Eintrag 124

Es war einmal

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern.
Die besten Geschichten aber schreibt die Wirklichkeit selber – oder vielmehr: Es ist die Wirklichkeit, die ihren Ausdruck in Geschichten findet, wiederum Impulse aus diesen aufnimmt und schließlich zu einem unglaublich bunten Teppich verwebt.

Es ist 1773 – und ein Traum von Freiheit und der Hoffnung nach mehr Selbstbestimmung liegt in der Luft.
Sogar in den sowohl mit der Landgrafschaft Hessen-Kassel als auch dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg verbundenen Grenzorten nahe der Universitätsstadt Göttingen ist das zu spüren – einer Gegend, die wir heute als „ländliches Südniedersachsen“ bezeichnen würden.
Durch die Vermittlung eines Freundes – heute würden wir „mithilfe von Vitamin B“ sagen – hat der gerade 25 Jahre alte und frischgebackene Justizamtmann Gottfried August Bürger vor einem Jahr die Chance erhalten, in dem kleinen Örtchen Gelliehausen einen Posten zu ergattern.
Gerichtsarbeit auf dem Land, Streit unter Gutsbesitzern, Erbschaftsangelegenheiten, Grenzfestlegungen und Rechtsprechung bei kleineren Delikten sind nicht gerade das, was einen regen Intellekt beansprucht – und auch gesellschaftlich ist man hier fernab jedweder „höheren Kreise“.
Trotz aller offensichtlichen Einschränkungen ist Gottfried aber insgesamt ganz zufrieden mit dieser Entwicklung, denn sein Herz schlägt eigentlich für die Kunst, genau genommen für Literatur und Poesie. Mehrere Jahre Meinungsverschiedenheit mit seiner Familie, speziell mit seinem dominanten Großvater Jakob Philipp, hat Gottfried zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich. Zunächst zu einem öden Theologiestudium in Halle an der Saale gedrängt, widmet er sich darauf folgend als Kompromiss schließlich den Rechtswissenschaften in Göttingen, was Gottfried aber auch die Tür öffnet, dann innerhalb von kürzester Zeit an einem Kreis musisch interessierter und freigeistiger Gleichgesinnter teilzuhaben. Denn die gebildete Welt blickt seinerzeit in die neuen Kolonien (das, was wir heute als die USA kennen), wo sich landbesitzende Siedler gerade gegen die britische Vorherrschaft ihrer Kolonialherren zu erheben beginnen. Und noch mehr blickt die Welt hinüber in das nahe Frankreich, wo es innerhalb des Bauernstandes und den bürgerlichen Kreisen knistert und knirscht – aufgrund zu starker Bedrückung in Form von Abgaben und Gängelung durch das dortige Königshaus.
Auch im noch immer so genannten „Heiligen Römischen Reich“, diesem Flickenteppich aus zahlreichen Territorien und Fürstentümern, in dem Gottfried lebt, ist diese Bedrückung ähnlich zu spüren. Absolutistisch agierende Landesfürsten schachern mit ihren Ländereien, liegen in Konflikten miteinander und äugen zusätzlich momentan mißtrauisch auf die mächtigsten militärischen Mitspieler*innen dieser Zeit: Friedrich II., König von Preußen sowie Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich. Denn über Wohl und Wehe ihrer Einwohner*innen entscheidet gänzlich die jeweils lokale Obrigkeit; von der Festsetzung des Berufs, des Wohnorts, der Familie und ihres standesgemäßen Umgangs, über Dienste und Abgaben, ja, bis hin sogar zur Religion.
Während Bauern und einfache Handwerker diesen Verhältnissen seit Jahrhunderten nahezu völlig ausgeliefert sind, beginnt sich in der zunehmend gebildeteren Mittelschicht indessen ein neues Denken zu verbreiten, welches seit kurzem mit dem Wort Aufklärung bezeichnet wird: Eine Reformbewegung, mit der man sich – unter Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz – von solchen althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen und Ideologien gegen den Widerstand von Tradition und Gewohnheitsrecht befreien will.
Diese Ideen haben auch den jungen Gottfried und seine Künstlerfreunde erfasst – ihr erhoffter Beitrag: Das Licht der „Aufklärung“ auch weniger gebildeten Kreisen zugänglich zu machen, die Lieder und Geschichten des „einfachen Volkes aufzuwerten, indem man sie sammelt und aufschreibt und – Stichwort „Flickenteppich“ – endlich über Sprache und Literatur gemeinschaftlich zusammenträgt, was kulturell einem „ganzen Deutschland“ (welches es ja in seiner bisherigen Zersplitterung noch gar nicht gibt) zu eigen wäre.
Hehre Ideale also – in einem jungen, schwärmerischen Kopf.

In der wirklichen Welt pendelt Gottfried in dieser Weise zwischen seinem Göttinger Musenzirkel und den Häusern der ihm standesmäßig ähnlichgestellten Verwaltungsbeamten des ländlichen Berufsalltags. Regelmäßig zu Gast in der vielköpfigen Familie eines Nachbaramtmannes (Familie Leonhart in Niedeck), verliebt er sich dort allmählich in die zweitälteste Tochter des Hauses, die 17jährige Dorothea, die von allen liebevoll „Dorette“ genannt wird. Doch auch auf ihrer hübschen, 2 Jahre jüngeren Lieblingsschwester Augusta, die durchweg nur „Molly“ gerufen wird, verweilt sein Blick von Zeit zu Zeit…
Von da an ist Gottfried immer regelmäßiger Gast in Niedeck – und im Juli des nächsten Jahres, 1774, ist es so weit und die Hochzeit zwischen ihm und Dorette wird festlich begangen.
Ist es Pikanterie oder eine eigenartige Laune des Schicksal? Als Schwiegervater Johann Carl in seiner Hochzeitsrede spaßvoll erwähnt, daß er in seinem eigenen Leben ja selbst nacheinander mit zwei Schwestern verheiratet war und die Ehe so eine höchst familienerhaltende Institution sei, da sind sogar an diesem Ehrentag längst schon verdeckte romantische Bande von erheblicher Tragweite im Aufwachsen. Denn auch Molly und Gottfried haben begonnen, sich ineinander zu verlieben – und so lustig die Rede des alten Herren auch sein mag, die Konsequenzen daraus scheinen haarsträubend, selbst im Lichte dieses hellen Sommertages…
So kommt es, wie es kommen muß: Der schwärmerische Gottfried, der von späteren Literaturhistoriker*innen ob seines literarischen Schaffens als „Stürmer und Dränger“ eingeordnet werden wird, trifft sich weiter heimlich mit Molly, meistens in einer verdeckt liegenden Felsgrotte unterhalb ihres Familienhauses in Niedeck, während im Frühjahr 1775 Dorette zuhause in Wöllmarshausen bereits mit dem ersten gemeinsamen Baby, Antoinette, beschäftigt ist.
Doch die sozialen und familiären Verhältnisse sind eng – und Dorette ist weder blind noch auf den Kopf gefallen – sie durchschaut sehr bald, daß die „freundschaftliche Verehrung“ ihres Mannes für ihre liebe Schwester ganz offensichtlich bereits von Anfang an mehr war, als bloß vertrautes Miteinander. Da ihr Vater Johann Carl inzwischen erkrankt und auf die Pflege Mollys angewiesen ist, stellt sie die beiden Heimlichtuer letztendlich zur Rede und es kommt zu einem langen Gespräch mit vielen Vorwürfen, Geständnissen, Tränen und Reue – aber am Ende auch mit Vergebung,Verständigung und nach allem mit einem beispiellosen Einvernehmen. Die Geschichte weiß nicht, wer von den Dreien es schließlich war, der den schicksalhaften Satz aussprach, der erst über 200 Jahre später in dem Gedicht „Triad“ durch den Lyriker David Crosby als Präambel des ersten Textes über moderne Polyamorie verschriftlicht wurde: „Warum können wir nicht zu dritt weitermachen?“ ¹

Und so machen die drei es gemeinsam aus, ohne Kenntnis der Außenwelt: Vor einander und vor Gott beschließen sie, fortan eine „Ehe zu dritt“ zu führen – in der Dorett und Molly ohnehin naturgemäß schon schwesterlich und jeweils romantisch mit Gottfried verbunden sind.

Etwas mehr als ein Jahr später (1777) wird dieses zunächst verdeckte Arrangement durch eine weitere Wendung des Schicksals deutlich konkreter. Schwiegervater Johann Carl stirbt nach kurzer, heftiger Krankheit – Molly ist dadurch von ihrer familiären Verpflichtung frei und zieht kurzentschlossen zu Dorette und Gottfried mit ins gemeinschaftliche Haus in Wöllmarshausen – die „Ménage à trois” ist komplett!
Was folgt, ist eine Zeit von vermutlich großer Freude wie auch von gesichert tiefem Leid.
Zuerst sind es die häuslichen Dienstboten, die – bedingt durch das enge Zusammenwohnen im selben Haus – ihre Schlüsse ziehen und zu tuscheln beginnen. Während Gottfried in Göttingen im Kreis seiner literarisch-liberalen „Musenverehrer” noch freimütiger von seinen heimischen Verhältnissen berichten kann – und von seinen Freunden darob halb scherzhaft, halb neidisch mit den Patriarchen der Bibel von Abraham bis König David verglichen wird – schlägt die Stimmung in der provinziell-biederen Gerichtsbarkeit Gleichen, insbesondere in Niedeck und Wöllmarshausen , alsbald in Befremdung um. Vor allem die Frauen bekommen das zu spüren, indem ihnen nach kurzer Zeit unverblümt deutlich gemacht wird, daß bekannt geworden sei „wie sie da wohl mit dem Herrn Bürger in Schande leben würden“ – nicht eben sonderlich heimlich wird hinter ihnen getratscht oder sogar ausgespuckt, Bauersfrauen im Dorfladen wenden sich bei ihrem Kommen ab oder rutschen in der Kirche von ihnen fort – speziell Molly muß die schlimmsten Demütigungen ertragen, wenn von rotgesichtigen Landarbeitern „Kebsweib!“ oder sogar „Metze!“ hinter ihr hergerufen wird.
Als im eisigen Winter 1777 dann auch noch die kleine Antoinette kaum dreijährig an einem Fieber verstirbt, wirkt dies zusätzlich wie eine Manifestation der allseitig bösen Blicke, mit denen sich das Dreiergespann auf Schritt und Tritt nun herumzuschlagen hat.
In einem Zeitalter lebend, welches bisher weder wirksamen Verhütungsmittel kennt noch medizinisch das Überleben von Kleinkindern oder ihren Müttern sicherstellen kann, ist die trauernde Dorette allerdings schon wieder schwanger; im Sommer des nächsten Jahres bringt sie die Tochter Marianne zur Welt (die das damals erstaunliche Alter von 84 Jahren erreichen wird!). Die Geburt von Marianne ist ein kurzer ersehnter Lichtblick, der wenigstens zuhause für ein bisschen heile Welt sorgen kann, derweil auch draußen sich die dunklen Wolken zumindest für den Moment möglicherweise etwas zurückgezogen haben.
Aber während die Geburt von Marianne die Ehe von Dorette und Gottfried für die Außenwelt wieder deutlicher zu legitimieren scheint, schießen sich die Lästerer nun erst recht und umso mehr erneut auf Molly ein, die nach einem weiteren Jahr solcherart sozialen Drucks kapituliert und 1779 in den Haushalt einer älteren Schwester nach Bissendorf bei Hannover (Wedemark) flieht. Erst über ein Jahr später, nach zahlreichen Kutschreisen gen Norden und noch mehr Gesprächen können Gottfried und Dorette sie zur Rückkehr überzeugen: Um den bösen Zungen in Wöllmarshausen und Umgebung wenigstens zeitweise entzogen zu sein, hat Gottfried für die Familie trotz notorisch knapper Kasse ein kleines Domizil im etwas abgelegenen Appenrode angepachtet, in das sich die Familienmitglieder nun zurückziehen können, wenn ein Rückzugsort erwünscht ist.
Dieses Arrangement scheint endlich für die dringend benötigte Seelenruhe und Normalisierung der Verhältnisse zu sorgen, denn einige wenige harmonische Jahre weiß die Chronik über unser Proto-Polykül² nahezu nichts zu berichten (was, historisch gesehen, meist ein gutes Zeichen ist). 1782 ist es dann sogar Molly, welche die kleine, ungewöhnliche Patchworkfamilie mit dem ersten männlichen Nachkommen, Emil, ergänzt. Das sich auf diese Weise endlich manifestierende Glück währt jedoch nur noch zwei weitere Jahre, obwohl sich doch nun alles allmählich einzufinden scheint – es ist 1783 und Dorette erwartet ihr drittes Kind, ein Geschwisterchen für Marianne und den kleinen Emil.
Denn natürlich sind die Stimmen der Missgunst nie wirklich verstummt, zu groß ist das Ziel welches Gottfried Bürger mit seinem unkonventionellen Haushalt bietet. So führen eine kritische Bemerkung hier und ein eifriger Fingerzeig dort dazu, daß die Vorgesetzten von Gottfried, das zuständige Amtskammerpräsidium, schließlich eine Untersuchung „wegen nachlässiger Geschäftsführung“ gegen diesen einleiten; speziell die ewig knappen Finanzen und hohen Ausgaben ihres Bediensteten haben die übergeordneten Stellen mißtrauisch gemacht (kein Wunder mit dem Pachtanwesen in Appenrode sowie regelmäßigen literarischen Tätigkeiten in Göttingen, die beide deutlich über den Rahmen eines braven Justizamtmannes vom Land hinausgehen…).
Doch das Leben schlägt an anderer Stelle noch viel härter zu: Dorettes Geburt im Juli ’84 verläuft voller Komplikationen und schließlich verhängnisvoll. Mutter und Kind (welches den Namen Auguste tragen sollte) versterben im Wochenbett an den erlittenen Strapazen – ein zu damaliger Zeit häufiges Schicksal, welches die Regenbogenwelt mit einem Schlag zerstört. Dorette wurde 28 Jahre alt.
Während Molly und Gottfried vor Kummer um Schwester und Gefährtin kaum mehr ein noch aus wissen, ist dies natürlich erneut Wasser auf die Mühlen der Lästerer. Gottfried wird zwar kurz darauf noch vom Vorwurf des Amtsmißbrauchs freigesprochen – aber die Überlebenden sind spätestens jetzt mit Wöllmarshausen, mit Niedeck, mit Gleichen, mit all den dörflichen Kleingeistern, Verleumdern und Tratschereien endgültig fertig.
Gottfried legt seine angezählte Amtmannsstelle nieder, die trauernde Familie zieht mit Sack und Pack in das im Vergleich mit Wöllmarshausen geradezu kosmopolitisch wirkende Göttingen, welches ohnehin schon seit langem Gottfrieds eigentliche Wirkungsstätte seiner schriftstellerischen Laufbahn ist. Da der Unterhalt der übriggebliebenen Familie sichergestellt werden muß, tritt er dort noch im selben Jahr eine Stelle als Privatdozent an.
Molly und Gottfried sind durch die Ereignisse zutiefst erschüttert – doch in gewisser Weise bietet Göttingen nach außen hin auch die Chance zu einem Neuanfang. Im darauffolgenden Frühjahr wird den beiden klar, daß Molly bereits erneut schwanger ist – und im Juli 1785 heiraten Molly und Gottfried offiziell in einer schönen Zeremonie, die maßgeblich von Gottfrieds Göttinger Freund*innen mitgestaltet wird. Frohgemut macht sich Gottfried nun an einen seiner wichtigsten Beiträge zur deutschen Literatur – die kleine Familie beginnt wieder auf die Füße zu kommen und die mittlerweile sehr schwangere Molly hat genug mit dem wiedererstehenden Hausstand zu tun. Ihr Geburtstermin im August verläuft allerdings ganz und gar nicht leicht, was Gottfried und die geschwächte Molly selbst auf schreckliche Weise an das Schicksal der armen Dorette erinnert. Noch am Wochenbett vereinbaren die beiden, die unter qualvolllen Mühen zur Welt gebrachte Tochter im Andenken an Dorette und ihr verstorbenes Baby ebenfalls „Auguste“ zu nennen – und so geschieht es.
Doch während Auguste entgegen früher gemachter Erfahrungen gedeiht und gänzlich gesund ist, erholt sich die tapfere Molly von der komplizierten Geburt nicht so, wie es den Ärzten gefällt. Das Weihnachtsfest und die Feierlichkeiten zu Neujahr kann sie nur vom Bett aus miterleben, während Gottfried und die Kinder kaum noch von ihrer Seite weichen. Im Januar 1786 befällt sie schließlich ein schweres Fieber, von dem sie sich nicht mehr erholt. Sie stirbt, ohne ihren 28 Geburtstag erlebt zu haben.

Übrig bleiben die drei Kinder Marianne, Emil und Auguste, sowie Gottfried, dem alles verloren scheint. Er kann die Kinder noch in der Familie unterbringen (u.a. im wedemärkischen Bissendorf bei Dorettes und Mollys Schwester), selbst stürzt er in eine tiefe Schaffenskrise, die seinen Fortschritt um drei Jahre ausbremst.
Als er dann 1789 die „Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“ veröffentlicht, ist er schon kaum mehr wiederzuerkennen.
Ein letzter Funke glimmt aber noch in ihm, während in Frankreich mit der Erklärung des Dritten Standes zur Nationalversammlung und kurz darauf dem Sturm auf die Bastille die Französische Revolution vollends hereinbricht – und ihn an die Freiheit erinnert, die ihm so viel bedeutet.
Ein glühender, gedichteter Leserbrief einer Verehrerin aus Stuttgart erreicht ihn – und stürmend und drängend wie anderthalb Jahrzehnte zuvor wirft sich Gottfried in die Kutsche gen Süden. In der Tat findet er die Verehrerin, Elise Hahn, die selbst Schriftstellerin ist – und versteigt sich, ihr einen Heiratsantrag zu machen – um vielleicht doch noch das verspätete Glück letztlich in der etablierten Monogamie zu finden.
Elise sagt „Ja“, das Paar zieht nach Göttingen, heiratet im Oktober 1790 – und schon im nächsten August wird ein gemeinsamer Sohn (Agathon) geboren – Gottfried versucht alles, diesmal doch noch „ein normales Leben“ zu führen.
Dies allerdings mißlingt gründlich. Die zu dem Zeitpunkt 22jährige Elise (die 21 Jahre jünger als Gottfried selbst ist) geht mehrfach fremd, unter anderem mit einem lokalen Adeligen weit über Gottfrieds sozialer Stellung. Als er sie schließlich auch noch beim Sex mit einem seiner eigenen Göttinger Studenten erwischt, ist das Maß voll: Es kommt zu einer schmutzigen, öffentlichkeitswirksam geführten Scheidung, bei der zwar Elise 1792 die Schuld zugesprochen wird – die aber Gottfrieds sinkendem Stern einen letzten, beständigen Stoß versetzt: Denn ausgerechnet einer der ganz großen Stars am damaligen deutschen Literatenhimmel, Friedrich Schiller, der einst Gottfried Bürger verehrte und in Teilen zu Beginn seiner Karriere sogar nachahmte, hat ein Jahr zuvor Gottfrieds literarisches Lebenswerk in einer der wichtigsten Publikationen der zeitgenössischen Literaturszene auf eine Weise verrissen, die sich nun erneut für alle Welt zu bestätigen scheint. Gerade Schiller, der in seiner eigenen Jugend ebenfalls mehrfache Parallelbeziehungen zur holden Weiblichkeit aufweist, schreibt dort u.a. abschätzig, „daß nur ein sittlich integrer Mensch ein guter Dichter sein könne“.

Gottfried ist vernichtet, der Stress zu viel des Ertragbaren. Seine Stimme versagt während einer Vorlesung – und kehrt nicht mehr zurück. Seinen Dozentenposten muß er aufgeben. Verarmt, mit nur einer einmaligen Ersatzzahlung der Universität alimentiert , demontiert, geschlagen, abgezehrt – und vor allem einsam – stirbt er zwei Jahre später, im Juni 1794, im Alter von nur 46 Jahren an Schwindsucht.
Für die Polyamorie, die ihm soviel Glück und soviel Leid bereitete hatte, war es noch 200 Jahre zu früh.



¹ Als Morning Glory Raven-Zell im Mai 1990 in der 23. Ausgabe des Green-Egg-Magazins ihren Text A Bouquet of Lovers, in dem sie zum ersten mal in der Neuzeit das Wort polyamor verwendete, veröffentlichte, stellte sie diesem die ersten Verse des Songs Triad von David Crosby voran. Ich habe sie hier für Euch übersetzt:

Ihr möchtet wissen, wie es sein wird,
Ich und sie oder du und ich.
Ihr beide sitzt dort, euer langes Haar weht im Wind,
Mit lebhaften Augen versucht ihr noch alles erst zu erfassen,
Während ihr zu mir sagt: Was können wir tun,
Jetzt, wo wir beide dich lieben?
Ich liebe euch auch. Ich seh‘ nicht wirklich ein,
Warum wir nicht zu dritt weitermachen können?

² „Polykül“ ist ein humorvolles Kofferwort aus den Begriffen „Polyamorie“ und Molekül. Weil manche polyamoren Beziehungskonstellationen, wenn man sie zweidimensional zur besseren Veranschaulichung aufmalt, gelegentlich wie ein Molekül mit seinen Mehrfach-Verbindungen zu verschiedenen atomaren Einzelbestandteilen auszusehen beginnt, hat sich dieses Wort als augenzwingernde Bezeichnung für Mehrfachbeziehungsnetzwerke etabliert.
In Dorettes, Mollys und Gottfrieds Fall schrieb ich „Proto“-Polykül, also „Vor-Polykül“, weil es zu ihrer Zeit weder das Konzept noch den Begriff gab.

Und danke diesmal an Maria Christina von Österreich, welche das Aquarell malte, das diesen Eintrag ziert. Es stellt natürlich nicht den Haushalt von Gottfried, Dorette und Molly mit ihren Kindern dar, sondern zeigt die Familie Maria Theresias am Nikolaustag (1762). Ich habe es verwendet, um dennoch zu zeigen, wie die Menschen der damaligen Zeit in etwas aussahen und wohnten. Das Gemälde ist gemeinfrei und wird freundlicherweise von der Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft zur Verfügung gestellt.


Eintrag 123

Über die Dankbarkeit

Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt – Läuft die Zeit, wir laufen mit. An dieses Zitat¹ erinnert mich die Nummer des heutigen Eintrags – und so ist es ja auch oft mit dem eigenen Zeitgefühl zu Beginn eines Jahres, wenn der kurze Februar vorbei gehastet ist und das vorrückende Datum einen gefühlt schon „mitten in 2026“ drängt.

Währenddessen bestreiten wir unseren Alltag und koordinieren unsere Beziehungen (oder zumindest die Bemühungen darum), so daß wir uns fast wie Napoleon Bonaparte wähnen, von dem es hieß, er habe die Gabe, mit der einen Hand eine Schlacht zu schlagen, mit der anderen Europa zu regieren, dabei einen Brief an seine Geliebte zu diktieren und vermutlich gleichzeitig noch ein Bankett zu planen (was ihn zu einem der ersten überlieferten männlichen Multitasker macht…). Wenn wir dann noch sehen, daß andere bereits ihren Garten komplett frühjahrsfrisch darbieten, alle Fenster geputzt und sogar schon die Urlaubsplanung im Kasten haben, ist es mit unserer Seelenruhe allerspätestens vorbei: Schon wieder zu lange noch im Winterhalbschlaf herumgetrottet, Stress laß nach!

Sehr schnell wird aus dem oben erwähnten „Sauseschritt“ auf diese Weise alsbald der weltbekannte deutsche Stechschritt, mit dem wir uns dann eiligst an die offensichtlich bislang nachlässig betriebene Pflichterfüllung machen – und die Wahrscheinlichkeit, daß wir in dieser Art den gesenkten Blick gar nicht mehr vom schmutzigen Fußboden, dem Einkaufszettel oder dem Abgabetermin losbekommen, steigt exponentiell.

Auf der Strecke bleibt dabei meist das, was Marshall Rosenberg, der Urheber der „Gewaltfreien Kommunikation“ [GfK] (die ja gerade auch in Mehrfachbeziehungskontexten gern mit zur allgemeinen Werkzeugkiste gezählt wird) innerhalb seiner Philosophie die „Celebration of Life“ (die „Feier des Lebens“) nannte. Denn auch die GfK (die ich kurz in Eintrag 20 vorstelle) war und ist sowohl für Lernende als auch erfahrene Anwender*innen regelmäßig eine durchaus herausfordernde Materie. Marshall Rosenberg war das sehr wohl bewußt, weshalb er zugleich – einer übersteigerten Ernsthaftigkeit entgegen – zu regelmäßigen Anlässen einer „Feier des Lebens“ aufrief. Womit er keine komplizierten, im Vorfeld zu planenden Events meinte, sondern ein schlichtes Innehalten im Alltag miteinander, um sich gegenseitig in dem zu versichern, was gerade gut laufen würde. Ein Buddhist würde an dieser Stelle vermutlich so etwas sagen wie „um Dankbarkeit zu praktizieren“.

„Dankbarkeit praktizieren“ scheint heutzutage überhaupt häufig eher einem spirituell-religiösen Nischendasein zugeordnet zu werden. Doch in der Tat hat der Ausdruck von Dankbarkeit in nahezu allen Religionen überall auf der Welt einen festen Platz innerhalb der rituellen Struktur, sei es z.B. im christlichen Gottesdienst als Danksagungen oder durch symbolische Gaben an shintoistischen Schreinen.

Ok, das mag ja alles ganz nett sein… Aber wo ist da jetzt der Bezug zu ethischen Mehrfachbeziehungen, insbesondere zur Poly- oder Oligoamory?
Er ist näherliegend, als es auf den ersten Blick scheint – und der eilige Sauseschritt der Zeit mag auch hier dafür ursächlich sein, daß wir, die wir uns solchen Mehrfachbeziehungskonzepten als zugehörig empfinden, gelegentlich zu hastig darüber hinwegschreiten.
Nicht jeder Eintrag, den ich hier auf diesem bLog veröffentliche, ist inhaltlich jedes Mal von bahnbrechender oder grundlegender Bedeutung – manchmal plaudere ich, weise hier auf einen Zusammenhang hin oder teile dort eine Erkenntnis, die mir selbst relevant erscheinen. Es gibt durchaus aber auch Einträge hier, ohne die die Oligoamory nicht die Oligoamory wären; solche, die gewissermaßen „zu ihrer DNA zählen“, wie man so sagt.
Einer dieser Einträge ist die Nummer 79, in dem ich „sieben Wurzeln“ dieser Beziehungsphilosophie beschreibe, aus denen sie sich meinem Empfinden nach nährt. Die letzte Wurzel, die ich in Eintrag 79 nenne, ist Spiritualität, insbesondere in der Art, an etwas Anteil zu haben und darin Sinn zu erleben, was über einen selbst hinausgeht.

Um mich selbst zu loben, Eintrag 79 ist gut geschrieben, er erzählt auf diese Weise auch eine Menge über mich – und von den dargelegten „Ausgangsbestandteilen“ der Oligoamory würde ich heute, fast vier Jahre später, keinen einzigen Buchstaben streichen, im Gegenteil.
Daß die Spiritualität aber selbstverständlich genau genommen ohnehin schon eine bedeutsame Zutat der ursprünglichen Polyamorie war, hätte ich eigentlich schon damals klarer betonen können (insbesondere, weil ich zu dem Zeitpunkt meine „Geschichte der Polyamorie“ [Teile 1 | 2 | 3 | 4 ] bereits geschrieben hatte, vor allem Teil 2 (Eintrag 48) und Teil 3 (Eintrag 49), die voller Spiritualität stecken).
Denn die Personen, unter denen in der Neuzeit ein Regelungsbedarf betreffs ethischer Mehrfachbeziehungen aufkam – und für die die neopagane Hohepriesterin Morning Glory Zell-Ravenheart in der Szenezeitschrift „Green Egg“ im Jahr 1990 dann zum ersten Mal ihren Text mit der ersten Nennung des Wortes „polyamor“ schrieb² – waren ein Kreis gemeinschaftlich spirituell praktizierender Menschen.

Ohne hier alle Geschichten und Gründe, die dann zur Entstehung der Polyamorie führten, nochmals aufzuzählen (lest die gerne in den soeben verlinkten Einträgen): Diese Polyamorie entstand in einem Kreis spirituellen Zusammenkommens und Feierns.

Persönlich hatte ich das große Glück in meinem Leben, über zwei mehrjährige Phasen selbst Mitwirkender in und an solchen Kreisen spirituellen, neopaganen Feierns zu sein – ähnliche Erfahrungen machen zu dürfen, wie Morning Glory selbst. Auf diese Weise ist letztendlich nicht nur die Polyamorie in mein Leben getreten – ich habe vor allem auch von den spirituellen Hintergründen her Erfahrungen „aus erster Hand“ machen dürfen, die ich eben genau für die von mir genannte polyamore (und natürlich oligoamore) DNA als bedeutsam erachte.

Eine dieser Erfahrungen ist der Ausdruck von Dankbarkeit. Und zwar – speziell im Erleben der aktuellen Weltlage – einer geradezu grundsätzlichen, naiven, gewissermaßen radikalen Dankbarkeit (wenn man hier das Wort „radikal“ so versteht, wie es aus dem Lateinischen kommt – nämlich von dem Wort „radix“, welches „Wurzel“ bedeutet).
Wenn wir zusammen feiernd und praktizierend im Kreis standen, empfanden und äußerten wir Dankbarkeit für die scheinbar selbstverständlichsten Dinge: Daß die Erde uns trug. Für die Luft die wir atmeten. Für die Klarheit des Wassers, mit dem wir uns reinigten. Für das Feuer in der Mitte, welches uns wärmte und Energie spendete.
Jede*r Buddhist*in würde nun sicher weise nicken: Dankbarkeit, immer und immer wieder – speziell in wiederkehrender, zeremonieller Form ausgedrückt – wurde so nach und nach zu einer Haltung, einer persönlichen Einstellung. Wir wurden dankbar für die Gemeinschaft, mit der wir immer wieder zusammenkamen. Wir waren dankbar, für die Menschen darin, mit denen wir die Erfahrungen dort teilten. Wir wurden dankbar, insgesamt teilzuhaben, uns etwas erschlossen zu haben, mit dem viele andere Leute in ihrem Leben unter Umständen nie in Kontakt kommen würden.

Womit für mich der Bogen zur Polyamorie geschlagen ist. Denn insbesondere der letzte Satz des vorherigen Absatzes enthält für mich die Essenz, warum ich mittlerweile überzeugt von mir sage, daß ich mich als Teil einer Lebensweise ethischer Mehrfachbeziehungen identifiziere.
Und zwar ganz unabhängig davon, wie viele Liebste oder Partner*innenmenschen gerade in meinem Leben präsent sind. Oder ob mir das Datingglück hold ist. Polyamorie – oder in meinem Fall richtiger: Oligoamory ist für mich eine innere Haltung geworden, eine Lebenseinstellung aus der heraus ich in die Welt schaue und mit dieser interagiere. Dafür brauche ich keine „äußeren Umstände“, an denen das abzulesen oder erkennbar wäre. Dafür brauche ich nur mich selbst und meine innere Überzeugung (wobei ich in meinem Fall finde, daß „Überzeugung“ zu hart klingt, ein bißchen zu kopflastig; ich würde für mich selbst eher so etwas wie „Gestimmtheit“ wählen).
Obwohl… das ja im Licht des Obigen gar nicht so ganz paßt, daß ich dafür „nur mich selbst“ brauche. Ich brauche dafür nach wie vor meine „spirituelle Anbindung“ an etwas Schwerbeschreibliches, das größer ist, als ich selbst – oder zumindest signifikant über mich hinausgeht.³

Genau dieses Schwerbeschreibliche ist die Grundlage für meine ebenso fortgesetzte Haltung von Dankbarkeit, Anteil zu haben.
Womit für mich in der Übertragung eben auch in ethischen Mehrfachbeziehungen „Dankbarkeit“ einen wichtigen Stellenwert hat. Und das ist an vorderster Stelle exakt das Privileg, welches ich mir selbst erarbeitet habe und nun gewähre, welches sich viele andere Menschen derzeit auf dieser Welt nicht einräumen: Die schiere Möglichkeit jederzeit eine (weitere) vollumfängliche (romantische) Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen aufnehmen zu können, ja, überhaupt über diesen Möglichkeitsraum zu verfügen.
Allein wenn in das Potential dieses vorhandenen Raums hineinspüre, verändert das für mich jeden Tag meines Daseins (…aber manchmal denke ich auch nur an Einkaufszettel und Abgabetermine und habe einen ganz gewöhnlichen Mittwoch…).
Und als Privileg empfinde ich es, weil Privileg für mich genau das ist: „das, was man hat – aber selten wirklich gewahr ist, daß man es hat“.
Das hat für mich weniger damit zu tun, wer es gewährt. Also im Sinne von „Meine (Bestands)Partnerin gewährt mit das Privileg, noch weitere romantische Beziehungen verfolgen zu dürfen..“ Was für einige Teile der polyamoren Community eine schwer zu verdauende Aussage wäre, da dies vielmehr darauf hinweisen könnte, daß sich da jemand polyamor wohl noch nicht wirklich frei geschwommen hätte und verdeckt immer noch als anhängendes Paarwesen agieren würde… Und bei manchen Menschen mag das eventuell sogar so sein.
Aber für mich selbst ergibt das keinen Sinn. Denn nicht andere Menschen verleihen mir ein solches Privileg; ich muß vielmehr selbst tüchtig strampeln – Normen hinterfragen, mich selbst mehr und mehr erkennen, Perspektiven wechseln – bis ich mir so etwas selber endlich von meiner eigenen Haltung her gewähren kann. Sofern also bei mir meine Lieblingsmenschen unterdessen zu mir sagen: „Hey, Oligotropos, geh‘ doch zum Speeddating – und viel Glück und Erfolg…!“, dann bin ich nichtsdestoweniger dankbar – und zwar darauf, mit diesen besonderen Menschen zusammen zu sein, die untereinander eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen haben, in der so eine Freiheit der Möglichkeiten besteht.

Und wenn ich sage: „Ich bin dankbar“ oder „Ich bin privilegiert“, dann spreche ich gewissermaßen über (m)einen Weg von Selbstinitiation, den ich aber ohne ein „größeres Ganzes“ und ohne andere Menschen auf dieser Reise nicht bewältigt hätte (und nach wie vor nicht zustande bringen würde).

Ihr Leser*innen da draußen: Durchaus, auch ich empfinde angesichts von mancher Dankbarkeit – speziell wenn sie in Form mannigfaltiger Mems auf sozialen Medien an mich herangetragen wird, einen gewissen Zynismus. Ich war zwei Jahre mittelgradig depressiv und habe vor allem in jener Zeit solche leeren Aufmunterungen, die so fröhlich-aufdringlich Dankbarkeit in allen Dingen des Alltags propagierten, als nachgerade schmerzhaft und herablassend empfunden. Und mit Blick auf die Weltlage, dem Geschehen in anderen Ländern, den Widerfahrnissen so vieler Menschen und den Auswirkungen auf uns selbst, scheint sich solcherlei „Dankbarkeit“ regelmäßig nahezu ad absurdum zu führen.
Dahingehend möchte ich Euch zusprechen, daß „Dankbarkeit“ nicht mit „Duldung“ verwechselt werden sollte. Als Morning Glory Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts mit den Mitgliedern ihres Nests unter den Sternen stand, war ihr sicher sehr klar, daß täglich ein Teil der Erde versiegelt, Luft verpestet und Wasser vergiftet wurde. Daß Feuer oft in zerstörerischer Form und zu aggressiven Zwecken benutzt wurde.
Spirituelle Dankbarkeit ist darum keine gefügige Passivität angesichts des Gegebenen, sondern die Hervorhebung eines Moments der Wertschätzung – Wertschätzung, die eine vergängliche Kostbarkeit betont, welche vielmehr zu Aktivität, zu bewußtem Genießen, zu Nachhaltigkeit und Bewahrung auffordert.
Wenn ich jetzt also wieder auf die Welt schaue, ihre Krisen, die Menschen, die in keinen anderen Bahnen denken können – dann spüre ich mittlerweile irgendwann auch wieder mein eigenes Privileg.
Aber auch, daß ich es nicht einfach als Dauerabonnement „innehaben“ kann. Sondern es mir, wie ich es mit meinem Weg zu den Mehrfachbeziehungen beschrieben habe, aktiv erhalten muß.

Ethische Mehrfachbeziehungen sind in einem Kontext von Freiheit entstanden. Unter freien Menschen, die auf diese Weise die Chance hatten, in scheinbaren Selbstverständlichkeiten die Außergewöhnlichkeit wahrzunehmen – und diese miteinander anzuerkennen bereit waren.

Romantische Mehrfach-Partner*innenschaften sind für manche von uns (so wie ich es z.B. oben für mich beschrieben habe) Teil unseres Selbstverständnisses geworden. Und das ist wirklich gut so, denn auf diese Weise können Identitäten heilen und die Welt wird zugleich ein vielfältigerer Ort.
Im Getriebe dieser Welt bleibt es aber noch „außer-gewöhnlich“, was uns zu oft von außen nach wie vor schmerzhaft bewußt gemacht wird.
Sorgen wir also von innen dafür, daß es uns auch wiederkehrend in dankbarer Form bewußt wird: Dankbar für uns selbst, daß wir diesen Weg gewählt haben, ihn weiter gegangen sind und uns heute damit identifizieren. Dankbar für einander, daß wir mit Liebsten sind, die uns in dieser Form „wir“ sein lassen. Dankbar, daß wir in dieser Weise Teil dieses Spiels sind – es aber auch weitergespielt werden muß, damit es fortbesteht – und auch andere künftig noch mitspielen können…



¹ Zitat: Wilhem Busch, Tobias-Knopp-Trilogie, 1874-1877

² Der Text des Bouquet of Lovers aus der Zeitschrift „Green Egg“ (1990) von Morning Glory Zell-Ravenheart ist hier leider nur in englischer Sprache verfügbar.

³ PS: Ach, Oligotropos. Manchmal kannst Du einem mit diesem Gerede über ‚größer als wir selbst‘ etwas auf die Nerven gehen…“
„Echt? Wie wäre es mit einem Zitat: ‚Jeder Blick in die Sterne ist auch ein Blick auf unsere eigene Herkunft. Wir beobachten das Universum mit Augen, deren Atome einst im Herzen sterbender Sonnen geschmiedet wurden.‘
Wo ich das her habe? HIER“ 😉

Danke an JOHN TOWNER auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 122

Ich, Du, Wir

Die Oligoamory wird in wenigen Tagen 7 Jahre alt! Womit das„Verflixte 7. Jahr“ – welches bekanntlich als kritisch in Beziehungsdingen gilt – folglich so gut wie hinter uns liegt (schließlich ist ein Geburtstag wie beim km-Zähler eines Autos der sichere Anzeiger dafür, daß ein bestimmter Abschnitt zurückgelegt worden ist).
Wobei… das „verflixte siebte Jahr“ bei genauer Betrachtung tatsächlich ganz überwiegend vor allem ein weit verbreitetes Schreckgespenst ist, welches besagt, daß Ehen und Beziehungen nach sieben Jahren besonders gefährdet sind und häufig scheitern. Ursprünglich stammte diese Idee aus der Antike, als Philosophen wie Philon von Alexandria und Solon das menschliche Leben in siebenjährige Abschnitte einteilten. Und diese Anschauung prägte daher die Vorstellung, daß sich nach sieben Jahren jeweils eine neue Lebensphase einstellen würde, was auch Veränderung und Neubewertung für die persönlichen Beziehungen mit sich bringen könnte. Wirklich weltweit bekannt wurde die Phrase jedoch schließlich durch den US-amerikanischen Film Das verflixte 7. Jahr (1955) mit Marilyn Monroe und Tom Ewell in den Hauptrollen. In dem Film geht es um einen Ehemann, der im siebten Jahr seiner Ehe durch eine attraktive Nachbarin in Versuchung geführt wird. Doch obwohl also der Mythos stark verankert ist, gibt es keine eindeutige wissenschaftliche Bestätigung, daß das siebte Jahr statistisch das kritischste ist. Laut dem Statistischen Bundesamt¹ hatten Ehen in Deutschland z.B. im Jahr 2020 im Durchschnitt 14 Jahre und acht Monate Bestand, bevor sie geschieden wurden. Und wie zu erwarten lagen die höchsten Scheidungsraten dabei in den ersten Ehejahren. Langzeitstudien fanden zusätzlich heraus, daß – insgesamt (und ebenfalls statistisch) betrachtet – die Beziehungszufriedenheit sehr häufig nach ca. zehn Jahren ihren Tiefpunkt erreicht, bevor sie wieder steigt – was zeigt, dass Krisen eben ganz individuell sowohl früher als auch später auftreten können.

Und wo wir schon bei Symbolen und Mythen sind, könnte ich passenderweise auch noch den heutigen Valentinstag anführen, der für viele Menschen in Mehrfachbeziehungen leider oftmals eine Herausforderung darstellt, da er durch die überwiegend normative Paar-Zentriertheit seines Begehens Leute mit mehreren Partner*innen vor organisatorische und gestalterische Schwierigkeiten stellt.
Wofür der gute alte Priester Valentinus, der mit seinem katholischen Heiligen- und Namenstag diesem Mini-Fest seinen Titel gab, eigentlich sehr wenig kann. Schließlich wurde er zu römischer Zeit zum Märtyrer, weil er der Legende nach verbotenerweise Liebende miteinander verband, denen laut damaligem Recht eine legitime Beziehung verboten war (insbesondere z.B. Angehörige der Armee). In poly- und oligoamorer Lesart handelte Valentinus also nachgerade „queer“ – und setzte sich widerständig für Minderheitenrechte, Gleichberechtigung und das infrage Stellen von staatlicher sowie gesellschaftlicher Normativität ein.

Das, was ich mit den obigen beiden Geschichten gerade getan habe, ist übrigens etwas, was im Feminismus und in der Queer-Theorie von großer Bedeutung ist. Die Herangehensweise nennt sich „Dekonstruktion“ (gelegentlich auch „Dekonstruktivismus“, von französisch déconstruction „Zerlegung, Abbau“) und stellt eine (philosophische) Methode des kritischen Überprüfens und Auflösens von Texten und Narrativen in dem Sinn dar, daß Bedeutung hinterfragt und inhaltliche Widersprüche entlarvt werden sollen.
In den vielen Jahrzehnten der feministischen und queeren Auseinandersetzung, die sich nun bereits über ein Jahrhundert bis in die heutige Zeit fortsetzt, (siehe dazu insbesondere auch meinen vierten Teil zur „Geschichte der Polyamory“ im politischen Eintrag 50), war und ist Dekonstruktion daher immer ein wichtiges Werkzeug: Es mussten patriarchalische Mythen wie z.B. „Frauen sind das ’schwache Geschlecht‘ und darum von den Tätigkeiten her auf den Bereich Haushalt und Familie zu beschränken“ dekonstruiert werden – ebenso wie anti-queere Narrative, z.B. „…dass Formen der Queerness (u.a. lesbisch, schwul, bi oder trans sein)für ’normale‘ Menschen gefährlich seien, ja, bei Kontakt mit solchen Personen, einer Krankheit ähnlich, sogar ansteckend“.
Gegen solch planlosen Unfug (ich möchte hier tatsächlich „Kackscheiß“ oder „Bullshit“ sagen!) hilft – wie bei unseren beiden Eingangslegenden – Dekonstruktivismus, mit dem die eklatanten Fehler solcher Denkart und die Mythenbildung dahinter offen gelegt werden können.
In meinem 65. Eintrag auf diesem bLog habe ich dargelegt, warum ich auch eine Lebensweise ethischer Mehrfachbeziehungen als „queer“ verorte – und damit ist wachsamer Dekonstruktivismus ebenso in der Oligo- und Polyamory nach wie vor wichtig und notwendig – jedoch dadurch seinerseits manchmal ebenfalls ein wenig en vogue.

„Hoppla, Oligotropos, hast Du gerade ‚en vogue‘ (etwa: ‚im Trend‘ / ‚beliebt‘) geschrieben?“
Habe ich – und ich weiß, daß ich mich damit auf ein ebenfalls mehr als ein Jahrhundert zurückreichendes Glatteis philosophischen Disputs begebe, wie viel „Zersetzung“ durch Dekonstruktion einer Idee in der Tat hilfreich und sinnvoll ist. Die spontane Antwort – auch von mir – würde lauten: „So viel wie nötig, um Schaden abzuwenden und weiteren Wildwuchs absurder Narrative und ‚gefühlter Meinungen‘ zu verhindern (gerade die heutige Zeit macht dies tagtäglich sehr deutlich!).

Gleichzeitig, wenn wir uns in die Gefilde zwischenmenschlicher Beziehungen begeben, ist es aus meiner oligoamoren Sicht durchaus nicht weniger wichtig, zugleich gute Sorgfalt walten zu lassen, wenn zum scharfen Skalpell der Dekonstruktion gegriffen wird – auf das schließlich nicht ein ganzes Bein abgetrennt ist, wo ein präziser lokaler Eingriff ein bestehendes Problem behoben hätte.

Warum überhaupt „Dekonstruktion“ in der Welt der Mehrfachbeziehungen? Ist das denn nötig, wenn es bereits um eine nicht-normative Lebensweise der Non-Monogamie geht? Haben die Beteiligten, wenn sie sich für ein solches Konzept entscheiden, nicht bereits eine Menge Dekonstruktion – was, wie wir oben gelesen haben „Abbau“ bedeutet – von herkömmlichen Restriktionen und Festlegungen geleistet?
Sicher, ja – aber je nach Lage der Dinge wahrscheinlich auch nein.
Die meistdiskutierte „Dekonstruktionsfront“ im Rahmen ethischer Mehrfachbeziehungen betrifft vermutlich das sg. „Paarprivileg“ – speziell den Zustand, wenn sich ein zuvor bereits verbundenes (gar verheiratetes) Paar für weitere Beziehungen auf dem Kontinent der Nicht-Monogamie öffnet. Wenn es sich dabei nicht nur um eine überwiegend sexuell motivierte Horizonterweiterung handelt (wozu eine „offene Beziehung“ meist ausreicht), sondern wirklich ethische (!) Mehrfachbeziehung(en) mit der Möglichkeit tiefer Gefühle und echter, längerfristiger Verbundenheit gewünscht werden, dann treten Werte wie Gleichberechtigung, Gleichwürdigkeit, Teilhabe und Augenhöhe aller Beteiligten mit auf den Plan.
Für ein bereits etabliertes Paar mit einer bereits ebenso etablierten Innendynamik kann dies zu einer Herausforderung – sogar in der Form einer Art „blinden Flecks“ – geraten, weil potentiellen neuen Partner*innen bei dieser Ausgestaltung häufig nur eine Art nachgeordnete „Zusatzposition“ wie eine Art Notsitz an einem schon lang begründeten, (auch funktionell) abgeschlossen auftretendem Konzept angeboten werden kann. Meistens nehmen die „Insassen“ des Paares diese Dynamik selbst gar nicht unbedingt wahr, da für sie „ihre Welt“ ja weitgehend wie bislang zweckmäßig bleibt (und gedanklich bleiben soll…) – nur, daß jetzt fakultativ zusätzliche „Steckplätze“ für weitere Partner*innen geschaffen wurden.
Für potentielle weitere Partner*innen ist solch ein Angebot in Theorie wie Praxis allerdings tatsächlich äußerst unattraktiv (gelinde gesagt) und kann in den Auswirkungen sehr schmerzhaft sein: Denn auf diese Weise ist von Anfang an ein den oben zitierten Werten widersprechendes Machtgefälle und eine Hierarchie in Kraft, mit den neuen Beziehungen als lediglichen „Juniorpartner*innen“ der schon bestehenden.

Hier setzt der geforderte polyamore Dekonstruktivismus an: Ein solches, gerade beschriebenes, Paar müsste sein „Wir“ dekonstruieren. Aus den Beteiligten des Paares sollten zunächst sehr viel stärker erst einmal wieder Einzelwesen werden als die jetzigen „Paarbestandteile“, die sie gerade wären.
Appelle bezüglich der Dringlichkeit dieses Prozesses und Werkzeuge dafür füllen lange schon Seiten nicht-monogamer und polyamorer Literatur, von Dossie Eastons und Janet Hardys „Schlampen mit Moral“ (1997) über Yaniv Barinbergs „Mehr ist mehr“ (2020) – bis hin zu Jessica Ferns „Polysecure“ (2022).²
Der übergreifende und verbindende Kerngedanke: Menschen, die sich in der Welt ethischer Nicht-Monogamie bewegen, sollten sich Zeit für ihre „Arbeit am Selbst“ nehmen, sich möglichst erst selber gründlich kennenlernen und mittels Selbstbegleitung für eine gut aufgestellte Eigenständigkeit sorgen, bevor sie sich den Herausforderungen (und gelegentlichen emotionalen Triggern) von Mehrfachbeziehungen stellen.

So weit, so gut – und, insbesondere das zuvor beschriebene „Paar-Privileg“ bedenkend, unbestritten notwendig.
Für mich, als „Erfinder der Oligoamory“, den „verbindlich-nachhaltigen Mehrfachbeziehungen“, regt sich in diesem sonst gedeihlichen Kompost jedoch ein kleiner, umtriebiger Wurm…
Nicht, daß ich der Arbeit am Selbst, speziell der Selbsterkenntnis (spätestens seit Eintrag 46…), auf diesem bLog nicht selbst schon zahlreiche Zeilen gewidmet hätte und diese konzeptuell für eine der wichtigsten, persönlich sogar für die wichtigste Grundlage ethischer Mehrfachbeziehungen halte.

Die mittlerweile bis 1990 zurückreichende Geschichte der Polyamory ist allerdings mittlerweile ihrerseits selbst nicht davor gefeit, eigenständig Narrative hervorzubringen, welche im ungünstigsten Fall geeignet wären, buchstäblich „das Kind mit dem Bade auszuschütten“ (also gemäß dem Sprichwort gerade das, was man „sauber“ halten wollte, unwillkürlich mit zum Kehricht zu geben…).
Das Paar-Privileg gehört in jeder Hinsicht zu den ungünstigsten Vorbedingungen jedweder polyamorer Bestrebungen sowie Wünsche und sollte in der Tat von den jeweils Betroffenen hinterfragt und nach Kräften bestmöglich rückgebaut werden – keine Frage.
Mittlerweile beginnt sich aber in der Community eine Mahnung, ja, eigentlich schon ein Imperativ abzubilden, der nahezulegen scheint, daß möglichst keine Mehrfachbeziehungen einzugehen wären, bevor man sich selbst nicht „bereit gemacht“ hätte. Egal ob als Individuum, was das eigene Mindset betrifft – aber als Paar schon gar nicht, insbesondere mit deutlichem Verweis auf das Paar-Privileg.

Ich, Oligotropos, erachte dies von meiner Position und aus meiner Lebenserfahrung heraus als einigermaßen praxisfern, da in meinen Augen menschliche, speziell romantische, Nahbeziehungen im Normalfall keine Planspiele sind, die wir zunächst am grünen Tisch ausarbeiten und erst danach gemäß den entwickelten Parametern möglichst punktgenau auf die Straße bringen. In dem Sinne bleiben Beziehungen, Verlieben, Gefühle, aufwachsendes Vertrauen und der sich (hoffentlich) irgendwann dazugesellende Wille zur Verbindlichkeit etwas, was einem „passiert“ – und nicht etwas, daß sich einem Skript oder gar einer Terminvorgabe unterwerfen ließe.
In all unseren Beziehungen (nicht nur in nicht-monogamen!) sind wir also regelmäßig ein wenig „im Schwimmen“, müssen flexibel sein, tolerant und sehr regelmäßg müssen wir auch manchem ausgelöstem Mißgeschick „hinterherreparieren“.
Wichtiger also, als mit einer gebotsartigen Herangehensweise der Art „Alle Menschen, die polyamore Beziehungen eingehen wollen, sollen zuvor…“ zu operieren, scheint mit, andere Kernwerte gemeinsam zu kultivieren, richtig: und sei es bereits im aufgelaufenen Prozess der eingetretenen Beziehungsbildung. Diese sind, neben der erwähnten Flexibilität und Toleranz, ganz besonders Aufrichtigkeit, Integrität und Einlassung – vor allem jedoch der allseitige Wille zur Einschließlichkeit und zum „gemeinsamen Wir“, welches ich in meiner Oligoamory so oft betone.

Denn dadurch, daß in der polyamoren Literatur mittlerweile zunehmend ein Schwerpunkt auf das Selbst, das Ich und seine Individuation gelegt wird, beginnt das Konzept vom „Wir“ Schaden zu nehmen, allein indem das Wort selbst unterdessen schon in den Nimbus von Machtmißbrauch und Hierarchisierung gerät. Falls es sich nicht um einen offenen Fall von Paar-Privileg (speziell wenn dieses sogar vom „Primär-Paar“ so beabsichtigt ist) handelt, hat das „Wir“ diesen schlechten Ruf indessen nicht verdient.
Im Gegenteil sehe ich mit der zunehmenden Betonung des „Ichs“ seit den 2010er und 2020er Jahren zunehmend das Problem, daß wir dem, was Scott Peck, der „Vater der Gemeinschaftsbildung“, einst „schroffer Individualismus“ nannte, wieder näher kommen – und die Welt sieht mir derzeit zunehmend danach aus, nicht zuletzt Trumpismus sei dank (*Ironie aus*). Die Gefahr besteht, daß wir uns zu polyamoren Ego-Shootern entwickeln, die durchaus sehr autonom und selbstbestimmt Beziehungen eingehen können, wenn es uns danach verlangt. Die aber gleichermaßen selbstbestimmt ebenso geneigt sind, sehr schnell die Handlungshinweise der polyamoren Ratgeber-Literatur zu zitieren und umzusetzen, eine Verbindung zu lösen, wenn sich eine Beziehung „nicht mehr leicht“ anfühlt oder der persönliche Bedürfnismix sich verändert hat (siehe Eintrag 118).

Ich möchte damit keinesfalls sagen, daß irgendjemand in einer Beziehung aushalten sollte, in der ihr*ihm in irgendeiner Form Leid widerfährt, wo es unauflösbare (und/oder verdeckte) mißbräuchliche Strukturen gibt oder sich längst eisige Meere des Schweigens und des Aneinandervorbeilebens ausgebreitet haben.
„Aushalten können“ jedoch ist grundsätzlich durchaus eine polyamore Tugend, denn ohne etwas Ambiguitätstoleranz (siehe Eintrag 64) werden weder wir noch die anderen Beziehungsbeteiligten uns jemals als verlässlich, integrer oder loyal erweisen können: Mit der Fähigkeit, auch einmal zurückzurudern, für eigene Fehler Verantwortung und Ursächlichkeit zu übernehmen und diese verantwortlich aus der Welt zu schaffen. Und dafür brauchen wir einander, daß wir uns wechselseitig (wiederholt) die Chance dazu gewähren!
Genau in dieser Hinsicht ist die Welt nämlich aktuell recht gnadenlos geworden: Ein Fehler – und du bist raus! Falsch geliefert? – Rausgekickt und mit übler Rezension exponiert…

Für mich in der Oligoamory sind ethische Mehrfachbeziehungen vor allem zuerst einer Gemeinschaftswurzel entsprossen und erst in zweiter Hinsicht einem Individualisierungsprozess. Letzterer ist, wie ich schon sagte, wichtig, regelrecht kampfentscheidend – aber er ist wortwörtlich eben gerade kein „Selbst-Zweck“, sondern sein eigentliches Ziel ist die Ermöglichung und Ermächtigung eines in Liebe verbundenen Beisammenseins.
Das ist ein wenig wie mit der Billardkugel oben, die diesen Eintrag ziert: In ihrer abgeschlossenen, runden Kugelform ist sie quasi perfekt, auch fähig zu rollen und ihre Bahn geradlinig zu ziehen. Doch erst mit einem Impuls und durch ihr Zusammentreffen mit anderen kann sie echte Dynamik entfalten und dadurch Teil eines Spiels sein.

Am heutigen Valentinstag ende ich natürlich mit einer Liebeserklärung, die diesmal aus der Feder des Sängers und Songschreibers Drew Holcomb stammt.³ Eine, welche für mich meine Auffassung des Inhaltes dessen, was ich das „gemeinsame Wir“ nenne, in wunderschöner Weise ausdrückt. Ebenso wie meine Überzeugung, daß ein solides „Ich“ eine großartige Sache ist, unsere wirkliche Vollendung jedoch nur gemeinsam zu bewerkstelligen ist:



¹ zur deutschen Scheidungsstatistik siehe HIER (Statistisches Bundesamt)

² Janet W. W. Hardy & Dossie Easton: „The Ethical Slut – a guide to infinite sexual possibilities“, Greenery Press 1997
Deutsch: Schlampen mit Moral: Erweiterte Neuausgabe: Warum es an der Zeit ist, Sex und Liebe neu zu denken – wie Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer gelingen können, mvg-Verlag 2020;
Yaniv Barinberg: „Mehr ist mehr – Meine Erfahrungen mit Polyamorie“, edition assemblage 2020;
Jessica Fern: „Polysecure: Attachment, Trauma and Consensual Non-monogamy“, Scribe UK, 2022;
Deutsch: „Polysecure: Bindung, Trauma und konsensuelle Nicht-Monogamie“, divana-Verlag, 2023

³ Der Text gehört zu dem Song „Find Your People“ von Drew Holcomb & The Neighbours von dem 2023 erschienenen Album „Stangers No More“
YouTube-LINK zum offiziellen Video
Sämtliche Rechte liegen bei den Künstlern!

Danke an Eran Menashri auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 121 #Konsens

Alles Konsens? – oder: „Das habe ich mir so aber nicht vorgestellt…“

Svea und Tom sitzen beim Frühstück, als Tom begeistert berichtet, was ihn bewegt: „Weißt Du, Fritzi und Taylor haben mir von diesem neuen Frühstückstrend erzählt… Mohnbrötchen! Das soll das absolut heiße Ding für einen gesunden Start in den Tag sein. Die beiden sind begeistert – und es hätte ihre Frühstücksroutine vollkommen verändert, ja, total verbessert – das sagen beide. Was meinst Du, wollen wir das vielleicht auch? Der Geschmack soll sensationell sein; in den sozialen Medien habe ich jetzt schon ganz oft so Anzeigen und Videos von Nutzer*innen gesehen, die aus dem Schwelgen gar nicht mehr herauskommen…“
Tom erzählt mit leuchtenden Augen – und auch Svea fällt ein, daß sie tatsächlich selber schon einmal über diese überall angepriesenen Mohnbrötchen nachgedacht hat. Die hören sich fast an wie ein Jungbrunnen, wenn einige ihre Kolleg*innen darüber sprechen – darum findet sie Toms Vorschlag nicht völlig abwegig, selbst wenn noch nie einer von ihnen jemals zuvor irgendwo ein Mohnbrötchen auch nur probiert hätte. Nun will sie es aber wissen und keine Spielverderberin sein: „Ok, Tom, wenn Du meinst, laß uns das machen… Mohnbrötchen? Ich bin dabei!“

Schon am Abend berichtet Tom den Vollzug: „Gab es im Angebot beim Hypermarkt, Halbjahresvorrat – 750 Stück im Gefrierkarton, da habe ich gleich zugeschlagen!“ Dem neuen Frühstücksritual am nächsten Morgen ist also nichts mehr im Wege. Tom steht extra früh auf und backt gleich für jeden von ihnen zwei Brötchen auf – und schon sitzen sich die beiden gegenüber und beißen in die verheißene Köstlichkeit. „Hmm…“, sagt Tom, „etwas gewöhnungsbedürftig am Anfang – aber ich glaube, da könnte ich nach und nach drauf abfahren…“ Während Svea nur mit Mühe ein Würgen unterdrückt und verzweifelt denkt: „DAS sind Mohnbrötchen??? Wenn ich das bloß vorher gewußt hätte, die sind ja ganz und gar nicht zu ertragen… Wie komme ich jetzt bloß aus der Sache wieder raus – und das auch noch mit dem Halbjahresvorrat und Toms keimender Begeisterung…?“

So beginnt unser heutiges Thema mit Mohnbrötchen… Wobei Ihr schon ahnt, daß es mir im engeren Sinne nicht um Mohnbrötchen, sondern um Modelle ethischer Mehrfachbeziehungen geht – und insbesondere dabei um das Konzept von „Konsens“, also der Zustimmung – auch speziell wie im Fall von Svea und Tom – zu einer Sache, die beiden zuvor weitestgehend unbekannt war.

Ich möchte meine Gedanken dazu schrittweise vorstellen – und bitte Euch, meine Leser*innen, mich bei dieser Erkenntnisreise zu begleiten, indem ich hoffe, daß wir alle dabei etwas Licht auf die Mechanismen von Konsens und konsensuellem Verhalten werfen können (Für Eilige: beides differenziere ich noch einmal spezifisch am Ende dieses Eintrags).

Die Geschichte von Svea und Tom betrachtend (insbesondere Sveas Suche nach einem Ausweg), stellt sich mir aus meiner Sicht zuallererst die Frage, ob es in Deutschland z.B. rein rechtlich überhaupt möglich wäre, zu einer Sache Konsens zu geben, deren Inhalt einem nicht vollständig bekannt ist.
Dieses Thema berührt natürlich zentrale Grundsätze des Vertrags- und Willensrechts.
Grundsätzlich gilt:

  • Für eine gültige Willenserklärung, ist ein wirksamer Konsens erforderlich. Das bedeutet, daß die Parteien sich über die wesentlichen Bestandteile einer Vereinbarung (welche die Juristen „essentialia negotii“ nennen) einigen müssen.
  • Ein Konsens setzt voraus, daß die Erklärenden den Inhalt ihrer Erklärung kennen oder zumindest verstehen können. Ein „blinder“ Konsens zu einem unbekannten Inhalt ist problematisch. (siehe weiter unten)

Rechtslage und wichtige Prinzipien:

  1. Erklärungsbewusstsein und Kenntnis des Inhalts:
    Nach § 116 BGB ist eine Willenserklärung, die im Zustand der Bewusstlosigkeit oder vorübergehender Störung der Geistestätigkeit abgegeben wird, nichtig. Daraus folgt, daß die Erklärung auf einem gewissen Bewusstsein beruhen muss.
  2. Irrtum über den Inhalt (§ 119 BGB):
    Wenn jemand über den Inhalt seiner Erklärung im Irrtum ist, kann die Erklärung angefochten werden. Das zeigt, daß der Inhalt zumindest eine Rolle spielt und bekannt sein muss, um wirksam zu sein.
  3. Vertragsschluss unter unvollständiger Information:
    Es gibt keine Pflicht, alles perfekt zu kennen, aber eine Zustimmung zu völlig unbekannten oder unklaren Bedingungen ist riskant. Oft wird von den Parteien verlangt, sich zumindest in zumutbarem Umfang zu informieren. (!!! Das kennt Ihr z.B. von den berühmten AGB, die man nicht einfach ungelesen anklicken oder unterschrieben sollte !!!)
  4. Informationspflichten und Transparenz:
    In bestimmten Rechtsbereichen (z.B. Verbraucherschutz) gibt es Informationspflichten, die sicherstellen sollen, dass der Konsens auf einer informierten Basis erfolgt.
  5. Stillschweigende Zustimmung oder Zustimmung zu unbekanntem Inhalt:
    Wenn der Inhalt nicht bekannt ist, aber die Erklärung trotzdem abgegeben wird, kann das als Willensmangel angesehen werden, der die Erklärung anfechtbar oder nichtig macht.

Ok, ein vollständiges Wissen über jeden Detailinhalt ist also nicht zwingend erforderlich, aber ein grundlegendes Verständnis und Erklärungsbewusstsein sind notwendig. Ein „Konsens“ zu völlig unbekanntem oder unverständlichem Inhalt ist aber offenbar rechtlich problematisch und kann zur Anfechtbarkeit oder Nichtigkeit führen. In der Praxis scheint es allerdings ratsam, sich vor Zustimmung über wesentliche Inhalte zu informieren, um spätere Streitigkeiten zu vermeiden.
In unserem Beispiel würde ein Jurist also vermutlich fragen, ob sowohl Svea als auch Tom sich im Vorfeld ausreichend genug über „Mohnbrötchen“ – und was der Kauf eines Halbjahresvorrats in etwa bedeuten würde – informiert hätten.
Wir sehen, daß die Verantwortung hier relativ stark auf der Seite der Zustimmenden liegt, indem diese nachweisen müssten, daß die erwähnte „informierte Basis“ (ohne exakte Detailkenntnisse wohlgemerkt!) ganz gefehlt hätte – oder jemand absichtsvoll getäuscht worden wäre.

„Mohnbrötchen! Oligotropos, also wirklich; ethische Mehrfachbeziehungen sind doch keine Ware, die man im Laden kauft und dann im Vertragsirrtum ist. Solche Beziehungen sind vielmehr ein Vorgang, ein Prozess…“– so könnte man mir an dieser Stelle vorwerfen…
Na gut, dann paßt es vielleicht besser, wenn wir schauen, wie es um „immaterielle“ Dinge steht, denen man zustimmen kann, wie einem Event oder einem Urlaub, bei dem ich dann eventuell mit dem Ablauf unzufrieden bin, weil ich mir das vorher anders vorgestellt habe:

1. Vertragsgrundlage: Event oder Urlaubsreise

  • Wenn man ein Event besucht oder eine Urlaubsreise bucht, schließt man in der Regel einen Vertrag ab, der bestimmte Leistungen und einen Ablauf beinhaltet.
  • Grundlage ist meist eine Leistungsbeschreibung (z.B. Programm, Unterkunft, Leistungen), aufgrund derer man seine Zustimmung gibt.

2. Unzufriedenheit vs. Vertragswidrigkeit

  • Unzufriedenheit allein reicht allerdings nicht aus, um rechtlich vorzugehen.
    Jede*r hat persönliche Erwartungen, die nicht immer erfüllt werden können (!).
  • Entscheidend ist, ob der Veranstalter wesentliche Vertragspflichten verletzt hat oder ob eine Mangelhaftigkeit vorliegt, also ob die tatsächliche Leistung erheblich von der vereinbarten oder beworbenen Leistung abweicht.

Beispiel: Urlaub

  • Wenn z.B. die Unterkunft nicht der Beschreibung entspricht (z.B. Zimmer stark verschmutzt, versprochene Leistungen fehlen), liegt ein echter Mangel vor. Man hat dann das Recht, den Mangel zu reklamieren und gegebenenfalls eine Preisminderung oder Schadenersatz zu fordern.
  • Wenn man sich „nur“ über den Ablauf oder das Programm oder Umstände („In Kenia war es jeden Tag so heiß…!“) ärgert, was aber vertraglich so vereinbart oder vorhersehbar war, ist das rechtlich kein Mangel.

Beispiel: Event

  • Wenn z.B. ein Konzert oder eine Veranstaltung deutlich kürzer ist als angekündigt oder wichtige Programmpunkte ausfallen, kann das ein Mangel sein.
  • Wenn man aber einfach andere Erwartungen hatte (z.B. hinsichtlich Stimmung oder Intensität), zählt dies nicht.

Ein subjektives Gefühl der Enttäuschung über den möglichen Ablauf reicht also nicht aus… Nur wenn die tatsächliche Leistung erheblich (durch Täuschung oder Fahrlässigkeit) von der vereinbarten abweicht, bestehen hier rechtliche Ansprüche.

Zwischenstand: Aha. Tatsächlich können wir also im Vorhinein einer Sache oder einem Ereignis zustimmen, auch wenn uns nicht jeder einzelne Inhalt oder Ablauf vollständig bekannt ist!
Wie sich zeigt, ist das im Alltag sogar sehr üblich, weil es oft gar nicht möglich ist, alle Details vorher zu kennen. Vereinbarungen (und Verträge) beruhen darum meist auf relevanten Eckpunkten, nicht auf jeder Einzelheit. Und selbst der Gesetzgeber verlangt nicht, daß man perfekt informiert sein muß, wohl aber, daß ein grundlegender Konsens über die wesentlichen Punkte besteht (!). Plus: Es gibt eine gewisse sg. Zumutbarkeit, d.h. man muss sich in zumutbarem Umfang informieren und verstehen, worauf man sich einlässt. Die Grenze dessen ist jedoch erreicht, wenn wichtige Informationen absichtlich vorenthalten werden oder die Realität stark von der Beschreibung abweicht.
Es gilt darum bereits hier:

  • Lest Verträge, AGB und Leistungsbeschreibungen sorgfältig (…worum handelt es sich bei Mohnbrötchen bzw. offenen Mehrfachbeziehungen…, was kann ich erwarten…? )
  • Fragt nach, wenn etwas unklar ist (Mohnbrötchen? Die mit Mohn drauf? Mehrfachbeziehung? Also mit mehreren Partner*innen? )
  • Informiert euch über Bewertungen, Erfahrungsberichte oder unabhängige Quellen (z.B. in Mohnbrötchenforen oder bei Stammtischen und Workshops rund um offene Beziehungen)

Soweit der Ausflug in die Welt unserer Rechte und Pflichten – aber: Wäre so etwas womöglich auf ein miteinander vereinbartes Beziehunngsmodell übertragbar? Z.B. wenn ich mit einer Partner*in eine „offene Beziehung“ oder sogar „Polyamorie“ vereinbaren möchte, dazu vieleicht ein Buch gelesen habe oder ein YouTube-Video geschaut – ich aber nicht genau weiß, was ich konkret zu erwarten habe oder die Folgen für die Beziehung nur schwer abschätzen kann?
Das ist eine durchaus sensible Frage, die das Spannungsfeld zwischen rechtlichen, emotionalen und sozialen Aspekten eines gemeinschaftlichen Beziehungsmodells berührt:

  1. Beziehungsmodelle wie offene Beziehung oder Polyamorie sind keine rechtliche „Vertragsform“ im klassischen Sinn
    Solche Beziehungsvereinbarungen stellen rechtlich natürlich keine verbindlichen Verträge wie Kauf- oder Dienstleistungsverträge dar. [Ausnahme¹] Sie beruhen vielmehr auf gegenseitigem Einverständnis, Vertrauen und Kommunikation.

  2. Grundsatz: Informierte Zustimmung und Kommunikation
    Ähnlich wie bei Verträgen ist es aber auch in Beziehungen zentral, daß alle Partner*innen möglichst informiert und bewusst zustimmen.
    Wenn sich die Beteiligten nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt haben (z.B. über Beiträge in den sozialen Medien oder einen Podcast), aber nicht genau wissen, was sie konkret erwartet oder welche emotionalen Folgen es haben kann, ist das vergleichbar mit einer unvollständigen Information.

  3. Folgen unklarer Erwartungen
    • Emotionale Verletzungen, Missverständnisse oder Konflikte können entstehen, wenn Erwartungen und Grenzen nicht klar kommuniziert oder verstanden wurden.
    • Anders als im Vertragsrecht gibt es aber keine Möglichkeit zur formellen „Anfechtung“ oder „Rückabwicklung“ einer Beziehungsvereinbarung.

  4. (Mit)Verantwortung
    • Ähnlich wie bei Verträgen trägt auch jede Person in einer Beziehung eine Verantwortung, sich mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen und ehrlich über Unsicherheiten zu sprechen.
    • Wenn man sich nur unzureichend informiert hat oder eigene Gefühle und Grenzen noch nicht kennt, kann das die Beziehung belasten, aber es ist kein rechtliches Problem, sondern vielmehr eine Frage von Vertrauen, Respekt und Kommunikation.

  5. Empfehlung für zu vereinbarende Beziehungsmodelle
    • Intensive, offene Gespräche über Erwartungen, Grenzen, Ängste und Wünsche sind essenziell.
    • Gemeinsames Lernen, z.B. durch Literatur, Workshops oder Beratung, kann helfen, ein besseres Verständnis zu entwickeln.
    • Flexibilität und regelmäßige Reflexion der Vereinbarungen sind wichtig, weil sich Gefühle und Bedürfnisse ändern können.

Wenn man daher eine Beziehungsform plant oder vereinbart, die man selbst noch nicht erlebt hat, ist es verständlich, daß es schwer ist, diese Aspekte vollumfänglich zu gewährleisten. Dennoch gibt es mittlerweile beachtenswerte Vorgehensweisen, die bei der Umsetzung helfen können.
Aus dem englischen Sprachraum bekannt sind zusätzlich die Konzepte von „Enthusiastic Consent“ (begeisterte, freiwillige Zustimmung) und „Mutual Intent“ (gegenseitige Absicht / übereinstimmendes Ziel), die gerade für Beziehungsmodelle wie offene Beziehungen oder Polyamorie zentral sind (bzw. sein sollten…), um Klarheit, Vertrauen und Würde für alle Mitwirkenden sicherzustellen [Über Herkunft und Grundlagen dieser beiden Konzepte schreibe ich im letzten Absatz dieses Eintrags!].

1. Bewusste und offene Kommunikation als Basis

  • Transparenz über den eigenen Wissensstand:
    Sei ehrlich mit dir selbst und deiner Partner*in darüber, dass du das Modell noch nicht gelebt hast und noch lernst, was es konkret bedeutet.
  • Regelmäßige Gespräche:
    Vereinbart, dass ihr jederzeit über Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen sprechen könnt, auch wenn sich diese im Prozess ändern.
  • Fragen stellen und zuhören:
    Ermutige gegenseitiges Nachfragen, um sicherzugehen, dass alle Aspekte verstanden werden.

2. Schrittweises Einlassen mit klaren Rückzugsmöglichkeiten

  • Statt sofort „alles oder nichts“ zu vereinbaren, könnt ihr kleine Schritte ausprobieren und dabei beobachten, wie es sich anfühlt.
  • Vereinbart, dass jede*r jederzeit „stopp“ sagen kann, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt.

3. Gemeinsames Lernen und Ressourcen nutzen

  • Lest gemeinsam Bücher, schaut Videos oder besucht Workshops zu eurer geplanten Beziehungsform.
  • Nutzt Beratungsangebote, z.B. Beziehungstherapien oder spezialisierte Coaches, um Unsicherheiten zu klären.

4. „Enthusiastic Consent“ fördern

  • Begeisterte Zustimmung entsteht, wenn alle Beteiligten sich sicher, respektiert und frei fühlen (Nur ein echtes, eindeutiges „Ja“ bedeutet wirklich „Ja!“).
  • Vermeidet Druck, Erwartungen oder unausgesprochene Verpflichtungen („Okaaayyyy…“ / „Na, wenn ihr meint…“ / „Ich will ja keine Spielverderberin sein…“)
  • Achtet auf nonverbale Signale und Emotionen, nicht nur auf das gesprochene Wort.

5. „Mutual Intent“ herstellen

  • Klärt gemeinsam, was ihr mit der Beziehungsform erreichen wollt (z.B. mehr Freiheit, Ehrlichkeit, Nähe, Erfahrungen, Gemeinschaft).
  • Stellt sicher, dass die Ziele und Grenzen für alle klar sind und von allen geteilt werden.
  • Dokumentiert ggf. eure Vereinbarungen schriftlich oder in Form von gemeinsamen Regeln, um Missverständnisse zu vermeiden.

„Enthusiastic Consent“ und „Mutual Intent“ sind demzufolge keine Zustände, die man einmalig schafft, sondern jeweils fortlaufende Prozesse von Kommunikation, Vertrauen und Reflektion. Schließlich ist ein „Ausprobieren“ oder „schrittweises Vorgehen“ in solchen Beziehungsformen nicht so einfach wie bei sachlichen Verträgen oder gebuchten Ereignissen, weil immer Menschen mit Gefühlen, Bedürfnissen und Erwartungen involviert sind.
Dennoch entsteht im besten Fall eine neue Beziehung ja nicht über Nacht, sondern entwickelt sich oft in Stufen: Kennenlernen, Vertrauen aufbauen, regelmäßiger Kontakt, emotionale Nähe.
Es ist wichtig, diese Entwicklung bewusst langsam und achtsam zu gestalten – genau das bedeutet „schrittweise“ im emotionalen Sinne.
„Enthusiastic Consent“ heißt dabei auch, daß stets alle Beteiligten freiwillig und mit Wohlwollen zustimmen, denn jede (Einzel)Beziehung verdient Respekt und Aufmerksamkeit. Das Ziel ist hier nicht, sofort alles festzulegen oder zu erwarten, sondern einen Raum zuzulassen, so daß sich die Beziehungen darin organisch entwickeln können. Und keinesfalls irgendjemanden in eine Beziehung zu drängen, bevor die betroffene Person sich wirklich dazu bereit fühlt.
Wichtig bleibt dabei, daß alle Beteiligten ehrlich kommunizieren, wenn sich Bedürfnisse ändern oder wenn jemand eine Pause braucht, denn Beziehungen können sich verändern, wachsen oder auch enden.

Stichwort „enden“ : Ja, denn auch dies ist eine realistische und häufige Herausforderung in offenen oder polyamoren Beziehungsmodellen: Wenn Partner*innen Schwierigkeiten oder starke Belastungen mit der neuen Beziehungsform erleben, kann es tatsächlich dazu kommen, daß eine neue Beziehung – zumindest vorübergehend oder dauerhaft – beendet oder zurückgestellt werden muss, um die Stabilität und das Wohlbefinden aller Beteiligten zu schützen. Offene Beziehungen leben von einem sensiblen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen und Grenzen aller Partner*innen. Falls jemand sich überfordert oder verletzt fühlt, ist das ein ernstzunehmendes Signal.
Manchmal bedeutet dies, daß man zugunsten einer bestehenden Beziehung Kompromisse macht oder neue Beziehungen langsamer angehen lässt oder auch beendet, wenn es sonst zu starken Konflikten kommt. Wichtig ist, daß dies so respektvoll, ehrlich wie nur möglich und mit Rücksicht auf alle Beteiligten geschieht.
Ethische, offene Beziehungsmodelle sind keine „Freifahrtscheine“, sondern verlangen Achtsamkeit, Kommunikation und manchmal auch schwierige Entscheidungen – ganz ähnlich wie jedes andere zwischenmenschliche System auch, das auf Balance und Anpassung angewiesen ist.

Mein bereits langer Eintrag wäre an dieser Stelle eigentlich nun zuende. Ich möchte Euch allerdings zum Abschluß noch zwei Quellen mitgeben, die in Gesprächen mit Euren Liebsten zu diesem Thema wichtig sein könnten. Dies betrifft einmal die saubere Abgrenzung zwischen „Konsens“ und „konsentischem Verhalten“, was in hitzigen Gesprächen – aber leider auch, um persönliche Ansprüche durchzusetzen – gerne mal durcheinandergeworfen wird:

Konsens

Definition:
Konsens bedeutet, dass alle Beteiligten einer Entscheidung oder Vereinbarung zustimmen und diese akzeptieren. Es ist ein gemeinsames Einverständnis, bei dem keine*r widerspricht.

  • Merkmale:
    • Oft wird Konsens als „alle sagen Ja“ verstanden.
    • Kann auch bedeuten, dass alle mit der Lösung leben können, auch wenn sie nicht die erste Wahl aller ist.
    • Kann in der Praxis dazu führen, dass Entscheidungen solange diskutiert werden, bis alle zustimmen oder zumindest nicht mehr ablehnen.
    • Wird häufig in Gruppenentscheidungen, Verhandlungen oder bei Vertragsabschlüssen verwendet.
  • Herausforderung:
    • Konsens kann Zeit und Energie kosten, weil alle Beteiligten einbezogen werden müssen.
    • Manchmal wird Zustimmung aus Höflichkeit oder sozialem Druck gegeben, ohne dass wirklich „enthusiastisch“ zugestimmt wurde (s.u.).

Konsentisches Verhalten (Consent Culture / Enthusiastic Consent)

Definition:
Konsentisches Verhalten bedeutet, dass Zustimmung aktiv, freiwillig, informiert und begeistert gegeben wird. Es geht nicht nur um das Fehlen von Ablehnung, sondern um ein echtes, positives Einverständnis.

  • Merkmale:
    • Zustimmung erfolgt bewusst und mit vollem Verständnis der Situation.
    • Es gibt Raum für Fragen, Zweifel und das Ausdrücken von Grenzen.
    • Ablehnung oder Unsicherheit werden respektiert und führen nicht zu Druck, zuzustimmen.
    • Wird besonders in Bereichen wie Sexualität, Beziehungsmodellen oder ethischer Kommunikation betont.
    • Fördert eine Kultur des Respekts, der Offenheit und des gegenseitigen Einvernehmens.
  • Herausforderung:
    • Erfordert viel Selbstreflexion, Kommunikation und Sensibilität.
    • Ist ein fortlaufender Prozess, keine einmalige Zustimmung.
AspektKonsensKonsentisches Verhalten (Enthusiastic Consent)
GrundideeAlle stimmen zu oder zumindest keiner widersprichtAktive, freiwillige, bewusste und begeisterte Zustimmung
FokusGemeinsame ÜbereinstimmungQualität und Freiwilligkeit der Zustimmung
Umgang mit Zweifelnmanchmal werden Zweifel übergangenZweifel werden ernst genommen und respektiert
AnwendungEntscheidungen in Gruppen, VerträgeZwischenmenschliche Beziehungen (auch Sexualität!), Ethik
Herausforderungzeitintensiv, Gefahr von stiller Zustimmungerfordert Offenheit und kontinuierliche Kommunikation

Und – last but not least – die Grundlagen von „enthusiastic consent“ und „mutual intent“:
Beide Konzepte haben, wie die Poly- und Oligoamory selbst, ihre Wurzeln in feministischen Bewegungen und der kritischen Auseinandersetzung mit Sexualität, Machtverhältnissen und zwischenmenschlicher Kommunikation. Sie entstanden aus dem Wunsch heraus, Zustimmung und Einverständnis bewusster, freiwilliger und gleichberechtigter zu gestalten – als Reaktion auf Machtungleichheiten und mangelnde Klarheit in traditionellen Modellen.
Hier eine Übersicht zu den frühen Quellen und Ursprüngen:

Enthusiastic Consent („Begeisterte Zustimmung“)

  • Ursprung:
    Das Konzept des „enthusiastic consent“ entwickelte sich in den 1980er und 90er Jahren im Kontext feministischer und sex-positiver Bewegungen, die sich gegen herkömmliche, oft patriarchale Vorstellungen von Zustimmung in sexuellen Beziehungen wandten.
  • Wichtige frühe Quellen und Impulse:
    • Feministische Sexualpädagog*innen und Aktivist*innen wie die „Sex-Positive Feminists“ betonten, daß Zustimmung nicht nur die Abwesenheit von „Nein“ sein darf, sondern vielmehr ein klares, positives und freudiges „Ja“.
    • Der Begriff wurde durch Workshops, Streitschriften und feministische Literatur verbreitet, z.B. in der Arbeit von Gruppen wie „SlutWalk“ und Aktivistinnen wie Annie Sprinkle oder Joanna Macy.
    • Auch in der Anti-Vergewaltigungs-Bewegung (#metoo) wurde „enthusiastic consent“ als Gegenmodell zu „stillschweigender Zustimmung“ oder „nicht-Widerstand“ formuliert.
  • Literaturbeispiel: „The Politics of Pleasure“ (1998) von Carol Queen, eine feministische Sammlung, die das Thema Zustimmung und Sexualität aus sex-positiver Perspektive behandelt.

Mutual Intent („gegenseitige Absicht“ / „übereinstimmendes Ziel“)

  • Ursprung:
    „Mutual intent“ ist ein Begriff, der schon aus der Rechtsphilosophie, Kommunikations- und Beziehungsforschung stammt, aber auch feministische Theorien zur Bedeutung von gegenseitigem Einverständnis und geteilter Absicht in Beziehungen beeinflusst hat.
  • Wichtige frühe Quellen und Impulse:
    • In der feministischen Theorie wurde „mutual intent“ als Gegenmodell zu einseitigen Machtverhältnissen und „stillen Einverständnissen“ diskutiert.
    • Philosoph*innen wie Jürgen Habermas („Theorie des kommunikativen Handelns“, 1981) prägten das Verständnis von „gegenseitigem Einvernehmen“ als Grundlage rationaler Kommunikation und sozialer Interaktion, was feministischeTheoretiker*innen auf Beziehungs- und Konsensfragen übertrugen.
    • Feministische Beziehungsmodelle (z.B. von bell hooks oder Adrienne Rich) betonen das bewusste, gegenseitige Einverständnis als Basis für gesunde Beziehungen.
  • Literaturbeispiele:
    • „The Ethics of Ambiguity“ von Simone de Beauvoir (1947) – frühe feministische Reflexionen über Freiheit und gegenseitige Anerkennung.
    • „All About Love“ von bell hooks (2000) – diskutiert Liebe als bewusste, gegenseitige Praxis.




¹ Vorsicht gilt an dieser Stelle gegenüber der ebenfalls häufig als „Beziehungsmodell“ bezeichneten monogamen Ehe. Selbstverständlich können auch auf diese alle hier dargelegten Qualitätstipps angewendet werden – und es wäre schön, wenn auch monogame Verbindungen von einer stärkeren Bewußtheitskultur profitierten, speziell in Hinsicht darauf, „was“ alles spezifischer (oder erwarteter) Inhalt eines solchen Arrangements ist (oder sein soll).
Bei einer vor dem Staat standesamtlich geschlossenen, zivilen Ehe handelt es sich allerdings in erster Linie um einen bindenden bürgerlichen Personenvertrag, der einklagbare rechtliche Verbindlichkeiten in Bezug auf Gütergemeinschaft , Versorgung/Fürsorge, Unterhalt, mögliche Nachkommen (Sorgerecht) und Erbrecht begründet.

Danke an meine MitbLoggerin Sacriba Schmied von sacribas Blog für die Anregung zu diesem Eintrag – und Leopold Böttcher auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 120

Sturm aus der Tiefe

Es ist Dezember geworden – und vermutlich sollte ich nun über etwas Harmonisches bLoggen, stille Schneelandschaften, Stunden am Kamin und Glöckchenklänge.
Doch die Welt ist just nicht sonderlich harmonisch, so scheint mir – und vor allem: Sie bleibt auch zum Ende eines Jahres ja dann doch nicht stehen, sondern rotiert munter weiter direkt in die nächste Runde, was da auch kommen mag.

So ist es auch mit der Polyamorie, die sich fortwährend weiterentwickelt und differenziert; manchmal in nicht so ersprießliche Richtungen, die selbst mich zu deutlicherer Standpunktbehauptung herausfordern, wie im vorletzten Eintrag geschehen – aber manchmal gibt es auch eine bemerkenswerte Synthese an Erkenntnissen – gewonnen an verschiedenen Orten – die zu mehr Weitsicht im kunterbunten Universum der Mehrfachbeziehungen verhelfen.

Solch ein Ereignis der letzteren Art ist in der Weise eingetreten, daß ich mein bLogbuch, welches ich hier seit bald sieben Jahren getreulich führe, aktualisieren möchte – Euch da draußen zur Unterstützung und für noch bessere Gespräche miteinander.

Einer der Dauerbrenner im Kontext der Polyamorie ist sicherlich das Thema „Eifersucht“; ob es diese in polyamoren Kontexten überhaupt geben dürfe, wie – falls doch – damit umzugehen sei, und wie davon betroffene Hilfe finden könnten…etc. pp.
Und weil es eben doch ein Dauerbrenner ist, habe auch ich bereits auf diesem bLog zwei Einträge dazu verfaßt, einmal zur Eifersucht selbst – und einmal zum Thema Neid, um bestimmte Gefühle von Zurücksetzung und Konkurrenz besser von der „klassischen Eifersucht“ zu differenzieren.

Und dann ist da die berühmt-berüchtigte „Bindungstheorie“ nach J. Bowlby und M. Ainsworth, die spätestens seit dem Erscheinen von Jessica Ferns Buch „Polysecure – Bindung, Trauma und konsensuelle Nicht-Monogamie“ im September 2022¹ noch einmal erheblichen Einfluß auf die Betrachtungsweise von (romantischen) Verbindungen in Mehrfachbeziehungen genommen hat. Was ein relevanter und notwendiger Schritt war, denn „gegrummelt“ hatte es im (Mehrfach)Beziehungshintergrund dazu bereits ohnehin seit langer Zeit – so daß selbst auf meinem bLog die Bowlbyschen Ideen bereits im Juni 2019 in Eintrag 14 rund um die Qualitätsmerkmale verbindlicher Liebesbeziehungen Erwähnung gefunden hatten.

Um diese Ideen an einem Ort zusammenzutragen, verfaßte ich in diesem Jahr im April den etwas ausufernden Eintrag 112, in dem ich, so kurz und komplett es mir erlaubt war, noch einmal schnell die Hauptlinie der Bindungstheorie darlegte – was auch Jessica Fern in ihrem Buch ebenso getan hatte.
Und in diesem Eintrag möchte ich darauf verweisen – was Euch als Lesere*innen schlimmstenfalls zu etwas hin- und hergelinke bewegen sollte – aber zumindest davor bewahren, daß ich es hier noch einmal in der dortigen Tiefe ausbreite.

Nähern wir uns also der Synthese:
In meinem Eifersuchts-Eintrag 36 benutze ich in Übereinstimung mit der Schweizer Psychologin Verena Kast auf meinem bLog erstmals das Wort „Ressentiment“ (von französisch re-sentir „erneut fühlen“) als „das wiederholte Durch- und Nacherleben bestimmter Beziehungserfahrungen“, zu denen Frau Kast ergänzt: „Die Ohnmacht des Handelns, die zu einer Entwicklung des Ressentiments geführt hat, wird deutlich sichtbar. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert, gefangen, wehrlos.“

In der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth postulieren diese beiden Forscher*innen wiederum, daß jene von Frau Kast zitierten „Beziehungserfahrungen“ allerdings bereits zu einem äußerst frühen Zeitpunkt gemacht (und abgespeichert!) werden, und zwar mit den Anfängen unserer Kindheit in Hinsicht auf unsere dortigen allernächsten Bezugspersonen. Bowlby und Ainsworth konnten über ihre 4-Faktoren Matrix der Bindungsstile (siehe Eintrag 112 oder „Polysecure“ oder Wikipedia – HIER) nachweisen, daß aufgrund dessen vermutlich nur wenige Erwachsene über eine optimale sg. „sichere Bindung“ verfügen, sondern viele von uns vermutlich mit „vermeidenden“, „unsicher-ambivalenten“ oder geradewegs „desorganisierten“ Bindungsstilen durch den Alltag und unser Beziehungsleben gehen.

In Übereinstimmung von Bowlby/Ainsworth mit Jessica Fern – was bedeutet das gleich nochmal?
Nichts Geringeres, als daß wir in uns frühkindliche Erfahrungen tragen, gemäß denen unsere einstigen Bezugspersonen in einem für uns überlebensnotwendigen Moment entweder abweisend/distanziert gehandelt haben (in dem sie z.B. physisch schlicht nicht da waren oder einen Umstand heruntergespielt haben [„Bleib ruhig, ist nicht so schlimm…“], sie lediglich ambivalent und daher unberechenbar mal mit Lob, mal mit Tadel oder „Bedingungen“ ihre Zuwendung zur Verfügung stellten (oft: Anspüche an Äußerlichkeiten, Verhalten, Leistung) oder uns sogar aus ihrer (Macht)Position als (Liebes)Zuwendungsquelle über die Grenze kindlichen Ertragens hinaus haben traumatisches Leid zuteil werden lassen.

Gemäß weiterer Untersuchungen durch den Psychologen und Psychoanalytiker John Bowlby tragen wir die Auswirkungen der oben aufgeführten Bindungserfahrungen – einschließlich ihrer möglichen Verletzungen und Einschränkungen (aufgeführt im zweiten Teil meines Eintrags 112 oder auch in „Polysecure“) – schließlich in unser Erwachsenenalter, wenn wir dort irgendwann selbst auf die Suche nach einer (odere mehreren) „Bezugsperson(en)“ gehen, mit denen wir unser Leben teilen wollen. Die deutsche Wikipedia ist bei ihrer Definition von „Bezugsperson“ recht knapp: »Eine Bezugsperson ist die Person, zu der ein anderer Mensch eine besondere persönliche Beziehung hat. Vertrauen, Identifikation, Liebe und Zuwendung prägen eine solche Beziehung. Auch Körperkontakt, wie z.B. Streicheln oder Kuscheln, kann dazu gehören.« Doch selbst der Personenkreis, mit dem man innerhalb eines monogamen Modells diese Voraussetzungen teilen würde, wäre sicher eher knapp bemessen.

Für die Polyamorie ist es daher wiederum Frau Fern, welche dort die maßgebliche Bedeutung des Themas der „Bezugsperson“ erkannt hat. Den dritten Hauptteil ihres Buches leitet sie in Kapitel 7 mit folgender wichtigen Differenzierung ein:
»Bis zu diesem Punkt habe ich überwiegend den Oberbegriff „Nicht-Monogamie” verwendet, wenn ich über Menschen mit mehreren Partnern gesprochen habe, aber wie wir in Kapitel Vier gesehen haben, können Menschen, die nicht monogam sind, sehr unterschiedliche Arten haben, wie sie das Leben mit mehreren Partnern gestalten. Im weiteren Verlauf der Diskussion darüber, wie man polysecure [also in sicherer (Ver)Bindung mit mehreren Partner*innen] sein kann, spreche ich speziell über Menschen, die Polyamorie leben. Polyamorie wird gemeinhin als die Lebensweise definiert, in der romantische Liebesbeziehungen zu mehr als einer Person geführt werden, und wir können hinzufügen, dass es sich dabei auch um eine Form der Nicht-Monogamie handelt, in der Menschen mehrere romantische Bezugspersonen haben.«

Einigen meiner eifrigeren Leser*innen mag nun bereits die Bedeutung dämmern, welche die Anwendung der Bowlbyschen Bindungstheorie auf das multiple Bezugspersonenmodell der Polyamorie dadurch hat.

Spielen wir es in Beziehungssituationen also durch:
– wenn sich mein Lieblingsmensch einer weiteren Person zuwendet
– wenn eine weiter Person zu einer Gruppe bereits verbundener Menschen (und „Gruppe“ können auch zwei sein) hinzukommt.

Plötzlich springen sie da mit unbegreiflicher Intensität hervor – die eingangs erwähnten „Ressentiments“: Überwältigende Gefühle (und bitte denkt dran: ich verwende auf diesem bLog „Gefühl“ als Kombination aus „auslösender Emotionsreiz“ plus „Bewertung im Gehirn“) von Verunsicherung, Wut, Trauer oder Angst. Erschütternde Impulse, die sich als Zurückgesetztheit, Mißgunst, Kränkung, Minderwertigkeits- oder auch Verlustempfindungen äußern kann. Sogar bis hin zu körperlichen (Stress)Reaktionen, einschließlich des Empfindens von physischem Schmerz. Die einen könnten ein Loch in die Wand schlagen, manche davonlaufen – wohingegen andere sich wimmernd unter der Bettdecke verstecken wollen…

Kommt Euch etwas bekannt vor?
Genau! Es sind die von Bowlby und Ainsworth beschriebenen (kindlichen) Auswirkungen auf nicht verläßlich handelnde Bezugspersonen.²
Obwohl wir also vielleicht in einem Beziehungsnetzwerk (und auch das können bloß zwei Personen sein) eventuell konsensuell ethische Nicht-Monogamie ganz bewußt vereinbart haben, kann unser somatisches System beim Eintreten eines weiteren „Beziehungsfalles“ unbewußt auf Rotalarm höchster Stufe schalten: DAS ist ja genau wie damals, als unsere Bezugspersonen a)nicht für uns da waren, sie b)inkohärent/unberechenbar gehandelt haben, c)wir durch sie, obwohl Quelle unserer Liebe, Leid erfahren haben!
Und in seiner beschädigten Logik hat dieses System ja sogar Recht: Zwar sind wir heute erwachsen, aber möglicherweise erleben wir eben ganz buchstäblich, daß sich unser Lieblingsmensch jemand anderem zuwendet, bisher gelebte Routinen aufgebrochen werden und wir vielleicht temporär schmerzhaft mit weniger 1:1-Liebe auskommen müssen, als zuvor.

Einschub (und damit der Eintrag nicht wieder zu lang wird):
Das sensationelle an dieser „Erkenntnis-Vernetzung“ ist für mich, daß es da draußen also vermutlich durchaus eifersüchtige (besitzanspruchsdenkende) und neidische (mißgönnende) Menschen geben wird. Aber wahrscheinlich in einem extrem geringeren Umfang als bisher angenommen; und wenn, dann vermutlich in Zahlen in etwa so viele wie z.B. auch narzisstische (selbstbezogene [hier nicht pathologisch verwendet!]).
Der wesentlich größere Anteil von „eifersüchtigen“ oder „neidischen“ Ressentiments, insbesondere jener, die in romantischen Liebesbeziehungen erlebt werden, wird jedoch wohl weitaus eher auf das Konto von beschädigtem Bindungsverhalten gehen; den ungünstigen Mechanismen, die wir daraus für weiteren (intimen) Bindungsaufbau in unser Erwachsenenleben mit hinübergenommen haben – sowie den Schwachstellen, die diese ungünstigen – also „nicht sicheren“! – Mechaniken haben (wodurch nämlich schon ein einzelner „Trigger“ sehr schnell zu massiver Seelennot führen kann).

Eieiei, da sitzen wir also mit unserer „neuen Erkenntnis“…
Was aber können wir tun?

Das Wichtigste scheint mir, uns allen aufgrund der Erkenntnis mit noch mehr Verständnis für einander zu begegnen. In polyamoren Kontexten sind Eifersucht und Neid (oft „nicht gönnen können“ genannt) ohnehin schon sehr rote Tücher, es sind on- und offline seitenweise Ratgeber verfaßt worden, in die auch ich mich eingereiht habe.
Die Erkenntnis beweist aber einmal mehr, daß es sich eben nicht um plan-, bzw. absichtsvoll böswillige, destruktiv mastermind-artig ersonnene Verhaltensweisen von uns oder unseren Liebsten handelt.
Vielmehr sind gar nicht mal so wenige von uns liebes- und beziehungstechnisch schlicht ein bißchen arme Schweine – und leider etwas beschädigt. Und dafür können die Betroffenen am allerwenigsten selbst etwas – weswegen mich das in der Polyamorie noch zu häufig geschwungene „Das ist dein Problem – daran must DU arbeiten“-Schwert regelmäßig sehr erschreckt und traurig macht.

Wir können nämlich durchaus zusammen etwas tun. Und das habe ich in Eintrag 112 zu den Bindungstypen schon angedeutet: Wir können defizitäre Bindungsstile stabilisieren, vielleicht sogar ändern, indem wir heute andere Beziehungserfahrungen sammeln, als sie uns in der Vergangenheit zuteil geworden sind.

Jessica Fern benennt als zwei wichtige Merkmale, über die „sichere Bindungen“ verfügen sollten, die Begriffe „sicherer Hafen“ und „sichere Basis“.
Ein „sicherer Hafen“ ist eine Beziehung, wenn sie für uns ein Platz zur Einkehr ist „genau so wie wir sind“. Dort, wo wir geliebt werden, getröstet werden, wo wir uns aussprechen können und Zuspruch erfahren, wo wir uns fallen lassen können (und gehalten werden), wo unsere Nerven zur Ruhe kommen können, wir nicht beurteilt werden und zurückgespiegelt bekommen: Es schön und wichtig, daß es Dich gibt!
Eine „sichere Basis“ ist der Ort, wo wir ermutigt werden, z.B. indem unseren Visionen und Projekte unterstützt werden, wo wir unsere Pläne ausprechen dürfen und positiven Input bekommen, wo Menschen uns sagen, was für Fähigkeiten und Optionen wir haben – vielleicht auch, wo sie uns nach unseren Fähigkeiten anspornen oder bremsen, ohne es an die große Glocke zu hängen…

Mit „sicherem Hafen“ und „sicherer Basis“ möchte Frau Fern auf das hinaus, was ich in der Oligoamory seit Beginn dieses bLogs als „Verläßlichkeit“ und „Berechenbarkeit“ bezeichne.
Denn noch einmal: Ziel sollen ja die Merkmale sicherer (Ver)Bindung sein, in der ein Mensch (siehe Eintrag 112) über sich sagen kann:
„Es fällt mir relativ leicht, anderen emotional nahe zu kommen.“
„Ich fühle mich wohl dabei, mich auf andere zu verlassen und dass andere sich auf mich verlassen.“
„Ich mache mir keine Sorgen darüber, allein zu sein oder dass andere mich nicht akzeptieren.“

Einen verläßlichen „sicheren Hafen“ und eine berechenbare „sichere Basis“ vorausgesetzt, wird eine solche Person nicht an ihrem Selbstwert (oder gar an ihrer Überlebensfähigkeit) zweifeln, auch wenn eine Bezugsperson sich für einen gewissen Zeitraum abwendet. Sie wird an den ihr gegenüber aufrichtig gemachten Informationen nicht zweifeln, diese nicht permanent überdenken und nicht in Micromanagement verfallen. Und falls ihr tatsächlich so etwas wie Leid widerfährt, kann sie es direkt ansprechen, die Quelle identifizieren und für sich eintreten.

Das klingt jetzt an dieser Stelle für einige von uns sicher sehr ideal. Und glaubt mir, ich weiß selbst als unsicher-ambivalente Person, daß es das wahrhaftig ist.
Unser Gehirn ist allerdings wirklich etwas Bemerkenswertes: Die Forschung ist sich mittlerweile sehr sicher, daß manche dort eingefahrene „Dellen“ leider in der Tat nie wieder weg gehen; sie können auch nicht wirklich „überschrieben“ werden, wie manche Lehren versprechen. Aber alternative Erfahrungen können dank der neuronalen Plastizität und unserer lebenslangen Lernfähigkeit bis zu unserem letzten Atemzug gestärkt werden, bis diese an Unfang mögliche alte Narben in ihrer Intensität locker übertreffen (in Eintrag 36 benutze ich dazu das Bild unterschiedlicher „Pfade“, denen entweder die Nutzung entzogen wird – oder die neu beschritten werden).

Wenn bis hierher noch jemand genau aufgepaßt hat, dann könnte man mir nun die Frage stellen: „Wie war das mit den anderen Menschen und der Bedürfniserfüllung in Eintrag 118? Wirklich glaubhaft für unser System kann es doch niemals sein, wenn die anderen Beziehungspersonen für uns ’sicherer Hafen‘ uns ’sichere Basis‘ sein sollen – müssen wir diese Kraft nicht in uns selbst finden?“

Dann sage ich: „Na klar!“ Deshalb spricht ja auch Jessica Fern bereits davon, daß die Beziehungen – an denen wir ja Anteil haben! – diese Merkmal aufweisen sollten, wodurch wir aktive und verantwortliche Mitgestalter*innen der Häfen und Basen wären, die es da zu errichten gilt (die anderen Beteiligten wollen ja auch bei uns „einlaufen“ oder „starten“…!). [Im 3. Teil ihres Buches setzt sie dazu dann auch eine Reihe hilfreicher Impulse , denen ich hier auf dem bLog nicht vorgreifen möchte.]

Ja, und letztlich… …gibt es da natürlich durchaus einen etwas wehmütigen Teil der Aufgabe, den tatsächlich nur jede*r an und mit sich selbst verrichten kann. Damit ist das gemeint, was ich mit den Worten der Traumatherapeutin Maria Sanchez in Eintrag 98 die „innere Selbstbegleitung“ nenne³. Es ist der Weg, trotz der erlittenen Beschädigungen in der Kindheit durch unaufmerksame oder selbstbezogene Bezugspersonen nach und nach in Frieden mit dem eigenen kleinen Orchester an inneren Kritiker*innen, Diktator*innen und Verführer*innen zu leben. So wie mit alten Bekannten, die immer noch in der selben Straße mit einem hausen – aber heute stellen wir das Fahrrad trotzdem da ab, wo wir es wollen. Und da wir ja schon damals nicht verkehrt waren, steht es heute garantiert goldrichtig… Genau diesen Frieden in uns gilt es ebenfalls zu stärken, insbesondere da wir nun noch besser wissen, wie sehr unsere Bindungsfähigkeit „nach innen“mit unserer Bindungsfähigkeit „nach außen“– also vor allem zu unseren Lieblingsmenschen – zu tun hat.

Einen ruhigen Jahresausklang 2025 – hoffentlich im Kreis Eurer Liebsten (wie groß oder klein der auch immer sein mag) – wünscht Euch dafür Euer

Oligotropos




¹ Jessica Fern:„Polysecure: Attachment, Trauma and Consensual Non-monogamy“, Scribe UK, 2022;
Deutsch: „Polysecure: Bindung, Trauma und konsensuelle Nicht-Monogamie“, divana-Verlag, 2023

² Beobachtungen von Ainsworth und Bowlby belegten, daß eben z.B. ein Baby oder Kleinkind mehr oder weniger nur zwei Reaktionsmöglichkeiten hat: freeze/flight – also seine Bemühungen einstellen und „einfrieren“, bzw. katatonisch werden (da eine „Flucht“ aus der Situation ja meist physisch unmöglich ist), um (Über)Lebensenergie zu sparen oder fight/intensify – also „kämpfen/intensivieren“ („kämpfen“ scheidet physisch wieder aus), um die Chance auf wahrgenommen-Werden doch noch zu erhöhen.

³ aus: YouTube: Transgenerationstrauma, Maria Sanchez im Interview mit Simon Rilling (25.10.2022)
Zusätzlich Dank an Frau Sanchez für ihr therapeutisches Onlineangebot, aus dem ich in meinem Eintrag auszugsweise zitiere (für den Zugang zu den betreffenden Inhalten hat mein Haushalt ordnungsgemäß bezahlt).

Auch andere Autor*innen betonen die Ermächtigung durch „innere-Kind-Arbeit“, sehr bekannt derzeit im deutschsprachigen Raum u.a. Stefanie Stahl „Das Kind in dir muss Heimat finden“, Kailash 2015

Danke an Jason Hudson auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 119

Das ist aber meine Freiheit und ich darf das….oder?

Der November bringt nichts Neues mehr? Keineswegs: Hashtags wie #NoShaveNovember, #Movember, #NovemberRain, #NovemberNights und (speziell) in den USA sowie Kanada #ThangsgivingNovember beweisen, daß das nicht so ist.
Zeit also, ebenfalls auf Oligoamory.org im November etwas Neues zu inszenieren: Meinen ersten Gastbeitrag! Und da ich, Oligotropos, schon etwas reifer bin, ist auch dieser Text bereits ein paar Jahre älter, mit 6 Jahren gewissermaßen ein vollwertiges, polyamores Schulkind – aber vor allem eines, von dem ich selbst immer noch lernen kann und ebenso eines, von dem ich hoffe, daß wir alle nach wie vor profitieren.
Daher ist dieser Gastbeitrag zusätzlich von mir als eine Art „Rettungsmission“ und „Wieder-in-Erinnerung-Rufen“ des anhängigen Textes gedacht, da die Gedanken, die darin zum Ausdruck kommen, zu den berühmten „Schultern“ zählen, auf denen auch meine Oligoamory heute steht.

Im Frühjahr 2016 startete Yaniv Barinberg (damals noch unter seinem Deadname „Inna“) seinen Blog mit dem Namen »POLYPLOM – Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen«.
Yaniv ist Autor*in, ausgebildeter systemischer Beziehungscoach, Paarberater*in und hat überdies einen Master in Philosophie erworben. Er schreibt aus der Perspektive einer queeren, weißen Person mit jüdischer Migrationsgeschichte.
Auf seinem Blog schrieb er in dem Abschnitt »Über mich«:
„Ich lebe in zwei liebevollen Beziehungen und möchte mit euch meine intimen, lustigen, manchmal absurden und teilweise bereichernden Erfahrungen aus dem Leben einer polyamoren Person teilen.
Ich habe leider nicht die Weisheit nicht mit dem Löffel gegessen und würde mich auch nicht als Expert*in für polyamore Beziehungen bezeichnen. Aus diesem Grund findet ihr keine ‘Ich weiß alles besser und möchte euch eines besseren belehren Beiträge hier. Stattdessen werdet ihr ehrliche, lustige, wütende, euphorische, traurige und hoffnungsvolle Texte hier findet. Ich schriebe über offene Beziehungen, Eifersucht, Kinder kriegen, Poly Familien, Outing, Antisemitismus und vieles mehr.“


Yanivs Online-Projekt war knapp fünf Jahre lang aktiv, im September 2019 entstand sein letzter Blog-Eintrag.
Yaniv trat damit allerdings keineswegs still und leise von der polyamoren Bühne ab: Denn im September 2020 erschien sein Buch unter dem Titel »Mehr ist Mehr – meine Erfahrungen mit Polyamorie« ¹, welches ein großartiges Kompendium aus Blogbeiträgen und weiteren, ergänzenden Texten geworden ist. Mehr Infos dazu findet ihr auf der Seite von edition assemblage.

Yaniv hat mir für diesen Gastbeitrag höchstpersönlich erlaubt, seinen früheren Blog-Eintrag aus dem Januar 2019, den ihr auch als ein Kapitel seines Buches finden könnt, zu verwenden.
Als Blogger habe ich Yaniv für seine breit aufgestellte, intersektionale Perspektive zutiefst geschätzt, ebenso – und beinahe noch mehr – für seinen fragenden, persönlichen und umsichtigen Schreibstil, der sich immer an dem kleinen aber wichtigen Wort „ethisch“ in „ethische Mehrfachbeziehungen“ wie der Polyamory orientiert hat.²
So. Und jetzt geht es endlich los:

Das Thema „Freiheit und Polyamorie“ hat mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt. Besonders nachdem ich viel unterwegs war, Vorträge gehalten habe und Workshops gab. Immer wieder sind Menschen auf mich zugekommen, die das Gefühl hatten, an der Polyamorie zu scheitern, weil sie nicht gut genug oder schnell genug ihre Gefühle verarbeitet haben oder schlichtweg nicht wussten, wie sie mit einer Situation umgehen sollten. Häufig stand die Angst im Vordergrund, Beziehungspersonen zu verlieren oder sie mit den eigenen Gefühlen zu überfordern. Und immer wieder drehten sich solche Gespräche um ein Konzept von Freiheit, welches ich nicht gut nachempfinden kann bzw. wo es mir schwer fällt zu verstehen, wieso das als Argument in polyamoren Beziehungen benutzt wird. Sehr häufig äußerte sich dieses Konzepte in Sätzen wie „Du schränkst meine Freiheit ein“. Damit ist gemeint, dass jemand sich frei fühlen möchte zu jedem Zeitpunkt Beziehungen und/oder sexuellen Kontakt jeglicher Form mit anderen zu haben.

Ich möchte versuchen zu erklären, wieso ich damit meine Schwierigkeiten habe.

Zum einen waren es sehr häufig Cis-Frauen, die zu mir kamen und mir ihr Dilemma geschildert haben. Ihre Beziehungspersonen, sehr häufig Cis-Männer, waren diejenigen, die den Satz, in unterschiedlichsten Variationen, aussprachen. Wieso Gender an dieser Stelle eine Rolle spielt? Weil als Frau sozialisiert zu werden konstant bedeutet, zur Beziehungs- und Emotionsarbeit erzogen zu werden. Ich ärgere mich in solchen Momenten, weil der Satz keine andere Alternative lässt, als dass die Cis-Frauen genau diese Rolle und Aufgabe übernehmen. Häufig sind Sätze, die darauf anspielen, dass jemand ein grundsätzliches Recht oder einen Anspruch auf etwas hat, auf eine gewisse Art und Weise lähmend. Schließlich lassen sie keinen Raum für Diskussionen oder Auseinandersetzungen. Stattdessen schaffen sie sehr viel Raum für Schuldgefühle, denn meistens bleiben die Beteiligten mit ihren Gefühlen alleine oder trauen sich nicht mehr, mit ihren Beziehungspersonen darüber zu reden. Ein Freiheitsargument einzuführen kann immer nur für eine Person funktionieren, denn würden es zwei oder mehr Personen gleichzeitig einbringen, wäre es überflüssig. Das macht es zu einer Einbahnstraße für eine Person.

Zum anderen gibt Freiheit als Argument nicht die Möglichkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen. Stattdessen wird ein jegliches Gefühl als schlecht und nicht wünschenswert abgestempelt. Ich finde das ganz schön unfair, weil es ja schließlich – zumindest häufig – nicht darum gehen sollte eine Handlung zu verbieten, sondern eine Auseinandersetzung über unterschiedliche Bedürfnisse zu führen. Diese Auseinandersetzung kann tricky sein, das gebe ich zu. Manchmal muss sich eine Person mehr zurücknehmen als die andere, manchmal fühlt sich jemand benachteiligt und manchmal haben eine oder mehrere Personen Angst, dass auf Gefühle einzugehen bedeuten könnte, für unbestimmte Zeit Monogamie zu praktizieren, weil kein Raum ist, um polyamor/offen zu leben. Letzten Endes ist es jedoch eine Frage der Aushandlung und des Aufeinandereingehens.

Offene/polyamore Beziehungen zu führen bedeutet für mich nicht, zu jedem Zeitpunkt machen zu können, wonach mir der Sinn steht. À la: „Falls meine Beziehungsperson(en) damit Schwierigkeiten haben sollten, so ist es deren Problem, ich ziehe nicht in Erwägung, mit was auch immer aufzuhören.“ Diese Art Beziehungen zu führen ist nicht meins. Und ich tue mich auch schwer damit, Menschen irgendeine Form von Rat oder Tipp zu geben, wenn sie mich fragen, was sie machen können, wenn ihre Beziehungsperson sich ihren Gefühlen verwehrt. Ich finde es ungerecht und auf eine negative Art und Weise egoistisch, dass nur noch die Bedürfnisse einer Person im Vordergrund stehen. Eine Beziehung jeglicher Art bedeutet für mich ein gemeinsames Projekt, etwas, was zwei oder mehr Menschen miteinander gestalten und sich aus diesen Menschen heraus und mit ihnen zusammen entwickelt. Deswegen fällt es mir so schwer, nachzuvollziehen, dass Menschen dieses Totschlagargument verwenden. Das hat für mich nämlich nicht mehr viel mit gemeinsamer Gestaltung zu tun.

Ich sehe durchaus die Schwierigkeit(en), wenn es darum geht, unterschiedliche Bedürfnisse auszuhandeln/in Einklang zu bringen. Als meine Beziehungsperson und ich unsere Beziehung von monogam zu offen für physische Erfahrungen mit anderen geöffnet haben, habe ich mich ganz lange verwehrt. Ich hatte Angst, alles würde sich zwischen uns verändern, ich hatte Angst vor Zurückweisung und ich wollte mich dieser neuen Erfahrung (noch) nicht stellen. Deswegen habe ich es immer weiter aufgeschoben, habe ihr das Gefühl gegeben, dass ich noch mehr Zeit brauche, dabei war Zeit nicht das Problem. Deshalb weiß ich ganz genau, dass es manchmal schwierig sein kann, über Bedürfnisse zu reden und Aushandlungen oder Kompromisse zu finden, weil es manchmal nicht klar scheint aus welchem Gefühl oder welcher Motivation heraus sich jemand für mehr Zeit ausspricht. Manchmal bedeutet es eben auch, dass eine oder mehrere Personen eine Zeit lang unzufrieden sein werden, aber so sind Kompromisse nun einmal, sie machen nicht immer Spaß. Ich denke, dass es wichtig ist, nicht zu vergessen, dass Kompromisse für alle Beteiligten, mal mehr mal weniger, ein Zugeständnis sind und häufig nichts, was sie von sich aus, wenn es einzig und allein nach ihren Bedürfnissen ginge, so entscheiden würden. Das bedeutet, dass alle einen Schritt aufeinander zu gehen. Wenn ich beispielsweise die Absprache eingehe, dass ich meine Beziehungsperson nach einem Date mit einer anderen Person anrufe, dann mache ich das, weil ich weiß, dass es ihr wichtig ist, meine Stimme zu hören und dadurch Sicherheit und Zuneigung zu erfahren. Für mich ist es kein großer Aufwand, einen Anruf zu tätigen, aber vielleicht bedeutet meiner Beziehungsperson diese vermeintliche Kleinigkeit sehr viel. Der Anruf ist je nach Situation vielleicht sogar schon der Kompromiss zwischen „Wir sehen uns direkt nach dem Date“ und „Wir hören uns gar nicht“.

Damit will ich sagen, dass ich gerne Kompromisse eingehe und versuche, die Gefühle meiner Beziehungsperson(en) so ernst wie möglich zu nehmen. Das bedeutet für mich nicht, dass ich sofort jedes meiner Bedürfnisse hinten anstelle oder nur noch auf die Bedürfnisse meiner Beziehungspersonen eingehe. Es kann aber bedeuten, dass ich nicht sofort von 0 auf 100 gehen möchte. Beispielsweise, wenn ich gerne bei meinem Date schlafen wollen würde, meine Beziehungsperson(en) sich damit jedoch erst einmal nicht so wohl fühlen, bedeutet es unter Umständen, dass wir uns da langsam herantasten. Schritt für Schritt würden wir dem Übernachten näher kommen. Mein ursprüngliches Bedürfnis ist also nicht verworfen, seine Befriedigung wird einfach unserem gemeinsamen Tempo angepasst.

Letzten Endes ist es meiner Meinung nach klar, dass ein Mensch theoretisch alles machen kann, wozu er in der Lage ist. Das ist keine Frage der Freiheit. Es geht gar nicht um den Satz „Das ist aber meine Freiheit und ich darf das“, sondern um den Zusatz, der nicht ausgesprochen wird, nämlich „und du kannst nichts dagegen machen“. Und das ist das, was ich so schwer verstehen kann, weil es einfach nicht mit meinem Verständnis von Polyamorie (und überhaupt von Beziehungen) zusammenpasst und was häufig – wie am Anfang beschrieben – Cis-Frauen abbekommen, die die Emotionsarbeit leisten sollen. Ich will damit nicht sagen, dass Menschen jeglichen Genders dieses Argument vorbringen können. Mir ist es nur in letzter Zeit vermehrt aufgefallen, dass viele Cis-Frauen mit dieser Problematik auf mich zukamen. Ich will in einer Beziehung nicht das Recht auf etwas haben, unabhängig der Konsequenzen. Es geht mir ja nicht aus Prinzip darum zu gewinnen oder Recht zu behalten. Ich will gemeinsam Lösungen und Ideen finden, so verstehe ich zumindest Beziehungen. Und ein Totschlagargument ist für mich alles andere als konstruktiv oder hilfreich dabei.




¹ „Mehr ist Mehr – Meine Erfahrungen mit Polyamorie“, Yaniv Barinberg, Paperback (Naturkarton Cover), 144 Seiten,
140 x 205mm, 978-3-96042-089-7 / 2-973, 18,00 Euro, aktuelle Auflage 26.02.2024, mit Illustrationen von Carina Büker

² Auf den obigen Blogbeitrag verweise ich selbst in meinem wesensverwandten, eigenen Eintrag 28 zum Thema Freiheit in ethischen Mehrfachbeziehungen.

Dank gebührt dem Autor Yaniv Barinberg für die höchstpersönliche Erlaubnis zur Nutzung seines ehm. blog-Beitrags und jetzigem Buchkapitel.
Ebenso Dank an Ankush Minda auf Unsplash für das Titelfoto, welches auch den Orginalbeitrag zierte!

Yaniv, – Du fehlst mir in der Blogosphere!

Eintrag 118 #Bedürfnisse

Bedürfnisse – Reloaded

In meinem vorhergehenden Eintrag habe ich – wie schon verschiedentlich auf diesem bLog zuvor – mein Bedauern darüber ausgedrückt, daß zur Begründung des eigenen Wunsches nach einem Leben in Mehrfachbeziehungen und Polyamory aus meiner Sicht zu häufig ein „falsch aufgefasstes Bedürfnismodell“ herangezogen wird.
Daher bin ich auf die dahinterliegende Interpretation von Bedürfnissen ebenfalls immer mal wieder punktuell in verschiedenen Einträgen dieses bLogs eingegangen.
Da mir dieser Komplex allerdings als eine regelmäßig wiederkeherende und zentrale Themenstellung in der Polyamory erscheint, will ich mit diesem Eintrag hier noch einmal meine Position dazu gesammelt festhalten.

Zunächst möchte ich dazu erneut betrachten, was denn genau ein „Bedürfnis“ ist – und wie es in den Kontext der Polyamory Eingang gefunden hat.

»Unter einem „Bedürfnis“«, so sagt es die deutsche Wikipedia, »versteht man in der Alltagssprache ein Verlangen, einen Wunsch, Ansprüche oder etwas zum Leben Notwendiges, meist Materielles. In der Psychologie wird Bedürfnis oft definiert als Zustand oder Erleben eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch, ihn zu beheben oder als das Verlangen oder den Wunsch, einem empfundenen oder tatsächlichen Mangel Abhilfe zu schaffen.«

Wissenschaftlich indessen rückten „Bedürfnisse“ erstmals substantiell in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Fokus der psychologischen Forschung, als die US-amerikanischen Psychologen und Psychotherapeuten Abraham Maslow und Carl R. Rogers sich bei der Entwicklung der modernen postiven Psychologie (Maslow ab 1954) und einer echten, personzentrierten Psychotherapie (Rogers ab 1957) mit dem Selbstkonzept sowie den dazugehörigen, inneren Motivationen, (An)Trieben und Neigungen ihrer Patienten auseinandersetzten.
Abraham Maslow strukturierte aus dieser Forschung die gewonnenen Erkenntnisse schließlich sogar in der später nach ihm benannten „Maslowschen Bedüfnispyramide“, durch die er darstellen konnte, daß innerhalb der menschlichen Bedürfnisse teilweise Hierarchien von Notwendigkeit bestehen – wie z.B., daß zunächst essentielle Grundbedürfnisse zur Aufrechterhaltung des Lebens gedeckt seien müssten (Atmung, Wärme, Wasser Nahrung, Schlaf, Schutz) um erst darauf aufbauend danach zu streben, sozialen Bedürfnisse (z.B. Zugehörigkeit, Kommunikation, Gemeinschaft etc.) oder solchen der Selbstverwirklichung (z.B. Unabhängigkeit, Freiheit, Kreativität etc.) nachzukommen.

In Kooperation mit einem Schüler von Carl Rogers, dem Psychologen und Kommunikationsforscher Marshall B. Rosenberg zeichnete sich auf diese Weise schließlich die Qualität menschlicher Bedürfnisse als universell (allen gemeinsam), unabhängig von Zeiten (Epochen), Orten (Regionen, Kulturen) und Personen (Subjektivität) ab.
Bedürfnisse stellten sich demnach als Ausdruck zugrunde liegender, elementarer Gefühle dar, die anzeigen, daß Bedürfnisse erfüllt sind bzw. Gefühlen, die anzeigen, daß dies nicht der Fall ist.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich vermutlich niemand so sehr fortgesetzt mit dieser identifizierten Quelle der Bedürfnisse und ihren Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben wie der erwähnte Marshall Rosenberg¹. Rosenberg stellte fest, daß der Vermittlung von Bedürfnissen insbesondere in der zwischenmenschlichen Kommunikation eine grundlegende Rolle zukommt, der individuelle Versuch des Ausdrucks dieser Bedürfnisse aber häufig durch ungünstige, sozial tradierte Muster (z.B. Sprachgebrauch) regelmäßig auch zu Mißverständnissen und Krisen beitrug.
Als eine mögliche Herangehensweise zur Beilegung und potentiellen Verhinderung solcher Krisen entwickelte Rosenberg ab 1963 sein Lebenswerk: Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) : ein auf Freiwilligkeit beruhendes Kommunikationskonzept mit dem Ziel, menschliche Beziehungen in einer Weise zu entwickeln, dass die Betroffenen spontan und gerne zum gegenseitigen Wohlergehen beitragen.

Den letzten Satz im Ohr, war der Weg von hier in die Polyamory kurz. Etliche gemeinschafts- und kooperationsorientierte Initiativen griffen ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts immer regelmäßiger auf die „Gewaltfreie Kommunikation“ als entwicklungsbegleitendes Hilfsmittel zu. Über die Verwendung in Bildungseinrichtungen, Beratung, Therapie, Mediation und Coaching wurde sie so schließlich ab Mitte der 90er auch bereits Teil des „polyamoren Werkzeugkastens“ – insbesondere als Teil einer auf Augenhöhe und Friedfertigkeit angelegten Gesprächskultur in romantischen Mehrfachbeziehungen.

So weit, so gut.
An dieser Stelle kurz ein „Disclaimer“ meinerseits: Etliche Jahrzehnte später gibt es durchaus berechtigte Kritik sowohl an der Methodik der „GFK“ selbst als auch an der Persönlichkeit Marshall Rosenbergs. Dieser war im Detail sicher selber kein „Heiliger über den Dingen“ und auch nicht frei von eigenem Anspruchdenken. Die „GFK“ als Instrument ist eine Kommunikationsform, die, wie jedes psychologisch-zwischenmenschliche Medium, Aufmerksamkeit, Schulung und Übung benötigt – und andernfalls Manipulation und mißbräuchlichen Einsatz ermöglichen kann. Dieses ist mir vollständig bewußt, in all den Jahren, in denen ich mich selber mit dem Modell beschäftigt habe. Die wissenschaftlichen Grundlagen der zugrundeliegenden Bedürfnislehre nach A.Maslow und C. Rogers sind allerdings valide, ebenso die inhärente Mechanik bei besonnener Anwendung.

OK. Wodurch wir also schon mit dem Aufblühen der Polyamory im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch bereits die berühmt-berüchtigten „Bedürfnisse“ mit an Bord und im Gespräch miteinander haben…
Was ja genau genommen eine gute Nachricht ist, wenn wir wissen, daß Bedürfnisse uns allen gemeinsam sind und wir über diese unsere Gefühle mitteilen können. Rosenberg selbst sagte sogar einmal „Bedürfnisse sind das Leben, das in uns nach Ausdruck sucht“.

Dazu sind zwei Grundlagen allerdings noch einmal ganz wichtig:
Zum einen müssen wir verstehen, Neigungen, Wünsche und Strategien von „Bedürfnissen“ zu unterscheiden.
Denn zum anderen sind Bedürfnisse auf diese Weise „kleinste gemeinsame“ Bausteine des eigenen Selbstausdrucks.
Diese beiden Säulen sind extrem wichtig, wenn man verstehen möchte, was ich eingangs mit dem „falsch aufgefassten bzw. falsch angewendeten Bedürfnismodell“ meine.

Wenn wir eine Neigung, einen Wunsch oder sogar schon eine Strategie (also eine Herangehensweise) in uns spüren, ist es für die Funktionsfähigkeit des Modells – und um nicht manipulativ zu sein! – von größter Relevanz, herauszufinden, was auf der untersten, echten Bedürfnisebene dahintersteht.
Beispiel in meinem letzten Eintrag (welches ich gerne nutze…) „Kitesurfen“.
Aber es gibt natürlich kein „Bedürfnis nach Kitesurfen“… Jedoch: „Kitesurfen“ erfüllt hingegen eine ganze Gruppe von damit im Zusammenhang stehenden, echten Bedürfnissen², die da z.B. lauten könnten „Bewegung“, „Freiheit“, „Stärke“, „Mut“, „Spontaneität“, „Glück“, „Überraschung“, „Leidenschaft“, „Aktivität“, „Selbstgefühl“, „Wachheit“, „Leichtigkeit“ und „Vergnügen“. Und falls wir es gar mit anderen zusammen betreiben, erfüllt es vielleicht auch noch „Zugehörigkeit“, „Geselligkeit“, „Freundschaft“, „Gemeinschaft“, „Vertrauen“, „Toleranz“, „Verständnis“, „Offenheit“, „Aufgeschlossenheit“, „Bestätigung“, „Begeisterung“, „Unterstützung“ und „Zusammenarbeit“
Wow! Das alles kann „Kitesurfen“ für uns tun???
Genau – richtiger gesagt: Zu all dem kann „Kitesurfen“ bei Dir beitragen. Beziehungsweise noch präziser formuliert: das alles kannst Du für Dich tun, wenn Du mit Deinen Freunden zum Kitesurfen gehst!

Und exakt dies ist der Punkt, warum ich gewissermaßen seit 1997 sauer auf die Autorinnen Dossie Easton und Janet Hardy bin, die in ihrem ansonsten recht brauchbaren Buch über Schlampentum³ erstmals in publikumswirksamen Umfang jenes unglücklich-unsägliche Narrativ verbreiteten, …dass ja zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse niiiiiiemals nur ein einzelner anderer Mensch (wie in der pfuipfui exklusiven Monogamie) ausreichen würde…
Ein Narrativ, welches seitdem in seiner unerträglich stereotyp wiederholten Redundanz daher auch noch in die aktuellsten Werke und Ratgeber rund um das Thema Polyamory Eingang gefunden hat (2022 gerade erst wieder sogar in Jessica Ferns „Polysecure“ ª) – und welches auch in Interviews und Netzvideos allzeit gerne angebracht wird, weil es scheinbar so schön folgerichtig klingt (übernommen u.a. auch von Esther Perel in mehreren ihrer Talks).

„Na gut, Oligotropos…“, könnte man mir ja jetzt entgegen halten. „Es mag ja sein, daß wir uns selbst mit ‚Kitesurfen‘ einige Bedürfnisse aus den Bereichen Individualität und Selbstverwirklichung erfüllen. Aber in der Polyamory geht es ja um Menschen und ihre Beziehungen untereinander. Was ist mit den ganzen von Dir aufgezählten sozialen Bedürfnissen? Dafür brauchen wir doch die anderen Menschen (und Beziehungen) beim Kitesurfen, damit diese unsere von Dir erwähnten Bedürfnissen wie Zugehörigkeit, Geselligkeit, Freundschaft, Gemeinschaft, Vertrauen, Toleranz, Verständnis, Offenheit, Aufgeschlossenheit, Bestätigung, Unterstützung und Zusammenarbeit erfüllen – denn alleine könnten wir das ja wohl nicht…?“

Jein. Womit wir nämlich wiederum bei den Strategien wären. Denn „Kitesurfen“ ist, wie wir ja an der Summe der dadurch bedienten Einzelbedürfnisse sehen können, definitiv eine solche „Strategie“. Wir hätten stattdessen aber auch zu Tanta Erna zum Kaffee fahren können und hätten dort mit ihr Geselligkeit, Gemeinschaft und Bestätigung erfahren können. Oder zu einem Meeting in der örtlichen Bibliothek für Toleranz, Offenheit und Aufgeschlossenheit. Oder auch nur einen Schwatz mit dem Nachbarn halten, um wenigstens Zugehörigkeit in unserem Kietz zu erfahren.
Fun fact: Aus diesem Grund gilt übrigens auch „Sexualität“ (die ja in vielen Diskussionen oftmals als unbedingtes Grundbedürfnis ins Feld geführt wird!) als „Strategie“. Sexualität erfüllt nämlich auch gleich ein ganzes Bündel von Bedürfnissen, die da sein könnten, wie z.B. „Lebendigkeit“, „Nähe“, „Zuneigung“, „Wärme“, „Zärtlichkeit“ sowie „Liebe“. Und da das Stichwort „Grundbedürfnis“ fiel müsste man dort fairerweise von der Basisfunktion her schauen und sagen: „Ok, die dahinterliegenden, ursprünglichen Grundbedürfnisse lauteten originär ‚Reproduktion/ (genetisches) Vermächtnis‘…“.

Um uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen, können wir also verschiedene Strategien wählen, von denen uns sogar mehrere auf unterschiedliche Weise helfen, unser Ziel zu erreichen.
Und auch das ist hinsichtlich des besagten „unglücklich-unsäglichen“ Narrativs von großer Bedeutung.
Rosenberg selbst sagte dazu: „Auch wir selbst wissen nie, was wir genau wollen, bis wir es bekommen.“ Ein höchst wichtiger Satz – denn er ergänzte an anderer Stelle ebenfalls, daß alle übrigen Mitmenschen ansonsten ja „einen magischen Gedankenlese-Rubin in ihrer Stirn benötigten“ um ganz genau zu wissen, was wir bräuchten. Den haben sie aber nicht – und sogar wir selbst müssen das Ergebnis unserer eigenen Wünsche und Strategien ganz genau genommen tatsächlich erst einmal hinsichtlich der Wirkung auf uns selber abwarten(!), um zu erkennen, ob wir sie richtig gewählt haben, wenn sie dann zu unseren Bedürfnissen wirklich beitragen – oder eben nicht.
Genau darum kann niemand anders als wir selbst wählen, ob wir lieber zu Tanta Erna fahren oder mit den Freund*innen zum Kitesurfen – wir wägen ja für uns ab, wo wir die bestmögliche Deckung unseres inneren Bedürfnismixes vermuten – und stürzen uns danach frohgemut ins feucht-windige Abenteuer.
Und nach dem Kitesurfen müssten wir über diese erfolgte oder nicht-erfolgte Bedürfnisabdeckung zur Erfolgskontrolle zurück auf unsere Gefühlsebene: Wie fühle ich mich denn jetzt? Glücklich? Euphorisch? Ärgerlich? Traurig? Oder gar beschämt? Nicht denken! Fühlen!!!

Für Marshall Rosenberg war es daher bedeutsam, Bedürfnisse in Form von Bitten ausdrücken zu können. Er nannte das „auf unsere Bedürfnisse aufmerksam machen“. Und es war ihm außerdem wichtig, daß es in so einem Abgleich normalerweise im Ideal möglich sei, den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht zu werden.
Die größten Pannen identifizierte er deswegen dort, wo es darum geht, wie man von anderen Menschen das empfängt, was den eigenen Bedürfnissen förderlich sein kann. In einem Moment der Bedüftigkeit sei ja oft die subtile Botschaft „Ich leide, weil eines meiner Bedürfnisse nicht erfüllt wird.“ Weil aber niemand anders als nur wir selbst tatsächlich unseren emotionalen Mangel fühlen könnten, würde beim Gegenüber in erster Linie meist lediglich der unwillkürliche Drang ausgelöst „diese Person wieder in Ordnung zu bringen“ – wodurch häufig Mißinterpretationen und Mißverständnissen sowie ungünstigen Strategien des Beitragens Tür und Tor geöffnet wären.

Speziell bei Letzterem sehe ich leider auch regelmäßig in Diskussionen und Unterhaltungen unter polyamoren Personen, wie dieser emotionale Schmerz instrumentalisiert wird, um die anderen Prozeßbeteiligten zum Beitragen zu bewegen. Plötzlich werden aus dem Wunsch nach bestimmten sexuellen Praktiken und sogar aus dem Streben nach Polyamory daselbst ein „Bedürfnis“ formuliert (so wie „Kitesurfen“…) – meist leider mit der Absicht, indem das eigene Ansinnen brechstangenartig als „Bedürfnis“ in der Art eines unveräußerlichen Grundrechts präsentiert wird, die unabdingbare Erfüllungspflicht durch die anderen Parteien einzufordern. Was – wenn man mir bis hierher textlich gefolgt ist – genau eine gewaltsame Umkehr der tatsächlichen Verantwortlichkeit betreffs der Bedürfniserfüllung ist. Es ist aber gleichzeitig auf diese Weise deutlich zu erkennen, was unbewußter, emotionaler Schmerz, der so in eine Beziehung getragen wird, anrichten kann.

Und es gibt noch eine Sache mehr, die das Hardy-Easton-Narrativ auslöst. Ein Phänomen, welches leider sehr in unsere Gegenwart paßt – welches ich aber als Oligotropos, Ersinner der „verbindlich-nachhaltigen Mehrfachbeziehungen“ ebenfalls als bedenklich erachte.
Indem die verantwortungsumkehrende These aufgestellt wird, dass niiiiie nur ein Mensch zur Erfüllung all unserer Bedürfnisse da sein kann, wird indirekt zu dem aufgefordert, was ich seit Eintrag 2 als „Pokémon-Polyamory“ bezeichne: Sich „ein Tierchen für jedes Plaisirchen“ zu suchen, so daß durch das Beitragen der unterschiedlichen Personen ein größtmöglicher Bedürfnismix in uns abgedeckt werden kann.
Dieses Verhalten habe ich auf diesem bLog mehrfach kritisiert, weil ich darin die Gefahr von Utilitarismus (zweckorientierte Nutzethik) und Kompartmentalisierung (Aufspaltung in [genussorientierte] Einzelaspekte) unserer Lieblingsmenschen und Liebsten sehe.

Ich nehme aber noch eine andere Problematik wahr – und diese betrifft genau das oligoamore Nachhaltigkeitskriterium: Es gibt – wie gesehen – kein universelles Menschheitsbedürfnis nach „Kitesurfen“. Genausowenig wie ein universelles Grundbedürfnis „Mit einem Sportwagen durch Paris zu fahren, den Wind im offenen Haar“. Es gibt ebensowenig ein „Bedürfnis nach BDSM“ wie „Den Friedensnobelpreis zu erhalten“. Daher gibt es auch keinen Anspruch auf Erfüllung solcherlei „Bedürfnisse“, schon gar nicht, weil es sonst ja womöglich gar nicht zumutbar wäre, ein brauchbares menschengerechtes Leben zu führen… Denn Bedürfnisse sind (nur) ein lebendiger Ausdruck unserer inneren emotionalen Landschaft, keine Berechtigungsscheine.
Das Narrativ falsch angewendeter Bedürfniserfüllung verführt zu einem extrem konsumorientierten Denken – genau aufgrund der oben dargelegten Verantwortungsumkehr – daß uns dieses Dasein, die Welt im Allgemeinen und speziell all die anderen Menschen (darunter natürlich insbesondere die uns nahestehenden Liebsten!) doch schließlich irgendwie die Verwirklichung dieser Dinge schuldig sind. Daß es demgemäß nur eine Frage des richtig zusammengestellten Bedürfniserfüll-Mixes wäre, daß all diese Möglichkeiten doch in unserer Reichweite lägen…
Pustekuchen.
So ist es nicht. Solch ein Anspruchsdenken ist – wie gezeigt – sowohl von der Ansatzseite der Grundüberlegung her als auch bezüglich der Verantwortungszuordnung verkehrt – und für unseren Planeten genau die Katastrophe, die sich abzuzeichnen begonnen hat.
Es ist nichtsdestoweniger richtig, daß wir alle in unserer Menschenfamilie die gleichen Bedürfnisse haben, ja. Daß wir sie aber immer alle vollständig erfüllt bekommen ist (abgesehen hoffentlich von den Basis-Grundbedürfnissen) so unwahrscheinlich wie unrealistisch – und eben auch in keiner Weise für Mutter Erde machbar.

Um unser aller Wohlergehen halber, um das von uns selbst, von unseren Liebsten und dem ganzen wundervollen Rest – bitte ich darum Euch alle da draußen: Erlaubt Euch, Eure Gefühle zu fühlen. Fühlt sie ganz. Nehmt Eure Bedürfnisse wahr, die daraus entspringen und stellt Euch der Verantwortung, selbst für Euch und diese zu sorgen. Macht auch auf Eure Bedürfnisse aufmerksam – denn nur Ihr seid es, die sie wirklich wahrnehmen könnt, sowohl in Art als auch Ausmaß. Dann tragt wechselseitig zu ihrer Erfüllung bei, mit trial and error – so gut Ihr es vermögt.
Doch bitte wählt Strategien, die nachhaltig sind; nicht die, die ein unstillbares Begehren in ein unendliches Außen projizieren – sondern solche, die auf innerem Wachstum und Verständnis basieren, die die Verbindung zu Euch selbst und zu anderen stärken und ein harmonisches Miteinander hervorbringen. Solche, die darauf abzielen, innere Zufriedenheit und Selbstakzeptanz in Euch zu finden. Wählt Wege, die echte Verbindungen schaffen und – anstatt materielle Bedürfnisse zu befriedigen – die Kommunikation und Empathie in den Mittelpunkt stellen.



¹ Einer der bekanntest Live-Vorträge Marshall Rosenbergs zur „Gewaltfreien Kommunikation“ befindet sich in englischer Sprache auf „Häppchen“ aufgeteilt auf Youtube. Über Bedürfnisse im GFK-System spricht er ab Teil 2.1. – Auszüge verlinke ich hier:
2.1 – Needs Part 1
2.2 – Needs Part 2
3.1 – How to receive
3.2 – What is alive?
4.3 – The urge to fix a person
4.4 – The shift of responsibility
4.5 – How to contribute

Eine kurze Beschreibung des Konzepts der Gewaltfreien Kommunikation ist bereits auf diesem bLog verfügbar in Eintrag 20.

² Eine ausführlichere Listenübersicht mit Gefühlen und Bedürfnissen zur Selbstbeschreibung findet sich z.B. HIER (gfk-plus.net)

³ Schlampentum: Die Queer-Community hat sich das ursprünglich negativ (im Sinne von „unmoralisch“) konnotierte Wort zu Eigen gemacht. Heute steht es als Begriff für Menschen, die nicht in das hetero- und mono-normative, genderstereotype Spektrum fallen, insbesondere promiskuitiv-sexpositive Personen, die autonom über ihre Sexualität bestimmten.
Janet W. W. Hardy & Dossie Easton: The Ethical Slut – a guide to infinite sexual possibilities“, Greenery Press 1997
Deutsch: Schlampen mit Moral: Erweiterte Neuausgabe: Warum es an der Zeit ist, Sex und Liebe neu zu denken – wie Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer gelingen können, mvg-Verlag 2020

ª Jessica Fern: „Polysecure: Attachment, Trauma and Consensual Non-monogamy“, Scribe UK, 2022;
Deutsch: „Polysecure: Bindung, Trauma und konsensuelle Nicht-Monogamie“, divana-Verlag, 2023

Danke an TANYA LAYKO auf Unsplash für das Foto und Mike Oldfield für seinen ikonischen Song „(Never going to get) To France“ (1984)

Eintrag 117

Wie war das mit der Polyamory? – oder –
Warum es die Oligoamory gibt

Am Strand des entlegenen Eilands der Oligoamory sitzend, schaue ich regelmäßig hinaus auf die Gezeiten des weiten Beziehungsozeans, der die zahlreichen Inseln des vielgestaltigen Archipels der Polyamory umspült. In letzter Zeit hat der Bootsverkehr dort draußen tatsächlich ein wenig zugenommen – wobei ich nun immer wieder Flöße, Kanus und ganze Schiffe entdecke, die unter ihrem Namensschild die Kennung „CNM“ oder auch „ENM“ tragen. Es dauerte eine kleine Weile, bis ich herausfand, daß diese Kürzel, die ja meist angeben, wo das entsprechende Fahrzeug registiert ist – quasi „unter welcher Flagge“ es unterwegs ist – für „konsensuelle Nicht-Monogamie“ (aus dem Englischen: „Consensual Non-Monogamy“) und sogar für „Ethische Nicht-Monogamie“ stehen.
„Aha“, überlege ich, da ist eine Entwicklung im Gange – weitere Gäste im Archipel!“
Neugierig wie ich bin – und auf meinem Eiland mit ein wenig Muße gesegnet – beobachte ich die bunte Schar der Neuankömmlinge mit gewohntem Forscherdrang. Wobei mir nach einiger Zeit Muster aufzufallen beginnen, bei denen ich mich frage, ob die Besatzungen der entsprechenden Schifflein wirklich einen bewußten Kurs hier in die Gewässer der Polyamory eingeschlagen haben – oder was der eigentliche Grund ihres Hierseins sein könnte. Denn an ihren Schiffsbewegungen ist manches so eigentümlich, daß zwar noch erkennbar ist, daß es an Bord wohl noch mehr oder weniger eindeutig um eine Form „offener Beziehung“ geht, es jedoch mit dem Konsensuellen oder gar Ethischen allerdings – zumindest von meiner Beobachterposition aus – deutlich unklarer bestellt zu sein scheint.
Eine Weile denke ich noch: „Hey, es sind moderne Zeiten, das sind junge Leute mitten im Leben, es ist doch verständlich, daß sie auf ihre Weise die polyamoren Wellen reiten müssen. – habe ich doch selber oft genug in diesem bLog-Buch geschrieben, daß Mehrfachbeziehungen doch auch zum eigenen Alltag passen sollen…

Doch dann wiederum, als es da draußen schließlich vorhersehbar zu den ersten Beinahe-Karambolagen und Verletzten kommt, bin ich tatsächlich versucht, ein Leuchtfeuer zu entzünden, aus einigen Kanistern vielleicht wenigstens ein paar Bojen zu improvisieren, um den Leutchen da draußen zumindest einen Anhaltspunkt zu geben, wie sie besser ihren Kurs halten könnten. Und dann fällt mir ein, daß ich ja selbst kaum über irgendwelche maritime Ausbildung verfüge und in erster Linie Forscher und Beobachter sein wollte, wodurch ich auf das beschränkt bin, was ich seit über sechs Jahren mit einigermaßener Hartnäckigkeit tue: Auf das Eiland der Oligoamory aufmerksam machen und Flaschenposts mit Einträgen dieses bLog-Buchs dem Meer anzuvertrauen.
Nun, so sei es.

Zwei Fahrstile, die ich zunehmend beobachte – und warum ich sie für einen ungünstigen Kurs halte:

1) „Serielle Polyamory“
Das Phänomen der seriellen Polyamory wird schon von E. Rickert und F. Veaux 2014 in ihrem Polyamory-Buch „More than Two“ ¹ beschrieben. Eigentlich hören sich schon die beiden Begriffe im Zusammenhang paradox an. Seriell Beziehungen führen könnte man doch auch in einem monogamen Modell? Bzw. noch besser: Das ist doch quasi monogam – oder? Jein. Rickert und Veaux weisen auf diese Art nicht-monogamer Beziehungsführung u.a. in dem Kapitel hin, in dem sie über das Ende von Beziehungen sprechen. Was ja auch bei Mehrfachbeziehungen der Fall sein kann, da alle Dinge im Leben eben endlich sind.
Die persönliche Identifikation mit einer Lebensweise ethischer Mehrfachbeziehungen ermöglicht dadurch aber nun tatsächlich eine Vorgehehensweise, die es ja theroretisch gestatten würde, daß alle jemals eingegangenen romantischen Beziehungen nebeneinander weiterbestehen dürften (im Gegensatz zur „seriellen Monogamie“, die quasi eine Kette von nach und nach „aneinandergereihten“ Einzelbeziehungen darstellen würde).
Doch auf diese Weise wäre es leider auch möglich, sich nie wirklich mit dem Enden einer einmal eingegangenen Beziehung auseinanderzusetzen!
Solch ein „Drumherumkommen“ wird für das eigene Gewissen zusätzlich oft durch die Verquickung mit dem von mir so oft kritisierten, falsch angewendeten „Bedürfnismodell“ gerechtfertigt und für das eigene Gewissen erleichtert: Da Partner*innenmenschen zur Erfüllung verschiedener Bedürfnisse aufgenommen werden (…weil ja niiiiiiie nur ein Mensch alle eigenen Bedürfnisse erfüllen kann… [meine Kritik an diesem System zieht sich durch diesen gesamten bLog!]), weiß man ja nicht, wann einen vielleicht wieder die Sehnsucht nach Ostafrikareisen, Kitesurfen, Fusion-Küche oder BDSM packt – also, selbst wenn das eigene Interesse gegenwärtig an einem dieser Schwerpunkte (und der anhängigen Partner*innenperson, mit der man dieser Sache nachging) gerade nachläßt: Ab auf’s Regal damit, falls einen irgendwann im Leben doch einmal wieder das „Bedürfnis“ danach überfällt – da wäre es ja schön blöd, den ensprechenden Menschen völlig aus dem Leben zu verbannen. „Wir bleiben in Verbindung, sind ja in polyamorer Beziehung, gerade vertiefe ich aber die Beziehung mit XYZ (hier bitte aktuelles Interesse und zugehörige Erfüllungsgehilf*in einsetzen), so cool, daß du weiter zum Kreis meiner Lieblingsmenschen zählst, weiß du , nicht wahr…?“ heißt es dann am Ende – welches auf diese Weise, geschickt ausgespielt, kein eindeutiges Ende ist – obwohl es das faktisch höchstwahrscheinlich doch ist.
Um Augenhöhe und Respekt gegenüber der Partner*innenperson, die auf solche Weise „ins Regal“ gewandert ist, kann man sich so geschickt herumlavieren – und auch – was für die Psyche der beteiligten Personen noch viel bedeutsamer ist – um den ach so lästigen Trauerprozess, wenn Zeiten, Dinge und Gemeinsamkeiten einmal enden.
Apropos „Regal“… Dieses Phänomen hat ja mittlerweile längst einen Namen, der für ein bestimmtes Datingverhalten in der Monogamie ironisch zweckentfremdet wurde: „Benching“ heißt es neudeutsch (von Englisch „bench“ = Bank / Sims) und steht für soviel wie „auf die Bank verschieben“ / „warm halten“ (die Metapher stammt ursprünglich aus dem Sportbereich). Denn ehrlicherweise ist es genau das. „Drum‘ prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Bess’res findet“ sagt das Sprichwort – und „Benching“ ist schlicht die Taktik, eine (bloß) einigermaßen interessante Person „auf der Ersatzbank“ bzw. „im Regal“ zu deponieren (und sie dort „in Reserve“ zu halten), um hoffnungsvoll zugleich nach etwas noch Kompatiblerem weiterzusuchen. Serielle Polyamory ist exakt das gleiche Vorgehen, übersetzt in die Welt der nicht ganz so ethischen Mehrfachbeziehungen; dort, wo die „vielen Lieben“ niemals enden müssen…

2) „Parallele Polyamory“
Noch häufiger als die Boote, die auf dem seriellen Kurs fahren, begegnen mir in letzter Zeit verstärkt solche auf Parallelkurs. Auch dort erlebe ich zur Rechtfertigung immer wieder das oben erwähnte „(Pseudo)Bedürfnismodell“: „Warum Fritzi mit zum Kitesurfen nehmen, wenn Fritzi Kitesurfen nicht mag? Da gehe ich mit Skylar hin, habe eine gute Zeit – und Fritzi darf sich in der Zeit anderen Dingen widmen – ist doch quasi win-win-win…“
Dabei bleibt es allerdings nicht:
„Und Fritzi quatscht mir und Skylar auf diese Weise nicht in unser Kitesurfen rein – und wenn ich mit Fritzi im Modellbahnkeller abhänge, dann weiß Skylar, daß mal ein paar Stunden Funkstille ist, weil sie*ihn das ja auch nicht wirklich was angeht, was wir da tun.“
Nachgefragt heißt es dann „Also wenn sich Skylar echt versuchen würde, sich irgendwie während der Modellbahnzeit aufzudrängen, dann wäre das schon ’nen Hinweis auf ’ne Art eifersüchtiges Machtspielchen..“ „Ja, voll bedürftig und ’nen Hauch koabhängig…“
Aber kein Problem – auch das kann Parallel-Polyamory regeln: Um so etwas Unnötiges im Keim zu verhindern, brauchen sich die betroffenen Leutchen ja nicht einmal zu kennen! Flugs auf der Wikipedia-Seite zu Polyamory nachgeschaut, ob man damit noch im „grünen Bereich“ wäre…: Cool ja, da steht bloß was von „einvernehmlich“ (also „konsensuell“) und etwas von „transparent“ (also „klar, offen, nachvollziehbar“).
Klasse, also alles richtig gemacht: Ich hatte mich damals mit Skylar geeinigt, daß wir unsere Beziehung für weitere romantische Partner*innenschaften öffnen wollen (✔️Check: konsensuell!)
UND als ich die Liebesbeziehung zu Fritzi aufgenommen habe, habe ich sowohl Skylar darüber informiert, daß ich jetzt noch mit Fritzi eine romantische Beziehung führe – und natürlich habe ich Fritzi schon beim Verlieben gleich darüber ins Bild gesetzt, daß es in meinem Leben schon eine romantische Beziehung mit Skylar gibt (✔️Check: transparent!).

Tatsächlich wurde mir sogar neulich von einem der Boote, welches einem Riff an der Küste des oligoamoren Eilands gefährlich nahekam – und dessen Besatzung ich dringlich nahelegte, daß doch um Himmels Willen für eine bessere Verständigung alle Besatzungsmitglieder einander unbedingt kennenlernen sollten – zurückgebrüllt: „Wo steht das, daß sich alle kennen müssen? Gar nichts steht da…!“
Und, verflixt und zugenäht: Recht hatten sie, während sie in den stürmischer werdenden Wind drehten – und ich stand am Strand, rang die Hände, die bestätigenden Fakten auf dem regennassen Tablet studierend – und sogar verzweifelt noch Morning Glory Zell-Ravenhearts polyamores Erstlings-Manifest „A Bouquet of Lovers“ ª von 1990 aufrufend, wo – wie konnte das wahr sein??? – auch nichts davon stand…

Ich musste erst mit einem heißen Earl Grey in der Hand und einem Handtuch um die Schultern (und im Kreis meiner Lieben) wieder in meiner Biosphäre sitzen, bevor ich meine Gedanken sortieren konnte.
Denn natürlich stand da nichts davon.
Weil Morning Glory und Oberon Raven-Zell es nicht als notwendig erachtet hätten, dazu ein Wort zu verlieren.
Denn sie waren Zeit ihres Lebens von Gemeinschaft, von ihren Lieblingsmenschen, umgeben. Alles, was sie dachten, taten und umsetzten, geschah vor einem Kontext von Zugehörigkeit und Gemeinschaftlichkeit, der für sie bereits viel weiter zurückreichte, als das Konzept der Polyamory selbst.

Seit meinem 26. Eintrag beklage ich mit der Anthropologin Jean Liedloff² und dem Erziehungswissenschaftler Daniel Hess³ die moderne „Trennungsrealität“ unserer westlichen Industriegesellschaft. Worin wir unser eigentlich gesamtheitlich angelegtes Dasein „kompartmentalisieren“, d.h. in Einzelaspekte auftrennen, um diese für uns im Alltag besser beherrschbar zu halten. Doch schon in Eintrag 6 versuche ich mit einer sinnbildlichen Geschichte darzulegen, daß wir im Reich romantischer Liebesbeziehungen dahingehend immer wieder an jene Grenze des ursprünglichen „Kontinuums“ stoßen, die deutlich macht, daß es Aspekte des Menschseins gibt, die sich einem solchen „Splitting“ einfach nicht ohne Weiteres unterwerfen lassen.
Morning Glory und Oberon Raven-Zell war das sehr bewußt. Morning Glory hatte dies in ihren spirituellen, neopaganen Ritualzirkeln erfahren, Oberon über die Bücher des Science-Fiction-Autors Robert Heinlein (dazu insbesondere mein Eintrag 49 zur „Geschichte der Polyamory“): Menschen in Beziehung sind eben keine Inseln mehr oder Soloinstrumente. Sie vereinen sich zu einem Zusammenklang, wodurch sie einen Schritt von ihrer Individualität zurücktreten, um gemeinschaftlich etwas zu wirken, was schließlich mehr als die Summe der beigetragenen Teile ergibt.
Für Morning Glory kam diese Erfahrung aus ihren Hexenzirkeln, wo mittels der Gruppenenergie unter den Worten „Vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen“ buchstäblich die (bestehende) Wirklichkeit verändert werden konnte (und sei es ganz praktisch bei Aktionen für die Freiheit der Frau oder der Blockade einer Atomanlage).
Für Oberon waren es die einleuchtenden Schilderungen Heinleins, wie Lebewesen unter widrigen Umweltbedingungen Lapalien wie ethnische Herkunft, begütertes Aufwachsen oder Bildungsgrad beiseite schoben, um angesichts von Mangel und Hindernissen zusammenzuwachsen, Zugehörigkeit zu entwickeln und erstaunlichen Mehrwert zu generieren.
Als er und Morning Glory schließlich 1962 ihre erste eigene Gruppenform mit der Church of All Worlds (Kirche aller Welten) gründeten, übernahmen sie darum sogar einige von Heinleins Formulierungen aus dessen Roman Fremder in einer fremden Welt (1961): Die „Wassergeschwisterschaft“ (eine Wahl von quasifamiliären Zugehörigen mit denen man buchstäblich lebensnotwendige Grundlagen teilt) z.B. – und die „Nester“ als Oberbegriff für die sich ausbildenden Gruppenstrukturen. Wobei wir in Deutschland speziell dort genau hinsehen müssen, denn „Nest“ assoziiert hierzulande hauptsächlich ein einigermaßen gesichertes und gemütliches Gebilde worin sich einige niedliche Küken befinden. Das tut es zwar im englischsprachigen Raum auch – geht mit der Verbform „to nest / being nested“ noch deutlich darüber hinaus, da dies soviel bedeutet wie „verwoben/verflochten“.
Womit sich für mich der Bogen schließt, daß wir in romantischen Liebesbeziehungen unsere Leben miteinander verbinden und verflechten. Um wieviel mehr gilt dies also hinsichtlich Oligo- und Polyamory, den wirklich „ethischen“ Mehrfachbeziehungen, wenn sie diesen Namen verdienen?

Als Morning Glory Zell-Ravenheart (dazu auch Eintrag 113) daher schließlich erstmals das Wort „polyamor“ für Mehrfachbeziehungskontexte verwendete, war das „Verbundensein“, die Zugehörigkeit und das „einander Kennen“ bereits ein inhärentes Merkmal. Denn die Polyamory sollte gerade für solche Fälle – wie ich es auf diesem bLog schon einmal nannte – eine „Möglichmachung“ sein, wenn in Zirkeln, Kreisen, Gruppen oder „Nestern“ – in denen sich ja alle Beteiligten nichtsdestoweniger bereits kannten und gemeinschaftlich agierten – Liebesbeziehungen zwischen „mehr als nur zwei“ Teilnehmer*innen zu knospen begannen (oder zwischen mehr als denen, die rechtlich legitimiert vielleicht schon verbunden waren).
„Einander kennen“ oder „Kennenlernen“ ist – und war schon immer – damit in meiner Lesart und nach meinem Verständnis ein weiterer Grundpfeiler der Polyamory, der dicht vor allem neben denen der erwähnten Transparenz, der Einvernehmlichkeit und damit auch der Aufrichtigkeit steht.

Parallelität ist für mich daher ein unglückliches Substitut: einerseits ein Preisgeben an das Verhängnis unserer (Trennungs)Gegenwart – aber andererseits auch oft ein unbewußtes Bequemmachen gegenüber der Aufforderung zur Arbeit an unserem Selbstkonzept, welche gemäß Morning Glory und Oberon Zell-Ravenheart mittels der Selbst-Aktualisierung nach Abraham Maslow ebenfalls eigentlich Teil der Polyamory werden sollte.
Gleichwürdigkeit, Augenhöhe, Toleranz, Empathie und Solidarität? Polyamore Tugenden die sowohl für unsere Partner*innenmenschen gelten sollten – als auch auf uns, als Teil der gleichen (Mehrfach)Beziehung, von diesen zurückwirken, auf daß alle Beteiligten davon profitieren.
Ursprünglich in das Polyamory-Gebäude eingezogen als Werte der humanistischen Psychologie mit der Erkenntnis, daß beim Streben nach dem idealen Selbst jede*r Hilfe benötigt, um sein volles Potential auszuschöpfen (Carl Rogers: „On Becoming a Person“, 1961).

Genau diese Hilfe sind unsere Liebsten, die aus uns das Beste, was wir zu geben haben herausholen.
Denn nur gemeinsam wachsen wir über uns hinaus und schaffen für uns alle eine Welt voller Liebe und Verständnis.



¹ Eve Rickert und Franklin Veaux: „More Than Two: A Practical Guide to Ethical Polyamory“, Thorntree-Press 2014

² Jean Liedloff: „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit “, C.H. Beck, 2005

³ Daniel Hess: „Glücksschule – Glücklich leben & freudvoll lernen“, Novum Verlag, 2014

ª Der Text des Bouquet of Lovers“ ist hier leider nur in englischer Sprache verfügbar.

Danke an Eila, Rosalie und Stefan für die Inspiration – sowie Elsemargriet auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 116

Leistung und Teilhabe

Vor über 5 Jahren, im November 2019, schrieb ich meinen 33. Eintrag in dieses bLog-Buch, worin es um die „Einschließlichkeit“ von ethischen Mehrfachbeziehungen ging.
Zu der Zeit war noch Frau Angela Merkel (CDU) deutsche Kanzlerin, sie hatte mit der CSU und der SPD eine sogenante „Große Koalition“ gebildet; die AfD war erstmals mit einem Kontingent von 12,6% Teil des Bundestages geworden.
Daher ging es in dem erwähnten Eintrag auch um Politik, gerade weil diese damals als äußerst passendes Beispiel für die Grenzen des „Willens zur Einschließlichkeit“ dienen konnte… Doch heute, 5 Jahre und eine Pandemie später, möchte ich beinahe sagen: »Wenn ich geahnt hätte, was noch kommen würde…« (und ich hoffe so sehr, daß ich dies in weiteren 5 Jahren nicht nochmals bekräftigen muß).

Denn eigentlich habe ich gar nicht so viel Lust, erneut politisch zu werden, da es auf diesem bLog doch um (mehrfache) Liebesbeziehungen gehen sollte; aber auch unsere Liebesbeziehungen existieren eben nun einmal nicht im luftleeren Raum, sondern sie sind Teil dieser Welt, womit, wie schon verschiedentlich auf diesem bLog zuvor, noch einmal das geflügelte Zitat der feministischen Theoretikerin Carol Hanisch gilt „daß das Private politisch und das Politische privat“ sei. Die Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und politischen Strukturen läßt sich eben doch nicht von der Hand weisen – bzw. genauer: daß die politischen Strukturen die Kraft besitzen, unsere persönlichen Erfahrungen zu beeinflussen.

Der gute Scott Peck, der „Vater der Gemeinschaftsbildung(sprozesse)“, hatte dies auf nahezu prophetische Weise bereits in den späten 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erkannt. Vor allem in seinen beiden wegbereitenden Büchern, die später für zahlreiche Kleingemeinschaften, Kommunen und Ökodörfer grundlegende Literatur wurden, namentlich „The Road less traveled“ von 1978 (deutsch „Der wunderbare Weg“)„ und insbesondere „The Different Drum“ von 1987 (deutsch: „Gemeinschaftsbildung“ )¹ hatte er die „Einschließlichkeitsfrage“, also die Frage nach Inklusivität, eindrücklich folgendermaßen formuliert:
„Gibt es einen Grund, warum jemand nicht teilhaben sollte?“

Diese Formulierung zur Einschließlichkeit war und ist gewissermaßen „revolutionär“, weil es die Begründungslast umkehrt, denn die nicht-einschließliche Form der Frage lautet doch normalerweise ganz überwiegend: „Aus welchem Grund sollte jemand teilhaben dürfen ?“.
Womit ich in der Jetztzeit angekommen bin, in der es mir um die Einschließlichkeit nochmals deutlich schlechter bestellt zu sein scheint, als 5 Jahre zuvor.

Nach wie vor lese ich in vielen Foren, in denen polyamore Menschen diskutieren, Klagen, warum wir mit unserer Lebensweise und Beziehungsphilosophie nach wie vor auf so große Widerstände treffen würden. Häufig wird obendrein bedauert, wie sehr die Monogamie noch immer als erstrebenswerter Normal- und Idealzustand des Beziehungslebens angesehen wäre – bis zu dem Punkt, daß auch in Bestandspartnerschaften so gar nicht daran zu rütteln sei.
Dann seufze ich oft innerlich und denke, daß es genau genommen leider nicht nur eine Kommunikations- oder Abmachungsproblematik der davon betroffenen „Beziehungsinsassen“ ist, sondern daß, damit sich an dieser Sichtweise wirklich maßgeblich etwas ändern könnte, wir leider auch unsere mentale Verflochtenheit mit unserer Wirtschaftsweise und unserem Gesellschaftsmodell in der westlichen Welt dafür überdenken müssten. Ja, auch ganz persönlich.

Denn der allgemeine Trend neigt sich derzeit zunehmend eher zur „Nicht-Einschließlichkeit“. Oder bestenfalls zur „bedingten Einschließlichkeit“.
Und das ist, freundlich gesagt, irgendwie schräg – und schlimmstenfalls besorgniserregend – denn eigentlich ist Homo sapiens, also wir alle, sowohl genetisch als auch epigenetisch (also von unserer Prägung her, die wiederum unsere Gene beeinflußt) auf Zugehörigkeit und Gemeinschaft gepolt.
Stefan Fritze, Oberarzt vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim betont sogar in einem diesjährigen Tagesschau-Artikel zum „Weltfreundschaftstag 2025“²: »In prähistorischen Zeiten war es kaum möglich, ohne enge Kontakte zu überleben. Kurzzeitige Einsamkeit (als Stress) scheint also ein Warnsignal des Körpers zu sein, etwas zu verändern.«

Um allerdings zugehörig zu werden, an Gemeinschaft teilhaben zu dürfen, drängt sich mittlerweile nichtsdestoweniger zunehmend ein „Leistungsanteil“ mit in die Gleichung, der gewissermaßen eine Antwort auf die nicht-integrative Form der Fragestellung nach Einschließlichkeit liefern soll:
„Warum sollte jemand teilhaben dürfen ?“ „Weil er*sie*es etwas beiträgt!“
Und dieses Prinzip wirkt von der ganz großen Zugehörigkeit unseres Staates und unserer Wirtschaftsgemeinschaft bis hin zu den kleinsten privaten Einheiten – unseren (romantischen) Beziehungen, speziell wenn diesen noch dazu erst ein ganz buchstäblicher Mini-Gesellschaftsvertrag zugrunde liegt, z.B. eine Ehe (seit 2017 als „Ehe für alle“ auch für gleichgeschlechtliche Paare).

In der Zeitschrift Max-Planck-Forschung (Ausgabe 2|2025) formuliert der Wissenschaftsjournalist Tobias Beuchert (anläßlich der Buchvorstellung von Petra Pinzlers aktueller politischer Bestandsaufnahme „Hat das Zukunft oder kann das weg?“, campus 2025), daß „jede (politische) Maßnahme eine soziale Komponente hätte, von Menschen getragen werden müsse.“ Diese soziale Komponente hat allerdings auch eine Rückwirkung, in dem wir „Betroffene“ uns dementsprechend dann am entsprechenden größeren Kontext orientieren:
Schließen sich, wie nun gerade, z.B. in Europa immer mehr Türen für Neuankömmlinge, werden die Barrieren für Grenzübertritte von Waren, Dienstleistungen und Personen immer mehr erhöht – und wird zugleich von Neuankömmlingen wie Alteingesessenen ein immer höherer Leistungsanteil verlangt, um am großen Ganzen weiterhin vollumfänglich teilhaben zu dürfen, dann hat das Auswirkungen auf unsere Sicht auf die Welt – und damit eben auch auf unsere privaten Verhältnisse.
Denn wir erleben es in unserem Alltag, das „Außen“ macht es vor. Die Antwort auf die Frage danach, wie und warum jemand dazukommen und mitmachen dürfte, lautet immer häufiger: „Erst Leistung, dann Teilhabe!“.
Selbst unsere romantischen Beziehungen unterwerfen wir dadurch nach und nach einem solchen Diktat, indem auch „Liebe“ oder „Beziehungen“ immer weiter im Sinne von Fortschritt, Erfolg und Zugewinn gedacht werden müssen, ein Prinzip, welches Eve Rickert und Franklin Veaux in ihrem Polyamorie-Buch „More Than Two“ von 2014³ die „soziale Rolltreppe“ nannten – auf der es auch immer nur vor- und vor allem aufwärts gehen soll.
Und das ist ein zunehmend kritischer Zustand, denn Scott Pecks ursprünglich integrative, gemeinschaftsfördernde Frage, warum denn jemand NICHT mitmachen sollte, wird auf diese Weise mehr und mehr als Zumutung empfunden: „Wie jetzt? Einfach so?“

Der erwähnte Journalist Tobias Beuchert verwendet in seiner Rezension angesichts solcher anwachsenden sowohl gesamtgesellschaftlichen wie auch privaten Reserviertheit ein maritimes Bild, indem er sagt: „Trotzdem hat schon Schiffe gegeben, die mutig, hoffnungsvoll und voller Ideen in wilde Gewässer aufgebrochen und ans Ziel gelangt sind. Vielleicht lag es auch daran, dass es an Bord gerecht zuging, alle Verantwortung übernahmen und sich bei Entscheidungen mit eingebunden fühlten.“
Demnach fehlt es uns im Moment offensichtlich oft an Mut, an Hoffnung und Ideen. Wir haben genau nicht den Eindruck, daß uns individuell Verantwortung zugetraut wird, sondern fühlen uns häufig bevormundet. Und wir erleben uns dadurch nicht als eingebunden – womit sich die Schlange in den Schwanz beißt, denn für das Erlebnis von Eingebundenheit sollen wir ja erst einmal etwas leisten…

Gemäß dieser Gesetzmäßigkeit beginnen unsere Datingprofile immer mehr wie „Bestelllisten“ auszusehen. Der Raum, den andere Menschen in unseren Herzen noch einnehmen könnten ist nach und nach immer enger umgrenzt – und auf jeden Fall deutlich definiert.
Und das betrifft auch unsere bereits eingegangenen Beziehungen – die Frage nach dem jeweiligen Beitrag, nach dem insgesamten Nutzen drängt sich zunehmend laut in den Vordergrund, wird zum Maßstab der „Güte“ der „Qualität“ der zugrundeliegenden Beziehung – und zu einer kaum noch verstummenden Quelle für Vergleichs- und Konkurrenzgedanken.

Was der Qualität unserer Beziehungen nach außen wie nach innen natürlich extrem abträglich ist, weil wir durch die Verschiebung der Legitimierung der Zugehörigkeit auf die Leistungsebene die tatsächliche Bedeutsamkeit der zwischenmenschlichen Verbindung für uns verlieren.
Und bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte hier ebenfalls nicht für Beliebigkeit eintreten. Ich persönlich glaube ganz und gar nicht, daß wir individuell mit jedweder Person eine Beziehung eingehen können, insbesondere eine freundschaftliche oder gar romantische (sonst wäre ich wohl auch nicht Mr. Oligoamory, der hier mit zahlreichen Worten für „[Liebes]Beziehungen mit Wenigen“ plädiert…). Worauf ich hinauswill sind die berühmten „Bedeutsamen (persönlichen) Beziehungen“ über die ich schon einen Dreiteiler auf diesem bLog geschrieben habe ( 1 | 2 | 3 ).

Noch einmal Stefan Fritze vom Zentralinstitut für seelische gesundheit, Mannheim: »Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Tiefe der Verbindungen. Im Kern basiert Einsamkeit auf einem Mangel bedeutungsvoller sozialer Beziehungen. Authentische Freundschaften hingegen, die auf Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitigem Interesse basieren, können diesen Mangel ausgleichen und wie ein emotionales Schutznetz wirken.«
In dem entprechenden Interview konkretisiert er zudem, daß der Wert dieser Beziehungen speziell in solchen Aspekten begründet ist, die nicht nach Leistungsmaßstäben quantifizierbar sind: »Qualitativ hochwertige Freundschaften sind charakterisiert durch prosoziale Verhaltensweisen. Also so Dinge wie Zuspruch, Unterstützung in schwierigen Phasen, Verlässlichkeit, emotionale Nähe und Loyalität.«²

Was können wir also tun? Speziell in Zeiten, in denen das politische „Draußen“ Teilhabe auf so unheilvolle Weise immer stärker mit Leistung verknüpfen möchte, wodurch es für uns selbst im Privaten immer schwieriger wird ausreichend offen zu bleiben – und so auch unseren Lieblingsmenschen zu begegnen, also mit einer oligoamoren Anti-Leistungsgerechtigkeitshaltung von Solidarität, Gleichberechtigung und Wertschätzung?

Neulich begegnete mir in den sozialen Netzwerken dazu ein genialer Text der Autorin und Yogini Moksha Devi (Verena Maria Rottmar), der mir darauf eine erste Antwort zu geben scheint, wie wir möglicherweise einen Weg vom derzeitigen „schroffen Individualismus“, wie Scott Peck es genannt hatte, zu einem „sanfteren Individualismus“ zurückfinden können – und den ich heute, zum Ende dieses Eintrags, mit Euch teilen möchte:

Wir leben in einer Ära der Rückzüge.
Nicht aus Ruhe – sondern aus Vorsicht.
Nicht aus Klarheit, sondern aus Angst, irgendwo zu viel zu werden, zu wenig zu sein, oder zu nah an etwas, das Veränderung bringen könnte.
Das Nein hat Konjunktur.
Nicht das sanfte, ehrliche, tastende Nein. Nicht das Nein, dass gerade lebensnotwendig ist, und gesund.
Sondern das reflexartige. Das, das gar nichts mehr wissen will.
Kein Gespräch. Keine Begegnung. Keine Abweichung vom eigenen Kurs, so eng der auch gezogen wurde.
„Das ist nicht mein Weg.“
„Ich fühl‘ da keinen Impuls.“
„Danke, aber nein.“
Und das darf sein. Natürlich darf es sein.
Aber manchmal – ist dieses Nein ein Schutzschild gegen Nähe, gegen das Risiko, mit jemandem gemeinsam neue Wege zu entdecken und sich überraschen zu lassen.
Menschen, die sich trauen, Brücken zu bauen, kennen dieses Gefühl:
Du reichst etwas hin, nicht um jemanden zu verbiegen, sondern um ihn einzuladen.
Ein gemeinsames Erleben.
Ein Gespräch.
Ein Abend voller Vielleicht.
Eine Erfahrung, die keine Sicherheit verspricht.
Eine Meinung, die nicht in Stein gemeißelt ist.
Und stattdessen kommt das klare, undurchlässige, kalte Nein, oder die passiv-aggressive Erläuterung, die dich hinters Lichtführen möchte.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus einer seltsamen Logik: „Ich muss mich schützen.“
Und versteht mich nicht falsch… oft ist das auch dran!
Aber manchmal – vergessen wir dabei, dass echte Verbindung nicht von allein passiert.
Sie passiert, wenn jemand einen Schritt tut, auch wenn der Boden noch wackelt.
Wenn jemand sagt:
„Ich versteh’s nicht ganz. Aber ich komm mit.“
„Ich will mich dem nicht verschließen, gib mir noch etwas Zeit.“
Die Welt wird nicht reicher, wenn alle nur noch das tun, was sie eh schon kennen.
Sie wird reicher, wenn Menschen sich überraschen lassen vom Leben eines anderen.
Nicht, um sich zu verlieren – sondern um sich tiefer zu erinnern, wer sie noch sein könnten.
Und manchmal ist das größte Geschenk:
Ein kleines, zögerndes Ja.
Juhuuu….
Und dann, verschieben sich Grenzen – Brücken entstehen.
Im Kleinen.
Im Menschlichen.
Im Mut, nicht alles gleich wegzuwischen, was nicht 100 % passt.
Denn manchmal liegt das Wunder nicht im perfekten Match,
sondern in der Bereitschaft,
trotzdem da zu sein.


¹ Scott Peck, „Der wunderbare Weg: Eine neue spirituelle Psychologie – Vorwort von Thorwald Dethlefsen“; Goldmann Verlag 2004 und „Gemeinschaftsbildung: Der Weg zu authentischer Gemeinschaft“, Eurotopia Verlag 2017

² Der komplette Beitrag zum Weltfreundschaftstag 2025 ist im Tagesschau-Archiv HIER zu finden.

³ Eve Rickert und Franklin Veaux: „More Than Two: A Practical Guide to Ethical Polyamory“, Thorntree-Press 2014

Dank an Markus Spiske auf Unsplash für das Foto!

Und vor allem Dank an Moksha Devi (Verena Maria Rottmar) und ihre höchstpersönliche Erlaubnis, ihren berührenden Text „Wir leben in einer Ära der Rückzüge“ (Fundort FB-Auftritt) zu verwenden.
Sämtliche Rechte verbleiben bei der Autorin!

Eintrag 115

Sehnsuchtsvoll

Neulich schrieb mir jemand, daß „…über Sehnsucht in der Polyamorie viel zu wenig gesprochen würde“. Das finde ich tatsächlich auch – und möchte diesem gefühlsmäßigen Zustand daher in diesem Monat meinen bLog-Eintrag widmen.
„Gefühlsmäßiger Zustand“ sage ich – und bekenne damit sogleich, daß es sich bei unserer „Sehnsucht“ um eine dieser berühmten „Curry-Mischungen“, also einem „Mehrkomponenten-Gefühl“, handelt, wie ich es z.B. für die nicht nur wortmäßig verwandte Eifersucht, sondern auch den Neid in dem dort dazugehörigen Eintrag vor einigen Jahren bereits einmal formuliert hatte.
Denn auch in der Sehnsucht gibt es nicht bloß eine hauptsächlich vorherrschende Emotion, sondern sie besteht je nach Anlaß individuell zu verschiedenen Anteilen aus Empfindungen von u.a. Wehmut, Verlangen, Trauer, Hoffnung, Zugeneigtheit, Entsagung und sogar Schmerz, fein abgeschmeckt mit persönlichen Wünschen, Träumen und Projektionen.

Warum ist es bedeutsam, sich beim Thema ethischer Mehrfachbeziehungen auch mit Sehnsucht zu beschäftigen?
Nun, die vorhergehende Aufzählung betrachtend, fallen fast sämtliche ihrer Komponenten – oder ganz genau genommen sogar eigentlich alle – in das große, weite Kontextfeld romantischer Liebe. Mit der wichtigen Einschränkung allerdings, daß Sehnsucht, explizit betrachtet, sehr häufig eine Art „Meta-Stadium“ abbildet, da sie selbst nicht unbedingt einer echten, aktuell existierenden zwischenmenschlichen Verbindung bedarf – und dadurch gewissermaßen auch „einseitig“ auftritt, wie es ebenso z.B. bei Verliebtheit, Begehren, Trauer oder Neid der Fall sein kann.

Wir müssen also ein bißchen sortieren, wenn wir uns der Rolle von Sehnsucht in oligo- oder polyamoren Belangen annähern wollen – und das ist gar nicht so leicht, denn u.a. von Seiten der Wissenschaft gibt es spannenderweise bislang nur ganz wenige Versuche einer Annäherung überhaupt. Und das, obwohl Menschen weltweit Sehnsucht nach Personen, Orten, Dingen, ja, sogar Zeitabschnitten und Begleitumständen empfinden können.

Als ein wichtiges Merkmal der Sehnsucht bezeichnete zumindest Paul B. Baltes, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin², beispielsweise deren Phänomen der „Dreizeitigkeit“.
Was ist damit gemeint? Nun, nichts weniger, als daß wir Sehnsucht nach etwas Verlorenem aus der Vergangenheit, etwas Beständigem aus der Gegenwart oder auch nach etwas noch nicht Erfülltem in der Zukunft empfinden können. Ich kann also einem Polykül nachtrauern, von dem ich einst Teil war (Vergangenheit), könnte meine derzeitigen romantischen Partner*innen vermissen, weil diese gerade vielleicht an einem anderen Ort sind als ich (Gegenwart) – oder mich nach einem weiteren Lieblingsmenschen für eine Mehrfachpartnerschaft sehnen, den ich noch zu finden hoffe (Zukunft).
Was alle drei Zeitebenen im Hinblick auf die Sehnsucht eint, ist die Gemeinsamkeit, daß es jedesmal um einen als akut unerreichbar empfundenen Zustand geht: Die Vergangenheit kann ich nicht zurückgewinnen, in der Gegenwart ermangelt mir etwas Konkretes (woran im „Normalzustand“ kein Mangel besteht), hinsichtlich meiner Zukunft habe ich noch unerfüllte Wünsche und Vorstellungen.

Speziell darauf bezogen definierte die Forscher*innengruppe um Paul Baltes² noch ein weiteres inhärentes Merkmal der Sehnsucht, nämlich das der „bittersüßen Gefühle“. Schon oben bei der „Curry-Mischung“ können wir feststellen, daß in der Sehnsucht sowohl positiv wie auch negativ besetzte Empfindungen enthalten sind. „Sehnsucht“ verfügt also über die Besonderheit, daß wir in ihr Freude und Schmerz gleichzeitig erleben können. Denn obwohl die Vergangenheit vorbei ist (schmerzlich), bringt uns die Sehnsucht als Reminiszenz mit der erlebten bzw. erinnerten Freude des damaligen Zustands in Kontakt (freudig). Auch für die Gegenwart ist das so, denn die Sehnsucht macht uns z.B. auf das gerade-nicht-Vorhandensein eines Umstands (schmerzlich) aufmerksam, weil wir im Vergleich genau wissen, wie sich das Vorhandensein (freudig) anfühlt. Und ebenso ist es mit der Zukunft, in der wir in unserer Projektion einen bereichernden Zustand erträumen (freudig), der zum jetzigen Zeitpunkt nicht verwirklicht ist (schmerzlich).

Und bereits nach diesen wenigen Absätzen sind nun schon fast alle maßgeblichen Parameter für die Ambivalenz der Sehnsucht in Mehrfachbeziehungskontexten enthalten – und weitere überraschende Parallen zur Eifersucht tun sich auf:

Ähnlich der Eifersucht kann Sehnsucht eine Größenordnung erreichen, welche für das Individuum und seine Beziehung(en) ungesund wird. Im Englischen z.B. gibt es keine direkte Entsprechung zum deutschen „sehnen“. Die noch verwandtesten Begriffe „desire“, „craving“, „yearning“, und „longing“ betonen hingegen stärker das, was wir hierzulande „Verlangen“ nennen würden (an „longing“ ist die direkte etymologische Verwandtschaft sogar noch gut zu erkennen).
Und nicht nur sprachlich ist der Schritt von „Ich habe Verlangen nach frischen Brötchen…“ zu „Ich verlange frische Brötchen…!“ klein – verändert aber die Energie und Strategie des verfolgten Bestrebens (zumal für die Umstehenden) sehr…
Beim „emotionalen Maßhalten“ sind wir Menschen daher häufig etwas wackelig aufgestellt, insbesondere wenn auch noch hormonelle (Selbst)Belohnungen damit verbunden sind. Dies betrifft vor allem jedwede verflossene Vergangenheit, in deren rückblickend bewerteter „heiler Welt“ wir uns hemmungslos verlieren können und ebenso die Zukunft, für die wir ein unerreichbar überidealisiertes Wolkenschloß nach dem anderen ersinnen – und beide Projektionen halten uns damit so verläßlich wie tragisch von einem präsenten Dasein in der dagegen oh so banalen Gegenwart ab.

Womit wir sogleich bei einer weiteren Eigenschaft sind, die Sehnsucht und Eifersucht (und auch Neid) teilen: Dem (Abwärts-)Vergleich.
Speziell, weil die Sehnsucht die Komponente „subjektiv gefühlt“ enthält, kann sie so enorm viel Kraft entfalten, daß wir diese manchmal nachgerade wie ein Ziehen in der Brust verspüren. Dabei muß aber eben der Vergleich mit dem Gegenwartsmoment gar nicht realistisch sein – entweder war früher eh „alles besser“ oder das, was noch kommt, wird das Jetzt sicher locker übertreffen – zumindest in unseren Vorstellungen… Und gemäß dem Sprichwort „Das, was du fühlst, ist immer richtig – aber nicht immer wahr…“ ³ können wir uns leider auch in solch einem Labyrinth aus Vergleichen verlieren, wenn wir es nicht mehr aus eigener Kraft zurück zu einer realistischen Lageeinschätzung schaffen.

Bei den beiden vorhergehenden Absätzen habe ich jedesmal von Vergangenheit und Zukunft gesprochen – wie steht es dagegen mit der Gegenwart ?
Genau dort liegt meiner Ansicht nach das wirkliche Potential der Sehnsucht – ebenso wie das der Eifersucht. Letztere habe ich in meinem damaligen Eintrag als „Motorkontrollleuchte der Beziehung“ bezeichnet: Ein (eher) allgemeines Warnsignal, dessen präzise Ursache im Fall des Aufleuchtens genauer bestimmt werden muß.
Diese Rolle kommt meiner Ansicht nach auch der Sehnsucht zu, wenn wir sie in unserem Alltag verspüren – allerdings nicht so sehr in Bezug auf unsere Beziehungen nach außen, sondern vor allem angesichts der Beziehung zu uns selbst. Insbesondere, was den Stand unserer Bewusstheit hinsichtlich der eigenen Realität im Vergleich zu unseren Erwartungen angeht – also einer Art „Bestandsaufnahme“: Bin ich auf dem richtigen Weg? Was fehlt in meinem Leben? Wohin soll es gehen? Stimmen meine Lebensziele noch mit meinen Bedürfnissen überein?

In der Gegenwart empfunden, hat Sehnsucht also ihre wirkliche Sternstunde, weil sie dort als Impuls zu erhöhter Achsamkeit dient, von welcher unsere emotionale Intelligenz profitieren kann – und das wiederum wäre tatsächlich ein echter Bonus in Bezug auf unsere zwischenmenschliche Beziehungsfähigkeit.
Wodurch das Mehrkomponentengefühl „Sehnsucht“ zu einem echt starken Curry geraten könnte, als Antrieb, um unseren innigsten Wünschen auf dieser Ebene wirklich näherzukommen.

Persönlich – und als Autor dieses bLogs – möchte ich dabei zugleich auf eine weitere Komponente jedweder Sehnsucht hinweisen, nämlich dem in ihr enthaltenen Bewußtsein von Vergänglichkeit (wodurch sie auch für die romantische Literatur so attraktiv wurde…).
Und auch hier sind wieder beide Seiten enthalten, denn natürlich ist Vergänglicheit und die stete Erinnerung daran, daß manches Prozesse irgendwann für immer abgeschlossen sind und das Wissen um unsere zeitliche Begrenztheit schmerzhaft.
Zugleich ist dies aber auch genau eine weitere freudvolle Stärke von Sehnsucht, weil sie auf diese Weise für uns zu einem Antrieb geraten kann, die Dinge doch noch rechtzeitig anzupacken.

Vor über sechs Jahren, als ich diesen bLog konzipierte, schrieb ich auf meiner Hauptseite zu der Beschreibung des Oligoamory-Symbols folgende Zeilen, von denen ich auch im Zusammenhang mit den hoffnungsvollen Aspekten der Sehnsucht bezogen auf Mehrfachpartnerschaftlichkeit nach wie vor zutiefst überzeugt bin:

»Wir Menschen existieren raum-zeitlich in einer sowohl begrenzten wie auch vergänglichen Welt.
Unsere Ressourcen und unsere Energien, unsere sinnlichen Wahrnehmungen, unsere Zeit, und damit auch unsere Beziehungen und unsere Leben, sind endlich.
Diese „Endlichkeit“ – und der Beginn des 21. Jahrhunderts macht dies in vielerlei Hinsicht deutlich – legt uns Menschen dadurch ein sowohl sorgsames als auch nachhaltiges Haushalten mit unseren vorhandenen Schätzen substantieller wie ideeller Natur nahe.
Das Bewußtsein der allgegenwärtigen Endlichkeit hat in menschlichen Gruppen schon immer das faszinierende Talent von Aufteilung, gemeinschaftlichem Nutzen, und Optimierung des Vorhandenen hervorgerufen.
Dabei zeigt sich weltweit wie auch in unseren kleinsten Gemeinschaften, daß wir dabei immer dann besonders erfolgreich sind, wenn wir von einer reinen Verteilungsgerechtigkeit hin zu einer möglichst individuellen Bedürfnisgerechtigkeit gelangen.
Die Oligoamory möchte zu der achtsamen Annahme dieser Lebensprinzipien für das Führen von in Liebe gegründeten Mehrfachbeziehungen einladen.«


Dem eingedenk, fällt mein heutiges Fazit daher trotzdem insgesamt positiv aus – was bei einem Romantiker und Idealisten wie mir aber auch nicht weiter verwunderlich ist:
Sehnsucht ist ein äußerst intensives Gefühlsgemisch, das uns oft an unsere innersten Wünsche und Träume erinnert. Sie kann uns dadurch sowohl schmerzen als auch inspirieren, uns mit beiden Impulsen anspornen, neue Wege zu gehen und das Leben in seiner ganzen Fülle zu erfahren. Indem wir unsere Sehnsüchte letztendlich wahrnehmen und anerkennen, öffnen wir uns für die Möglichkeit, das, was wir suchen, auf verschiedene Weisen zu finden – und in unseren Strategien flexibel zu bleiben.
Denn letztlich ist es die Reise durch die Sehnsucht selbst, die uns lehrt, das Hier und Jetzt zu schätzen und währenddessen auch die gegenwärtigen Freuden des Lebens zu umarmen.

PS: Setzt doch in diesen letzten Absatz statt „Sehnsucht/Sehnsüchte“ mal „polyamor sein“ oder „oligoamor sein“ ein…



¹ aus „Hymne“, geschrieben 1800 von Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801), bekannt als Novalis, erschienen in Geistliche Lieder, als Nr. VII, erstmals gedruckt von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck 1802 (sämtliche Herren waren Romantiker, selbstverständlich…)

² Scheibe, S., Freund, A. M., & Baltes, P. B. (2007). Toward a developmental psychology of Sehnsucht (life longings): The optimal (utopian) life. in Developmental Psychology, 43(3), 778–795.
Die „6 Kernmerkmale“ von Sehnsucht wurden von Baltes‘ Mitarbeiterin Prof. Dr. Alexandra M. Freund vom psychologischen Institut der Universität Zürich noch einmal in diesem Fachartikel konkret benannt.

³ Dieses Zitat stammt übrigens von dem Autor und Coach Tim Schlenzig, der die Persönlichkeitsentwicklungsplattform myMONK gründete.

Danke an Muse Nina für die Inspiration zu diesem Eintrag und ebenfalls Dank an Smiln32/Carla Bosteder auf Pixabay für das KI-generierte Foto!