Eintrag 78

Auszeit

Es gibt mehr für Dich
als das, was sich niemals gezeigt hat.
Mehr als das, was nie zustande kam.
Mehr als das, was sich nicht verwirklichen ließ
oder keine Möglichkeit fand, um zu funktionieren,
und es sieht wie Heilung aus
und hat die Form von Möglichkeit.
Im Stich gelassen von Familie oder Eltern,
von vergangenen Träumen und Erwartungen,
verdrossen von Beziehungen,
Romanzen, Karrieren und Vorstellungen –
stets gibt es noch einen weiteren Weg zu erforschen
und andere Pfade zum Beschreiten.
Es gibt einen Stamm, dazu bestimmt, dich willkommen zu heißen,
mit Ermutigungen, um dich zu nähren.
Es gibt Herzen, die dich halten wollen,
und Wohlwollen, das sich danach sehnt, dich zu begleiten.
Es gibt andere Wege, der Liebe zu begegnen,
wie Zugehörige, die schon um die nächste Ecke warten.
Es gibt noch immer sprießende Felder um hindurchzulaufen
und nach wie vor warme Gewässer zum Schwimmen.
Halte durch, Menschenkind,
es gibt mehr als das
was nie erschienen ist…

Diese Zeilen stammen von der kanadischen Dichterin Susan Frybort¹ und mich haben sie sehr berührt.
Denn in all den Jahren, in denen ich mich bereits mit ethischen Mehrfachbeziehungen beschäftigt habe, schien auch mir häufig all das, „was sich niemals gezeigt hat“ regelmäßig den weit größeren Anteil auszumachen im Vergleich zu dem, was zustande kam, sich verwirklichen ließ – oder gar langfristig funktionierte.
Den vermutlich allermeisten Menschen, die in sich eine Veranlagung, ein Erleben, ein Fühlen oder Streben hin zu non-monogamen Konstellationen verspüren, kennen das vermutlich ebenfalls. Die Frage des „WIE?“ scheint – egal, wo man sich auf der „Expedition Mehrfachpartnerschaften“ gerade befindet – immer größer zu bleiben als das konkrete „Das!“.
Häufig fängt das bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt an, indem sehr viele von uns, die sich zu einer Lebensweise ethischer Non-Monogamie bekennen, oft aktuell in ihrem Leben gar keine solche(n) Beziehung(en) führen.
Für Deutschland werden unterschiedliche Zahlen gehandelt, wie viele Personen überhaupt für so eine Lebensweise aufgeschlossen wären; niedrige Schätzungen sprechen z.B. von ca. 10.000 wirklich aktiven polyamoren Menschen, an anderer Stelle wird die Zahl von 0,2% der Gesamtbevölkerung genannt, die sich überhaupt ein Leben in Mehrfachkonstellation vorstellen kann (womit wir bei 84 Millionen Einwohnern irgendwo knapp oberhalb von 160.000 Leuten landesweit landen…). Allein statistisch frustrierend. An manchen Tagen fast schon entmutigend.

Dann gibt es die Menschen, die es vermeintlich „geschafft haben“ und die sich wahrhaftig in die Herausforderung „Mehrfachbeziehung“ hineingewagt haben. Menschen, die ihr Herz in die Hand genommen haben und Liebe für mehr als ein Person empfinden. Liebe, die sie in der Praxis auch mit grünem Leben erfüllen – und zeigen – wollen.
Kaum daß sich der erste romantisch-verliebte Glitzerstaub gesenkt hat, kaum daß man erstmalig kosten durfte, das nahezu Unwahrscheinliche tatsächlich verwirklicht zu haben, scheinen auch schon die überall plötzlich aufbrechenden Hindernisse und Schwierigkeiten mit einem Mal Legion…
Kann ich mich mit mehreren Partner*innen in der Öffentlichkeit zeigen? Und warum ist mir das trotz meiner Verbundenheit unangenehm? Wie kann ich vor meinen Kindern oder Eltern vernünftig und plausibel aussprechen, daß ich mehr als nur eine Person begehre, liebe und legitim ab jetzt in meinem Leben haben möchte? Wird meine Umwelt mich jetzt anders wahrnehmen und behandeln – die Nachbarn, die Kumpel im Verein, meine Freund*innen? Und jetzt, wo ich mehrere Beziehungen habe…– wie schaffe ich es darin meine Bedürfnisse auf eine gute Art und Weise auszudrücken – und gleichzeitig die der anderen zu achten? Wie schaffe ich es, nun nicht zerrieben zu werden zwischen den ganzen Erfordernissen, jenen, die mein normales Umfeld schon so an mich stellt, dem zusätzlichen Bedarf durch mehrere Partner*innen – UND meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst? Wie ist es möglich, allen Beteiligten die ihnen angemessene Berechtigung in einer Mehrpersonengemeinschaft zuteil werden zu lassen – und ist das ad hoc überhaupt herstellbar zwischen Leuten, die sowohl was zeitliche Verfügbarkeit, räumlicher Nähe und eigene Ressourcen (mit bereits eingegangenen eigenen Verpflichtungen und Lebensentwürfen) angeht doch z.T. mit recht unterschiedlich Grundvoraussetzungen ins Rennen gehen?
Und was ist das da alles in meinem Inneren: Ist es meine gute Intuition, die mich bei meinen Entscheidungen, meinem Sprechen und meinem Handeln leitet – oder sind es alte Traumata meiner Vergangenheit, die mich auf Abwege führen wollen? Was beschwört auf einmal diese Ängste in mir hervor, woher kommen Empfindung von Neid, Zurücksetzung, Mißgunst, Eifersucht, Verlassenheit, Unverstandenheit, Ausgeschlossen-Sein und – trotz all der Fülle und Betriebsamkeit – gelegentlicher Leere und Ausgebranntheit?

Wer sich für ethische Non-Monogamie – also für Mehrfachpartnerschaften mit allseitigem Wissen, Einverständnis, Konsens, Augenhöhe und einem hohen Maß an Aufrichtigkeit entscheidet – wird solche Fragen nahezu immer in sich tragen. Ihre Antworten stellen sich aber – egal ob wir bereits mehrere Partner*innen haben oder noch nicht – nicht automatisch ein. Und es ist daher allzu menschlich, daß wir – so ähnlich wie der unwillige Prophet Jona² im Wal – erst einmal eine Weile vor ihnen fliehen oder versuchen, wenigstens vor ihnen in Deckung zu gehen: Wir sind eben nicht so aufrichtig, wie wir es gerne wären; wir versuchen, mit fehlgeleitetem Wohlwollen Kontrolle über die anderen Beteiligten auszuüben; wir sind schrecklich bedürftig und lassen uns dadurch zu entäußernden Handlungen und Selbst- wie Fremdüberfahrungen treiben…
Egal, ob wir dahingehend schon in Beziehung sind oder noch nicht – so ein Zustand fühlt sich unangenehm an, einfach „nicht richtig“.
Statt dem Himmel auf Erden erleben wir Frustration. Frustration, die ja – wie ich in meinem Depressions-Eintrag 22 schon beschrieb – ein „Erlebnis der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Benachteiligung oder Versagung ist, das sich als gefühlsmäßige Reaktion auf eine unerfüllte oder unerfüllbare Erwartung (Enttäuschung), z.B. infolge des Scheiterns eines persönlichen Plans oder der teilweise oder gänzlich ausbleibenden Befriedigung primärer und sekundärer Bedürfnisse einstellt.“ Und die Definition fährt fort: „Frustration kann einerseits zu konstruktiver Verhaltensänderung führen, löst aber häufig regressive, aggressive oder depressive Verhaltensmuster aus.“
Statt der vielgerühmten „konstruktiven Verhaltensänderung“ ziehen wir uns also weitaus eher vor den Anderen oder in uns selbst hinein zurück (Regression), reagieren auf die Anderen oder auf uns selbst gereizt, genervt oder wütend (Aggression) – oder wir werden sogar von Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung bzw. Burnout gelähmt (Depression).

So erscheint es uns schließlich, wie Susan Frybort es in ihrem Gedicht oben beschreibt: Nichts kommt so zustande, wie wir es uns erhofft hatten, es läßt sich einfach nicht verwirklichen – und es gibt wohl ohnehin keine Möglichkeit, das so etwas funktioniert.
Vielleicht soll es nicht sein. Höchstwahrscheinlich sind wir wohl noch nicht so weit.

Als ich einmal selbst in so einer „Grauzone“ steckte hat mir überraschenderweise jemand in einem sozialen Netzwerk dazu folgendes geschrieben, was mir ein wenig geholfen hat, meine Frustration hinsichtlich Mehrfachbeziehungen – vor allem die, die ich mit mir selbst dahingehend habe – etwas gelassener zu betrachten:

»Auf Deiner Lebensreise wird es „Dazwischenzeiten“ des Übergangs geben.
Du magst dich verloren, verwirrt, verärgert, ungesehen oder leer fühlen.
Verwechsle jedoch diese Zeiten des Übergangs nicht mit einem ewig währenden Zustand des Daseins oder gar des Gebrochenseins.
Du trennst dich von dem, was war, und schaffst Raum, um das, was sein wird, willkommen zu heißen.«


Das empfinde ich als eine sehr gute Betrachtungsweise (und sie erinnert mich in ihrer Wortwahl zusätzlich an Scott Pecks „Phase der Leere“ in seiner „Arbeit der Depression“, die ich ebenfalls in Eintrag 22 nenne). Denn für die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen führen wollen, können wir uns ja erst einmal nur so anbieten, wie wir hier und heute sind. Da, wo wir jetzt in unserem eigenen Prozess stehen.

Und was für Hindernisse haben wir da bereits überwunden! Unter den oben erwähnten 84 Millionen Bewohnern der Bundesrepublik haben selbst viele verheiratete Paare noch Hemmungen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen; viele Umstehende haben Hemmungen, so eine Verbundenheitsbekundung mitzuerleben (und all diese Menschen sind durchaus nicht sämtlich im Rentenalter…). In vielen Ländern der Welt ist eine freie uns selbständige Partnerwahl noch unüblich – und in manchen Regionen ist die Festschreibung moralischer Prinzipien noch so rigide, daß dort weder Männlein noch Weiblein ausreichend Mut fassen können, selbst ihre eigene Sexualität zu erkunden – und schrecklicherweise folglich von der Sexualität oder dem Gefühlsleben anderer Geschlechter gar keine Ahnung haben…
Und wir? Stehen zu 10.000 oder zu 0,2% auf den Schultern couragierter Menschen in unserem Kulturkreis und der dort gebotenen Freiheit, so daß wir uns mit Gedanken von Mehrfachpartnerschaften und Oligo- bzw. Polyamorie beschäftigen können. Welch unglaubliches Privileg – und was für eine großartige persönliche Erreichung: Denn wie weit wir für uns selbst doch in unserem Leben gekommen sind, daß wir dies tun, diese Seite an uns also entdecken durften und entdeckt haben!

Gleichzeitig wird es natürlich immer noch weiterhin kritische Stimmen im Außen und daher auch in uns selbst geben, für die das dennoch nicht „ausreichend“ ist. Das, was sich „niemals gezeigt hat“, „nie zustande kam“, vielleicht deswegen „nie erscheinen wird“, wähnt uns daher nach wie vor zu oft als überwiegend.
Wären wir doch nur freier… Wir sollten aufrichtiger sein. Wir sollten authentischer sein. Wir hätten schon weit mehr zu uns selbst finden müssen. Wir hätten dann längst unterwegs, längst „verwirklicht“ sein können. Hätten dann seit Jahren bereits sicher ein vollumfängliches Mehrfachbeziehungsparadies für uns etabliert. Wären endlich angekommen.

Der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown schreibt dazu in seinem Buch „Soulshaping“³:

»Ich finde jedwede Urteile darüber, wo ein Individuum in einer bestimmten Phase seines Lebens stehen sollte, unangebracht. Es ist, als ob man versuchen würde, diese großartige und komplizierte Reise der Selbstschöpfung in etwas sehr Einfaches und Banales zu verwandeln. In Wirklichkeit kennt nur unsere Seele den Weg, für den sie hier ist und den sie zu gehen hat, was sie zu überwinden hatte und an welchen Errungenschaften sie ihren Fortschritt erkennen kann. Die Menschen urteilen, als ob sie bereits alles durchschaut hätten, aber ihre Urteile verschleiern oft nur ihre eigene Verwirrung. Sind wir Spätblüher oder rechtzeitige Entwickler? Das ist eine ganz persönliche Abwägung. Das Wesentliche ist lediglich, dass wir uns dabei weiter auf einen Ort zubewegen, der sich wie ein Zuhause anfühlt.«

Daß wir uns also überhaupt „schon“ „hier“ befinden, ist für jede*n von uns eine ganz und gar herausragende Entwicklung. Trotz unterschiedlichster Startpunkte haben wir uns an dieses außergewöhnliche Universum von Mehrfachpartnerschaften herangedacht. Ein Universum, durch welches wir uns immer wieder mit den grundsätzlichsten Fragen zu unserem Selbst konfrontieren und dazu, wer wir sind. Mit Fragen, wie wir uns in Beziehung begeben – sowohl zu uns selbst als auch zugleich zu jenen, die ebenfalls einen besonderen Platz in unserem Herzen und in unserem Dasein haben, hatten – oder erhalten sollen.
Für mich sieht das wie Heilung aus.
Und es hat die Form von Möglichkeit.

Halte durch, Menschenkind,
es gibt mehr als das
was nie erschienen ist…



¹ „Look to the Clearing: Poems to Encourage“, Enrealment Press 2021

² Die Bibel, Buch Jona, insb. Kapitel 2, 1-11

³ North Atlantic Books; Original Edition 2009

Danke an Frauke Riether auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 77

Love. Separate. Repeat.¹

„Hi, ich bin Ingo, ich liebe Dich…!“

Ingo hat es eilig. Er hat ja gerade auch viel aufzuholen, da er vor Kurzem erst aus dem Gefängnis entlassen worden ist, wo er fünf Jahre für das Raubkopieren von Filmen abzusitzen hatte. Darum stürzt er sich jetzt mitten ins Leben. Denn auch in Sachen Beziehung lief in letzter Zeit umständehalber natürlich ebenfalls so gar nichts. Die nächstbeste Kneipe ist Ingo heute darum sofort gut genug. Fieberhaft läßt er seinen suchenden Blick über die Anwesenden schweifen. Der Druck, die verlorene Zeit wieder gut zu machen ist hoch, Ingo entsprechend nervös, er spürt Schweiß auf seinem angespannten Gesicht – hektisch reißt er ein Streichholz für eine schnelle Zigarette an, die seine Anfangshemmungen wenigstens ein bißchen auflockern soll. In kaum drei hastigen Atemzügen hat er wenige Sekunden später seinen Glimmstängel auch schon inhaliert, denn endlich ist sein unruhiger Blick auf eine einzelne Dame ohne Begleitung an der Bar gefallen, der er sich sogleich mit zielstrebigen Schritten nähert. Unverzüglich stellt er Blickkontakt her und spricht die überraschte Frau ohne Umschweife an: „Hallo, ich bin Ingo…“; gleichzeitig saugt sein Blick förmlich alle Merkmale ihres Gesichts in Sekundenbruchteilen auf: Zügig scannt er ihre Haare, ihr Gesicht, die klaren Augen, die wohlgeformten Lippen, ihre strahlenden Zähne. Und in eben denselben Sekundenbruchteilen hat Ingo sich auch entschieden, seine Begrüßung darum fortsetzend: „…ich liebe Dich, ich möchte ein Kind mit Dir!“. Dazu setzt er sein einnehmenstes Flirtgesicht auf, so daß sich sein verblüfftes Gegenüber sprachlos aber belustigt sogleich sichtlich über diesen fulminanten Anmachspruch amüsiert. Doch Ingo ist die Sache sehr ernst. Er weiß, er hat das erste Eis gebrochen, jetzt wird es höchste Zeit, die Dinge verbindlich werden zu lassen: „Naja, jetzt wo wir gemeinsam Kinder bekommen werden…, wollte ich Dich fragen…, willst Du mich heiraten?“, setzt er daher nach, treuherzig in das nun doch zunehmend perplexe Antlitz seiner auserkorenen Herzensdame blickend. Diese muß sichtlich darum ringen, überhaupt ihre Stimme für eine irgendwie angemessene Antwort wiederzufinden – eine Spannung, die Ingo in seiner Hast und seinem Erfüllungsdruck nicht mehr aushält. Sein ganzer Körper kribbelt und vibriert. Nahezu dadurch aus seinem Konzept gebracht, reißt er also fast dem Bartender das Glas Bier, welches dieser gerade servieren will, aus der Hand und stürzt es mit wenigen Schlucken hinunter. Dabei erfaßt ihn ein schrecklicher Gedanke: Es läuft nicht, wie er es erhofft! Und unverzüglich informiert er auch seine immer noch überrumpelte Angebetete von diesem Unbehagen: „Du, also, ich denke, wir sollten uns wirklich mal über unsere Beziehung unterhalten…“ Die ansteigende Nervosität hat nun längst seinen ganzen Körper ergriffen und die Blase meldet sich unbarmherzig; mit einem „Ich bin gleich wieder da!“ flüchtet Ingo in Windeseile auf die Herrentoilette, noch bevor seine potentielle Liebste auch nur ein weiteres Wort einwenden könnte. Dort die geplagte Blase entleeren, die Spülung kaum touchieren, den Hosenlatz schließen, das ist fast eine einzige durchgängige Handlung nonstop. Denn schon steht Ingo wieder bei seiner Auserwählten an der Bar, doch seine Gedanken haben sich verdüstert. „Paß mal auf, so geht das doch nicht weiter, ich meine, in letzter Zeit haben wir uns einfach nichts mehr zu sagen…“ konfrontiert er sie mit ihrer Stille in den vergangenen Minuten. Da schließlich schafft sie es, genau dieses Schweigen endlich zu brechen: Moment mal…!“, entfährt es ihr irritiert – doch damit gerät sie jetzt bei Ingo an den gänzlich Falschen: „Nee, zu spät, versuch bloß nicht, mich aufzuhalten!“, platzt es nach allem nun aus ihm mit ganzer Bitterkeit hervor, „Zwischen uns ist einfach zu viel kaputt gegangen!“ Eine schreckliche Tatsche, der er sich selbst in diesen Sekunden auch erst ganz und gar bewußt wird. Und er vollstreckt konsequent: „Es ist vorbei, tschüss!“ – und er beendet diese ganze mißglückte Beziehungsanbahnung, die ihm wieder kein Glück gebracht hat. Es sind nur wenige Augenblicke, da ist er aber bereits wieder irgendwo im Hintergrund zu hören, offensichtlich schon unablässig auf dem Weg zu einem neuen Ziel: „Hi, ich bin Ingo, ich liebe Dich…!“

Den zugehörigen Videoclip findet ihr HIER (Link zu YouTube)

Diesen mit Abspann (!!!) gerade einmal 44 Sekunden währenden Informationsfilm produzierte einst die Zukunft Kino Marketing GmbH zu Anfang des jetzigen Jahrtausends, um in lustig-nachdenklicher Form vor den Folgen kriminellen Handelns zu warnen.
Ich allerdings glaube längst, daß es für diese Form der dargestellten Bedürftigkeit (und daraus resultierender Getriebenheit) keinerlei Kriminalität oder gar langjähriger Haftstrafe im Vorfeld bedarf, sondern daß wir uns alle unversehens und recht alltäglich schnell einmal in Ingos Schuhen befinden können – und daß die meisten von uns (Hand aufs Herz) bei sich selbst oder einer anderen nahestehenden Person vermutlich bereits erlebt haben, wie sie durch eine „Ingo-Beziehung“ geschlittert sind. „Beziehungen“ also, die wie in einer Art Schnelldurchlauf auf diese Weise vielleicht nur wenige Wochen oder Monate währten.

Aber insbesondere „wir“, die wir uns mit einer Philosophie ethischer Mehrfachbeziehungführung identifizieren, sind aus meiner Sicht stärker als die Anhänger*innen normal-mononormativen² Beziehungsanbahnungsverhaltens gefordert, uns mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen.

Warum? Weil wir mit dessen Risiko stärker konfrontiert sind?
Das nun wiederum glaube ich nicht, denn in einer mononormativen² Welt gibt es ja (trotz anderslautender, hehrer Behauptungen) keine Absicherung gegen solcherlei Serialität. Und darum funktioniert der Spot doch auch im Kino: Ingo, das ist der ewig Suchende; einer, der stets eine Beziehungskiste nach der nächsten zimmert, nur um – nachdem er glaubt, den letzten Nagel eingeschlagen zu haben – mal wieder vor einem Haufen Splitter zu stehen. Selbstgemachte Splitter, erzeugt durch unvorsichtige Betriebsamkeit aufgrund von Drang und daraus resultierend hohem Tempo.

Ich fürchte jedoch, daß „für uns Mehrfachbeziehungsunterstützer*innen“ sowohl die Unwägbarkeit von Kollateralschäden wesentlich höher ist, als auch erst recht die Gefahr, die Werte, die unserer Beziehungsphilosophie zu Grunde liegen, in so einer Weise tüchtig über den Haufen zu fahren. Was in beiden Fällen für eine ebenso tüchtige Katerstimmung zu unseren Ungunsten sorgen wird – unter der wir selbst am meisten zu leiden haben.
Ganz abgesehen davon müssen wir vom „Mehrfachbeziehungsvolk“ gesamtgesellschaftlich auch noch immer gegen ein Wahrnehmungsgefälle anarbeiten, welches uns, die wir uns z.B. gelegentlich mit dem Begriff der „Vielliebe“ (Poly-Amorie) schmücken, nach wie vor unterstellt, daß dieser Ingo ja wohl quasi das Paradebeispiel solcher Viel-Liebelei darstellt: Allezeit unterwegs von Blüte zu Blüte, immer bedürftig, niemals konstant, nie „mit nur einem Partner zufrieden“, stets „auf dem Sprung“ und damit nicht geduldig genug, einer wirklichen Beziehung Tiefgang und Raum zu geben…

Was ist also dran, am „Ingo“?

Da ich gerade selbst erst kürzlich (wieder?) einen „Ingo“ gebaut habe, möchte ich diesbezüglich auf meine Erfahrung damit zurückgreifen – und gleichzeitig den Macher*innen des oben erzählten Kinospots konstatieren, daß ihre Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe recht präzise waren, wodurch es ihnen in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit gelang, etliche allzumenschliche Verhaltensweisen einzufangen.

Wenn ich z.B. einer Person begegne, dann weiß ich für mich verhältnismäßig schnell, ob es für mich „Liebe“ ist. Für viele andere Menschen ist dies indessen recht staunenswert, speziell wie ich denn „so schnell“ ein hohes Gut wie „Liebe“ für mich in weitestgehender Unkenntnis der anderen Person in Anspruch nehmen kann.
Auf diesem bLog habe ich hingegen bereits beschrieben (Eintrag 67), daß ich „Liebe“ für mich als Energieform betrachte; eine Energie also, die von mir gewissermaßen zu der anderen Person fließt. Dazu, damit diese Energie von mir aus in Bewegung gesetzt wird, bedarf es einer – wie ich stets sage – „sublim metaphysischen Komponente“, die für mich in etwa dem „Verliebtheitsfunken“ entspricht und sich aus einem olfaktorisch-haptisch-energetischen Gesamtsinneseindruck plus einem schwer deutbaren „Vertrautheitsgefühl“ bezüglich meines Gegenübers zusammensetzt (das Meiste davon deute ich übrigens hauptsächlich als Ausdruck meiner [Hoch]Sensibilität).
Auch wenn es in dem Kurzfilm etwas übertrieben persifliert wird: Diese Herangehensweise scheint auch Ingo zu eigen zu sein. Er hat eine interessante Person getroffen, sehr schnell haben seine Sinne einen Gesamteindruck zusammengetragen – und irgendetwas in seinem Inneren sagt „Ja“. Und da er dieses innere „Ja“ spürt, kann er für sich folgerichtig auch „Ich liebe Dich.“ formulieren, da dies für ihn bedeutet, nun in einen „Beziehungsanbahnungsprozess“ eintreten zu können.
Ich habe an der Stelle große Sympathie für Ingo, da auch ich mich niemals auf so einen Prozess zu irgendeiner Person einlassen könnte, an der ich nicht a) stark interessiert wäre und hierfür zu dieser b) extrem hohe Sympathie, Zuneigung, Hinwendung, Wohlwollen – nennt es, wie ihr wollt, ich nenne es Liebe – zu empfinden.

Im gleichen Satz noch, als er flugs an sein Liebesbekenntnis die Fortpflanzungsfrage anknüpft, gerät Ingo jedoch auf ein ungünstiges Gleis. Und hier versteckt sich meiner Meinung auch der größte Teil des dann folgenden Dramas: Ingo hat nämlich wohl bereits eigene, recht gefestigte Pläne.
Das ist mehrfach fatal. Denn damit hat er gleich ein ganzes Regal voller solider Mehrfachbeziehungswerte umgerissen. Transparenz (sein Gegenüber wusste ja bisher gar nichts von seinen Plänen), Einvernehmlichkeit und Konsens (Ingo hat für alle Beteiligte offensichtlich schon komplett eigenmächtig entschieden), Augenhöhe und Gleichberechtigung (Ingo hat sich selbst scheinbar schon als diejenige Autorität eingesetzt, die diese Ansagen auch tätigen darf) sowie Verantwortung (die speziell für so tiefgreifende und langfristige Entscheidungen in einer Beziehung in jedem Fall eine mehrseitige Verantwortung für die Gesamtbeziehung zu sein hat). Dadurch hat Ingo obendrein – und um meinen Eintrag 19 zu zitieren – auch bereits völlig den Bereich des momentan einzig wichtigen Augenblicks am Beginn eines Kennenlernens, nämlich das „Hier & Jetzt“, verlassen. Wodurch er seine Offenheit und Flexibilität für das, was gleich ab dem Zeitpunkt seines selbstoffenbarenden Liebesbekenntnisses geschehen könnte, unversehens über Bord geworfen hat.
Auf unglückliche Weise verspielt Ingo, um sich als potentiell guten Partner- bzw. Gemeinschaftsmenschen darzustellen (und sicher auch hervorzuheben), auf diese Weise (Mehrfach)Beziehungsqualitäten, über die er wahrscheinlich verfügt: Er versucht zu einem frühen Zeitpunkt seine Bereitschaft für ein langfristiges Engagement zu zeigen und damit auch seinen Willen zu intensiver Einlassung auf die Beziehung – womit er auch den wichtigen Wert Loyalität für sich in Anspruch nimmt.
Nur…., zu dem entsprechenden Zeitpunkt gibt es noch gar keine Beziehung im eigentlichen Sinne. Ingo verwechselt seine innerlich verspürte positive Absichtserklärung bereits mit dem noch zukünftig zu errichtenden Ganzen. Einem „Ganzen“, woran er dann Beitrag haben könnte, welches aber bekannterweise nur ein Ganzes durch die Summer seiner Teile wird (mit [An]Teilen also, die nicht nur die Seinen sein werden).

Ingos Gegenüber erhält so ebenfalls keine Chance, den Moment mit Ingo unbeschränkt im „Hier & Jetzt“ zu erleben – und von da aus zu erkunden, wie die weitere (gemeinsame?) Reise eventuell verlaufen könnte. Für diesen Ingo sprechen sein Witz, seine sehr unverblümte Aufrichtigkeit und sicher auch seine auf eine möglichst nachhaltige, langfristige Beziehung angelegten Ambitionen. Aber es gibt auch einen „verschatten“ Anteil von ihm, in dem er in gewisser Weise bevormundend und unflexibel ist. Und in diesem Teil sind seine eigenen Bedürfnisse fast die einzig ausschlaggebenden. Vor sich selbst kann Ingo dies vermutlich sehr leicht mit seiner schon zu lange vergeudeten Lebenszeit rechtfertigen; „gute Gründe“ also wohl für ihn – die aber wiederum auch nicht der Gegenseite bekannt sind und darum sein Gebaren geradezu umso schwerer als berechenbar erscheinen lassen (zu unseren „guten persönlichen Gründen“, die für die Anderen gar nicht immer so „gut“ sein müssen, ausführlich Eintrag 11).
Ein sehr lange Zeit nicht gedecktes Bedürfnis entwickelt darüber hinaus leicht sogar Trauma-Energie, aus der heraus eine Person erst recht als irgendwie getrieben und zusätzlich sehr unflexibel wahrgenommen werden kann, da lang angestaute Trauma-Energien im Wegenetz unserer inneren Nervenbahnen regelrechte „Autobahnen“ angelegt haben, von denen nur mit großer Mühe, Bewußtheit und oft sogar nur mit Hilfestellung eine „Abfahrt“ gefunden werden kann.³

Ingos Gegenüber reagiert auf diese Ambivalenz entsprechend ratlos. Und Ingo spürt dies instinktiv: Die „Sache läuft nicht wie erhofft“.
Da Ingo sich mit seiner „Liebeserklärung“ nun aber schon weit nach vorne gewagt hat, reagiert jetzt sein „innerer Kontrolletti“ auf diese Ambivalenz mit Verunsicherung und Angst – wobei diese Instanz aufgrund von Ingos hoher nervöser Vorspannung nur zu leichtes Spiel hat.
Ein aufflackernder rationaler Teil versucht noch einmal für einen kurzen Moment die Oberhand zu gewinnen, als aus ihm gereizt der Satz mit „…über unsere Beziehung unterhalten…“ herauspoltert. Ja, er versucht sogar, weil er seine eigene Anspannung kaum mehr auszuhalten vermag, sich noch zusätzlich eine Art „Auszeit“ (die Toilettenpause) zu verschaffen.
Aber er hat leider den richtigen Zeitpunkt zum Innehalten (um z.B. dem Gegenüber Zeit zu geben oder selber zuzuhören) längst überschritten. Da er so für sich keine weiteren (hilfreichen oder beschwichtigenden) Informationen erhalten hat, bleibt er dadurch in dem rasenden Gedankenstrudel seiner eigenen Innenwelt gefangen, welcher ihn von nun an nur noch weiter mit hinunter zieht.

Zurück an der Bar „ist das Rabattmarkenheft voll“. Ingo hat aus seiner Sicht von seinem Gegenüber keine entgegenkommende Handreichung erlebt, hingegen hat er dort Verunsicherung und Unentschlossenheit ablesen können. Da er selbst Einlassung und Loyalität für sich selbst als wichtige Werte reklamiert, registriert er in dieser Art auf der anderen Seite „nichts“ davon. Seine anfangs verspürte Zuversicht, als Gegenüber eine Person zu haben, die ihm sympathisch vertraut und daher irgendwie ähnlich ist, bröckelt in dem gleichen Tempo, wie sein innerer Kritiker ihm zuflüstert, daß mit dieser potentiellen Partnerin dort auch alle anderen ersehnten Ziele wie Gemeinschaft oder Kinder ganz sicher nicht zu verwirklichen sein werden (denn sonst wäre doch längst schon ein Sturm an Zustimmung erfolgt…).
In der Tat, es ist „zu spät“. Durch sein verzetteltes Gebaren hat Ingo exakt die Befürchtungen, die an einer versteckten Stelle seines Inneren die ganze Zeit gepocht haben, über sich selbst herauf beschworen und „wahr“ gemacht: Torschlußpanik, nicht anerkannt werden, nicht als ganze Person gesehen werden, nur nach Anschein abgelehnt worden zu sein.
Ingo zieht frustriert von dannen, und wenn es ihm nicht gelingt, seine eigenen versteckten Motive offenzulegen, wird er wohl alsbald von ihnen zu einem erneuten Anlauf getrieben.

In seinem Buch „Hearticulations“ (Enrealment Press 2020) schrieb der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown:

»Liebe kann in einem Sekundenbruchteil entstehen. Verbundenheit kann das nicht. Das ist eine Sache, die wir meist erst nach vielen Schwierigkeiten herausfinden.
Dass Liebe nicht das Ende der Geschichte ist. Sie ist nur das erste Kapitel.
Die nächsten Kapitel verlangen von uns, dass wir unsere Verwundungen anerkennen, unsere emotionalen Trümmer beseitigen, unsere Bindungsfähigkeit stärken, lernen, wie wir authentisch in Beziehung treten können, in der Tiefe unseres Inneren reifen.
Kapitel für Kapitel verfeinern wir so unsere Fähigkeit, der Liebe mit ganzem Herzen zu begegnen. Dies ist eine Lebensaufgabe. Unser eigenes Meisterwerk des sich Öffnens.
Wie furchteinflößend.
Wie wunderbar.«


¹ Deutsch: Lieben. Trennen. Wiederholen.

² mononormativ (Adjektiv): Bezieht sich auf die Praktiken und Institutionen, die monosexuelle und monogame Beziehungen als grundlegend und „natürlich“ in der Gesellschaft bevorzugen oder bewerten. [Quelle: Wiktionary.org]

³ Wie Trauma-Energien uns befangen machen können, beschreibe ich z.B. in meinem Eifersuchtseintrag 36.

Danke an Alex Voulgaris auf Unsplash für das Foto.

Danke an prilstrudel auf YouTube für das Einstellen des Kurzfilms.

Eintrag 76

Abrüstung

»Emotionale Rüstung ist nicht leicht abzulegen, und das sollte sie auch nicht sein.
Sie hat sich aus einem bestimmten Grund gebildet: als Erfordernis für bestimmte Arten von Verantwortlichkeit, als konditionierte Reaktion auf sehr reale Umstände, als Schutz vor unerträglichen Gefühlen.
Sie hat einen entscheidenden Zweck erfüllt. Sie hat Leben gerettet.
Dennoch kann sie mit der Zeit abgemildert werden. Sie kann in ihrem Kern zu Sanftheit schmelzen. Sie kann das Licht an ihrem Ursprung offenbaren.
Aber bedränge sie niemals, stemme dich niemals gegen sie; verlange niemals, dass sie ihren Schutz fallen lässt, bevor ihre Zeit gekommen ist.
Denn sie weiß etwas, was du nicht weißt:
In einer immer noch beängstigenden Welt ist Rüstung nicht weniger gültig als Verletzlichkeit.
Lasst sie sich in ihrem eigenen einzigartigen Tempo lösen.«


Diese Gedanken teilte der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown 2015 in seinem Buch „Spiritual Graffiti“ (Enrealment Press).

Ich glaube, daß diese Worte sehr viel Wahrheit enthalten – und ich glaube ebenfalls, daß fast alle Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner Form von ethischer Mehrfachbeziehung befinden, sich irgendwie darin wiedererkennen können.

Dies schreibe ich heute in meiner fortgesetzten Überzeugung und Anerkennung der Tatsache, daß vermutlich wirklich keine Beziehungsform Menschen so stark mit ihren innerseelischen Potentialen konfrontiert, wie es Mehrfachbeziehungen in der Lage sind zu tun.

An dieser Stelle muß ich nun gleich erst einmal eine Art – wie sagt man heute? – „Disclaimer“ einfügen: Ich halte durchaus auch dyadische¹ Modelle – und insbesondere das bekannteste Modell der Mono-Amorie², die „Zweierbeziehung“ – für prinzipiell geeignet und sehr wohl in der Lage, dies genauso zu gewährleisten. Wie ich aber bereits in meinem Eintrag 9 anhand der „Kleinwagen-Metapher“ versucht habe zu verdeutlichen, bin ich mir aufgrund meiner Lebenserfahrung recht sicher, daß jenes Standardmodell aufgrund der häufig ebenfalls sehr standardmäßigen Zurkenntnisnahme (oder doch eher: Nichtzurkenntnisnahme) der anhängigen AGB für die jeweiligen „Insassen“ eine allzu intensive Auseinandersetzung mit den konkreten Befindlichkeiten der wechselseitigen Innenleben normalerweise eher vermeidet [wodurch im Krisenfall dann ja die Sprengkraft auch bekanntermaßen häufig besonders brisant gerät…].

Diese „Sicherheitsreserve“ (die eher eine Art „Ignoranzpuffer“ ist), gibt es in Mehrfachbeziehungen vom ersten Moment des Zustandekommens an nicht.
Denn dort es gibt keine Muster, keine Blaupausen, anhand derer die potentiell Beteiligten sich schlicht eine Kopie von irgendetwas Vorhandenem oder bewährt Vorgelebtem ziehen könnten. Jeder Schritt hinein in die Beziehung – ja, schon bloß in die Gründung einer Mehrfachbeziehung hinein – ist ziemlich aufregend und immer neu.

Irgendwie eine seltsame Sache. Eine Mehrfachbeziehung entsteht (oder erweitert sich). Das ist ja vor der Hand ein Augenblick großer Freude – der auch von Personen eines positiv eingestellten Umfelds mit entsprechenden Glückwünschen und Enthusiasmus begrüßt und bejubelt wird.
Die Beteiligten selbst erleben diese große Freude (hoffentlich) ebenfalls. Aber neben dem Hindernislauf, den jedwedes nicht-normative Geschehen in einer ansonsten noch weitgehend normativen Welt bewältigen muß (Polyamorie? Ist das so etwas wie Fremdgehen mit Erlaubnis…?“ / „Und an die Kinder habt ihr dabei wohl gar nicht gedacht…?“), wird für die Beteiligten selbst eher früher als später die Begegnung mit ihrer eigenen „emotionalen Rüstung“ die wahre Herausforderung werden.

Dies ist ein Umstand, der selten an die große Glocke gehängt wird. Einmal stehen Beteiligte von Mehrfachbeziehungen regelmäßig für das Umfeld ohnehin schon unter einem großen Rechtfertigungs- und Erfolgsdruck („Wußte ich’s doch: Polyamorie KANN nicht funktionieren…!“). Zusätzlich drängen sich vor allem die eher praktischen Gründe häufig in den Vordergrund, die zuallererst beackert werden wollen („Dienstags? Dienstags habe ich diese Woche bis 17 Uhr Yoga und danach muß ich noch die Kinder abholen – wir müssen unser gemeinsames Treffen verschieben, wenn…“). Und nicht zuletzt ist das eingangs erwähnte Thema außerordentlich persönlich.

Mehrfachbeziehungen beruhen auf Grundwerten wie Offenheit, Transparenz und Aufrichtigkeit. Und um mehr als eine Person und ihre Termine sowie Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen – und Göttin bewahre, wenn es womöglich mehr als zwei sind! – ist Flexibilität von Nöten und die in Eintrag 62 erwähnte „Ambiguitätstoleranz“.
Allein das Wort „Rüstung“ legt aber bereits nahe, daß es mit unserer Offenheit und Flexibilität eventuell nicht so weit her ist, wie wir es vor uns selbst (oder gar Anderen) bei einer Tasse Kaffee zugeben würden. Selbst unsere Toleranz wird vom festen Sitz unserer Rüstung begrenzt – hat sie sich doch einstmals gebildet, um die Überforderung durch fremdwillkürlich auf uns eindrängende, äußere Einflüsse zu ertragen – nicht aber, um diese verstehen zu wollen, da uns das zum damaligen Zeitpunkt nicht geholfen oder geschützt hätte.

Nun aber also endlich „hinein in die Mehrfachbeziehung“! Wenn es soweit ist, wird für viele von uns eventuell ein langgehegter Wunsch war – bei manchen mag sogar das Eingeständnis dieses unterschwellig lang vorhandenen Wunsches Geburtshelfer und gleichfalls noch Zeuge dieser Entwicklung sein. Und manche von uns „erwischt“ es aus heiterem Himmel und eine neue Welt in uns entsteht, die möglicherweise nicht geboren wurde, bis diese neuen Menschen in unser Leben kamen, weil durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten konnte…³
Wie dem auch sei. Auf diesem bLog – als Hervorhebung durch die Oligoamory – formuliere ich Mehrfachbeziehungen als Synthese aus vertrauensvollen Liebesbeziehungen und Gemeinschaftsbildung. Dazu bewerbe ich hier das Modell der selbstgewählten „Zugehörigen“ als Gefährt*innen, mit denen wir unser Leben teilen wollen (insb. Eintrag 5, Eintrag 34, Eintrag 55). Im Kern geht es mir hier also um nichts weniger als darum, gemeinsam unser selbstgestaltetes „Zuhause“ zu errichten, worin auch jede*r in sich selbst „zuhause“ sein kann.

In seinem Buch „Hearticulations“ (Enrealment Press 2020) ergänzt Jeff Brown allerdings:

»Du kannst nicht von zu Hause weglaufen. Denn du nimmst es stets mit dir, wohin du auch gehst.
Es kann durchaus von Wert sein, in eine andere geografische Umgebung zu fliehen – aber trotzdem wirst du irgendwann den Weg zurückgehen müssen, um deine Kindheit zurückzufordern.
Denn sie ist nach wie vor in dir lebendig, diktiert noch immer deine Beziehungsmuster, kontrolliert noch immer deine Entscheidungen.
Sie muss anerkannt werden. Sie muss konfrontiert werden. Sie muss geheilt werden.
Und bis das geschieht, bleibt sie weiterhin der Ort, an dem du lebst.«


Meine Kindheit? Der Ort an dem ich lebe? Sollte das wahr sein?

In der US-amerikanischen Science-Fiction-Fernsehserie Deep Space 9 aus dem Jahr 1993 gibt es in der Pilotfolge eine hochinteressante Sequenz:
In seinem ersten Abenteuer begegnet einer der Protagonisten der Serie einer Spezies von Fremdwesen, die ewig existieren und daher nicht den Faktor „Zeit“ als immerwährend fortschreitende Gegebenheit kennen – für sie existiert alles, was ist, in einer immerwährenden Einheit. Für eine Verständigung mit den Fremdwesen ist dies erst einmal ungünstig. Die Aliens nehmen aus ihrer Sicht nämlich wiederum den Protagonisten als sprunghaft, selbstbezogen und unberechenbar handelnd wahr, da sie nicht verstehen, daß sein Agieren einer linearen Existenz „in der Zeit“ geschuldet ist.
Dem Protagonisten gelingt dennoch schließlich eine Verständigung: Er erklärt den Fremdwesen, daß wir Menschen durch unsere Biologie von Geborenwerden und Sterben exakt dieser linearen Existenz unterworfen sind – insbesondere auch, was unser Handeln, Denken und Planen angeht. Er wählt zur Verdeutlichung die Analogie eines Spieles, welches zwar festen Regeln unterworfen ist, bei dem hingegen aber der exakte Verlauf nicht vorherbestimmt werden kann. Als Kontrast zur den in ihrer „Ewigkeit“ etwas rigide und eher passiv wirkenden Fremdwesen, erklärt der Protagonist die Neugierde und Flexibilität der Menschen mit genau ihrer linearen Natur: Dadurch, daß der „Spielverlauf“ nicht festgelegt sei, wären Überraschung, Neugierde und Agilität gegenüber dem, was kommen könnte, kennzeichnende Charakteristika unserer Art. Die Fremdwesen können dieser Erklärung gut folgen, obwohl das Konzept selbstverständlich sehr stark im Gegensatz zu ihrer eigenen Daseinsform steht.
Da entdecken sie plötzlich in der Psyche unseres Protagonisten etwas Erstaunliches – und sofort konfrontieren sie diesen mit jener Szene, die sie ihm kurzerhand vor Augen stellen: Er selbst, in einem brennenden, auseinanderfallenden Raumschiff, unfähig seine sterbende Frau unter einem verbogenen Stahlträger hervorzuziehen. Unser Protagonist ist entsetzt und sagt, daß dies ein schrecklicher Moment seiner Vergangenheit sei, von dem er sofort weg wolle. Die Aliens hingegen sind verwundert und fragen ihn, warum er denn dann dennoch dort emotional existieren würde. In diesem Moment erkennt der Protagonist, daß es zumindest in unserem Geist Orte gibt, die „nicht-linear“ sind, eingefrorene Zeit, Trauma-Orte des Ausgeliefertseins, von denen wir uns bisher nicht (er)lösen konnten.

Genau diese „Orte des Ausgeliefertseins“ meint auch Jeff Brown, wenn er sagt, daß wir dort „weiterhin leben“. Unerlöste Seelenorte, die unsere heutigen Absichten und unsere heutigen Beziehungsdynamiken mit ihren Kräften von Zurücksetzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Erniedrigung und sogar Gewalt fortgesetzt beeinflussen. Beeinflussen können – weil sie in uns auf gewisse Weise noch nicht geendet haben.
Leider aber eben auch Orte, die wir aufgrund der von uns getroffenen Wahlen (oder nicht-Wahlen – aber auch das sind ja genau genommen Wahlen) noch zu „unserem Zuhause“ zählen.
Fremdgenerierte Zurücksetzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Erniedrigung und Gewalt der Vergangenheit „wohnen“ also auch heute noch mit uns – und warten damit auch genau genommen bereits auf diejenigen Leute, die wir absehbar mit in unser Leben, „unser Haus“, einladen werden.

Dies ist der Punkt, an dem Mehrfachbeziehungen zu einem Zerrbild des von mir sonst auf diesem bLog so eifrig propagierten „Mehr als die Summe der Teile“ werden können – weitaus dramatischer als jede bloße Paarbindung aus lediglich zwei Personen.
Insbesondere dann, wenn wir Mehrfachbeziehungen aus dem unbewußten Wunsch heraus eingehen, es mit unseren anderen unangenehmen „Mitbewohnern“ nicht mehr gar so allein „zuhause“ aushalten zu müssen. Bereits in Eintrag 58 warne ich davor, andere Menschen für persönliche Bedürfnislücken einzuspannen, um mittels dieses Kunstgriffs das Maß an eigenem Wohlbefinden zu erhöhen.
Auf diese Weise wird sich dann nämlich viel eher das alte Polyamorie-Axiom bestätigen: „Du willst mehr Drama? Füge weitere Personen hinzu!“.

Um unser eigenes Haus aufzuräumen benötigen wir – wie ich in zahlreichen Einträgen schrieb – Bewußtheit, Hinsehen-Wollen und vor allem eine Menge Mut. Andere Menschen können uns dabei bestenfalls vielleicht unterstützen, die Arbeit selbst dazu bleibt aber ganz und gar nichtsdestoweniger allein die Unsrige.

Heute, da ich selbst seit knapp drei Monaten selber (wieder) an einem Neubeginn in Sachen Mehrfachbeziehung stehe, kann ich Euch, meinen werten Leser*innen, vermutlich keine erlösende Pointe präsentieren.
Ich wollte mit Euch allerdings in diesem Artikel die Weisheit in den Worten von Jeff Brown teilen, da seine Eingangsbemerkung für mich einen wichtigen Schlüssel in dieser Sache enthält: Die Anerkenntnis des Vorhandenseins unserer Rüstung und die Anerkennung der jeweiligen Natur und Herkunft unserer Rüstung.
Die beschriebenen Rüstungen haben wir uns (und das wissen wir in unseren Herzen sehr gut) nicht aus Arroganz, Eitelkeit oder Selbsterhöhung heraus angelegt. Auch unsere Liebsten haben das entsprechend also nicht getan.
In unseren (Mehrfach)Beziehungen werden wir demgemäß stets in einem gewissen Maß an noch vorhandener „Aufrüstung“ aufeinandertreffen, weil ein Teil unserer Welt, unseres „Zuhauses“ für uns – in den Worten von Meister Brown – noch ausreichend „beängstigend“ ist. In der Tat kann der Beginn einer Mehrfachbeziehung daselbst erst einmal sogar noch eine ganze Menge „Beängstigung“ enthalten oder noch obendrein hinzufügen – je nachdem, wie unsere eigenen unerlösten Momente inneren Ausgeliefertseins beschaffen sind.
Druck, übereiltes Handeln oder Erwartungen sind hier also in jedem Fall die schlechtesten Herangehensweisen.

Was aber gibt uns Hoffnung auf Abrüstung?
Ich glaube, das ist unsere Liebe. Oder meinethalben eine Nummer kleiner zur Beginn einer Beziehung: Unsere Verliebtheit.
Denn irgendwo da, an diesem Beginn muß es jenen Moment gegeben haben, als unser Gegenüber – und sei es auch nur für einen kleinen Moment – sich verletzlich gezeigt hat, Panzerung und Schilde senkte, so daß wir das „Licht an deren Ursprung“ erkennen konnten.
Und es ist doch exakt dieses Licht, welches uns angezogen, uns fasziniert hat; das Licht, in dem wir die Zugewandheit und Verbundenheit unserer Seelen für einen Augenblick bereits erkennen konnten.

Wenn der Schriftsteller Henry David Thoreau Recht hat, daß „Liebe sowohl ein Licht als auch eine Flamme sein muß“, dann wird es eben diese Flamme sein, die den Kern unserer Rüstungen zu Sanftheit schmelzen kann.
Gewähren wir uns und einander daher Zeit zur Erlösung.
In unserem eigenen einzigartigen Tempo.



¹ dyadisch: fachsprachlich = zu einem Zweiersystem gehörig (welches auch ausschließlich aus zwei Einheiten besteht).

² Mono-Amorie/Monoamorie verwende ich auf diesem bLog als bewußt entgegengesetzte Formulierung zu dem Begriff „Polyamorie„. Da „Polyamorie“ aus altgriechisch πολύ poly „viele“ und lateinisch amor „Liebe“ zusammengesetzt ist und daher „viele Lieben“ bzw. die „Viel-Liebe“ zu mehreren bezeichnet, steht „Monoamorie“ (aus altgriechisch μόνος monos „ein-/einzig-“ und lateinisch amor „Liebe“ zusammengesetzt) für die Liebe zu nur einer einzigen anderen Person. Eine Erscheinungsform der Mono-Amorie ist z.B. die Ehe = Monogamie.

³ Und noch einmal Dank an Anaïs Nin für dieses wundervolle Zitat!

Danke an 4317940 auf pixabay.com für das Foto!

Eintrag 75 #Konflikt

Erste allgemeine Verunsicherung*

Vor wenigen Wochen war es nach fast auf den Tag genau drei Jahren so weit: Oligotropos befindet sich wieder offiziell in Mehrfachbeziehung!
Daß es bis dahin zwei Coronajahre und einen russischen Einmarsch brauchte…– nun, verbuchen wir diese Tatschen mal unter „Ironie des Schicksals“. Ebenso, daß das erste gemeinsame Date prompt wegen den plötzlich auflaufenden Orkantiefs „Ylenia“ und „Zeynep“ verschoben werden mußte…
Stürmische Zeiten hingegen sind ein gutes Stichwort für meinen heutigen Eintrag, denn wir benötigten dann auch nur ganze zwei Dates, bis auch schon „Gewitter im Paradies“ aufzog, vulgo: Wir unsere erste kleinere Beziehungs(gründungs)krise hatten.
Was war geschehen?
Nun, da es hier auf meinem bLog um die Oligoamory geht, die ich selbst als Unterform der Polyamorie ansehe – und wenn man möchte, auch gewissermaßen um Polyfidelity¹, da ich mit meiner Vorsible „oligo-“ ja nun doch die Beteiligung von eher wenigen Beziehungsteilnehmer*innen bewerbe – könnte ich zuallererst den guten alten Scott Peck hervorholen, der, was Gemeinschaftsbildungsprozesse anging, stets feststellte, daß auf eine erste Phase von Harmonie in Beziehungen im nächsten Schritt unabwendbar eine sogenannte „Chaosphase“ folgen müsse, in der die Ego-Anteile der Beteiligten munter miteinander kollidieren würden (erstmals auf diesem bLog Eintrag 8).

Diese Erkenntnis vorweggenommen, möchte ich hier an dieser Stelle allen Mehrfachbeziehungen, die jetzt vielleicht gerade in irgendeiner Art von Clinch liegen, zusprechen: Keine Panik – vielleicht befindet Ihr Euch gerade (mal wieder) in einer „Chaosphase“.
Habe ich „mal wieder“ gesagt? Ja, das habe ich, ebenfalls in Übereinstimmung mit dem genialen Scott Peck, der konstatierte, daß in jedem bestehendem Beziehungs- bzw. Gemeinschaftsgebilde die Chaosphase nach einer Zeitspanne der Harmonie periodisch immer wieder aufgesucht werden müsse – und daher auch aufgesucht würde (ob man wolle oder nicht). Scott Peck wandte dazu aber ein, daß nachfolgende „Chaosphasen“ meist (aber durchaus nicht immer…) weniger heftig ausfallen würden, als die ersten Ego-Kollisionen speziell der Anfangs- und Gründerzeit.
Als besonders tröstlich möchte ich erwähnen, daß Scott Peck ebenfalls implizierte, daß – im Vergleich – eine konfliktlose Beziehung vermutlich eher der ungünstigere Indikator für den Grad der Miteinander-Vertrautwerdung sei, da regelmäßige Chaosphasen eindeutige Kennzeichen eines sich vertiefenden Gemeinschaftsbildungsprozesses seien; Beziehung, die hingegen alle Zeit nach außen einträchtig aufträten, höchstwahrscheinlich Gebilde seien, in denen der Ausdruck individueller Unterschiede der Beteiligten darin auf irgend eine Weise unterdrückt wäre.

Was war eigentlich bei mir, bei uns, im konkreten Fall geschehen?
Ich, Oligotropos, hatte dem neu dazukommenden Lieblingsmenschen einen privaten Umstand über den bereits an meiner Seite vorhandenen Lieblingsmenschen mitgeteilt. Schon so oder so nicht unbedingt ein feiner Zug und darum sicher nicht das klügste Manöver, da ich zu dem Punkt den Lieblingsmenschen an meiner Seite bezüglich aktueller Art und Ausprägung diese Umstandes gar nicht mehr eingehender befragt hatte.
Daher operierte ich genau genommen bereits zu diesem Punkt im Reich meiner eigenen Annahmen, was, wie wir aus der „gewaltfreien Kommunikation (GfK, Eintrag 20)“ wissen, höchst ungünstig ist, weil wir dadurch die betroffene Person unmündig machen – und meist allein dadurch schon ein Weg in den Konflikt eröffnen.
Wenn Du das so gut weißt, Oligotropos, warum machst Du das dann?“
Sehr gute Frage. Ich glaube, wenn ich mir das Unwetter in meiner frischen Beziehung von vor mehreren Tagen anschaue, dann bleibt als Hauptmotivation auf allen Seiten vor allem „Angst“ im Sinne von „Unsicherheit“ übrig.
Ich z.B. war mir betreffs meines „Bestandslieblingsmenschen“ und dessen möglicher Reaktionen unsicher. Und daher versuchte ich, gewissermaßen manipulativ, zwei Dinge: Einmal den neu dazukommenden Lieblingsmenschen auf meine Seite zu ziehen (ein Verhalten übrigens, was man in vielen Familien und etablierten Freundeskreisen regelmäßig beobachten kann und welches „Gefangene machen“ genannt wird, indem man frühzeitig versucht, sich unter dem vorhandenen Personenkreis vermeintliche Unterstützer für die eigene Position zu sichern, z.B. à la „Tony, Du hast doch neulich auch gesagt, daß die Mira immer etwas schlampig in der Küche ist; Du meinst doch genauso…“) – und, für mich viel wichtiger: Ich hoffte, durch die Information ein mögliches Verhalten meines neuen Lieblingsmenschen gegenüber meinem vorhandenen Lieblingsmenschen zu verhindern, durch welches ICH danach in eine Stresssituation hätte geraten können. Im Fazit also purer narzisstischer Selbstschutz der Marke „Ich möchte keinen Schmerz fühlen / Tu‘ mir nicht weh.“
An dieser Stelle fällt noch einmal umso mehr auf, wie tief ich bereits an diesem Punkt in einem Annahme-Film eigener Ressentiments gefangen war: Ich bemühte einen Abfangversuch für ein eventuell – aber auch vielleicht nicht – eintretendes Verhalten hinsichtlich eines bis dahin nicht gezeigten und auch möglicherweise gar niemals eintretenden Umstandes. Mein Geist versuchte also bereits eine Karte aus einer ausgelösten Angst heraus zu spielen, daß ja ein Umstand eintreten könnte „genau so, wie ich ihn schon einmal erlebt hatte“. Was ja der Kerngehalt eines „Ressentiments“ ist, bei dem ich zuletzt in Eintrag 70 (aber auch maßgeblich in Eintrag 36) beschrieb, daß unser Verstand leider stets nur in der Lage ist, uns gerade im Zweifelsfall immer bloß eine sehr ungenaue Kopie eines Schmerzerlebnisses aus unserer Vergangenheit als Blaupause für etwaig zu erwartende Umstände darzureichen.
Und das funktioniert obendrein umso schlechter, je weniger bis zu dem Zeitpunkt zusammengetragene Vertrauens-Grundlage wir als Gegengewicht zum Abgleich aufbringen können – womit uns so etwas regelmäßig am Heftigsten zu Beginn neuer Beziehungen erwischen wird.

Gleichzeitig hoffte ich, daß ich mit diesem Hasardeursstück unbeholfener Zweiseitendiplomatie ausreichend gut für potentielle Zwischenfälle zwischen meinen beiden Lieblingsmenschen vorgesorgt hatte, was leider ein häufigeres Dilemma von „Mittelleuten“ (auch „Hinge-Partner“ [von engl. „hinge“ = Scharnier/Angel] auf Dazwischenpositionen in Mehrfachbeziehungen ist, indem man dort schnell dem Glauben verfallen kann, maßgeblich der Harmonie in der Gesamtbeziehung verpflichtet zu sein (nur um, wie wir oben gesehen haben, dadurch erneut Entmündigung zu verursachen, womit meist ein allseitiger Bärendienst erwiesen wird).
Daher lautet Scott Pecks erster Satz in seinem Kapitel „Chaos“ auch passenderweise: „Das Chaos entsteht immer durch gut gemeinte, aber unangebrachte Versuche zu heilen oder den anderen zu ändern.“ Ich hatte mich an beidem probiert – und auch noch mit Ziel einer Zukunft, die eventuell gar nicht eintreten würde…

Durch meinen unklaren Schritt reichte ich den ursprünglichen Staffelstab meine Ängste („Ich möchte keinen Schmerz fühlen / Tu‘ mir nicht weh.“ ) nun an meinen neuen Lieblingsmensch weiter. Und dieser spürte intuitiv korrekt in meinem Handeln nicht den ohnehin etwas gönnerhaften Schutzaspekt, sondern empfand darin sofort die übergriffige sowie bevormundende Einschränkung der eigenen Handlungsfreiheit. Da ich ungeschickterweise auch noch einen Umstand über meinen anderen Lieblingsmenschen in meine Botschaft verpackt hatte, löste dies neben Verstörung zusätzlich noch Drama-Alarm bei dem neu hinzukommenden Teil hinsichtlich der Geklärtheit meiner Bestandsbeziehung aus. Was wiederum kein so großes Wunder war, da ja auch die neu hinzukommende Person, was mich oder meinen anderen Lieblingsmenschen anging, noch auf keine ausreichend etablierte Vertrauensgrundlage aus gemeinsamen Erfahrungen zurückgreifen konnte.
Was allerdings geschah war, daß der von mir in Bewegung gesetzte „Angst-Zug“ nun wiederum in Inneren meines neuen Lieblingsmenschen mit dessen Ressentiments (also grob passenden Vorerfahrungen) neu eingekleidet wurde:
Da sich diese Person selbst als jemand sah, der über weniger Beziehungserfahrung verfügen würde als ich, nahm diese meine Initiative als Versuch auf, ihr – gewissermaßen als „Juniorpartner“ – einen bereits vordefinierten, eng abgesteckten Platz mit nur wenig Handlungsvollmacht innerhalb des sich entfaltenden Beziehungskonstrukts zuzuweisen. Da unsere Beziehung gerade erst begann, verstärkte sich die Angst dahingehend, daß potentiell gar kein Raum für individuelle Beziehungsgestaltung in dyadischer Form (= als Zweierbeziehung nur zwischen ihr und mir) möglich sei und sie sich den Entscheidungen der Bestandsbeziehung – inklusive eines einseitigen Beendens der Beziehung – ausgesetzt sah (quasi Auswirkungen von hierarchische Polyamorie, Einhornstatus und Paarprivileg² in ihren schlimmsten Formen).

In Zeiten schneller Messenger-Dienste kann so etwas eine bemerkenswerte Dynamik annehmen, z.B., wenn – wie bei uns geschehen –, dann sowohl meine Bestandspartnerin als auch natürlich ich mit diesem Bedenken per Nachricht und Bitte um Klärung (zwischen uns als Paar!) konfrontiert wurden.
Meine Bestandspartnerin traf diese Botschaft quasi aus heiterem Himmel (keine gute Startbedingung für einen Konflikt…) und selbst ich mußte zwischen trauriger Überraschung (Wie hatte man mein gutes Ansinnen nur SO mißverstehen können?) und aufwallendem Zorn (Und wie konnte irgendjemand, mich, Oligotropos, überhaupt nur SO wahrnehmen?) verzweifelt sortieren, was mir da eigentlich gerade um die Ohren flog.
Natürlich war der Lieblingsmensch an meiner Seite ebenfalls aus der Fassung, wie er so unversehens als Teil eines hegemonialen Privilegien-Paares gezeichnet wurde – wobei es nicht gerade half, daß die betroffene Person dadurch messerscharf schließen konnte, daß da irgendwo in der allmählich auflaufenden Konfliktkette ein Informationselement existieren mußte, von dem sie bisher als einzige wohl keine Kenntnis hatte…
Und damit erreichte der Angst-Zug den nächsten Bahnhof, wo ein erneutes Ressentiment-Refurbishing erfolgte: Für meine Bestandspartnerin war die Informationslücke gemäß einer mißglückten Vorbeziehung nämlich exakt ein Zeichen von ausgeschlossen- und nicht-ernst-genommen-Werden, wodurch für sie nun wiederum die Warnlampe anging, daß sich bereits zwischen „der Neuen und mir“ eine Informationsblase gebildet hätte, von der sie selbst abgeschnitten sei und überhaupt der neue Lieblingsmensch wohl ohnehin an ihr als Person gar nicht wirklich interessiert sei…

Womit ich durch meine vorauseilende Panikdiplomatie genau das Szenario über mich heraufbeschworen hatte, was ich ursprünglich damit hatte verhindern wollen; klassisches Drama inklusive schlechter Gefühle und getrübter Stimmung auf allen Seiten.

Recht passend vom Bild her scheint mir dazu das Lied „Sieben“ ³ der Pagan-Folk-Gruppe „Faun“, welche darin eine Art Beschwörung zwischen zwei Personen präsentieren, die – sich scheinbar nahe – überlegen eine Beziehung miteinander einzugehen. Zunächst werden Dinge dargeboten, Versprechungen gemacht. Im Laufe des Liedes verändert sich allerdings allmählich die Qualität der Beschwörung von einer Verheißung eher hin zu einer Art Bann. Am Ende heißt es gar: „In Deiner Welt da läge ich falsch – und meinen Ring legst du mir um den Hals […]; Sieben Schritte sind sieben zuviel – Wege führ’n weiter ohne Ziel.“
Dieses fast archetypische Lied wirkt auf mich überaus weise.
Manchmal liegen nur sieben Schritte zwischen uns – aber sogar diese „sieben Schritte“ sind für unsere Ressentiments und unsere Ängste – die sich drauf berufen wollen, daß man der gegenwärtigen Situation ja nicht vertrauen darf – schon zu weit.

Was können wir also tun – gerade wenn wir im Anfangsstadium einer Beziehung stehen – und wir für einen (manchmal langen) Moment den Stimmen glauben möchten, die uns suggerieren, daß es da noch so gar keine Vertrauensbasis gegenüber den anderen gibt?
Was hat mir – und was hat uns am Ende geholfen?

Am allerwichtigsten für mich war es– abgesehen von einem flotten Durchdenken, wie diese „Eisenbahn“ zustande kommen konnte, aus meinem eigenen Angst-Zug bewußt auszusteigen. Dabei aber den Zug anzuerkennen, daß er da ist: „Hey, ja Oligotropos, Du hast Angst, bist verunsichert, fürchtest derzeit schnell, daß Du diese neue zarte Beziehung noch verlieren könntest.“
Dieses Eingeständnis hat mir enorm geholfen – auch weil es mich darin unterstützt hat, dadurch herauszufinden, wie und wo ich von meinem geraden Weg des Fühlens, Denkens und Handelns abgewichen bin, um lieber den verrückten Bocksprüngen eines getriebenen „Was-wäre-wenn“-Szenarios hinterherzulaufen. Der Angst-Zug in mir ist immer noch da, dafür ist die Beziehung schlicht noch nicht lange genug in meinem Leben.
Aber wie der buddhistische Sifu Shi Heng Yi einmal sagte „Freiheit bedeutet, nicht jedem Gedanken in mir nachgeben zu müssen.“ Und das ist für meinen Angst-Zug eine wichtige Botschaft: Er darf da sein – aber ich muß ihn nicht mehr mit einem Bauch voll glühender Kohlen aus meinem Bahnhof herausrasen lassen. Dadurch kann ich auch meinen anderen Lieblingsmenschen viel besser zeigen, was in mir ist – und daß da auch diese Angst ist. Da ich dies aber auf eine verständliche Weise tue – und darin bei mir bleibe – werde ich damit gesehen, und viel eher mit Mitgefühl und Empathie empfangen.

Was mir ebenfalls enorm geholfen hat war, dem berühmten Indianer-Sprichwort zu folgen und „mich einmal in die Mokassin der Anderen hineinzustellen“. Dadurch gelang es mir, deren „Bahnhöfe“, soweit mir möglich war, zu betreten und zu erkennen, wie ich mit meiner eigenen Verunsicherung vor allem exakt diese Verunsicherung (und eben nicht meine recht planlos hineingeflochtene Botschaft) weitergegeben habe, die sich dann in den jeweiligen Ängsten der anderen nur zu leicht weitermanifestieren konnte. Und ich konnte erkennen, daß wir in der Eigenschaft des noch nicht etablierten Grundvertrauens buchstäblich „alle in einem Boot“ saßen – in einer Form, in der niemand von uns dadurch einen vermeintlichen Vor- oder Nachteil davon hatte. Und vor allem konnte ich dadurch erkennen, daß es ungeachtet dessen überhaupt keinen Grund gab, irgendeinem von den anderen zu mißtrauen.

Umso mehr habe ich durch die Auseinandersetzung, die unweigerlich folgte, erneut noch einmal mehr gelernt, Verantwortung für mich und Verantwortlichkeit für mein Handeln zu übernehmen. In Eintrag 11 blogge ich über die guten Gründe, die unserem jeweiligen persönlichen und situativen Handeln zugrunde liegen. Und für uns selbst ist das alles ja auch nachvollziehbar; wir selbst sollten uns – und unsere Beweggründe (ja, auch und gerade die nicht ganz so linearen…) – am Besten kennen.
Wenn wir damit aber bei den anderen Beteiligten Verunsicherung und sogar Schmerz ausgelöst haben, dann müssen wir diese nicht sämtlich mit den anderen Parteien durchdeklinieren, und sei es nur, weil wir uns wünschen, daß wir darin ganz genau verstanden werden. Vielleicht wollen wir für uns damit nämlich doch nur in irgendeinem Argument festhalten, daß wir eigentlich gar nicht anders handeln konnten. Viel wichtiger aber ist, daß wir selbst erkennen, daß wir gerade trotz all unserer wohlbekannten eigenen guten Gründe, ganz und gar nicht gezwungen waren genau so zu handeln. Und manchmal war es schlicht ein nicht ganz so weiser Entschluß, den eigenen Zug aus dem Bahnhof fahren zu lassen, hinaus in die weite Welt, beladen mit alter Angst, situativer Unsicherheit und vorzeitigem Mißtrauen. Daß so eine Fracht da draußen Ersprießliches hervorbringen würde, war doch eher unwahrscheinlich…
Solch ein Zug, der so alsbald zu einer veritablen Eisenbahn mit vielen Wagen heranwachsen wird, befährt aber eben nur ein Gleis – und das führt am Ende lediglich gemeinsam in den Abgrund.
Wenn also „Freiheit bedeutet, nicht jedem Gedanken in mir nachgeben zu müssen“, dann ist es besser, das Bahnhofsgebäude wohlgemut zu verlassen und statt des einen unbarmherzigen Gleises die vielen Wege zu sehen, die es außerhalb davon sonst noch gibt – und bei jeder Kreuzung erneut aufmerksam zu sein, ob etwas wirklich so geschieht, wie wir erwarten würden.



* Zufällig beabsichtigte Ähnlichkeit des Titels mit der gleichnamigen österreichischen Pop-Rockband aus dem Jahr 1977 😉

¹ Polyfidelity ist eine Beziehungsform der polyamoren Nicht-Monogamie, in der alle Mitglieder als gleichberechtigte Partner betrachtet werden und sich darauf einigen, sexuelle oder romantische Aktivitäten nur auf andere Mitglieder der Gruppe auszudehnen. Polyfidele Beziehungen sind in dem Sinne „geschlossen“, als daß die Beteiligten vereinbaren können, keine sexuelle oder romantische Intimität mit jemandem zu haben, der nicht in der Beziehung ist. Neue Mitglieder können z.B. mit einstimmiger Zustimmung der bestehenden Mitglieder in die Gruppe aufgenommen werden, oder die Gruppe ist konzeptionell nicht an einer weiteren Expansion interessiert. Englischer Wikipedia-Link.

² Paar-Privileg: Wenn ein bestehendes Paar zum ersten Mal die Idee der Polyamorie erkundet, kann es sehr verlockend sein, zu versuchen, so viele Elemente der Monogamie wie möglich beizubehalten. Die Lösung, die auf der Hand zu liegen scheint und vielen sofort einfällt, besteht darin, eine bisexuelle Frau zu finden, die mit beiden Mitgliedern des Paares in einer treuen Dreierbeziehung Sex hat. Wenn beide Sex mit derselben Person haben, wird doch niemand eifersüchtig sein, oder? Wenn alle treu sind und niemand mit jemand anderem Sex hat, muß niemand sich Sorgen machen, daß irgendwelche Partner mit der ganzen Welt Sex haben, oder? Und natürlich ist es eine Frau – Bisexualität bei Frauen ist heiß, aber Bisexualität bei Männern ist irgendwie eklig, oder?
Solche legendären Bi-Frauen werden „Einhorn“ genannt und die 1.872.453014 Paare, die nach ihnen suchen, „Einhornjäger“. Der Gedanke, nach einem Einhorn zu suchen, scheint völlig vernünftig zu sein – aber er beruht auf vielen Erwartungen, die die bestehende Beziehung privilegieren, auch wenn es nicht so aussieht. Warum? Weil sich fast nie über die Bedürfnisse des „Einhorns“ Gedanken gemacht wurde. Sie war nicht Teil des Gesprächs – und wie sollte sie auch? Meistens hat man sie ja noch nicht einmal kennengelernt. Wenn man im Voraus für jemanden entscheidet, wie die Regeln einer Beziehung aussehen, so ist das entmündigend. Vor allem aber wurde meist nicht darüber nachgedacht, daß das, was verlangt wird, die ursprüngliche Paar-Beziehung hierarchisch über die Beziehung zu dem „Einhorn“ stellt. Das Paar legt fest, wie viel Raum das „Einhorn“ in der Beziehung einnehmen darf.
Privilegien sind eine heimtückische Sache; es ist sehr schwierig, darüber nachzudenken, wie man seinen eigenen bestehenden Beziehungen einen Haufen unverdienter Vorteile verschafft, wenn man sich nicht einmal bewusst ist, worin diese Vorteile bestehen. (Text nach Franklin Veaux So What Is Couple Privilege, Anyway?)

³ Faun: Sieben von ihrem Album „Totem“, 2007; Link zum Text

Weiterhin einmal mehr danke an den Autor und Gemeinschaftsbildungsspezialisten Scott Peck und sein diesbezügliches Buch „Gemeinschaftsbildung“ (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag
– und Dank an Thanh Công Tử auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 74

Unteilbar – oder: Mittendrin

Da gibt es ja diesen alten Scherz über den Zen-Meister am Imbißstand, der, als er gefragt wird, wie viele Brötchen er denn haben möchte und was deren Belag sein solle, antwortet: „Eins mit Allem!“

Was eine wunderschöne und sehr oligoamore Antwort ist, wie ich aus aktuellem Anlaß in diesem Eintrag bestätigen möchte – und damit meinen Artikel zugleich dem am 22. Januar diesen Jahres verstorbenen buddhistischen Mönch, Schriftsteller und gewaltfreien Kommunikator Thích Nhất Hạnh widmen.

Ebenfalls im Januar diesen Jahres war ich nämlich zugleich mal wieder in eines meiner Erklärbär-Gespräche über Oligo- und Polyamorie verstrickt, welches bei meinem Gegenüber nur bedingt auf Verständnis traf. Meine Gesprächspartnerin hatte sich meine Herangehensweise an ethische Mehrfachbeziehungen eine Weile angehört, sprach aber schließlich: „Ich selbst könnte mir vielleicht in einer einsamen Stunde vorstellen, gleich zwei Männer für mich zu haben, die nach meiner Pfeife tanzen. Aber selbst mit einer (oder gar mehreren) anderen Frauen zu teilen, wäre für mich undenkbar.“

Da ich in solcherlei Dingen gewöhnlich nicht als Missionar antrete und jedem Menschenkind das Recht auf eigene Meinung in diesen Dingen zubillige, habe ich mich einige Zeit später schmunzelnd allein mit dieser Aussage noch einmal auseinandergesetzt, die ja doch einige Marker enthält, wie wir selbst in der Jetztzeit noch oftmals genug über den Stellenwert von uns selbst, anderen Menschen, den konkreten Sinngehalt von Beziehungen und unsere Position in der Welt denken. Und erschreckenderweise ist dies immer noch in der Hauptsache einigermaßen gewaltsam, wie der Kommunikationsforscher Marshall Rosenberg vermutlich analysiert hätte.
So könnte auch ich nun also anmerken, daß es doch gerade zu den Kernstücken ethischer Mehrfachbeziehungen gehören würde, andere Menschen auf keinen Fall als „Ressource“ anzusehen, die man sich „sichern“ müsste, um sie ganz „für sich“ zu haben. Oder daß man dort Lieblingsmenschen niemals die Rolle von „Siri“ oder „Alexa“ zuweisen sollte, um sie „nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen“.
Genauso könnte ich aber auch amüsiert sagen, daß schon seit dem 5. Jahrhundert vor Christus im antiken Griechenland sich Überlegungen Bahn brachen, daß es Dinge im Universum geben müsse, die „atomos“, also unteilbar, sind. Wozu ich mal im Guten gesunde menschliche Persönlichkeiten zählen würde. Und hier auf diesem bLog habe ich schon erwähnt, daß wir Menschen richtigerweise manches miteinander teilen sollten und müssten (z.B. mit Gerald Hüther in Eintrag 4: unsere Nahrung, unseren Lebensraum, unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, unsere Erfahrung).
Unser „Selbst“ hingegen, da habe ich in der Oligoamory stets ganz eindeutig Stellung bezogen: Das sollte immer höchstmöglich „ganz“ sein, und jede*r unsere*r Lieblingsmenschen dürfte auch genau deswegen darauf bauen dürfen, uns immer „komplett“, zu 100% präsent und vollständig investiert zu erleben.

In der oberen Aussage meiner damaligen Dialogpartnerin ist hingegen also auch jene Angst herauszuhören, die Gedanken an Mehrfachpersonenkonstellationen in Sachen Liebe so häufig begleiten: als wertgeschätztes Individuum in so einem Beziehungsgemenge unterzugehen, aus geliebten Augen verloren zu werden, Opfer von Austauschbarkeit und Beliebigkeit zu werden. Und damit ebenfalls die Projektion, dadurch selbst zu einer Art „Ressource“ zu geraten, die bei Bedarf zu allseitigem Wohl und Sonnenschein beitragen darf – aber bei eigenem Weh allein auf sich selbst und ins Dunkle zurückgeworfen ist.

Und diese Angst ist ja nicht absurd oder weit hergeholt. In Eintrag 26 zitiere ich den schweizerischen Beziehungsforscher und Coach Daniel Hess sowie die Anthropologin Jean Liedloff, die dieses Gegenwartsphänomen unsere alltägliche „Trennungsrealität“ nennen. Denn in unseren „Normalleben“ machen wir alle nämlich immer noch nach wie vor sehr überwiegend die Erfahrung, daß die Dinge klar voneinander abgegrenzt getrennt existieren sollen. Ja, so existieren „müssen“ um sich bloß nicht in einem schwer fassbaren, irgendwie irregulären Ungefähr zu befinden. Das betrifft Begriffe, Besitzverhältnisse, Hierarchien und also auch Beziehungen. „Dies“ oder „das“, „mein“ oder „dein“ – die Wichtigkeit dieser Kategorien bestimmt unser Dasein in westlichen Industrienationen schon von Kindesbeinen an.
Kluge Köpfe wie Daniel Hess oder Jean Liedloff möchten uns aber daran erinnern, daß diese Kategorien durchweg künstliche, menschengemachte Einteilungen sind – und daß diese langfristig nicht zu unserem Wohlbefinden beitragen. Ganz im Gegenteil hält uns diese von uns künstlich errichtete „Trennungsrealität“ von unserer Authentizität, von Angstfreiheit, von echter Verantwortungsübernahme für unser Leben, ja, von unserer vollen Würde als Menschen fern.
„Teilung“ und „Trennung“ sind also die Krücken, an der wir uns durch den Alltag schleppen – durch ein selbstgeschaffenes Labyrinth aus grauen Sackgassen.

„Ganzheit“ wäre also das wesentlich gesündere Ziel – bzw. wenigstens ganz-Werden – und vielleicht irgendwann sogar ganz „Sein“. Es geht um einen Zustand von weitestgehender Infriedenheit, die ich auch mit meinen oligoamoren Beziehungen herbeizuführen wünsche. Trotzdem haben wir oft Angst davor, weil wir schnell glauben, daß der Preis von Ganzheit eben dieses gefürchtete „Verlorengehen“ sein könnte.
Der libanesisch-US-amerikanischer Philosoph und Poet Khalil Gibran schrieb dazu einmal folgenden Text¹:

Man sagt, dass ein Fluss, bevor er ins Meer mündet,
vor Angst zittert.
Sie blickt zurück auf den Weg, den sie zurückgelegt hat,
von den Gipfeln der Berge,
die lange, gewundene Straße durch Wälder und Dörfer.
Und vor ihr,
sieht sie einen Ozean, der so groß ist,
dass das Eintauchen
nichts weiter zu sein scheint, als für immer zu verschwinden.
Aber es gibt keinen anderen Weg.
Der Fluss kann nicht zurückgehen.
Niemand kann zurückgehen.
Zurückzugehen ist in der Existenz unmöglich.
Der Fluss muss das Risiko eingehen
in den Ozean einzugehen
denn nur dann wird die Angst verschwinden,
denn dort wird der Fluss wissen.
dass es nicht darum geht, im Ozean zu verschwinden,
sondern der Ozean zu werden.


Anrührende Worte, bei denen ich, auf ethische Mehrfachbeziehungen übertragen, sagen möchte: Es geht eben nicht darum, in einem verworrenen Beziehungsdickicht unterzugehen, sondern darum – wenn wir uns einmal dafür entschieden haben – unsere Beziehungsphilosophie mit Haut und Haar zu leben, sie für uns zu erschließen und sie wie eine zweite Haut innezuhaben, sie tagtäglich und alltäglich mit unserm ganzen Wesen zu umarmen.

Wir sollen also gewissermaßen unsere Beziehungen „sein“ ? Wie wäre so etwas auch nur annähernd möglich?
Wir müssen uns dazu aus unserer selbstgebauten Trennungsrealität herausdenken – und für mich hat dies niemand bislang besser formuliert als der eingangs erwähnte buddhistische Weisheitslehrer Thích Nhất Hạnh.

Dieser prägte für die dazu passende Einstellung den Begriff des „Inter-Seins“, den ich statt „dazwischen Sein“ viel eher mit „inmitten Sein“ oder „mitten darin Sein“ übertragen würde.
Der Begriff, der eine Übersetzung des englischen Wortes »interbeing« ist, ist eine Annäherung an das vietnamesische tiep hien. Thich Nhat Hanh schrieb in seinem Buch „Interbeing: Fourteen Guidelines for Engaged Buddhism“ (Parallax Press, 1987), dass tiep „in Kontakt sein mit“ und „fortfahren“ bedeutet. Hien bedeutet „verwirklichen“ und „es hier und jetzt machen“.

Eine grundlegende buddhistische Lehrmeinung, die Pratitya-samutpada oder „abhängiges/bedingtes Entstehen“ genannt wird, besagt nämlich, daß alle Phänomene aufeinander angewiesen sind.
Inhalt dieser Anschauung ist, daß nichts eine unabhängige Existenz hat (womit ich übereinstimmend schon in Eintrag 8 Osho widerspreche). Was auch immer existiert, entsteht aufgrund von Faktoren und Bedingungen, die von anderen Phänomenen geschaffen wurden.

Thích Nhất Hạnh widmete sein ganzes Leben dem Mahayana-Buddhismus, insbesondere einer Denkschule, die dort Madhyamaka gewissermaßen „mittlerer Weg“ genannt wird und sich hauptsächlich mit der Natur des Daseins beschäftigt.
Im Madhyamika heißt es, daß nichts eine innewohnende, dauerhafte Eigennatur hat. Stattdessen sind alle Phänomene – einschließlich aller Wesen, also auch der Menschen – vorübergehende Zusammentreffen von Bedingungen, die ihre Identität als individuelle Dinge aus ihrer Beziehung zu anderen Dingen erhalten.

Kompliziert? In Eintrag 57 wähle ich als Sinnbild für diese Synergie eine Babyrassel – Barbara O’Brien, Expertin für Zen-Buddhismus, wählt zur Verdeutlichung einen schlichten Holztisch:
»Er ist eine Ansammlung von Teilen. Wenn wir ihn Stück für Stück auseinandernehmen, an welchem Punkt hört er auf, ein Tisch zu sein? Wenn man darüber nachdenkt, ist dies eine völlig subjektive Wahrnehmung. Eine Person könnte z.B. annehmen, daß es keinen Tisch mehr gibt, sobald er nicht mehr als Tisch zu gebrauchen ist; eine andere Person könnte hingegen den Stapel von Holzteilen betrachten und immer noch den Tisch darin erkennen: „Das ist doch bloß ein zerlegter Tisch…“
Der Punkt ist, daß die bloße Anordnung der Teile eigentlich keine eigenständige Tisch-Natur hat; es ist ein Tisch, weil wir denken, daß es einer ist. „Tisch“ ist in unseren Köpfen. Eine andere Spezies als wir würde in der Ansammlung von Teilen vielleicht Nahrung oder ein Versteck oder lediglich etwas zum Markieren des Reviers erkennen.«
²

In seinem Buch „Das Wunder der Achtsamkeit“ (Beacon Press, 1975) schrieb Thích Nhất Hạnh, daß „die Menschen die Realität absichtlich in verschiedene Bereiche aufteilen und deshalb nicht in der Lage sind, die aufeinander Angewiesenheit aller Phänomene zu erkennen. Weil wir uns also unsere Realität als eine Menge getrennter Teile vorstellen, berücksichtigen wir nicht, wie sie tatsächlich miteinander verbunden sind.
Aber wenn wir dieses Inter-Sein wahrnehmen, erkennen wir, dass nicht nur alles miteinander verbunden ist; wir bemerken, daß alles eins ist und eins alles ist. Wir sind wir selbst, aber gleichzeitig sind wir auch alle(s) andere(n).“


Thích Nhất Hạnhs Weisheit – oder vielmehr seine kluge buddhistische Interpretation dieser über 800 Jahre alten Ideen – befindet sich damit übrigens in hervorragender Gesellschaft:
Nicht nur in der meines Lieblings-Frühneuzeitphilosophens Anthony Ashley Cooper aus Eintrag 64, der seinerseits im 17. Jahrhundert in geradezu ökologischer Weise feststellte, daß „ein einzelnes Wesen als ‚privates System‘ stets ebenfalls in ‚umfassendere Systeme‘ eingefügt sei, wodurch die Systeme einander stützen würden und somit zueinander und zugleich zur Gesamtheit in einem Verhältnis des allseitig förderlichen Zusammenwirkens stünden.“
Sondern auch in der von Mahatma Gandhis berühmten Umkehrschluß: „Du und ich wir sind eins: Ich kann Dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen“ (hier erstmals zitiert Eintrag 54).
Allerdings auch in ganz modernen Kontexten wie dem des Holismus (Eintrag 57), der da besagt, daß „natürliche Systeme oder auch nicht-natürliche, z.B. soziale Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind und daher nicht vollständig aus dem Zusammenwirken aller ihrer Einzelteile verstanden werden könnten, und dass die Bestimmung der Einzelteile von ihrer funktionalen Rolle im Ganzen abhängig ist“ (Definition Wikipedia).
Oder ebenfalls– um ganz in der hochaktuellen Jetztzeit anzukommen – in Einklang mit der für die Computer- und KI-Forschung unerlässlichen Theorie komplex-adaptiver Systeme. Welche genau als komplex gelten, weil sie aus mehreren zusammenhängenden Elementen bestehen und sie adaptiv sind, indem sie ein besonderes Anpassungsvermögen an ihre Umwelt zeigen und die Möglichkeit haben, aus Erfahrung zu lernen. Ein Kybernetik-Wissenschaftler würde noch Emergenz (die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente) und Selbstorganisation mit in diesen Zusammenhang stellen, womit wir unversehens…
…wieder Mehrfachbeziehungsparkett betreten, auf dem wiederum Sozialwissenschaftler auch gerade DEN Gemeinschaften und Beziehungen die größte Tragfähigkeit attestieren, die sich als heterogen (= vielfältig), anpassungsfähig, lernbereit, kooperativ und füreinander einstehend erweisen.

„Ganzheit“ bzw. Ganz-Werdung sind also absolut keine abgehobenen esoterischen oder bloß spirituellen Gebilde. Ganz-Werdung bedeutet größtmögliche Integration (Einbeziehung) im Sinne des Gemeinschaftsforschers Scott Peck, der schon 1984 schrieb:
Integration meint nicht gleichmachen; es entsteht daraus kein zerkochter Eintopf. Vielmehr kann man dies mit einem Salatgericht vergleichen, dessen einzelne Zutaten ihre Identität bewahren, um im Zusammenwirken noch hervorgehoben zu werden.“ ³

Unsere Lieblingsmenschen und wir, wir existieren also niemals getrennt voneinander, wir bilden absichtsvoll ein gemeinsames Ganzes; ihre Bedürfnisse sind auch unsere Bedürfnisse, aus ihrem Wohlergehen geht das unsere hervor. Bzw. um es noch einmal ähnlich wie David Mitchell in seinem Wolkenatlas zu sagen: „Mit jedem Akt eingebrachten Wohlwollens erschaffen wir miteinander unsere gemeinsame Zukunft.“ Eins mit allem – und mitten darin.



¹ Khalil Gibran: Sand und Schaum, Walter-Verlag, Zürich 1999

² Danke an Barbara O’Brien; Expertin für Zen Buddhismus, für ihr „Rethinking Religion“-Projekt, mit dem sie viel zu meinem Verständnis einer komplexen Philosophie beigetragen hat. (Link nur Englisch)

³ Scott Peck „Gemeinschaftsbildung (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag

Danke an Alex Alvarez auf Unsplash für das Bild!

Eintrag 73

Einfach ist nicht leicht – oder: Aller Anfang ist schwer

Das Jahr 2021 hatte ich mit dem Aufruf begonnen, im eigenen Interesse darauf zu achten, sorgsam möglichst das wahrzunehmen, was gerade wirklich IST – womit ich meinte, daß wir uns die Wirklichkeit nicht in einem sogleich unbewußt mitvollzogenem Schritt durch eine eigenen Brille aus Ängsten und Ressentiments vorwegnehmen lassen sollten.
Diese Erinnerung hat mit Beginn diesen Jahres nichts von seiner Bedeutung verloren.

2021 (ja, es folgt der traditionelle Jahresrückblick 🙂 ) eröffnete ich mit einer dreiteiligen Reihe zu dem Thema, welches Rüstzeug nötig wäre, unsere engen persönlichen Beziehungen im oligoamoren Sinne als „bedeutsam“ zu führen (Teile 1 | 2 | 3 ): Selbst-Anerkenntnis, Fremd-Mithineindenken (Empathie) und Toleranz angesichts zunächst nicht immer sofort eindeutig zuzuordnenden Impulsen und Wahrnehmungen zeigten sich dabei als hilfreich; ebenso wie die Bewußtmachung, daß wir alle am Ende – eh unvermeidlich aufeinander bezogen – im sprichwörtlich „selben Boot“ säßen.
„Bedeutsame Beziehungen“ in der Oligoamory sind dazu aber ebenfalls auf ein hohes persönliches Qualitätsmanagement angewiesen, sowie auf den Mut, diesen Beziehungen einen Entwicklungs- und Gestaltungsspielraum auch jenseits hergebrachter Geltungsgrenzen zu erlauben.
Weil hierbei die dadurch entstehenden Freiheiten und Erlebensräume in Verantwortung, Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung gründen, kann auf diese Weise ein quasi organisches (Beziehungs)Gebilde entstehen, in welchem alle Teile (also die Beteiligten!) durch ihre Aufeinanderbezogenheit und Liebe füreinander essentielles persönliches Interesse am Gelingen haben – und gerade daher innerhalb eines allseitig nachhaltigen Rahmens beitragen werden [zu den Nachhaltigkeitskriterien siehe Ende Eintrag 3].
Mit dem darauffolgenden Diskriminierungs-Eintrag 65 zeigte ich letztes Jahr diesbezüglich aber auch, daß eine solche nonkonforme, ja gewissermaßen queere Philosophie in Beziehungsdingen durchaus in der „normalen Welt“ noch regelmäßig auf Ablehnung und sogar Herabsetzung aus Angst und Unverständnis treffen kann.
Auch um eines der dahingehend wohl am häufigsten vorgebrachten Stereotypen der Mono- und Heteronormativität zu begegnen, daß Mehrfachbeziehungskonstellationen ja doch der so maßgeblichen Komponente „Treue“ entbehren würden, widmete ich einen ganzen Eintrag dem Thema Loyalität, Zusammengehörigkeit und Verbundenheit.
Und weil dennoch viele Menschen sich an der vermeintlichen „Offenheit“ solcher Beziehungen – wodurch die Beteiligten darin wohl nicht ganz dicht sein könnten… – noch immer den Kopf stoßen, beschrieb ich in Eintrag 67, daß Offenheit in der Oligoamory vor allem in einer systemischen Gedankenfreiheit besteht – und keineswegs in der Beliebigkeit oder Impulsivität, die manch eine*r aus eigenem unterdrückten Wunschdenken hineinprojiziert.
Genau solche verschämten Projektionen indessen lassen ja vielmehr erkennen, wie stark die meisten von uns (noch) in ihrem individuellen Eigenwert gekränkt sind – sei es durch unser Aufwachsen, Sozialisation oder Tradition. Und darum reagieren wir alle allzu oft auch just aus diesen Kränkungen heraus, wenn wir etwas Neuem oder Un-Gewöhnlichem gegenüberstehen (Eintrag 68).
Unser bestgeübtes (Selbst)Schutzverhalten in so einem Fall ist da leider immer noch häufig der Hang zum Wunsch nach mehr Kontrolle; eine Kontrolle, die wir nur zu leicht bereit sind auch auf alle anderen um uns herum auszudehnen, weil „wir doch wissen, was gut für sie ist“ (Eintrag 69).
Meistens wird dieser Schutzreflex ausgelöst, wenn alte „Lebensthemen“ von uns berührt werden (Eintrag 70) – überschießende negative Energien, die aus längst zurückliegenden, erlittenen Mängeln unsere Partnerschaften im Hier & Jetzt vergiften wollen.
Eintrag 71 habe ich darum dann auch noch einmal der Polyamorie daselbst gewidmet, jene Form ethischer Nicht-Monogamie, die aktuell allein aufgrund der inflationären Begriffsbenutzung zumeist exakt all die Häme „systeminhärenter Funktionsuntüchtigkeit“ abbekommt, welche leider stets bloß die Menschen hineintragen, die sich unüberlegt und nach Gutdünken daran versuchen…
Jedwede „gute Beziehung“ lebt jedoch von Widmung, Hingabe und einer Einzigartigkeit, die allen daran Beteiligten ihre Wertschätzung widerspiegelt (Eintrag 72).

Und damit hinein in 2022 !

Wiedereinmal (?) sind wir in einer Zeit angekommen, in sich viele von uns angesichts einer oftmals verworren agierenden Außenwelt nach einem einfacheren Leben sehnen. Und Heerscharen von Coaches stehen scheinbar bereit, uns dabei zu unterstützen, von materiellem Minimalismus bis hin zur Entwicklung unseres höheren Selbst.
„Alternativen“ zu unserer gegenwärtigen Lebensweise sollen darum also her – und diese „Alternativen“ betreffen die Gegenstände und Wohnräume, die uns umgeben, unser spirituelles Potential – und eben auch: Unsere Beziehungen.
Manch eine*r von uns meint es mit den Veränderungen und dem Aufbruch in ein „einfacheres Leben“ auch gleich richtig ernst: Da wird das Dasein durchsortiert, der Hausstand auf 100 (oder 50? oder 30?) Gegenstände reduziert, möglichst allein (aber nicht einsam!) ein Tiny House bezogen, Wochenendworkshops von der Energieheiler*in besucht und – ja, nun muß auch die Beziehungsform da folgen, wozu der Rest doch hinleiten will: Möglichst einfach und zugleich ausreichend alternativ sollte es sein…

Die „einfachste“ Beziehungsform wäre in obiger Konsequenz vermutlich, allein zu bleiben. Aber als Mensch ist man ja doch ein soziales Wesen – und daher hat man eben auch ein paar soziale Bedürfnisse, die ab und an erfüllt werden müssen, erfüllt werden wollen – „Küssen kann man nicht allein“ – das sang schon Max Raabe¹
Also „Polyamorie“, das sind, wie die Werbung weiß, gleich drei Dinge auf einmal: Liebe, Abwechslung und Schokolade, äh, nee…, und persönliches Wohlergehen (was als Wirkung jedenfalls immerhin in etwa Schokolade entspricht…).

Wem das jetzt zu holzschnittartig gedacht ist („Ok, ich bin zwar polyamor aber ich lebe nicht im Tinyhaus und meine Garage ist so voller Zeug, daß nicht mal mehr das Auto drinstehen kann…“), die bitte ich, sich eventuell aber doch einmal gedanklich mit einem Phänomen zu beschäftigen, welches ich „Szenenüberschneidung“ nenne.
Das mag z.B. so eine Szenenüberschneidung wie bei Mittelaltermarktbesucher*in / Biker / Metalhead / Lederszene sein – aber auch eine Szenenüberschneidung wie Oshofan / friedensbewegt / vegan / Permakultur.
Spannender Fun-fact am Rande: Sämtliche soeben aufgeführte „Szenen“ weisen übrigens auch einen erhöhten Faktor an „offenen Beziehungsmodellen“ gegenüber der statistischen „Normalbevölkerung“ auf.
Warum ist das so?
Grundsätzlich verbirgt sich hier etwas Gutes: Menschen, die bereits in einem Bereich ihres Lebens „alternativ“, „non-konform“ oder sogar grenzgängerisch über den Tellerrand der Normativität (also des mittelhochtief normal-Gebräuchlichen) geschaut haben, tendieren dazu, dies auch auf andere Bereiche ihres Lebens auszudehnen. Sehr oft steckt da gar nicht mal so sehr der Drang nach der „Alternativität“ dahinter, sondern schlicht menschliche Neugierde und Entdeckerlust: Z.B. treffe ich auf dem Mittelaltermarkt jemanden, von dessen Gewandung ich begeistert bin – zwei Wochen später sitze ich, von Lederzuschnitten umgeben, daselbst auf dem Boden meines Hauswirtschaftsraumes und entwerfe kühne Gürteltaschen und ein Paar echt heißer Chaps… Dabei spüre ich mit einem Mal Selbstwirksamkeit und denke, daß ich ja immer mehr mit dem in Berührung komme, was mir wirklich wichtig ist, wofür ich brenne und was mich ausmacht.
Was zusätzlich genial ist, daß wir uns bei diesen Themen, die uns da plötzlich so am Herzen liegen, fast wie von selbst von alten Glaubenssätzen befreien, wie z.B.: „Mutter hat immer gesagt, Motorradfahren ist für Selbstmörder…“ oder „Veganer sind Freaks…“ oder „Nur Hungerleider nähen ihre Klamotten selbst.“ oder „Kleingärten sind bloß was für Rentner…“.
Plötzlich schließen wir uns Räume auf, an deren Tür wir früher eventuell sogar naserümpfend vorbeigelaufen sind – bloß, weil unsere Umgebung uns das vielleicht einst so vorgelebt hatte.

Was hat dies nun mit unserem Wunsch nach einem „einfacheren Leben“ zu tun?
Ich glaube eine Menge, weil wir immer dort unser Leben als „einfach“ empfinden, wo wir aus Überzeugung und selbstbestimmt agieren.
Wenn ich z.B. den Mittelaltermarkt nicht mehr als Event konsumiere, sondern möglicherweise richtig teilnehme, dann fühle ich mich aus innerem Antrieb verbunden; vielleicht ist mir die historische Epoche wichtig, die Wissensvermittlung – oder irgendetwas dort erinnert mich daran, daß es ab und an gut ist, viele gewöhnliche Dinge wieder ganz und gar von Hand zu verrichten.
Oder da ist ein engagierter Politiker, der sich nicht heimlich nachts per Limousine aus dem Club abholen läßt, sondern sich im Wahlkampf offen zu seiner BDSM-Neigung bekennt – gerade weil er per persönlichem Beispiel auf eine dringende Inklusion und Berechtigung queeren Lebens in seinem Programm und seiner Stadt hinweisen will.²

Wer bis hierher mitgelesen hat, müsste nun verstehen, was ich mit der Überschrift dieses Eintrags meinte. Denn „leicht“ machen es sich diese entschlossenen Personen ja nun gerade wirklich nicht – weder beim mühsamen Brettchenweben der Wikingerborte, noch bei den Konsequenzen, die so ein couragiertes öffentliches Outing für die Karriere nach sich ziehen kann.
Könnten wir aber die handelnden Personen befragen, dann würden sie uns wiederum wahrscheinlich sagen, daß das, was sie da tun oder getan haben „einfach“ aus ihnen fließt. Und „einfach“ ist es, weil es sich dabei um etwas handelt, was als Anliegen zutiefst mit ihnen selbst verbunden ist – es ihnen dementsprechend „leicht fällt“, weil sie dabei authentisch und unverstellt handeln.

Um nach dieser Art „einfach“ leben zu können, braucht es eine wesentlich Komponente, die oftmals überhaupt nicht leicht herbeizuführen ist: Bewußtheit.
Bewußtheit verlangt nämlich eine willentliche und gegenwärtige Entscheidung FÜR etwas – worum wir Menschen uns im Normalfall gerne mit etwas lauwarmen Ungefähr herummogeln.

Und unsere Einstellung in ethischen Mehrfachbeziehungen wie Poly- oder Oligoamory empfinde ich da als sehr passendes Beispiel.
Denn dafür reicht es nicht, sich lediglich gegen die Monogamie zu entscheiden. Es reicht für die Behauptung von Teilhabe nicht aus, eine andere Tradition als überkommen abzulehnen. Die Gefahr bei solcherart Denken ist nämlich hoch, vor allem Energie darauf zu verwenden, was wir NICHT wollen – und, Hand auf’s Herz, da sind wir Menschen meist recht gut und geübt drin. Ablehnung – bildungssprachlich auch mal „destruktive Kritik“ genannt – ist ja eben genau nicht „konstruktiv“: Sie drückt lediglich aus, daß das Alte, das Hergebrachte weg, nicht sein soll. Aber was ist es, das wir für uns selbst wünschen? Wie sollte denn eine Beziehungsform, die uns gemäß ist, nun tatsächlich aussehen?

Wer sich ungeachtet dessen dennoch erfolgreich um diesen Bewußtmachungsprozeß gedrückt hat, wird in der Poly- bzw. Oligoamory sofort in das nächste Dilemma hineinstolpern – und darum kommt es ebenso häufig zu spektakulären Unfällen.
So scheinen uns Mehrfachbeziehungen ja gelegentlich als verheißungsvoll, weil wir uns dort – im Gegensatz zur bösen, bösen Monogamie! – beim Hinzukommen einer weiteren Liebe NICHT gegen eine der (evtl. bereits vorhandenen) anderen entscheiden müssen.
Dies ist aber fast immer nur wieder das bereits oben erwähnte lauwarme Lavieren, weil wir dadurch ohne allzu großen gedanklichen Kraftaufwand an unserer Komfortzone festhalten können. Denn hier schlägt der von mir in Eintrag 44 und 72 zitierte „innere Schweinehund“ von uns geschickt zu: Das „Gewohnte“ erscheint uns im Normalbetrieb allzu leicht als „das Richtige“, wodurch wir uns erlauben, viele Denkmuster und Strukturen „beim Alten“ zu belassen – was aber leider bedeutet, daß wir einer mehrheitslastigen Normativität noch viel stärker verhaftet sind, als wir es zugeben würden – und so gezwungen sind, auch deren Vorstellungen und Konzepte weit stärker unreflektiert nachzuleben als wir ahnen.
Eigentlich haben wir also gar nichts verändert, sondern genau genommen lediglich eine Nicht-Entscheidung getroffen, durch die wir nahezu gezwungen sind, alte Fehler und Achtlosigkeiten weiter zu wiederholen.

Polyamorie, Oligoamory heißt aber, daß wir uns FÜR, und immer wieder für unsere Liebsten entscheiden. Daß wir uns in einer solchen Mehrfachbeziehung alle immer wieder für einander entscheiden.
Um das bewußt vollbringen zu können, wird in jedem Fall „Komfortzonen-Stretching“ angesagt sein, allein weil wir uns z.B. mit Variablen wie Akzeptanz und Zumutung, Wertschätzung und Stellenwert, Freiheit und Grenzen (und noch vielen anderen) regelmäßig befassen müssen.
„Leicht“ wird das vermutlich niemals sein – und das ist gut, denn Bewußtheit erfordert die Anwesenheit unseres ganzen Seins – und manchmal auch die Auseinandersetzung.
Gleichzeitig kann es durchaus Kennzeichen eines „einfachen“ – also geradlinigen und wahrhaftigen – Lebens sein, sich diesen Herausforderungen engagiert und mit allseitig partnerschaftlicher Aufmerksamkeit zu widmen, genau WEIL eine bewußte Entscheidung getroffen worden ist und nun dieser Teil des Lebens überzeugt, vorbehaltlos und willentlich beschritten wird.

Das ist es, was ich mit der Oligoamory herbeizuführen wünsche, gerade in Zeiten wie jetzt, wo uns innere Unrast und Neujahrsschwung möglicherweise zu Aufräumaktionen treiben, bei denen das bestätigende Klappern des Mülltonnendeckels leicht übertönt, was eigentlich wichtig ist: Bei dem, was da „anstatt“ kommen soll, mit dem Herzen den Kurs zu setzen, keiner Mode zu folgen, keinem Trend und keiner angepriesenen, vermeintlichen „Leichtigkeit“, „Leichtigkeit, die heute zu häufig begrifflich Oberflächlichkeit, geringe Nachhaltigkeit, Unverbindlichkeit oder Unbeständigkeit schönfärben soll.

Einfach ist darum eben nicht immer leicht, gerade wenn es zwischenmenschliche Beziehungen betrifft – oder wie es der schweizerische Aphoristiker und Politiker Ernst Reinhard einmal sagte, als er nach einem Rezept für ein friedlicheres Miteinander gefragt wurde:
„Gelassenheit nimmt das Leben durchaus ernst – aber niemals schwer.“



¹ Max Raabe (und Annette Humpe): Küssen kann man nicht alleine, Decca Records 2011

² So geschehen z.B. im Kommunalwahlkampf 2021 um die Position als Göttinger Oberbürgermeister*in

Danke an comfreak auf pixabay für das Foto!

Eintrag 72

Schöne Bescherung!*

Unsere Reise durch 2021 neigt sich dem Ende und meinen letzten Eintrag in diesem Jahr möchte ich darum zwei oligoamoren Impulsen widmen, die ich sowohl durch meine mono- als auch durch meine poly-amore Beziehungserfahrung gewonnen habe.

Schon in Eintrag 29 sage ich, was ich anstelle meiner langen Einträge nahezu auf jede Seite meines bLogs schreiben würde, wenn dies als Essenz genug sein könnte: „Führt gute Beziehungen!“.

Und ich bin überzeugt, daß genau genommen dieser schlichte Imperativ für jede Form von vertrauensvoll-inniger Interaktion ausschlaggebend ist – ganz egal, wie viele Beteiligte dann schlußendlich zusammen im jeweiligen Beziehung-Boot sitzen.

Darum immer achtsam, mit wem man (sich) teilt…

Die allermeisten meiner Leser*innen stammen wie ich aus der „alten Welt der Mono-Amorie“ – und haben dort vermutlich ebenso ihre ersten Beziehungskenntnisse gesammelt.
An dieser Stelle möchte ich daher auch erst einmal eine Lanze für diese gebräuchliche Konvention brechen.
Denn was den Grad an Intensität angeht, so gibt es vermutlich kein durchdringenderes Arrangement als das von zwei Menschen in einer 1:1-Situation.
Ja, richtig – ich habe Eure Gedanken gehört: „…aber auf Gedeih‘ und Verderb’…“ – und ich stimme auch darin zu. Aber laßt uns heute vielleicht auch „auf Gedeih’“ schauen.

Die „romantische Zweierbeziehung“ ist ja auch deswegen nach wie vor ein so gut verkäufliches Glanzmodell, weil dort nicht etwa eine Übereinkunft (was es im Kern ist!) beworben wird, sondern ein Ideal (was es auch ist!).
Mit Idealen – die ich ja ebenfalls in der Oligoamory sehr schätze – ist es aber so eine Sache. Wir lieben die heldigen und strahlenden Momente, die so ein Narrativ verspricht – aber wir sind gut darin, in solchen Momenten die damit einhergehenden Notwendigkeiten und noch viel mehr die Unvermeidlichkeit sich mittelfristig einstellender Routine zu ignorieren (oder wenigstens zu verharmlosen…).

Wenn sich allerdings Übereinkunft und Ideal treffen, dann kann eine Zweierbeziehung gewissermaßen den Inbegriff des von mir auf meinem bLog so oft zitierten Emotionalvertrags abbilden: Ein gemeinsames Auskosten der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.
Dies – sich einmal auf der Zunge zergehen gelassen – ist schon viel, gewaltig viel, und ein Versprechen von allseitiger Zufriedenheit, Wohlergehen und Sicherheit (inklusive Berechenbarkeit!) für die Beteiligten.
Potenziert mit dem romantischen Motiv des „freiwillig für die Gemeinschaft (also hier: die Beziehung!) erbrachten Selbstopfers“ (ausführlich dazu siehe Eintrag 34), ist die Strahlkraft einer solchen Verheißung gewissermaßen unübertrefflich.

Romantische Verbrämung, mit rosaroter Zuckerwatte verklebter Wunschtraum, realitätsfremde Seifen(opern)blase?
Ich möchte Euch sagen, daß ich all das, was ich im obigen Absatz geschrieben habe, exakt so in meinen Zweierbeziehungen erlebt habe (und jeden Tag erlebe!).

Die Investition und das Engagement meiner Partnerinnen (ich bin heterosexuell) in und für mich waren und sind jederzeit gigantisch. Und vollkommen un-selbstverständlich.
Das Maß an Kooperation, Rücksichtnahme, Widmung, Hingabe, Zugewandheit, Aufmerksamkeit, Einbeziehung, ja, Mit-Hineindenken (Eintrag 53), welches mir insbesondere in meinen Langfrist-Beziehungen entgegengebracht wurde, übersteigt ganz sicher jeden Umfang geläufiger Alltagserfahrung – und auf alle Fälle jedwedes noch so hoch beworbene Leistungsniveau auch nur irgendeiner irdischen Konsumentenerfahrung.

„Häh, der Oligotropos vergleicht jetzt seine Liebsten mit irgendwelchen Dienstleistern…?“
Ja, korrekt, das tue ich in dieser Weise ein wenig – genau um zu zeigen, daß hier wohl eine sublim-metaphysische Komponente im Spiel sein muß, die anderweitig so in keiner anderen Form von zwischenmenschlicher Übereinkunft enthalten ist – nämlich Liebe.
„Liebe“, die mir in jedem kleinen alltäglichen Entgegenkommen meiner Lieblingsmenschen spürbar beweist: Ich werde gesehen, ich bin offensichtlich für das Selbstbild meines Gegenübers von Bedeutung, ich erlebe dadurch Wertschätzung für mein eigenes Selbst aufgrund meines unveräußerlichen Eigenwerts [der von der anderen Person erkannt und geschätzt wird, oh Glückseligkeit!], darum kann ich mich hier in Vertrauen hingeben und darauf weiter aufbauen.

Was ich da gerade formuliert habe ist in der Tat SO viel Bedürfnisabdeckung¹ für einen menschlichen Geist, daß aus diesem Überfluß selbst ein paar Gefahren entstehen können.
Die eine ist das mittlerweile gut belegte Phänomen des „Gesetzes vom abnehmenden Grenzertrages“, welches der Ökonom Daniel Kahneman bereits im Jahr 2000 ausgiebig identifizierte². Wir alle kennen das Phänomen besser als eine Variante der „Macht der Gewohnheit“, bei der wir etwas Gutes, was wir aber regelmäßig erleben, nicht mehr als „besonders“ erachten. Sogar eine Steigerung dieses „Guten“ führte in Studien alsbald wieder zu einem abflachenden Gewöhnungseffekt – und das ist, wie wir alle wissen, nicht nur ein ökonomisches Dilemma, sondern eine echte emotionale Herausforderung für jede Nahbeziehung.
An den sprichwörtlich „schlechten Tagen“ unserer Beziehungen ist es dadurch nämlich zu leicht möglich, die „Gesamtheit der allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ in unserer Beziehung entweder als Selbstverständlichkeit, Selbstzweck oder „profanes Tauschgeschäft“ (quid pro quo) hinzunehmen. Und selbst ein (einseitiges) Bemühen um positive Verbesserung wird nur allzu schnell zu erneuter Gewöhnung an das Dargebotene führen.
Genau diese Zwickmühle macht viele Paartherapeut*innen reich, indem gerade in dieser kritische Situation eine reine Zweierbeziehung oftmals zu eng ist, als daß die Beteiligten allein darin weit genug zurücktreten können, um selbstständig den inneren Reichtum ihrer Gemeinschaftlichkeit (wieder)erkennen zu können.
Hier haben tatsächlich häufig polyamore Mehrfach-Partnerschaften einen Vorteil, weil genau die Dynamik einer Mehrpersonenkonstellation mit ihrer – allein aufgrund der Vielfalt der Beteiligten – unterschiedlich ausgeprägten Sicht auf die „gemeinsame Mitte“ nicht so leicht das „Gesamtwohl“ als Selbstverständlichkeit ansehen wird, wie dies bei lediglich zwei Personen geschehen kann – die, bereits Nase-an-Nase verkeilt, urplötzlich ihr investiertes Eigeninteresse im Ausverkauf wähnen.

Und exakt diese „dunkle Seite“ der „Wohlfühlzonen-Besitzstandswahrung“ führt ebenfalls zu all den extremen Aufwallungen von z.B. Eifersucht oder Neid, wenn der Versuch der Öffnung einer Zweier-Bestandsbeziehung gewagt wird.
Sämtliche Ratgeberliteratur ist voll von Mahnungen, monogame Beziehungen überhaupt nur bei vollständig stabilisierten Binnenverhältnissen und hohem inneren Einvernehmen zu öffnen – keinesfalls aber, um bei bereits an den Spielfeldrändern lauernder Unzufriedenheiten, den berühmten „frischen Wind“ hineinzulassen.
Denn: Der interne „Emotionalvertrag“ einer reinen Zweierbeziehung ist fast immer eine etwas heikle Angelegenheit, indem dieser meist eine subtil austarierte und verflochtene Wechselbezüglichkeit eben nicht immer bewußt eingebrachter sowie „genossener“ Anteile ist.
Als ehemaliger Monoamorist finde ich das übrigens gar nicht so sehr verwerflich. Ja, richtig, Unbewußtheit ist sicher nie eine hilfreiche Eigenschaft – und auch die Mono-Amorie würde von mehr bewußt und vollumfänglich transparent eingegangenen Beziehungen profitieren. Da die Mono-Amorie allerdings ohnehin nur auf zwei mögliche Beteiligte zugeschnitten ist, erlaubt sie aufgrund der „Ganz-oder-gar-nicht-Natur“ ihrer Konzeption an diesem Punkt ein mögliches Maß an, öhm…, Leichtherzigkeit, etwaig unbewußt eingebrachte Problempotentiale der Resilienz der entstehenden Beziehung anvertrauen (was zugegeben ungeschickt – aber zugleich ebenfalls jahrhundertelang ungeheuer attraktiv für das Mono-Modell war und noch ist…).
Das Resultat ist in jedem Fall jenes Zweiertandem, bei dem zwei Welten solcherart miteinander verbunden werden, daß Kurs, Geschwindigkeit und Stabilität in jedem Fall sowohl zu Wohl als auch zu Wehe beider Mitfahrer*innen gehen werden, wodurch einerseits die Intensität der aufgewandten internen Synchronisation – aber eben andererseits auch die interne Abhängigkeit – sehr hoch werden können.
Wird ein solches Arrangement nun zu neuen Beteiligten hin geöffnet, wird es daher unweigerlich zu einem Erleben von Verschiebung und Asymmetrie kommen.
Je höher nun die eingebrachten unbewußten Anteile kompensatorischer Natur (z.B. für erlittene Mängel aus Kindheit oder Sozialisation) sind, umso höher werden diese Verschiebungen nun als schmerzhafte Scherkräfte der eigenen Bedürfnisdeckung erlebt. Neid (Eintrag 59) und Eifersucht (Eintrag 36) stellen nämlich aus meiner Sicht immer die bohrende Frage nach dem eigenen „unveräußerlichen Eigenwert“ (s.o.). Wenn also eine neue (Mehrfach)Beziehungskonstellation dabei vor allem als Ressourcenabfluß erlebt wird und nicht als „Zugewinngemeinschaft“ mit einem sich nach einiger Zeit neu etablierenden, emotionalen Zentrum an „allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden, freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“, dann werden die anfangs vielleicht nur „gefühlten“ Scherkräfte alsbald sehr real die Oberhand gewinnen und allen Beteiligten bis an die Grenze der Beziehungsvernichtung Leid verursachen.

Polyamorie (und natürlich Oligoamory) brauchen, wie ich im letzten Eintrag schrieb, also in jedem Fall alles : Die Übereinkunft – die (Selbst)Verpflichtung, gemeinsame Ideale UND Liebe – und zwar Letztere bei allen und für alle Beteiligten, wenn die Sache perspektivisch eine Zukunft haben soll.

Womit ich genau genommen schon bei meinen Erfahrungen durch die Polyamorie bin.
Wenn ich diese genauer überdenke, dann fällt mir, glaube ich, am eindrücklichsten auf, wie sehr ich erlebt habe, daß man dort niemals versuchen sollte, Beziehungen einander nach einem bestimmten „Wohlfühl“-Muster nachzubauen.
Für manche mag das nun eventuell wie eine Binsenweisheit klingen – oder andere denken, daß diese Lektion ja auch in serieller Monogamie sehr gut zu erleben sei.
In gewissem Sinne stimme ich da auch zu – gleichzeitig ist es exakt wieder die tatsächliche Mehrpersonen-Konstellation, die die beste Versicherung gegen routinierte Selbstsabotage ist.
„Jede Beziehung ist einzigartig“, klar, noch so eine Binsenweisheit, ha, – wie sollte es da möglich sein, sie einander anzugleichen…?
Und doch besteht diese Gefahr, wenn „wir“ jedes Mal genau einer der Bezugspunkte unserer Nahbeziehungen sind – und wir jedes Mal auch unsere eigene „Bedürfniskennung“ dort hinein einzubringen versuchen. Unsere „Bedürfniskennung“ zieht an einer Art virtuellen Schleppleine nämlich auch unsere oben erwähnte „Wohlfühlzone“ mit sich, bei der uns Bequemlichkeit und angenehm gewordene Gewohnheit anstiften können, zu versuchen, ob wir uns nicht noch einen (weiteren) ähnlich beschaffenen Vertrautheits-Schlupfwinkel einrichten könnten… Selbst unsere Gehirne, bei denen wir seit Eintrag 25 wissen, daß sie nichts lieber erleben möchten als möglichst vergleichbare Kohärenz (Übereinstimmung/Sinnzusammenhang), können da mit ihrem „inneren Schweinehund“ geradezu übereifrige Erfüllungsgehilfen werden.
Nun, aber da wären ja noch die jeweiligen Liebsten in ihrer Verschiedenartigkeit, die, was „Kooperation, Rücksichtnahme, Widmung, Hingabe, Zugewandheit, Aufmerksamkeit, Einbeziehung, uns Mit-Hineindenken“ doch Individuum für Individuum ganz unterschiedlich gepolt wären.
Womit wir es uns aber ein wenig zu leicht machen würden, speziell wenn wir die Verantwortung ganz in die Hemisphäre unserer Liebsten verschieben würden, uns aus unserer harmonieerstrebenden Komfortzonen-Uniformität zu locken. Denn dabei würden diese doch gleichzeitig regelmäßig den (richtigen!) Eindruck erleben, gegen irgendein unsichtbares Gefälle auf unserer Seite anzuarbeiten – während wir ja gerade eigentlich in dem Unternehmen bestrebt sind, sie ihrerseits als hübschen Schlußstein in unser Behagens-Kämmerlein einzufügen.
Nein, Mehrfachbeziehungen lassen solche putzigen Manipulationen nie sehr lange zu, bis sie alsbald angesprochen auf dem Tisch des Hauses liegen.
Was für mich eine der wundervollsten Eigenschaften ethischer Non-Monogamie ist.
Denn wie ich es auch drehen und wenden möchte, die Abgeschiedenheit und das in-sich-selbst-verkapselt-Sein einer Zweierkiste ist hier nicht mehr möglich. In gewisser Weise bin ich also definitiv exponierter – soll das also unweigerlich bedeuten, daß ich mit einen gewissen Verlust an Sicherheit und Vertrautheit in der Poly-/Oligoamory leben muß?
Ich glaube nicht. Denn wenn Liebe im Spiel ist, bedeutet dies ja, daß ich gesehen werde, ich offensichtlich für das Selbstbild meiner Gegenüber von Bedeutung bin, ich dadurch Wertschätzung für mein eigenes Selbst aufgrund meines unveräußerlichen Eigenwerts erlebe [der von mehreren anderen Person erkannt und geschätzt wird, oh Glückseligkeit!], darum kann ich mich in Vertrauen hingeben und darauf weiter aufbauen.
Ethische und nachhaltige, so wie von Liebe getragene Mehrfachbeziehungen entfalten an dieser Stelle ihr grandiosestes Potential:
Ich bin mehreren Menschen wichtig und werde darum von ihnen gesehen – es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, daß sich darin alle auf den selben Aspekt von mir beziehen.
Mehrere Personen drücken aus, daß ich für ihr Selbstbild Bedeutung habe und ich ein Teil ihres Lebens bin – aber eben ganz unterschiedlicher Leben und Biographien, von denen ich nun ein wertvoller, beitragender Baustein sein darf.
Mein „unveräußerlicher Eigenwert“ wird von mehreren Menschen auf das höchste geschätzt – und das bedeutet in der Sache das Großartigste von allem: Daß nämlich mein Eigenwert überaus vielseitig und facettenreich sein muß, größer vielleicht, als ich sogar selbst im Moment wahrzunehmen fähig bin.
In dieser Art kommt mir auf ganz festliche Weise wieder einmal mehr die Gabe ethischer Mehrfachpartnerschaften zugute: Mehr zu sein als die Summe der Teile.
Die Gefahr, einer Lullerland-Komfortzone zu erliegen, die ich darob irgendwann für das alltäglich dargebotene, mir zustehende Normalmaß halte, wird dadurch ebenso deutlich geringer. Im Buch meines Lebens können täglich neue Seiten überraschend von meinen Liebsten aufgeschlagen werden, die ich vielleicht selbst eher nicht berührt hätte. Manchmal wird es mich darum Mut kosten, mich als die Hauptfigur auf diesen Seiten zu sehen…
Doch wie der legendäre chinesische Philosoph Laotse schon im sechsten Jahrhundert vor Christus wußte: „Große Liebe macht den Menschen mutig.“
Und so bekomme ich selbst sehr wahrscheinlich ebenfalls Lust darauf, diesen vielseitigen und facettenreichen Menschen, der ich in den Augen meiner Liebsten ja offensichtlich bin, meinerseits auch noch immer gründlicher kennenzulernen, wertzuschätzen und zu entfalten
Was wohl schon der französischen Schriftsteller Marcel Proust gleichermaßen empfunden hat, als er in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ notierte:

„Lasst uns dankbar sein gegenüber den Menschen, die uns glücklich machen. Sie sind liebenswerte Gärtner, die unsere Seele zum Blühen bringen.“



* Der Begriff Bescherung wird abgeleitet von mittelhochdeutsch beschern = „verhängen, zuteilen“ (weil zur Weihnachtszeit landwirtschaftliche Dienstleute von ihren Herren meist eine Sondervergütung erhielten) – womit also eine von der Natur der Beziehung abhängige Zuweisung gemeint war – und ist… 😉

¹ Wenn ich auf diesem bLog von Bedürfnis spreche (meine Stammleserschaft weiß es), dann beziehe ich mich immer auf ihre Verwendung als Persönlichkeitseigenschaft der humanistischen Psychologie, z.B. gemäß A. Maslow, C. Alderfer and M. Rosenberg.

² Kahnemann, D., Experienced utility and objective happiness: A moment-based approach. In: Kahnemann, D. und Tversky, A. – „Choices, Values and Frames“, New York 2000

Und Dank an Oriol Portell auf Unsplash für die schöne Bescherung!

Eintrag 71

Im Namen der Viel-Liebe

In diesem Eintrag möchte ich noch einmal über Polyamorie – welche ja gewissermaßen die Patin meiner „Oligo“-Amory“ ist – sprechen.
Polyamorie also.
Warum gibt es die Polyamorie und warum wollen wir sie leben?

Wenn ich durch den medialen Blätterwald on- und offline lese, so wie mich durch all die verschiedensten Foren zu dem Thema von Joyclub über Facebook (auch z.B. hier oder hier) bis hin zu Polytreff klicke, dann scheint mir der Begriff Polyamorie nach wie vor noch zu oft zum Zwecke der Bezeichnung jedweden promisken Ringelreihens mit mehr als zwei Beteiligten zu dienen. Und daraus einerseits nahezu all seine Faszination zu ziehen – aber auch andererseits all die dadurch entstehenden zwischenmenschlichen Probleme.

Das macht mich traurig. Und ärgerlich. Denn Polyamorie ist eigentlich so viel mehr. Selbst dieses kleine „eigentlich“ ist keine beschwichtigend einschränkende Floskel, sondern sehr bewußt von mir gewählt, denn das Wort „eigentlich“ bedeutet ja „zu eigen“ – also: „zum Wesen, zur inneren Natur gehörig“.

Was also ist es, was der Polyamorie „zu eigen“ ist, zu ihrem innersten Wesenskern gehört?
Dies scheinen mir vor allem drei Dinge zu sein, die alle sämtlich meist wie das Kind mit dem sprichwörtlichen Bade ausgekippt werden – und nahezu sofort vergessen sind, sobald sich Menschen unter dem Feigenblättchen „Polyamorie“ in ein Mehrpersonen-Getümmel stürzen.

Als bLogger, der sich dem Thema verbindlich-nachhaltiger, sowie vor allem ethischer Mehrfachbeziehungen verpflichtet sieht, ist es mir ein Anliegen, die von mir identifizierten drei Wesenskerne der Polyamorie noch einmal hervorzuheben, da aus meiner Sicht durch ihr Vorhandensein oder Fehlen das ganze Gebäude unweigerlich stehen oder fallen muß.

Die drei Zutaten, die vollkommen unzertrennbar in einem polyamoren Miteinander gemeinsam in Wechselwirkung stehen lauten für mich: Idealismus, Pragmatismus und Liebe. Oder – wem das zu bildungssprachlich oder zu abstrakt erscheint – : Uneigennützigkeit, Alltagstauglichkeit und wertschätzende Verbundenheit.
Die Immanenz dieser drei Kernbestandteile der Polyamorie sind nach meinem Dafürhalten keine „steile These“ – vielmehr sage ich sogar, daß kein Mensch ernsthaft das Label „Polyamorie“ für sich verwenden kann, der irgendein Mehrfachbeziehungsarrangement außerhalb ihres Rahmens führt.

Warum bin ich diesbezüglich so scheinbar streng und wie komme ich zu meiner Anmaßung solcher vermeintlichen Deutungshoheit?
Genau indem ich mir noch einmal vor Augen führe, wozu die Polyamorie primär einmal angetreten ist, welche Impulse die Menschen motivierten, die sie von Hause aus erdacht und umgesetzt haben, welche Vision von der Welt und von unserem Leben in dieser Welt gewissermaßen ihre „DNS“ geprägt haben.

In meinem Eintrag 49 zur „Geschichte der Oligoamory“ ehre ich den Personenkreis um die Visionäre, Autoren, und Neuheiden Morning Glory Zell-Ravenheart und Oberon Zell-Ravenheart, von denen erstere ursprünglich das Wort „polyamor“ prägte.
Dies geschah ihrerzeit nicht etwa aus einer Laune oder aus Phantasterei heraus, sondern staunenswerterweise ganz zuvorderst aus vordringlichem Pragmatismus.
„Not“, sagt man, „ist die Mutter der Erfindungen…“ – und es ist doch sehr häufig so, daß sich bestimmte Fragen – selbst weltanschaulicher Art – meist dann erst wirklich zur Lösung aufdrängen, wenn ein akuter Handlungsbedarf besteht. In dieser Weise erging es auch den Menschen um die Zell-Ravenhearts, die – nach intensiven Phasen zutiefst vertrauensvoller, in höchstem Maße selbstehrlicher wie selbstoffenbarender psychologischer wie auch spiritueller Gruppenarbeit – mit der Tatsache konfrontiert waren, daß sich innerhalb der Gruppe Liebesbeziehungen zwischen Beteiligten auszubilden begonnen hatten, die nicht notwendigerweise miteinander (ehelich) legitimiert verbunden waren – bzw. die vielmehr entweder mit anderen Personen aus diesem Kreis bereits in Beziehung standen oder auch mit ganz anderen Personen außerhalb der Gruppe.
Zur „Bewältigung“ dieses Umstandes hätten auch schon 1990 die damals etablierten Möglichkeiten von serieller Monogamie, Heimlichkeit/Betrug oder „Offener Beziehung“ zur Verfügung gestanden – doch die Zell-Ravenhearts wählten ausgerechnet die (neu zu erschaffende) Polyamorie…

Ich möchte genau hier darum noch einen kurzen Moment beim Pragmatismus verweilen, der ja eigentlich überhaupt anfangs den allerersten Stein ins Rollen brachte: Sachbezogenheit, Machbarkeit und Alltagstauglichkeit sind nämlich keine kleinen Nüsse, die es mal eben zu knacken gilt. Kein Ergebnis einer Koalitionsverhandlung oder Klimadebatte kann ohne diese Form von Erdung im „harten Licht der Realität“ zielführend sein – ja, noch mehr: dauerhaft Bestand in der Wirklichkeit haben. Machbarkeit in Form von Lebenstauglichkeit im Alltag sowie belastbare Langfristigkeit gehörten bei der „Polyamorie“ also überhaupt zu den wichtigsten Parametern der ersten Stunde.
Womit in meiner Interpretation also niemals kurzfristige Spielbeziehungen, Wochenendarrangements oder Workshop-Liebschaften gemeint waren, sondern vielmehr der Wunsch und auch die Selbstverpflichtung, das Geschenk einer Mehrfachliebe in eine vollwertige, berechtigte und funktionsfähige Beziehungsform mitten in den Leben der Beteiligten überführen zu können (und zu dürfen!) [siehe dazu auch meinen Eintrag 45 von der „Wunderbaren Alltäglichkeit des Seins“]. „Vollwertig“, „berechtigt“ und „funktionsfähig“ bedeuten damit sofort natürlich auch Offenheit (ja, auch Öffentlichkeit) und Ehrlichkeit, ebenso wie Augenhöhe und Teilhabe aller Beteiligten. Und es bedeutet Selbstverpflichtung und Verbindlichkeit, zum Funktionieren – also dem Selbsterhalt – der Gesamtbeziehung Beitrag zu leisten, mit dem vollen Programm von Übereinkünften, Herstellung von allseitigem Einvernehmen und auch gelegentlicher Selbsthintanstellung.
Womit „Pragmatismus“ der „Knäckebrotanteil“ der Polyamorie zu sein scheint… Aber ohne Realitäts-Check mithilfe des „Knäckebrotanteils“ wird es auch den „Schwarzbrot- (oder meinethalben „Torten-) Anteil“ einer wirklich von allen Parteien als „gemeinsame Beziehung“ angesehenen, vertrauensvollen, sicheren und berechenbaren Gemeinschaftlichkeit nicht geben, in der sich alle Dazugehörige als aufgrund ihres Eigenwerts geschätzte Mitwirkende erleben können.

Über den „Idealismus“ in der Polyamorie habe ich als Idealist daselbst hier auf dieser Plattform vermutlich bis heute am meisten geschrieben. Einen Idealismus, den ich oben mit „Uneigennützigkeit“ übersetze…
Wenn Du Dich also „polyamor“ nennen möchtest, welche Art „Mindset“ würde ich Dir dahingehend wünschen?
Die erwähnten Zell-Ravenhearts hatten sich, bis zu dem Zeitpunkt da die „Polyamorie“ als Lebensweise von ihnen formuliert wurde, mit idealistischen Inhalten gewissermaßen bis zum Rand gefüllt.
Es ging diesen Leuten um nichts weniger als um eine neue Welt – um ein neues Herangehen und um ein erneuertes Umgehen mit allem, was da im Kosmos enthalten ist.
Als Pragmatiker – die sie neben tüchtigen Denkern zugleich waren – wandten sie solcherlei Idealismus aber zuvorderst und nahezu von Anfang an auf sich selbst an: Konzepte wie „Gewaltfreiheit“, „Bewußtseinsschaffung“, „Integration“, „Engagement“, „Verantwortungsübernahme“ und „Verbindlichkeit“ sollten keine bloßen philosophischen Ideen bleiben, die in irgendeinem Wolkenkuckucksheim vor sich hin stauben würden. Mittels des in Eintrag 49 erwähnten Werkzeugs der MaslowschenSelbst-Verwirklichung“ bemühten sich diese mutigen Menschen darum, jeden Tag „ein bißchen mehr die beste Version ihrer selbst“ zu werden. Unehrlichkeit, Intransparenz, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Unbewußtheit, und sich für-nicht-zuständig-Erklären waren dadurch keine Optionen mehr, die sie mit in eine angestrebte neue Welt von Gleichwürdigkeit, Teilhabe und Akzeptanz hätten mitnehmen wollen.
Als also plötzlich die Tatsache von durch Vertrauen und Miteinander entstandenen, erweiterten Liebesbeziehungen im Raum stand, gab es nachgerade nur die Option, deren Machbarkeit und (Er)Lebbarkeit innerhalb des selben ethisch hochwertigen Anspruchs zu verankern, der auch für alles übrige Denken, Sprechen und Handeln ausschlaggebend sein sollte.
Da die Zell-Ravenhearts durch die ihnen eigene Herangehensweise als Gruppenarbeit dadurch sowohl individuelle (also auf den Einzelnen abgestellte) als auch kollektive (also auf die Gruppe, das Gemeinsame, gerichtete) Ziele verfolgt hatten, floß nahezu unbemerkt eine weitere Komponente in die Polyamorie mit ein: Die Multiplizierung von Ressourcen und allseitiger Wohlfahrt, die ich auf diesem bLog regelmäßig als das Zustandekommen von „mehr als der Summe der Teile“ bezeichne.
Genau dieser überindividuelle Gesamtnutzen ist aus meiner eigenen Erfahrung eines der aussagekräftigsten Effekte gelingender Polyamorie, weshalb ich den Idealismus in der Anmoderation auch mit „Uneigennützigkeit“ synonymisiere: Gelingt es uns, uns selbst als Individuum nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen, indem wir einem Ideal als Leitstern folgen, dann begeben wir uns – egal ob wir es jemals vollständig erfüllen werden oder auch nicht – auf den berühmten „Weg des größtmöglichen Mutes“, auf dem wir über uns selbst hinauswachsen können. Insbesondere, weil wir uns damit zugleich vor der Erkenntnis verbeugen, daß nichts im Universum wahrhaft „getrennt“ voneinander existiert und uns darum als bewußtseinsbesitzende Menschen – und umso viel mehr als Liebende – eine besondere Verantwortlichkeit für alles um uns herum obliegt.

Womit ich bei dem dritten Kernbestandteil bin, der es sogar mit in das Wort „Polyamorie“ mit hineingeschafft hat: Der Liebe.
Eve Rickert und Franklin Veaux (die Autoren des für mich nach wie vor großartigsten Polyamorie-Ratgebers „More Than Two“ ¹ – die sich mittlerweile leider miteinander zerstritten haben, exakt weil sie sich selbst nicht an die von ihnen formulierte wichtigste Regel in der Polyamorie „Sei kein Arsch!“ hielten…) nannten in ihrem Buch die Liebe „die große Klärungsfinderin der Werte“ [siehe auch Eintrag 64 „Bedeutsame Beziehungen“].
Und das ist sie auch, denn ohne sie wäre all das, was ich oben über Pragmatismus und Idealismus so schön zusammengetragen habe, nur hübsches – aber letztendlich lebloses – Stückwerk.
Mit „Liebe“ meine ich aber eben nicht dieses immer wieder zu leicht hineingelesene „Liebe machen“ – diesen spießigen, anglizistischen Euphemismus für sexuelle Aktivitäten aus den späten 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ² [Ich mein, bitte!!! Wer sagt denn heute ernsthaft noch „Komm, lass‘ uns Liebe machen…“???]. Darum meine ich damit auch nicht vorrangig Erotik, Lust, Begierde und Leidenschaft (wiewohl ich ein Vorhandensein dieser Aspekte in Liebesdingen als eventuell gewinnbringenden Beitrag erachte…).
Oben setze ich „Liebe“ vielmehr mit „wertschätzender Verbundenheit“ gleich. Dieses „Superkonzentrat“ eines so komplexen Themas wie „Liebe“ begleitet mich, seit ich für Eintrag 14 erstmalig durch die Psychologen Cohen, Underwood und Gottlieb dafür die sehr einleuchtenden Einflußgrößen erhielt, daß wir a) „verstanden, bestätigt und berücksichtigt werden“, weil wir b) für das Selbstbild der anderen Liebespartner*innen von Bedeutung sind, dadurch c) belastbares Vertrauen in unser Angenommensein haben können, wegen d) dem Erleben von Wertschätzung für unser eigenes Selbst aufgrund unseres unveräußerlichen Eigenwerts.
Wertschätzende Verbundenheit, gut ja, kann ich also durchaus auch im Verlauf einer heißen Liebesnacht erfahren. Für unser Leben, für unseren Alltag – und damit für den weitaus größeren Teil unserer (scheinbar) profanen Lebenszeit ist es aber aus meiner Sicht noch viel bedeutsamer, wenn wir diese wertschätzende Verbundenheit in den vermeintlich „kleinen Dingen“ erkennen und widergespiegelt bekommen: Wer bringt mir im November ungefragt das Nasenspray aus der Apotheke mit, wer verabschiedet gerade liebevoll-unerbittlich die Kinder in den Schultag, wer harrt bei mir aus – auch wenn ich gerade schlecht drauf und wenig unterhaltsam bin, für wen wasche ich das Lieblingsshirt eine Maschine schneller, wer fährt jeden Tag zur Arbeit und verdient Geld für die Gemeinschaft, wer besucht mit mir meine quengelige Mutter, wessen Hund habe ich entflöht – auch wenn ich nie einen Hund wollte, wer nennt mich „Superschatz“, wen hole ich um 2 Uhr morgens an irgendeinem götterverlassen Ort ab, wer erzählt mir von den Verlassenheitsgefühlen, als in der Teenagerzeit der geliebte Opa starb?
Liebe ist dadurch für mich das große Band, welches letztendlich jedes Gesamtpaket aus Pragmatismus und Idealismus verbindet – und zusammenhalten wird. Eintragweise (zuletzt Eintrag 69) bringe ich immer wieder den hinter jeder (Liebes)Beziehung stehenden „Emotionalvertrag“ ins Spiel, bei dem es um die „Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ geht. Das klingt zunächst sehr nüchtern, sehr nach dem von mir beim Pragmatismus erwähnten „Knäckebrot“. Aber es enthält auch all die Verheißungen von geteilter Gemeinschaftlichkeit, Vertrautheit und Intimität. Genau jedoch mit der „Liebe“ erst als Band und Umhüllung eines solchen Arrangements hingegen wird doch erst klar, daß wir darin nicht investiert sind, weil wir es wohl oder übel müssen, sondern weil wir es aus tiefster Überzeugung und von ganzem Herzen immer wieder aufs Neue WOLLEN.

Wer noch nicht überzeugt ist, mag den „Negativtest“ antreten – und aus einem vermeintlich polyamoren Geschehen einen der erwähnten Bestandteile herausdefinieren:
Eine Beziehung die von Liebe getragen und auch idealistisch uneigennützig ist – jedoch ohne pragmatische Komponente? Wird eine raumzeitlich begrenzte Flamme sein, die niemals einen wirklichen „Sitz im Leben“ der Beteiligten erhält. Mag eine ganze Weile durch diesen gewissen exklusiven Glanz bestehen, doch niemals einen Schleier von Abstreitbarkeit und Unverbindlichkeit verlieren.
Dann also lieber pragmatisch-sachbezogen, voller Liebe, jedoch ohne Ideale? Auch so eine Selbstverleugnung kann man eine Weile durchziehen… Einer solchen Verbindung wird allerdings eines Tages höchstwahrscheinlich die Liebe ausgehen. Entweder, weil alle daran Beteiligten sich schließlich einander so ähnlich geworden sind wie die sprichwörtlichen Hundebesitzer*innen ihren Hunden – oder weil durch fehlende Impulse von Weiterentwicklung eine lähmende Langweiligkeit irgendwann alle noch ausharrenden Insassen ergriffen hat. Oder sie fliegt sehr schnell in die Luft – an dem Tag, an dem die meisten Teilhaber*innen erkennen, daß sie von ihrem inneren Wesen her eigentlich nach völlig unterschiedlichen Dingen streben.
Und eine Verbindung – sowohl pragmatisch als auch idealistisch – aber ohne Liebe? Unsere Großeltern nannten das wohl ein „Socken-und-Bratkartoffel-Verhältnis“. Oder auch eine „Vernunftbeziehung“. Auf jeden Fall wird unser Herz darin kalt bleiben und im Regen sehnsüchtig mit hochgeschlagenem Kragen auf einer zugigen Brücke stehen. Was die Garantie für vorzeitiges Altern und Vergrauen ist – es sei denn man wäre eventuell ein von einem solchen Arrangement profitierender Narzisst, der seine Energie durch Ausnutzung der anderen in solch einem System bezieht, ohne selbst auch nur ein Fünkchen wahrere Zuneigung beizutragen…

Alle drei Negativtests sind mir leider auf dem „polyamoren“ Kontinent weitaus häufiger begegnet, als die faszinierende, allen Beteiligten förderliche Lebensweise, zu der das Konzept einmal komponiert worden ist: Eine Blaupause, um einvernehmliche, vollumfänglich transparente, durchweg aufrichtige, verbindlich-verläßliche und auf Alltagstauglichkeit angelegte Mehrpersonen-Liebesbeziehungen zu gewährleisten, deren innerer Raum durch Ressourcenvernetzung und allseitige Teilhabe das Potential zur Selbstentwicklung sowohl für die beteiligten Individuen als auch für die Gemeinschaft bzw. die Gesamtbeziehung erhält.

Und daher lehne ich, Oligotropos, die Verwendung des Begriffs „polyamor“ als (Selbst)Bezeichnung für all diejenigen Personen und Begehrenszustände ab, die dadurch überwiegend beschreiben wollen, daß mit mehr als einer weiteren Person vor allem irgendein erotischer Kontext geteilt wird – insbesondere weil für mich auf diese Weise das Potential sowie die Entstehungs- und Anwendungshintergründe der so präsentierten Beziehungsphilosophie ignoriert, mißachtet oder schlimmstenfalls vorsätzlich verschleiert werden.³




¹ Das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² Den Begriff „make love“ gibt es übrigens schon sehr lange, er bedeutete nur über weite Stecken seiner Existenz etwas anderes. Wenn z.B. in Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil im Originaltext „Pride and Prejudice“ von 1813 die Wendung „he made love to all of us“ gebraucht wurde, dann war damit keine Massenorgie gemeint, sondern schlicht freundschaftlich zugewandtes Verhalten in einer Gruppe.

³ Warum ich, Oligotropos, noch darüber hinaus dann von der Poly- zur „Oligo“-Amory übergegangen bin, erläutere ich u.a. ausführlich in Eintrag 2.

Danke an congerdesign auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 70

Unbemerktes Leitmotiv*…

„Polyamorie ist nichts für mich. Wenn ich zwei Leute gleichzeitig enttäuschen möchte, dann fahre ich zu meinen Eltern.“
Diesen Satz las ich letzten Monat in einem Forum über unterschiedliche Beziehungsformen – und einen schrecklicheren Offenbarungseid angesichts der Einstellung gegenüber Mehrfachbeziehungen habe ich vermutlich noch nie zuvor gesehen.

Wobei „schrecklich“ natürlich wiederum eine höchst subjektive Wortwahl meinerseits ist. Ich hätte auch „erhellend“ oder „interessant“ schreiben können – denn gemäß dem „Vier-Seiten-Modell“ des deutschen Kommunikationspsychologens Friedemann Schulz von Thun enthält ja jede Botschaft eine Selbstoffenbarung, die in erster Linie etwas über die sprechende Person daselbst enthüllt.

Und damit ist die obige Aussage auch kontextuell sofort weit weniger haarsträubend, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Vielmehr spricht sie einmal mehr Bände davon, wie sehr wir – mit Mehrfachbeziehungsmustern (oder auch nur Gedanken daran!) konfrontiert – uns sehr schnell in Emotionsräumen familiärer Konstellationen wiederfinden. Vor allem aber wohl, wenn wir dort in unserer Biographie Asymmetrien hinsichtlich Ansprüchen, Berechtigung, Vertrauen oder Zugehörigkeit erlebt haben.

Für ein Säugetier wie den Homo sapiens ist die eigene kleine Menschenhorde der urspünglichste und erste Lernraum in Bezug auf familiäre Beziehungen („familiar“ heißt ja auch im Englischen bis heute „bekannt/vertraut“). Und dabei geht es eben nicht allein nur um die Verortung des eigenen „Ichs“ in so einem Gefüge oder der Entwicklung von Individualität. Denn untrennbar damit verbunden nimmt ein aufwachsendes Wesen auch alle Dynamiken von Binnenbeziehungen IN einem solchen (Familien)Gefüge wahr, die sich nach und nach zu einem Repertoire eigener (möglicher) Rollen und Rollenreaktionsmuster formen.

Leider (gerade wenn es sich um negative Erfahrungen handelte) waren wir ja keine bloßen Zuschauer bei einem solchen Geschehen. Das vermeintliche Schauspiel ging uns oft buchstäblich zu nah. Und das eben nicht nur, wenn wir selbst direkt betroffen waren, z.B. durch einen ängstlichen, besitzergreifenden, abweisenden oder vermeidenden Bindungsstil unserer Eltern (siehe u.a. Eintrag 14). Ebenso oft hatten wir sicherlich einen eventuell unvermeidbar unangenehmen Platz in der ersten Reihe bei Dramen, die sich zwischen unseren Eltern darboten, zwischen etwaigen Geschwistern – und unseren Eltern – oder wir waren wieder direkt betroffen, wenn es um Resonanzen zwischen vorhandenen Geschwistern und uns ging.
Gerade in den Kleinfamilien, wie wir sie seit Beginn der modernen Zeit meistens gestalten, stellen sich daraus entspringende Konflikte oftmals – trotz möglicherweise mehrerer Beteiligte – als ein lediglich zweiseitiges Geschehen dar, bei dem es nicht selten doch um „Recht haben/behalten“ oder schlussendlich nur „ums Gewinnen“ ging (Letzteres auch gerne abgesichert durch eine Zuweisung von „Schuld“).

Ein solches „zweiseitiges“ Geschehen hat darüber hinaus später höchstwahrscheinlich auch noch all diejenigen Leser*innen mit in ihre monogamen Beziehungen begleitet (mich also ebenfalls), die nicht von Beginn an eine Mehrfachbeziehung aus mehreren gleich aufgestellten Partner*innen eingegangen sind [und bei dieser Gruppe möchte ich mich hier ein bißchen entschuldigen, weil ich in der Tat über deren Beziehungsgrundmuster aus eigener Nicht-Erfahrung nicht so viel beitragen kann].
Meiner Ansicht nach besteht die Verführung nachlässig abgemachter und unbewußt vollzogener Monogamie (und aus meiner Sicht betrifft dies über 90% aller monogamen Arrangements) sogar gerade darin, daß sie – durch die einzig gestattete Konzessionierung von nur zwei Beteiligten – im Konfliktfall „win-lose“-Situationen¹ begünstigt und dabei trotzdem fortgesetzte Funktionsfähigkeit sicherstellt. Sprich: Eine*r setzt durch – und eine*r steckt um des lieben Friedens willen (also um die Gesamterfüllung nicht aufs Spiel zu setzen) zurück.

Wenn ich heute demgemäß einen Satz lese, in dem jemand eine Mehrfachbeziehung mit der Beziehung zur eigenen Familie gleichsetzt, dann fällt mir sofort unwillkürlich das Bild des Familientischs mit einer zu knappen Tischdecke ein, wo von zwei Enden so daran gezogen wird, daß es darum geht, daß eine Partei ihre Tischseite hübsch zu bedecken sucht – auf Kosten einer anderen (ebenso am Tuch zerrenden) Partei, der das am Ende nicht gelingen soll und kann – und die dadurch in letzter Konsequenz auch noch dumm dastehen wird (gewissermaßen buchstäblich „entblößt“).

Speziell all jene Erfahrungen, bei denen wir uns selbst jemals in dieser Weise als „auf der Verliererseite“ wahrgenommen haben, haben so zu einer Art „inneren Registratur“ beigetragen, die die Psychologin Dr. Verena Kast in meinem Eifersuchts-Eintrag 36 „Ressentiment“ nennt. Noch einmal: „Ressentiment“ (aus französisch re-sentir) – ein wiederholtes Nacherleben einer verinnerlichten, generalisierten konflikthaften Erfahrung, die emotional betont und mit einem bestimmten Beziehungsthema verknüpft ist.²
Das Häßliche an „Ressentiments“ ist hierbei, daß sie in uns gewissermaßen eine Form von immerpräsenter „Gefühlskonserve“ bilden: Ich habe meine Eltern einmal enttäuscht als ich 17 war (vielleicht habe ich mich für einen andere Ausbildung entschieden als diese wollten und wurde nicht unterstützt), ich habe sie mit 25 enttäuscht (hochgezogene Augenbrauen bei der Wahl meines Wohnorts, es gab kaum Besuche) – und wenn ich morgen wieder hinfahre, enttäusche ich sie ganz sicherer mit irgendetwas erneut (auch wenn ich nun 48 bin und sie fast 80…).
Die Vorstellung, sich also in einer intimen Beziehung mit zwei (oder mehr) Personen zu befinden, kann dann ganz schnell als ähnlich belastend empfunden werden: Ich hätte dann ja (z.B.) zwei Lieblingsmenschen…, …bestimmt könnte ich es niemals beiden recht machen…, ….beide würden mir das auf ihre Art ganz sicher (negativ) zu verstehen geben…, …das ist etwas, was ich nicht spüren will.
Objektiv stehen die beiden Situationen weder zeitlich noch anlässlich miteinander in Verbindung. Unseren Ressentiments ist das aber egal, da unser Gehirn aufgrund ihrer „generalisierten“ (s.o) – also vereinfachten/schablonisierten – Natur mit ihnen unwillkürlich den Schauplatz wechseln kann.

Ressentiments bedienen sich also unserer Ängste in dem Sinne, daß sie „Wiedererlebensmomente“ heraufbeschwören, als wir „schon einmal“ eine (näherungsmäßig ähnliche) Niederlage oder Bloßstellung erlitten haben.

Wo wir bei Bloßstellung sind… Vor einigen Tagen hatte ich einen faszinierenden Traum, der mir gut zum heutigen Thema zu passen scheint.
In dem Traum befand ich mich nackt mit mehreren ebenso nackten Personen verschiedenerlei Geschlechts in einer Art übergroßen, wasserlosen Duschwanne (und nein, ich besuche weder Tantra- noch Bodyworkseminare 😉 ). Die anderen „Insassen“ der Duschwanne schienen miteinander bei irgendeiner Art von Tätigkeit beschäftigt – soviel war klar – aber ob dies bloß ein intensives Gespräch oder gar sexuelle Aktivität war spielte offenbar für den Traum keine Rolle, es blieb unbedeutsam verwischt. Ich indessen hatte an meiner Seite eine gleichfalls unbekleidete (und ganz und gar klar erkennbare) mir sympathische Gefährtin (eine Traumfigur, die keinerlei Ähnlichkeit zu einem Menschen hatte, den ich kenne). Wir wechselten einige Worte und beobachteten dabei die Personen uns gegenüber in der Duschwanne. Dadurch entwickelte sich rasch ein vertrauliches Verhältnis (ja, Träume sind schon was Tolles…) und wir rückten näher aneinander – Haut an Haut. Schließlich legte ich meinen Kopf auf ihren Arm, den sie auf dem Rand der Wanne ruhen ließ und schmiegte mich mehr und mehr an ihre Seite. Schließlich neigte meine Begleitung ihr hübsches Gesicht zu mir und begann mich ausgiebig zu küssen, was ich gerne erwiderte. Ein wirklich guter, sehr inniger Kuss übrigens, vom Typ „Gehirnbelohnung“.
Just in diesem vertieften Moment mußte ich plötzlich an meinen realen Lieblingsmenschen K. in der wirklichen Welt denken (und auch für den Traum war die Existenz von K. konsequent) und was diese denn bloß dazu sagen würde – und wie ich ihr das erklären müßte – und innerhalb von Zeitbruchteilen stapelten sich schon diverse Szenerien dazu in einem anderen Teil meines Kopfes. Was mein Gehirn dazu benutzte, den Traum mit diesem letzten Eindruck zu beenden – mir aber im Aufwachen noch den Selbstzweifel dazu zu spendieren, ob (und wie?) ich denn mit einem mehrfachen Begehrtwerden umgehen könne…
Für den Traum, mein Gehirn und meinen Geist waren weder Nacktheit oder die intime Situation irgendwie schambehaftet. Auch, daß ich wohl noch mit einer weiteren Partnerin zusammen war, die ebenfalls Teil eines Mehrfachbeziehungskontextes war, stellte – wenn überhaupt – nur den Aufhänger. Aber die Frage nach dem Aushalten des doppelten Begehrens durch zwei Menschen und meine (offenbar ungenügende!) Selbstwirksamkeit in diesem Zusammenhang, DAS hingegen… …erzeugte den eigentlichen Stress.

„Luxusprobleme…“, wird jetzt vielleicht die ein oder der andere denken. Für mich ist das aber kein Luxusproblem sondern ein echtes, weil ich mich in mir damit herumschlage, daß ich „nicht genüge“ (ein ganz beispielhaftes und sehr reales Familienressentiment meinerseits). Und in einem Mehrfachbeziehungskontext kann mich das z.B. in einem Moment teuer zu stehen kommen, wenn ich bloß beginne zu glauben, mich oder meine Hinwendung zu einem Partner rechtfertigen zu müssen.
Die meisten Menschen, die mit mir bereits in intimen Beziehungen gelebt haben, könnten demgemäß vermutlich voraussagen, daß ich mich wahrscheinlich in so einer Situation durch Verharren unter dem Radar oder Ausweichen/Ablenken (= Flucht) zu entziehen versuchen würde.
Sollte ich hingegen ernsthaft zu einer unvermeidlichen Stellungnahme gedrängt werden, bestünde hingegen – wenn ich da so in mich hineinhorche – die Gefahr, daß ich trotz all meiner oligoamoren Weisheit recht schnell unsachlich werden könnte (= Kampf).

Stress engt unsere Perspektive ein, nimmt uns Langmut und Optionen, auf die wir bei ruhigem Gemüt eventuell noch Zugriff gehabt hätten.
Der Coach und Paartherapeut Reinhardt Krätzig schreibt zu diesem Phänomen in seinem Buch „Mit dem Schlüssel der Psyche“ (erschienen 2020):
»Stress erlebt unser Gehirn als Beweis für eine vorhandene Gefahr. Gefahr meint jetzt wirkliche, vielleicht lebensbedrohliche Gefahr. Um der angemessen begegnen zu können, geschieht ein Umschalten in Kopf und Körper. Der sympathische Zweig des autonomen Nervensystems wird aktiviert, wir werden unruhig, fühlen uns unbehaglich und unsicher.
In diesem Zustand beschleunigt sich unsere Herzfrequenz, unser Atem ist kurz und flach. Wir scannen unsere Umgebung, gehen in den Kampf- oder Fluchtmodus. Jetzt erlebt man die Welt eher als einen gefährlichen Ort, an dem man sich vor Schaden schützen muß. Um zu überleben, müssen alle Sinne nach Außen gerichtet sein, das energiefressende und viel zu langsame Bewußtsein bekommt weniger Sauerstoff, wird also zurückgefahren und nur noch zur Sinnesverarbeitung benutzt. Man denkt nicht mehr darüber nach, was man tut, man macht nur noch. Als Bezugspunkt für das Handeln stehen jetzt nur noch die Erfahrungen zur Verfügung. Unter Stress sind dies die Erfahrungen aus anderen schwierigen, belastenden Situationen. Da dies schon ein Leben lang so geschieht, steht man plötzlich mit einem Bein in der Kindheit und hat als Bezugspunkt für das Gegenwartshandeln nur die damals als Antwort auf schwierige Momente entwickelten Verhaltensmuster.
Achtung! Dieses Geschehen läuft nicht nur bei großem, auffälligen und für jeden sichtbaren Stress ab. Auch bei ganz subtilem Stress, insbesondere dem, der entsteht, wenn das eigenen
Lebensthema berührt ist, passiert etwas Vergleichbares. Jeder hat es schon einmal erlebt, dass ein Partner ganz plötzlich in eine merkwürdige Stimmung verfällt. Meist war dann durch irgend etwas eine empfindliche Stelle der Psyche des Gegenübers berührt worden. Das löst sofort diesen Stressmodus aus, verbunden mit dem Rückgriff auf Bewältigungsmuster der Kindheit. Für einen Beobachter wirkt so etwas irritierend und unpassend, aber das läuft bei allen irgendwann so ab, auch bei Ihnen selbst.
Im Umgang mit derart belasteten Menschen – zum Beispiel einem Beziehungspartner, der gerade mit einem streitet – macht es in diesem Moment keinen Sinn, an dessen Bewusstsein beziehungsweise Vernunft zu appellieren und ihn vielleicht aufzufordern, sich doch mal zusammenzureißen. Da das Steuerpult der bewußten Führung aktuell unbesetzt ist – so lange das subjektive Leid anhält – kann auch niemand die Appelle und Aufforderungen umsetzen. Das wichtigste und stärkste Mittel zur Selbstregulierung (Bewußtheit) steht nicht zur Verfügung. Das hat auch nichts mit mangelndem Willen, Bequemlichkeit oder Faulheit zu tun. Auch die Frage nach der Intelligenz stellt sich hier nicht. Auch bei ausgesprochenen intelligenten Menschen läuft dasselbe ab, diese sind unter Stress genauso eingeschränkt wie weniger intelligente.«


Die von Krätzig so bezeichneten „Lebensthemen“ ließen sich seiner Meinung nach übrigens besonders gut bei einer dem auslösenden Anlaß extrem unangemessenen Reaktionen ermitteln: Welche verspürte Widerfahrnis also „läßt uns völlig aus der Haut fahren“, „macht uns total sauer“ oder „zieht uns den Boden unter den Füßen weg“ ?

In Eintrag 26 schreibe ich, daß genau genommen unsere Angst vor der Angst die Dinge noch bedrohlicher erscheinen läßt. „Von uns selbst ertappt“, schreibe ich da, „ein scheußliches Gefühl.“
Mein Traum oder vielmehr mein Unterbewußtsein hat mir für mich diesen Tatbestand noch einmal aufgedeckt. Schwierigkeiten im Umgang mit Begehren? Angst (Ansprüchen) nicht zu genügen? Im Wachzustand darauf angesprochen, würde ich das wohl bestreiten, denn so sehe ich mich eigentlich gar nicht. Aber mein Unterbewußtsein hat mir gezeigt, daß es da eben doch noch einen (wohl nicht so ganz kleinen) Teil gibt, der von mir so denkt.

In unseren heutigen selbstgewählten Beziehungen sind unsere Lieblingsmenschen und Partner*innen jedenfalls nicht unsere Eltern oder Geschwister von einst. Und damit ist es günstig, wenn wir uns in einem ruhigen Moment klar machen können, daß auch die einstige Zweidimensionalität längst zurückliegender Konflikte sich heute (hoffentlich) nicht mehr in ihrer damaligen Kleinlichkeit und Unerbittlichkeit von „Gewonnen“ und „Verloren“ darbieten wird.
Mit Wohlwollen und einer Portion Eigenhumor gegenüber uns selbst können wir dafür unsere „Lebensthemen“ herausfinden, z.B. in dem wir für uns selbst anschauen, wann manchmal unser „Steuerpult unbesetzt“ ist, mit uns kaum zu reden ist, weil uns gerade ein Ressentiment in eine alte Welt aus „wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ hineinzieht (oder wir den inneren aufgewühlten Ozean mit der dritten Tafel XXL-Vollmilch zu glätten versuchen…).
Haben wir ein Lebensthema einmal entlarvt, stehen die Chance mit der Zeit immer besser, ihm seinen überbordenden Status als allesbeherrschendes (aber unbewußtes) „Leitmotiv“ unserer emotionalen Reaktion zu entziehen und es nach und nach zu einer nur noch gelegentlich schrill dazwischentönenden Clownshupe schrumpfen zu lassen.

Coach Krätzig hat übrigens auch noch einen „Positivtest“ zur Erforschung unserer Lebensthemen in petto: Er sagt, daß wir das, was uns selbst im Leben am meisten fehlt (bzw. gefehlt hat), häufig als Kompensation anderen angedeihen lassen. Ist das Fürsorge? Geborgenheit? Praktische Hilfe? Gemeinschaft? Loyalität? Ein jederzeit offenes Ohr? Oder…?
Ich bin gespannt, was ihr entdecken werdet!




* Leitmotiv: Ein mittlerweile gerne in Filmmusiken oder Game-Soundtracks eingesetztes Melodiehema, welches sich nahezu unbemerkt in unzähligen Variationen und Abwandlungen als unterliegendes Element durch den kompletten Musikscore des entsprechenden Werkes zieht.

¹ Die negativen Konsequenzen einer „win/lose-Situation“ (= Gewinner-Verlierer-Strategie: fehlende Bereitschaft von Konfliktparteien zu einer sachgerechten, rationalen Lösung von Konflikten. Eingesetzt werden Provokationen, Strafverhalten und Drohungen [Macht], in der Hoffnung, selbst als Sieger aus dem Konflikt hervorzugehen) spreche ich bereits kurz in Eintrag 26 an.

² Diese Formulierung wiederum stammt von dem Schweizer Psychiater und dem Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung.

Danke an Jonathan Sautter auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 69

Eine*r für alle – alle für eine*n!¹

Als Autor eines bLogs steht man seinen eigenen Texten selbstverständlich auch kritisch gegenüber. Immer wieder schaue ich mir darum Monate – oder mittlerweile sogar Jahre – später von mir verfaßte Einträge regelmäßig noch einmal an, und auch in meinen Augen gibt es da für mich ganz starke aber auch eventuell weniger tiefgreifende Artikel.
Da ist z.B. mein Eintrag 16, bei dem ich immer wieder überlegte, ob ich ihn für den inhaltlich schwächsten in meinem Reigen halten sollte – sogar eine Partnerin von mir meinte damals, beim Abfassen sei ich zu hart mit mir ins Gericht gegangen, denn gelingende Kommunikation würde doch stets von den Beiträgen aller Beteiligten abhängen.
Wenn ich heute indessen Eintrag 16 erneut aufrufe, dann empfinde ich seine Schlußfolgerung jedoch als höchst aktuell und allgegenwärtig – selbst wenn ich den kontextuellen Ansatz seinerzeit ein wenig „über Eck“ gespielt hatte.

Um zu verdeutlichen was ich meine, möchte ich den Ball heute erneut aufnehmen, da mir in meinen eigenen Beziehungen und auch denen in meinem Bekanntenkreis regelmäßig aufgefallen ist, wie schnell wir im „Normalbetriebsmodus“ dazu bereit sind, die Auffassung unseres Teils der Welt nur allzu selbstverständlich schon für das vermutlich „Ganze“ zu halten.

Warum ist es mir für die Oligoamory so wichtig, genau diesen Komplex (mit einem genau genommen altbekannten und recht nachvollziehbaren Mechanismus) noch einmal sehr gründlich zu beleuchten?
Weil ich ganz entschieden ein vermeintliches Hintertürchen in der oligoamoren „Firewall“ schließen möchte, welches sich einem womöglich wohlmeinenden, im Eifer des Gefechts vielleicht etwas allzu selbstüberzeugten Geist darbieten könnte – und zwar in Bezug auf das, was ich in meinen letzten Einträgen als oligoamore Grundphilosophie verankert habe:

Schon auf meiner Startseite lade ich mit der Oligoamory dazu ein, (Mehrfach)Beziehungsgeflechte aufzubauen, in welchen sich alle Beteiligte durch das Vernetzen und Zusammentragen von Fähigkeiten sowie Ressourcen hoffentlich als „mehr als die Summe ihrer Teile“ erleben könnten. In Eintrag 64, welcher der letzte Artikel eines Dreiteilers zu „Bedeutsamen Beziehungen“ war, unterstreiche ich diesen zentralen Punkt der Oligoamory mit den ganzheitlichen Gedanken des frühneuzeitlichen Philosophen Shaftesbury, die man folgendermaßen verkürzt wiedergeben könnte: Was gut für dich ist, wirkt sich förderlich für (d)eine größere Gesamtheit aus – und wenn etwas für die größere Gesamtheit förderlich ist, kommt dieses wiederum dir zugute.
Letzteres übrigens hatte sogar der von mir schon in den Einträgen 11 und 59 erwähnte Primatenforscher Frans de Waal von unseren biologisch nächsten Verwandten abgeleitet: Evolutionär konnte sich Kooperation entwickeln, weil durch erwiesene Gefallen in einer Gruppe für ein solidarisches Individuum die Wahrscheinlichkeit anstieg, selbst einmal zu den durch Fremdsolidarität „Begünstigten“ zu zählen.
So weit, so schön.

Wir Menschen – insbesondere in Liebesbeziehungen – sind aber nicht bloß ein ganzheitlich funktionierendes Ökosystem und wir sind auch keine Affenhorde. Denn „was gut (für uns) ist“, das „Förderliche (für uns)“, darüber müssen – und wollen! – wir selbst entscheiden. Ich würde sogar sagen: Darüber müssen und sollen wir selbst entscheiden.
Um beim Beispiel der Primatengruppe zu bleiben: Für uns wäre es doch wohl einerseits etwas zu beliebig, dem ausgeliefert zu sein, ob heute vielleicht bei der Verteilung einige Bananen für uns übrig blieben oder aber nicht. Und andererseits können nur wir selbst wirklich wissen, ob wir heute überhaupt eine Banane haben wollten – oder eine Kokosnuß oder sonst etwas – und auch darüber wollen wir für uns autonom entscheiden.

Warum ich das sage? Weil ich überzeugt bin, daß ein gewaltiges Konfliktpotential in engen menschlichen Beziehungen in der Bevormundung liegt: „Ich weiß schon, was gut für Dich ist…!“.

Und das kann in Liebesbeziehungen die seltsamsten Blüten treiben, denen ich unter dem Vorwand eines oligoamoren Gruppennutzen von „mehr als die Summe der Teile“ keinen Vorschuß geben möchte.
In der Monoamorie (also z.B. der klassischen Ehe…) haben wir da allein schon aus historischen Gründen ein Problem: Über mehrere Jahrhunderte entwickelte sich die Rolle des Mannes hin zum Versorger, was die Lebensgrundlage anging – die Rolle der Frau hin zur angewiesenen, abhängigen Empfängerin. Schon diese Rollenverteilung trug dazu bei, daß bis heute eine gewisse „Bestimmer-Haltung“ immer noch unser Denken prägt, wenn es sich z.B. um Fragen von Berufstätigkeit, (mehr) Geldverdienen und Brötchenerwerb allgemein dreht. Auf diese Weise reproduziert sich quasi auch ein Eltern-Kind-Verhältnis in der Konstellation einer späteren Liebesbeziehung: Wer fürsorgt, darf entscheiden, hat die (höchste/letztendliche) „Verfügungsgewalt“.
Richtig kompliziert wird es leider, weil diese „Fürsorgermentalität“ in uns Menschen auf eine mehr oder weniger große „Versorgtheitsmentalität“ treffen kann – eine bequeme Haltung, die nur zu gerne abgibt, und froh ist, daß da schon jemand anders ist, der sich „kümmert“.
Und damit ist ganz und gar nicht nur das leibliche oder materielle Wohl gemeint. Die Titelzeile des schmachtenden Jazz-Songs Someone to watch over me von George und Ira Gershwin aus dem Jahr 1926 ist für mich dahingehend das perfekte Beispiel, da dieser Satz mit viermal kindlichem Kussmündchen ausgesprochen werden möchte (probiert’s selbst mal vor dem Spiegel…), dabei sehnsüchtig den Wunsch nach dem quasi allumfassenden Rundum-Fürsorger proklamierend ² .

Auch wir, die sich vermeintlich aus solch einer Welt paternaler „Zweierkisten“ (oder zumindest deren moralisierend verbrämten Überbau) befreit glauben, sind von solch einem Denken noch längst nicht völlig frei.
Für mich zeigt sich das daran, daß Mehrfachbeziehungskontexte (von polyamoren Datingseiten und Foren bis hin zu konkreten Beziehungen) u.a. regelmäßig mit echtem Narzissmus zu kämpfen haben. Was ich wiederum nicht so verwunderlich finde, denn Narzissmus wird entweder davon angezogen, sehr lange unerkannt Macher*in, Bestimmer*in und Objekt der Verehrung sein zu können, was durch eine höhere Anzahl möglicher Bezugspartner schlicht leichter verschleiert werden kann (denn aus Sicht eines Narzissten sind schließlich immer „die anderen“ ursächlich…). Oder Narzissmus wird geradezu eingeladen von Menschen, die Verantwortung an „die Gemeinschaft“ abgeben wollen so daß eine narzisstische Persönlichkeit rasch spürt: Hier kann ich führen und/oder glänzen.
Nicht, daß es Narzissmus nicht auch in üblichen Zweierbeziehungen gibt – aber ein ungeklärt agierendes Mehrfachbeziehungsmodell ist deutlich anfälliger, solche Strukturen gewähren zu lassen.

Es muß aber gar nicht Narzissmus sein, der hinter dem Drang steckt, das, was man selbst für sich als gut erachtet, auch allen anderen als vermeintlich heilsbringend einigermaßen unverblümt überzustülpen.
In den allermeisten Fällen agiert schlicht unsere Überzeugtheit vom „eigenen Film“ wie ich sie bereits in Eintrag 11 beschreibe. Diese Überzeugung kann sogar soweit gehen, daß wir uns selbst in der Rolle des romantischen Selbstopfers sehen, welches das alles, wirklich alles, für die Gemeinschaft zum Zwecke einer höheren Gesamtperformance gibt.

Am Ende des Tages habe ich dafür aber immer noch keinerlei echte Kommunikation aufbringen müssen und es ist genau wie ich in Eintrag 16 sagte, daß ich lediglich „damit meine eigenen Beweggründe an die allerhöchste Stelle für die gesamte Gemeinschaft setze“.

Viele „Held*innen im eigenen Film“ (Eintrag 11) sind oft über so eine Zuschreibung empört, da sie – ganz im Gegenteil – durchaus der Meinung sind, sie würden doch die ganze Zeit und sogar sehr VIEL kommunizieren. Nur würden sie sich leider den Mund fusselig reden, könnten gar mit Engelszungen sprechen, jedoch die unwilligen Objekte solcher aufgewandten Menge an Kommunikation wären schlicht und leider nicht in der Lage die wegweisende Botschaft aufzunehmen. Oder einfach stur.

Schon in Eintrag 4 bezeichne ich „Kommunikation“ nicht als absoluten Wert in Beziehungen, sondern nenne sie einen „Regler“ (wie einen Lautstärkeschieber an einem Mischpult z.B.). Daß dieser „Regler“ also generell vorhanden ist, sagt noch nichts über die hergestellte Qualität aus. Denn gerade in der heutigen Zeit nehmen wir – was unser Verhältnis zu dem „Regler“ angeht – oft eine wenig hilfreiche Haltung ein, die in den Sprachwissenschaften „Metakommunikation“ genannt wird.
„Metakommunikation“ ist aber eine Form der Unterhaltung, die sich eine Ebene hinter – oder vielmehr über – der wirklichen Kommunikation befindet. Im wahrsten Sinne: Wir reden „über“ etwas oder jemanden – aber nicht „mit“ ihr oder ihm. Unsere modernen Kommunikationsmittel machen uns das auf eine wenig nützliche Weise sogar noch einfacher (und gewohnter), indem wir z.B. mittels allzeit zugänglicher Kommunikationsgeräte und Anwendungen wie aus dem Nichts noch weitere (Meta)Gesprächspartner*innen dazubeschwören können. Damit öffnen wir aber höchstwahrscheinlich nur eine weitere Echokammer, die uns in unserer eigenen Meinung bestätigen wird – oder wir erfahren Frustration in dem Erleben einer scheinbar weiteren unverständigen Instanz (außerdem fehlt solchen „Metapartnern“ zusätzlich häufig auch noch situative Gestik, Mimik oder Stimmfarbe). Dem eigentlichen Anlaß ist aber immer noch nicht weitergeholfen – es wäre so, als hätten wir die ganze Zeit nur über den „Regler“ bzw. das Mischpult gesprochen – es allerdings nicht in Betrieb genommen.

Dem gelegentlich unerfreulichen Verlauf von (Streit)Gesprächen können wir nur mit echter Kommunikation, im mit-einander Sprechen begegnen, wenn wir uns darum bemühen offenzulegen, daß verschiedene Seiten vielleicht von ganz unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen, daß Fehlinterpretationen vorliegen können, Mißverständnisse ausgeräumt werden wollen. Mehrdeutigkeit, Ironie und Sarkasmus sind dabei nicht lustig – sondern hinderlich. Wir müssen vielmehr nachfragen, wie unsere Gesprächspartner*innen bestimmte Begriffe benutzen, wir müssen uns darüber verständigen, wie die beteiligten Parteien die gegenwärtige Situation einschätzen – und es ist ganz wichtig, daß alle wirklich über das selbe Thema sprechen (wollen). Nur so können wir Gemeinsamkeiten entdecken und genauer erkennen, welche Punkte unterschiedlich gesehen werden und warum.

Lieber also die Optionen offen halten? Oder wie mir einmal ein Bekannter sagte „Manche Differenzen zwischen Freunden schlicht bestehen lassen und gar nicht so genau ansprechen…“?
In der Oligoamory aus meiner Sicht schlechterdings unmöglich.
Denn der hinter jeder Beziehung befindliche Emotionalvertrag (Eintrag 9) ist kein Werkzeug, kein „Tool“, keine Beschreibung oder eine Option – sondere eine sich sofort mit der Etablierung einer Beziehung manifestierende Tatsache. Der Emotionalvertrag ist immer da, wird „im Hintergrund ausgeführt“ – ob wir wollen oder nicht.

Klar, manchmal kann man sich davon so ein Stückchen weit persönliche Gedankenfreiheit gönnen. Ich mache dazu mal ein eigenes Beispiel auf:
In Eintrag 31 erwähnte ich ja, daß eine meiner Partner*innen ein Pferd besitzt. „Pferd besitzt“ ist da genau genommen schon zu oberflächlich beschrieben – manchmal sage ich: „Du kannst die K. vom Pferd nehmen aber nicht das Pferd aus der K.“ . Womit ich ausdrücken will, daß diese Partner*in vom ganzen Sein mit diesem Pferdethema verknüpft ist.
Ich hingegen mache mir nicht besonders viel aus Pferden. Gut, über die Jahre mit der Partner*in weiß ich mittlerweile etwas mehr, als wo nur vorne und hinten beim Pferd sind – aber ich würde mir so ein Tier allein vermutlich nicht halten, aus vielerlei Gründen (Pferdeäppel z.B.).
Da die Partner*in nun einen zeitaufwendigen Beruf hat, ergibt es sich, daß ich mich angelegentlich einmal um das Tier kümmere, Stallpflege, Füttern, ja und auch das wenig geliebte Abäppeln.
Als Motivationshilfe im Kopf stehe ich dann manchmal auf der Koppel und sage mir, daß es sich ja bei meiner Handlung um eine jederzeit widerufbare Bonusleistung handelt, die ich nicht gezwangsweist erbringen müsste. Und das ist dann ein beruhigender Gedanke und pfeifend leere ich die Schubkarre.
Aber würde ich diese Karte im Ernstfall wirklich ziehen? Es ist nämlich tatsächlich so, daß ich von der entsprechenden Partner*in gar nicht um diese Dienstleistung gebeten wurde. Ein bißchen war es schlicht die rein praktische Notwendigkeit, die sich ergab, sich an manchen Tagen um das Haustier als Lebewesen zu kümmern, welches ja nun trotzdem zu unserer Gemeinschaft gehört. Aber das Resultat daraus war und ist weitestgehend eine von mir komplett eigenständig initiierte Selbstverpflichtung (!).
Eine Selbstverpflichtung geht aber aus der von mir schon in mehreren Einträgen zitierten persönlichen „Lust auf die Übernahme von Verantwortung“ hervor (sonst hätte ich das besser gleich ganz lassen sollen). Und in diesem Sinne hinsichtlich eines Umstandes, bei dem ich (ungefragt) eine Beitragensoption zu unserem Gesamthaushalt ergriffen habe. Und als Erwachsener muß ich doch klar bekennen: Nicht, weil ich nichts besseres zu tun hatte, sondern, weil ich das bewußt so wollte.
Diese Selbstverpflichtung ist damit gleichzeitig sofort als „zu genießende freiwillig erbrachte Leistung“ (siehe Definition) Teil des Emotionalvertrags geworden. Dieser „Genuß“ für meine Partner*in ging wiederum aus meiner Investition in Verbindlichkeit und Integrität hervor. Eine Investition in ein Gebilde, in dem ich mich also offenbar sicher und beteiligt genug gefühlt habe, als ich die Investition getätigt habe.
Genau hier ist meine Investition aber in unser gemeinsames „Mehr als die Summe der Teile“ eingegangen, bei dem sich einzelne „beigetragene und potentiell zu genießende freiwillig erbrachte Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“ nicht mehr ohne weiteres auseinanderrechnen lassen. Exakt in dieser Eigenschaft ist die Oligoamory „ganzheitlich“, weswegen ich in Eintrag 57 das von mir geliebte Bild der Babyrassel benutzte: Selbstverständlich wäre es möglich, einzelne Teile wieder aus dem Emotionalvertrag herauszulösen: Ich äpple nicht mehr ab – Du gehst nicht mehr einkaufen – Ich führe nicht mehr Haushaltsbuch – Du meldest dich nicht mehr, wenn es auf der Arbeit später wird… etc. Am Ende wäre es jedoch genau wie bei der Rassel: Man würde das Gebilde Komponente für Komponente auseinandernehmen und am Ende bliebe… nichts! Vermutlich sind Trennungen wegen diesem Effekt so ernüchternd: Nach Abzug aller eingebrachten Teile bleibt lediglich eine irgendwie unbehagliche Leere, aber was – wie bei der Rassel – eigentlich das Betriebsgeräusch war – also die Sache mit Leben erfüllt hatte – das ist dabei ebenfalls entwichen und niemand hätte es greifen können…

Als „Held*in in meinem eigenen Film“ kann ich mich also um meine Bedürfnisbefriedigung kümmern und versuchen herauszufinden, was gut für mich ist.
Wenn ich mit diesem Ziel eines gelingenden Lebens mich als freies Individuum mitwirkend in (m)eine Gemeinschaft einbringen möchte, dann kann ich so möglicherweise zum Gesamtwohl und zum Guten für alle darin beitragen.
Was ich aber niemals wissen oder gar entscheiden kann, ist, was gut für DICH oder irgendwelche anderen konkreten Menschen ist.
Dies bildet die Grenze, die Firewall, die wir als Individuum realistischerweise nicht überschreiten können und darum auch nicht aus Selbstüberschätzung überschreiten sollten. Was für ein hübsches Paradoxon der Oligoamory. Es läuft nur über die geheimnisvolle gemeinschaftliche Mitte:

Eine*r für alle und alle für eine*n!



¹ Wunderbare Phrase, die mit Alexandre DumasRoman als »Un pour tous, tous pour un!« Ewigkeitswert erhielt.

² Sogar wiederaufgelegt in Star Trek Voyager Staffel 5 Episode 22 (28. April 1999 „Liebe inmitten der Sterne“)

Einige Formulierungen sind dem Arbeitsheft „Debattieren lernen“ von Tim Wagner und Ansgar Kemmann entnommen, Klett-Kallmeyer Verlag 2019

Danke an FOTORC auf Pixabay für das Foto!