen im wirklichen Leben, die sich ohne künstliche Anordnung herausbilden, weil sie offenbar tatsächlich einem gewissen „menschlichen Maß“ nachkommen, mit dem wir uns unwillkürlich im Alltag gut arrangieren können. Anthropologische Beobachtungen zeigten z.B., daß afrikanische Selbstversorger-Dörfer sich noch heute häufig in zwei Siedlungen auftrennen, wenn die Marke von 150 bis 200 Einwohner*innen überschritten wird. Lager von kooperierenden Jägern und Sammlern von der menschlichen Frühzeit bis in das heutige Amazonien bestehen regelmäßig aus nicht mehr als 35 bis 50 Einzelwesen, um die Effizienz eines Beutezuges sicherzustellen.
Und von den 12 Jüngern Jesu bis hin zu im Internet angebotenen Fortbildungen, Intensivkursen oder Teambuilding-Seminaren wird man auf Wunsch-Teilnehmerzahlen von 8 bis 15 Beteiligten stoßen.
Insbesondere mit Letzteren betreten wir den oligoamor relevanten Bereich.

Denn interessanterweise weisen vor allem viele sowohl spirituelle als auch psychologische Beispiele auf eine intime „Obergrenze“ von ungefähr diesem „Dutzend“ Teilnehmer*innen hin: Seien es eben die oben zitierten Jünger, seien es Ausbildungsgruppen in katholischen Priesterseminaren, die Größe von kirchlichen Hauskreisen, Hexenzirkeln (im Neopaganismus) oder eben auch Gesprächsgruppen und Therapiekreise – aber auch kleine Musikensemble, die ohne Dirigenten auskommen (und sich also „intuitiv verständigen“).
Für die intensive Beschäftigung mit einem gemeinsamen Thema oder miteinander wird das schon seit jeher ganz handfeste Gründe gehabt haben: Denn irgendwo bei dem „Dutzend“ liegt ganz sicher die Schmerzgrenze, wo aus einer „Gruppe“ eine „Menge“ wird, in der entweder Einzelne zu kurz kommen oder sich Teilmengen, „Untergrüppchen“ oder gar Parteiungen bilden (und damit genau die Art „Heterogenität“ entsteht, wodurch in Dunbars 3. Kreis aus Freunden „Bekannte“ werden).
Weniger „handfest“, dafür aber um so bedeutsamer scheint hingegen zu sein, daß wir Menschen unterhalb dieser „Schmerzgrenze“ offenbar dazu tendieren uns tatsächlich eher auf einen „Gruppenprozeß“ einzulassen, es eventuell wagen, uns zu öffnen und damit sogar auf die Möglichkeit eines Konfliktfalles hin Verletzlichkeit riskieren (und auch das Zeigen unserer Fehlbarkeit und Verletzlichkeit!). Was nichts weniger bedeutet, als daß wir in dieser Beziehungsgröße wohl unterschiedliche Meinungen, Bedürfnisse oder Interessen gerade noch an uns heran lassen können, weil wir trotz eventuell situativ verspürtem Zorn oder Verletzung hier noch ein Gefühl von Übersichtlichkeit und Berechenbarkeit entgegensetzen, daß eine Atmosphäre von Respekt und Vertrauen (wieder)herstellbar ist.

Wenn mich also als Autor dieses bLog-Projekts zu verbindlich-nachhaltigen Mehrfachbeziehungen jemand wirklich festlegen wollte, dann sage ich: Bis zu ca.12 Beteiligten reicht auch aus meiner Erfahrung ein Bereich, in dem für alle Beteiligten eines kleinen (oligoamoren) Mehrfachbeziehungsnetzwerks genau die Verbindlichkeit und die Nachhaltigkeit noch lebbar und vor allem er-lebbar bleibt. Denn erstens wird genau die darüber hinausgehende Heterogenität eines Teilnehmer*innenfeldes die Verbindlichkeit für das Individuum beeinträchtigen, indem Integrität und Verläßlichkeit bei immer vielfältigeren Reizen schnell zu einer buchstäblich über-menschlichen Herkules-Aufgabe werden können. Und zweitens verwässern jenseits davon zunehmend die Nachhaltigkeitskriterien Beständigkeit (Konsistenz), Geeignetheit (Effizienz) und Genügsamkeit (Suffizienz) [diese angestrebten „Werte“ der Oligoamory finden sich in Eintrag 3].

Gibt es für mich als Autor auch eine „Idealgröße“?
Das jüdische Sprichwort besagt „Wer eine einzige Seele rettet, rettet eine ganze Welt.“ (Jerusalemer Talmud; Sanhedrin, 23 a-b; [ähnliche Aussage übrigens auch im Koran 5:32]).
Wenn ich dieses Bild mit dem Anaïs Nin-Zitat in Zusammenhang lese „daß jeder neue Mensch für eine neue Welt in uns steht, die möglicherweise nicht geboren wird, bis dieser neue Mensch in unser Leben kommt – und das nur durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten kann“ (dazu Eintrag 6), dann könnte folglich schon das Führen einer einzigen Beziehung zu „nur“ einem weiteren Menschen eine intensive Entdeckungsreise in ein völlig einzigartiges Universum eröffnen, die uns mit ihrer unendlichen Vielfältigkeit ein ganzes Leben lang beschäftigen wird.
Und Hand aufs Herz: Allein die Aussicht auf eine solche Entdeckungsreise beim Verlieben in einen neuen Menschen fühlt sich doch schon dermaßen intensiv an, daß es uns in so einem Moment nahezu komplett in Beschlag nimmt.
Genau dieses Phänomen spielt ja insbesondere bei der Öffnung einer schon bestehenden Beziehung hin zu einer Mehrfachbeziehung oft so eine profunde Rolle: Für (meist) einen der Beteiligten tut sich so eine „neue Welt“ auf, was zunächst häufig zu formidablen Turbulenzen hinsichtlich Ressourcenmanagement, Zeitverteilung und einer Neuorientierung der Bedürfnisbefriedigung führt.
Die Herausforderungen von Ressourcenmanagement, Zeitverteilung und Bedürfnislage bleiben in Mehrfachbeziehungen allerdings immer ein wichtiges Thema, selbst wenn sich das anfängliche und nicht selten mit reichlich Hormonaufwallung versehene Chaos allmählich zu lichten beginnt.
Sensiblere Naturen (wie ich es als Hochsensible Person / HSP beispielsweise bin) können dann bereits mit zwei nahen Bezugsmenschen vollauf eingebunden sein, was sicher auch gelegentlich den Wunsch nach triadischen Dreier-Konstellationen besonders beflügelt (wenn auch vielleicht so kurzsichtig wie verständlich: Schließlich setzt sich ein Menschenwesen erst einmal selbst an die Stelle des „Zentralpunktes“ seines Beziehungsnetzwerkes).
Konsequent zu Ende gedacht finden wir uns mit der Oligoamory dennoch vermutlich dann irgendwo in Dunbars „Erstem Kreis“ wieder: Eine Gruppe von bis zu 6 Personen (nämlich 5 + ich), die miteinander den beschriebenen hohen Grad an Intimität und Nähe teilen, der für die gemeinsame Aufrechterhaltung sowohl von allseitigem Vertrauen als auch von allseitiger Vertrautheit so bedeutsam ist.
►Nicht zu vergessen: Wir sprechen hier über die Intensität in einer engen, aufeinander bezogenen Liebesbeziehung. Und „Beziehung“ heißt ja in diesem Kontext, daß es sich dabei dann um die Menschen handelt, mit denen wir maßgeblich unser Leben gestalten – und denen wir im Gegenzug unsererseits gestatten, maßgeblich auf unser Leben Einfluß zu nehmen. Denn die liebevollen Verbindungen und die vertrauensvollen Verhältnisse, die daraus (hoffentlich) miteinander entstehen, bedeuten im Idealfall nichts weniger, als darin die höchst erfüllende Gewissheit zu erfahren, daß alle einander gemeinschaftlich so wichtig sind, daß sie einander stets auch in wichtigere individuelle Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse – wenigstens gedanklich – miteinbeziehen.
Dieses Letzte ist für mich ein sehr oligoamorer Kerngedanke, da für mich hier die übersichtliche und menschlich berechenbare „Anzahl“ der wenigen Beteiligten direkt mit der Gewährleistung der oligoamoren Werte (insbesondere der Bereiche Verbindlichkeit, Berechtigung, Aufrichtigkeit, Identifikation und Nachhaltigkeit [siehe Eintrag 4]) verbunden ist.

Genau hier ergibt sich auch die Überleitung zu der zweiten Frage „Und wer entscheidet das?
Grundsätzlich ist sicherlich festzuhalten, daß zwischen Menschen immer Faszination, Attraktion, „Für-einander-Empfinden“ und Verliebtheit aufkommen kann – und wird.
Die Wahrscheinlichkeit, daß dies erst einmal die „kleinste mögliche Einheit“ betrifft – und damit zunächst oft nur zwei Menschen (egal, ob diese sich schon in Beziehung befinden oder nicht) – ist ebenfalls sehr hoch. In Folge lassen sich die Beteiligten dieser „kleinsten Einheit“ dann ja auf einen möglichen Prozess des Kennenlernens – und auch potentiell des Liebenlernens – ein.
Wenn dieser Prozess schließlich in die Überlegungen zu einer sich abzeichnenden Beziehung übergeht, dann werden dabei, selbst unwillkürlich, auch Fragen des jeweiligen Lebensentwurfs auf jeden Fall berührt, z.B.: Wie sehen sich die Beteiligten selbst? Als Einzelwesen, welches sich situativ immer mal wieder punktuell „in Beziehung begibt“ – oder eher als Gruppenzugehörige*r eines eventuell größeren Ganzen?
Eine oligoamore Beziehungsauffassung enthält sehr stark die Neugierde darauf, sich selbst als „mehr als die Summe seiner Teile“ zu erleben – und damit auch, sich intensiv mit der eigenen menschlichen Natur als „Gemeinschaftswesen“ auseinanderzusetzen.
So ein Ansinnen enthält allerdings bereits ein gewisses Maß an Lust auf Selbsterkenntnis und damit auch an Eigenverantwortung: „Ich möchte zu einem gemeinsamen Schatz an Wissen, Begabungen und Erfahrungen beitragen und daran teilhaben. Ich werde dabei viel von mir selber offenbaren (wie es ja auch Dunbar für den ersten und zweiten „Kreis“ darlegte) und auch die anderen Beteiligten werden sich mir gegenüber öffnen – was auch sein muß, denn ohne diese Gegenseitigkeit kein Vertrauensaufbau.“
Dadurch ist es letztendlich genau diese „Eigenverantwortung“, mit der jede*r schließlich für sich selbst darüber entscheiden muß, in wieweit neue Personen mittel- und langfristig zum eigenen Netzwerk passen werden.
Denn im Hinblick auf meine Zugehörigen, die ich mir so in gewisser Weise erwähle (und meine Zugehörigen erwählen mich), möchte ich ja auch an dem Potential unserer Gemeinschaft teilhaben , welches sich wiederum aus dem Potential der Einzelnen mit ihren Eigenheiten und Begabungen zusammensetzt. Im besten Fall also profitiere ich von beidem. Und genau dadurch erhält gerade dieses persönliche Nah-Umfeld in der Oligoamory so große Bedeutung.

Für manche Leser*innen mag dieser letzte Teil recht ideal und vielleicht schon etwas abgehoben klingen.
Darum kann eine „Gegenprobe“ mit der persönlichen Einstellung zu den Menschen im eigenen Beziehungsnetzwerk manchmal ein Gedankenanstoß sein.
Ich habe z.B. bemerkt, daß für mich das Führen von Fern- und Wochenendbeziehungen in obiger Hinsicht eine Herausforderung ist, weil ich oft Schwierigkeiten habe, dort einen für mich befriedigenden Grad an Gegenseitigkeit zu erleben. Denn in diesen Verbindungen befinde ich mich aus meiner Sicht meistens mit Menschen, die für das eigene Leben eine hohe Bedeutung haben sollten – die aber gleichzeitig räumlich oder zeitlich häufig von mir getrennt sind. Bei mir selber führt das oft zu einem Gefühl, daß sowohl die betroffenen Beziehungen als auch die Menschen darin für mein Leben nicht so recht Gestalt annehmen bzw. wortwörtlich „real“ werden, allein indem sie an meinem alltäglichen Leben weniger Anteil nehmen.
Ich persönlich habe für mich wahrgenommen, daß ich diese Beziehungen bereits mittelfristig als oligoamor schwer aufrechtzuerhalten empfunden habe, denn ich erlebe mich dort eher von einem „spannenden Feature“ fasziniert als wirklich in einer echten Verbindung zu einem Menschen aus Fleisch und Blut.
Womit meine Reise wieder bei Robin Dunbar angekommen wäre, der mir vermutlich aufzeigen würde, daß solche Beziehungen bei mir in eindeutiger Gefahr sind, von den beiden inneren Kreisen recht bald zum Rand des Dritten, mit den bloßen „Bekanntschaften“ darin, abzutreiben.

Ich selber möchte doch auch nicht darauf hoffen, daß meine Faszination als optional zuschaltbares Feature möglichst lange anhalten wird, denn wir verdienen es schließlich alle, als echte Menschen mit unseren Ecken und Kanten von unseren erwählten Liebsten wirklich ganz und gar akzeptiert und geliebt zu werden.
Und in dieser Hinsicht möchte ich mit der Oligoamory dazu einladen, in jedem Fall der Qualität und der Intensität den Vorzug vor Quantität und Zeitvertreib (neudt.: Entertainment) zu geben.²




¹ Richtig gelesen: Das Zitat stammt nicht ursprünglich aus einem Songtext von Iron Maiden, sondern aus der Fernsehserie „Nummer 6“ von 1967.

² Im Gegensatz zu meinen Vorstellungen der Oligoamory halte ich das Führen von – ich sage mal – weniger anspruchsvollen Mehrfach-Beziehungen in der Polyamory für absolut möglich und auch von dem dortigen Konzept abgedeckt. Die diesbezüglich kritischen Gedanken, die daher für mich zu einem eigenen Ansatz geführt haben, habe ich in Eintrag 2 niedergelegt.

Danke an Christine für die anregenden Fragen und an rawpixel auf unsplash.com für das Foto!

Eintrag 11

Held im eigenen Film

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern. Eine beliebte Gestalt, die an den Lagerfeuern besonders gerne beschworen wird, weil sich die Zuhörer*innen so sehr mit ihr identifizieren können, ist der schwarze Fledermausmann.
[Die Geschichte würde natürlich auch mit dem WunderWeib oder der DiversDiva als Protagonist*in funktionieren – aber heute möchte ich Euch die Geschichte so wiedergeben, wie ich sie von den Eingeborenen des entlegenen Eilands der Oligoamory selber zum ersten Mal gehört habe]:

Er ist ein Held.
Er ist der Fledermausmann,
der schwarze Chevalier.
Er gibt sein Bestes.
Er tut, was er tun muß:
das Richtige.
Er lebt für einen weiteren Tag.

Aber heute sitzt der Held nachdenklich auf dem großen Wasserspeier aus Marmor, hoch über der Stadt und ist sehr nachdenklich. Denn in letzter Zeit scheinen seine Heldentaten nicht mehr so recht heroisch zu geraten – und er kann sich einfach nicht erklären, woran es liegt.
Er selbst weiß sich nichts vorzuwerfen: Er handelt, wie er seit jeher gehandelt hat, er ist mutig, er kämpft für das Gute – oder wenigstens für das, was er gestern noch dafür hielt.

Aber in den letzten Tagen scheint sein rastloser Einsatz immer weniger den beabsichtigten edlen Zielen zu dienen, denen sich der Fledermausmann aus eigenem Antrieb verpflichtet sieht.
So ist er doch eigentlich durch und durch das Ideal eines oligoamoren Beziehungsmenschen: Loyal, verläßlich, verantwortlich und integer.
Letztes Wochenende kam er also in dieser Weise von einem Treffen mit einem Paar – beide enge Liebste und Vertraute des Fledermausmannes. Es war ein intensives Wochenende, welches die Nähe und Intimität der Beziehung zwischen ihnen allen drei nochmals gestärkt hatte. Insbesondere zu der Frau konnte der Fledermausmann diesmal noch vertrautere Bande knüpfen, was ihm schon im Vorfeld für die gesamte Gemeinschaftlichkeit wichtig gewesen war.
Diese gesamte Gemeinschaftlichkeit hatte ihn ganz und gar erfüllt und auch auf dem Rückweg noch vollkommen in Bann geschlagen. Wie könnte er diesem einzigartigen Gefühl noch mehr Ausdruck verleihen und es in sich noch mehr steigern, jetzt, wo es ihn quasi von Kopf bis Fuß durchströmte? Er wäre nicht der Fledermausmann gewesen, wenn ihm dazu nichts eingefallen wäre: Noch vor der abendlichen Ankunft in seinem Geheimversteck wendete er sein dunkles Gefährt und sauste sogleich zu seiner dritten Liebsten, um mit ihr in dieser Nacht seine gewonnene Erfüllung zu teilen.
Am nächsten Morgen sah er im Spiegel nicht nur den Helden, der er war, sondern er spürte es auch in jeder seiner Fasern. Und darum lag die nächste oligoamore Heldentat wie selbstverständlich auf der Hand: Sofortige Transparenzherstellung und Teilen seiner Erlebnisse und Erkenntnisse mit seinen vorherigen Gastgebern. Heute mache ich alles richtig!
Was aber dann über unseren guten Fledermausmann hereinbrach, war nicht das, was er erwartet hatte. Denn gerade von der Frau seines dortigen Beziehungspaares wurde ihm ein gänzlich unheroisches Zeugnis ausgestellt: Wie er sich denn nach dem innigen Wochenende so bedürftig und so undankbar hätte aufführen können, daß er sich ja wohl in seinem Lustrausch und in seiner Unersättlichkeit noch auf der Rückfahrt an den nächsten Busen hätte werfen müssen? Ob ihm denn die intensive Nähe von Körper, Geist und Seele des Wochenendes so wenig bedeuten würden, daß es sie sofort mit der nächsten Sensation überschreiben müsste? Da sollte er einmal darüber nachdenken, ob es gut sei, wie beliebig er es mit seinen Liebsten halten würde…

Wenn es nur dabei geblieben wäre! Doch auch mit seiner dritten Liebsten schien er im Verlauf der Woche immer weiter vom selbstgesetzten Pfad der Tugend abzuweichen.
Mit ihr hatte er nämlich selbstverständlich auch eine Vereinbarung über Transparenz und Aufrichtigkeit – und so hatte er ihr nach und nach im Laufe des Montags das ganze Wochenende mit seinen Begebenheiten geschildert. Dabei war unserem Fledermausmann – achtsamer Beziehungsmensch der er ja war – aufgefallen, daß seine hiesige Liebste durchaus nicht alle Details so souverän verkraftet hatte, ja, daß er z.T. eine Spur von innerer Erschütterung, vielleicht gar von Ängstlichkeit oder Irritation an ihr wahrgenommen hatte. Ein klarer Fall für den Fledermausmann: Beziehungsleid erkannt – Beziehungsleid gebannt! Gerade darum war er doch ein oligoamorer Held, um tief eingelassen für Beständigkeit zu sorgen. Weiteren Nachfragen seiner Liebsten in den folgenden Tagen kam er nun mit weniger Einzelheiten und eher allgemeiner Beschreibung nach, um ihr quasi die Hand in einer für sie nicht ganz leichten Beziehungssituation zu halten und zu beweisen: Auf den Fledermausmann ist Verlaß als achtsamer Wächter und Wahrer deiner sensiblen Grenzen!
Doch am Donnerstag brach es dann wie ein Ungewitter seiner Liebsten über ihn herein: Daß sie diese ganzen Heimlichkeiten und das Würmer-aus der-Nase ziehen hinsichtlich x und y ganz schlimm fände. Daß er aus falsch verstandener Bevormundung ihr die ganze Wahrheit vorenthalten würde, ja es mit der Transparenz offensichtlich aalglatt halten würde. Wie überhaupt sein Verhalten in der Sache so wenig oligoamor sei…

Da war er dann auf seinen einsamen Wasserspeier geflohen, gebrochen, verzweifelt, sich mißverstanden fühlend. Nieselregen hüllt ihn ein und legt sich wie ein Schleier auf das Herz des schwarzen Chevalier. Wie hatte ein Held wie er nur so tief fallen können?

Die tragische Gestalt des Fledermausmannes in den oligoamoren Legenden ist für uns – wie auch für die gebannt lauschenden Zuhörer am Lagerfeuer – als Archetyp geradezu eine Art „Seelenverwandter“ und hat sehr viel mit uns selbst zu tun:
Denn Marshall B. Rosenberg erklärt anhand seines Modells der „Gewaltfreien Kommunikation“, daß nahezu alle Menschen für ihr Handeln normalerweise „sehr gute (persönliche) Gründe“ haben.
Wer diesen Satz jetzt schnell gelesen hat, die/den bitte ich, es nochmal zu tun – und dabei das Wort „gute“ liebevoll und ausdrücklich zu betonen, denn dies ist für das weitere Verständnis von äußerster Wichtigkeit!

Die psychologische Forschung (insbesondere die humanistische Psychologie mit den Vertreter*innen V. Satir, C. Rogers und A. Maslow) legt diesen „Guten Gründen“ das Vorhandensein universeller menschlicher Bedürfnisse zugrunde, die sich alle Mitglieder der Spezies „Homo sapiens“ zu erfüllen suchen (►Dazu zählen lebenserhaltende Bedürfnisse wie Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Licht und Schlaf; Bedürfnisse die Sicherheit und Schutz dienen – wie z.B. physische Gesundheit, Obdach und Privatsphäre; Bedürfnisse die Gemeinschaft und Beteiligung sicherstellen – wie z.B. Geborgenheit, Unterstützung und Kontakt; Bedürfnisse rund um Verständigung und Kommunikation – wie z.B. Aufmerksamkeit, Austausch, Wertschätzung und Aufrichtigkeit; Bedürfnisse hinsichtlich Zuneigung und Liebe – wie z.B. Angenommensein, Beständigkeit, Fürsorge oder Sexualität; Bedürfnisse bezüglich Erholung und Muße – wie z.B. Entspannung, Harmonie und Spiel; Bedürfnisse die Kreativität ausdrücken – wie z.B. Lernen, Selbstwirksamkeit, Spontaneität oder Eigenentfaltung; Bedürfnisse nach Autonomie und Identität – wie z.B. Selbstwert, Identifikation Erfolg oder Sinn – und auch Bedürfnisse der Lebensgestaltung und Sinnsuche – wie z.B. Bedeutsamkeit, Würde, Achtsamkeit und Kompetenz).

Diese allen Menschenwesen gemeinsamen „universellen“ Bedürfnisse sind aus sich selber heraus weder positiv noch negativ; jedoch motivieren sie uns Menschen zwecks Erfüllung zu bestimmten Handlungen.
Für unser gegenseitiges Verständnis, ja, für menschliche Kommunikation und Interaktion insgesamt könnte sich das grundsätzlich als phantastische Botschaft lesen: Wir alle haben die gleichen Bedürfnisse, wir alle sind gleich in unserem Streben nach Erfüllung dieser.
Was also ist zusätzlich zu beachten – wo steckt das „Häkchen“?
Darin, daß es im zweiten Schritt ganz wichtig zu beachten ist, daß sich die Art und Weise der Bedürfniserfüllung von Individuum zu Individuum sehr wohl unterscheidet. Folglich müssen wir zwischen „(universellem) Bedürfnis“ und „(individueller) Bedürfniserfüllstrategie“ trennen.
Was bedeutet, daß bei der Erfüllung also individuelle Prioritäten gesetzt werden.
Genau diese Unterscheidung zeigt, daß damit durchaus Konflikte entstehen können, wenn Bedürfniserfüllung z.B. auf Kosten anderer Lebewesen (und deren Bedürfnisse) betrieben wird.
Und die Tatsche, daß wir so zwischen „Motivation“ und „Strategie“ unterscheiden können, erlaubt uns, eine Ursache zu verstehen und sogar zu respektieren – aber gleichzeitig mit der Wirkung (auf uns bzw. die Umwelt) trotzdem nicht einverstanden sein zu müssen.
Kein Lebewesen, kein Mensch, hat also negative oder gar „böse“ Bedürfnisse – allerdings kann er/sie/es problematische Herangehensweisen zu deren Erfüllung wählen.
Doch selbst dabei ist es für einen einigermaßen gesunden Menschen immer noch fast ausgeschlossen, bei normal-unbewußtem Handeln wirklich abgrundtiefe Scheußlichkeiten zu vollbringen.
Denn die Hirnforschung der letzten Jahre (insbesondere J. Panksepp und T. Insel zu sozialer Anerkennung im hirneigenen Belohnungszentrum) und die Primatenforschung an unseren nächsten Verwandten (insbesondere F. de Waal) haben zusätzlich erwiesen, daß wir Menschen aufgrund unserer „Hordennatur“ normalerweise sehr stark nach der (positiv formulierten) Maxime „Was ich will, was man mir tu‘ – das füg‘ auch ich euch zu“ handeln. Heißt: Bei unserem Streben nach persönlicher Bedürfniserfüllung und persönlichem Nutzen sind wir aufgrund unserer biologischen und sozialen Komponenten fast immer sehr stark ebenfalls zu einem „Gruppennutzen“ motiviert, der am Ende natürlich auch wieder uns selbst zu Gute kommen könnte.

Fazit: Aufgrund unseres Strebens nach persönlicher Bedürfniserfüllung und der daraus hervorgehenden Motivation in Kombination mit unserer Tendenz zur Maximierung eines möglichst umfassenden sozialen Wohlergehens sind wir buchstäblich als handelnde Person „Held*in in unserem eigenen Film“.
Denn das oben Dargelegte zeigt, daß die Wahrscheinlichkeit, daß hinter nahezu jedem menschlichem Tun eine grundsätzliche „gute Absicht“ steckt, die auf die Erhöhung von (irgendeinem) Wohlergehen bzw. auf Zufriedenheit abzielt, exorbitant hoch ist.
Und wiewohl insbesondere mediale Berichterstattung und Fiktion häufig von der gegenteiligen Faszination leben, so bitte ich – insbesondere in Liebesbeziehungen – zusammen mit Marshall Rosenbergs Konzept von „Gewaltlosigkeit“ doch erst einmal dem (sogar rational) viel naheliegenderen Vertrauen in die gute Absicht Raum zu geben.
Was also selbst im Falle von eigener Verletzung wenigstens bedeutet, zunächst ganz bodenständige, allzu menschliche Faktoren für einen Konflikt / ein Unglück wie Unbewusstheit/Unreflektiertheit, Bequemlichkeit, Ungenauigkeit, Selbstvergessenheit oder Überforderung anzunehmen, statt grausame Absicht und berechnenden Verletzungswillen zu vermuten.

Warum?
Meiner Ansicht nach ist der Nutzen, den wir für unsere menschlichen Beziehungen aus so einer Haltung eines eher wohlwollenden Vorvertrauens haben, dreifach.

  • Erstens beeinflußt dies ganz direkt das Bild, welches wir uns in so einem Moment von dem abgelaufenen Vorgang, der handelnden Person und somit auch vom gesamten Film – also unserer Welt – machen: Da ist ein Mensch, der aus seiner Sicht so gut wie möglich versucht(e), seine Bedürfnisse zu erfüllen. Sie*Er will/wollte es irgendwie richtig machen. Wenn dies nicht gelungen ist – und es vielleicht sogar schmerzliche Kollateralschäden gab – so ist die handelnde Person dadurch eher ein „gefallener Held“, vielleicht auch ein gebrochener Held (wie eben der schwarze Chevalier oder viele andere Superhelden, die eine nicht-lineare Legende haben); nicht aber das planvoll Böse, nicht der Antagonist, nicht der Feind. Allein durch diese Haltung verhindere ich, daß ich selber in eine polare Welt aus „Gut vs. Böse“, „Richtig vs. Falsch“, „Schwarz vs. Weiß“ abtauche. Ich bleibe offen, kann differenzieren und weiter Schattierungen und Zwischentöne wahrnehmen. Das ist gut für Gehirn und Herz: Denn mein Gesamtgefühl von Selbstwirksamkeit und Sicherheit bleibt intakt.
  • Zweitens erhält uns diese Sicht die Chance auf echtes Vertrauen, weil wir nicht „dichtmachen“, sondern verstehen wollen, was auf „der anderen Seite“ geschehen ist: Welche Bedürfnisse waren da denn nun eigentlich in Unterdeckung, daß es so gekommen ist? Allein schon dieses Interesse bildet nämlich genau genommen bereits die Knospe für eine entstehende Verbindung zum Gegenüber. Denn dadurch kann ein echter Prozess eingeleitet werden, indem das wechselseitige Verstehen der Motive und Motivationen in den Vordergrund rückt: Warum wurde so gehandelt? Und wie ist das bei Dir angekommen? Wer anfängt auf diese Weise zu denken, macht einen Dialog auf, in dem sowohl die „fremden“ als auch die eigenen Motive und Strategien zur Bedürfniserfüllung überdacht werden können.
    Und wer gemeinsam so weit kommt, steht schon kurz vor einer Synthese und dem Ausstieg aus dem möglichen Konflikt: Gibt es vielleicht künftig ein Vorgehen, was uns beiden/allen (bedürfnis)gerecht werden könnte?
  • Drittens erhalten wir uns auf diese Weise die Perspektive wahrzunehmen, daß wir alle vermutlich vielfach gefallene oder gebrochene Helden (aber nichtsdestoweniger Helden!) sind, die trotzdem immer noch jeden Tag versuchen, wieder und wieder – auch unter widrigsten Bedingungen – ihr Bestmögliches zu geben. Damit gestatten wir uns und den Anderen, daß wir Fehler machen dürfen, daß wir bereit sind darin dazuzulernen und daß wir weiter streben und es erneut anpacken können. Und das ist definitiv ein wirklich heroischer Beitrag zu einer (mit)menschlicheren Welt.

Insbesondere was unsere Liebsten und Lieblingsmenschen angeht, können das alles enorm beruhigender Gedanken sein – gerade in Momenten, wenn irgendetwas nicht glatt läuft und die Welt kopfzustehen scheint. Denn in dieser Weise sind wir also alle stets wirkliche „Helden im Alltag“, die durch die Bedürfnisse hinter ihren „sehr guten Gründen“ sogar in einer Art „Menschheits-Liga“ nach gleichen Zielen streben, egal ob WunderWeib, MultiMann oder DiversDiva.
Nur in der Wahl unserer Mittel unterscheiden wir uns – aber unter Superhelden ist das ja auch wahrscheinlich, da wir alle mit ganz unterschiedlichen Biographien, Kräften und Begabungen ausgestattet sind.

So wie der Protagonist unserer obigen Geschichte.
Denn auch er lebt für einen weiteren Tag.
Da wird er das Richtige machen und tun, was er tun muß:
Er wird sein Bestes geben.
Er ist der Fledermausmann,
der schwarze Chevalier –
und er ist ein Held.




Danke an Richard David Precht und seine ausführlichen Gedanken zur Natur und Moral des Menschen in seinem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ (Goldmann 2010);
und an Marcel auf Unsplash für das passende Foto vom Helden-Graffito.

Eintrag 10

Europa der vielen Geschwindigkeiten

Die Deutsch-Französische Freundschaft ist legendär. Eigentlich ist sie ja auch mehr als das: Eine echte Partnerschaft.
Und sie reicht schon eine geraume Weile zurück. Obwohl das am Anfang gar nicht so selbstverständlich war; damals hätte das wohl niemand vorherzusagen gewagt.
Denn wer Frankreich und Deutschland noch von ganz früher kannte, wußte: Da lag oft Streit in der Luft und das Trennende wurde betont.
All das, obwohl man schon immer Nachbarn war und quasi Tür an Tür lebte.
Dann aber, als die Idee der (europäischen) Gemeinschaft geboren war, da gab es hüben und drüben fast kein Halten mehr: Schluß mit den Kalamitäten der Vergangenheit! Ein rauschendes Fest wurde gefeiert, woran sich viele noch lange erinnerten – Deutschland und Frankreich rückten eng zusammen.
So eng, daß sie von Freunden und Kritikern bald gemeinschaftlich schon als „Motor“ bezeichnet wurden, so synchron verbunden ging es voran. Das war für die restliche Welt nicht immer einfach: Frankreich und Deutschland, manchmal beinahe wie symbiotische Zwillinge, die unbedingt den anderen beweisen wollten, daß ihre Allianz ein Erfolgsmodell war.
Deutschland und Frankreich – sie gaben darum oft den Takt vor, dem die anderen Folge leisten sollten: Vorbildlich – für ein Leben in Gemeinschaft.
Trotzdem war es nicht immer leicht miteinander. So viel gemeinsame Zeit: Da gab es auch Phasen mit Stürmen, echten Meinungsverschiedenheiten, selbst zeitweilige Alleingänge.
Aber die Sache hielt. Sogar so gut, daß eines Tages frischer Wind gewagt und beschlossen wurde:
Öffnung und Erweiterung! (zu einer europäischen „Union“…)

Österreich hatte ja Frankreich und Deutschland in ihrer Gemeinschaft schon lange beobachten können. Aber in so einer Art von Gemeinschaft hatte sich Österreich nicht wiedergefunden.
Gemeinsamkeiten und Nähe, ja, die gab es doch auch so schon lange genug. Gerade mit Deutschland… – schöne und weniger schöne Erinnerungen von ganz früher.
Die Öffnung zur Union war jetzt aber die Chance für Österreich, endlich „ganz offiziell“ dazuzurücken. Nicht wegen der alten Zeiten halber, sondern vor allem wegen diesem „frischen Wind“, der da jetzt durch das vereinte Ganze wehte (also Europa…). Und insbesondere mit Deutschland stellten sich Nähe und große Ähnlichkeit schnell wieder her.
Das war für Frankreich nicht immer eine leichte Zeit, Deutschland und Österreich so vertraut erneut Seite an Seite zu sehen. Ängste kamen auf, in ein (atlantisches) Abseits zu geraten, nur noch die „zweite Geige“ zu spielen. Und darum wurde es in Debatten jetzt auch manchmal laut, wenn um das „gemeinsame Wir“ gerungen wurde…
Doch trotz aller anfänglichen Zitterpartien und der Skepsis mancher Zweifler gelang die neue Beziehungsform als (europäische) Union, weil das, was alle zu bieten hatten und nun zusammenlegten, größer und mehr wurde als die Summe der Einzelteile.
Frankreich z.B. erkannte sich in Vielem in Österreich wieder: Die Urlaube, das Landleben mit seinen Stärken und Schwächen – und natürlich eine Vorliebe für gutes und reichliches Essen.
Nun konnte es geschehen, daß es sogar Deutschland war, welches von den Interessen der Partner überstimmt wurde – und es dauerte durchaus einen Augenblick, sich in diese neue Rolle mit Würde einzufinden…
Eine neue insgesamte Dynamik entstand: Partnerschaft, ja eine Gemeinschaft von gleich-Berechtigten wie -Verpflichteten.
Unkonventionell zuerst auf jeden Fall – aber visionär und zukunftsfähig.
Österreich, Frankreich und Deutschland wurden zu stärkeren Partnern: Für sich selbst, für einander und auch nach außen.
Und wie es mit der neuen Beziehungsform als Union beschlossen war, sollte es auch weitergehen: Offen für mögliche Erweiterung und die Dinge, die da noch geschehen mochten.

So kam eines Tages Kroatien hinzu, ermutigt und angezogen von den anderen Beteiligten.
Anfängliche Attraktion war sogleich vorhanden, denn mit Deutschland teilte Kroatien die Reiselust, mit Österreich die Leidenschaft für die Berge und mit Frankreich die alte Kunst des Weinbaus. Zu Österreich bestand sogar schon länger eine gewisse Nähe…
Trotzdem ist es für Kroatien nicht leicht, sich in dem längst gut etablierten Bündnis der anderen immer gleich genauso gut zurechtzufinden: Überall sieht sich Kroatien als „Neuankömmling“ vorgezeigt, obwohl es doch durchaus mit eigenen Errungenschaften glänzen könnte. Manches in dieser neuen Union geht Kroatien auch zu schnell – und gelegentlich kommt es sich vor wie ein bloßer „Juniorpartner“ , obwohl doch von Anfang an Gleichberechtigung versprochen wurde. Und etliches ist auch zunächst noch schwer zu verstehen – und nicht immer nehmen sich die „Alteingesessenen“ ausreichend Zeit für sorgfältige Erklärungen.
Aber Kroatien gehört nun dazu – da sind sich alle einig: Gekommen, um zu bleiben. Auch wenn das wieder viel Arbeit und Anpassung für alle bedeutet – auf verschiedene Geschwindigkeiten zu achten, zusammenzuwachsen und dabei alle mitzunehmen.

Frankreich, das ist Vincent, der vor über einem Jahrzehnt nach dem Studium ganz in Deutschland, genau genommen in Bayern geblieben ist, um dort „seine“ Karin zu heiraten.
Als die beiden vor anderthalb Jahren ihre Ehe öffneten, kam Max aus Österreich hinzu, den Karin eigentlich schon lange als Kollegen im Außendienst kannte.
Und nun haben diese drei vor kaum zwei Monaten die Kroatin Ivana auf einer dreitägigen Motorrad-Convention am romantischen Königsee kennengelernt.
Und wie das Leben manchmal so spielt: Im Laufe eines verlängerten Hüttenabends hat es irgendwie bei allen gefunkt…

Karin und Vincent vereinen das Beste aus Deutschland und Frankreich: Bodenständiges Denken mischt sich da mit romanischem Esprit zu einem gutmütigen Eigenwitz, mit dem die beiden seither auch alle Höhen und Tiefen des gemeinsamen Lebens gemeistert haben. Zwei Kinder, jetzt 8 und 10 Jahre alt, haben die beiden übrigens auch.
Über offene Beziehung und Polyamory waren beide ein wenig belesen und hatten in einem Gespräch mal – eher theoretisch – bekundet, daß „das ja für die Entwicklung ihrer Beziehung nicht ausgeschlossen sei…“
Vincent, der nach eigenem Bekunden selber ein „Auge für schöne Frauen“ besitzt, hatte seinerzeit jedoch auch bemerkt, daß der Max für die Karin längst mehr war, als nur der „Kollege im Außendienst“. Karin, beileibe kein Kind von Traurigkeit, hatte mit Vincent dann „erst“ nach zwei Wochen reinen Tisch gemacht, und da stand schon ein „Fortbildungswochenende“ mit Max im Raum, welches so gar nichts mit der Firma zu tun haben sollte.
Bei einer gemeinsamen Aussprache stellte Vincent überrascht fest, daß er Max als den extrem kompetenten Veranstalter „Crostini“ kannte, bei dem er schon zwei Kochkurse mitgemacht hatte – und dessen Social-Media-Grillseite er seither eifrig gefolgt war.
Nun folgte allerdings eine ziemlich „abgekühlte Phase“ in dem Verhältnis der drei, welche erstmal so gar nichts mit Grillen zu tun habe sollte.
Beinahe etwas verzweifelt war es am Ende Max, der plötzlich das Thema „Polyamory“ wie einen Rettungsanker für sich auf den Tisch brachte. Und überrascht feststellte, daß die grundsätzliche Idee davon Karin und Vincent gar nicht besonders neu war.
Ein dreiviertel Jahr und zahlreiche tiefe Gespräche (allseitige und gemeinsame) später, war eine erstaunliche Übereinkunft zustande gekommen. Vincent wollte Stabilität und Vertrauen gewinnen, Karin wollte „ihr Mannsvolk“ erhalten und Max, der ohnehin mit leichtem Gepäck lebte, bekam die Chance, zwei Straßen von den beiden entfernt in ein kleines Appartement zu ziehen.
Mit diesem Tag wurde Max mehr und mehr erst Dauergast und schließlich so etwas wie Dauerbewohner im Hause unseres deutsch-französischen Paars.
Die Kinder fanden diese Entwicklung am spannendsten, denn mit Max kam regelmäßig jemand zum Toben und Bolzen ins Haus – eine Rolle, bei der Vincent, der selbst Fernsehfußball „cruellement“ nennt, gerne jemand anderem den Vortritt ließ.
Durch die sehr unterschiedlichen Arbeitszeiten des Trios ergab sich eine überraschend günstige Dynamik für Haushalt und Freizeitgestaltung, die dem gesamten Miteinander ziemlich förderlich war.
Und eines Nachts, als doch einmal alle zuhause waren, „geschahen Dinge“ im Gemach der Karin mit dem „Mannsvolk“, was Max und Vincent auch ihr Verhältnis zueinander auf ganz anderen Ebenen nochmal überdenken ließ…

Max, ein durchaus „lustiger“ aber gleichzeitig auch sehr nachdenklicher Tiroler, sieht sich nicht als „Bruder Leichtfuß“. Zugegeben, am Anfang hätte er nicht gedacht, wohin ihn „das mit dieser Karin“ mal führt. Aber jetzt ist ihm die „ganze Bande“ ganz schön ans Herz gewachsen. Insbesondere für die Kinder ist er eine Mischung aus Teilzeit-Papa und ältestem Bruder – und er war geradezu überrumpelt, mit wieviel Vorvertrauen er gerade von den Kiddies überrollt wurde.
Die Karin hat er schon immer für ihre große Selbständigkeit und Geradlinigkeit bewundert. Ja, schließlich hat es sich da so richtig reinverliebt, wollte es eines Tages nicht mehr missen.
Wenn er das nur mit dem Vincent, diesem eifrigen Besucher seiner Kurse, nur schon gleich gewußt hätte. Also – daß der zu der Karin gehört. Da hätte er ja schon mal ein Männerwort mit dem suchen können, ohne daß es zwischendurch erstmal zu so einem Kuddelmuddel kommen mußte.
Aber die Kurve haben sie ja gerade mal noch so gewuppt. Der Vincent kann in seinem gallischen Zorn ganz schön beeindruckend sein, daß muß er zugeben, der Max. Aber – das weiß der Max jetzt auch, Vincent hat genauso eine total romantische Seite und einen übermütigen, lausbübischen Charme, da wird nicht nur die Karin rot bis über beide Ohren, wenn er jetzt daran denkt.

Tja. Und nun Ivana. So hatte die sich ihren Urlaub in Deutschland sicher kaum vorgestellt. Erst dieses Bikertreffen am Königssee. „Hüttenabend“, wenn alle noch heute das Wort sagen, dann bekommt sie schon wieder dieses Kribbeln im Bauch… In dieser verrückten Stimmung aus überschäumender Laune und genialer Musik sind Karin und sie nach der letzten Band quasi übereinander hergefallen, die verblüfften Männer im gleichen Raum, noch mit Bier in der Hand, haben die beiden total ignoriert. Max hat sich dann tatsächlich irgendwann, beinahe vorsichtig, mit in das Getümmel gewagt – und wurde tatsächlich wilkommengeheißen. Und Vincent? Der hat die erotische „Installation“, die da plötzlich in seinem Schlafzimmer entstanden war, einfach nur genossen.
Wer die verrückte Idee hatte, die Kroatin dann am nächsten Morgen mit nach Landshut einzuladen, nach Hause, nach nur einer wilden Nacht? Das weiß keiner mehr. Nur, daß Ivana sich das so mir-nix-dir-nix zugetraut hatte.
Aber alle wissen, daß dabei eine total harmonische, ja beinahe familiäre Woche herausgekommen ist, was wirklich niemand hätte besser planen können.
Und alle wissen, daß Max plötzlich einen seiner Internetkontakt aktiviert hatte, wo es um irgendeine Vakanz beim BRSO ging, ob daß nicht etwas für Ivana sein könnte… Denn Ivana ist begabte aber schlechtbezahlte Cellistin am Nationaltheater in Rijeka und vielleicht ließe sich da etwas drehen…
Ivana mußte nach 10 Tagen zurück an die Adria.
Doch nach einem Monat war sie schon wieder zurück, diesmal mit Cello und einem Rollkoffer voller schwarzer Hosenanzüge… Karin, Vincent und Max hörten atemberaubt und durchaus etwas aufgeregt zu, als Ivana per Telefon mit einem Feuerwerk rollender „r“s und ihrer tiefen Stimme aus einem Volontariatsangebot einen Probevertrag herausverhandelt.
„JUHU Ivana kommt mit in den Zoo!“, jubeln die Kinder, noch bevor sie es schafft, den Hörer aufzulegen.

Ende und Abspann, Vorhang und Tusch?
Im Gegenteil. Eigentlich stehen alle vier sogar noch ziemlich am Anfang ihrer gemeinsamen Reise:

Karin hat in Ivana eine Freundin gefunden, bei der sie das Gefühl hat, sie könne dort endlich ganz sie selbst sein und als ob sie sich ihr Leben lang schon kennen würden. Wenn es nach ihr gehen würde, dann hätte sie jetzt endlich all die lieben Menschen um sich versammelt, nach denen sie sich schon immer gesehnt hatte. Hoffentlich teilen die anderen ihren Wunsch nach echter und enger dauerhafter Gemeinschaft…

Vincent ist etwas besorgt, weil er sich an die Zeit erinnert, als Max dazukam, was für ihn wirklich nicht einfach war und beinahe seine damalige Beziehung an den Rand des Abgrunds gebracht hätte. Max ist zwar ein genialer Freund (und mehr) geworden, mit dem es sich prima über Kugelgrill und Smoker fachsimpeln läßt – aber das vollständige Vertrauen zu ihm ist auch nach anderhalb Jahren noch nicht ganz wieder hergestellt.
Er weiß auch, daß er selbst zusammen mit Karin oft „das Programm“ im Hause vorgibt – aber er und sie sind ja auch noch Eltern, da spielen auch die Belange der Kinder nach wie vor eine gewichtige Rolle – und Kompromisse müssen berücksichtigt werden, damit diese Stabilität und Fürsorge erfahren können…

Max ist tief in sich verunsichert, weil er das Gefühl hat, er müsse sich gerade gänzlich neu erfinden. Er hatte gedacht, mit Karin seinen Stern zu finden und war dafür unter allen Umständen bereit, ihr Leben auch mit Vincent an der Seite zu teilen. Jetzt hat ihn diese Ivana voll erwischt – und zum ersten mal fühlt er sich zwischen zwei ganz verschiedenen Frauen hin- und hergerissen. Max weiß gerade gar nicht, wo er steht und wünscht sich Vincents französische Leichtigkeit. Vielleicht sollte er sich seinem allerbesten Freund und Quasi-Partner offenbaren, damit nicht wieder so ein Durcheinander wie vor über einem Jahr geschieht. Max möchte gerne endlich ankommen, eigentlich hatte er gehofft, es würde nun ruhiger, statt turbulenter…

Ivana erkennt sich selbst nicht wieder. Vor einem Vierteljahr hat sie das Wort „Mehrfachpartnerschaft“ noch nicht einmal gekannt. Geht so etwas überhaupt? Jetzt hat sie gerade Gefühle für drei Menschen entwickelt, die schon anfangen darüber zu sprechen, ob sie nicht in ein gemeinsames Haus ziehen sollten.
Ivana kommt aus einer Familie, bei der sie nicht einmal weiß, wie sie zuhause überhaupt erklären soll, was sie mit diesen Leuten so intensiv verbindet. Sie hat Angst – und ein Teil von ihr schämt sich auf seltsame Art sogar. Es ist alles neu: Karin, die Liebe zu einer Frau, ist das nicht verrückt? Max, ein lieber Kerl – aber mit seiner krachledernen Art geht er ihr manchmal auf den Senkel. Und Vincent? Mag der sie überhaupt wirklich? Es gibt Momente, da kann sie ihn noch ganz schlecht einschätzen. Manchmal scheint er sie geradezu ängstlich anzusehen…

Epilog:
Die lange Einleitung über die staatlichen „Vorbilder“ unserer Protagonist*innen habe ich gewählt um zu zeigen, daß es, wie in Europa, auch in Beziehung immer „vielerlei verschiedene Geschwindigkeiten“ gibt. Und so einheitlich wie Europa nach außen als Union auftritt – oder unsere vier Held*innen als geschlossene Biker-Formation auf einem Treffen – so unterschiedlich kann das Innenverhältnis darin aussehen.
Mit meiner kleinen und vielleicht etwas idealen Geschichte, bei der keineswegs abzusehen ist, wie sie ausgehen wird, möchte ich dazu anregen, über „(Mehrfach)Beziehungen der verschiedenen Geschwindigkeiten“ nachzudenken.
Und ich möchte zeigen, daß es wichtig ist im Hinterkopf zu behalten, daß diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den Handlungen und Wünschen unterschiedlicher Menschen immer aktiv sind, weshalb nach Momenten großer Eintracht auch immer wieder Situationen großer Differenzen und Scherkräfte in Mehrfachbeziehungen erlebt werden können.

Oligoamor möchte ich abschließend sagen: Je mehr den Beteiligten ein „gemeinsames Europa“ also ihr „gemeinsames Wir“, ihre „gemeinsame Mitte“ wichtig ist, umso besser werden sie diese verschiedenen Geschwindigkeiten erkennen, berücksichtigen und mit Respekt integrieren können.
Redet miteinander!



Svenja und Tobi: Das ist für Euch!

Danke an Marc Sendra Martorell auf Unsplash.com für das schwungvolle Bild.

Eintrag 9

Geheimnisvoller Emotionalvertrag

Wer heute im Internet nach dem Stichwort „Emotionalvertrag“ sucht, wird vorwiegend zwei Anwendungskategorien finden: Zum einen (und hauptsächlich) Beiträge, in denen es um Problemstellungen hinsichtlich familiärer Belastungen der Eltern/Kind-Beziehung geht, vor allem aufgrund unsicherer Bindungserfahrungen in der Phase des Aufwachsens. Oder es wird in betrieblichen Zusammenhängen von der „emotionalen Verbindung“ von Arbeitnehmer*innen zum Unternehmen gesprochen – oftmals allerdings hinsichtlich der extremsten Konsequenz davon: Der gefürchteten „Inneren Kündigung“.
Daß in beiden Fällen ein „Emotionalvertrag“ erwähnt wird, der offensichtlich in eine Krise geraten ist, scheint kein Zufall. Und ebenso offensichtlich scheint es sich in beiden Fällen um eine Art „unsichtbaren Vertrag“zu handeln, der irgendwie konkludent eingegangen wurde, also im Juristendeutsch: „Wenn jemand seinen Willen stillschweigend zum Ausdruck bringt und der redliche Empfänger hieraus auf einen Rechtsbindungswillen schließen darf, sodass ein Vertrag auch ohne ausdrückliche Willenserklärung zustande kommen kann.
Dabei weist allein diese Definition schon auf das innewohnende Problem der beiden genannten Anwendungsbeispiele hin: Denn es gibt wohl kaum weder einen stillschweigenden Willensausdruck eines Kindes, mit dem es zustimmt, fürderhin Emotional- und Erziehungsobjekt seiner Eltern zu sein, noch ein konkludentes Anrecht von Arbeitgeber*innen auf die emotionale (und daher schwer überprüfbare) Unternehmensverbundenheit der Mitarbeiter*innen.
Aber genau damit sind wir trotzdem mitten im Thema.
Denn nicht nur der Eltern-Kind-Bindung oder einem Arbeitsverhältnis, sondern jeder Beziehung liegt streng genommen so ein unsichtbarer „Emotionalvertrag“ zugrunde.
Darum ist es wichtig, dieses Phänomen gerade in Liebesbeziehungen und insbesondere in non-monogamen Mehrfachbeziehungen für alle Beteiligten möglichst sichtbar – und damit gestaltbar – zu machen.

Warum benutze ich die Bezeichnung „Emotionalvertrag“? Dazu möchte ich hier zunächst noch einmal mit der Definition der deutschen Wikipedia darlegen, was ein „Vertrag“ ist – und überraschenderweise klingen einige Formulierungen dort schon beinahe ideal oligoamor:

Ein Vertrag ist im Recht und in der Wirtschaft die aus übereinstimmenden Willenserklärungen zustande kommende Einigung von mindestens zwei Rechtssubjekten […].

Ein Vertrag koordiniert und regelt das soziale Verhalten durch eine gegenseitige Selbstverpflichtung. Er wird freiwillig zwischen zwei (oder auch mehr) Parteien geschlossen. Im Vertrag verspricht jede Partei der anderen, etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen (und damit eine von der anderen Partei gewünschte Leistung zu erbringen). Dadurch wird die Zukunft für die Parteien berechenbarer. Wenn eine Partei den Vertrag bricht, so kann dies die andere Partei ganz oder teilweise von ihrer Verpflichtung zur Erfüllung des Vertrags entbinden.

Der Inhalt der vertraglichen Vereinbarung muss von den Vertragsparteien im gleichen Sinne verstanden werden. Andernfalls kommt es zu unterschiedlichen Auslegungen des Vertrages, und der Zweck des Vertrages, die Koordination zukünftigen Verhaltens, wird verfehlt. Deshalb sind auch Täuschungen der anderen Partei über das Vereinbarte unzulässig.

Die Selbstverpflichtung durch Versprechen setzt voraus, dass die betreffende Partei bezüglich des Vertragsgegenstandes mündig ist und für sich selber sprechen und entscheiden kann und darf, d. h. die betreffende Partei muss rechtlich geschäftsfähig sein. Eine geschäftsfähige Person kann wirksame Willenserklärung abgeben und am Geschäftsverkehr teilnehmen. Eine geschäftsunfähige Person dagegen kann keine wirksame Willenserklärung abgeben. Jede Partei muss außerdem grundsätzlich befähigt und berechtigt sein, wie versprochen zu handeln. Insofern müssen die Parteien entsprechend autonom und verfügungsberechtigt sein.

Wenn die Leistungen der Parteien zeitlich versetzt erbracht werden, muss diejenige Partei, die in Vorleistung geht, darauf vertrauen, dass die andere Partei ihre Verpflichtungen ebenfalls noch erfüllen wird, ansonsten besteht ein Vorleistungsrisiko. Da ohne eine Vertrauensbasis niemand einen Vertrag abschließen wird, ist es für die Parteien wichtig, einen guten Ruf als zuverlässige Vertragspartner zu haben.

Wenn sich die vereinbarten Leistungen bis weit in die Zukunft erstrecken, so können in der Zwischenzeit unvorhergesehene Ereignisse eintreten, die die mit dem Vertrag verbundenen Absichten der Parteien gegenstandslos machen (Wegfall der Geschäftsgrundlage). In diesem Fall kann es zu einer Aufhebung des Vertrages kommen.

Der Inhalt eines Vertrages wird von den Parteien ausgehandelt. Zu welcher Vereinbarung es schließlich kommt, hängt von der Interessenlage der Parteien, ihren Handlungsmöglichkeiten und ihrem Verhandlungsgeschick ab. Grundsätzlich gilt, dass dabei jeder Partei freigestellt ist, innerhalb des gegebenen rechtlichen Rahmens ihre Interessen frei zu verfolgen. Die Parteien werden bei rationalem Handeln also nur einen solchen Vertrag abschließen, durch den sie besser gestellt werden als ohne diesen Vertrag.

Zwischen dem Punkt, wo ein Vertrag für die Parteien vorteilhaft wird, und dem Punkt, wo er nachteilig wird, gibt es einen mehr oder weniger großen Spielraum für Verhandlungen. Dabei kann die Verhandlungsmacht der Parteien sehr unterschiedlich sein, je nachdem wie dringlich sie den Vertragsabschluss jeweils benötigen.“

Die meisten meiner Leser*innen werden wohl noch mitgehen, wenn ich die Beteiligten einer Liebesbeziehung im juristischen Sinne als „Rechtssubjekte“ bezeichne, handelt es sich doch im Normalfall um die berühmten „wechselseitig zustimmenden Erwachsenen“ (Englisch: mutual consenting adults).
Was vor allem bei obiger Beschreibung spannend ist, ist, daß auf der gesamten (vollständigen) Wikipedia-Seite überhaupt nicht von konkludenten oder stillschweigenden Verträgen die Rede ist: Also scheinen Verträge von ihrer grundsätzlichen Konzeption her erst einmal für alle beteiligten Parteien durch und durch bewußte und nachvollziehbare Übereinkünfte zu sein (!).
Interessant wird es allerdings bei der Frage des „Vetragsgegenstandes“ – also dem, worüber der Vertrag geschlossen wurde: Die oben so bezeichnete „Leistung“. Diese kann, das weiß jede*r aus dem Alltag, ein konkreter Gegenstand (z.B. ein Brot) oder eine messbare Handlung (z.B. eine Autowäsche) sein.
Der Begriff des „Emotionalvertrags“ in Liebesbeziehungen kann daher im ersten Moment mißverständlich wirken, da „Liebe“, „Zuwendung“, „Empfindung füreinander“, „Zärtlichkeit“ etc. wohl weder konkret noch (wie die emotionale Bindung zum Unternehmen oben) wirklich messbar sind.
Also kann es im weiteren Sinne darum auch nicht gehen. Allerdings spielt es im im engeren Sinne durchaus mit hinein, wie ich hoffentlich noch zeigen werde.

Die Wirklichkeit – und damit befinden sich die meisten Emotionalverträge, auch in Liebesbeziehungen, in der eher traurigen Gesellschaft der beiden Eingangsbeispiele – ist, daß sie meist keineswegs übereinstimmende Willenserklärungen nach mündiger inhaltlicher Aushandlung sind.
Denn Emotionalverträge sind – und auch dies stand bei ihrer Namensgebung Pate – fast immer höchst subjektive, „gefühlte“ Arrangements des Gebens und Nehmens (oder sanfter: des Beitragens und Genießens) in menschlichen Beziehungen. Und eben auch dieses „Geben und Nehmen“ ist fast immer eine nur einseitig-subjektive – und darum oft hinsichtlich Quantität und Qualität emotional beeinflußte – Anschauung von jenen konkreten Dingen, messbaren Handlungen und, ja, gerade auch dem gefühlsmäßigen Engagement in der Beziehung – und für die Beziehung

Wenn wir als Menschen in Beziehungen zusammenkommen, geraten wir vor allem dann dort umso schneller in problematische Bereiche bzw. Konflikte, je unbewußter wir uns zu dem Phänomen „Emotionalvertrag“ verhalten; denn bekanntlich modern verdrängte Dinge unter dem Teppich doch am allerbesten vor sich hin, nur um dort auf den Moment zu warten, wo sie den meisten Schaden verursachen können…
Für ehemalige Bewohner der „Alten Welt der Monoamorie“ wie mich konnte und kann das sehr weitreichende Konsequenzen haben, da oft sogar die Wahl des Beziehungsmodells selber davon betroffen war (und oft genug noch ist).
Ich vergleiche das gerne mit einem Kleinwagenkauf: Mensch sieht ein bestimmtes Modell mit einer bestimmten (Standard)Ausstattung überall, das Ding ist offensichtlich bewährt und alle anderen Nutzer*innen wirken überwiegend damit zufrieden. Also entscheidet Mensch sich auch für so ein Auto, setzt bei den AGBs einen Haken, ohne sie durchzulesen (alle anderen scheinen doch einigermaßen sorgenfrei zu sein und kommen offensichtlich an ihre Ziele – also wird es wohl schon keine Fallstricke im Kleingedruckten geben…) und – ja, dann sitzt Mensch da mit dem Kleinwagen und stellt evtl. bereits mittelfristig fest, daß das Ding gar nicht zu den eigenen Bedürfnissen paßt…
Vielfach verhalten wir uns also beim Eingehen von Liebesbeziehungen, die langfristige Auswirkungen auf unser gesamtes Leben haben werden, in etwa so schludrig wie beim Onlineshopping.
Wer dann z.B. auch noch standesrechtlich geheiratet hat, ist sogar einen ganz echten Vertrag eingegangen, der einklagbare versorgungs- sowie güterrechtliche Konsequenzen enthält

An dieser Stelle scheint es mir wichtig darauf hinzuweisen, daß ich hier keineswegs für das einer Beziehung vorausgehende Ausfertigen von Eheverträgen im Sinne US-amerikanischer Filmstars und Multimillionäre eintrete (die im englischen Sprachraum auch korrekt „Voreheliche Vereinbarung“ genannt werden). Zum einen regeln diese bloße materielle Eventualitäten, zum anderen könnten diese niemals geeignet sein, die Flexibilität und die wandelbare Natur der inneren Dynamik von Liebesbeziehungen abzudecken.

Ebenso problematisch wäre nach meinem Empfinden eine Evaluation oder gar ein Aufrechnen der „anhängigen Leistungen“ im Emotionalvertrag: Wie oft Kinder zu Bett bringen entspricht einem Nachmittag Gartenarbeit? Entspricht die Stundenzahl beim Frühjahrsputz der dreitägigen Personalmanagement-Fortbildung? Sind Qualifikation und Leistung der Beziehungsmenschen überhaupt linear vergleichbar?
Die Gefahren solcher Aufrechnerei werden dabei für die Liebe höher sein, als der tatsächliche (Gerechtigkeits-)Nutzen: Es besteht das Risiko, daß irgendwann unter Umständen sämtliche Handreichungen in der Beziehung mit einem nominellen Tauschwert versehen werden (Eltern pubertierender Teenager kennen das vermutlich). Einer rein kalkulatorischen Verteilungsgerechtigkeit wird damit Tür und Tor geöffnet, bis hin zu der Absurdität, daß „Konten“ geführt werden, deren Ausgleich penibel beobachtet und eingefordert wird.
Es ist leicht zu sehen, daß so ein Umgang, der eher schon an Rosenkrieg oder Scheidungspaare in Auflösung erinnert, weder liebevoll noch wirklich menschlich geraten wird.

Die vielfache Verflochtenheit von freiwillig übernommenen Aufgaben, engagierten Selbstverpflichtungen und quasi-karitativen Liebesdiensten auf zahlreichen Ebenen in Beziehungen ist meist enorm hoch.
Diese Verflochtenheit ist so sprichwörtlich, daß Franklin Veaux und Eve Rickert das anhängige Kapitel in ihrem sehr umfangreichen Buch „More than Two“ zum Thema Polyamory „Sex and Laundry“ (deutsch: Sex und [Schmutz]Wäsche) nannten – und das Kapitel mit der Anekdote eröffneten, daß die am häufigsten gestellte Fragen an Beteiligte von Mehrfachbeziehungen „Wie ist das bei Euch mit dem Sex? direkt gefolgt von „Und wer macht bei Euch die Wäsche?“ seien.
Insbesondere hinsichtlich Mehrfachbeziehungen kann ein mehr oder weniger im „unbewußten Dunkelfeld“ liegender, sich selbst überlassener Emotionalvertrag über längere Zeit das Potential zu einem sozialen Brandsatz entwickeln. Besonderes Augenmerk benötigen nach meiner Erfahrung die folgenden zwei Konstellationen:

1) Vorhandene Bestandsbeziehung als „Altlast“:
Es wäre doch ein hübsches Ideal, wenn wir nun, wo wir diesen Blogeintrag zur Kenntnis genommen haben, ab jetzt bei jeder potentiellen Beziehungsanbahnung unsere eigenen materiellen, geistigen und emotionalen Ressourcen höchst bewußt zur Kenntnis nehmen würden, um diese dann ebenso bewußt in einer sich entwickelnden Beziehung mit einem hohen Maß an Integrität einzubringen und anzuwenden – und das Gleiche würde für die andere(n) beteiligte(n) Partei(en) gelten.
Selbst dieser Idealfall läge ja aber nur dann vor, wenn wir gerade Single wären und in diesem Moment der Möglichkeit einer neuen Beziehungsbildung gegenüberstünden.
Häufig aber ist es eher so, daß wir uns bereits in eingegangenen Beziehungen befinden (und Aussiedler der monoamoren Altwelt meist dazu noch mit einem monogamen Standard-Altvertrag inklusive einem Wust nachlässig abgezeichneter AGB…).
Eigentlich möchte ich solche vermeintlich abfälligen Worte für schon bestehende Liebesbeziehung gar nicht wählen, denn – Emotionalvertrag hin oder her – diese können in ihrer Ausprägung wunderbare, langfristige und allseitig erfüllende Verbindungen sein.
Gerade wegen der „unsubstantiellen Natur“ von Emotionalverträgen kann es aber dennoch sein, daß sich ein oder mehr Menschen solcherart in einem Beziehungsgeflecht befinden, wo grundlegende Auffassungen hinsichtlich der Art der Beziehung, was Ansprüche, Entwicklungsfähigkeit, Bedürfnisse und Wünsche der Beteiligten angeht, hinter den Kulissen überraschend stark unterscheiden. Und dies stellt genau in solchen Fällen ein Problem da, wenn unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten, auseinanderklaffende Ansichten oder Konflikte urplötzlich den tief vergrabenen Emotionalvertrag an das harte Licht des Tages zerren.
Demgemäß werbe ich also gerade bei solchen gemeinsamen „Altlasten“ dafür, sie schon einmal rechtzeitig bei gutem Wetter gemeinsam hervorzuholen und zu sichten, als an einem schlimmen Tag bei rauer Beziehungssee von den Konsequenzen unvorbereitet überrollt zu werden (was dazu oligoamor hilfreich sein könnte, werde ich im letzten Absatz skizzieren).

2) Ressourcenmanagement in (Mehrfach)Beziehungen:
Auch für ein gut eingespieltes Beziehungsgeflecht – egal ob mit „nur“ zwei oder mehr Beteiligten – ist jeder „Konversionsmoment“ (Wandlungsmoment), wenn eine weitere Beziehung(sperson) hinzukommt, eine echte Herausforderung.
Und auch dies hängt vor allem mit dem Modus des zugrunde liegenden Emotionalvertrags zusammen. Ich sage „Modus“ weil sich für Mehrfachbeziehungen in so einem Moment sogleich kristallisiert, ob eine (Mehrfach)Beziehung tendenziell eher über eine oligoamore Struktur (mit einem „gemeinsamen Wir“ als Mittelpunkt) verfügt oder ob es sich dabei stärker um einen Zusammenschluß von größtenteils autonomen Einzelpersonen handelt (was sowohl bei offenen Beziehungen, Polyamory oder Beziehungsanarchie vorkommen kann).
Wenn es aber ein „gemeinsames Wir“ gibt – was bedeutet, daß nicht jede Person ihr eigenes Ressourcenmanagement betreibt, worin sie kontextuell darüber entscheidet, wie viel Verbindlichkeit sie situativ in den Zusammenschluß einbringt – dann berührt eine neue Beziehung(sperson) auch immer sogleich den gemeinschaftlichen Kern der Gesamtbeziehung – und damit die Gesamtressourcen.
Genau hier zeigt sich, warum in so einem Moment höchstmögliche Transparenz und Aufrichtigkeit wichtig sind, denn jeder neu hinzukommende Mensch wird ja sofort sowohl mit seiner „energetischen Signatur“ (wie in der „Geschichte von Anday und Tavitih“) als auch mit seinen ganz tatsächlichen materiellen Bedürfnissen sofort Einfluß auf die Bestandsbeziehung nehmen.
Daraus geht hervor, daß dadurch auch sofort eine neue Distribution des bisherigen Ressourcenmanagements im Raum steht. Und dies wird eher zu einer Chance und einem Zugewinn für alle geraten, wenn
a) alle Beteiligten von Anfang an informiert sind und
b) auf diese Weise bereitwillig ihr Potential zur Mitgestaltung aktivieren.

Aus dem zuvor Gesagten ist deutlich zu erkennen, daß spätestens hinsichtlich der Aufnahme und dem Führen von Mehrfachbeziehungen dringlich die Bewußtmachung des Emotionalvertrags angeraten ist: Die „Öffnung einer Ehe“ enthält u.a. meist genau deshalb mittelfristig soviel Sprengstoff, weil die „Bestandsinsassen“ oft gar nicht die Art und Weise ihrer verflochtenen Bezogenheiten und die Zuordnung ihrer (materiellen wie emotionalen) Ressourcen geklärt haben, so daß beim Hinzukommen einer weiteren Person meist dieses ganze heikle Gebilde überstrapaziert wird – und oft die Opfer danach einzeln an Trümmer geklammert auseinandertreiben…

Der Emotionalvertrag – Definition und (kleine) Hilfestellung:

Emotionalvertrag:
„Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.“

(© Julius Otto Röber, Oligoamory.org)

Zuallererst – und das habe ich mit den beiden obigen Beispielen schon angedeutet – ist die Bewußtmachung das Wichtigste, daß es in nahezu allen (Beziehungs)Fällen einen konkludenten Emotionalvertrag gibt. Diese gewonnene Bewußtheit ist buchstäblich mehr als „die halbe Miete“, denn sie ist die Grundlage jeder weiteren erreichbaren persönlichen Selbstwirksamkeit und Gestaltungsfähigkeit in Hinblick auf diese „unsichtbare Übereinkunft“.
Weil wir Menschen dazu tendieren, uns über solche „Unsichtbarkeit“ Sorgen zu machen, ist es ebenso eine gute Idee, sich bezüglich der Konkludenz Beruhigung zu verschaffen. Denn diese klingt komplizierter als sie ist, und in unserem Alltag üben wir sie regelmäßig aus, ohne uns Sorgen zu machen: Etwa, wenn wir zulassen, daß uns von der Bäckereifachverkäuferin unseres Lieblings-Stehcafes eine neue Leckerei aufgrund unserer ihr bereits bekannten Vorlieben empfohlen wird (womit wir z.B. jedesmal konkludent die neue DSGVO ratifizieren).
Darüber hinaus ist es gut, sich klarzumachen daß auch eine konkludente (stillschweigende) Zustimmung (eines Erwachsenen!) normalerweise eine echte Willensbekundung ist; gemäß dem Motto „Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes (egal, ob ausgesprochen oder nicht).
Mit dem Aufnehmen einer (Liebes)Beziehung drücken wir also auf diese Weise stets eine Erklärung unseres Willens zur Einlassung (auf diese Beziehung) aus.

Mit dieser Erklärung zur Einlassung ist ein Spielfeld, ein Gestaltungsraum entstanden, der durch Unbewußtheit oft brach liegt oder (bislang häufiger) mit tradierten Konventionen überschrieben wird.
Darum ist es wichtig, sich gemeinsam darum zu bemühen, in erster Linie die Beziehung, hinter der der Emotionalvertrag steht, möglichst bewußt zu führen und zu pflegen. Dies bedeutet allseitig Aktivität und Teilnahme und erhält die Möglichkeit zur erwähnten Mitgestaltung.
„Oligoamor“ wird es, wenn wir dabei unsere Beziehung nicht als ein Spiel kalkulierender Verhandlungspartner*innen (siehe Eintrag 8 – „Beziehungsschach mit dem Zen-Meister“) ansehen, sondern sie von vornherein als „Joint Venture“, als eine gemeinschaftliche Bemühung um das „gemeinsamen Wir“ auffassen.
Dadurch stehen uns die „Werte“ der Oligoamory, insbesondere die Themenfelder Verbindlichkeit (vor allem in der Form von Integrität und Berechenbarkeit), Berechtigung, Aufrichtigkeit, Identifikation und Nachhaltigkeit als Werkzeuge zur Verfügung (beschrieben in Eintrag 3 und Eintrag 4).

Wie aber mit dem nur allzu menschlichen Wunsch nach Anerkennung und Gesehen-Werden umgehen, der sich irgendwann in fast jeder noch so idealen Beziehung trotzdem ergibt? Wie können wir das Risiko mindern, daß wir uns eines Tages doch irgendwann gegenseitig versuchen mit unseren „großen Opfern“ zu überbieten, die jede*r für den Erhalt der Beziehung erbringt?
Erwartungen an andere Beteiligte sind immer problematisch, so auch die Erwartung nach Anerkennung.
In liebevollen Beziehungen können wir dabei so ein bißchen etwas wie eine „Spiegel-Taktik“ anwenden, die Marshall Rosenberg in der „Gewaltfreien Kommunikation“ die „Celebration of Life“ (deutsch: Feier des Lebens) nannte. Statt laut zu betonen „Also ich mache ja das und das…!“ (wodurch die allgemeine Abrechnungsrunde eröffnet wäre), ist es wesentlich zielführender, in einem Gespräch zu benennen, womit die Anderen zum eigenen Wohlergehen (und dem guten Verlauf der Beziehung) beitragen.

Wenn wir uns klar darüber sind, daß Emotionalverträge allein schon aufgrund der Natur ihres Zustandekommens höchst subjektive Angelegenheiten sind, dann können wir uns dies hinsichtlich der inhaltlichen Zuschreibung und Verantwortung zunutze machen, indem wir selber möglichst aus eigenem Antrieb auf das achten und zu dem stehen, was wir regelmäßig (bereits) einbringen. Und indem wir uns darum vor Augen halten, daß „die Anderen“ möglicherweise unsere eingebrachtes Engagement anders auffassen können als wir. Wenn wir dabei jedoch trotzdem mit Verbindlichkeit und Integrität (ich erinnere: Handeln in fortwährend aufrechterhaltender Übereinstimmung mit dem persönlichen Wertesystem) vorgehen, zeigen wir uns für unsere Beziehungsmenschen als berechenbare*r und verläßliche*r Mitwirkende*r.
Wenn unsere Beziehungen keine Einbahnstraßen sind, kann so eine „Celebration of Life“ also auch zu einem Moment geraten, in dem regelrecht aufscheint, wie aus „Deinem“, „Meinem“, „Ihrem“ und „Seinem“ ein „Unseres“ – eben ein „gemeinsames Wir“ – hervorgeht.
In jedem Fall entsteht ein Moment von erneuter Bewußtmachung, der immer auch die Chance für Kommunikation oder eventuelle (Neu/Wieder)Verhandlung der eingebrachten Anteile – und damit des nun längst nicht mehr so geheimnisvollen Emotionalvertrages enthält.



Danke an Michael Henry auf Unsplash.com für das großartige Foto.