Eintrag 34

In guten wie in schlechten Tagen

„Überrascht hörte er den echten Schmerz in ihrer Stimme, und ihm fiel wieder ein, wie sie bei der Flucht über die Stiege gewesen war, klaglos und stark, eine Gefährtin, wie man sie sich nicht besser wünschen konnte.“

(aus: Tad Williams, Der Drachenbeinthron, Wolfgang Krüger Verlag 1991 )

Das obige Zitat und das Kühlschrankfoto scheinen eine linguistische Verknüpfung nahezulegen, die so recht an das romantische Narrativ rührt:
Gefährt*innen, die sind durch dick und dünn geradezu schicksalhaft miteinander verbunden. Denn Freud‘ wie auch Leid, welches eine*n von ihnen betrifft, schlägt stets auch direkt auf alle anderen durch.

Ganz so linear, wie es das Wortspiel auf dem Foto suggeriert, ist es dann in der linguistischen¹ Wirklichkeit allerdings nicht. Um überhaupt irgendeine gemeinsame Wurzel von den scheinbar so sehr ähnlich klingenden Worten „Gefährt*in“ und „Gefahr“ zu finden, muß man weit in die Sprachgeschichte zurück – sehr weit zurück. Über 5000 Jahre weit genau genommen, 3500 v. Chr. etwa, als einige wortgewandte Völkchen, welche uns heute als „die Indoeuropäer“ bekannt sind, irgendwo nördlich des Schwarzen Meeres kulturschöpfend tätig waren. Diese Indoeuropäer verfügten in ihrer Sprache über eine Silbe, die da „per-“ lautete. Die Silbe schliff sich sehr bald schon durch den auch damals bereits etwas maulfaulen Gebrauch ab, so daß statt des harten „p“ oft ein weiches „v“ oder „f“ die erste Stelle einnahm. Dieses „per-“ oder „v/fer-“ diente bei den Indoeuropäern dazu, zahlreiche Arten von irgendeiner Fortbewegung von einem Punkt zu einem anderen auszudrücken (wie z.B. auch heute noch in dem Wort „Fähre“), gleichzeitig aber auch die Anstrengung, den Versuch und den gesamten Prozeß, den diese Bewegung notwendigerweise erforderlich machte. Den klugen Indoeuropäern war also offenbar gegenwärtig, daß jede (Fort)Bewegung stets einer (Willens)Anstrengung bedurfte und ebenso, daß es daher keine „Gelinggarantie“ gab – also bei jeder Bewegung auch ein Risiko bestand (vermutlich kein Wunder bei den Straßenverhältnissen 3500 v.Chr…).
Das Leben der Nachfahren dieser Indoeuropäer scheint dann doch etwas gemäßigter, vielleicht auch etwas luxuriöser geworden zu sein. Auf jeden Fall entschieden schon die Folgegenerationen alsbald, daß zur Klarstellung vielleicht doch besser zwei verschiedene Formulierungen günstig wären: Zum einen also hinsichtlich der Bewegung – woraus sich in Nordeuropa schließlich das Wort „fahren“ entwickeln sollte, und zum anderen ein eigenes Wort für das Risiko und die Angst davor. Letzteres kann man im Englischen heute noch an dem Wort „fear“ (=Furcht/Angst) erkennen – und eben im Deutschen an den heutigen Worten „Gefahr“ oder „Fährnis“.
In diesem Sinne leitet sich aber „(Lebens)Gefährt*in“ natürlich nicht von dem Wort „Gefahr“ ab, sondern von „fahren“: Denn ein*e Gefährt*in ist schlicht jemand, mit dem man „auf Fahrt“ ist. Und ich erinnere daran: „Fahrt“ bedeutet im Kern ja jedwede Form von Bewegung, auch zu Fuß oder sogar im Kopf: wie z.B. bei der „Klassenfahrt“, die ja auch ein Wandertag sein kann, oder „man ist ganz schön in Fahrt “ – womit der Volksmund meint, daß eine Person mächtig in Wallung und sehr energisch ist.

Als ich neulich über den obigen Kühlschrankspruch in dieser Weise schmunzelte, überlegte ich ebenfalls, ob nicht trotzdem ein Teil „indoeuropäischer Wahrheit“ in ihm steckte, die dem Gedanken von Gemeinschaftlichkeit und der Wahl unserer „Zugehörigen“, wie ich sie mir für die Oligoamory wünsche, auf interessante Art nahekam.
Jede*r wackere Indoeuropäer*in hätte mir nämlich vermutlich zugestimmt, daß die Auswahl von „Gefährt*innen“, also Menschen, mit denen man sich „auf Fahrt“ – also auf irgendeine Form von Unternehmung – begab, erhebliche Bedeutung hätte. Insbesondere wegen der „ergebnisoffenen“ Natur einer solchen Unternehmung. Denn zu indoeuropäischer Zeit zumindest scheinen die Menschen sich der Tatsache recht bewußt gewesen zu sein, daß im Vorfeld niemals gewiss war ob eine „Reise“ zu Ende geführt werden konnte – oder ob dieses Ende in irgendeiner Art glücklich oder erfolgreich geraten würde.
Dieses potentielle Risiko, diese „Fährnis“ hat sich wiederum zu jeder Zeit sicherlich auch auf die möglichen „Gefährt*innen“ ausgewirkt: Möchte ich bei so einer Unternehmung mit etwaig ungewissem Ausgang dabei sein? Möchte ich daran mitwirken und eventuell einen Teil der Verantwortung für diesen „Ausgang“ (wie auch immer der sein möge) mit übernehmen?
„Fahrten“ – also Reisen sind und waren regelmäßig so „gefährlich“, daß sich im Laufe der menschlichen Geschichte immer wieder Personengruppen schon aus Gründen der Sicherheit und der Kooperation zusammengefunden haben, allein um das „Risiko“ und die „Angst“ für die*den Einzelne*n zu minimieren. Und deswegen war meist auch nicht beliebig, „wer“ da zusammen unterwegs war: In Wegstationen und Karawansereien formten sich Reisegruppen mit ähnlichen Zielen, ein guter Ruf oder eine Empfehlung mochten Gold wert sein. Auf diese Weise konnten Menschen mit ähnlichen Zielen zur Reisebegleitung „zusammenfinden“ – und „kennenlernen“, ja, dazu war dann ausreichend Zeit während der Reise (Über „Zusammenfinden und Kennenlernen“ siehe auch Eintrag 25).
Und von dem Wort „Reisebegleitung“ ist es nicht einmal mehr einen halben Schritt zu dem Wörtchen „Beziehung“ – die sich unweigerlich ergibt, wenn Menschen eine gewisse Zeit aufeinander angewiesen diese zusammen verbringen.

Und eine „Beziehung“ hat wahrhaft eine Menge Analogien zu einer Reise. Obwohl das Wort „Beziehung“ selbst eher recht jung ist (17. Jahrhundert), so stammt sein Grundverb „ziehen“ von der indoeuropäischen Wurzel „deuk-“, was „mit Kraft zu sich bewegen“ heißt.
Auch „Beziehung“ ist also eine Unternehmung, die im eigentlichen Sinne etwas mit Bewegung zu tun hat. Wenn man nun an zwei oder mehr Beteiligte in einer Beziehung denkt, die sich „mit Kraft zu sich bzw. zueinander bewegen“, dann könnte man an die Dynamik eines Magnetspiels oder eines Tanzes denken (oder wenn man den Rahmen größer ziehen will vielleicht auch an Planeten in einem Sonnensystem), bei der sich irgendwann ein energiegeladenes Gleichgewicht aus Abstand und Nähe zu entwickeln beginnt – wenn die Teile nicht gerade mit einem Knall aneinander prallen oder sich voneinander abstoßen.
Unsere gemeinsamen „Fahrten“, unsere Gefährt*innen“ und sogar unsere „Beziehungen“ sind demgemäß jedenfalls eines nie: Statisch, festgelegt oder vorherbestimmt.
Und wir, die wir heute in einem Zeitalter leben, dem gelegentlich eine gewisse „Vollkaskomentalität“ nachgesagt wird, tun gut daran, uns darum regelmäßig an die Wahrheit der Indoeuropäer zu erinnern: Eine Garantie auf einen „sicheren Verlauf“ oder ein „unzweifelhaftes Ziel“ gibt es nicht.
Dennoch erzählen sich die Menschen seit mehr als indoeuropäischen Zeiten Geschichten, wie wir diesen „Gefahren und „Unwägbarkeiten“ eventuell doch etwas entgegensetzen können. Nämlich in der Wahl und in der Kooperation mit unseren Gefährt*innen“:
Gilgamesch wäre ohne seinen besten Kumpel Enkidu beinahe dem Wahnsinn verfallen oder zumindest ein schlechter König geworden; Odysseus wäre ohne seine tapferen Männer nur ein einsamer Schiffbrüchiger geblieben; der frühmittelalterliche Gralsmythos berichtete erstmals ausführlich, daß ohne Mitmenschlichkeit und die vereinte Weisheit von Männern und Frauen weder Reife noch Liebe erfahrbar seien; und was wäre aus Frodo geworden ohne Merry, Pippin, Aragorn, Gimli und Legolas; was aus Luke ohne Han, Leia, Chewie, R2D2 und C3PO, was aus Harry ohne Ron, Hermine, Ginny, Luna und Neville?
Samt und sonders Geschichten, in denen sich der Zusammenhang zwischen „Gefährt*innen“ und „Lebensgefahr“ regelrecht aufdrängt, ja, auch und gerade wegen des eingangs erwähnten „romantischen Narrativs“.
Der Kern des „romantischen Narrativs“ – so ungern dies seine Gegner*innen“ nämlich hören wollen – ist das freiwillig für die Gemeinschaft erbrachte Selbstopfer ². Dabei muß es gar nicht immer direkt um das eigene Leben gehen, was manchmal in den dramatischsten Geschichten scheinbar so im Vordergrund steht. Denn das größte Opfer, das größte Geschenk, was wir Menschen als spatiotemporär begrenzte und endliche Lebewesen geben können, ist schlicht: Unsere (Lebens)Zeit. Unsere eigene Zeit, die wir uns für die anderen nehmen. Um mit ihnen zu fühlen, mit ihnen entweder auszuhalten oder gemeinsam zu lachen – aber vor allem: um einfach mit ihnen da zu sein.
Verlauf: Ungewiss. Ausgang: Offen.
Wenn Franklin D. Roosevelt recht hatte und „Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist “, dann bedeutet es für ein endliches Lebewesen in diesem Sinne ungeheuren Mut und erheblichen Erkenntnisgewinn, sich auf das Abenteuer „gemeinsam“ einzulassen.
Denn darin investieren wir unwiederbringlich und auf „eigene Gefahr“ unser definitiv begrenztes und darum kostbarstes Gut „Lebenszeit“ in eine Unternehmung mit anderen Menschen.
Auch hierin ist zu erkennen, warum der verbindliche Wunsch hinsichtlich eines „ZusammenSein-Wollens“, den ich im vorherigen Eintrag 33 erwähnte, für (Mehrfach)Beziehungen so außerordentlich bedeutsam ist: Gefährt*innen entscheiden sich sowohl für die gemeinsame „Fahrt“ – also die Unternehmung, die konzeptionelle Beziehung, ein Ideal, ein eventuelles Ziel – als auch füreinander – also für die anderen Gefährt*innen.
Weil aber Reise und Ziel (= Beziehungsverlauf und Effekt) nur eventuell bzw. wie oben erwähnt „ungewiss“ sind, sind es tatsächlich unsere „Gefährt*innen“, die nahezu 100% unserer tagtäglichen Wirklichkeit bilden. In Risiko, Angst und Gefahr werden uns kaum unsere Ideale, Pläne und Konzeptionen beistehen oder trösten – sondern unsere Gefährt*innen sind es, die diese Herausforderungen mit uns bestehen – und wir mit ihnen.
Und darum ist es ja ein bißchen wie bei einer alpinen Seilschaft: Alle müssen ein wenig immer auch für die anderen da sein, Verantwortung für das Ganze übernehmen, damit allen ein Mißgeschick oder eine menschliche Nachlässigkeit gestattet werden kann, ohne daß sofort die gesamte Gruppe dabei zu Schaden kommt. Oder wie es die christliche Seefahrt formuliert: Eine Hand für Dich, die andere für das Schiff.
Lebensgefährt*innen und Lebensgefahr – zwei Wörter also, die also auch in ethischen (Mehrfach)Partnerschaften immer noch genau so viel und hochaktuell miteinander zusammenhängen wie dereinst zu indoeuropäischen Zeiten.

►Wieviele Gefährten soll ich wählen? Dazu erzählt Eintrag 12 etwas.
►Und wenn ich mir auf so einer Reise selber begegne? Oder dem, was in mir verborgen ist? Davon handeln Eintrag 18 (Suchwanderung) und Eintrag 21 („Ungeheuer“ der Innenwelt).



¹ Linguistik ist die Wissenschaft von der Sprache. Ein sehr gutes Online-Werkzeug, welches auch ausführliches etymologisches, also sprachgeschichtliches, Wissen anbietet, findet sich hier: DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache)

² Wiewohl ich mich in meinen Texten vielfach als Romantiker selbstverständlich positiv zum romantischen Narrativ äußere, so ist mir die mißbräuchliche Anwendung als „romantische Verbrämung“ zum Zwecke der Ausbeutung und Kleinhaltung bestimmter Personengruppen schmerzhaft bewußt. Bitte dazu unbedingt den letzten Absatz von Eintrag 5 lesen!

Eintrag 33

Magst Du mit mir gehen?

© NetzTeufel ¹

Eines der wohl wichtigsten „Erfolgsrezepte“ für Mehrfachpartnerschaften – bzw. Partnerschaften überhaupt – ist, sich mit dem Faktor ihrer „Einschließlichkeit“ auseinanderzusetzen.
Der US-amerikanische Psychater und Psychotherapeuth Scott Peck² sagte dazu, daß die Schlüsselfrage für gelingende Integration und „Einschließlichkeit“ genau genommen stets „Gibt es irgendeinen drastischen Grund warum jemand nicht Teil unserer Gemeinschaftlichkeit werden könnte? “ lauten müsste – statt der normalerweise ausschließlich formulierten Frage „Aus welchem Grund sollte jemand Teil unserer Gemeinschaftlichkeit werden dürfen? “.

Als Autor des Oligoamory-Projektes finde ich die „einschließliche“ Variante selbstverständlich wunderbar, denn mit diesem bLog werbe ich ja für Mehrfachpartnerschaften, in denen die einzelnen Beteiligten erleben dürfen, daß sie gemeinsam „mehr als die Summe ihrer Teile“ erzeugen – indem sie Synergieeffekte nutzen, Unterstützung erleben und von Ressourcenzusammenlegung profitieren.
Der Weg zu dieser integrativen (einschließlichen) Herangehensweise an Zusammenlebens- und Zusammenliebensformen führt – wie wiederum Scott Peck so schön beschrieb – darüber, daß wir unseren „Normalzustand“ des „schroffen Individualismus“ für eine Philosophie des „sanften Individualismus“ öffnen sollten. „Sanfter Individualismus“ beginnt in allen Gemeinschaftsbildungsprozessen – und darum auch in der Oligoamory – mit einer immer wieder zu erneuernden Entscheidung aller Beteiligten für Verbindlichkeit und ein „ZusammenSein-Wollen“. Dabei wird es selbstverständlich auch immer wieder sowohl „gute Zeiten“ als auch „schlechte Zeiten“ geben.
Scott Peck sagt dazu wörtlich:
Gemeinschaft und Liebesbeziehungen verlangen von uns, dass wir es ein bisschen aushalten, wenn es ungemütlich wird. Beides verlangt ein gewisses Maß an Verbindlichkeit. Unser Individualismus muss durch Verbindlichkeit ausgeglichen werden. […] Vielleicht ist der wichtigste Schlüssel zum Erreichen dieses Ziels das Anerkennen von Unterschieden. In echten Gemeinschaften werden menschliche Unterschiede nicht ignoriert, verleugnet, versteckt, sondern sie werden geschätzt. […] Und in allen Fällen hat das Überwinden eine Menge mit Liebe zu tun.
Weil dies alles natürlich sehr idealistisch klingt, ergänzt er zwei Seiten später:
Ein wichtiger Bestandteil von Realismus oder Lebensnähe muss hier erwähnt werden: Bescheidenheit. Während schroffer Individualismus zu Selbstüberhöhung neigt, führt der sanfte Individualismus zu Bescheidenheit. Wenn wir anfangen, die Talente anderer zu schätzen, beginnen wir unsere eigenen Grenzen zu erkennen. Wenn wir andere über ihre Unzulänglichkeiten sprechen hören, werden wir dazu fähig, unsere eigene Unvollkommenheit anzunehmen.
Eine (Mehrfach)Beziehung, die von ihren Beteiligten in dieser Weise aufgefasst würde, wäre in höchst idealem Maß oligoamor. Denn mit der erwähnten Erklärung zur Verbindlichkeit würde sogleich auch persönliche Integrität („fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln“) und damit wiederum ein hoher Grad an Verantwortlichkeit für die Gesamtbeziehung Einzug halten.
Noch einmal Scott Peck:
Sobald wir mit Integrität denken, wird uns klar, daß wir alle (Mit)Verwalter*innen sind, und dass wir nicht unsere Verantwortung für die Verwaltung eines jeden Teils des Ganzen leugnen können. […] Als Verwalter*innen können wir keine Anhänger*innen isolationistischen Denkens sein.“
So weit – so wunderbar. Wenn wir in unseren Liebesbeziehungen diesen Stand erreichen könnten, dann wären wir einer Einschließlichkeit, wie sie aus dem oben stehenden Cartoon spricht, wahrhaft nahe – und wir hätten auf Erden vermutlich weit weniger Probleme miteinander…

Wären wir 100%ig einschließlich, dann würde vermutlich sofort sämtliche Datingplattformen der Welt ihre Macht verlieren. Kennenlernen könnte dann z.B.wie die (angestrebten) anonymisierten Bewerbungsprozesse verlaufen – und wir wären einer potentiellen „Universellen Liebe“ sehr nahe: Jede*r Mensch auf diesem Planeten könnte fakultativ unser*e Beziehungspartner*in werden, wenn sich bei einem Treffen die berühmte metaphysische Komponente „Liebe“ einfände und ein gemeinsames Feuer entzünden würde.
Insbesondere für Mehrfachpartnerschaften wäre dieser Zustand verheißungsvoll: Weitere Liebste und auch die Liebsten unserer Liebsten würden verhältnismäßig problemlos einzubeziehen sein, weil eben das allseitige Bekenntnis zur Einschließlichkeit regelmäßig den Weg ebnen könnte, und die maßgebende Frage lediglich: „Warum denn eigentlich nicht? “ lauten würde.
Gleichzeitig sind wir aber alle Menschen, die in der heutigen Welt leben. Und in dieser Welt gibt es aktuell ökologische, gesellschaftliche und politische Prozesse, die unseren „Willen zur Einschließlichkeit“ täglich auf eine harte Probe stellen.

In ihrem hochaktuellen Song Liebestöter (Oktober 2019) beschreibt die Musikerin „Alice im Griff“, was in ihr ausgelöst wird, als sie herausfindet, daß sie sich in einer Liebesbeziehungen mit einem AfD-Wähler befindet:

Es fing alles so gut an du hast mich bei Parship angeschrieben
schon bei deiner ersten Nachricht fing ich an mich zu verlieben
120 Magic-Punkte – Wow! – wie konnte sowas geh’n?
Als du mich dann umarmt hast war’s komplett um mich gescheh’n
doch nun müssen wir uns trennen – oh mein Gott es tut so weh
wieso tust du mir das an wieso bloß wählst du AfD?

Ich hätte dich genommen, auch wenn du arm bist oder schnarchst
hätt‘ sogar Fleisch für dich gebraten auch wenn du darauf nicht beharrst, Mann
ich wär‘ dir treu geblieben, ach wär’s doch nur ein schlechter Scherz
doch du sagst du wählst die AfD und damit brichst du mir das Herz.

Ich seh‘ in deinen schönen Augen und spür‘ in deinem Tunnelblick
deine Sehnsucht nach Gehör, nach Vertrau’n und etwas Glück,
du bist chronisch unterkuschelt, fühlst dich geleimt und abgehängt
doch deine Suche nach den Schuldigen hat dich mental sehr eingeschränkt.
Vielleicht ist es uns zu retten in dieser Zeit gar meine Pflicht
doch so sehr ich dich auch will, Mann verdammt, ich kann das nicht!

Ref.: Ich hätte dich…

Ich war hormonell schon auf dich eingestellt ich hab dich Liebesgott genannt
warum hab‘ ich den Defekt an dir nicht auf den ersten blick erkannt?
Du wirktest auf mich so erotisch, doch mein Ofen ist jetzt aus
ich war bereit für „50 Shades of Grey“ doch das hier halte ich nicht aus.

Ref.: Ich hätte dich…
Oh bitte sag‘, daß du’s dir überlegst und bitte brich mir nicht das Herz!

Der Eingangscartoon von NetzTeufel müsste also dahingehend nun mit der Gegenfrage „Und wenn er Misogynist, Tierquäler oder AfD-Wähler ist? “ ergänzt werden.
Tja, was dann?
In meinem 2. Eintrag kritisiere ich an der Polyamory, daß ein Teil der Vielliebenden dazu tendiert, ihre Partner*innen zu „kompartmentalisieren“ – also „in einzelne Anteile aufzuspalten“. Das wäre ja in obigem Fall auch wirklich praktisch: Die politische Einstellung des betreffenden Herrn einfach ignorieren und trotzdem mit ihm Tisch und Bett teilen – Problem gelöst.
Doch ich wäre nicht „Mr. Oligoamory“, wenn ich nicht in meinem 6. Eintrag darauf hinweisen würde, daß diese Herangehensweise in der Oligoamory nicht möglich ist, weil es hier darum geht, einen Menschen als „Gesamtheit“ zu lieben, also auch mit allen Anteilen ihres*seines Innenlebens.
Und „einschließlich“ wäre eine Herangehensweise des „Kompartmentalisierens“ ja nun erst recht nicht – denn eine „Summe der Teile“ könnte selbstverständlich auf diese Weise auch niemals entstehen.
Vor allem, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und diese Problematik noch auf ein Mehrfachbeziehungsnetzwerk ausdehnen: Was wäre, wenn mein*e Partner*in eine*n Misogynisten, Tierquäler*in oder AfD-Wähler*in als neue*n Liebste*n mit nach Hause brächten? Dann müsste ich gemäß Eintrag 6 diese neue Liebe wohl künftig in meinem Lieblingsmenschen mitlieben – auch wenn ich selbst keine eigenständige Beziehung zu dem oder der „Neuen“ aufbauen würde…
Und Scott Peck zufolge wäre ich dann sogar gewissermaßen „Mitverwalter“, hätte Verantwortung für den neuen Teil – und dessen Sprechen und Tun.
Wie singt da Alice: „Mann, verdammt ich kann das nicht!
Nein, ich könnte das auch nicht.
Unser „Wille zur Einschließlichkeit“ hat also offensichtlich persönliche Grenzen. Und diese persönlichen Grenzen sind obendrein unverkennbar sehr individuell; denn ihren Vegetarismus hätte z.B. Alice auf dem Altar ihrer Liebe vielleicht nicht unbedingt geopfert – aber ihrem neuen Partner zuliebe zumindest relativiert – etwas, was ihr mit seiner politischen Einstellung eben nicht mehr gelingt.
Das scheint somit fast eine Art Paradoxon zu sein, denn wenn diese Grenzen existieren, dann ist doch der Weg zu jedem wahren integrativen Miteinander von vornherein verbaut?
Oder alternativ: Müsste ich mir also, um „wahres Miteinander“ zu gewährleisten, alles gefallen lassen bzw. dürfte ich darin keine persönlichen Standpunkte und Grenzen mehr haben?

Wenn ich an ein menschliches Ringen um „Einschließlichkeit“ denke, dann fällt mir als meine liebste Gestalt die des jüdischen Milchhändlers Tevje aus dem Musical „Anatevka“ ein:
Mit seinen drei Töchtern hat es Tevje nicht leicht. Alle wählen sich nacheinander einen Ehemann, der aus unterschiedlichen Gründen so gar nicht in das System des väterlichen Ethos paßt. Tevje regt sich zunächst jedes mal schrecklich auf, zieht sich dann aber auf der Bühne zu einem inneren Monolog zurück (an dem die Zuschauer also teilhaben) und wägt mit einem ausführlichen „Einerseits…“ / „Andererseits...“ so lange ab, bis er sich selbst beruhigt und er quasi auf diese Weise den neuen Schwiegersohn in sein persönliches Wertesystem „integrieren“ kann.
Die Gestalt des „Tevje“ führt bildhaft vor Augen, was auch Scott Peck beschreibt:
Integrität ist nie schmerzlos. Sie verlangt zuzulassen, dass die Dinge sich aneinander reiben, und wir die Spannung zwischen in Konflikt stehenden Bedürfnissen Forderungen und Interessen ganz erfahren und uns gefühlsmäßig zwischen ihnen zerrissen fühlen.
Auch Tevje kommt daher im Laufe der Geschichte – so wie Alice in ihrem Song – an seine Grenzen. Seine jüngste Tochter will nämlich einen Russen heiraten, was nicht nur einen Religionswechsel der Tochter zur Folge hätte, sonder auch einen „Judenfeind“ zum Schwiegersohn machen würde (da zu der im Musical dargestellten Zeit die Russen gerade versuchen, die Juden aus ihrem Land zu vertreiben). Folgerichtig bleibt Tevje bei seinem dritten Monolog am letzten „Andererseits…“ hängen und erkennt „Es gibt kein ‚Andererseits’…! “ – weil er sich damit spirituell, ethnisch und politisch zu sehr selbst verleugnen müsste, um auch diesmal „Einschließlichkeit“ um des Familienfriedens wegen herstellen zu können. Im Musical kommt es zu einem dramatischen Zerwürfnis mit der Tochter, das erst nach vielen Fährnissen für alle Beteiligten wieder geheilt werden kann. Aber auch, weil am Ende doch sämtliche (!) Beteiligte den „Willen zu Einschließlichkeit“ wiederfinden, Vorurteile überwinden und aufeinander zugehen.

In dem in diesem Artikel schon oft zitierten Buch „A Different Drum – Gemeinschaftsbildung“² von Scott Peck beschreibt dieser verschiedene Gemeinschafts- und Beziehungsformen, die alle, gleich Tevje, um ihre „Einschließlichkeit“ ringen. Dabei skizziert er zahlreiche Vorkommnisse – von äußeren Schwierigkeiten, wie Krieg und Wirtschaftskrise, bis hin zu persönlichen Dramen, wie z.B. Dates, bei denen eine Person regelmäßig betrunken erscheint.
Und am Ende dieses Absatzes erklärt der Autor beruhigenderweise, daß er in seiner langen Praxis keine Gemeinschaft(lichkeit) erlebt hat, die je zu jeder Zeit 100% einschließlich gewesen wäre.
„Einschließlichkeit“ – also ein unerreichbares Ideal, nur ein „Papiertiger“?
Dazu antwortet Scott Peck:
Vielleicht ist der erste Schritt auf dem Weg zur Gemeinschaft das Anerkennen der Tatsache, dass wir eben nicht alle gleich sind und es nie werden können. […]
Ich möchte daran erinnern, dasss Menschen in Gemeinschaften [also auch in Mehrfachpartnerschaften! (Oligotropos)] in einem Zustand sind, in dem sie lernen, ihre Abwehrmechanismen abzubauen, anstatt sich dahinter zu verstecken. Sie lernen nicht nur, ihre Unterschiede zu akzeptieren, sondern sich über sie zu freuen, anstatt sie wie gewöhnlich niederzumachen. Durch Gemeinschaft verliert Vielfalt ihren Problemcharakter. Gemeinschaft ist wahrhaftig ein alchemistischer Prozess, der die Schwierigkeiten unserer Vielfalt in goldene Harmonie verwandelt.


Auf Liebesbeziehungen übertragen bedeutet dies, was Tevje, dessen jüngste Tochter und sein russischer Schwiegersohn im Musical erfahren – und was auch Alice sich mit ihrem Stoßseufzer am Ende des Songs wünscht: Daß eine liebende Beziehung und ein liebendes Miteinander der Ort sein können, an dem alle Stimmen gehört werden dürfen.
So erfährt Tevje, daß sein Schwiegersohn letztlich ein prima Kerl ist (und ein politischer Oppositioneller, der sogar auf seiner Seite steht) – und daß seine Tochter eine Idealistin geworden ist, die der Stimme ihres Herzen folgt – was Tevje mit seiner Vaterschaft genau immer herbeigesehnt hatte.
In dieser Weise könnte eventuell auch der neue Partner von Alice erleben, daß er die AfD nicht mehr braucht, weil er in der Beziehung zu seiner Liebsten Gehör und Vertrauen geschenkt bekommt – und er so entdeckt, daß Verantwortungsübernahme immer der Job von allen Beteiligten ist – und nicht in ein Außen oder auf irgendwelche „Sündenböcke“ abgeschoben werden kann.
Und Alice könnte herausfinden, daß sie in ihrer „integrativen Hartnäckigkeit“ bestärkt wurde, weil sie bis zuletzt aus Liebe (trotzdem) an ihrer Einschließlichkeit festhielt und immer wieder die Hand zu einer Verständigung ausgestreckt hat (jedenfalls könnte man die letzte Szene des Musikclips so deuten).

Einschließlichkeit bedeutet also weder Akzeptanz um jeden Preis noch automatisch harmoniestiftende Beschwichtigung.
Dahingehend überlasse ich das Schlusswort heute ebenfalls Scott Peck:
Integration meint nicht gleichmachen; es entsteht daraus kein zerkochter Eintopf. Vielmehr kann man Gemeinschaft mit einem Salatgericht vergleichen, dessen einzelne Zutaten ihre Identität bewahren und im Zusammenwirken noch hervorgehoben werden. Gemeinschaft löst nicht das Problem der Vielfalt, indem sie die Verschiedenheit auslöscht. Vielmehr sucht sie sich Vielfalt aus, heißt unterschiedliche Sichtweisen willkommen, umarmt Gegensätze, wünscht von jeder Streitfrage auch die andere Seite zu sehen. Sie bezieht uns Menschen ein in einen lebendigen Körper.




¹ Bildnachweis: Mit NetzTeufel hat die Evangelische Akademie zu Berlin ein Projekt gestartet, das direkt in digitalen Räumen agiert: Wir analysieren in Social Media die Verbreitung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Namen des christlichen Glaubens. Auf dieser Basis fragen wie, wie #DIGITALEKIRCHE Zivilcourage im Netz stärken kann: https://www.netzteufel.eaberlin.de/

² Einmal mehr: Das großartige Buch von Scott Peck „Gemeinschaftsbildung (Original: „ A Different Drum“, 1984), 5. Auflage 2017, Eurotopia Verlag

Eintrag 32

Dunkle Klänge¹

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern.
Wenn die kleinen Kinder zu Bett gegangen sind und auch jene Menschen, die noch reinen Herzens sind, sich längst in ihre Koje gekuschelt haben – dann beschwören die Erzähler am düster flackernden Feuer der Geschichten in manchen Neumondnächten eine furchteinflößende Gestalt herauf. Allein ihr Name schlägt die meisten Zuhörer in zähneklappernden Bann; ihr Schicksal, diese Welt auf der Suche nach den Energien der Lebenden zu durchstreifen läßt auch bei den hartgesottensten Oligoamoren das Blut erstarren.
Daß es diese Wesen dennoch gibt, mußte ich selber an einem unheilvollen Neumondtag am Ende eines kalten Oktobers erfahren, als mir folgende Geschichte so wiederfuhr, wie sie an den Feuern der Oligoamoren mit abergläubischem Flüstern seit jeher erzählt wird…

Der Nissratz betrat mein Haus unerkannt und in Begleitung seines liebsten Spielzeugs.
An meinen Tisch gebeten sprach der Nissratz zunächst wenig und wenn, mit gedämpfter Stimme. Dann stellte er meist leise Fragen und überhaupt schien er seine Umgebung und die Teilnehmer der Tischgesellschaft dabei intensiv zu mustern. Sein Spielzeug – obwohl dazu fähig – sprach wenig bis gar nicht. Der Nissratz machte mir Komplimente über meine Kaffeetafel und zu meiner Einrichtung und betrachtete dabei eingehend meine umfangreiche Bücherwand.
Der Nissratz meinte, daß es heutzutage recht schwierig geworden sei, Menschen für den eigenen Stamm zu finden, da sei es eine Wohltat ähnlich Gesinnten zu begegnen.
Ich sprach weiter mit dem Nissratz und seinem Spielzeug, dabei redete jedoch hauptsächlich ich und der Nissratz lauschte und wohl auch sein Spielzeug, jedenfalls schwieg es im Wesentlichen.
Nach einiger Zeit fragte der Nissratz, ob ich denn so mit meinem Leben zufrieden sein könne. Innerlich ärgerte ich mich ein bisschen, denn ein wenig hatte der Nissratz einen Punkt getroffen, der wohl nicht gerade wund – aber doch etwas empfindlich war.
Ich antwortete, daß ich mit meinem Leben im großen und ganzen zufrieden sei, wie ich es mir eingerichtet hätte, daß aber doch gelegentlich die ein oder andere Zutat in zu geringem Maße vorhanden sei, um stets vollumfänglich zufrieden zu sein. Da wir von Gemeinsamkeiten und vom eigenen Seelenstamm gesprochen hatten, erläuterte ich, daß ich es so z.B. manchmal als frustrierend empfand, daß in der übrigen Welt vielfach die verbindliche Mitmenschlichkeit und Menschenfreundlichkeit geringer ausgeprägt seien, als ich es mir manchmal für mich wünschen würde.
Der Nissratz erklärte daraufhin, daß doch wohl nichts da draußen in der Welt mehr menschenfreundlich sei und er dieser Welt darob den Rücken gekehrt habe. Wie überhaupt die Menschen vor allem bloß danach streben würden, über alles Kontrolle auszuüben. Für ihn sei deshalb nur noch maßgeblich, was die Natur vorgebe, er lebe hauptsächlich zurückgezogen und für sich selbst (sowie künftig für seinen noch zu schaffenden Stamm). Meine Frage, was es denn seiner Meinung nach sei, was die Natur vorgebe, verblüffte den Nissratz für einen kurzen Moment sichtlich, doch dann lobte er sogleich mein Interesse. Er beschrieb, daß naturgemäß vor allem bedeute, alles, ja, wirklich alles zuzulassen, insbesondere sämtliche Gefühle, wie auch immer diese beschaffen sein mochten. Selbstverständlich, sagte er, gäbe es zu diesem Thema eine Menge zu vertiefen und auszuführen, was er dann bei Gelegenheit für mich bereitwillig tun wolle.

Es folgte eine Pause in der Konversation, denn wir brachen zu einem Spaziergang „zum Gedanken ordnen“ auf, den der Nissratz allerdings gerne allein mit seinem liebsten Spielzeug – und ich also mit meiner Gefährtin und ihrem Pferd absolvierte.
Ich war verwirrt – was war dies für eine eigentümliche Begegnung? Mir fehlten Anhaltspunkte und Informationen an allen Ecken und Enden, denn über den Nissratz und sein liebstes Spielzeug hatte ich bisher fast nichts erfahren (das Spielzeug hatte gelegentlich mit strahlenden Augen genickt, schien aber sonst von sich aus nichts beitragen zu wollen…) – ich hingegen kam mir ein wenig, tja, ausgefragt vor. Deshalb sah ich der „Zweiten Halbzeit“ des Nachmittags entgegen, in der ich hoffte, mehr von meinen erstaunlichen Besuch in Erfahrung zu bringen.

Als wir vom Spaziergang heimkehrten, begann der Nissratz als erstes sogleich mein Haus zu erkunden, unaufdringlich – aber auch ungefragt.
Als es mir gelang, meinen Besuch nach der „Besichtigung“ an den Tisch zurückzulotsen, war es aber erneut der Nissratz, der nun zielstrebig den Gesprächsfaden in die Hand nahm – um ihn auch bis zum Ende nicht wieder niederzulegen.
Der Nissratz bekundete, daß die „erste Halbzeit“ ihn schon fast erschöpft hätte. So viele Worte seien gesprochen worden, wie er sie mit seinem liebsten Spielzeug sonst am ganzen Tag nicht wechseln würde. So viele Informationen – dabei hielte er, der Nissratz – und auch sein liebstes Spielzeug – doch das Schweigen und die Stille für das höchste Maß aller Dinge. An manchen Tagen würden sie kaum ein Wort miteinander wechseln…
Dennoch schlug der Nissratz zum Wiedereinstieg eine gemeinsame Feedbackrunde vor, die er selbst sogleich eröffnete. Er fühle sich bei uns willkommen und sicher, so betonte er. Noch einmal unterstrich er, wie selten es heute sei, überhaupt Menschen zu finden, die ähnlich Werte, wie er, der Nissratz, schätzten. Wohl sei ihm aufgefallen, daß wir gelegentlich ins Wort zu fallen versuchten, was nicht sehr achtsam sei – doch ansonsten bescheinigte er uns eine gedeihliche Atmosphäre die tiefgründigeren Menschen angemessen sei. Besonders das Stichwort „Hochsensibilität“ hätte ihn berührt, denn hochsensibel, daß seien er und sein liebstes Spielzeug ganz sicher auch. Er wäre dahingehend auch sehr neugierig zu ergründen, was uns wohl widerfahren² sei, daß wir „hochsensibel geworden“ seien, doch dafür würde sicher ein andermal noch Raum sein – denn bei ihm gäbe es dazu selbstverständlich auch eine ausführliche Geschichte seiner Fährnisse, die hier jetzt zu umfänglich wäre.
Nun war es an dem liebsten Spielzeug, die Rückmeldung zu geben und artig formulierte das Kleinod des Nissratz eine Variation seiner Worte, insbesondere ebenfalls Wohlgefühl und Behagen betonend.
Als die Reihe an mich kam, wollte der Nissratz wissen, wie ich mich fühle. Ich erwiderte aufrichtig, daß ich in einen Zustand zunehmender Verwirrung und widerstreitender Ambivalenz hinsichtlich des Verlaufs des Nachmittags geraten wäre und nicht wüßte, wie ich mich adäquat äußern sollte. Der gewandte Nissratz griff sogleich nach, indem er mich direkt fragte, in welchen Anteilen ich Angst, Trauer und Zorn in mir spüren würde.
Ehrlich antwortete ich, daß ich Angst in Form einer Unvertrautheit mit der plötzlichen Intensität der heutigen Situation empfinden würde, daß ich meistens eine begleitende Traurigkeit in mir trüge (auch heute) – aber daß ich keine Wut finden würde, lediglich die beschriebene Verwirrung.
Der Nissratz nickte wissend und erklärte, daß er solche Angst angesichts seiner Präsenz oft erleben würde, ein vertrauter Effekt, den die Kraft seiner Gegenwärtigkeit häufig hervorrufen würde.
Der Nissratz erläuterte, daß dies die gelegentlich Wirkung aller entwickelten Menschen sei, mir meine Angst jedoch darum zu nehmen sei, würde ich anstreben, dem Nissratz gleich zu werden, wozu er mir beihelfen und heilen wolle.
Daher bot der Nissratz mir nun an, eine Beziehung mit ihm zu führen. Er wolle darin nicht nur mein Partner, sondern auch mein Therapeut, mein Mentor, mein Priester und mein Heiler sein. Als ich sagte, ich würde ihn in diesen Eigenschaften permanent in Frage stellen, erklärte er großzügig, daß er sich auch dieser Herausforderung gewachsen sähe und ich ihn dahingehend beruhigt auf das Härteste prüfen könne. Der Nissratz erläuterte, daß nämlich alle entwickelten Menschen schließlich zu Heilern würden. Auch er und sein liebstes Spielzeug seien Heiler*innen. In dieser Eigenschaft ließen sie „sich finden“, von jenen Menschen, die bedürftig seien und Gesundung ersehnten. Sogar seinen Wohnraum und seine Lebenszeit bot mir der Nissratz nun an, bekräftigte, daß er all dies stets jenen Seelen widmen würde, die seine Hilfe bräuchten – egal ob für Tage, Wochen oder längere Zeit. Sein liebstes Spielzeug nickte zustimmend.
Als ich sagte, ich wäre auf der Suche nach verbindlich-nachhaltigen Beziehungen, nicht jedoch auf der Suche nach einer Therapiebeziehung und könne solches nicht mit mir vereinbaren, da wischte der Nissratz meine Bedenken fort, in dem er mich darauf hinwies, daß für ihn nur noch pure „Beziehungen“ im Universum existieren würden – und diese enthielten immer alle Qualitäten zusammen.
Als ich einwandte, ich hätte dann Schwierigkeiten zu erkenne, wann er dann als mein Liebster und mein Freund oder wann er als mein Lehrer und mein Therapeut zu mir sprechen würde, wiederholte er, daß es da bei entwickelten Menschen keinen Unterschied mehr gäbe und zeigte sich bekümmert ob meines so hinderlichen wie kleinlichen Misstrauens.
Der Nissratz bot mir darum zu meiner Erdung und zum Fassen von Urvertrauen seinen Körper zur Umarmung an, was ich gemäß seiner Vorannahme ablehnte.
Der Nissratz bot mir zu meiner Erdung und zum Fassen von Vertrauen nun sein liebstes Spielzeug an (ohne zuvor von diesem Konsenz eingeholt zu haben), was ich zu seiner sichtbaren Konsternation erneut ablehnte.
Als ich begründete, ich würde nicht so schnell mit mir fremden Menschen irgendeine Form von Körperlichkeit herstellen, denn es sei wie in der Geschichte vom „Kleinen Prinzen und dem Fuchs“, daß man einander erst „zähmen“ müsse um nach und nach ein Mißtrauen abzubauen und das Vertrauen herzustellen – da belehrte mich der Nissratz, daß Mißtrauen auch nur ein anderes Wort für Angst sei. Und Angst würde begrenzen und unfrei machen und sei darum wider die Natur.

Als ich antwortete, daß „Angst“ doch hauptsächlich etwas Persönliches sei, weil man doch meistens, auch wenn man um die Anfälligkeit einer anderen Person besorgt wäre, vor allem Angst um sich selber hätte – weil man hauptsächlich darum bekümmert wäre, wie man selber mit den Folgen dieser Anfälligkeit zurechtkommen müsste – da bezweifelte der Nissratz dieses sogleich.
Denn auch er, so betonte er ausdrücklich, würde sich z.B. seinerseits sehr vor dem Verlust seines liebsten Spielzeuges fürchten. Wie gesagt sei er ja hochsensibel und jeder hätte darob eine zentnerschwere traumatische Vergangenheit – nicht nur seine Zuhörer, nein auch er und sogar sein liebstes Spielzeug.

Der Nissratz diagnostizierte nun, daß ich zunächst mein physisches Mißtrauen abzulegen hätten. Bei unserem nächsten Treffen würde er dazu einen kleinen Worshop mit Berührungen anleiten.
Ob er denn nicht verstanden hätte, wandte ich abermals ein, daß Berührungen bei mir erst nach einer Periode des miteinander Zeitverbringens und des Vertrauensaufbaus stimmig seien?
Nun war es am Nissratz, wahrhaft ungnädig zu werden: Von Berührungen durch ihn wäre ja gar nie die Rede gewesen. Aber in meiner Verwundetheit sei es ja offensichtlich, daß ich sein selbstloses Angebot nur in dieser Weise hätte auffassen können, obwohl er es keinesfalls so gemeint hätte.
Die Geduld des Nissratz schien durch meine Sprödigkeit gegenüber der durch ihn verheißenen Gesundung allmählich erschöpft. Und tatsächlich spürte auch ich einen überraschend heftig aufkommenden Widerwillen gegen meine Gäste und die ganze mittlerweile recht eigenartig entgleiste Veranstaltung, die sich da an diesem Nachmittag abzuspielen begonnen hatte.

„Abflug!“ stieß da plötzlich das liebste Spielzeug – nahezu erstmals wahrhaft hörbar – hervor.
„Ich glaube auch, daß hier eine Zeit zur Besinnung angebracht scheint“, bilanzierte der Nissratz schnarrend, sich erhebend und mit langen Schritten der Ausgangstür zustrebend.

Bittere Resignation und resignierte Bitterkeit sprachen aus den Blicken und Worten des Nissratz mit denen er mich bedachte, als er sein großäugig blinzelndes liebstes Spielzeug unsanft vor sich her zum Ausgang stieß: „Dann einen deprimierenden Abend noch!
Die letzten Worte des Nissratz, schon auf der Treppe, sprachen davon, wie schade es sei, daß ich wohl keinen Ort für meine Tränen finden würde.

Als der Nissratz fort war fühlte ich mich seltsam vorgeführt und beschämt. Eine Weile klebte dieser Zustand an mir, wich aber mit der Zeit, als ich nach und nach erkannte, welch oligoamores Schreckgespenst da der vermummte Neumond in mein Heim gespült hatte – und daß ich es glücklich gebannt hatte.

Und so schreibe ich es heute für Euch hierher, den Lebenden zur Warnung und zur Mahnung:
Habt Acht vor dem Nissratz, seiner Schlangenzunge, seinen Schmeicheleien und tausend Versprechungen. Habt Acht um Eures Selbst willen, um Eure Bedürftigkeiten und Ängste, daß Ihr Euch darin annehmt und gut Freund seid – auf daß Ihr niemals in Gefahr kommt dem Nissratz als Nahrung zu dienen für lange Zeit in seinen Verstecken und Winkeln unter dem ahnungslosen schwarzen Mond.
Schürt stets Euer Feuer, liebt Euch selbst und Eure Liebsten und steht fest zusammen, dann wird der Nissratz einen Bogen um Euer Haus machen, ein schauerliches Flüstern nur bleiben, weiterzuerzählen an einem kalten Tag Ende Oktober…




¹ Diesen Titel habe ich wegen dem „Dunklen Dreiklang“ (auch „Dunkle Triade“) gewählt und dem zentralen Merkmal dieser Geschichte („Der Name ist ein Anagramm“, hätte Grace Cardiff in Rosemary’s Baby gesagt).

² Unter den vielen Theorien zu Herkunft und Ursprung von Hochsensibilität gibt es die kontroverse These, daß Hochsensibilität ein stimulierbares Merkmal sei, daß sich insbesondere durch Traumatisierung in der Kindheit herausbildet.

Danke an Joachim/Max und Anke für die Inspiration und
Dank an „The Yorck Project (2002): 10.000 Meisterwerke der Malerei “ (DVD-ROM) und das darauf befindliche gemeinfreie Bild des Altmeisters Michelangelo Merisi da Caravaggio – , distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148809

PS: Wenn man bedenkt, daß sich diese Geschichte in etwa so zugetragen hat, weil ich ursprünglich das „liebste Spielzeug“ auf einer Datingplattform für ein Treffen angeschrieben hatte, welches dann in seinem Verlauf die Grundzüge zu diesem Eintrag hervorbrachte, dann muß man auf jeden Fall sagen, daß einem in der Welt des Online-Datings doch viel „Interessantes“ geboten wird…

PPS: Ich entschuldige mich ausdrücklich dafür, diese Geschichte – und insbesondere die Gestalt des „Nissratz“ – mit überwiegend maskulinen Pronomen besetzt zu haben. Nissratzen gibt es in jeder Form, in jedem Geschlecht oder Gender und wir tun gut daran, um auf der Hut zu sein, dies zu beherzigen.
Ich habe diese fiktive Geschichte für mich so erzählt, wie sie meinem Erzählduktus als Autor am besten entsprach.

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Eintrag 31

Rosshandel

Am Wochenende erhielt meine Nestingpartnerin* eine Nachricht, die für sie mit einiger Nachdenklichkeit verbunden war.
Zur Erklärung: Meine Nestingpartnerin ist Pferdebesitzerin und hat im Laufe ihres Lebens schon das ein oder andere Pferd gehalten. Ein Pferd ist allerdings eine aufwendige Leidenschaft – auf jeden Fall was den Bedarf an Zeit und Finanzen angeht – und so kann es im Leben der Halter*innen durchaus vorkommen, daß sich die Gesamtumstände im Alltag aus vielerlei Gründen so verändern, daß ein verantwortungsbewußtes Fortsetzen der Haltung nicht mehr möglich ist. In solchen Krisenmomenten geschieht es dann, daß die meisten Pferdebesitzer*innen (die ich zumindest kenne) versuchen, ihr Tier in die vielzitierten „guten Hände“ abzugeben. Die Suche nach der geeigneten Übernahme ist damit quasi auch ein Dienst am eigenen Gewissen, das kontinuierliche Wohlergehen gemäß den eigenen Maßstäben auch nach dem Eigentumswechsel halbwegs sicherzustellen. In den günstigen Fällen ergibt es sich dann sogar, daß man selbst nach dem Fortgeben des Tieres periodisch mit Statusmitteilungen zur Gesundheit oder sogar Fotos versorgt wird – womit auch die neuen Halter*innen rückmelden: Dem Pferd geht es (weiterhin) gut.
Auf diese Weise ist Pferdehaltung aber auch vielfach ein gewisser „Verschiebebahnhof“ – und selbstverständlich geschieht es irgendwann, daß bei einem weiteren Wechsel solch eine Kette schließlich doch abreißt – und man als Vorbesitzer*in in zweiter oder dritter Reihe nicht mehr erfährt, wie es dem Tier in seinem weiteren Leben ergangen ist – bzw. ergehen wird.
Genau so ein Besitzer*innenwechsel stand jetzt im Leben eines der ehemaligen Pferde meiner Partnerin an, sprich: Ein früheres Haustier stand im Begriff, aus den ursprünglich gründlich ausgesuchten „guten Händen“ nun erneut in eine ungewissere Zukunft weiterer Besitzverhältnisse zu gehen.

Selbstverständlich gibt es bezüglich dieser recht regelmäßig vorkommenden Eigentumsübergänge auch in Reiterkreisen einen gewissen ostentativen Dünkel der Ungehörigkeit.
Wenn man sich ein Pferd kauft, dann überlegt man sich das doch vorher! “, heißt es dann gerne. Oder noch extremer: „Wenn man nicht bereit ist, ein Leben lang Verantwortung für ein Pferd zu übernehmen, dann sollte man sich auch keines zulegen.
Markige Appelle also an Loyalität, Integrität, Verantwortung und Nachhaltigkeit einem Lebewesen gegenüber – und damit stecken wir sogleich mitten in den Verwicklungen der Oligoamory (siehe dazu auch Einträge 3 + 4 ).

Denn als Zaungast der Geschehnisse vom Wochenende fühlte ich mich sogleich an einen persönlichen Bereich erinnert, der vielleicht nicht ganz gleiche – aber doch ähnliche Entwicklungen und Moralaufrufe kennt: Das ElternSein. Und als Vater weiß ich sehr gut selbst, daß man auch auf dieser „Langstrecke“ in Lebensphasen kommt, wo man überfordert, hilflos oder auf Unterstützung in irgendeiner Form angewiesen ist. Und auch hier gibt es sie dann, die „Sittenwächter“, die in solchen Situationen mit dem hilfreichsten Rat von allen zur Hand sind: „So etwas überlegt man sich doch vorher! “. Darum gibt es eben nicht nur „Rider-Shaming¹“ sondern selbstverständlich das gut etablierte „Parent-Shaming¹“. Und von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zum „Husband¹- bzw. Spouse-Shaming¹“ – oder um im Bild des „Besitzerwechsels“ zu bleiben: Das „Divorcee-Shaming¹“. Samt und sonders Situationen, in denen wohlwollende Mitmenschen uns mit ihrer an wahrsagerische Fähigkeiten erinnernde Tugendhaftigkeit auf die Plätze verweisen: „So etwas überlege man sich doch früher/vorher! “.

Wer mir durch 30 Einträge zum Thema Oligoamory bis heute wacker gefolgt ist weiß, daß ich als Autor mit diesem Projekt, was Beziehungsführung angeht, durchaus gelegentlich verhältnismäßig ambitionierte Wünsche formuliere. Manchmal klinge ich dabei sehr leidenschaftlich, mitunter wird es geradezu idealistisch. Das ist die Oligoamory auch durchaus, denn ein Ideal ist für mich ein Leitstern, ein Wegweiser – etwas, wonach es sich zu streben lohnt, wo der stete Weg das Ziel ist.
Aber ich hoffe auch, daß es mir gelungen ist, erkennbar zu halten, daß es nicht „nur“ ein Ideal ist, denn ein bloßes Ideal ist immer in Gefahr, Mittel zum Zweck zu werden: Dann ruft purer Idealismus genau die Sittenwächter auf den Plan, die uns im Moment unserer Schwäche mit ihrem „So etwas überlegt man sich aber vorher! “ bloß noch tiefer hinabstoßen wollen.
Oligoamory – und darum habe ich ja das Symbol der Doppelspirale gewählt – soll menschlich sein. Und Menschlichkeit heißt Endlichkeit – und damit ebenso Begrenztheit.

Die Sittenwächter des Idealismus (und so eine kleine Ausgabe davon gibt es ab und an in nahezu jeder und jedem von uns) vergessen als Teilnehmer*innen am „Spiel des Lebens“, daß das Leben selbst nicht eine statische Gegebenheit ist, sondern das Wesentliche des Spiels ausmacht. „Vorhersagbar“ bzw. „vorher zu überlegen“ ist darin folglich genau genommen sehr wenig. Denn wir Menschen sind zwar von unserer Biologie auf günstige Energieverwaltung („Ab auf’s Sofa! “) und von unserer Hordennatur einigermaßen auf soziale Kooperation („Was Du nicht willst, das man Dir tu’…“) getrimmt – aber in der „3. Dimension“ des Vorsorgens und Planens sind wir exakt wegen unserer Endlichkeit von unserer Grundausstattung her gesehen im Höchstfall eingeschränkt kompetent.
Aktuelles Beispiel: Das führt gegenwärtig beim Thema „Energiewende“ dazu, daß das konkrete Vorvollziehen einer Verantwortungsübernahme für Menschengenerationen, die noch nicht geboren sind, so schwer fällt. Dieser Schritt verlangt ein äußerst bewußte und aktive Bereitwilligkeit, denn „in unserer Natur“ liegt er nicht – ein „wildlebender“ Homo sapiens hätte kaum jemals über seine Enkelgeneration hinaus gedacht (Gene weitergegeben, Mission erfüllt).

Nun sind wir aber keine „wildlebenden“ Hominiden mehr – und dadurch hat sich u.a. unsere Lebensspanne deutlich erhöht. Und plötzlich sehen wir uns mit einem höheren Maß an „Enden“ und „Endlichkeit“ in unseren Leben konfrontiert als jemals in der Menschheitsgeschichte zuvor – und ebenso mit der Herausforderung einer erhöhten „Vorsorglichkeit“. Ganz plötzlich kommt diese Entwicklung natürlich nicht, denn bei genauerem Besehen lassen sich seit der Antike in verschiedenen Philosophien und spirituellen Systemen Gedanken über „Lebenszyklen“ finden: Vorstellungen also, daß in einem menschlichen Leben verschiedene Stadien durchlaufen werden, diese sich manchmal wiederholen oder einander ähnlich sind (Symbole von Kreis oder Spirale). Und sowohl die antike Philosophie² als auch der frühe Buddhismus³ haben den Satz hervorgebracht „Was nicht vergehen will, kann nicht entstehen“.

Das ist für unseren Idealismus zunächst scheinbar ein herber Schlag. Denn es bedeutet, daß es menschlicherseits keine vollkommene Loyalität, keine absolute Integrität, keine totale Verantwortung und keine perfekte Nachhaltigkeit gibt.
Ein unerbittlicher Hang zur Perfektion, der Formulierungen wie „immer (und ewig) “ oder „ein Leben lang “ in sich trägt, tut im Gegenzug aber auch den Idealen nicht gut. Denn Leute, die nur noch versuchen Idealen gerecht zu werden, verlieren ihre Mitmenschen und sich selbst in ihrer eigenen Menschlichkeit (und Fehlbarkeit) schnell aus den Augen.
In seinem Buch „Die Kunst , kein Egoist zu sein“ (Goldmann 2010) schreibt der Gegenwartsphilosoph R.D. Precht, daß wir Menschen vor allem unserem Selbstbild verpflichtet sind: »Deswegen ist es für uns nur halb so schlimm, wenn wir einen bestimmten Wunsch nicht erfüllt bekommen oder eine Absicht mißlingt. Viel schlimmer ist es, wenn wir uns als Person angegriffen fühlen. Wenn man uns als Mensch in Frage stellt. Wenn man unser Selbstwertgefühl verletzt oder zerstört. Unser Sein – anders läßt sich diese Empfindlichkeit kaum erklären – ist immer mehr als unser Wollen, unsere Rede, unser Tun
Unser Selbstwertgefühl mit unseren inneren „Sittenwächtern“ zu sabotieren, daß können wir allerdings mindestens genauso gut, wie es unsere wohlmeinenden Kritiker im Außen auch tun – ohne darum gebeten worden zu sein. R.D. Precht empfiehlt daher mit Aristoteles, daß es vor allem wichtig sei, sich darum zu bemühen, „ein guter Freund seiner selbst “ zu werden – jenseits vermeintlichem Perfektionismus.

Ich habe diesen Eintrag mit einem Pferdebeispiel begonnen, weil bereits das Thema „Tiere“, derzeit noch eher wenn es mehr „Haustiere“ als Nutztiere sind, schnell sehr sensibel werden kann. Ich glaube allerdings, daß es letztendlich egal ist, zu welchen Lebewesen auch immer wir uns in dieser Art positionieren, wenn wir uns ihnen partnerschaftlich verbunden fühlen. Denn dann greifen in uns Loyalität, Integrität, Verantwortung und Nachhaltigkeit unweigerlich immer ineinander: Das Eintreten für ein gemeinsames Ziel, die Übereinstimmung mit den eigenen Werten, das Einstehen für die eigene Selbstverpflichtung, das Wahren von (regenerativen) Grenzen.
Persönliche Ziele, eigene Werte, Selbstverpflichtungen und auch individuelle Grenzen sind aber eben keine statischen Gebilde von Ewigkeitswert. Auf jeden Fall nicht in einem endlichen menschlichen Leben, was fähig sein muß sich veränderlichen Außenbedingungen anzupassen (und ich spreche hier nicht von einer beliebigen charakterlichen Wandlungsfähigkeit nach Art eines Chamäleons).
Ich möchte uns allen aber die Erlaubnis zusprechen, daß auch scheinbar so gewichtig daherkommende Werte und insbesondere ihre Inhalte sich im Laufe der Zeit verändern – und manche auch schlicht und einfach ausklingen – dürfen.

Mein Fazit für heute fällt darum ebenfalls etwas philosophisch aus:
In der Aufnahme, Gestaltung und Beendigung unserer Beziehungen gleichen wir alle Töpfer*innen, die gemeinsam um die Töpferscheibe sitzen und ein Gefäß formen. Aufgrund der Beschaffenheit unseres Arbeitsmaterials ist uns – wenn wir uns dem Gedanken zu stellen wagen – recht klar, daß unser gemeinsames Produkt vermutlich eine begrenzte Haltbarkeit haben wird, es ist definitiv endlich. Wir könnten darum nun versucht sein, ein kunstloses, robustes Standardmodell zu erzeugen, was hoffentlich möglichst lange seinen Zweck erfüllt – würden aber auf diese Weise einen Teil von unserem Idealismus, unserer Inspiration und unserem individuellen Ausdruck verleugnen.
Wir könnten aber auch gerade wegen unseres Bewußtseins von Endlichkeit eine Form kreieren, die genau darum das uns derzeitig jeweils größtmögliche Maß an (Kunst)Fertigkeit repräsentiert, als raumzeitliche Schöpfung unserer Gegenwärtigkeit und unseres Strebens. Auf diese Weise werden unsere Beziehungen viel eher einzigartig und den Beteiligten angemessen geraten – und in ihrer Geeignetheit „mehr als die Summe ihrer Teile “ sein.
Durch das dabei in Kauf genommene Zulassen von Endlichkeit (also Vergehen) erhalten wir in diesem Prozess gleichzeitig die potentielle Motivation für ein neues Entstehen, was auf Beziehungen übertragen, die Erlaubnis von Fehlbarkeit, Anpassungsfähigkeit und Verhandlungsmöglichkeit bedeutet.
Wenn wir in dem Sinne folglich einigermaßen gewiss sind, daß alle Beteiligten in einer Beziehung, was Loyalität, Integrität, Verantwortung und Nachhaltigkeit angeht, das ihnen Mögliche geben, dann nimmt das für die Einzelnen enormen Druck vom unerbittlichen Hang zur Perfektion.
Und es stärkt das Erleben von Freiheit in Verbundenheit, wozu ich mit der Oligoamory vor allem einladen möchte (siehe Eintrag 7).
Das Motiv der Langfristigkeit ist mir in der ethischen Nicht-Monogamie sehr wichtig, denn Langfristigkeit wird gebraucht, damit sich die Werte der Poly- oder Oligoamory überhaupt für alle erfahrbar und gestaltbar (!) entfalten können. Doch für „immer und ewig “ – also überleg‘ Dir das besser vorher? Das ist nicht menschlich, ja, das wird gar keinem Lebewesen und unserer gemeinsamen veränderlichen Natur gerecht.
In diesem Sinne: Brrrrrr!



* „Nesting-Partner*in“: In Mehrfachbeziehungen gelegentlich verwendete Bezeichnung für
Nähemenschen, mit denen man gemeinsam eng zusammenlebt, z.B. wohnt.

¹ „Rider-Shaming “, engl., ironischer Begriff von mir, Übersetzung „Reiter-Anprangerung“.
Parent-Shaming “, engl., Begriff, der die Anprangerung von Eltern(teilen) bezeichnet.
Husband-Shaming “, engl., Begriff, der die Anprangerung von Ehemännern
bezeichnet.
Spouse-Shaming “, engl., Begriff, der die Anprangerung von Ehefrauen bezeichnet.
Die letzteren drei Begriffe gibt es alle tatsächlich. Sie bezeichnen einen meist verbalen
Angriff, welcher der öffentlichen Anprangerung des Versagens durch
Schuldzuschreibung hinsichtlich des „erwünschten/erwarteten“ Rollenverhaltens
dienen soll.
Analog wäre also „Divorcee-Shaming “ das Anprangern von Geschiedenen, die mit
ihrer Beziehung „versagt“ hätten.

² Unsterblichkeitslehre des griechischen Philosophen Plotins, maßgeblich editiert und überliefert durch seinen Schüler Porphyrios.

³ Überlieferungen Nagarjunas im Mahāyāna-Buddhismus.

Danke an Crawford Jolly auf Unsplash für das Foto, welches einen der Köpfe des Kelpie-Monuments in Falkirk, Schottland, zeigt.

Eintrag 30

Dating is as Dating does…

Oligotropos datet mal wieder.
Nein halt.
Er datet genau genommen noch nicht. Er treibt sich erst einmal wieder auf Datingportalen herum.
Diesmal immerhin auf Plattformen, die sowohl monogame als auch nicht-monogame Formen der Suche und des fakultativen Datings gewährleisten.
So weit – so gut.
Doch nach dem ersten halben Dutzend gesichteter Profile überfällt ihn allerdings eine merkwürdige Nachdenklichkeit, als er erkennt, daß eine „oligoamore Suche“ selbst auf solchen Webseiten so ihre tieferen inneren Tücken hat:

Stufe 1 – Monogamie als Beispiel: Fast alle Datingplattformen scheinen für die Monogamie wie geschaffen. Nicht, daß ich sagen möchte, daß monogame Menschen es da wirklich einfach haben – aber sämtliche Kriterien scheinen auf die Monogamie zugeschnitten zu sein: Topf sucht Deckel – oder Deckel sucht Topf. Frau oder Mann sucht nach „dem einen Menschen“. Und wenn sich dann zwei in dieser Weise auf so einer Plattform finden, dann tun sie sich zusammen und verschwinden beide aus dem „Pool“ potentieller Sucher*innen – um fürderhin das zu tun, was monogame Menschen dann eben so gemeinsam machen. Womit wir diese Personen schon einmal aus unserer Geschichte ausblenden können, denn erstens zieht diese Gruppe ohnehin immer nur pärchenweise von dannen und zweitens sind wir ja selbst nicht monogam. Also schauen wir ihnen ein wenig bewundernd und ein wenig kopfschüttelnd hinterher: Ja, die zwei haben sich wohl „gefunden“ – bis daß wer oder was auch immer sie scheidet.

Stufe 2 – Non-monogam – polyamores Suchen und Finden: Klingt ja für alle Welt wirklich erst mal nach der großen Freiheit schlechthin. Hier wäre es also egal, ob ich als freies Atom oder als ein bereits gebundenes (quasi als Teil irgendeines Moleküls) nach weiteren potentiellen (Ver)Bindungen Ausschau halten würde.
Natürlich wären hier zuvor ein paar Hausaufgaben zu erledigen: Einvernehmlich-transparentes Öffnen (und Offenhalten) der eigenen Beziehung. Oder falls man noch allein ist: Der klare Vorsatz, daß man dies künftig mit all seinen möglichen Beziehungen so halten wird. Das Ganze dann gut abschmecken mit der gleichen Berechtigung für alle potentiell beteiligten Parteien, konsequenter Verantwortungsübernahme für eventuelles eigenes Risikoverhalten (z.B. sexuell) – plus einem Quentchen Verbindlichkeit hinsichtlich des entstehenden Gesamtbeziehungsnetzwerkes und dahingehend einer eher längerfristigen Orientierung (sonst täte es auch ein gelegentlicher Besuch im Swingerclub oder Casual-Dating).
Und dann kann die fröhliche Partner*innensuche losgehen. Und all die Menschen, die Lust haben und zu deren Parametern meine Vorstellungen von Mehrfachbeziehungen passen – und wiederum meine Parameter zu deren Vorstellungen – die könn(t)en sich dann zusammenfinden. Wenn Entfernung und/oder Logistik sowie Kommunikation untereinander da einigermaßen mitspielen.
Ich, Oligotropos, als Autor dieses bLogs, finde dann natürlich immer noch ein-zwei-drei Häkchen an den Beziehungsgebilden, die diese Herangehensweise ermöglichen würde. Diese drei „Häkchen“ habe ich in Eintrag 2 ausführlich beschrieben, da ich hinsichtlich der „Polyamory“ zu oft erlebt habe, daß die aus solchen Vorgaben entstehenden Verbindungen häufig auf Sexualität als wichtigstem (oder einzigem) gemeinschaftsstiftendem Hauptinteresse beruhen, die Beteiligten um ein unrealistisches Diktat von Bedürfnis- und Anspruchsfreiheit ringen und letztendlich Persönlichkeitsfragmentierung betrieben wird.
Aber über die Geeignetheit solcher Beziehungen habe ich nicht zu entscheiden. Das müssen die dort Beteiligten selbst abstimmen, ob die so entstehenden Formen ihnen (trotzdem) dienlich sind.
Und für viele Konstellationen reichen solche polyamoren Arrangements auch völlig aus: Vom Ausleben von sexueller Freiheit in einer Beziehung, über Teilhabe an der neotantrischen Community oder an BDSM-Spielbeziehungen, bis hin zur kategorielosen Beziehungsanarchie.
Und darum glaube ich aber auch, daß es da früher oder später mit dem Suchen und dem Dating klappen wird: Denn es werden sich Menschen zusammenfinden, die situativ übereinstimmend besondere Augenblicke ihres Lebens miteinander teilen wollen. Ob bei Veranstaltungen oder im Urlaub, auf Kursen oder bei Festivals, aus der Freundschaft bzw. aus gemeinschaftlichem Interesse und Engagement heraus.

Mir, Oligotropos, hat das alles aber nicht gereicht. Die Polyamory ließ für meinen eigenen Seelen- und Beziehungsfrieden zu viele Definitionslücken hinsichtlich Verläßlichkeit/Berechenbarkeit, Loyalität/Identifikation und Nachhaltigkeit offen (siehe auch Einträge 3 + 4).
Außerdem schien mir die „Polyamory“ häufig entgegen ihrem Gründungsgedanken nicht mehr als „Beziehungsphilosophie“ angesehen zu werden, sondern als eine Art neuer Philosophie von Liebe und persönlicher Freiheit. Über Buchautoren und Coaches wie Robert Betz und auch Veit Lindau rückten im 21. Jahrhundert daher Betrachtungen wie die Folgenden dort immer öfter in den argumentativen Fokus:
»Beziehungen sind eine Struktur, und Liebe ist unstrukturiert. Liebe bezieht sich auf jemanden, natürlich, wird aber nie zur Beziehung. Liebe geschieht von Moment zu Moment. Liebe ist ein Seins-Zustand, keine Beziehung. Es gibt liebevolle Menschen und solche, die nicht liebevoll sind. Menschen, die nicht liebevoll sind, benutzen ihre Beziehung, um liebevoll zu erscheinen. Liebevolle Menschen brauchen keine Beziehung – Liebe ist genug. Sei ein liebevoller Mensch, anstatt in einer Liebesbeziehung zu sein – denn Liebesbeziehungen bestehen an einem Tag, und am nächsten sind sie vorbei. Sie sind Blüten, am Morgen blühen sie auf, am Abend sind sie verblüht. […] Eine Beziehung kann aus Angst eingegangen werden, sie mag nichts mit Liebe zu tun haben. Sie kann einfach eine Art Sicherheit sein. Die Beziehung wird nur gebraucht, weil es keine Liebe gibt. Eine Beziehung ist ein Ersatz. Sei achtsam. Beziehungen zerstören die Liebe, sie zerstören die bloße Möglichkeit, dass Liebe aufscheint.¹«
Oder:
»Wirkliche Persönlichkeiten lieben einander als Luxus; es ist nicht länger ein Bedürfnis. Sie genießen es zu teilen: Sie haben so viel Freude, dass sie gerne jemanden damit erfüllen würden. Und sie wissen, wie sie ihr Leben als Soloinstrument spielen können.²«
„Armer Rajneesh!“, würde ich nun beinahe laut ausrufen (siehe dazu auch Eintrag 8), „hast Du deine Beziehungen tatsächlich vorwiegend so erlebt?“
Denn in der zunehmenden menschlichen „Beziehungslosigkeit“ und im „Solistentum“ sehe ich aktuell eher ein heraufziehendes Problem als eine (Er)Lösung.
Auch deshalb machte ich mich daran, für mich die „Oligoamory“ zu erforschen, insbesondere mit Blick auf die Bedürfnisse und Wünsche, die ich hinsichtlich Mehrfachbeziehungen hatte.
Was mich aber nun bei der „Suche“ und beim Daten gewissermaßen vor neue Herausforderungen stellt. Oder zumindest vor Fragen, denen ich mich stellen muß.

Stufe 3 – Oligoamore Suche:
Stellen wir den obigen Rajneesh/Osho-Zitaten direkt eines von dem britischen Schauspieler Anthony Hopkins gegenüber:
»Keiner von uns kommt lebend hier raus. Also hört auf, euch wie ein Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.«
Was mir an diesem Zitat aus oligoamorer Sicht besonders gut gefällt, ist der direkte Hinweis auf unsere zutiefste Menschlichkeit mit ihren Freuden – und auf unsere Endlichkeit.
Mr. Hopkins sagt ebenfalls: Macht Schluß damit, euch selbst und euch gegenseitig wie „Lebensdreingaben“, ja, wie „Andenken“ zu behandeln. Und er ergänzt: Sagt die Wahrheit, tragt Euer Herz auf der Zunge – womit er also an unsere radikale Aufrichtigkeit appelliert.

Gerade diese beiden Aspekte scheinen mir hinsichtlich dem Finden von potentiellen Partner*innen in der Oligoamory von großer Bedeutung.
Denn gemäß dem PrinzipWas Du nicht willst, das man Dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu...“ möchte ich jedenfalls nicht als „Luxus“ oder „Lebensdreingabe“ angesehen oder behandelt werden. Ich bin ein ganzer, komplizierter Mensch mit meinen Schwächen und Stärken und so wünsche ich auch angenommen zu werden. Hups, da habe ich auch gleich den zweiten Punkt touchiert: Denn um so „angenommen zu werden“, muß ich mich ja auch selbst aufrichtig so annehmen können. In Eintrag 26 und 27 setze ich mich damit auseinander, wie ich meine innere Fragmentierung überwinden kann, um wieder wirkliche Nähe und echte Vertrautheit erleben zu können. Und dabei spielt konsequente und etwas schonungslose Selbstehrlichkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Nehmen wir nun an, daß wir es gemäß Mr. Hopkins halbwegs geschafft hätten, uns selbst nicht länger „wie ein Andenken“ zu behandeln, weil wir uns in unserer schrullig-schönen, auf jeden Fall menschlichen, Einzigartigkeit einigermaßen akzeptiert hätten, wozu unsere immer wieder aufgewandte Aufrichtigkeit maßgeblich beitragen würde.
Dann würde dies im Gegenzug ja ganz klar bedeuten, daß auch unsere potentiellen Partner*innen nichts weniger wert wären…
Holla.
Denn jetzt haben wir für unsere „Suche“ und für eventuelles Dating einen Anspruch formuliert, dem wir erst einmal gerecht werden müssen:

Habe ich derzeit die Kapazität in meinem Leben, einen (weiteren) GANZEN Menschen als solchen zu würdigen?
Vielleicht denkt nun jemand: „Ach, bitte, lieber Oligotropos, das würde ich nie von jemandem anderen verlangen, daß er*sie*es mich so betrachtet. Mir würde es reichen wenn sie denken, ich sei ein*e gute*r Gitarrist*in /Surfer*in / Bettgenoss*in – ob ich meine Steuern korrekt abführe oder wo ich politisch stehe ist dabei doch ganz unwichtig…!“
Ach ja? Da bist Du vielleicht noch (bestenfalls) in der Polyamory richtig – aber dann hat diese Webpräsenz hier tatsächlich nichts für Dich zu bieten. Und jammere auch nicht länger über das Erleben von so einer seltsamen elenden inneren Diskrepanz zwischen Schein und Sein – denn „Trennungsrealität“ bzw. ein Leben weit weg von Deinem „Kontinuum“ scheinst Du wohl doch eher zu bevorzugen.
Ich bitte um Entschuldigung für diese sehr offenen Worte – aber darin besteht die Konsequenz, wenn wir auf der Beziehungsebene für ein gleichberechtigtes Wohlergehen aller Beteiligten eintreten wollen.
Und diese Konsequenz müssten wir eben bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt miteinbeziehen, quasi schon bei der „einseitigen Beziehungsanbahnung“.
Unsere Zielvorstellung einer „oligoamoren Beziehung“ wäre ja geprägt von dem Wunsch, einen (weiteren) Menschen zu finden, der auf diese Weise Teil unseres „Seelenstammes“ wird, eine*r unserer „Zugehörigen“. Wir hoffen damit auf eine Beziehung, die von Vertrautheit geprägt ist, die es zuläßt, daß dort alle Beteiligten ihre „Alltagsrüstung“ voreinander ablegen können. In einer solchen Beziehung wäre man einander gerade wegen der vielen Kleinigkeiten wichtig, durch die man gemäß dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupérydie Farbe des Weizens gewonnen hätte ³“: (Nur) Scheinbar unerhebliche Details, die aber für die Anderen in ihrer Eigenheit die jeweilige Persönlichkeit aufstrahlen läßt. Denn schließlich führt jede menschliche Beziehung darauf zurück, daß wir uns in einer solchen Beziehung jenseits unser sichtbaren Errungenschaften, unserer Erfolge oder Kenntnisse – aber auch jenseits unserer Kümmernisse und Sorgen – einfach als Menschen angenommen fühlen möchten. Und zwar nicht als Bestätigung durch irgendein Außen – da irrt der gute Osho und alle seine Mitredner meiner Ansicht nach – sondern als Zuspruch bzw. Zusicherung unserer eigenen inneren erlangten Gewißheit hinsichtlich unseres Wertes und des Wertes, den jeder andere Mensch hat – ohne das irgendeine*r von uns irgendwie gemindert wird.

Fazit: Darum ist für mich als oligoamor-sensibler Mensch Online-Dating aufregender und komplizierter, als es genau genommen für mich richtig wäre.
Viele Portale scheinen z.B. eine Strategie zu bevorzugen, die ein multiples Anschreiben von Profilen nahelegt, um quasi ein möglichst großes Netz auszuwerfen. Ich z.B. kann das nicht, ohne daß ich mir dabei in irritierender Weise etwas inkohärent und auch etwas illoyal vorkomme: Hinter jedem Profil steckt ein ganzer Mensch. Wie ich hinter meinem Profil doch auch. Und keine zwei Profile oder Menschen gleichen sich. Darum finde ich, daß auch jeder dieser Menschen eine eigene Herangehensweise verdient hat. Sonst wäre es ein bißchen so, als ob ich in eine Kneipe zu einer Gruppe Frauen „Na, Mädels!“ gebrüllt hätte und zu hoffen, daß sich eine von ihnen nun aufgrund dieser so eloquenten wie individualistischen Ansprache mir nähert…
Und es ist tatsächlich so, daß wenn ich ein Profil lese, ich durchaus überlege, ob ich die Kapazität habe, mehr als nur eine Projektionsfläche für die Wünsche und Bedürfnisse der Gegenseite zu sein – was im Zweifelsfall ein arg dünner Lack wäre, der kaum einer „Nagelprobe“ standhalten würde.
Und ich überlege immer, ob es ein guter Moment für einen solchen Schritt jetzt gerade in meinem Leben ist:

  • Ob in meinem schon reichen Leben überhaupt Platz für einen GANZEN (weiteren) Menschen ist (Ich erinnere an das Anaïs Nin-Zitat aus Eintrag 6, daß „jeder neue Mensch für eine neue Welt in uns steht, die möglicherweise nicht geboren wurde, bis dieser neue Mensch in unser Leben kommt – und das nur durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten kann.“).
  • Ob ich derzeit mein „inneres Haus“ aufrichtig genug aufgeräumt habe, um einen (weiteren) Menschen hineinzulassen – oder ob ich nur einen knappen Platz an meinem bestgeschmückten Schaufenster zu vergeben habe.
  • Ob ich derzeit ein sicherer Ort bin, an dem ein anderer Mensch sicher genug sein kann, um sich ihrer*seiner „Alltagsrüstung“ zu entledigen.
  • Ob ich über genug innere Gewißheit verfüge, daß ich mich nicht an mir selbst festklammern muß, in der panischen Angst, mich selbst zu verlieren – sondern sowohl einen Arm für mich als auch einen Arm für jemand anderen habe, um sie*ihn in ihrer*seiner Gewißheit zu empfangen und auszuhalten.


¹ Osho/Rajneesh/Bhagwan, Walk without feet, fly without wings and think without mind, Talk #8

² Osho/Rajneesh/Bhagwan, „The Power of Love“ He said / She said: Love in a relationship

³ Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz, Kapitel 21, Auszug aus der Rede des Fuchses: »Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander und alle Menschen sind gleich. Das langweilt mich ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben heiter wie die Sonne sein. Ich werde den Klang deiner Schritte von den anderen unterscheiden lernen. Alle anderen Schritte jagen mich in meinen Bau. Deine Schritte werden mich wie Musik aus meinem Bau herauslocken. Und dann schau! Siehst du dort die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Weizen ist für mich ohne Nutzen. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig! Aber du hast goldene Haare. Wie wunderbar es sein wird, wenn du mich gezähmt hast! Der goldene Weizen wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Brausen des Windes durch den Weizen lieben…«

Danke an Simon Müller auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 29

…den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Vor wenigen Tagen schrieb mir eine Bekannte, die ein vereinbartes Treffen absagte, u.a. folgende Zeilen:
…Ich habe in den letzten Wochen mein Leben spontan umgekrempelt und bin jetzt erstmal monogam unterwegs. Hab mich so verliebt und wir wollen jetzt erstmal alleine schauen.Er hatte bisher nur normale Beziehungen und ich merke, daß es mir gerade richtig gut tut. Nach dem hin und her, was ich vorher hatte…“
Nun.
Ist vielleicht blöd für unser Treffen – aber wenn man sich gerade in der Zeit erster Verliebtheit auf das zweisame Miteinander konzentrieren möchte, dann kann ich das nachvollziehen.
Dennoch…– in gewisser Weise eine „Erschütterung der Macht“, wie der Schauspieler Alec Guiness in seiner Rolle als sensibler Yedi-Meister Obi-Wan Kenobi in dem Film „Krieg der Sterne“ (Episode IV) gesagt hätte.
Eine sehr viel deutliche „Erschütterung der Macht“ nahm ich im gerade zurückliegenden September wahr, als die LGBT-Aktivistin, Schauspielerin und Comedian Margaret Cho in einem Podcast-Interview (engl.)¹ sagte:
Wissen sie, was mich angeht, ich habe mittlerweile Polyamory-Fatigue und absolute BDSM-Fatigue. Es braucht soviel Energie, stets zu verhandeln, was du brauchst und was du tust – und ich habe einfach nicht mehr die Energie dafür. Auch die ständige Ver- und Aufarbeitung (orig.:„Processing“), die immer anfällt, das habe ich satt. Für mich ist das alles sehr in den 90ern und den frühen 2000ern steckengeblieben – trotzdem schätze ich es.“
Na, wenigstens hat sie noch den letzten Halbsatz nachgeschoben… Denn ansonsten empfinde ich so eine Aussage von jemandem, der die letzten 25 Jahre des Lebens intensiv einem Lebensstil ethischer nicht-Monogamie verschrieben hatte, schon als Erdbeben mittlerer Stärke. Insbesondere, wenn diese Person im Interview hinzufügt:
Ich habe die Idee, dass ich, weil ich jetzt Single bin, versuchen möchte, für den Rest meines Lebens ohne Partner zu bleiben, und ich werde es wirklich versuchen.
Und auf Nachfrage warum:
In meinem Erwachsenenleben hatte ich Partner*innen, seit ich 25 war oder was auch immer. Ich fühle mich jetzt, da ich 50 bin, als sollte ich wirklich nochmal mein Bestes geben, um zu sehen, ob ich auch allein meine Frau stehen kann.“
Nun.
Auch das sind für mich nachvollziehbare Gründe.
Und dennoch erschüttern mich beide Aussagen. Denn in der polyamoren „Szene“ ist es durchaus nicht so, daß ich solche Erklärungen nicht schon öfter gehört hätte. Mrs. Cho war für mich jetzt allerdings ein sehr prominentes Beispiel – und darum macht es mich besonders nachdenklich.
„Polyamory-Fatigue“ – das klingt ernst, wie ein medizinisches Merkmal; zu „Fatigue“ sagt Wikipedia: »signifikante Müdigkeit, erschöpfte Kraftreserven oder erhöhtes Ruhebedürfnis, disproportional zu allen kürzlich vorangegangenen Anstrengungen«.
Bei jemandem wie Margaret Cho mag Vieles davon höchstwahrscheinlich auch genau so zutreffen, speziell wenn ein Vierteljahrhundert hinter einem liegt, wo man ein aktives Leben hoher medialer Präsenz für die Anerkennung von Homosexualität, LGBT-Rechten, BDSM und queerem Leben überhaupt geführt hat.
Gerade wenn man „anders“ als der Mainstream ist, geschieht es ja dann ohnehin leicht, daß auch das „Private politisch und das Politische privat“ ² wird, da das „Andersartige“, das „Abweichende“ sich erst einmal lange Zeit gegen die vorherrschende Moral und den etablierten Lebensstil behaupten muß.

Als Erforscher nicht-monogam-oligoamorer Lande bin ich dennoch besorgt. Denn sowohl meine Bekannte als auch Margaret Cho stellen mit ihren Aussagen und ihrem Handeln zwei Werte in Frage, die für mich in der Oligoamory so wichtig sind, daß sie gleichsam zum Untertitel dieses Projekts hier dazugehören: Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit.
Fairerweise möchte ich sofort ergänzen, daß weder meine Bekannte noch Mrs. Cho sich jemals als oligoamor erklärt haben – und daß auch ich, der ich Autor dieses bLogs bin, keinesfalls dekretieren möchte, daß man einem einmal gewählten Lebensentwurf für alle Zeit auf Biegen und Brechen verhaftet bleiben müsste.
Und trotzdem gibt es sie: Die gar nicht mal so kleine Gruppe von Menschen, die nach kürzerer oder längerer Weile eben bekennen: „Polyamory? Hab‘ ich ausprobiert. Hat nicht funktioniert…, bin jetzt wieder monogam/Single...“ Die Selbstehrlicheren in dieser Gruppe sagen eventuell noch etwas genauer: „Hat für mich nicht funktioniert.“
Ach, Leute…“, seufzt es dann in mir.
Persönlich halte ich es nämlich für sehr wahrscheinlich, daß – wenn eine Sache nicht funktioniert – sehr selten „die Sache“ das Problem ist, sondern sehr viel häufiger unser Qualitätsmanagement.
„Qualitätsmanagement“ ist in diesem Fall ein weiter Begriff. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, daß zahlreiche Menschen ethische Nicht-Monogamie (wie Poly-oder Oligoamory) so ähnlich anwenden, wie der Mann, der am Boden zerstört die Kettensäge in den Laden zurück bringt und stöhnt: „Bin total erschöpft, hat nicht funktioniert, hab‘ mich total abgerackert und kaum einen Baum geschafft…“ Der Verkäufer besieht sich die Kettensäge, betätigt den Anlasser, horcht auf den Motor und sagt: „Ich kann keinen Fehler finden...“ Während ihn der fassungslose Kunde anstarrt: „Was ist denn das für ein Geräusch...!“
Wenn Menschen in dieser Art versuchen, Mehrfachbeziehungen zu führen – dann wundert es mich nicht, daß sie es in der Tat als „hin und her“ empfinden, an dessen Ende „Polyamory-Fatigue“ droht.

Dabei möchte ich die anstrengenden Anteile am Leben in ethischer Nicht-Monogamie absolut nicht leugnen. Vom Zeitmanagement mit mehreren Partner*innen über ständige Selbst- und Fremdrechtfertigungen hinsichtlich der eigenen Lebensweise, von mangelnden rechtlichen Grundlagen bis hin zu den Schwierigkeiten, Gleichgesinnte zu finden – das alles sind reale Nöte und potentielle Quellen für aufbrechende Konflikte. Ein bLog-Eintrag auf einer obskuren Oligoamory-Webseite kann da weder die zahlreichen Herausforderungen benennen, noch in ein paar Zeilen adäquate Praxislösungen für die vielfältigen Situationen, in denen sich Menschen in Mehrfachbeziehungskontexten befinden, anbieten.
Was ich anbieten möchte, ist ein wenig Öl für die Wogen der Erschöpfung, bevor Betroffene glauben, als Ausweg bliebe nur, den Stecker zu ziehen der da heißt: „ich bin wieder monogam unterwegs“ oder „ich möchte für den Rest meines Lebens Single bleiben“.

Weder meine Bekannte noch Mrs. Cho kenne ich persönlich genug, als daß ich wirklich etwas über ihre Beweggründe sagen könnte. Und wie ich schrieb, ist der Weg in die ethische Nicht-Monogamie wahrhaftig nicht gerade mit einem roten Teppich geschmückt.
Abgesehen von den vielen inneren und äußeren Fallstricken, mit denen wir Sucher*innen von Mehrfachbeziehungen – wie oben beschrieben – ohnehin zu tun haben, glaube ich aber, daß wir uns ein gewisses Maß an Druck auch selber erzeugen. Und dieser Druck wirkt sich auf unser erwähntes „Qualitätsmanagement“ aus – indem wir schnellstmöglich stolze „Kettensägebesitzer*innen“ werden wollen, um uns alsbald an den nächsten Bäumen austoben zu können. Dann besucht man Kettensäge-Workshops, Kettensäge-Stammtische, surft durch Kettensägeforen und der Stress kann dadurch enorm werden: Wenn man sieht, wieviel Holz die Anderen scheinbar beiseite schaffen – und einem selbst zittern die Knie schon bei nur einem kleinen Baumstamm…
Denn analog können einem „die anderen Polyamoren“ sehr schnell als eierlegende Wollmilchsäue erscheinen, die fröhlich allerorten ihre intensiven Beziehungen zu einer Vielzahl interessanter Partner*innen managen – wohingegen man selbst z.B. in einem unerfreulich zähen Dating-Sumpf steckt und weit und breit niemanden auffinden kann, der das eigene Beziehungsmodel auch nur annähernd halbwegs teilt. Gleichzeitig wird man dabei immer noch zusätzlich verwirrter, weil man am Wegesrand reihenweise spannende monogame Menschen bzw. Singles ausläßt, die ja nun leiderleider nicht die eigene Weltsicht teilen. Ach, war das damals noch einfach, als man selbst noch monogam, respektive Single war…
Der Druck erhöht sich übrigens, wenn man selber womöglich in einer Bestandspartnerschaft ist, mit einem etwas in die Jahre geratenem „Altmodell“, man aber die Beziehung „beiderseitig einvernehmlich“ geöffnet hat – sich aber trotzdem irgendwie nichts Nachhaltiges ergibt. Oder wenn man mit Menschen in eine Mehrfachbeziehung gerät, die „poly/oligoamor“ sagten, für sich damit aber vorwiegend „promiskuitiv“ meinten. Dazu dann noch immer diese ganze Ver- und Aufarbeitung (die ja doch oft irgendwo zwischen heftiger Arbeit am Selbst und trutzig-trotziger Rechtfertigung schwankt): Da kommt die Polyamory-Fatigue schneller, als einem lieb ist. Kettensäge zurück ins Geschäft – Furchtbar.

Vor allem den Männern wird ja nachgesagt, daß sie neue Geräte immer sofort ausprobieren wollen, ohne auch nur einen Gedanken an die Bedienungsanleitung zu verschwenden. Im Falle ethischer Mehrfachbeziehungen trifft dies in schöner Gleichberechtigung auf alle Beteiligten zu. Sonst würde uns allen viel eher auffallen, daß wir ein besseres (Arbeits)Ergebnis erzielen könnten, würden wir erst einmal dem Laufen des Motors Aufmerksamkeit schenken. Und auch ein laufender Motor „garantiert“ noch keinen Ertrag – er macht ihn aber in jedem Fall wahrscheinlicher.
Vielleicht ist es darum wichtig uns damit zu beruhigen, was es nicht heißt, wenn man Kettensägebesitzer*in, ach – Verzeihung – Mensch im Kontext ethischer Nicht-Monogamie ist:
Es bedeutet eben nicht automatisch, daß man über zahlreiche aufregende Parallel-Partnerschaften verfügt – oder vielmehr: verfügen muß. Überhaupt scheint mir „Verfügbarkeit“ das Schlüsselwort zu sein: Denn auch darüber trifft eine Veränderung unserer Wahl, wie wir Beziehungen oder Partnerschaften führen wollen, keine Aussage. Bin ich ein „schlechter Poly“, weil ich gerade keine weiteren Beziehungen führe? Oder nur eine? Wäre meine Überzeugung oder mein Aktivismus für Belange ethischer Nicht-Monogamie in solchen Fällen weniger glaubhaft?
Heißt „nicht-monogam“ zu sein, daß man damit automatisch immer verfügbar, immer potentiell offen ist – oder es sein muß?
Sollten wir tatsächlich beginnen, so über uns zu denken, dann würden wir ein erhebliches Maß von Stress und Polyamory-Fatigue auf uns selbst herabbeschwören.
Denn es würde in Konsequenz bedeuten, daß wir mehr Wert auf die Kettensäge – also auf das „ob“ – statt auf die Qualität – also auf das „wie“– legten.Was in Folge bedeuten könnte, daß wir bereit wären, beim „wie“ Zugeständnisse zu machen, um das „ob“ zu gewährleisten. Und das würde übersetzt bedeuten, daß wir uns früher oder später als Teil einer Reihe von seriellen wie parallelen Bindungen wiederfinden könnten, die uns nicht gerecht werden, in dem diese unstet sind („hin und her“) – oder uns in unserer Persönlichkeitsentfaltung einschränken („ob ich selbst meine Frau stehen kann“). Was aus oligoamorer Perspektive heißt: Wenig nachhaltig und wenig verbindlich.

Im besten Falle könnte man es uns ja nun doch selbst überlassen, welche Art von Konzessionen wir auf uns nehmen würden, um endlich Teilhabe an Mehrfachbeziehungen für uns zu bewerkstelligen.
Aber.
In diesem Fall prägt das Sein durchaus am Ende das Bewußtsein, egal ob Pragmatiker oder Idealist:
Denn schließlich überzeugen wir uns auf diesem Weg mittelfristig davon, daß Kettensägen untauglich sind, sprich: Daß ethische Nicht-Monogamie uns kein erfüllendes Beziehungsleben gewährleisten kann. Weil es immer so ein unnormales Hin und Her mit ermüdender Ver- und Aufarbeitung ist, was uns am Ende auslaugt „disproportional zu den vorhergegangenen Anstrengungen“.
Wer würde da nicht die Kettensäge zurückgeben?
Wem würde dann nicht Monogamie als „normal“ und „richtig gut“ empfinden und Singletum als Feld, auf dem man endlich allein „seine Frau stehen“ könnte?

Dabei haben wir ein kräftiges Eigentor geschossen, denn ob ethische Nicht-Monogamie, Poly- bzw. Oligoamory dazu nicht mindestens ebenso in der Lage gewesen wären, haben wir keinesfalls erwiesen. Erwiesen haben wir, daß unsere Erwartungen unserer Bedürftigkeit davongaloppiert sind, weil wir, als wir zum ersten Mal von einer Kettensäge gehört haben, wir die Geschichte so aufgefasst hatten, als ob diese Wundersäge unsere Arbeit ganz von alleine erledigen würde. Wiederum auf Mehrfachbeziehungssysteme bezogen: Daß die Wahl dieser Lebensart Bedürfniserfüllung sicherstellen würde [Ein herber Schlag übrigens besonders für jene Polyprediger, die immer noch als anti-Monogamie-Argument „Dass niiiiie nur ein Mensch für alle Bedürfnisse da sein kann...“ ins Feld führen. Die Non-Monogamie selbst mit 100 Partner*innen gewährleistet dies nämlich auch nicht.].
Schlimmstenfalls erzeugen wir so „bekehrte Polys“, die schlimmer als die üblichen Gegner von Mehrfachbeziehungen dann aus ihrer (schlechten) Erfahrung heraus berichten werden: „Nein, bloß nie wieder Mehrfachbeziehungen, das hat mich nicht nur nicht glücklich gemacht, sondern auch noch gestresst und ausgebrannt…“

So wie der Besitz einer Kettensäge eine große Sorgfaltspflicht anmahnt, so möchte ich hinsichtlich ethischer Nicht-Monogamie zu dieser Sorgfaltspflicht einladen, die man hauptsächlich sich selbst zu Gute kommen lassen sollte. Im Rahmen der Oligoamory wünsche ich mir ja gerade genau darum eine hohe Aufrichtigkeit, die in erster Linie eine Verbindung von Selbstehrlichkeit und Selbstverantwortung ist. Und um die kämen wir ja genau genommen in keiner Beziehungsform herum, auch wenn Singletum oder Monogamie uns als „Gesellschaftliche Standardmodelle“ dies vorzugaukeln scheinen: Nur weil etwas bekannt wirkt, heißt das nicht, daß dort ohne unser weiteres Zutun alle Fragestellungen von unseren Vorgänger*innen (Eltern, Lehrer*innen, Gesellschaftsphilosoph*innen, Politiker*innen) für uns gelöst wurden. Das „Standardmodell“ vermittelt diese Illusion lediglich durch sein Diktat muffig-vertrauter Normativität.
Um bei meinem Bild zu bleiben: In dieser Hinsicht wäre jede Beziehungsphilosophie irgendeine Art Säge, ob Stichsäge, Klappsäge, Bügelsäge, und die Verletzungsgefahr bei inkompetentem Gebrauch wird unweigerlich zu Selbst- oder Fremdverletzung führen.
Ganz streng genommen, kann überhaupt niemand uns fertige Antworten für uns liefern, denn wie schon Konfuzius meinte: »Sage es mir, und ich vergesse es; zeige es mir, und ich erinnere mich; lass es mich tun, und ich behalte es.« Wir sind es also selbst, die „Leben in Beziehung“ mit unserem eigenen Leben erfüllen müssen, um die Beziehung, die Anderen und uns selbst immer besser zu verstehen. Auch das gehört zu der „Ver- und Aufarbeitung“, die Margaret Cho so satt hatte. Wenn ich es aber müde bin und nicht mehr wage, wenigstens vor mir selber Rechenschaft für meine Beweggründe abzulegen, wie soll ich dann auf irgendeinem Parkett überhaupt glaubhaft meine Frau oder meinen Mann stehen (Inkohärenz läßt grüßen)?
Wenn ich mir in der Oligoamory wünsche: „Führt gute Beziehungen!“, dann meine ich damit Euch angemessene Beziehungen – die aber vor allem sehr bewußte und aufrichtige Beziehungen sind. Oft sind wir diese hohe Aufrichtigkeit, insbesondere gegenüber uns selbst und in Beziehungen dann gleich zu einem sehr frühen Zeitpunkt nicht gewohnt.
Helfen wird uns – da stimme ich Konfuzius zu – nur das Tun, das Üben, nicht der Modellwechsel.

Ich wünsche mir darum, daß hinsichtlich der Abkehr von der ethischen Nicht-Monogamie bei den Betroffenen das zutrifft, was Charlies Mutter ihrem Sohn in dem Buch von Roald DahlCharlie und die Schokoladenfabrik“ erklärt:
Wenn Erwachsene »für immer« sagen, dann meinen sie meist: »sehr lange«...“



¹ Der Podcast ist HIER verfügbar, erfordert aber eine Anmeldung auf der Seite (nur Englisch).

² Kampagnenzitat aus der 2. Feminismuswelle zur „Politik der ersten Person

Danke an Andreas Scherbel auf Pixabay für das Bild.

Eintrag 28

Freiheit, die ich meine…¹

Eigentlich mag ich diese Bildermeme in sozialen Netzwerken überhaupt nicht und halte mich normalerweise davon fern, solche meinerseits zu posten.
Aber.
Auf eine schräge Weise scheint mir das Obige, gerade was Mehrfachbeziehungen angeht, doch eine wichtige Wahrheit zu enthalten – insbesondere nach oligoamoren Maßstäben.

Gut, ja. Es berührt (mal wieder) das Thema Sexualität und die Freiheit der Liebe. Daß ich diesbezüglich mit dem Umgang, wie er z.T. in der Polyamory geübt wird, nicht einverstanden bin, das habe ich schon in meinem zweiten Eintrag beschrieben, in dem ich erkläre, warum ich mich dahingehend nun lieber als „oligoamor“ betrachte. Und in Eintrag 7 versuche ich auszudrücken, warum für mich in der Oligoamory Verbindlichkeit und Freiheit keinen Widerspruch darstellen.

Immer wieder also die Freiheit.
Insbesondere unsere persönliche Freiheit, die wir so oft in Gefahr wähnen, speziell wenn wir glauben, daß andere Menschen in unserer unmittelbaren Nähe uns darin irgendwie einschränken könnten.
Dabei sind wir, die wir in Dimensionen von Mehrfachbeziehungen denken, was „Freiheit“ angeht bereits sehr privilegiert.
Privilegiert? Ja, privilegiert. Wir haben ein Privileg. Das Maß an Freiheit, was unsere Beziehungsgestaltung angeht – welches wir uns individuell erarbeitet haben bzw. welches wir mit unseren Partner*innen teilen und uns gewähren – das ist ein Privileg.
Ein Privileg – ich bitte Dich, Oligotropos, was ist daran ein Privileg… Ich nehme eben meine persönliche Freiheit wichtig und möchte mich dabei nicht von irgendwelchen Konventionen einschränken lassen, das ist alles...“
Genau das ist ein Privileg, liebe Freund*innen.
Privileg: Das Ding was man hat und darum normalerweise nie darüber nachdenkt.
Das „Ding“ welches einem erst auffällt, wenn man sich z.B. plötzlich mal in einem anderen Kontext – als dem privilegierten (!) – bewegt.

Schnell dazu wieder ein persönliches Beispiel:
Also „wir Mehrfachbeziehungswünscher*innen“ wissen ja, daß das mit dem non-monogamen Dating nicht so einfach ist. Offen bekennt sich kaum jemand dazu; Gleichgesonnene, die auch Modelle ethischer non-Monogamie leben, kennt man im eigenen Umkreis eher selten. Bleibt wieder mal nur das www. Viele Plattformen, die sich mit non-Monogamie oder gar Polyamorie abgeben, gibt es aber auch dort nicht – und wenn, dann treiben sich da 200-300 der „üblichen Verdächtigen“ herum, die von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen verstreut sind – Mist!
Was bleibt? Richtig, sich in einem konventionellen Forum anzumelden. Mit 200 Teilnehmer*innen? Pah, da leben ja selbst in meiner Kleinstadt mehr Menschen… Mit 5000? Schon ganz nett – aber da geht doch noch was… Ah, schau da: Fast 30.000 Mitglieder. Das klingt gut. Ist auf ganz Deutschland bezogen zwar immer noch eine eher bescheidene Streuung (wenn man’s mal genau nähme) – aber wenigstens eine bessere Chance. Also flugs in so einem FB-Forum à la „Freunde finden und verlieben“ angemeldet. Und dann brav gemäß den Regeln am Freitagabend eine interessante und aufrichtige Vorstellung – natürlich mit extra angefertigtem, smarten Bild – eingestellt. Aufrichtig: Damit meine ich, daß ich selbstverständlich angebe, daß ich mich als Teil von Mehrfachbeziehungen auffasse (und in meinem Fall auch schon in einer bin).
Und dann hieß es ja nur noch abwarten.
Ok – natürlich hatte ich schon gesehen, daß, wenn eine Frau eine Vorstellung abgab, sich in kurzer Zeit (2-3h) rund 70 bis 80 Likes sammelten und im gleichen Zeitraum auch ein gutes Dutzend mehr oder weniger sinnvolle Kommentare, inklusive PN-Angebote. Bei den Männervorstellungen gab es an einem Tag (!) vielleicht 2 bis 3 Likes und manchmal hatte jemand kommentiert.
Ich dachte also, daß ich genügsam-optimistisch an die Sache herangegangen war – und wartete genau genommen auf den ersten dummen Kommentar zu meiner Angabe mit den Mehrfachbeziehungen. Auf das, was dann tatsächlich geschah, war ich trotzdem nicht so richtig vorbereitet.
In den folgenden 72 Stunden eines emsigen Forumwochenendes und eines darauffolgenden munteren Montags geschah… gar nichts. Kein Kommentar, nicht einmal ein alberner – und auch kein einziges Like. Auch nicht, als ich mich Sonntagabend selbst kommentierte, damit meinen Post wieder nach oben beförderte und noch eine Reihe biographischer Zusätze darbot. Gar nichts.
DAS, liebe Leser*innen ist Privileg. Also: Privileg, wenn es einem auf solch drastische Weise bewußt wird. Wenn einem klar wird, über welches exorbitante Maß persönlicher Freiheit man bereits verfügt, es sich verschafft hat, es gewährt bekommt – welches für andere Menschen ein absolut unvorstellbares No-Go, beinahe ein Makel, auf jeden Fall aber ein Rühr-mich-nicht an darstellt.
Selbst mit einem mäßig getarnten Vögel-Gesuch hätte ich in dem entsprechenden Forum wahrscheinlich mehr Reaktion erhalten als mit einer Vorstellung, die mich als seltsamen Vogel der non-Monogamie beschrieb. Vermutlich sogar, wenn ich mich mit dem gleichen Vorstellungstext als braven Single verkauft hätte – nicht aber als (potentiell) „vergeben“ nach den dortigen Anschauungen.
Auch das können Auswirkungen von Freiheit sein. Und dem Risiko, daß man mit der Freiheit eines authentischen Selbstausdrucks eingeht, wenn man „zu sich selbst“ steht.

Oligotropos, dann sei beim nächsten Mal eben nicht so unverblümt aufrichtig, sondern guck‘ doch erst mal, wie sich die Dinge entwickeln…

Das hast Du jetzt nicht gesagt – oder gedacht – oder doch?

Als Autor dieses bLogs möchte ich deutlich sagen, daß wir, die wir für ethische nicht-Monogamie eintreten – denen ihre Freiheit darum so wichtig ist – solch eine (Hinter)Tür mit der Entscheidung für unser Lebensmodell geschlossen haben.
Ja, aber meine Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will, wie ich will…!“

Ja unsere Freiheit. Über die derzeit wieder oft geredet wird, weil für viele Menschen auf dieser Welt dieses Privileg eben längst noch nicht so selbstverständlich ist, wie für uns. Sogar das vierteljährliche Magazin der Max-Planck-Gesellschaft, welches mir gestern ins Haus flatterte, widmete sich in der aktuellen Ausgabe diesem Titelthema.
Natürlich beschäftigt sich diese Zeitschrift mit der Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre – aber das genügt, um hinsichtlich des vielstrapazierten Freiheitsbegriffs wieder Kontext herzustellen.
Denn unsere persönliche Freiheit wird in Deutschland maßgeblich vom Grundgesetz abgedeckt (insbesondere in den Grundrechten Artikel 1-19). Ich habe das Grundgesetz immer als sehr trocken und karg formuliert empfunden, bei genauerem Hinsehen sind seine knappen Wortlaute aber doch überraschend umfänglich.
Selbstverständlich liebe ich Artikel 1, der uns allen die volle Menschenwürde zuspricht – und wenn ich meine idealistischen 5 Minuten habe, dann denke ich, daß dieser Artikel doch ausreichend sein müsste, weil schon darin alles Wesentliche im Kern zusammengefaß ist.
Das könnte vielleicht sogar wirklich ausreichen, wenn wir, was Prof. Gerald Hüther in seinem Buch „Würde“ ja so treffend hinterfragt, uns stets in jeder Situation unserer menschlichen Würde und der der anderen Menschen bewußt wären.
Daß wir es nicht immer sind – und daß das mit der menschlichen Bewußtheit so eine Sache ist, scheinen auch die Mütter und Väter des Grundgesetzes gewußt zu haben. Denn schon in Artikel 2 Absatz (1) scheinen sie unsere eben verliehene Freiheit wieder einzuschränken. Und zwar interessanterweise mit den „Rechten anderer“. Und da wir im Grundgesetz bis zu diesem Absatz noch nicht weit gekommen sind, scheinen diese „Rechte anderer“ in wiederum deren Würde und deren Recht auf Persönlichkeitsentfaltung zu bestehen.
Tatsächlich. Ich werde als qua Gesetz in meiner persönlichen Freiheit durch die Würde und die Persönlichkeit anderer Menschen eingeschränkt…
Allerdings. Selbst ein so gewaltiges Privileg wie die Freiheit hat also Grenzen.

Ach so. Darum sitze ich später im Alter dann also allein auf der Bank. Weil mir eben meine vollkommene Freiheit gar nicht gewährleistet wird – und dann wird’s mit dem freien Sex natürlich auch nichts…
Äh – nein.

In meinem letzten Eintrag 27 habe ich dargelegt, wie schnell immer noch unser Wunsch nach wahrer Intimität mit dem Verlangen nach Sexualität „verwechselt“ oder gar damit gleichgestellt wird. Deswegen habe ich dort betont, daß es so wichtig ist, aufrichtig zu sich selbst zu sein, was denn hinter dem eigenen Bedürfnis steckt, sich Mehrfachbeziehungen im Leben zu verwirklichen. „Sexualität“, sagte Marshall Rosenberg² mal, „ist kein Bedürfnis, sondern eine Strategie.“
Ich habe mich erst über diese Zuordnung geärgert, dann lange gegrübelt – und schließlich erkannt, daß der alte Herr damit Recht hatte: Denn wir „Beziehungssucher*innen“ haben uns doch wegen der Intimität auf den Weg gemacht, wegen unserem Bedürfnis nach Vertrautheit, Nähe, Zuneigung, Verbindung und dem emotionalen Zuhause. Selbstverständlich kann da Sexualität zu einem Teil unserer Erfüllung gehören. Aber die Sexualität zum Bedürfnis zu erklären, wäre zumindest für mich nicht aufrichtig, denn damit würde ich das Teil zum Ganzen und zum Selbstzweck erklären, was für mich in jedem Fall nicht zutrifft (und wenn, dann bräuchte ich zur Erfüllung jedenfalls nicht so komplizierte Lebensmodelle wie die Poly- oder Oligoamory…).
Wenn ich mir aber wünsche, bis ins hohe Alter mit echter Intimität gesegnet zu sein (ich wiederhole: mit Vertrautheit, Nähe, Zuneigung, Verbindung und einem emotionalen Zuhause), dann brauche ich wohl auch diese „anderen Menschen“ in meinem Leben, mit denen ich diesen ersehnten und geschätzten Zustand erfahren kann.
Ach, Menschen findet man an jeder Ecke – bald 8 Milliarden gibt es jetzt schon davon auf der Erde…
Ja, mag sein. Gleichzeitig möchte ich auf mein obiges Erlebnis im Forum hinweisen, daß es für uns bisher nur sehr wenige Menschen gibt, die bereit sind, unseren privilegierten Beziehungsethos zu teilen. Und von denen kommen realistischerweise nochmals weniger überhaupt als Beziehungsmenschen für uns in Frage (und wir für sie, übrigens).
Genau darum ist es wichtig, daß ich nicht das Privileg meiner „großen persönlichen Freiheit“ umherschwinge wie die buchstäbliche Axt im Walde. Denn dabei schneide ich hier mal den einen in seiner Persönlichkeitsentfaltung (Hoppla…) und trete dort der anderen auf die Würde (Ups!). So werde ich garantiert irgendwann einmal einsam auf der Parkbank enden…

Ich muß also darauf achten, daß ich das Privileg meiner Freiheit quasi mit dem Privileg meiner erwählten Liebsten abschmecke, es damit sorgfältig austariere.
„Ethische Non-Monogamie“ heißt also in gewisser Weise, daß ich meine „persönliche Freiheit“ nicht mehr als unbewußtes Privileg („Hier komm‘ ich, mir kann keiner…!“) innehabe, sondern, daß ich mich stets in einem Dialog, fast in einer Art Tanz mit meiner Freiheit und der Freiheit der mich umgebenden Menschen befinde. Über diesem Dialog, über den Tanzenden, stehen die Begriffe Würde und Respekt – ein bißchen wie ein Motto, welches zugleich aber eine Art Selbstverpflichtung darstellt.
Denn der Dialog – oder Tanz – gelingt (nur) dann, weil alle Beteiligten nach der Maxime „Was ich wünsch‘, was man mir tu‘ – nur das füg‘ ich auch anderen zu“ (oder der bekannteren Negation: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“) miteinander umgehen. Auf diese Weise steht meine Freiheit, meine persönliche Entfaltung, meine Bedürfniserfüllstrategie immer in einem dynamischen Muster mit der Freiheit, der persönlichen Entfaltung und den Bedürfniserfüllstrategien der anderen.
Und aus dieser Dynamik auf diesem Spielfeld des Miteinanders, gehen alle bedeutsamen Werte der ethischen non-Monogamie hervor, seien sie poly- oder oligoamor: Mitgefühl, Wertschätzung, Kooperation, Selbstverantwortlichkeit, Versöhnlichkeit, Klarheit, absolut vollkommene Aufrichtigkeit – und ein gutes Maß an Gelassenheit.
Wenn wir uns all das wechselseitig gegenüber gewährleisten, dann hätten wir eigentlich schon gewonnen. Wenn wir immer wieder wechselseitig und gemeinsam auf diese Ziele hinarbeiten, dann sind wir auf einem großartigen Weg – denn wir haben verstanden, daß unsere persönliche Freiheit kein selbstverständliches statisches Privileg ist, sondern eine gemeinschaftliche Errungenschaft, für deren Gewährleistung wir jeden Tag erneut eintreten und unser jeweils Bestes geben.

Das Schlußwort möchte ich heute gewissermaßen dem satirischen Schriftsteller Johannes Trojan überlassen, dessen Text ich für die Oligoamory ein wenig abgewandelt habe:

»Es ist auffallend, daß in alten Geschichten ebensowenig von der Freiheit der Liebe als auch von der Freiheit überhaupt wie von einem besonderen Vorzug die Rede ist.
Die Liebe scheinen unsere Voreltern für selbstverständlich gehalten zu haben. Von der Freiheit konnten sie sich vielleicht noch keinen klaren Begriff machen, oder auch es mag ihnen, was sie als Freiheit der Liebe kannten, gleichfalls zu selbstverständlich erschienen sein, als daß es betont werden müsse.
Jetzt aber kann kein Liebender mehr vor einer Tasse Kaffee sitzen, ohne dabei aufs ausdrücklichste zu versichern, daß er sich „liebend und frei“ fühle und daß er ohne die Freiheit der Liebe durchaus nicht leben könne.
Möchte doch eine Zeit kommen, in der wieder weniger auf die Liebe und deren Freiheit beharrt wird.
Sie scheinen beide darunter zu leiden.«³

Weiterführende Links zum Thema:
Das ist aber meine Freiheit und ich darf das….oder?“ auf Polyplom.de
„Muss ich meinem Partner alles sagen?“ auf MySexySalad.com


¹ Diese Zeile stammt – von mir bewußt gewählt – aus dem gleichnamigen Lied von Max von Schenkendorf und Karl A. Groos, welches sie 1815 im Befreiungskrieg gegen Napoleon komponierten. Danach wurde das Lied in Preußen vor dem ersten Weltkrieg für den Schulunterricht in der sieben bzw achten Klasse besonders empfohlen und diente von da an der Kriegserziehung im Kaiserreich und später im Nationalsozialismus. Die Geschichte des Liedes ist eines der besonders traurigen Beispiele dafür, wie der Begriff „Freiheit“ lediglich zum eigenen Wohl – und damit auf Kosten der anderen – verzweckt wurde.

² Marshall Rosenberg hat in seinem Modell der „Gewaltfreien Kommunikation“ ein sehr ausführliches System menschlicher Bedürfnisse ausgearbeitet, die hinter jeder Kommunikation und Interaktion verborgen sind.

³ Originaltext von Johannes Trojan aus „Auswahl aus seinen Schriften“ (Stuttgart 1905): »Es ist auffallend, daß in alten deutschen Liedern ebensowenig von der deutschen Freiheit als auch von dem Deutschsein wie von einem besonderen Vorzug die Rede ist.
Daß ein Deutscher deutsch ist scheinen unsere Voreltern für selbstverständlich gehalten zu haben. Von der deutschen Freiheit konnten sie sich vielleicht noch keinen klaren Begriff machen, oder auch es mag ihnen, was sie als deutsche Freiheit kannten, gleichfalls zu selbstverständlich erschienen sein, als daß es betont werden müsse.
Jetzt aber kann kein Deutscher beim Glase ein Lied singen, ohne darin aufs ausdrücklichste zu versichern, daß er sich „deutsch und groß“ fühle und daß er ohne die deutsche Freiheit durchaus nicht leben könne.
Möchte doch eine Zeit kommen, in der wieder weniger auf die Deutschheit und die deutsche Freiheit getrunken wird.
Sie scheinen beide darunter zu leiden


PS: In der Zeit, in der ich den Artikel geschrieben habe, habe ich übrigens das Mem oben ins Forum gestellt. Es sind jetzt 48 Likes…

Eintrag 27

Intimitäten

Oligoamory.
Verbindlich-nachhaltige Mehrfachbeziehungen mit wenigen Beteiligten.
Das ist es, wozu ich mit meiner Suche aufgebrochen bin.
Das ist es, wonach auch Ihr vielleicht sucht, die Ihr meine werte Leser*innenschaft seid.

Was wünschen wir uns?
Einige wirklich echte, intime Beziehungen in unserem Leben zu führen.

Oh Intimität – die Du so gerne mißverstanden wirst…
Speziell seit dem 19.Jahrhundert, als ausgerechnet auch das Wörtchen „intim“ zu einer der vielen weiteren Nebelkerzen für „Geschlechtliches“ erwählt wurde – nur um ja nicht „diese Dinge/Vorgänge da“ näher bezeichnen oder bei einem richtigen Namen nennen zu müssen. Dieser Zeit „verdanken“ wir heute noch begriffliche „Errungenschaften“ wie z.B. „Intimhygiene“, „Intimrasur“ oder „Intimpiercing“ – und all diese Wörter geraten schnell unfreiwillig komisch, wenn wir statt des verschleiernden Derivats „intim“ doch mal die eigentlich gemeinte Materie konkret aussprechen. „Intim“, das ist so sinnstiftend wie die „private parts“ der Briten – und sagt genau genommen nur, daß es da wohl um irgendetwas gehen muß, was ganz persönlich und nah zu mir gehört.
Mag diese prüde Verwirrung aus Kaisers Zeiten eventuell noch belustigen, so ist der anhaltende Schaden, den die „Intimität“ mit ihrer schamhaften Anwendung auf „Geschlechtliches“ seit jenen Tagen erhalten hat, noch heute allgegenwärtig. Und weil wir heute auch nicht mehr „Geschlechtliches“ sagen, denn wir sind ja mittlerweile anglophon, so sagen wir „sexuell “ – wenn wir „Intimität “ hören: Da geht es also um Sex.

Wir, die wir uns nach echten, intimen Beziehungen sehnen, haben damit schnell vor der Welt – aber auch vor uns selbst – ein Problem. „Aha, Dir geht’s doch »nur« um Sex…! “ heißt es dann – und manchmal ist es fast egal, ob es der beste Kumpel oder eine eigene innere Stimme ist, die das so rundheraus wie stumpf heraushauen.
Autsch.

Die Twitter-Aktivistin Sassbox schrieb Anfang diesen Monats dazu:

»Oft wird angenommen, es ginge nur um Sex. Es geht nicht immer nur um Sex.
Intimität ist das was wir wollen.
Berührt zu werden. Angeschaut zu werden.Wertgeschätzt.
Angelächelt zu werden. Mit jemandem zu lachen.
Uns sicher zu fühlen. Zu spüren, daß wirklich jemand mit uns ist.
Das ist, wonach wir uns sehnen.
«

Solchen Aktivist*innen bin ich dankbar, wenn sie einem Wort auf diese Weise seine Ehre wiedergeben, es gewissermaßen zurückerobern.
Denn „Intimität“ stammt von dem lateinischen Wort „intimus/-a/-um“, welches dort übrigens den Superlativ des Wortes „intra“ (= innen) [Komparativ „interior (= innerer/weiter innen)] bildet.
Demgemäß (und da schließe ich mich schlicht dem Brockhaus-Lexikon¹ an) bedeutet „intim“: »innerst, vertrautest« 1) sehr vertraut, eng verbunden; 2) in jemandes Innerstem, tiefinnerlich; 3) bis in die letzte Einzelheit mit etwas vertraut; 4) anheimelnd, gemütlich.

Wir Sucher*innen von intimen Beziehungen wünschen uns also genau genommen menschliche Verbindungen, die in unserem Inneren Gefühle von tiefster Vertrautheit, engster Verbundenheit, von Vertrautsein mit dem Gegenüber (und des Gegenübers mit uns) sowie einem emotionalen Zuhause hervorrufen.
Ah!

Wer mir bis hier hin gefolgt ist, mag mir nun bitte die Gelegenheit geben, einige möglicherweise „lose Enden“ zu verknüpfen, die vielleicht durch einige Expeditionseinträge offen geblieben sind.
Zuvorderst: »Gefühle von tiefster Vertrautheit, engster Verbundenheit, vom Vertrautsein mit dem Gegenüber (und des Gegenübers mit uns) sowie einem emotionalen Zuhause« entsprechen exakt dem idealen Zustand, welchen Jean Liedloff das „Kontinuum“ und Daniel Hess „Einheitsrealität“ (= eine Realität von innerer Einheit) nennen – und auf die ich mich damit in meinem letzten Eintrag 26 beziehe. Nichts weniger also als die Sehnsucht nach einem Urgrund von sehr vollkommener Nähe und Hinwendung, von Zusammenhalt und Einssein.

Warum schrieb ich aber in Eintrag 26 gleichfalls von einem seltsamen „Erschrecken“ bzw. einer „Scham vor uns selbst“ angesichts solcher starken Wünsche nach Vertrautheit und Nähe?
Weil wir eben doch in einer „Trennungsrealität “ existieren.
Diese „Trennungsrealität“ hat dabei mehrere Aspekte, die uns einen vollständig „befreiten“ Umgang damit schwer machen:
Zum einen ist da das Element der Flüchtigkeit, den ich in Eintrag 19 anspreche:
Als raumzeitlich begrenzte und „endliche“ Lebewesen können wir nur schwerlich dauerhaft für immer einen Zustand – und sei er noch so erfüllend – festhalten. Schon Johann Wolfgang von Goethe hat das in seinem Drama „Faust“ in der Wette mit dem Teufel sehr deutlich gemacht: Bedingung der Wette ist dort der Satz „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:Verweile doch, du bist so schön! “. Dr. Faust – der Wettpartner des Teufels – hat damit quasi in jedem Fall verloren, da der Teufel sowohl auf das sich letztendlich doch immer wieder wandelnde Gemüt der Menschen bauen kann, als eben aber auch auf unsere Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der „Einheitsrealität“, in der in diesem »Augenblick« alles perfekt an seinen Platz findet, und den man darum für immer festzuhalten wünscht.
Zum anderen ist da das „Loblied der Trennungsrealität“ welches wir quasi zu jeder Minute des Tages vernehmen.
Die seit den Zeiten der Aufklärung fortschreitende Individualisierung hat dazu geführt, daß wir Menschen derzeit vor allem einem Glauben an ein starkes und autonomes Selbst anhängen, dessen Moral oft von Maximen wie „Der Starke ist am mächtigsten allein.²“ oder „Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist: wer also nicht das Alleinsein liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei.³“. Klingt extrem? Kommt in der Welt der (Viel-)Liebe so nicht vor? Dann verknüpfe ich gerne nochmal auf meinen Eintrag 8, den ich mit einem Rajneesh/Osho-Zitat über unserer Alleinheit eröffnete – oder verweise auf die gegenwärtig in polyamoren Kreisen so angesagte Byron Katie, die in ihrem Buch „Ich brauche deine Liebe – ist das wahr?“ (Goldmann 2012) postuliert, daß andere Menschen für Liebesgefühle, die in uns ausgelöst werden „nur Spiegel sind – indem sie lediglich Gefühle in uns zum Vorschein bringen, die vorher schon da waren“.
In dieser Form von „Realität“ bräuchten wir „die Anderen“ also nicht, wenn wir nur fest genug unsere Eigenständigkeit und individuelle „Einheit“ pflegen würden…

Problem nur: In unserer „Realität“ sind die anderen Menschen um uns herum ja trotzdem existent, manchmal geradezu sehr real. Sie haben eigene Wünsche und Bedürfnisse, die sie mit ihren Strategien verfolgen und zu verwirklichen suchen. Sie haben – wie wir – auch Ängste, mit denen sie uns gelegentlich sogar anstecken, denn wir sind nun einmal soziale Wesen.
Wenn wir uns also selbst „verwirklichen“ wollen, wenn wir „frei“ von vermeintlichen Einschränkungen durch Fremdstrategien und Fremdängste sein wollen – tja, dann bleibt eben nur, das Heil in unserer „Trennungsrealität“ zu suchen. Sich dem täglichen Rattenrennen anzuschließen, das da heißt: Ich – und „die Anderen“.

Und doch: In uns „Beziehungssuchern“ bleibt sie da: Die Sehnsucht nach inniger Verbundenheit, nach „Seelenpartnern“, denen wir vertraut sind, so wie sie es uns sind, Sehnsucht nach „unserem Stamm“, unseren Zugehörigen.

Ein Mensch im Mittelalter hätte unseren Zwiespalt zwischen „Einheit“ und „Trennung“ bezogen auf das Zwischenmenschliche vermutlich kaum nachvollziehen können:
Wahrscheinlich wäre er sich aufgrund mangelnder Bildung seiner Individualität, ja seiner „Individuation“ kaum sonderlich bewußt gewesen. Im Alltag wäre er zudem überall dicht von den Leuten seiner Sippe umgeben gewesen. Zu mehreren hätte man sich nachts das einzige Bett geteilt, vielleicht aus der gleichen Schüssel gegessen, am engen Tisch hätte man dabei rechts und links die Körper der anderen Essenden gespürt, gerochen – und Leben wie Arbeit wären komplett in ein Netzwerk der Sippe mit ihren Abläufen eingebunden gewesen. Überall selbstverständliche Nähe und Familiarität. „Manchmal ist es vielleicht schon beinahe ein bißchen viel...“, hätte so ein Mensch möglicherweise gesagt, dabei wohl wissend, daß er als Gemeinschaftswesen von der gesamten Struktur in vielerlei Belangen getragen und unterstützt wurde – und darum sein Beitrag dazu ebenfalls notwendig war.

Wir Heutigen aber? Wir leben so nicht mehr. Wir sind in unserer „Trennungsrealität“ aufgewachsen, sind darin gewohnt, daß dort das Trennende hervorgehoben und obligatorisch ist. Spätestens seit dem Beginn der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert leben wir zunehmend in Kleinfamilien, seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Haushaltsform „Single“ statistisch die am stärksten wachsende Sparte in allen westlichen Industrienationen.
Wir leben und arbeiten auch nur noch selten „Hand in Hand“. Viele von uns gehen Beschäftigungen nach, bei denen vor allem ein Bildschirm den Hauptarbeitsplatz und den einzigen Kontakt zur Außenwelt darstellt – Großraumbüros mit ihrer Zellenstruktur vielfacher Arbeitsnischen sind ein Zeichen der Zeit.
Stichwort Zeit, die ja bekanntlich Geld ist: Unsere Arbeitszeit wie auch unsere Arbeitsweise erlauben uns kaum noch Abschweifungen für wirkliche soziale Kontakte, echte Gespräche oder gar empathisch-zwischenmenschliche Momente. Berührungen sind dabei obendrein eine Seltenheit – auch hier hat unsere Trennungsrealität mit vielen Mechanismen dafür gesorgt, daß dieses Terrain sehr heikel geworden ist.

Was resultiert, ist eine Leerstelle. Eine Leerstelle, an der bei einer zunehmenden Zahl von Menschen eine Sehnsucht zu keimen beginnt, dieser Isolation in ihrem Leben etwas entgegenzusetzen. Menschen, die spüren, daß selbst mitten unter anderen Leuten kaum noch jemand irgendwen anders berührt, oder wertschätzend anschaut. Wo wenige Leute sich ein Lächeln gestatten, noch weniger zusammen laut lachen. In so einer Isolation fühlt man sich schnell unsicher. Denn in unserer Trennungsrealität können wir kaum erkennen, wer wirklich „mit uns ist“…

Da sind nun also wir „Beziehungssucher*innen“, in denen das Bedürfnis nach inniger Vertrautheit und Verbundenheit – nach Intimität – immer stärker wird.

Da haben wir uns aber etwas vorgenommen.
Denn zuerst einmal müssen wir uns eingestehen, daß wir dieses Bedürfnis haben.
Ja, wirklich aufrichtig eingestehen. Und das ist nicht leicht – denn wir verstoßen damit gegen alles, was uns die uns umgebende Trennungsrealität lehrt: Das der Starke am mächtigsten allein ist – und wir darum die anderen gar nicht brauchen DÜRFEN.
Und darum erschrecken wir uns dann vor uns selbst oder schämen uns sogar ein wenig, wenn wir uns bei diesem innersten (intimen!) Bedürfnis ertappen. Denn im harten Licht der Trennungsrealität würden wir damit als bedürftig gelten – und als abhängig.
Dann ist da vielleicht auch noch unser seltsames Begehr nach mehr als einem Nähe-Menschen. Denn vielleicht ist unser Bedürfnis in vielen Jahren sehr groß geworden, weil in einer Trennungsrealität die Intimitäts-Tankstelle nur sehr knappe Öffnungszeiten hat. Und weil diese knappen Öffnungszeiten der Trennungsrealität ihren Kräften geholfen hat, uns stets bei der Stange, fügsam und kontrollierbar zu halten… Offiziell gibt es derzeit in westlichen Industrienationen bislang nämlich staatlicherseits z.B. nur ein sanktioniertes Modell, in dem Liebe und Intimität unter Erwachsenen gewährt werden dürfen: Es nennt sich „Monogamie“ und gestattet lediglich zwei beteiligte Versorger*innen… Wer diesen Rahmen aufbrechen möchte, muß sehr mutig und nonkonformistisch sein, denn noch wird sie, es oder er in der Trennungsrealität auf die übrigen Teilnehmer*innen treffen, die eine solches „Überbedürfnis“ schnell als äußerst frivol und verdächtig empfinden werden.
Und überhaupt. Da sind sie dann…: Die „Anderen“. Die Anderen mit ihren kleinlichen Sorgen und Ängsten. Eltern, Kinder, Partner*innen, Liebste.
Endlich haben wir uns halbwegs trotz aller inneren Widrigkeiten zu unseren Sehnsüchten bekannt, versuchen obendrein entgegen den vorherrschenden Kräften eine Möglichkeit zu leben, in der Mehrfachbeziehungen möglich sind – und da kleben sie nun wie Klötze an einem: Diese Menschen, mit denen man im Leben in Systemen aus Verbindlichkeiten, Selbstverpflichtungen und Fürsorge verbunden ist. So weit sind wir gekommen. Aber so können wir niemals richtig frei sein – da haben der Schopenhauer und der Osho und die Frau Mitchell völlig recht: Wenn wir nur alleine wären, getrennt von diesen blöden Übereinkünften, die wir da mit irgendwelchen Menschen mal konkludent in irgendwelchen emotionalen Nahbeziehungen eingegangen sind – da wären wir jetzt schon viiiiel weiter… (*Ironie aus*)

So? Du möchtest also doch lieber davon „getrennt“ sein? Weil Dir freiwillig-konkludente Verbundenheit in Deiner Familie bzw. in Deiner Partnerschaft zu klebrig, zu begrenzend ist?
Dann ergeht es Dir wie der Frau vom Fischer („Von dem Fischer un syner Fru“), die sich am Ende der Reise in ihrem Pisspot wiederfindet: Willkommen (zurück) in Deiner Trennungsrealität.

Nein, Ihr Sehnsüchtigen, Ihr Romantiker*innen und Beziehungssucher*innen, die Ihr aufgebrochen seit, endlich dieses Gefühl wahrer Intimität zu finden. Vertrautheit, Wertschätzung, Verbundenheit und ein emotionales Zuhause sind immer „einschließlich“. Diese Werte existieren eben gerade nicht losgelöst vom Urgrund, sondern sind direkt mit all dem verbunden, was (schon) da ist. Und dazu gehören zuvorderst die Menschen, mit denen wir bereits direkt – in welcher Art auch immer – unser Leben verbindlich teilen. Denn mit diesen besteht bereits ebenfalls „Intimität“.
Und wenn wir den Begriff dahingehend ganz ernst nehmen – was wir ja wollen – dann sind diese Menschen doch gewissermaßen dadurch auch schon Teil unseres „Innersten“. Und wollte ich das ausschließen, würde ich wieder einmal mehr eine künstliche Trennung erzeugen.
Jede neue »intime« Beziehung, die ich also anstrebe, verbindet sich in mir mit den eventuell schon vorhandenen. Und darum spüre ich auch Sorgen und Nöte meiner Lieb(st)en wie meine eigenen: Es sind nicht ihre Einwände und Nöte, die mir kleinlich vorkommen und vor denen ich mich schützen und abgrenzen möchte. Es ist am Ende immer die Angst um mich selbst. Angst, daß ich meine Bedürfnisse nicht so erfüllen kann, wie ich es mir wünsche. Angst, daß ich mich darum in meinem Inneren zersplittern müßte, lauter kleine, voneinander getrennte Einheiten erschaffe, in deren jeder ich immer nur einen Teil von meinen Sehnsüchten leben könnte. Eine innere Zersplitterung, von der ich weiß, daß ich dadurch nie wirklich meinen inneren Frieden einer Einheitsrealität, eines echten „Kontinuums“ erfahren werde.

Uns bleibt also nur der „lange Weg“. Der da heißt: Vertrauen und Integration – wenn wir nach einer Gesamtheit all unserer Beziehungen in uns streben. Und deswegen war es dem Schriftsteller Saint-Exupéry so wichtig, in der Geschichte mit dem Fuchs darauf hinzuweisen, daß „sich einander vertraut machen“ immer Zeit benötigt (Eintrag 26).
Eben auch das „sich vertraut Machen“ mit uns selbst. Daß wir wohlwollend hinspüren, wie aufrichtig wir gegenüber uns selbst tatsächlich schon sind, wie viel „Unkonventionalität“ wir schon wagen können. Oder ob wir vorwiegend noch in die Fallen einer allzu vertrauten „Trennungsrealität“ tappen, obwohl wir versuchen uns mit entschlossenen Schritten unsere langersehnte Verbundenheit und Einheit zu erfüllen.

Das ist es, worum es in echten Mehrfachbeziehungen geht. Oder wie Morning Glory Zell-Ravenheart am Ende ihres Artikels, in dem sie zum ersten Mal das Wort „polyamor“ in die Welt brachte, sagte:
Die Zauberworte sind immer noch: Vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen.

¹ 19. Auflage, Mannheim, 1989
² Friedrich Schiller, „Wilhelm Tell“, 1802-1804. 1. Akt, 3. Szene
³ Arthur Schopenhauer, deutscher Philosoph, aus „Parerga und Paralipomena“, 1851
Danke an Jay-O für den Hinweis auf das Twitterzitat und Dank an Cathal Mac an Bheatha auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 26

Verbunden oder getrennt?

Nachdem ich nun ein halbes Jahr auf dem entlegenen Eiland der Oligoamory verbracht habe, komme ich nicht umher, diesen Zwischenbericht hier niederzuschreiben.
Denn so sehr mich die Insel und ihre freundlichen Bewohner in ihren Bann geschlagen haben, so frage ich mich gleichzeitig auch immer mehr, ob ich selber überhaupt für eine Expedition dieser Größenordnung bereit war – und bin.
Das ist ja so manches Mal die Herausforderung eines jeden Forschungsreisenden: Da bricht man mit Neugierde und Elan zu neuen Ufern auf – und ist manchmal trotz vermeintlich bestem Ansinnen nicht recht auf das vorbereitet, was man schließlich finden wird. Oder – oft ist es ja sogar so, daß man in gewisser Weise „mehr“ (oder „anderes“) entdeckt als man je zu hoffen gewagt hatte. Und sich plötzlich etwas unzulänglich einer größeren und sehr komplexen Wirklichkeit gegenüber sieht.
Als Forscher muß man dabei natürlich immer demütig eingestehen, daß es niemals „objektifizierbare Fakten“ als solche gibt. In alten Zeiten haben das die Wissenschaftler gerne mal geglaubt. Heute wissen wir längst, daß wir selber, die wir forschen, beobachten, zu verstehen suchen, eben keine neutrale „leere Tafel“ sind. Im Gegenteil, alles, was wir erforschen, beobachten zu verstehen suchen, stellt sich immer in den Kontext von dem, was wir in unserem Inneren schon mitbringen – es ist wie durch eine Art eigene Brille zu schauen, die wir eigentlich niemals abnehmen können.

Wenn ich in dieser Weise die oligoamoren Eingeborenen betrachte, dann kommt es mir ab und an vor, als ob uns doch mehr voneinander trennt, als ich zunächst gehofft hatte. Wie eine Art dicke Glasscheibe, die sich zwischen ihnen und mir befindet. Sie scheinen in einem Zustand zu existieren, den die Anthropologin und Autorin Jean Liedloff¹ „Das Kontinuum“ nannte – oder vielleicht besser verständlich mit dem Begriff des Autors Daniel Hess²: Sie leben in einer „Einheitsrealität“ ursprünglichen Glücks.
Wenn das mit der »Glasscheibe« zwischen ihnen und mir stimmen würde, dann würde das wiederum bedeuten, daß ich meinerseits hingegen in einer „Trennungsrealität“ existiere – und dafür gäbe es durchaus so einige Anzeichen. Und nicht nur dieses, daß mich die Oligoamoren manchmal etwas scheu „Ma’Vrik“ nennen – womit die Kinder hier übrigens auch einen aus dem Nest gefallenen Vogel bezeichnen – oder ein Tier, welches seine Herde verloren hat.

Wenn sich die Oligoamoren auf ihrem entlegenen Eiland eine gewisse kindliche Haltung bewahrt haben, dann hätten sie in der Tat noch einen wichtigen Teil „ursprünglichen Glücks“.
In bestimmt mehr als einem dutzend Expeditionseinträgen habe ich z.B. immer wieder um das so bedeutsame Kennzeichen der „Verbundenheit“ gerungen, die mir ein Kernpunkt der ganzen Oligoamory ist. Wenn die Eingeborenen hier nie aus diesem Paradies vertrieben wurden, dann verfügen sie über den großen Segen, daß sie niemals aus diesem Zustand gefallen sind. Täglich Verbundenheit zu erleben ist für sie selbstverständlich – und darum ist ihnen auch das Gefühl „ganz“ – also auch „heile“ – zu sein, niemals abhanden gekommen. Kein Wunder also, daß ich immer wieder fast ehrfurchtsvoll ihre Integrität bewundere und schätze – aber für sie ist dann ja „fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln“ auch keine Herausforderung wie für unsereins, denn für sie gibt es ja immerzu nur diese eine kohärente Einheit. Und nachdem ich diesen Satz hingeschrieben habe, wundert es mich auch nun nicht mehr, warum sie auf mich alle Zeit so energetisch wirken: Was für eine paradiesische Existenz, da ihre Gehirne auf diese Weise nahezu niemals in den Stress eines „Inkohärenz-Alarms“ geraten – und damit enorme Kapazitäten für friedvollere Prozesse und Kreativität frei haben.(zur Kohärenz siehe vorigen Eintrag 25). „Oligoamorer Flow“ müsste demgemäß eine geradezu phänomenale Erfahrung sein…

Was sagt mir das aber über mich, den Forscher?
Ich bin (leider) kein oligoamorer Einheimischer, ich bin vielleicht gerade mal ein Festländer mit non-monogamer Affinität. Ich stamme tatsächlich aus einer „anderen Realität“ – offenbar aus einer, in der ich mir den direkten Zugang zu einem allgegenwärtigen Gefühl von Verbundenheit sowie zu einer selbstverständlichen Einheit von Sein, Reden und Handeln verbaut habe.
Ich existiere also in einer „Trennungsrealität“.

Selbstverständlich ist es ziemlich leicht, nun diesen Zustand zu beklagen und darauf zu verweisen, daß ich es, als „Bewohner der alten Welt“ nicht besser wissen könne. Schließlich bin ich in einer Gesellschaft der Trennung aufgewachsen, in einem politischen System der Trennung und „die da oben“ sorgen tagtäglich dafür, daß weiterhin auch global vornehmlich das Trennende denn das Verbindende im Vordergrund des weltweiten Diskurses gehalten wird. Ein Klick auf jedes Nachrichtenportal und jedwedes soziale Netzwerk wird dies augenblicklich sehr leicht bestätigen.

„Trennungsrealität“, daß ist aber auch enorm praktisch. Denn auf diese Weise kann ich Kategorien erschaffen, ich erhalte Struktur, Ordnung in meinem Alltag. Und ist Systematisierung und Bewertung in diesem Sinne nicht auch ein kennzeichnendes Merkmal des gesamten Menschwerdungsprozesses? Es mag ja sein, daß die Schlange und ich Teil eines global-ökologischen verbundenen Gesamtzusammenhangs sind – aber am Ende war es schon für meine Vorfahren eine wichtige Eigenschaft, daß sie sich entscheiden konnten: Flucht oder Bleiben? Giftig oder ungefährlich? Anspannung oder Entspannung? Also haben Menschen schon immer täglich dutzende von grundsätzlichen Entscheidungen getroffen; um zu überleben, um sich fortzuentwickeln und um sich die Welt zu erschließen.
Es ist mir wichtig, an dieser Stelle so darauf hinzuweisen, daß auch „Trennungsrealität“ ein Teil der menschlichen Natur ist – ganz sicher ebenfalls der oligoamoren. Und daß Kategorienbildung und Bewertung per se nicht automatisch zu einem „Reich des Bösen“ gehören.

Trotzdem bin ich in meiner „Trennungsrealität“ in gewisser Weise tatsächlich „aus dem Paradies vertrieben“. Denn das, was während der Evolution – und heute noch im Straßenverkehr z.B. – mein Leben sichergestellt hat, daß stellt sich mittlerweile auch auf eine subtile und oft unbewußte Weise gegen mich: Meine Ängste.
Im Neolithikum oder bei Extremsportarten sind sie ja allemal sinnvoll: Die Angst vor Freßfeinden, großer Höhe, vor Dunkelheit, davor allein zurückgelassen oder irgendwo eingeschlossen zu werden – dies alles sind lebensbedrohliche Situationen, vor denen schon unsere Instinkte uns warnen und bewahren wollen. Aber unsere Umwelt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, zumal in Mitteleuropa, wird davon längst nicht mehr bestimmt.
In Form von Grundgefühlen, in einer als bedrohlich empfundenen Situation, sind unsere Ängste als biologisches Erbe aber trotzdem geblieben. Und Ängste sind, wie oben beschrieben, eben genau ein Merkmal der kategorienbildenden „Trennungsrealität“: Gefährlich = Schlecht = Meiden // Förderlich = Gut = Aufsuchen.
Da wir Menschen jedoch soziale Wesen sind, und es noch niemals zuvor so viele von uns auf diesem Planeten gab, sind unsere heutigen Ängste vor allem soziale Ängste.
Der zu Beginn dieses Artikels erwähnte Daniel Hess nennt hierbei zuvorderst Angst vor Ablehnung und eventuell Strafe (inklusive Scham), Angst vor dem Alleinsein und Angst vor dem Tod (Begrenztheit, Endlichkeit).

Da Ängste fast immer intensive und buchstäblich markerschütternde Emotionen sind, führt unsere „Angst vor der Angst“ dazu, daß wir unsere Trennungsrealität dazu benutzen, all ihre Erscheinungsformen als „negativ“ zu bewerten – und versuchen sie, um sie nicht spüren oder aushalten zu müssen, sehr häufig stattdessen lieber zu vermeiden, zu bagatellisieren, zu leugnen oder zu verdrängen (was meist heißt: uns anzupassen).
Auf diese Weise trennen wir unsere Ängste, die ja eigentlich Warnzeichen an uns selbst für einen bestimmten Umstand sind, der dringlich zu bewerten wäre, von uns ab.

Der kürzlich verstorbene Familientherapeuth Jesper Juul nannte als wichtigste Werte³ seiner fast 50jährigen Beobachtungserfahrung „Gleichwürdigkeit“, „Integrität“, „Authentizität “ und „Verantwortung“.
Im Licht der „Trennungsrealität“ und unseres daraus entspringenden „Angstmanagements“ ist darauf bezogen gut zu erkennen – woher ein Hauptteil unserer derzeitigen persönlichen Probleme stammt (und warum ich z.B. mich von den Oligoamoren ebenfalls als „getrennt“ erlebe):

Verantwortung, die Jesper Juul konkret „Verantwortlichkeit“ nennt, übernehmen wir auf diese Weise für unser Sprechen und Handeln nämlich nur unvollständig. Der Teil, der an unsere eigenen Ängste rühren würde, ist dabei nämlich der Teil vom Eisberg, der unter der Oberfläche bleibt. Und aus unserer „Angst vor der Angst“ ist es uns auch auf eine etwas schaudernde, unbewußte Weise lieber, wenn diese Seite weiter unter unserer nach außen gezeigten Oberfläche verharrt. Denn für volle persönliche Verantwortlichkeit müssten wir uns zunächst mit den dortigen Ängsten und insbesondere dem, worauf sie uns hinweisen wollen, auseinandersetzen. Und dort lauern Scham vor uns selbst, vor unserer Unzulänglichkeit, unserer Begrenztheit, unseren Schwächen.
Verantwortung übernehmen – trotz dieser Unvollkommenheiten? Das ist ein noch selten geübtes, revolutionäres Konzept, dem auch ich mich noch kaum zu stellen wage…

Daß Authentizität (= echt und wahrhaftig sein) und die schon so oft von mir zitierte Integrität dabei wenigstens zum Teil auf der Strecke bleiben, ist noch viel offensichtlicher. Es muß auf diese Weise ja so sein, daß wir stets einen Teil unserer eigenen Persönlichkeit verschatten. Und das muß für unsere Gegenüber, gerade auch für die Liebsten direkt an unserer Seite furchtbar sein, insbesondere wenn sie unsere innere Ambivalenz und unsere Inkohärenz verspüren und sie sich vielleicht wiederum ihrerseits fragen, ob sie in irgendeiner Weise ursächlich für unsere Widersprüchlichkeit sind (die sich doch z.B. als Zynismus, Übertreibung oder Generalisierung äußern kann).
Und wir selber, die wir nie wagen, ganz und gar „echt“ zu sein? Werden darüber häufig depressiv oder wählen für unser Leben irgendeine Kulisse als Arbeitsmodus, die wir der Außenwelt dauerhaft präsentieren – damit niemand diesen vermeintlich häßlich ängstlichen Teil von uns entdeckt, mit dem wir es selber in uns leider aushalten müssen.
Kommunikationslehrer wie Dr. Brad Blanton, Marshall Rosenberg und Tich Nhat Hanh möchten uns genau darum mit einer manipulationsfreien und aufrichtigen Sprache zueinander bringen, damit wir uns trauen, zu unseren innerlichen Befindlichkeiten zu stehen und diesen auch Ausdruck zu verleihen – denn nur so können wir selbst und die anderen uns wirklich verstehen (Eintrag 20).

Was mir (und vermutlich vielen anderen auch) dann schließlich aber in jedem Fall den Weg zurück zur Einheitsrealität und zurück zur Verbundenheit verbaut, ist die ausbleibende Gleichwürdigkeit. Nicht nur „gleichwertig“ möchten wir sein, sondern „gleichwürdig“, das drückt Jesper Juul mit diesem Wort sehr schön aus. Und dies macht den Weg dahin so schwer. Denn irgendwo in mir gibt es einen ängstlichen Teil, bei dem ich tiefenverunsichert bin, ob der „ok“ ist. Nein, weil der ja ängstlich ist, bin ich nahezu schon überzeugt, daß er „nicht ok sein kann“.
Wer sich jemals mit Verhandlungsstrategien beschäftigt hat weiß, was es bedeutet, wenn eine Seite beim Versuch eines Interessensausgleichs den Eindruck von „ich bin nicht ok“ hat. Es bedeutet in einem Konfliktmodell die Haltung „lose“ (engl. „ich verliere“) einzunehmen. Wer in einer solchen Position feststeckt (und kein „win“ – engl. „ich gewinne“) herbeiführen kann, kann nur noch einen vermeintlichen Erfolg herbeiführen, indem die anderen Beteiligten auch verlieren müssen, also eine „lose-lose-Situation“ entsteht. Was am Ende soviel bedeutet wie „ich bin nicht ok“ – „die anderen sind auch nicht ok“.
Dieses Ergebnis wiederum verbindet sich in schrecklicher Weise mit unserer übrigen Trennungsrealität, denn zusammen mit Kategorien und Bewertungen entfalten sich dort Ausgrenzung und Machtspiele. Weil ich mir eines Teils meiner eigenen Würde nicht bewußt bin, gestehe ich auch den anderen die ihre nicht vollumfänglich zu. Und weil ich zum Überleben trotzdem vor mir selbst das Gesicht irgendwie wahren will, teile ich mir einen Selbstwert zu, über den ich irgendwie Macht ausüben kann (und sei es nur mit übler Nachrede).

Selbstverständlich entfalten sich so herrschaftliche Strukturen, formen sich ganze Gesellschaften und politische Systeme. Auch „die da oben“ mit dem „Willen zur Macht“ streben so an ihre Positionen und Posten.
Letztendliche sind dies aber die Symptome, die Wirkungen – und nicht diese sind es, die mich von meiner ersehnten Verbundenheit abhalten.

Ursächlich bin ich es selbst, in mir drin, der auf seltsame Weise vor sich selbst da und dort Scham empfindet oder schaudert, wenn er sich bei bestimmtem Denken und Handeln erwischt. Der an sich selbst merkt, wann er bestimmte Dinge bloß aus Angst tut oder sagt, der aber niemals zugeben würde, daß dies auf tiefster Ebene hinter seinen Motivationen steckt. Am schlimmsten ist es, wenn diese Ängste irrational sind, so daß man sich quasi selber in so einem Moment geradezu „verrückt“ vorkommt.
Oft sind es aber Ängste, die sehr konkrete Gestalt in uns annehmen können: Angst vor (so oft erlebter) Zurückweisung; Angst, ausgeschlossen oder allein gelassen zu werden. Oder es sind Ängste von Beschämung und Strafe (die wir mittlerweile mehr im Kopf aus uns selbst herabbeschwören), weil wir bemerken, daß wir etwas nicht so sorgfältig erledigt bzw. durchdacht haben – oder erledigen konnten, wie wir es eigentlich gewünscht hätten. Von sich selber ertappt – ein scheußliches Gefühl…
Mit unserer eigenen Begrenztheit leben, vor uns selbst zugeben müssen, daß wir nicht alles beherrschen können, sehr viel weniger als immer perfekt sind, Schwächen und Ungeduld in uns haben, die manche Ziele wirklich außerhalb unserer Reichweite halten, ungestillte oder nicht genügend erfüllte Bedürfnisse, einige vielleicht nonkonform oder schwer kontrollierbar… – in so einigen Momenten kann das mehr Kraft kosten, als wir haben.

Ich schaue hinüber durch die Glasscheibe zu den Oligoamoren in ihrem Kontinuum, in ihrer Einheitsrealität.
Ich glaube, sie wollen mir zeigen, daß ich diese Kraft gar nicht aufzubringen bräuchte, nur weil ich glaube, daß ich immer vor mir selbst bestehen können muß.
Oligotropos, Du bist ein feiner Kerl! “ ruft gerade einer von ihnen – und wenn einen so ein ausgewachsener Eingeborener anschaut, dann glaubt man für einen kurzen Augenblick, daß man vollkommen durchsichtig wäre – und daß der dort drüben wirklich alles von einem meint, wenn er das so sagt.
Ich würde mich auch gerne so sehen.
Ich möchte Vertrauen wagen.
Und werde weiter die Glastür suchen.



¹ Jean Liedloff: „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit “, C.H. Beck, 2005

² Daniel Hess: „Glücksschule – Glücklich leben & freudvoll lernen“, Novum Verlag, 2014

³ Jesper Juul: „4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen“, Gräfe und Unzer, 2014

Danke an Andrew Ridley auf Unsplash für das Bild.

Eintrag 25

„Hallo – darf ich Dich für ein alternatives Beziehungskonzept begeistern?“

Es gibt wahrlich dümmere Anmachsprüche als diesen – andererseits befürchte ich trotzdem, daß auch mit solch einem Auftakt die Erfolgsaussichten eher gering sein werden.
„Wie und wo kann ich denn sonst Menschen finden, die an Mehrfachbeziehungen interessiert sind?“ Ja, das ist allerdings so eine Gretchenfrage¹ und die Antwort darauf lautet wenig zielführender Weise „Überall und nirgends.“.
Die »schlechte Nachricht« diesbezüglich habe ich ja genau genommen schon in Eintrag 4 geliefert, in dem ich auf Quellen verwies, die darstellen, daß die Zahl von Menschen, die sich konsequent zur nicht-Monogamie bekennen, eher gering ist.
Es gibt indessen auch eine Art »gute Nachricht«, die da lautet, daß sich unsere Lebensentwürfe innerhalb einer persönlichen Biographie wohl noch nie zuvor so stark und wiederholt verändert haben wie die Unsrigen jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Daran ist insbesondere die Jobflexibilität beteiligt, die in ihrem Gefolge sogleich auch sowohl die Wohnortflexibilität als auch die Flexibilität hinsichtlich eigener Bindungs- und Fortpflanzungsstrategien in Beschlag nimmt. Und auf die ein oder andere Weise erwischt uns dieses gesellschaftlich Diktat alle. Sogar Menschen, die nicht ihre Erwerbsarbeit im Zentrum ihres Lebens haben, weisen heutzutage eine erstaunliche Vielfalt von Umzügen, Ortswechseln und ja, auch Zusammenlebensmodellen auf.
Die Strategien, die wir Menschen zur Bewältigung dieser Herausforderungen wählen, sind so vielfältig wie wir selbst. Und eine der großen Stärken von Homo sapiens ist doch genau genommen seine große Neugierde, anhaltende Lernfähigkeit und die Begabung zur Anpassung. Mit einer klitzekleinen – aber wichtigen! – Einschränkung:
Wir brauchen dazu ein bißchen Zeit.
Wenn wir nicht zu der sehr kleinen Avantgarde ultraspontaner Zeitgenossen gehören, stehen die meisten von uns nämlich nicht allzu sehr auf Überrumpelung bzw. die Ankündigung von oder die Aussicht auf rasche Veränderung. Und dazu würde in gewissem Sinne auch unser erster Satz in diesem Artikel gehören – und darum erntet man damit auch nur selten ein erstrahlendes Antlitz und die Erwiderung: „Mensch, auf diese Frage habe ich schon so lange gewartet; setz‘ Dich und erzähl mal! “.
Wieder ist es übrigens hauptsächlich unsere Biologie, die da unserer bisherigen Biographie zur Seite eilt und dabei erst einmal nicht mitzieht. In Eintrag 21 erwähnte ich den Neurowissenschaftler Prof. Dr. Gerald Hüther, der in seinem Buch „Was wir sind – und was wir sein könnten“ erklärt, daß unsere Gehirne grundsätzlich auf Energieeinsparung getrimmt sind und deswegen nichts lieber täten, als bei sanftem Zuckerkonsum vertraute Aufgaben zu erledigen – und auf diese Weise die so bedeutsame »Kohärenz« (=Sinnzusammenhang, Folgerichtigkeit) sicherzustellen. Unsere Gehirne belohnen uns dafür tückischerweise auch noch mit einem Wohlgefühl, „Alles in Ordnung, alles wie es sein soll“, spüren wir dann. Diese Kohärenz bildet die Grundlage für das, was allgemein als »Komfortzone« bezeichnet wird:
Denn auf eine gewisse Weise richten wir es uns alle immer ein wenig bequem in unseren aktuell etablierten Lebensverhältnissen ein. Und das ist auch notwendig, damit wir uns zumindest halbwegs ausreichend Bedürfnisse wie Lebenserhaltung, Sicherheit, Erholung und Struktur erfüllen können (auf die wir dann eventuell aufbauen, um uns irgendeine Form von Gemeinschaftlichkeit, von Kontakt und kreativer Lebensgestaltung zu erschaffen).
Das vertrackte: Weil wir sehr auf das von unseren Gehirnen erzeugte Wohlgefühl der Kohärenz abfahren (dank einem angenehmen Cocktail aus allerlei Belohnungshormonen u.a.), beruhigen wir uns hinsichtlich unserer (selbst)erzeugten Lebensverhältnisse und melden an unsere Gehirne zurück „So will ich es haben, so soll es sein“. Und unsere lieben Gehirne registrieren erfreut die zurückgemeldete Gestimmtheit als anhaltende Kohärenz, schütten noch ein wenig Endorphin aus und geben als Arbeitsmodus die Order: „Weitermachen wie bisher!“.
»Schnell« ist an so einer Komfortzone also eher wenig zu ändern und es würde sich im ersten Moment sogar so anfühlen, als ob wir gegen handfeste eigene Interessen verstoßen würden. Da sieht es also schlecht aus für unsere Werbekampagne in Sachen »alternativer Beziehungskonzepte«, zumindest, wenn wir sie im Direktmarketing an Menschen anwenden, die sich noch nie zuvor wirklich damit auseinandergesetzt haben.

Wenn wir hingegen die Stärken der Spezies Mensch, Neugier, Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit, für uns arbeiten lassen möchten, dann brauchen wir also einen anderen Ansatz – und der wird wiederum nur dann erfolgreich sein können, wenn auch wir dabei unsere etablierte »Komfortzone« ein Stück weit verlassen oder aufgeben.

Als ich eine weitere Partnerin von mir zum ersten Mal traf, betrat diese damals die Wohnung von mir und meiner Familie, weil sie mit ein paar Freunden von uns dort an einem spirituellen Hauskreis teilnehmen wollte. Der Kontakt war über einen der beteiligten Freunde zustande gekommen, der weitere Teilnehmer*innen gesucht hatte, die Umstände sind jedoch fast beliebig. Fast, sage ich, denn irgendwelche „Beziehungsanbahnungsabsichten“ standen bei dem Hintergrund des Treffens eigentlich nicht im Raum. Das Wort „eigentlich“ wiederum muß ich aus zwei Gründen wählen.
Zum einen etabliert sich irgendeine Form von Beziehung unwillkürlich in jedem Fall, wenn Menschen etwas gemeinsam tun. Es gibt ja den schönen Sinnspruch „Beziehungen hat man immer…“ – und dieser ist selbstverständlich wahr, denn eine Art »Beziehung« habe ich auch zu allen Personen, mit denen ich regelmäßig im Alltag interagiere, seien es Kassierer*innen, Postbot*innen, Automechaniker*innen etc. Immer, wenn eine menschliche Interaktion eine zusätzliche Qualität bekommt, ist Beziehung da: Der Kassierer nimmt Rücksicht auf mein Tempo, weil ich regelmäßig bei ihm in der Schlange stehe; die Postbotin liefert mir mein Lieblingsmagazin knickfrei in die Hand, weil ich sie darum gebeten habe und die Automechanikerin hat schon jedes Mal diesen tragikomischen Blick, wenn ich wiedermal mit einem Wehwehchen meines Mobils in ihre Halle rolle. All diese Personen sind in diesen Momenten für mich nicht mehr »irgendjemand« – und ich bin es nicht für sie. Und das ist hinsichtlich der Beziehungsebene nicht unwichtig: Denn Beziehungen können zwar eine bestimmte Qualität behalten, was sie in einem öffentlichen Rahmen auch meistens tun – aber wir haben immer auch die Möglichkeit, sie durch Engagement zu personalisieren, zu vertiefen und zu stärken.
Zum anderen BIN ich aber innerlich keine vollendet monogame Person und hatte darüber hinaus in meinem Beziehungsleben über weite Strecken das Glück und die Freiheit denken (und sagen) zu dürfen: „Oh, da ist jetzt aber ein interessanter Mensch durch die Tür gekommen. Den würde ich gerne näher kennenlernen. Den finde ich irgendwie sympathisch. Da könnte ich mir »mehr« vorstellen“ (und dieses »mehr« hat bei mir eine Dimension wie in etwa der Marianengraben: Von „Wir können uns zusammen an bunten Fischen erfreuen“ bis hin zu „Gemeinsam in die tiefsten Tiefen“ ist alles möglich).
Selbstverständlich hatte auch ich mich zu dem Zeitpunkt „in meinem Leben eingerichtet“. Ich war Ehepartner, Familienvater, Hausmann – was für mich aber keinen Widerspruch zu obiger Sympathiebekundung darstellte. Mein Gehirn war’s zufrieden, vermeldete Kohärenz und verspürte gleichzeitig einen angenehmen Stimulus sanfter Neugierde auf die Dinge, die da kommen würden.
Und das war eine ziemlich perfekte Kombination für den daraufhin anhebenden Prozess, der gegenwärtig viel zitiert aber selten richtig aufgefasst wird: Das Kennenlernen.
Wir kennen das aus Kino und Fernsehen „Ich hab‘ da gestern jemanden kennengelernt…“. So’n Quatsch. Das Wort besteht aus den Begriffen „kennen“ (Duden: »mit jemandem, etwas [in seinen charakteristischen Eigenschaften] bekannt geworden sein und im Bewusstsein [behalten] haben; mit jemandem vertraut sein«) und „lernen“ (Duden: »sich Wissen, Kenntnisse aneignen; sich seinem Gedächtnis einprägen«) – das wird wohl kaum innerhalb eines Tages möglich sein, zumal bei so etwas Komplexen wie einer anderen menschlichen Persönlichkeit. Da würden unsere Gehirne auch einen schönen Inkohärenzalarm auslösen – passend zum Sturm des Verliebens. Aber „Kennenlernen“? Begründet einschätzen können, ob einen mit einem anderen Menschen etwas verbindet, in einem Maße, daß man es aus seinem Leben am liebsten nicht mehr missen würde? Dazu müssen wir unseren armen Gehirnen deutlich mehr Zeit einräumen. Denn die müssen in der Kennenlernphase Schwerstarbeit verrichten: Sie müssen nicht nur die bisherige Komfortzone voll liebgewonnener Kohärenz öffnen, sondern genau genommen, um die dann verlorene Effizienz wiederzuerlangen, eine neue Komfortzone – jedoch eine integrativere Version als die bisherige – erst einmal wieder erschaffen.
Was dies bedeutet, hat wohl kaum jemand zutreffender beschrieben als der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry in seinem Buch „Der kleine Prinz “ (Original 1943):

„Komm und spiel mit mir“, schlug ihm der kleine Prinz vor.
„Ich kann nicht mit die spielen“, sagte der Fuchs. „Ich bin noch nicht gezähmt!“
„Ah, Verzeihung!“ sagte der kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu: „Was bedeutet `zähmen´?“
„Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“ sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich `vertraut machen´.“
„Vertraut machen?“
„Gewiß“, sagte der Fuchs. „Noch bist du für mich nichts als ein kleiner Junge, der hunderttausend kleinen Jungen völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt…“
„Ich beginne zu verstehen“, sagte der kleine Prinz.
Der Fuchs sprach weiter: „Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben voller Sonne sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast. Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.“
Der Fuchs verstummte und sah den kleinen Prinzen lange an.
„Bitte … zähme mich!“ sagte er.
„Ich möchte wohl“, antwortete der kleine Prinz, „aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.“
„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!“

Wenn wir uns jetzt ein Tränchen aus dem Augenwinkel gewischt haben, können wir an diesem kurzen Ausschnitt erkennen, daß dort all die zuvor von mir aufgezählten „,menschlichen Faktoren“ wie Neugierde (aufeinander), Lernwillen (füreinander) und Anpassung (aneinander) enthalten sind. Und mit dem Weizenbeispiel beschreibt Saint-Exupéry sogar gewissermaßen auf lyrische Weise, wie eine neue Erfahrung im Gehirn in den Kontext des bereits Bestehenden harmonisch eingefügt wird, so daß ein neuer, größerer Zusammenhang entsteht und sich wieder die angestrebte Kohärenz etablieren kann.

Was wäre nun also meine Empfehlung in Bezug auf die Frage, wie und wo man Menschen finden kann, die an Mehrfachbeziehungen interessiert sind?
Bevor die neue Besucherin unseres Hauskreises meine (Liebes)Partnerin wurde, war sie vermutlich dutzende von Malen in unserem Haus ein- und ausgegangen. Wir waren in diesem Zeitraum bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten aufeinandergetroffen, bei anderen Bekannten, auf Geburtstagsfeiern, bei Ausflügen – und damit zugleich auch in einem deutlichen Anteil von Alltag (es gibt immer Vorbereitungen, Anfahrten, Absprachen; profanes Zeug eben, die auch Teil von jedem Besonderen sind). Dabei konnten wir beide überprüfen, ob wir wechselseitig in unserem schon „bestehenden Rahmen“ überhaupt Platz hatten und ob so ein Arrangement funktionstüchtig war.
In dieser Hinsicht ist es für unsere Gehirne viel wichtiger zu notieren, wie jemand reagiert, wenn sich gerade bei ihr über dem Salat der Deckel vom Salzfass löst, als wie ein glamouröses Outfit für irgendeine Party an der selben Person aussieht…
In den allermeisten mediterranen und romanisch geprägten Ländern finden aus solchen Gründen erste Dates übrigens fast nie 1:1 statt: Neue Menschen werden zunächst in lockerer Runde dem bestehenden Freundeskreis vorgestellt – und oft wird dabei geschaut, ob das »Neue« mit dem bereits »Bestehenden« harmoniert. Und das war übrigens auch bei mir ein entscheidender Faktor: Was zu meinem »Kohärenzgefühl« maßgeblich beitrug war, wie sich meine Bestandspartnerin und meine Kinder mit dem Gast in den nächsten Monaten vertrugen – und ob sich dort selbständig Beziehungen eigener Art zu bilden begannen.

Unsere Gehirne benötigen also ein Spielfeld, auf dem sie einen neuen „Einflußfaktor“ einschätzen lernen können – und der Anteil an Vertrautem muß dabei am besten gerade ausreichend bleiben, um nicht völlig die Kohärenz – die ja auch physikalisch ein „Zusammen-Hängen“ bezeichnet – zu verlieren.
»Dating-Krampf« bedeutet für unsere Gehirne nämlich vor allem »Kampf« – also Stress. Und Stress macht uns unsicher, angespannt, leicht irritierbar und läßt uns ambivalente Signale aussenden – oder macht es bestenfalls eine Weile leicht, eventuell eine bestimmte Fassade aufrecht zu erhalten. Was wiederum für unsere Gegenüber nicht gut ist, da deren Gehirne daraufhin wahrscheinlich Inkohärenz melden werden – und wir wissen ja jetzt, daß dies eher kontraproduktiv ist.

Großmutters Rat (den auch ich nicht immer gerne höre) ist also heute wohl noch immer richtig: Tut etwas, was Ihr gerne tut, etwas, von dem Ihr begeistert seid. Und die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, daß Ihr in solchen Kontexten viel eher Menschen treffen werdet, die Ihr dann auch buchstäblich »begeistert« – und die dann ihrerseits angetan von Euch sind…
Ein gemeinsames Interesse (ja, ich meine jetzt wirklich so etwas wie Wandern oder Töpfern) ist für unsere Gehirne nämlich ausgezeichnet, um als das oben erwähnte Spielfeld zu dienen: „Da sind andere Menschen, die tun annähernd etwas Ähnliches wie ich. Das ist gut, so soll es sein…²“.
Den etwas Mutigeren unter uns empfehle ich dahingehend möglicherweise Aktivitäten, bei denen man doch schon etwas mehr von der eigenen Persönlichkeit zeigen muß – aber darum auch bereits mehr von den anderen erfährt. Engagement in einer Selbsthilfe- oder Umweltgruppe ist da gar nicht schlecht – und auch der von mir selbst einstmals genutzte Hauskreis (es muß ja nicht kirchlich sein, es gibt ja auch Meditationsgruppen, Fastenwandern, Yoga etc.) können eine »Kennenlernatmosphäre« bieten.
Und wie schon Saint-Exupéry darstellte, ist Kennenlernen ein allmählicher, sich vertiefender Prozess, der von anfänglicher Sympathie über Freundschaft, Gemeinschaft, Harmonie, Innigkeit, Verbindung, Verbundenheit, Vertrautheit, Zuneigung, und Zusammengehörigkeit bis hin zu tiefer Liebe reichen kann.

Ich nehme an, daß mir einige Leser*innen nun entgegenhalten werden, daß auch im Töpferkurs, in der Naturschutzjugend und beim Mantrensingen bloß monogame Menschen anzutreffen sind, die bei der Erwähnung von Mehrfachbeziehungen bestenfalls etwas wie „So wie Swingen???“ sagen würden.
Statistisch höchstwahrscheinlich. Aber. An dieser Stelle möchte ich den Bogen zum Beginn dieses Artikels zurückschlagen und nochmals auf unsere höchst vielfältigen Biographien hinweisen. All die angesprochenen Gruppen und Tätigkeiten haben den enormen Bonus, daß wir darin auf Menschen jedweden Alters, Geschlechts oder Genders treffen können. Lebensentwürfe und Lebenssituationen sind im Laufe der Zeit sehr wandelbar – unser Bedürfnis nach Verbundenheit, nach sozialem Kontakt, nach Gegenseitigkeit, einem emotionalen Zuhause und ja, nach Liebe bleibt jedoch unser Leben lang. Mit wem will ich mein Leben teilen? Was nichts weniger bedeutet, daß sich unsere Strategien, wie wir zu diesem Bedürfnis stehen und es uns erfüllen können, sich an unser Leben anpassen müssen. Aber daß wir alle uns andere Menschen in unserem Dasein wünschen, denen wir uns zugehörig fühlen möchten, ist, wenn wir nicht gerade soziopathisch veranlagt sind, sicher.
Ob damit immer sexuelle Aktivität einhergeht, einhergehen muß? Dazu empfehle ich eine Haltung einzunehmen, die meinem inneren Marianengraben entspricht:
Der ist 10 km tief und in der großen Dunkelheit da unten ist sicher einiges möglich und vorstellbar. Aber auch das bloße Betrachten bunter Fische knapp unter der Oberfläche gewinnt durch nichts mehr als durch das gemeinschaftliche Teilen dieses Moments mit anderen, geliebten Menschen.



PS: Ausgerechnet Tanzen (wenn es sich nicht gerade um Salsa Rueda, Line Dance o.ä. handelt ) halte ich übrigens, wegen der vorherrschenden Ausübung in Paar-Strukturen, gerade für kein geeignetes Metier, um sich hier auf der Suche nach Mehrfachbeziehungswilligen umzusehen. Die Szene ist zudem gelegentlich geprägt von kleinen Eitelkeiten und äußerlichen Vergleichen, die schnell zu unfriedlichen Dynamiken führen können, wenn versucht wird „auf mehr als einer Hochzeit zu tanzen“…

¹ Unsere »Gretchenfrage« würde demgemäß also lauten „Wie hältst Du es mit der (nicht-)Monogamie?

² Deswegen lernen übrigens viele Menschen potentielle (Liebes)Partner*innen auf der Arbeitsstelle kennen. Neben viel dort verbrachter Zeit gibt es einen gemeinschaftlichen Kontext, vielleicht sogar eine verbindende Zielsetzung.

Danke an Subenja für die Inspiration zu diesem Artikel und Dank an Vidar Nordli-Mathisen auf Unsplash für das Foto.