Eintrag 65

Auf Abwegen! – oder: Bin ich queer?

Als die beiden seinerzeit mit mir zusammenlebenden Partnerinnen und ich vor knapp acht Jahren damit anfingen, uns in unserem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis als polyamor zu outen und wir offen unsere Beziehungskonstellation zu leben begannen, waren es zuerst die beiden Frauen, die nahezu sofort mit eigentümlichen Reaktionen konfrontiert waren.
Bemerkenswerterweise als erstes durch die Männer in unserem Bekanntenkreis, die plötzlich eine seltsam unsichtbare Zone unerklärlichen Abstands (sowohl sozial als auch tatsächlich räumlich) zwischen sich und den frischerklärten Non-Monogamistinnen errichteten – so als ob sie urplötzlich von einer merkwürdigen Scheu ergriffen worden wären…
Zur Rede gestellt, enthüllte sich als Ursache dieser männlichen Scheu eine recht staunenswerte Auffassung, die schriftlich fixiert nur schwer anschaulich wiederzugeben ist: Durch ihr Bekenntnis zur ethischen Non-Monogamie hatten sich diese Frauen nämlich offensichtlich eine irgendwie verpönte Normen-Freiheit zugebilligt, welche sie nun dadurch eigentümlich unberechenbar, ja, gewissermaßen geradezu gefährlich erscheinen ließ.
Nicht nur, daß diese Frauen, obwohl sie doch schon mit mir in Beziehung waren, damit die gesellschaftlich Umgangssicherheit gebende 1+1-Formel ausgehebelt hatten (will also heißen: das vorgegebene mononormative Modell, welches genau ein Weiblein für genau ein Männlein vorsieht. Wie also sollte man sie künftig bei gesellschaftlichen Anlässen nun behandeln? Als Halbsingle?, Nichganzverpartnerte?? oder doch gar als Freiwild???).
Nein, durch ihre neue Lebensphilosophie hatten diese Frauen praktisch auch auf unkontrollierbar urtümliche Weise auf ihre sexuelle Natur aufmerksam gemacht, indem sie nun in nahezu obszöner Art mit der Wahl ihres Beziehungsmodells ständig direkt darauf hinwiesen, quasi als lüsterne Zurschaustellung weiblicher Selbstwirksamkeit.
Folglich waren diese Frauen von nun an gewissermaßen „tickende Zeitbomben“, oder besser: tückische, durch den sozialen Raum dümpelnde Treibminen, die – da sie sich ja just in so frivoler Art zu ihren eigenen Bedürfnissen bekannt hatten – unvorhersagbar verhielten: Je-der-zeit könnten sie doch jetzt den Kreis ihrer potentiellen Partner willkürlich erweitern wollen! Und gerade das Fehlen jedes mononormativen Rahmens, der normalerweise taktvolle Rücksichtnahme vor z.B. bestehender Verpartnerung, Verlobung oder gar Ehe gewährt hätte, würde nun keinen Schutz vor solcherlei Avancen mehr gewährleisten. Mehr noch: Vermutlich waren diese polyamoren Wölfinnen ohnehin schon dabei, die Umgebung schamlos nach einem Gebüsch und männlicher Beute auszuspähen, allzeit bereit, ein weiteres Männchen auf diese Weise in den gähnenden Schlund ihrer geöffneten Beziehung zu zerren, fortwährend auf der Jagd, immer hungrig…

Und als schon die Männer so verunsicher reagierten, da war es nur noch ein kleiner Schritt zu den Frauen in unserem Bekanntenkreis, die es ja nun ihrerseits auch nicht mehr riskieren konnten, Freunde, Verlobte oder Ehemänner mit den Poly-Wölfinnen alleine in einem Raum zu zurückzulassen, nun, da sich anscheinend wild gewordene Geschlechtsgenossinnen offen zu solch einer wahrhaft fragwürdig zügellosen Form von Anarchie erklärt hatten. Denn dadurch hatten diese moralentgrenzten Hormonbomben ihre fakultative Verfügbarkeit doch für jeden Mann im Raum wie eine alles benebelnde Duftmarke propagiert…! Und schon der Volksmund weiß doch, daß Gelegenheit – also Versuchung – Diebe macht, da sollte niemand bei Verstand „seinen“ Mann mit solcherlei Verführung unbeobachtet lassen…

Die augen- oder vielmehr ohrenfälligste weitere Veränderung in unserem sozialen Umfeld betraf uns alle – und zwar immer dann, wenn im Freundeskreis aus einem Gespräch fallweise eine Diskussion wurde. Durch unsere Erklärung zur ethischen Non-Monogamie hatten wir Betroffene nämlich offenkundig eine seltsame Veränderung unseres Denkens, unserer Auffassungsgabe und unserer Herangehensweisen erfahren, die es uns von nun an mutmaßlich erschwerte, wie „normale Menschen“ zu denken und zu argumentieren. Wohl um uns auf dieses entstandene „Übersetzungs-Problem“ aufmerksam zu machen, leiteten unsere Gesprächsteilnehmer*innen uns gegenüber ihren Beitrag ab jetzt auffallend häufig mit der Einleitung „Ich bin ja nicht polyamor, aber…“ ein, worauf meist eine Verwahrung vor unserer Meinung und eine Berichtigung im Sinne des Gegenübers erfolgte. Und das keinesfalls nur dann, wenn Beziehungsansichten im Raum standen. Wichtig schien es indessen allerdings von nun an regelmäßig , mittels des „Ich bin ja nicht polyamor…“ auf eine grundsätzliche Inkongruenz zwischen dem eigenen und unserem möglichen Standpunkt hinzuweisen, egal, welches Thema sich zu entfalten begann.

Mich selbst „erwischte“ es mit voller Wucht tatsächlich erst, als ich mich zur Partner*innensuche auf den seltsamen Dating-Planeten begab, ein Planet, der – wie ich Naivling nur zu bald erfuhr – in der Hauptsache unbeirrt von der Hand des hetero-wie mononormativen Imperiums verwaltet wurde.
Neben einigen, immerhin ausführlich begründeten Zurückweisungen, die ich bereits in meinen Einträgen 40 und 44 niedergeschrieben habe, erntete ich in kurzer Zeit auch Blüten wie „…so ein Miteinander würde mir Angst machen…“, „…unsere Beziehungsbedürfnisse passen in keinster Weise zusammen…“(sic), „…jemand wie du kommt für mich nicht in Frage…“, „…es gibt sicher andere Frauen, die damit umgehen können…“.
Eine traurige Sternstunde erlebte ich schließlich im Forum eines sehr elitären Partnerportals, in dem eine Diskussionspartnerin schrieb: „Verschwinde hier, wir hier haben es schon schwer genug, überhaupt nur einen Partner für uns zu finden!“
Was für eine Sammlung: Angst vor Miteinander, Zuordnung fremdartiger Bedürfnisse (obwohl wir diese doch gemäß Abraham Maslow alle teilen), Zuordnung einer abweichenden Persönlichkeit („wie du“), Zuordnung zu einem andersartigen Kreis von Menschen und – last but not least: diktierter Mangel durch das „Für-jeden-Topf-stets-nur-ein-Deckel-Modell.

Nach einiger Zeit (ok, es waren zwei Jahre) begann es wirklich an mir zu nagen.
Was war das gemeinsame Prinzip hinter all diesen Erscheinungen?
Erst als ich in diesem Frühjahr den amerikanischen KurzfilmTwo Distant Strangers ansah, der aufgrund der Black Lives Matter-Thematik veröffentlicht wurde, da begriff ich:
Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um Diskriminierung.
Und zwar um Diskriminierung einer Person aufgrund eines einzigen Merkmals.
Ein einziges Merkmal, welches für das diskriminierende Umfeld alle anderen Merkmale, Eigenheiten und Eigenschaften einer Person überschreibt. Und damit diese Person, ihre vielfältige Persönlichkeit, entmenscht und auf diesen Einzelaspekt reduziert.
Kompartmentalisierung (Aufspaltung) und Trennungs-Realität in Reinform.

Ich möchte meine Situation nicht am Leid der afroamerikanischen Belange in den USA messen. Aber der daraus entstandene Film verdeutlicht zahlreiche Mechanismen von Diskriminierung in erschreckend sachkundiger und routinierter Form: Diskriminierung, wie sie jede Minderheit, jede Normabweichung weltweit erlebt.
Während ich den Film in den ersten Minuten betrachtete, da dachte ich noch, daß sich die farbige Hauptfigur doch vielleicht wenigstens etwas gemäßigter, etwas deeskalatorischer verhalten könnte, um auf diese Weise seine Umgebung nicht gar zu sehr auf sich aufmerksam zu machen.
Doch je länger der Film lief, umso mehr begriff ich, daß dies nicht der Weg sein konnte: Viel zu willkürlich sind die Zuschreibungen der aburteilenden Umgebung, viel zu zufällig, unvorhersehbar und beliebig gewählt die drohende Unzahl von Dinge, an denen andere Anstoß nehmen könnten.

„Ich bin ein Mensch!“, das wollte ich in den letzten zwei Jahren zunehmend öfter laut ausrufen. „Ich bin ein Mensch mit einer komplexen Persönlichkeit. Ein Mensch, der – neben der Tatsache, daß er sich für ethische Mehrfachbeziehungen einsetzt – auch sonst sehr interessant ist und noch allerlei andere spannende Seiten zu bieten hat!“
Aber die ethischen Mehrfachbeziehungen waren „das eine Merkmal“. War die Hürde, die Mauer, die Barriere, um die kaum mehr jemand herumsehen wollte, wenn er*sie*es mich wahrnahm.

Ich gebe zu, daß es es ein wichtiges Merkmal von mir ist. Ja, auch ein Merkmal, welches ich für mich als durchaus qualifizierend erachte. Ebenfalls eines, was ich eher schnell zur Sprache bringe, weil ich weiß, daß es für viele Menschen in punkto Beziehungsgestaltung ungewöhnlich erscheinen kann.
Genau deswegen ergeht es mir damit wie dem Hauptdarsteller Carter James mit seinem Aussehen: Es ergibt keinen Sinn, mein Merkmal zu mindern, zu verstecken, zu bemänteln, zu verblümen, zu verkleiden, zu beschwichtigen, zu relativieren oder zu mäßigen: Es ist unveräußerlich, immanent, essentiell, innewohnend, spezifisch – und trägt damit natürlich auch zu dem bei, wer und was ich bin.

Davon Free und Martin Desmond Roe, die beiden Regisseure von Two Distant Strangers beantworteten so für mich auf unvorhergesehene Weise eine Frage, die ich mir schon lange gestellt hatte, die sich viele Menschen in der Polyamorie-Szene stellen und die etliche Menschen auf dem Gebiet der ethischen Non-Monogamie seit Jahren umtreibt:
Bin ich queer?

Für die Oligoamory (wenigstens – und für mich) antworte ich heute: JA.

Aber nicht, weil in dem Kurzfilm der farbige Carter von einem weißen Polizisten drangsaliert wird. Damit würde ich queer-Autoren wie Phillip Ayoub¹ oder auch Mortimer Dora¹ Recht geben, die die (Selbst)Zuschreibung von „queer“ so verstanden wissen möchten, daß der Begriff nur von denjenigen verwendet werden sollte, die auch durch ihn unterdrückt werden.
Nein, die Oligoamory ist für mich eine lebensbejahende Philosophie mit einem positiven Menschenbild, welcher ich durch so eine Negativ-Begründung keinen Dienst erweisen würde.

Denn als Mehrfachbeziehungsphilosophie steht die Oligoamory ohnehin bequem und trocken unter dem Dach der sexuellen Emanzipation, wie es von LGBT+– und Queer-Menschen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Einige dieser Zusammenhänge habe ich in meiner Reihe zur Geschichte der Oligoamory mit den Teilen 1 | 2 | 3 | 4 bereits dargelegt.
Ich habe dadurch vollständigen Respekt vor dem Zeugnis dieser Menschen, die dadurch den Weg bereitet haben, daß ich heute hier über dieses Thema überhaupt schreiben kann.
Und darum möchte ich nicht einfach einen weiteren „schicken Terminus“ unter diesem mittlerweile sehr soliden und unübersehbaren Dach parken, sondern mir den Platz – so klein die Oligoamory auch sein mag – im Gedankengebäude verdienen.

Als bLogger und Gelegenheitsphilosoph hat mich dahingehend die Auffassung der Feministin, Philosophin und Professorin Gudrun Perko zum Thema „Was ist queer?“ fasziniert:

Gemäß Gudrun Perko umfaßt der Begriff „queer“ (den sie als „gegen-die-Norm-sein“ übersetzt) das gesamte Spektrum derer, die nicht hetero- und mononormativen Vorstellungen von Sexualität, binärem Geschlecht oder Beziehungsmodell entsprechen. Verbindend sei dabei, dass die gesellschaftlich vorherrschende Normierung hinterfragt und aufgelöst werde und es Menschen ermöglicht werden solle, ihr Leben mit vielfältigen Formen von sexuellen Orientierungen, Geschlechtsidentitäten oder Beziehungsformen frei von etablierten Normen zu leben.
Gudrun Perko entwickelte aus dieser Herangehensweise die sg. plural-queere Variante, welche radikal offen alle Menschen inkludiert, „die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen oder nicht entsprechen wollen“. Diese Form des plural-queeren Ansatzes greift auch auf die (deutlich strengere) US-amerikanische Variante zurück, die vehemente Kritik an Hetero- und Mononormativität, geschlechtlicher Binarität, repressiven Identitätsmodellen und Ausgrenzungen bestimmter Menschen übt. Im Zentrum der plural-queeren Variante steht das Bemühen um die „möglichste Vielfalt menschlicher Seins- und Daseinsformen in ihrer Unabgeschlossenheit“.²

Mit ihrem Modell greift Gudrun Perko ein queeres Zentralthema auf, welches als „Dekonstruktivismus“ bekannt ist und in etwa lauten könnte: Nach dem Ausgeschlossenen fragen – und durch Inklusion sich dem Außenstehenden öffnen.
Und genau in diesem Verständnis erkenne ich die aktive Anwendung von Scott Pecks integrativer Formulierung wieder, die ja lautet: „Aus welchem Grund sollte xyz denn nicht teilhaben dürfen?“ (Statt: „Aus welchem Grund sollte xyz überhaupt teilhaben?“, siehe Eintrag 33) – die jedem Gruppen- und Gemeinschaftsbildungsprozeß zu Grunde liegt.
In diesem Sinne wünsche ich mir, daß dieses dekonstruktivistische „Warum denn nicht ?“ hoffentlich ebenfalls ein Kennzeichen der Oligoamory ist.

An dieser Stelle ist leicht zu erkennen, daß dadurch der Kampf gegen Intersektionalität (Intersektionalität = Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person) schon immer zur queeren DNA gehört hat. Wie ich in Eintrag 50 bereits kurz angedeutet habe, ist „politisch Sein“ also queeres Kerngeschäft schlechthin:
Themen- und Aktionsverknüpfung mit Bereichen wie Ethnizität, Kultur, Herkunft, Nicht-Identität und Gruppen ohne kollektiven Identitätsbegriff, aber z.B. eben auch Feminismus, religiöse Verfolgung, Ableismus oder Altersdiskriminierung sind unumgänglich, wenn das weiter oben zitierte Haus Bestand für zukünftige Generationen haben soll.
In Eintrag 50 zitiere ich, daß „Politik die stete Auseinandersetzung zwischen der Veränderung oder der Bewahrung bestehender Verhältnisse sei“. Mit der Oligoamory wünsche ich zumindest zu einer Erweiterung, wenn nicht gar einem Wandel, dieser „bestehenden Verhältnisse“ beizutragen. Und in dieser Überzeugung fühle ich mich unter dem queeren Dach wohl, dankbar auf den Schultern derer stehend, die schon seit Jahrzehnten dafür eintreten und eingetreten sind.

Die Queer-Theorie hat mir mit den Autoren Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter übrigens noch eine weitere Überraschung eingebracht, da diese kritisch fragen, ob solcherart queere Unabgeschlossenheit und Offenheit nicht allzu leicht ein Kennzeichen für neoliberalistisches Gedankengut durch die Hintertür sein könnte – bei dem zu bedenken sei, ob dies für die Grundidee überhaupt wünschenswert und förderlich sein könnte?³
Aus der Oligoamory heraus sage ich: „Ja, durchaus, wenn es im Shaftesbury’schen Sinne geschieht! (siehe vorheriger Eintrag)“. Denn der Philosoph Shaftesbury definierte schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts Neoliberalismus im Sinne seines Freiheits- und Autonomiekonzepts als „eine kosmopolitische Grundhaltung ohne übergreifende, zentralistisch gelenkte Einheiten, sowie als Ausdruck einer multipolaren Welt souveräner, freiwillig mitwirkender Elemente“.
Für mich höre ich da sowohl herrschaftskritisches als auch antikapitalistisches Denken heraus, welches sich aus Shaftesburys Hoffnung auf den Menschen als bewußtes, urteilsfähiges und daher (sozial) verantwortliches Wesen speiste.

Oligoamor zu sein, bedeutet folglich auch queer zu sein – „gegen die Norm“, bewußt grenzüberschreitend, absichtsvoll abweichend.
Oligoamor sein heißt, aufgrund von Eigenheit un-angepaßt zu sein, hervorzustechen und dadurch im Zweifel aufzufallen.
Oligoamor heißt menschlich einschließlich und darum gesellschaftlich aufmerksam zu bleiben.
Oligoamor zu sein heißt, dies von innen heraus zu sein: Nicht als Label, als Mode, als Phase, Masche oder Inszenierung, sondern als ein regenbogenbuntes Einhorn-Zebra unter vielen schwarzweißen, welches überzeugt sein vielfarbiges Fell trägt, weil es weder aus seiner Haut kann noch will.

In seinem 2019 veröffentlichten Buch „Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ weist der Autor und Neurowissenschaftler Gerald Hüther auf die aus seiner Sicht bei Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) bestehende Problematik hin, daß dieser Satz von vielen Menschen oftmals darum als unkonkret und irgendwie leer empfunden würde, grade weil sie ihre eigene Würde im Alltag häufig (noch) gar nicht nachvollziehen könnten.
Ich glaube, daß exakt dies in der Welt der Non- und Antinormativität, der Welt der Minderheiten, genau anders ist: Weil sie ihre bunte Andersartigkeit und ihre zur Umgebung oft in Widerspruch stehende Individualität täglich und wöchentlich zu Markte tragen, sind sich die Menschen in diesen Kreisen ihres Wertes und ihrer damit verbundenen unantastbaren Würde meist sehr bewußt.

Es war und ist darum der Beitrag queerer Gruppen und Einzelpersonen, unsere Gesellschaft wach und hellhörig zu halten, daß Menschenwürde kein schwer fassbares, längst triviales Gut ohne konkreten Realwert ist, sondern eine Grundvoraussetzung für eine mitmenschlichere Welt, welche selbst in unseren privatesten Kreisen noch keine Selbstverständlichkeit darstellt.



¹ (nur in englischer Sprache:)
Phillip Ayoub; David Paternotte (28 October 2014). LGBT Activism and the Making of Europe: A Rainbow Europe?. Palgrave Macmillan.
Mortimer, Dora (9 Feb 2016). „Can Straight People Be Queer? – An increasing number of young celebrities are labeling themselves ‚queer.‘ But what does this mean for the queer community?“

² Gudrun Perko: Queer-Theorien: Ethische, politische und logische Dimensionen plural-queeren Denkens. PapyRossa, Köln 2005

³ Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013

Übrigens: Supergeniale queer-Seite und -Fundgrube mit coolem bLog: https://queer-lexikon.net/

Eintrag 64

Bedeutsame Beziehungen (Teil 3)

»Die Natur unserer unsterblichen Existenz liegt in den Konsequenzen unserer Worte und Taten.
Unsere Leben gehören nicht uns. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir verbunden mit anderen, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft.«

aus der „Offenbarung der Sonmi“; David Mitchell, Der Wolkenatlas (2004)

Mit dem dritten Teil dieser Reihe möchte ich einen weiteren zentralen Schlußstein in das Gewölbe oligoamorer Denkweise einfügen.
In den vorangegangenen Teilen 1 und 2 habe ich auf das mir sehr wichtige Thema der „Kategorienlosigkeit des Personenkreises in bedeutsamen Beziehungen“ hingearbeitet, mit dem ich darauf hinauswill, daß – insbesondere wenn unsere vertrauensvollsten und intimsten Beziehungen betroffen sind – wir uns keinen vorgegebenen Rahmen mehr unterwerfen sollten, was deren Ausprägung und deren Ausmaß an möglicher Interaktion angeht.
Auf diese Weise könnten wir für uns die Freiheit des Erlebens unserer Nahbeziehungen in all ihren Nuancen, Facetten und Schattierungen zurückgewinnen – und ebenso hätten wir dadurch die Chance, uns von den Grenzen eines Diktats sozialer Normierung zu lösen, die uns in unserer Gedankenfreiheit, Phantasie und Kreativität, sowohl des Liebens als auch in der konkreten Beziehungsgestaltung selbst, eventuell einschränken.

Wer diesen letzten Satz gelesen hat, könnte nun überrascht ob seines vermeintlich „radikalen“ Charakters sein und mich fragen, ob dies denn nicht am Ende doch genau der Aufruf zur „totalen Befreitheit“ in Liebes- und Beziehungsdingen sei, den ich selbst so oft als recht egoistisch-impulsive Proklamation uneingeschränkter persönlicher Freiheit in Mehrfachbeziehung seit Beginn meines bLogprojektes kritisiert habe…
Nein – ich glaube ganz und gar nicht.
Meine Antwort darauf lautet: Wenn die Kategorie (einer Beziehung) nicht mehr maßgeblich ist, so gewinnt die Qualität der jeweiligen Verbindung automatisch erheblich an Bedeutung.
Die Autoren des Polyamorie-Ratgebers „More Than Two¹“, Franklin Veaux und Eve Rickert, schrieben genau zu diesem Thema im Schlußwort ihres Buches:

»Es ist wichtig und sinnvoll, immer wieder auf die Wurzel der Polyamorie zurückzukommen: Liebe.
Wir haben Beziehungen, weil wir als menschliche Wesen dazu veranlagt sind zu lieben. Und ohne Liebe als Kern unserer Beziehungen und als das Prinzip, auf dem wir bei allem, was wir in diesen Beziehungen tun, zurückzukommen, werden uns die anderen Prinzipien – so unverzichtbar sie auch sind – nicht weiterbringen. Die Liebe ist die große Klärungsfinderin der Werte. Ohne sie wird jeder Rahmen, den wir schaffen, hohl und letztlich leblos bleiben.
«

Mit dieser in meinen Augen ganz hervorragenden Beschreibung bestärkt mich dieses Autorenpaar gleichsam in meiner oligoamoren Gewissheit, daß nämlich genau dadurch die Symbiose von Freiheit und Verbindlichkeit in menschlichen Beziehungen kein misslicher Gegensatz, sondern – im Gegenteil – zutiefster „Kernbestandteil“ ist (siehe auch bereits Eintrag 7).
Und wenn wir die Liebe als unsere „Klärungsfinderin der Werte“ akzeptieren, dann akzeptieren wir damit zugleich auch die (höchst oligoamoren) Qualitäten von Ganzheitlichkeit und Integrativität – und wir umarmen dadurch ebenfalls die „Goldene Regel“ – sowohl im gandhischen Sinne „Du und ich wir sind eins – ich kann Dir nicht wehtun ohne mich zu verletzen.“ wie auch als buchstäbliche Maxime „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Die Grundlagen dieses Zusammenhangs hat für mich zuallererst der englische Philosoph, Schriftsteller und Aufklärer Anthony Ashley Cooper, 3. Earl of Shaftesbury, (1671-1713) ausführlich dargestellt.
Shaftesbury schrieb, daß uns die Ordnung der Natur zwar nur bruchstückhaft bekannt sei [was jeder Quanten- oder Astrophysiker auch heute sicher noch gerne bestätigen wird], doch daß z.B. die körperliche Gestaltung und Funktion von Lebewesen stets einen gemeinsamen Zweck, ein Ziel, erkennen lassen würden. Jedes von ihnen verfüge über eine natürliche Ausstattung, die seinem individuellen Wohlergehen, dem „privaten Guten“ dienen solle. Dieses sei definiert als das, was mit der natürlichen Bestimmung des Lebewesens in Einklang stünde. Die Triebe, Leidenschaften und Gemütsbewegungen zielten darauf, einen für das Individuum optimalen Zustand zu erreichen und zu bewahren.²

Gut 200 Jahre später erhielt Shaftesburys scharfsinnige Überlegung übrigens faszinierende Unterstützung, ausgerechnet durch die aufblühende Wissenschaft der Psychologie.
Dort hatten nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die beiden Freud-Schüler Carl Gustav Jung mit seiner analytischen Psychologie und Alfred Adler mit seiner Individualpsychologie die allzu kausalen Ideen ihres Lehrvaters verworfen und waren ihrerseits vielmehr zu der Auffassung gelangt, daß ein Lebewesen immer als „Individuum“ betrachtet werden müßte, welches z.B. gemäß Adler zur Überwindung seiner Verletzlichkeit am Lebensanfang stets durch fortgesetzte Bemühung nach seinem „optimalen Zustand (Shaftesbury!)“ als Ziel streben würde. Jung und Adler stimmten weiterhin überein, daß jedes Lebewesen genau dadurch in-dividuus (aus dem Lateinischen: un-teilbar!) in seiner Entwicklung betrachtet werden müßte, ein lebenslanger Prozeß, den C.G. Jung sogar „Individuation“ (sinngemäß: „Unauftrennbarkeit“/„Ganzwerdung“) nannte.
Sehr gut ist hier zu erkennen, daß die Psychologie damit also einen holistischen, sprich ganzheitlichen (siehe Eintrag 57), Ansatz zugrunde legte, der ein Lebewesen und dessen Dasein als „mehr als bloß die Summe seiner (Erlebens)Teile“ beschreiben will.

Auch der Philosoph Shaftesbury hatte das zugrundeliegende Prinzip des Holismus bereits seinerzeit erkannt, denn er folgerte, daß doch jedes Lebewesen zugleich auch immer mit dem Wohl und Fortbestand der Gattung verknüpft sei. Daher sei das einzelne Wesen als „privates System“ stets ebenfalls in „umfassendere Systeme“ eingefügt [ein geradezu „ökologischer“ Gedanke!]: In das System seiner Art, in die Gesamtheit der Pflanzen- bzw. Tierwelt [also in die Gesamtbiodiversität!], in das System der Erde [Stichwort Gaiahypothese“], das Sonnensystem und schließlich das System des Universums. Alle Systeme würden schließlich zusammen den Aufbau des Kosmos bilden, und jedes von ihnen sei durch seinen Bezug zum Ganzen bestimmt. Die Systeme würden einander stützen, somit zueinander und zugleich zur Gesamtheit in einem Verhältnis des Zusammenwirkens stehen.
Für Shaftesbury erwies sich so, daß hierin die einzelnen Systeme immer dem Ganzen zugute kommen könnten, wie sich auch für ihn dadurch gleichzeitig zeigte, daß ein ausgeprägter Einklang des individuell Förderlichen mit dem allgemein Förderlichen bestand.

Shaftesbury Auffassung enthält auf diese Weise für mich exakt die Anregung zur Beherzigung der „Goldenen Regel“ in jeder Art von Beziehung, sowie die Aufforderung, alle unsere Beziehungen genau deswegen in-dividuell (also ganzheitlich und NICHT kompartmentalisiert-aufgespalten) anzugehen.
Die Herangehensweise Shaftesburys wollte und will zeigen, daß das Ziel jedes Menschen das Gelingen seines*ihres Lebens als freies Individuum, mitwirkend eingebettet in ihre*seine Gemeinschaft sein sollte [verbunden und zugleich frei!].
Zur Voraussetzung forderte schon Shaftesbury: Als Gemeinschaftswesen kann der Mensch die Autonomie, zu der er veranlagt ist, nur dann ungestört verwirklichen, wenn die (übergeordneten) Systeme, denen er angehört, ebenfalls frei sind und damit ein freier Austausch möglich ist.

Ich glaube, daß ich sogar bei dem großen Gemeinschaftsforscher Scott Peck selbst keine treffendere Befürwortung hinsichtlich dieser Art von Dynamik in selbstgewählten Beziehungen gelesen habe:
Ausgangspunkt ist stets das Individuum, welches dadurch, daß es (quasi „von Natur aus“ bzw. seiner kooperativ-zielgerichteten Veranlagung her) eine Vorstellung von dem, was förderlich ist, in sich trägt, darum um mehr als nur um das eigene Wohl besorgt ist – wodurch es wiederum in der Lage ist, das Wohlergehen (s)eines ganzen Systems ins Auge fassen zu können UND dabei sein eigenes Gedeihen als Teil davon zu erkennen.

In diesem letzten Satz vereinen sich für mich die Bedürfnisüberlegungen von Abraham Maslow, Carl Rogers und Marshall Rosenberg mit der wechselbezüglichen Intimitätsdefinition (siehe unten Fußnote³) durch S. Cohen, L. Underwood und B. Gottlieb.
Die „Kategorienlosigkeit“, wie ich sie mir wünsche, ist also durchaus kein egozentrischer „Totalbefreiungsschlag“ als Schnellschuß gegen lästig empfundene Einschränkungen durch unsere Mitmenschen.
Kategorienlosigkeit in unseren bedeutsamen Beziehungen benötigt aus meiner Sicht vielmehr ermächtigte Individuen, die zu bewußten Willensentscheidungen in der Lage sind und zugleich bereit sind, die Verantwortung, die sie damit für ihr schöpferisches Potential haben, auch anzunehmen.

Der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther schrieb 2011 in seinem Buch „Wer wir sind und was wir sein könnten“, daß »…Erwachsensein eine gewisse Lust auf die Übernahme von Verantwortung bedeuten würde…«, ebenso wie folgendes Zitat (erstmals Eintrag 4):
»Es gibt keine Freiheit ohne Verbundenheit. Aber Verbundenheit ist nicht Abhängigkeit. Wir Menschen sind in der Lage, unsere Beziehungen so zu gestalten, dass wir uns verbunden fühlen, ohne abhängig zu sein. Aber dazu müssten wir uns um die anderen kümmern oder zumindest bereit sein, all das, was wir haben, mit ihnen zu teilen. Unsere Nahrung, unseren Lebensraum, unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft, unser Wissen, unser Können, unsere Erfahrung.«

Damit unser menschlicher Hang zu innerem Schweinehund und Schadensvermeidung in diesen Dingen aber nicht sehr schnell vor allem zu Lebensvermeidung führt, bleibt uns nicht anderes übrig, als weiterhin immer wieder unser Bestes zu geben, wenn es darum geht, unseren Befürchtungen mit Zuversicht zuvorzukommen, unserem Wunsch nach Kontrolle mit gelegentlich sehr beherztem Vertrauen zu begegnen und unseren Tendenzen zu Ab- und Aufspaltung im Kleinen wie im Großen die integrative „Warum-denn-nicht?-Frage“ (Eintrag 33) entgegenzustellen.

Am Ende möchte ich daher hier noch einmal F. Veaux und E. Rickert aus „More Than Two“ zu Wort kommen lassen, die das, was sie dort über Liebesverbindungen schrieben, im shaftesburyschen Sinne gleichermaßen über Selbsterkenntnis und fast alle zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie unser Verhältnis zur Umwelt insgesamt bzw. unsere Verantwortung für uns selbst und für unsere Erde hätten sagen können:

»Während wir nachforschten und die Geschichten von Menschen sammelten, beeindruckte uns, wie oft es den Anschein hatte, dass die Menschen, die in der Lage waren, ihren Weg durch Situationen zu navigieren, die andere am Boden zerstört hätten, dies taten, indem sie schlicht beeindruckend waren: Sie verrichteten harte Arbeit, sie kümmerten sich um einander, sie gaben nicht auf, sie setzten sich mit ihren übermächtigen Emotionen auseinander. Sie respektierten die Handlungsfreiheit ihrer Liebsten, auch wenn sie Angst hatten, das zu verlieren, was sie am meisten schätzten. Sie stellten sich ihren eigenen tiefsten Ängsten um ihrer selbst und der Menschen willen, die ihnen wichtig waren.¹«



¹ Das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² zitiert nach Angelica Baum: Selbstgefühl und reflektierte Neigung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, S. 167–181; Friedrich A. Uehlein: Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury. Lehre. In: Helmut Holzhey, Vilem Mudroch (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. Band 1, Basel 2004, S. 62–84, hier: 63; Stanley Grean: Self-Interest and Public Interest in Shaftesbury’s Philosophy. In: Journal of the History of Philosophy. Band 2, 1964, S. 37–45, hier: 41 f.

³ S. Cohen, L.G. Underwood and B.H. Gottlieb: „Social support measurement and intervention“ – A guide for health and social scientists“, Oxford University Press, 2000 (erstmals zitiert von mir in Eintrag 14):
»Intimität/Vertrautheit bzw. Nähe ist ein grundlegender Prozess, der so definiert wird, dass man sich darin von den Partnern verstanden, bestätigt und berücksichtigt fühlt, die sich ihrerseits der Tatsachen und Gefühle bewusst sind, die für das eigene Selbstverständnis von zentraler Bedeutung sind.
Zu dieser Empfindung tragen Vertrauen (die Erwartung, dass die Partner wichtige Bedürfnisse respektieren und erfüllen) und Akzeptanz (die Überzeugung, dass die Partner einen als die Person die man ist annehmen) bei.
Empathie ist dazu ebenfalls wichtig, weil sie Bewusstheit und Wertschätzung für das Kernselbst eines Partners signalisiert.
Gleichermaßen trägt Zuneigung zur wahrgenommenen Zugewandtheit der Partner bei – sogar unabhängig von Aufeinanderbezogenheit oder Einmütigkeit – nämlich genau wegen der wesentlichen Rolle des Wahrnehmens, dass man es aus deren Sicht wert ist und daher sehr sicher sein kann Liebe und Zuwendung von den Liebsten zu erleben.
«

Danke an Dallas Reedy auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 63

Bedeutsame Beziehungen (Teil 2)

…und HAPPY 2nd BIRTHDAY – OLIGOAMORY!

»In der Gesellschaft greift eine Epidemie um sich…
…die mehr als 40 % der Bevölkerung bedroht. Ihre Auswirkungen auf unsere Gesundheit sind so schlimm wie das Rauchen. Sie ist schlimmer als Fettleibigkeit. Sie setzt uns einem größeren Risiko für Herzkrankheiten, Demenz, Depressionen und Angstzustände aus. Sie hemmt unsere Leistungsfähigkeit, Kreativität, das logische Denken, die Entscheidungsfindung und die Bereitschaft, verletzlich und vertrauensvoll zu sein. Unbehandelt ist sie zermürbend. Unterm Strich verkürzt sie unsere Lebensspanne, indem sie zu einem vorzeitigen Tod, wenn nicht sogar zu Selbstmord führt. Diese Epidemie lähmt unsere Fähigkeit, eindrucksvoll zu leben und zu arbeiten.
Die Epidemie ist Einsamkeit.
Unsere Gesellschaft ist krank. Überall kämpfen die Menschen mit Einsamkeit und Depression und fühlen sich zunehmend isoliert und allein. Sieh dich um, weniger Menschen heiraten, Scheidungen nehmen zu, Süchte nehmen zu. Obligatorische Vereinzelung, Arbeit von zu Hause und virtuelle Verbindungen sind die neue Norm. Schon vor ein paar Jahren, als die Menschen gefragt wurden, wie viele tiefe, bedeutsame Beziehungen sie haben, antwortete die Mehrheit: Null! Die Menschen sind einsam.
Unser Sinn für Gemeinschaft erodiert und wir müssen das in Ordnung bringen. Einsamkeit ist das Gegenteil von dem, wie wir veranlagt sind. Wir sind für Verbindung und Zugehörigkeit geschaffen. Das kannst du nicht alleine erzeugen.
Wenn du wissen willst, wie man Einsamkeit bewältigt, lass dich nicht von trügerischen Behauptungen täuschen, die dir sagen, dass es sicherer ist, alleine zu leben. Lass dich nicht von Verschwörungstheorien leiten, die behaupten, dass niemand hinter dir steht und die meisten Menschen egoistisch und nur auf sich bezogen sind. Und lass dich nicht von dem unsinnigen Glauben leiten, dass das Bitten um Unterstützung egoistisch, schwach, verletzlich oder abhängig ist.«

Das habe nicht ich geschrieben.
Das obige Zitat stammt von der Webseite¹ der Dres. Jackie und Kevin Freiberg, die derzeit in den USA höchst namhafte und angesagte Autoren, Berater und Redner sind.
Manchmal ist es als bLogger gut, einen Blick in das zu tun, was im „World Wide Web“ als „die Blogosphäre“ bezeichnet wird: das durch Interaktion zusammenhängende Netzwerk von Weblogs weltweit.
Unter dem Stichwort „bedeutsame Beziehungen“ erhielt ich dort nämlich eine recht achtbare Anzahl von Treffern, die von ihren Inhalten her eine überraschend einmütige Stoßrichtung aufwiesen – obwohl die Autor*innen naturgemäß jeweils aus den unterschiedlichsten Motivationen und Quellen schöpften.
Die Freibergs z.B., die aktuell gewissermaßen so etwas wie „Promi-Coaches“ sind. Da sie es durch ihre Auftritte auf Großveranstaltungen und gegenüber JetSet- oder „IT!“-Publikum gewohnt sind, rhetorisch buchstäblich „den Stier bei den Hörnern zu packen“, haben sie in den wenigen obigen Zeilen unversehens einen Großteil der Konzepte markiert, die mir in der Oligoamory seit der ersten Stunde so wichtig sind: Vereinzelung vs. Gemeinschaftsbildung, die Wahl echter „Zugehöriger“, das irrige „Lob der Alleinheit“ (inklusive dessen negativer psychischer und physiologischer Folgen) – und all das unter dem Stichwort „Bedeutsame Beziehungen“ [zu dem sie nach dieser Einleitung eine 6-Punkte-Strategie folgen lassen: 1) Wage es, dich zu öffnen / 2) Pflege deine Selbstwahrnehmung / 3) Sei mutig / 4) Sei neugierig / 5) Sei echt / 6) Sei bescheiden/genügsam]. Allein, wenn ich die Überschriften ihrer 6 Punkte lese, könnte ich nicht heftiger mit dem Kopf nicken: Richtig, das genau ist es, was wir als „Rüstzeug“ brauchen, um zu bedeutsamen Beziehungen fähig zu sein.

Der bLogger Matt Valentine kommt auf seinem bLog „Buddhaimonia²“ zu einer ganz ähnlichen Einschätzung. Er resümiert:
»Es ist eines der fantastischsten Dinge auf der Welt, Menschen zu sehen, die einander helfen, sich gegenseitig zu ermutigen – um nicht zu sagen, auch eines der eindrucksvollsten.
Wir alle suchen nach bedeutsamen Beziehungen, aber die meisten von uns gehen das vollkommen falsch an. Das ist nicht unsere Schuld; die Konditionierung, die wir durch Jahrzehnte des Lebens erhalten haben, hat uns dazu gebracht, bedürftig nach Liebe, Vertrauen, Sicherheit und Ungezwungenheit in unterschiedlichem Ausmaß zu sein, und das wirkt sich oft auf die Weise aus, wie wir unsere Beziehungen in einer Art auswählen, die uns am Ende schadet.«


Mr. Valentine stellt in seinem Artikel zu „Bedeutsamen Beziehungen“ seinerseits 4 Grundvoraussetzungen in den Mittelpunkt, die er 1) Vertrauen [oder das Potential dafür]; 2) Akzeptanz der gegenseitigen Unvollkommenheit; 3) Die Bereitschaft [und Fähigkeit], du selbst zu sein; sowie 4) Beständigen Rückhalt – nennt.
Die Überschneidungen zu den Freibergs oben sind offensichtlich – allerdings betont Matt Valentine etwas stärker die „zwischenmenschliche Ebene“, der ich in der Oligoamory ebenfalls viel Raum gebe. Genau genommen weist er ebenso wie ich insbesondere darauf hin (siehe Teil 1), daß wir in „bedeutsamen Beziehungen“ erleben müssen, daß wir in unserem „So-Sein“ vollständig, ohne wenn und aber, angenommen sind PLUS dem Faktor Ermutigung, zur besten Version unserer selbst werden zu dürfen.
In seinem obigen Zitat macht Mr. Valentine (ähnlich wie ich in meinem Fassdauben-Beispiel zur Lebenszufriedenheit in Eintrag 58) ebenfalls darauf aufmerksam, daß dies gegenwärtig leider nicht unserer überwiegenden Lebenserfahrung entspricht, indem wir vorwiegend unsere aktuellen Beziehungen oft rein nach situativ verspürter „Bedürftigkeit“ auswählen (bzw. um diese Bedürftigkeit zeitweilig auszuschalten). Als Buddhist sieht auch er dies gewissermaßen als Ergebnis unserer gegenwärtigen „Trennungsrealität“ an (siehe Eintrag 26), in der wir normalerweise gewohnt sind, solche Strategien zu wählen, die unsere „Bedürfnisbefriedigung“ absichern sollen.
Auf diese Weise werden wir jedoch keine bedeutsamen Beziehungen aufbauen oder gar erleben können, ganz ähnlich dem Benjamin Franklin-Zitat: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“
Noch mehr: In bedeutsamen menschlichen Beziehungen bilden „Freiheit“ und „Sicherheit“ ein Gegensatzpaar, in dem das eine nicht um des anderen Willen zu haben ist. Die wichtigen Beziehungsbausteine „Vertrauen“, „Loyalität“ und „Unverbrüchlichkeit“ (herrlich altmodisches Wort: vereint „Verbindlichkeit“, „Aufrichtigkeit“ und „Beharrlichkeit“!) erwachsen nämlich nur aus Freiheit. „Sicherheit“ ist hingegen etwas, was eher einem Kreditinstitut als einem Lieblingsmenschen gut zu Gesicht steht, denn bei hellem Licht betrachtet bedeutet „Sicherheit“ doch letztendlich, daß es hinsichtlich des Vertrauens offenbar einen „Restvorbehalt“ gibt, ein nicht-ganz-vollständiges Zutrauen, Bedenken oder Angst bezüglich der Qualität unseres Gegenübers.
Und wenn das so ist – wie könnten wir unsere Liebsten dann jemals unsererseits wirklich rückhaltlos unterstützen – oder von ihnen Unterstützung offenen Herzens annehmen?

Den besten und geistesverwandtesten Eintrag, den ich zu „Bedeutsamen Beziehungen“ im WWW gefunden habe, stammt von der bLoggerin Elle auf ihrer Seite „ofironandvelvet.com³“.
Sie schreibt zu der obigen Fragestellung:
»Das Wichtigste, was ich in den letzten zwei Jahren bei dem Versuch, bedeutsamere Beziehungen aufzubauen, gelernt habe, ist, dass du das nicht erfolgreich tun kannst, wenn du nicht bereit bist, loszulassen.
Tiefe und geborgene Beziehungen sind nicht auf Angst aufgebaut. Du kannst nicht an jemandem festhalten, nur weil du befürchtest, das du niemanden anderen finden wirst oder du dir Sorgen machst, dass er oder sie nie wieder zurückkommen könnte.
Es ist unerlässlich zu verstehen (und sich so zu verhalten), dass die wichtigste Beziehung, die du jemals haben wirst, die zu dir selbst ist. Das Gleiche gilt für die andere Person; sie muss frei sein, das zu tun, was für sie am besten ist, und du musst bereit sein, das zu akzeptieren, auch wenn es anfangs weh tut. Und wenn du nicht bereit bist, das zu akzeptieren, dann lass sie gehen.
Lass den Versuch los, die Handlungen anderer Menschen zu kontrollieren; lass diese Art von Angst und Anhänglichkeit los. Indem du das tust, wirst du vielleicht einige Menschen entlang des Weges verlieren, aber es werden höchstwahrscheinlich die wackeligsten Kandidaten sein – du weißt schon: diejenigen, die dir von vornherein das Gefühl gegeben haben, dass du mit ihnen keine wirkliche, keine bedeutsame Beziehung geführt hattest.«


Die bLoggerin Elle faßt die Gestaltung „bedeutsamer Beziehungen“ für das eigene Leben ähnlich umfassend auf, wie auch ich es mit der Oligoamory tue; in ihrer Einleitung schreibt sie u.a.:
»Solange ich mich erinnern kann, habe ich mich immer nach tieferen, bedeutsameren Beziehungen in meinem Leben gesehnt. Sei es mit meinen Eltern (die nett, aber irgendwie distanziert waren), meinen Geschwistern (örtlich weit weg) oder mit meinen Freunden. […] Ich hatte zwar Freunde und Verwandte, aber das war immer mehr oder weniger oberflächlich.«

In ihrem anschließenden Text ist es daher kaum staunenswert, daß Ratschlag 1 „Lerne dich selbst kennen“ lautet, was mich natürlich an das Kernthema der Oligoamory schlechthin erinnert und welches ich in Eintrag 46 erstmals ausführlicher beschrieben habe.
Zusätzlich enthält der bLog-Eintrag von Elle auf „ofironandvelvet“ aber noch zwei zusätzliche Gesichtspunkte, die für mich ebenfalls zentrale Anliegen der Oligoamory sind.

Zum einen ist das die schon oft betonte „Wechselseitigkeit“: Neben der schon beschriebenen „Gegenseitigkeit“ und „Aufeinanderbezogenheit“ (die ja auch in Teil 1 bereits anklang), macht Elle nämlich darauf aufmerksam, daß diese „Wechselseitigkeit“ noch darüber hinaus zwei weitere wichtige Konsequenzen enthält:
Sie betont – erstens –, daß Wechselseitigkeit nur bei auch tatsächlicher Reziprozität (Wechselbezüglichkeit) wirklich harmoniert. Sie führt dazu aus, daß dadurch alle Beteiligten an einer Beziehung in annähernd gleichem Maß bereit sein müss(t)en, aus eigenem Antrieb in die Beziehung zu investieren und die nötigen Schritte dazu zu realisieren.
Daraus folgert sie – zweitens – daß wir uns zuvor beim „uns-selbst-Kennenlernen“ in die Lage versetzt haben, auch eigene Grenzen zu setzen UND uns selbst gegebenenfalls an diese zu halten. Womit sie also zu einem soliden persönlichen „Qualitätsmanagement“ aufruft, Zitat: »Entscheide, was du bereit bist, von jemandem anderen zu akzeptieren oder nicht – und bleib dabei. Es geht nicht darum jede mögliche Entwicklung vorwegzunehmen, aber es ist wichtig, deine Grenzen zu kennen. Leider ist es oft so, dass wir diese Lektion erst beherzigen, wenn wir uns bereits einmal verbrannt haben…« [Als hochsensible Person kann ich da nur aus tiefstem Herzen zustimmen.]

Zum anderen setzt sich Elle schon mit der Anmoderation ihres Artikel für eine „Kategorienlosigkeit“ innerhalb „bedeutsamer Beziehungen“ ein, die auch für mich von Anfang an zur „DNS“ der Oligoamory zählt. Im Unterschied zur Beziehungsanarchie, welche in der Hauptsache auf eine Kategorienlosigkeit hinsichtlich der „Natur“ oder der „Art“ der Beziehung abstellt, ist es für mich in der Oligoamory eher eine Frage des „Personenkreises“ (siehe auch Zugehörige oder Dunbar-Zirkel), auf den ich mich mit der „Kategorienlosigkeit“ beziehe.
Was meine ich also damit?
Die von mir oft beklagte „Trennungsrealität“ der Gegenwart hat auch unser Denken von „Nahbeziehungen“ (und damit unsere Herangehensweise an diese) sehr stark beeinflußt und nach Maß durchgeordnet bzw. kategorisiert.
Die allermeisten Menschen die ich kenne, reglementieren dadurch in ihren Beziehungen demgemäß entsprechend strikt sowohl die erlaubte Bandbreite ihres Fühlens als auch die Spanne ihres (selbst)gestatten Ausdrucks- und Erlebenshorizonts.
Und was meine ich damit???
Z.B., daß ich ausschließlich mit (m)einer (Ehe)Frau das Bett teilen darf, mit meinem besten Freund im Höchstfall ein tiefes Gespräch führen kann, mit den übrigen Freunden Arm in Arm maximal auf einer Party oder in der Handballarena zu sehen bin, und ich beim Familienkaffeetrinken nicht zu mehr aufgefordert bin, als die gestickte Blümchentischdecke zu bewundern und Ratschlägen zu lauschen.
Dürfte ich mit meiner Schwiegermutter wahrhaft befreundet sein? Schließlich ist sie doch „Familie“…
Würde ich meine Handballkumpel mit einem echten emotionalen Geständnis überfordern? Sie sind doch „bloß Freunde“…
Und mein „bester Freund“ – wie würde der reagieren, wen ich zugäbe, daß er mich durchaus mal länger in den Arm nehmen dürfte und er irgendwie gut riecht? Das geht doch nicht…
Und meine Frau ist eben meine Frau, mit der kann ich nicht so reden wie mit meinen Freunden, aber wir haben Sex und Familie ist sie irgendwie durch die Hochzeit auch…
Verwirrend.
Warum denken wir so? Warum erlegen wir unseren Beziehungen Grenzen in der Art auf, die im Vorhinein festlegen, was dort möglich ist – und was nicht. Vielmehr: Warum übernehmen wir unhinterfragt soziale Kategorien, die offensichtlich festlegen sollen, was uns in einer bestimmten Art von Beziehung möglich sein kann?
Alle „klassischen“ Eigenschaften der „Trennungsrealität“ sind hier für mich zu erkennen: Angst, Kontrolle und (Auf)Spaltung (Kompartmentalisierung).

Wenn wir uns hingegen bedeutsame (Nah)Beziehungen als vollumfängliche, den ganzen Menschen meinende Beziehungen wünschen (und mit Nahbeziehung verweise ich mit Robin Dunbar auf die knappe Handvoll Menschen, mit denen wir uns, unser Leben, gänzlich teilen wollen), dann geht für mich aus Teil 1 und dem heute Zusammengetragenen hervor, daß ich im Lichte der zuvor erwähnten Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit diese „sozial tradierten Kategorien“ für mich nicht mehr unhinterfragt übernehmen möchte.

Die Frau, die derzeit mit mir zusammenlebt, ist für mich z.B. intime Liebste, vertrauter Lieblingsmensch, beste Freundin und Familie zugleich. Aber im Gegensatz zu den oft üblichen sozial normierten Kategorien ist keine dieser Positionen bei mir dadurch „vollständig eingenommen“ im Sinne von „schon besetzt“. Denn in meinem Herzen möchte ich lieber „zugängliche Räume“ haben anstatt „einmalig zu vergebende Posten“.
Dadurch hoffe ich im Kleinen – also in mir – das abzubilden, was ich mir von meinem Beziehungsnetzwerk im Außen ebenfalls erwünsche: ein organisches, integratives Wesen zu sein.
Falls ich das nicht täte, würde das bedeuten, daß ich doch immer irgendeinen Teil von mir aus Angst oder Vorsicht zurückhalten würde. Und das hieße, auch mit mir selbst nicht ins Reine kommen zu können, lieber im Halbdunkeln zu bleiben – gesichert im Schatten künstlicher, lebenskalter Kategorien.

Wenn ich heute aus der Einsichtnahme in die verschiedenen bLogs etwas verstanden habe, dann ist es die Erkenntnis, daß dieser Schatten für mich das gesellschaftliche Dilemma unserer allenthalben gegenwärtigen sozialen Einsamkeit bildet, inklusive des Erlebens von Isolation innerhalb vermeintlicher „Geselligkeit“. Wenn wir nicht doch noch eines Tages dieser Epidemie zum Opfer fallen wollen, liegt es an uns, heute damit anzufangen, wirklich bedeutsame Beziehungen in unseren Leben anzustreben.
Für mich jedenfalls gibt es keine heilsamere Medizin.



¹ Die Webseite der Freibergs (nur englisch): epicworkepiclife.com; die Textpassage HIER

² Die Seite von Matt Valentine (nur englisch): buddhaimonia.com; der Artikel HIER

³ Der bLog von Elle (nur englisch): ofironandvelvet.com; der Artikel HIER

Danke an Anna Shvets auf Pexels für das Geburtstagsfoto!

Eintrag 62

Bedeutsame Beziehungen (Teil 1)

»Jeder will geliebt werden – niemand will verletzt werden. Aber man kann das eine nicht haben ohne das andere zu riskieren.«

[Zitat der Figur „Cleo“ (dargestellt von Riann Steele) in der britischen Sitcom Lovesick]

Das erste Mal, daß ich die Wendung „bedeutsame Beziehungen“ im Zusammenhang ethischer Nicht-Monogamie zur Kenntnis nahm, war in dem mittlerweile weit verbreiteten, englischsprachigen Polyamorie-Ratgeber „More Than Two¹ von Franklin Veaux und Eve Rickert. In ihrem umfangreichen Werk fordern die beiden Autoren dazu auf, daran zu arbeiten möglichst „bedeutsame Beziehungen“ zu führen – im Englischen „meaningful relationships“. Die deutsche Übersetzung „bedeutsam“ für „meaningful“ gibt – Wort für Wort übertragen – genau genommen nicht den gesamten Gehalt des englischen Begriffs wieder, welcher nämlich auch „sinnstiftend“, „wichtig“ oder sogar „belangvoll“ meinen kann.
Was F. Veaux und E. Rickert aus ihrer Sicht – quasi als Konzentrat – unter „meaningful/bedeutsam“ verstehen, erklären sie etwa in der Mitte ihres Buches, wo sie zusätzlich den Begriff „empowered relationships“ ergänzen – übersetzt also etwa: „ermächtigte/befähigte Beziehungen“, vielleicht auch „gestärkte Beziehungen“. Dazu schreiben beide:

»Menschen, die in ihren romantischen Beziehungen ermächtigt sind, können Bedürfnisse äußern und darum bitten, dass sie erfüllt werden. Sie können über Probleme sprechen. Sie können sagen, was für sie in Ordnung ist, und hoffen darauf, dass ihre Partner*innen versuchen werden, ihren Bedürfnissen so weit wie möglich entgegenzukommen. Es ist nicht möglich, eine Person dazu zu bringen, sich ermächtigt zu fühlen, genauso wenig wie es möglich ist, eine Person dazu zu bringen, sich sicher zu fühlen. Das Beste, was wir aber tun können, ist, ein Umfeld zu schaffen, welches Partizipation begrüßt und zur Ermächtigung auffordert.[…]
Nicht-monogame Beziehungen machen darum oftmals die Kluft zwischen der Wahrnehmung unserer Wirkmächtigkeit und der Realität unserer Wirkmächtigkeit deutlich:
Denn es ist oft einfacher, die Wirkmächtigkeit einer anderen Person zu sehen als unsere eigene.
Wenn unser*e Partner*in eine neue Beziehung beginnt, sehen wir vielleicht, wie er/sie/es in die neue Beziehung investiert, und wir fühlen uns machtlos – ohne zu erkennen, wie die etablierten Strukturen, die Geschichte, die (Selbst)Verpflichtungen und die gemeinsame Lebenserfahrung in unserer bereits bestehenden Beziehung uns ein enormes Maß an Wirkmächtigkeit geben.
Ohne dieses starke innere Gefühl von Vertrauen, Sicherheit und Wertigkeit wird es uns fast unmöglich sein, uns unseres Einflusses in unseren Beziehungen bewusst zu werden. Wenn wir uns wertlos fühlen, fühlen wir uns abgehängt.[…]
Ermächtigte Beziehungen basieren daher auf Vertrauen: Vertraut darauf, dass eure Partner*innen euch wertschätzen und unterstützen wollen. Vertraut darauf, dass eure Partner*innen auf eure Bedürfnisse eingehen werden, wenn Ihr sie kundtut. Dies erfordert Mut.
Beziehungen auf einem gemeinsamen Verständnis von Bedürfnissen aufzubauen bedeutet, den Mut zu haben, sich einem negativen Gefühl zu stellen und zu fragen: „Was sagt mir dieses Gefühl? Gibt es ein Bedürfnis, das nicht erfüllt wird? Gibt es etwas, das ich tun kann, um meine Liebsten als Verbündete im Umgang mit diesem Gefühl zu gewinnen?“
Wenn du die Person bist, deren Partner*in eine emotionale Notlage erlebt, kann es verlockend sein, dieses Kapitel in der Art zu lesen, dass du sagst: „DU hast die Verantwortung, mit deinen eigenen Emotionen umzugehen – also möchte ich nicht, dass du mir Einschränkungen auferlegst!“ Das ist teilweise richtig, in dem Sinne, dass du die Probleme eines*r anderen nicht für ihn*sie lösen kannst; und wenn dein*e Partner*in dir Einschränkungen in deinem Verhalten auferlegt, lösen diese Einschränkungen selten das eigentliche Problem. Aber es ist ein Fehler, das, was Douglas Adams ein „Nicht-mein-Problem-Feld²“ nennt, in dieser Weise um die Notlage eines Lieblingsmenschens herum zu erzeugen. Wenn Du jemandem zugetan bist, willst du helfen. Sich mitfühlend zu verhalten bedeutet, gemeinsam an der Überwindung von Beziehungsproblemen zu arbeiten. Nur so werden Beziehungen stark und gesund. […] Resilienz im Angesicht von Widrigkeiten ist ein mächtiges Werkzeug, um glückliche Beziehungen aufzubauen.«


Ganz genau genommen beschreiben Veaux und Rickert mit dem vorhergehenden Text das, was auch die Wissenschaftler S. Cohen, L. Underwood und B. Gottlieb in ihrem „Leitfaden zur Förderung sozialer Unterstützungsfaktoren“ (erstmals zitiert von mir in Eintrag 14) betonten:
»Intimität/Vertrautheit bzw. Nähe ist ein grundlegender Prozess, der so definiert wird, dass man sich darin von den Partnern verstanden, bestätigt und berücksichtigt fühlt, die sich ihrerseits der Tatsachen und Gefühle bewusst sind, die für das eigene Selbstverständnis von zentraler Bedeutung sind.
Zu dieser Empfindung tragen Vertrauen (die Erwartung, dass die Partner wichtige Bedürfnisse respektieren und erfüllen) und Akzeptanz (die Überzeugung, dass die Partner einen als die Person die man ist annehmen) bei.
Empathie ist dazu ebenfalls wichtig, weil sie Bewusstheit und Wertschätzung für das Kernselbst eines Partners signalisiert.
Gleichermaßen trägt Zuneigung zur wahrgenommenen Zugewandtheit der Partner bei – sogar unabhängig von Aufeinanderbezogenheit oder Einmütigkeit – nämlich genau wegen der wesentlichen Rolle des Wahrnehmens, dass man es aus deren Sicht wert ist und daher sehr sicher sein kann Liebe und Zuwendung von den Liebsten zu erleben.
«

Hinsichtlich aller obigen Aussagen „schwingt die Tür“, wie das schöne Sprichwort sagt, „in zwei Richtungen“ – und beiden „Richtungen“ habe ich bereits einen eigenen bLog-Eintrag gewidmet:
In Eintrag 46 machte ich zunächst deutlich, daß – wie auch Veaux und Rickert schildern – wir zunächst selber eingeladen sind, unser „Kernselbst“ dahingehend erforschen und kennenlernen zu wollen, so daß wir überhaupt erst einmal ein gutes Verständnis für unseren eigenen Selbstwert entwickeln können.
Und in Eintrag 53 beschreibe ich, wie bedeutsam es für uns Menschen ist – insbesondere als Beteiligte an einer (Liebes)Beziehung, von den anderen Beteiligten „mit-hineingedacht“ zu werden. Alle oben zitierten Beziehungsexpert*innen sind sich darin einig, daß dafür ein vertrauensvolles Miteinander grundlegend ist, welches sowohl ein positives Klima für das Ausleben von Selbstwirksamkeit als auch das Erleben von „in-dieser-Selbstwirsamkeit-wahrgenommen-und-respektiert-Werden“ ermöglicht. Gekrönt wird diese Form wahrgenommener Selbstwirksamkeit schließlich mit dem allseitigen Beitragen zu dem damit ausgedrückten Streben nach Identität, Lebensgestaltung und Sinn jedes beteiligten Individuums.
Nur auf diese Weise entsteht für eine Beziehung gleichzeitig aber auch die so wichtige überpersönliche, gemeinsame Identität, ein Zusammen-Leben und ein Gemeinschafts-Sinn – und zwar in einer Version, in der sich alle Beteiligten selbst wiederfinden und in der sie darum sich und die anderen wohlwollend annehmen können.

Von hier aus ist es dann kaum noch ein kleiner Schritt, um zu erkennen, daß diese „Bündel-Lösung“ nur als unauflösliches Gesamtpaket zu haben ist, wodurch sie darum auch nur ganzheitlich funktioniert. Denn, um mich selbst aus meinem Ganzheits-Eintrag 57 zu zitieren »’Ganzheitlich‘ ist jeder Wunsch, jeder Gedanke, jede Handlung, wenn der daraus resultierende Vorgang möglichst vielen (oder noch besser: allen!) Beteiligten, die mit dem Vorgang zu tun haben, nutzt.«

Um dazu allerdings wirklich in der Lage zu sein, müssen wir – neben Selbst-Anerkennung und Fremd-Mitheineindenken – eine weitere unglaublich wichtige Eigenschaften trainieren, die auf meinem bLog immer schon einmal im Hintergrund hervorschimmerte (z.B. in Eintrag 33), nämlich die Ambiguitätstoleranz. Dieses eckige Wort wird angesichts weltweiter Krisen und zunehmender klaffender gesellschaftlicher Scheren derzeit wieder häufiger im Munde geführt – und „Ambiguitätstoleranz“ bedeutet schlicht „die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Personen sind in der Lage, Ambiguitäten, also Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen, ohne darauf aggressiv zu reagieren oder diese einseitig negativ oder – häufig bei kulturell bedingten Unterschieden – vorbehaltlos zu bewerten.“ (Wikipedia)
„Ambiguitätstoleranz“ ist also aktuell wieder ein rares, jedoch höchst nachgesuchtes Gut. Und das ist kein Wunder, da wir als „Kinder der Trennungsrealität“ (siehe Eintrag 26) aus angelernten Automatismen heraus reflexartig eher zum Fremdverurteilen und zum „uns-als-getrennt-von-etwas-Erklären“ hin tendieren. Und zwar leider sowohl was „die Anderen“ betrifft, als auch was eventuell widersprüchliche oder ungefügte Anteile unseres Kernselbst angeht³. Womit wir uns gewöhnlich genau den Weg zu nachhaltiger Beziehungsführung verbauen, die, wie der Psychologe und Gemeinschaftsforscher Scott Peck aufzeigte, auf Toleranz und Integration beruhen möchte:
»Gemeinschaft und Liebesbeziehungen verlangen von uns, dass wir es ein bisschen aushalten, wenn es ungemütlich wird. Beides verlangt ein gewisses Maß an Verbindlichkeit. Unser Individualismus muss durch Verbindlichkeit ausgeglichen werden. […] Vielleicht ist der wichtigste Schlüssel zum Erreichen dieses Ziels das Anerkennen von Unterschieden.«
Diese Textstelle habe ich bereits in Eintrag 33 angeführt, der Eintrag, in dem ich auch einen Song der Sängerin ‚Alice im Griff‘ zitiere. Ihr Lied zeigt für mich sehr schön, wo auf persönlicher Ebene Selbstverleugnung (einen AfD-Wähler daten) an Ambiguitätstoleranz grenzen kann (einem Omnivoren sein Fleischgericht lassen). Die Ambiguitätstoleranz mit Scott Pecks berühmter integrativer Frageformulierung „Warum denn nicht?“ muß in ethischen Mehrfachbeziehungen – insbesondere nach oligoamorem Modell – gewissermaßen unser alltägliches „Brot und Butter“ sein. Gerade weil wir dort sehr schnell selbst auf der „anderen Seite“ dieser Frage stehen können, wenn es um das „uns-Zumuten“ und für die anderen um das „uns-Aushalten“ geht. Diesen Zusammenhang beschreibe ich ausführlich in Eintrag 43, an dessen Ende ich zusammenfasse »Ohne die „Zumutung“ die wir für unsere vertraute Gruppe auf diese Weise vermutlich gelegentlich sind, könnten wir jedoch beim nächsten oder übernächsten Mal auch nicht ihr Held oder ihre Quelle allseitigen Wohlergehens werden. Mensch zu sein, miteinander zu sein, bedeutet, beides regelmäßig zu akzeptieren – an uns, wie auch an den Anderen.«

Das Zumuten oder Aushalten fällt uns aber emotional trotzdem immer noch häufig genug so schwer, daß wir uns regelmäßig wieder in die (künstliche) Trennung³ flüchten, damit „das alles da“ hoffentlich möglichst wenig mit uns zu tun hat. Womit wir uns aber sofort auch unserer Fähigkeiten zu Empathie und einfühlsamen Perspektivwechsel berauben. Wie lautete da gleich das Gandhi-Wort aus Eintrag 54: »Du und ich – wir sind eins: Ich kann Dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.«…
Unsere wiederkehrende Flucht in die Trennung ist also auf das ganzheitliche „Wir“ bezogen in etwa so, als ob wir selbst uns einen Arm oder ein Bein abtrennen würden: Stets schmerzhaft und dramatisch behindernd!

Wir sollten uns das nicht länger antun. Und das „uns“ meine ich an dieser Stelle sehr global, geradezu transpersonal. Denn Trennung ist künstlich, sie muß es ja sein, da sie doch immer nur eine recht dürftige Zuflucht ist, wenn wir in unserer Angst oder ähnlicher Bedrängnis nicht mehr wissen, wohin mit uns selbst.
Verbundenheit ist unser eigentlicher und natürlicher Zustand (siehe dazu auch Jean Liedloff in Eintrag 26), unser echter, ganzer und heiler Zustand.
In seinem genialen Werk Der Wolkenatlas läßt der Autor David Mitchell eine seiner Hauptfiguren erkennen:
»Alle Grenzen sind Konventionen, die darauf warten, überwunden zu werden. Man kann jede Konvention überwinden, wenn man sich dies zunächst wenigstens erst einmal vorstellen kann. In solchen Momenten spüre ich deinen Herzschlag so deutlich wie meinen eigenen, und ich weiß, dass Trennung eine Illusion ist. Mein Leben reicht weit über die Begrenzungen meiner selbst hinaus.«

Mit unserem Schritt in die Welt ethischer Nicht-Monogamie, wenn sie wirklichen diesen Namen verdient hat, haben wir bereits viele Konventionen überwunden.
Und indem wir beginnen, unsere menschlichen Verbindungen ganzheitlich zu denken, können wir in Beziehungsdingen trennende Kategorien wie „Freunde“, „Bekannte“, „Familie“, „Liebste“ zum Zwecke der Begrenzung von Gefühlsausdruck oder Erlebensmöglichkeit unterlassen.
Oligoamor wird es, wenn wir darin bei unserem Qualitätsmanagement danach streben, einer alle Zeiten und viele Kulturen umfassenden Ethik zu folgen, die Immanuel Kant 1785 in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten einmal folgendermaßen beschrieb (und die aber in vielen anderen Formen weltweit existiert):
»Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck (=Ziel), niemals bloß als Mittel (=Werkzeug/Methode) brauchst.«
Die jahrhundertealten buddhistischen und hinduistischen Dharmalehren besagen es noch kompakter:
»Füge nichts und niemandem Schaden zu – auch nicht Dir selbst.«
Und F .Veaux und E. Rickert konkretisieren:
»Schätze deine Partner*innen. Schätze dich selbst. Vertraue deinen Partner*innen. Sei selbst vertrauenswürdig. Respektiere die Gefühle der anderen und deine eigenen. Suche nach Freude für alle Beteiligten.
Steh zu deinem Sch#§$. Gib zu, wenn du Mist gebaut hast. Vergib, wenn andere Mist gebaut haben. Versuche nicht, Menschen zu finden, die du in die leeren Räume in deinem Leben stopfen kannst; stattdessen schaffe Platz für die Menschen in deinem Leben. Wenn du eine Beziehung brauchst, nur um dich vollständig zu fühlen, besorg‘ dir einen Hund.«


Besser könnte ich es nun auch nicht mehr sagen.

¹ Das „Standardwerk“ zur ethischen Non-Monogamie ist für mich nach wie vor das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² aus: Douglas Adams „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“; Band 3 seiner fünfbändigen »Intergalaktischen Trilogie«

³ „Ach komm, Oligotropos. So ein bisschen Trennung oder Abgrenzung ist doch normal-menschlich und gesund, damit sich nicht alles in so einem großen Gleichgültigkeitsbrei auflöst…“
Ist das so? Die von mir in Eintrag 39 erstmals zitierte Philosophin Hannah Arendt setzte sich ihr Leben lang mit der wissenschaftlichen Aufbereitung des Phänomens auseinander, wie grausig massenmordende Nazi- und KZ-Kommandeure abends gleichzeitig als liebende Väter und Ehemänner in ihren Familien interagieren konnten oder auch feinsinnige Rührung während der Klänge klassischer Violinkonzerte empfanden.
Die moderne Forschung hat offengelegt, daß ihnen dies nur durch eine kategorische und nahezu dissoziative „Verortungstrennung“ im Kopf gelang, die in den völkischen Strukturen des dritten Reichs einen traurigen Höhepunkt erlebte. Daß dafür ein über sehr lange Zeit gewachsenes, gesellschaftliches Klima von Isolationismus und Spaltung notwendig war, welches ein trauriges Beiprodukt abendländisch-dualistischer Geisteshaltung ist, zeigen jedoch z.B. Filme wie Das weiße Band. Diese Geisteshaltung ist bis in unsere heutige Gegenwart Teil dessen, was in Eintrag 26 als Trennungsrealität bezeichnet wird.

Danke an Tyler Nix auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 61

Oligotropos und die Oligoamory

Der Beginn eines neuen Jahres bietet ja oft zugleich Anlaß zu einem Rückblick auf das Bisherige. Und da ich dies im Januar 2020 erstmals auch getan hatte, möchte ich hiermit eine kleine „Tradition“ beginnen, mit einer erneuten Zusammenfassung meiner bisherigen Expeditionsergebnisse auf dem entlegenen Eiland der Oligoamory.

Das Auftaktjahr 2019 war geprägt von der Offenlegung oligoamorer „Rahmenparameter“.
Dazu zählte die Erkenntnis, daß die Oligoamory deutlich mehr mit Gemeinschaftsbildung und Zugehörigensuche gemeinsam hat als nur mit einem weiteren Machbarkeitsmodell für amouröse Mehrfachkonstellationen. Zwei Meilenstein dafür waren, den Zusammenhang herauszuarbeiten, daß Freiheit und Verbindlichkeit keine einander ausschließenden Gegensätze sind, und daß sich vermutlich hinter allen beginnenden menschlichen Nahbeziehungen nahezu zeitgleich ein unsichtbarer „Emotionalvertrag“ auszubilden beginnt, der wechsel- bzw. allseitig Zuschreibungen hinsichtlich des Gestaltungsspielraumes der Beziehung enthält.
Damit wurde eine Grundlage erkennbar, die zu einem hohen Grad an Bewußtwerdung auffordert, sowohl was die eigenen Potentiale und Hindernisse in punkto Beziehungsfähigkeit angehen, als auch in Sachen Mitgefühl und Kommunikation mit den anderen Beteiligten.
Auf diese Weise begann sich ebenfalls abzuzeichnen, daß „gute oligoamore Beziehungsführung“ ein stetes Engagement für allseitiges Vertrauen (inklusive Selbstvertrauen!) benötigt – und den Mut, sich neuen Entwicklungen und eigenen „blinden Flecken“ zu stellen.
In diesem Sinne stellte sich die Oligoamory als eine Art „Entwicklungsweg in liebenden Beziehungen“ heraus, auf dem alle Beteiligten einander bei der Hervorbringung der „besten Version ihrer selbst“ beistehen und motivieren.

In der Theorie sah’s noch einfach aus…

So ging es hinein in das Jahr 2020 – wo es nun wirklich häufig psychologisch wurde.
Im Januar lud ich – aufbauend auf den obigen Ideen – dazu ein, bei der Suche nach dem vermeintlich „Guten“ oder „Besseren“ gar nicht allzu weit in irgendeine verlockendere Ferne zu schweifen, sondern zunächst bei sich selbst und in den bereits vorhandenen Beziehungen Aufwertung, Sorgfalt und In-Friedenheit nachzuspüren.
Da überall dort, wo wir hingehen, wir „uns selbst mitnehmen“, ist dies buchstäblich eine der wichtigsten „Haus“-Aufgaben, da ein gemeinsames Ganzes – wie es Ziel der Oligoamory ist – eine verbindliche Mitte braucht. Und diese, so versuchte ich mit Eintrag 43 darzustellen, muß höchst menschlich sein und auf einem allseitigen Vertrauen errichtet werden, damit es allen Beteiligten erlaubt ist, sich einander auch verwundbar zeigen zu können.
Das Bekennen eigener Unsicherheiten und die Einsicht, daß „Vertrauen“ immer auch den ganz wichtigen Anteil des „sich Anvertrauens“ enthält, führte zu drei Einträgen, die sehr stark von humanistischen Gedanken geprägt waren:
Bereits in 2019 hatte ich dazu eingeladen, in der Oligoamory ein couragierter „Jemand “ zu werden, was ich in Eintrag 44 mit der Komponente erweiterte, in allen Bereichen des Lebens authentisch als die selbe Person aufzutreten. Unseren anderen Beziehungsbeteiligten kommt diese Einstellung in den der Oligoamory so wichtigen Werten Beständigkeit (Konstanz) und Nachvollziehbarkeit (Kohärenz) entgegen, wodurch alle Partner sich gegenseitig Einschätzbarkeit und Wertschätzung gleichermaßen erleichtern.
Eintrag 45 konkretisierte dies, indem ich darin für einen Beziehungsalltag warb, der die wichtige Stellgröße „Vertrautheit“ stärken würde – geprägt von einer Toleranz gegenüber menschlicher Fehlbarkeit, die schließlich zu Akzeptanz und im besten Fall sogar zu Respekt aufwachsen könnte.
In Eintrag 46 folgerte ich schließlich daraus, daß Bewußtmachung und Selbsterkenntnis ihren Ausgangspunkt in unserem Selbstwert haben – in dem Sinne, daß wir es uns selbst Wert sein sollten, uns in unseren liebenden Beziehungen „sicher genug“ zu fühlen, uns und die anderen ganz und gar zulassen zu können. In der (Selbst) Erkenntnis, daß die anderen uns in den meisten Belangen menschlichen Daseins sehr viel ähnlicher sind, als wir meist oberflächlich glauben, liegt nämlich der oligoamore Keim jeder wohlwollenden Sympathie verborgen.

Es folgte meine vierteilige Geschichte der Oligoamory 1 | 2 | 3 | 4 mit der ich zeigte, daß in der Oligoamory

  1. Unser Potential eigentlich immer größer ist als das, was wir uns zutrauen;
  2. jede Selbstgestaltung mit der Erlaubnis individuellen Fühlens und dem Zugang zu einem eigenen Seelenleben beginnt;
  3. Mehrfachbeziehungen dann gelingen, wenn sie eine ausgewogene Synthese aus Selbstverwirklichung und (Klein)Gemeinschaftsbildung repräsentieren;
  4. es einen steten Prozeß aus Bewußtseinsschaffung, Wahrnehmung, Berechtigung und Teilhabe braucht, damit alle Beteiligten sich auch in einem übergeordneteren Rahmen als wertvoll erkennen können.

In Eintrag 51 subsumierte ich die Ergebnisse dieses Vierteilers hinsichtlich der Dimension und der Tauglichkeit der Oligoamory als eine deontologische Geisteshaltung (klingt kompliziert, bedeutet aber in der Hauptsache, daß bei jeder Zielerreichung der Weg zum Ziel maßgeblicher ist als das letztendliche durchs-Ziel-Gehen – quasi gemäß dem Václav Havel-Zitat: »Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.«), ein humanistisches Menschenbild (wer hätt’s gedacht…) und ein Bemühen um Bewußtheit und Wachheit.
Konsequenterweise dreht sich darum der folgende Eintrag 52 noch einmal um die Themen „Übernahme von (Gesamt)Verantwortung“ und „persönliche Verantwortlichkeit “ innerhalb einer Beziehung.
Eintrag 53 erweiterte danach einen älteren Eintrag (14), wie wir denn unseren Stellenwert in einem gemeinsamen Wertemodell entsprechend einer verbindlichen Liebesbeziehung gut erkennen und zum Ausdruck bringen könnten. Die oligoamore Antwort ist, die anderen Beteiligten „mit in die eigenen Entscheidungen hineinzudenken“ und gleichermaßen zu erleben, wie diese einen selbst bei sich „mit-hineindenken“ würden.
Um dieses Erfahrung zu ermöglichen, zeigte ich in Eintrag 54, daß dazu in solch einem „gemeinsamen Ganzen“, wie einem (Liebes)Beziehungsnetzwerk, eine hohe Übereinstimmung in der Auffassung von Integrität und Verbindlichkeit vorherrschen müssten, da sich nur so Gleichwürdigkeit und allseitiger Respekt füreinander etablieren ließen.
Da solche übereinstimmenden Vorstellungen sich ja nicht von Anfang an automatisch herstellen, ergänzte ich in Eintrag 55, wie das eigene bewußte Bekenntnis zu den anderen Beteiligten bei diesem Prozess helfen kann, indem wir genau auch die eigene Heterogenität und die eigenen Spannungsfelder bekennen dürfen – gerade weil wir dabei die Chance erhalten, endlich einmal unsere reflexhaften Standardreaktionen von Kompensation oder Vermeidung fallenzulassen.
Hierfür fordere ich in Eintrag 56 dazu auf, möglichst alle Gefühle zu fühlen und auszuhalten (nicht nur die „angenehmen“)! und sich damit die Erlaubnis zu geben, sich wirklich von den Gefühlsenergien ergreifen zu lassen, da diese die Quelle echter Empathie und Identifikation sind.
Mit diesem Schritt „outete“ ich meine Oligoamory dann in Eintrag 57 als ganzheitliches System, in dem das aufeinander bezogene Fühlen, Denken und Handeln den Dreh- und Angelpunkt bilden. Auf diese Weise ist jedes Individuum in der Oligoamory sowohl Akteur als auch gleichzeitig erlebender Teil des Ganzen, wodurch ein hoher Grad an „sich-lebendig-fühlen“ erreicht werden kann.
Welches „Rüstzeug“ und welche Fragen bei den ersten Schritten in die Oligoamory günstig wären, wurde Thema in Eintrag 58
…und in Eintrag 59 widmete ich mich dem Mehrfachbeziehungs-Dauerbrenner Eifersucht, diesmal vom alltäglicheren Aspekt „Neid“ her, woraus sich ergab, daß die meisten von uns immer noch sehr häufig in inneren Abwärtsvergleichen denken, sowie in punkto Mitgestaltung und Selbstwirksamkeit nicht gut genug für sich selbst sorgen.
Eintrag 60 schließlich konkretisierte, was „Hingabe“ in der Oligoamory bedeutet: Der Mut, immer wieder in einer Liebesbeziehung den eigenen Ängsten gegenüberzutreten, um so aktiv einer Beziehungsvergiftung durch erlernte Annahmen und noch unerlöste Lebensfurcht vorzubeugen.

Ihr lieben Leser*innen, wie schnell ist eine „Jahrezusammenfassung“ gemacht.
Gleichzeitig stelle ich dabei fest, wie sehr doch ein bLog mit so einem Thema im Grunde genommen eine Selbstoffenbarung online und in XXL ist…
Denn persönlich muß ich bekennen, daß wohl schon lange kein Jahr mit seinen Geschehnissen im Außen mich selbst so sehr mit alten Ängsten und internalisierten Aufgebrachtheiten konfrontiert hat wie 2020.
Und da ich hier fleißig über die „ideale Oligoamory“ schreibe, hat dies mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie es denn in jener Hinsicht tatsächlich um die Grenzen meiner eigenen Beziehungs- und Liebesfähigkeit bestellt ist.
Aktuelles Beispiel: Ich, Oligotropos, habe 2020 eine Bundes- und Landesregierung erlebt, die sich in meiner Wahrnehmung wie meine einstigen autoritären Eltern verhielt: Trotz Nichtgenauwissens und bisweilen eigener Ohnmächtigkeit gegenüber einem hochkomplexen Sachverhalt, wurden mittels einer paternalistischen Diktion von Schuld- und Strafvokabular in schwer berechenbaren Abständen Restriktionen verhängt, die schon in ihrer Formulierung meist gleich die federführende Unanfechtbarkeit inkludierten…
„Boah, der Oligotropos… Ist der jetzt auch so ein covidiotischer Querdenker…?“
STOP
In der Tat ist hier sehr leicht zu sehen, wie schnell die Dinge aus den Fugen geraten können. Und wenn sie das in dieser Art im öffentlichen Diskurs können, wie schnell wird dies dann wohl erst in unseren persönlichen (liebenden) Beziehungen der Fall sein?
Bei Licht betrachtet, wäre ein*e ufobewohnende*r Beobachter*in, die*der mein Innenleben nicht kennen könnte und nur per Fernglas mich mit meiner Umgebung interagieren sähe, ob meiner oben getätigten Aussage sicher zutiefst verwundert. Wahrscheinlich würde sie, er oder es sogar sagen: „Der Oligotropos? Der lebt doch schon unter normalen Umständen quasi wie in Selbstisolation…! Warum ist er plötzlich so aus der Haut gefahren? Es hat sich doch nahezu gar nichts für ihn geändert! Gut ja, er setzt zum Einkaufen nun eine Maske auf. Aber früher ist er auch weder in Urlaub gefahren noch ist er auswärts essen gegangen, nicht in die Disco, fast nie ins Kino, trifft äußerst selten Bekannte, verläßt wenig das Haus, kaum seine Stadt… – was hat er denn jetzt?“ Und diese*r Ufobewohner*in hätte komplett Recht.
Denn unter meiner Oberfläche, unsichtbar für Ufobewohner*innen, zerre ich (um nochmal Frau Estés aus Eintrag 60 zu zitieren) meine eigenen totenschädelzähneklappernden Ängste und Kisten voller konservierter Ressentiments (um mich aus Eintrag 35 selbst zu zitieren) hinter mir her.
Ich kann nicht wissen, welches Urteil die Geschichtsbücher über unsere Jetztzeit und die gegenwärtigen politischen Entscheider*innen einmal fällen werden – aber leider merke ich, wie ich auf die Jetztzeit und die politischen Entscheider*innen reagiere – und bereits Urteile fälle.
Ich trage offensichtlich eine Brille – und wohl auch Hörgeräte – die mir das, was „da draußen“ derzeit geschieht, als „persönlichkeitsrelativierende Fundamentalkritik“ ¹ an mir selbst übersetzen. Ich, der ich aus dem oben zitierten, hochautoritären Elternhaus stamme, sehe konsequenterweise derzeit Werte wie (Handlungs)Freiheit, Autonomie und selbstbestimmtes Denken beschnitten. Hätten in meiner Geburtsfamilie mehr Fürsorge und echtes Mitgefühl eine Rolle gespielt, würde ich ganz sicher einigermaßen anders urteilen und vermutlich viel eher die zahlreichen umsichtigen Akte zum Schutz menschlichen Lebens, von Ideenreichtum und Solidarität sehen, für die ich aber biographisch eine deutlich schlechter trainierte Wahrnehmung habe.
Was wird also in meinen Liebesbeziehungen geschehen, wenn z.B. meine Bestandspartnerin zu mir sagt, daß, weil wir momentan dabei sind, die neue Terrasse anzubauen, ich gerade vielleicht nicht…
Egal was den zweiten Teil ihres Satzes nun konkret ausmachen würde: Meine innere biographische Autobahn (siehe auch Eintrag 36) hat schon auf „bevormundende Einschränkung meiner persönlichen Freiheit“ geschaltet – und in der dann unweigerlich anschließenden Diskussion werde ich fast jedes ihrer Argumente als „persönlichkeitsrelativierende Fundamentalkritik“ ¹ hören – zum Teufel mit radikaler Aufrichtigkeit oder gewaltfreier Kommunikation

Es würde viel Vertrauen, noch mehr Liebe, jede Menge Ent-Wicklung des traurigen Knochen- und Scherbenhaufens² und reichlich Mut von allen Seiten benötigen, selbst so eine vermeintliche „Kleinigkeit“ wieder einigermaßen in einen Zusammenhang zu bringen, der dem ursprünglichen Gesprächsauftakt angemessen ist. Und das, wo ich bei anderer Gestimmtheit eventuell in der Grundaussage auch Fürsorge für unsere Ressourcen und eine Bitte um Unterstützung hätte hören können…!

Ihr guten Leser*innen: Falls Ihr Euch jemals gefragt habt, in welchem visionären Wolkenkuckucksheim von Mehrfachbeziehungsparadies Euer Oligotropos wohl existieren möchte – und ob beim Niederschreiben seiner Ideale niemals seine Finger über der Tastatur gezögert hätten, dann bekenne ich freimütig: Ja, die Finger haben gezögert (gerade erst vor Kurzem massiv zur Halbzeit von Eintrag 58…) und nein, ein „Mehrfachbeziehungsparadies“ in dem allenthalben vollintegratives Wohlwollen herrscht und wo der stete couragierte Wind des Zumutens und Aushalten weht, das hat er selbst gleichfalls (noch) nicht verwirklicht. Denn auch ich nehme mich selbst überall hin mit, verfolgt von den Gespenstern meiner Vergangenheit und ebenso regelmäßig sabotiert von meinen darauf aufbauenden, allzu verzagten Annahmen über das eventuell Kommende.

Daher möchte ich Euch allen da draußen zusprechen, daß wir gut auf uns selbst achten sollten, gerade weil wir regelmäßig an unserem eigenen Temperament auch immer wieder einmal scheitern und verzweifeln werden.
Dann ist es gut, wenn da noch jemand anders bereit ist, mit einem den nun in der Ecke liegenden Knochen- oder Scherbenhaufen² zu entwirren. Und es ist ein enorm wichtiger Beitrag zu einer verständnisvolleren und friedfertigen Welt, wenn wir einander eingestehen können, daß uns unser eigener Enthusiasmus im Eifer manchmal aus der Kurve trägt, so daß wir ganz plötzlich wieder dem altbekannten Diktat unserer Angewohnheiten und Befürchtungen verfallen: Eingeschliffene – aber sehr lieblose – Bahnen, die uns nur allzu bereitwillig suggerieren möchten, daß wohl, wer nicht eindeutig „für“ – sicherlich doch ganz gewiss „gegen“ uns voreingenommen sein muß. Dabei sind es oft alte Stimmen aus unserer Vergangenheit, die uns da verfolgen und noch heute unsere lebendige Gegenwart kleinreden wollen – uns die Luft und die Sicht nehmen möchten, das wahrzunehmen, was eigentlich gerade „wirklich IST “.

Die irische Folksängerin Ursula O’Keeffe aus Kenmare dichtete dazu einmal die folgenden Worte:

»An dem Tag, an dem unsere Flügel stark geworden sind,
werden wir unsere Chance zum Fliegen ergreifen.
Und wenn unsere Äste hoch aufgewachsen sind,
werden wir den Himmel berühren.
An diesem Tag wird das Leben selbst kommen und uns sacht die Tür auftun,
und unsere Ängste aus vergangenen Tagen uns nimmermehr heimsuchen
³

Ich wünsche uns allen – da unsere Leben endlich sind – daß wir bis zu diesem Tag nicht mehr gar so viel Zeit verstreichen lassen, bevor wir uns miteinander darin erproben, kühne Flieger*innen und starke Bäume zu sein.




¹ Das Stichwort Persönlichkeitsrelativierende Fundamentalkritik ist hier bei uns zuhause mittlerweile durch viele Diskussionen und gelegentlichen Streitgesprächen zu einem fröhlich-vorsichtigen Signal geworden, wenn die Dinge drohen, zu hitzig zu geraten. Das ist oftmals dann der Fall, wenn eine Gesprächspartei sich durch irgendeine Bemerkung des Gegenübers in den Grundfesten ihres Daseins erschüttert sieht, sich abgewertet oder auch lächerlich gemacht glaubt. Sehr oft hat sich in diesen Fällen nämlich herausgestellt, daß die*der Betroffene dann plötzlich in einem alten Film gefangen ist, in dem frühere innere Kritiker und Beurteiler die empfangene Kommunikationsbotschaft in eine üble Selbstabwertung ummünzten, flankiert von einem modrigen Wust aufwallender einstiger Zurücksetzungen.
In den allerseltensten Fällen ist es jedoch so, daß insbesondere uns in Zuneigung verbundene Gesprächspartner*innen (selbst in Kontroversen!) solch eine Wirkung erzielen wollen.
Dann ist es gut, rasch den eigentlichen Grund der starken inneren Aufruhr in so einem Moment zu ergründen, um herauszufinden, welche tiefer sitzenden Ängste oder Verbitterungen gerade ausgelöst wurden – in der Hoffnung das Gespräch durch diese Wahrnehmung wieder zu einem konstruktiven Miteinander zurückzuführen.

² Mit dem „Knochenhaufen“ beziehe ich mich noch einmal genau auf den „Skelettmenschen“ aus Eintrag 60, den die Psychologin Clarissa Estés dort als Symbol für unser inneres Durcheinander aus Sehnsüchten und Ängsten nutzt.

³ Refrain des Titels „One Day“, 1992 © by Fairing (irisch: féirín = Geschenk); dies ist der Bandname von Ursula und Frank O’Keeffe aus Kenmare, Irland. Ihre musikalische Heimat ist Sliabh Luachra, ein abgelegenes ländliches Gebiet in Südwestirland, nordöstlich der Kerry Mountains.

Eintrag 60

Der Skelettmensch

In diesen Tagen und Wochen, in denen aus gegenwärtigen Gründen verstärkt das Risiko besteht, daß wir unsere Mitmenschen und das, womit sie uns konfrontieren, als Heimsuchung und Belastung empfinden, ist mir besonders eine Geschichte wieder eingefallen, die ich selbst ca. 1997 zum ersten Mal gelesen habe. Dargeboten wurde sie mir damals von der fabelhaften Clarissa Pinkola Estés in ihrem schon legendären Buch „Die Wolfsfrau“. Ich habe im Folgenden für diesen bLog die Geschichte etwas stärker hin zu einem Mehrfachbeziehungs-Kontext abgeändert, so wie sie an den Lagerfeuern der Oligoamoren mittlerweile erzählt wird.
In jedem Fall sei auch die ursprüngliche Version, das Buch¹ und die darin noch ausführlichere tiefenpsychologische Ausdeutung des Mythos allen meinen Leser*innen wärmstens empfohlen.

In dem großen Legendenschatz der Oligoamoren wimmelt es von Heroen und Ungeheuern, von Idolen, Sagengestalten und Monstern.
Manche dieser Geschichten haben selbst eine weite Reise hinter sich und stammen aus anderen Kulturen, wie das folgende Beispiel. Die Erzählung, die mal als „Die Skelettfrau“ und mal als „Der Skelettmann“ andernorts bekannt ist, heißt auf dem Eiland der Oligoamory schlicht „Der Skelettmensch“ und wird so neutral wie möglich erzählt, da die Essenz der Legende zu jedem sozialen oder biologischen Geschlecht passen könnte…

Niemand wußte mehr, wie dieses verlassene Menschenwesen einstmals auf den Grund der eisigen See geraten war. Jedenfalls lag es schon einige Zeit am Meeresboden, und die Fische nagten das Fleisch bis auf die Knochen ab und fraßen die kohlschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte es fortan unter dem Wasser, und das Gerippe wurde von der Strömung um- und umgedreht.
Die Fischer*innen der Gegend hielten sich fern von dem entsprechenden Ufer, denn es hieß, daß der Geist eines Skelettmenschen dort umginge.
Doch eines Tages kam ein*e junge*r Fischer*in aus einer fernen Gegend hergezogen und wußte nichts davon. Eine Angel wurde ausgeworfen und unser*e Fischer*in wartete, nicht ahnend, daß sich der Haken der Angel sogleich in den Rippen des Skeletts verfing!
Schon war der Zug zu spüren und unser*e Fischer*in dachte voll Freude: „Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen dicken Fisch an der Angel, von dem ich mich lange Zeit nähren kann. Nun muß ich nicht länger auf die Jagd gehen.“
Das Skelett aber, unter Wasser, verstrickte sich immer mehr in der Angelleine des*der ahnungslosen Fischer*in. Fast wäre unser*e Fischer*in dabei ins Meer gefallen, doch dann wurde das Skelett mit aller Kraft aus dem Meer emporgehievt. Aber „Aiii!“, und „Igitt!“ schrie unser*e Fischer*in beim Anblick dessen, was da klappernd, mit Muscheln und Getier bewachsen, in der Leine hing. Dem Scheusal wurde flugs noch ein Hieb mit der Angelrute versetzt, dann floh unser*e Fischer*in so schnell es ging hinfort vom Ufer.
Aber das Skelett hing ja weiterhin an der Angelleine, und da unser*e Fischer*in die kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte das Skelett, wohin der Weg auch ging: Über Erhebungen und durch Vertiefungen blieb das zappelige Skelett so bis zum Einbruch der Nacht auf Verfolgerposition. Doch schließlich war unsere Fischer*in endlich bei der heimischen Hütte angekommen.
In Windeseile keuchend durch den Eingang stürmen und zitternd vor Schreck auf dem gemeinsamen Lager des*der bereits schlafenden Partner*s*in niedersinken war da beinahe eins.
Im Inneren der Hütte herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was die beiden Bewohner empfanden, als sie nach einer Weile eine Öllampe entzündeten und nicht weit von ihnen, in einer Ecke der Hütte, ein völlig durcheinander geratener Knochenhaufen lag: Ein Knie des Skeletts steckte in den Rippen, das andere Bein war um die Schulter verdreht – und alles war in die lange Angelleine verstrickt. Der*die Partner*in unsere*s*r Fischer*s*in war erst entsetzt und dann zornig darüber, was da als Anhang ins Haus gekommen war. Doch draußen war es noch kälter geworden und der Wind rüttelte bereits am Gebälk der Hütte.
Was genau die beiden Bewohner*innen dann veranlaßte, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, das wußte später keiner mehr so genau. Vielleicht lag es an der drohenden Einsamkeit außerhalb – aber vielleicht war es auch das warme Licht des gemeinsamen Herdes, welches den Totenkopf des Skeletts nicht mehr ganz so gräßlich aussehen ließ. Beide empfanden jedenfalls plötzlich Mitgefühl mit dem Gerippe.
„Na,na“, murmelten sie leise vor sich hin und verbrachten die halbe Nacht damit, alle Knochen des Skeletts behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und es schließlich sogar in warme Gewänder zu kleiden, damit es nicht länger fror. Danach schliefen sie erschöpft ein und bloß von dem überwundenen Schrecken rannen ihnen noch ein paar Tränen über die Gesichter.
Das Skelett aber kroch nun an ihre Seite, näherte sich mit dem Mund ihren Wangen und trank vorsichtig diese Tränen. Danach trommelte das Skelett auf die Herzen der Schlafenden und begann leise zu singen: „Oh Fleisch, Fleisch, Fleisch…“, und „Oh Haut, Haut, Haut…“. Und je länger es trommelte, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf die Knochen. Das Menschenwesen sang für alles, was ein Körper brauchte, für dichtes Haar, für klare Augen, eine gute Nase, feine Ohren, geschickte Hände, starke Hüften und einen beweglichen Körper.
Und als es fertig war, sang es die Kleider der Bettgefährten fort und kroch zu ihnen unter die Decke. Es schmiegte sich eng an beide, Haut an lebendige Haut. So erwachten alle, eng umschlungen, fest aneinander geklammert.
Es heißt, daß diese neuen Gefährt*innen von diesem Tag an nie mehr Mangel leiden mußten, weil sie sich fortan vor nichts mehr fürchteten, und viele unserer Leute glauben es darum heute noch.

Die Eingeborenen des Eilands der Oligoamory lieben diese etwas gruselige Geschichte, weil sie alles enthält, was eine wirkliche Liebesgeschichte braucht: Die Suche nach dem „nährenden Schatz“, der das ewige „Herumjagen“ beenden soll, das Finden des „Schatzes“, den man aber eigentlich immer erst einmal aufgrund von „Äußerlichkeit“ nicht richtig zu schätzen weiß, eine darauf folgende Phase von Flucht und Ablehnung, schließlich eine „Ent-Wicklung“ und den Mut zu Vertrauen und Entspannung, wodurch die Integration von persönlichen Vergangenheitsängsten und Wunschträumen in eine tragfähige Beziehung gelingt.

Läßt man sich auf die Geschichte ein, so wie die phantasiebegabten Inselbewohner es tun, dann scheint sie insbesondere für einen non-monogamen Kontext wie geschaffen zu sein, der alle Beteiligte ja doch viel wahrscheinlicher mit Möglichkeiten neuer Beziehungsanbahnungen konfrontiert, als die brave „Alte Welt der Monogamie“ es gewöhnlich tut. Frau Estés schreibt über diese „Anbahnungen“:
»Die erste Phase der Liebe wird in Dutzenden von Geschichten aus aller Welt beschrieben. Und auch in dieser Geschichte fängt die*der Fischer*in sich dabei „mehr“ ein, als erhofft wurde. „Oh, das ist ja ein Riesenfisch!“, denkt sie*er voller Vorfreude, nicht ahnend, daß im nächsten Moment eine „Beute“ ans Licht kommt (und „Wasser“ steht ja psychologisch fast immer für unser Unbewusstes!), welche die eigenen Kräfte zunächst einmal überfordert. […] Unbedarfte Fischer*innen wissen noch nicht, was genau sie in Wahrheit suchen, ausgehungert werfen sie die Angel aus, um eine innere Leere zu füllen; die seelisch Verwundeten fischen nach Trostspendern für frühere, schmerzhafte Verluste.
Das vergnügungssüchtige Ich der meisten Liebesfischer*innen ist bei genauerem Hinsehen sogar oft nicht an Liebe interessiert, sondern an unterhaltsamer Zerstreuung. Dann sagt das Ego² Dinge wie: „Ich wollte doch nur ein bißchen Spaß mit XY haben. Warum werde ich plötzlich mit diesen Verwicklungen und Ängsten konfrontiert? Damit will ich nichts zu tun haben!“
[…] Kaum eine*r von uns ist zu Anfang bereit, für eine zutiefst erfüllende Liebe zu arbeiten. Am liebsten wäre es uns, wenn der einmal an Land gezogene „Schatz“ keine weiteren Ansprüche stellen würde. Klar, wir wissen natürlich, daß man sich auf diese Weise nie selbst weiter-entwickeln, und dadurch auch nie selbst für andere zum „Schatz“ werden kann.«

Die Geschichte beschreibt nach diesem wackeligen Start, daß auch mögliche Bestandspartner*innen keineswegs mit Entzücken oder gar sofortiger „Mitfreude“ auf dieses neue „Un-Vertraute“ reagieren, was da mit ins gemeinsam begründete „Haus“ gebracht wird. Da ist es vielmehr wie in der „Geschichte von Anday und Tavitih“: Das „Aufschreckende“ wird, ob man will oder nicht – bewußt oder unbewußt – in jedem Fall mit in das bereits Bestehende „eingeschleppt“. Plötzlich „steht es im Raum“, eine „ganze Welt tritt hervor³“. In der Geschichte steht die entzündete Öllampe wiederum als Symbol für diese Bewußtwerdung, welche das, was da als Anhang im Dunkeln des Unterbewußtseins hereinkam, deutlich „erscheinen“ läßt.
Das „Hereinbrechen“ einer ganzen neuen Welt in eine Bestandsbeziehung konfrontiert alle beteiligten Partner*innen augenblicklich mit dem Thema „Endlichkeit“ (darum ist das Bild eines Skeletts als Neuankömmling wirklich passend!): Sowohl die eigene Endlichkeit und Begrenztheit wird angerührt (u.a. Schwachstellen im Selbstbild wie z.B. alte Wunden und Verletzungen, Angst vor schwindender Attraktivität etc.) als auch die Endlichkeit der Beziehung – und sei es nur, daß diese ab jetzt nicht wieder so sein wird wie noch vor wenigen Augenblicken…

Meine Version der Erzählung deutet an diesem Punkt daher auch zwei mögliche Verläufe an: Vielleicht wird die „gemeinsame Hütte“ nun den bereits aufkommenden Sturm nicht aushalten. Möglicherweise treibt das Geschehene die Bewohner*innen auseinander, wird Einsamkeit (oder meinethalben sanfter: ein Alleinsein) im Außen einer „Auseinander-Setzung“ im Inneren vorgezogen.
Die Geschichte will aber mit dem Beschreiben der anderen Möglichkeit Hoffnung machen: Denn es ist offensichtlich nicht (nur) die Angst vor Einsamkeit, die die Beteiligten aneinander festhalten läßt. Da ist auch das warme Licht von Öllampe und Herd, „welches den Totenkopf des Skeletts nicht mehr ganz so gräßlich aussehen läßt“. Und damit deutet die Geschichte auf die bereits vorhandenen Ressourcen der Bestandsbeziehung – in diesem Fall Licht (dem Willen zur Bewußtmachung) und Wärme (Mitgefühl, Empathie). Und noch mehr: Wie in dem altbekannten Sprichwort vom „goldeswerten Herd“ steht ein solcher auch ganz buchstäblich für eine belastbare, materielle Basis, mit der dort, wo es für zwei reicht, auch für „mehr als zwei“ ein Auskommen gelingen kann.

Doch in der Geschichte ist in diesem Moment eben noch gar nicht sicher, ob dieses „miteinander Auskommen“ überhaupt funktionieren wird. Frau Estés erläutert:
»Wenn die Dinge in einer Liebesbeziehung verwickelt und furchteinflößend werden, sehen die meisten von uns auch schon das Ende nahen. […] Denn tatsächlich ist man nie „vollkommen bereit“, der Zeitpunkt kommt nie gelegen.«
In dem entsprechenden Kapitel ihres Buches betont sie, daß es sich an dieser Stelle meist gerade die Selbstgerechten am einfachsten machen würden, indem diese in einer Krise alles Schwere und Schwierige ablehnten und sich auch noch zu ihrer „Freiheit von solcherlei Niederungen“ gratulieren würden.
Als jungianische Psychologin legt Frau Estés in ihrem Buch das „Schwere“, „Schwierige“ und „Unschöne“ indessen unverblümt als unseren Mangel an Beständigkeit und Durchhaltewillen offen, gepaart mit einem Selbstbild, welches dazu beitrüge, vorschnell zu verurteilen und dabei das Trennende statt das Verbindende betonen würde (Stichwort „Trennungsrealität“):
»Ein Skelett zu entwirren bedeutet, in unendlicher geduldiger Kleinarbeit herauszufinden, auf welche Weise alles zusammenhängt. Und dabei stoßen wir auf den Widerstand des Egos, speziell wenn es um Aufgaben geht, die gleich auf den ersten Blick mit Angst verbunden sind.«

In der Geschichte finden die Protagonist*innen den Schritt zum Mitgefühl, weil sie „bei Licht besehen“ erkennen, daß das, was da in ihr Haus gekommen ist, im Grunde doch ein Mensch ist wie sie selbst. Und das ist ja genau genommen bereits der Kern von Mitgefühl, diese Erkenntnis: „Das da“ fühlt vermutlich das Gleiche wie ich – womit eine Grundlage für wechselseitiges Verstehen begründet wird.
Der deutsche Schriftsteller Julius Grosse schrieb einmal: »Wo sich das Mitgefühl einfindet, ist es bis zur Liebe nur noch ein Schritt.« In der Tat trifft dies in der Geschichte ebenfalls zu, denn zum Mitgefühl muß sich – bevor die Liebe endlich einziehen kann – noch eine weitere „Zutat“ hinzufinden.
Die Aphoristikerin Marie von Ebner-Eschenbach formulierte dahingehend schon 1880: »Vertrauen ist die schönste Form von Mut und wird durch Beständigkeit gebildet.«
Genau um diese Herstellung von Vertrauen unter den Beteiligten geht es im letzten Teil der Legende, nachdem das „erste Durcheinander“ geordnet worden ist. Als Symbol für dieses Vertrauen wird in der Geschichte der Schlaf verwendet, in dem wir ja alle allnächtlich komplett ungeschützt und verletzlich werden. Was in der Erzählung fast wie ein magischer Akt wirkt, ist in Wirklichkeit exakt der „Sprung ins Vertrauen“, für den es den oben erwähnten Mut braucht, weil es um nichts anderes als größtmögliche Selbstoffenbarung für alle Beziehungspartner*innen geht – in den Worten von Frau Estés:
»Die Tränen ziehen das Skelett näher zu dem Paar [der Bestandsbeziehung]. Ohne diese Tränen wäre es ein Knochenbündel – und damit nur bloßes Liebesobjekt – geblieben.
Die Tränen stehen für Trauer und (Selbst)Heilung: Wir alle haben irgendwann einmal gehofft, daß eines Tages jemand kommt, der all unsere Wunden heilt, uns jede Bürde abnimmt. Es kann Jahrzehnte dauern, bevor wir herausfinden, daß niemand uns diese Arbeit abnimmt, schon gar nicht, wenn die eigenen Wunden nach außen projiziert werden, um der innerlichen Beschäftigung mit ihnen zu entgehen.
«

Jetzt kommt es also darauf an, ob der Übergang von einer Phase uneingestandener Ängste (wenn auch bereits von Mitgefühl begleitet) zu größtmöglicher Offenheit und Aufrichtigkeit gelingen wird. Denn nun, wo es um Vertrauen geht, wird sich zeigen, aus welchem Holz auch die anderen Beteiligten in der Beziehung – bzw. in der Geschichte: die Trommeln ihrer Herzen – geschnitzt sind: Wird die Beziehung „Fleisch“ – also Substanz – bekommen, so wie es in der Erzählung offenbar gelingt?

Als Autor dieses bLogs schätze ich die Geschichte von Frau Estés, weil sie darin die Psychologie der Liebe mit den für die Oligoamory wichtigen Motiven von Romantik und Dynamik verbindet:
»Der Skelettmensch führt uns vor, daß Gemeinschaftlichkeit über alle Mehrungen und Minderungen, alle Enden und Anfänge hinweg etwas erzeugt, was wir als wahre Liebe und wahre Hingabe empfinden. […] Im Verlauf einer Liebe werden zahllose Tode gestorben, viele, scheinbar endgültige Endpunkte erreicht, und doch existiert das Wesen der Beziehung fort, solange die Beteiligten begreifen, daß der ewige Wechsel zwischen Werden und Vergehen das wahrhaft Konstante in jeder Beziehung ist. Wer unbewußt davon ausgeht, daß Endpunkte unmöglich schon den nächsten Ausgangspunkt in sich bergen können, ist zu fatalistisch, um auch nur ein einziges sogenanntes Ende innerhalb einer Beziehung zu ertragen. Dann wird der Horror zu übermächtig, um sich voll und ganz auf seine Partner*innen einzulassen, weil solche Hingabe letztlich nichts anderes bedeutet, als sich den Zyklen immer neuer Enden und Anfänge willentlich auszuliefern.«

In der Essenz:
»Die Geschichte beschreibt, was Ängste (=Todesenergie) von einer Beziehung verlangen: Sie verlangen, das Tränen, also echte Gefühle, daß Herz gegeben wird. Sie verlangen, daß alle Beteiligten damit verschmelzen und sie ertragen können, daß ihre Verbindung dadurch weit mehr beinhaltet als „lieb zueinander zu sein“. Sie verlangen, daß Liebe auf gemeinsamen Lernwillen beruht und der Bereitschaft, alten Kräften gegenüberzutreten. […]
Ruhelos liegt die (Todes)Angst unter der Oberfläche jeder Beziehung, und zwar so lange, bis sie es geschafft hat, sich im Bett
[also gewissermaßen im innersten und intimsten Ort] breitzumachen, und es kein Entrinnen mehr gibt. Werden dann Tränen verstehenden Mitgefühls vergossen, werden die Beteiligten tausendfach belohnt […] und alle leben, jawohl, in Glück und Frieden miteinander, ineinander, durch einander fort.«



¹ „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“ (urspr. 1992), überarbeitete und erweiterte Ausgabe 1997, Heyne-Verlag; die Autorin Dr. Clarissa Pinkola Estés (*1945) ist Tochter mexikanischer Eltern , promovierte im Bereich multikultureller Studien und klinischer Psychologie, ist aktive jungianische Psychoanalytikerin und Erzählforscherin sowie Trägerin der Ehrenmedaille für Soziale Gerechtigkeit in den USA.

² Frau Estés verwendet den Begriff „Ego“ als jungianische Psychologin für unser selbstentworfenes, eher statisches Selbstbild, welches wir als Eigenbewertung über uns selbst konstruieren. Damit orientiert sich das psychologische „Ego“ tendenziell am „Gewohnten/Herkömmlichen“ und steht Neueinschätzung und Erfahrungserweiterung vermehrt skeptisch gegenüber.

³ Bezieht sich auf das von mir in Eintrag 6 verwendete Zitat der Schriftstellerin Anaïs Nin »daß jeder neue Mensch für eine neue Welt in uns steht, die möglicherweise nicht geboren wurde, bis dieser neue Mensch in unser Leben kommt – und daß nur durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten kann.«

Und Dank an Ekaterina Kuznetsova auf Unsplash für das geniale Foto!

Eintrag 59 #Neid

Gelb, gelb, gelb ist alles was ich hab’…¹

Neulich schrieb ich an eine Bekannte, daß, wenn es polyamore Mehrfachbeziehungen beträfe, in fast allen Fällen, in denen Betroffene über das Aufflammen von „Eifersucht“ klagen würden, ich aus meiner Sicht stattdessen nahezu immer guten alten, handfesten Neid erkennen könne. Und wenn ich mir dann Sherlock-Holmes-mäßig die Rahmenumstände der einhergehenden Szenarien vorknöpfte, dann fände ich mittlerweile nahezu regelmäßig sogar recht plausible Gründe für diesen guten alten, handfesten Neid bei den Betroffenen – bzw. im Privilegienverhalten ihrer „getroffenen“ Partner*innen. Und Neid wäre wegen dieser Privilegien daher auch oftmals angebracht – und würde nach meinem Empfinden häufig auf eine Diskrepanz im (Ermächtigungs)Verhältnis der Beteiligten oder einen blinden Fleck im Emotionalvertrag hinweisen.
Warum, glaube ich, ist das so?

Die „Biologie des Neides“ führt uns in die Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Forscher Giacomo Rizzolatti, Vittorio Gallese und Leonardo Fogassi im Hirn von Makakenäffchen die später sogenannten „Spiegelneuronen“ entdeckten: Als im Nebenkäfig ein anderes Äffchen eine Rosine erhielt, „feuerten“ bestimmte Neuronen im Hirn des diesen Vorgang beobachtenden Nachbaräffchens, als hätte es selbst diese Rosine erhalten.
In den nachfolgenden Jahrzehnten zeigten weitergehende Forschungen allerdings, daß diese „Spiegelneuronen“, die eng mit unserem hirneigenen „Belohnungszentrum“ verknüpft sind, so ihre Tücken hatten: Äffchen, die zunächst wochenlang mit Wohlbehagen Gurkenstückchen gefuttert hatten, verweigerten diese konsequent, sobald sie einmal mit einer (süßeren) Weintraube gefüttert wurden. Ebenso handelten demgemäß dann auch ihre zuschauenden Käfignachbarn, obwohl diese niemals eine Weintraube erhalten hatten. Sind wir also, wenn wir neidisch sind, so etwas wie „fremdbestimmte Äffchen“?
Der indische Neurologe Vilayanur Ramachandran verkündete hingegen im Jahr 2000, daß „dank dieser Zellen das Gehirn mühelos eine beobachtete Szene in etwas selbst Erlebtes übersetzen könne“ und prognostizierte, daß hier ebenso die Wurzeln für Mitgefühl zu finden seien sowie die neuronale Basis der Fähigkeit, andere zu verstehen.
Doch noch einmal 10 Jahre später stellten Wissenschaftler wie Kai Vogeley in Köln oder Claus Lamm in Wien fest, daß Spiegelneuronen lediglich erst einmal nur eine beobachtete Handlung als solche registrieren und Aktionen anderer nachvollziehbar machen würden. Gelte es jedoch, sich in eine handelnde Person hineinzuversetzen oder deren Emotionen mitzuempfinden, müsste unser Gehirn anderen Systemen, die zu weiten Teilen von persönlichen Erfahrungen abhingen, das Feld überlassen.
Der Hirnforscher Richard Kinseher präzisierte: Unser Gehirn sei dazu da, daß es uns unmittelbare und schnellste Reaktionen auf eine aktuelle Situation ermöglichen würde, um unser Überleben zu sichern; Schnelligkeit ginge dabei vor Genauigkeit. Würden wir eine Aktivität wahrnehmen, dann aktiviere unser Gehirn sofort die am besten zu diesem beobachteten Ereignis passenden Erfahrungen aus dem Gedächtnis. Dieser Vorgang wäre ein „Wieder-Erleben“ (= „Ressentiment“) einer gespeicherten Erfahrung. Indem wir eine Situation wieder-erlebten, könnten wir sie schnellstmöglich verstehen – wobei aber gleichzeitig mit der re-aktivierten Erfahrung auch stets dasjenige Wissen aktiviert würde, das wir beim Erlernen des ursprünglichen Erlebnisses erfahren hätten. Dieses Re-aktivieren von Erfahrungen als „Wieder-Erleben“ wäre so zwar eindeutig ein „Vor-Urteil“ – aber als solches sei es der Anfang einer neuen Entscheidungskette, in deren Verlauf nachjustieren und korrigieren möglich wäre, wenn genug Zeit dafür bleiben würde.

Letztere Darstellung – nämlich genau die mit dem „Ressentiment“, welches ich auch schon in meinem Eifersuchtseintrag 36 beschreibe – stellt in diesem Sinne „Neid“ viel eher in den Kontext unserer Psychologie als unserer Biologie.
Und dafür ist die Wahrscheinlichkeit auch weitaus höher, denn schon 430 v. Chr schrieb der griechische Philosoph Hippias von Elis: »Die neidischen Menschen sind doppelt schlimm dran: Sie ärgern sich nicht nur über das eigene Unglück, sondern auch über das Glück der anderen.« Womit Hippias bereits vor über 2000 Jahren verdeutlichte, daß Neid den bewußten „Abwärtsvergleich“ benötigt. Wie nötig, das hat für mich dann nur noch ein mittelalterlicher Sinnspruch besser ausgedrückt: »Neid ist gegen sich selbst ein harter Richter, gegen andere ein Tyrann.« – womit deutlich wird, daß ein neidischer Mensch nicht nur mit „Benachteiligungsverdacht“ seine Umgebung peinigt, sondern in vorderster Linie sich selbst so betrachtet.

Den soeben erwähnten „Abwärtsvergleich“ hat die emeritierte Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Verena Kast sehr gut folgendermaßen charakterisiert:
»Wenn wir den Stich des Neides in uns fühlen, oder wenn wir ganz und gar von Gefühlen des Neides überschwemmt werden, dann fühlen wir uns nicht gut, wir fühlen uns dann in jedem Fall in der „schlechteren Position“, haben die Überzeugung, im Vergleich zu anderen in ganz ungerechtfertigter Weise schlechter wegzukommen, ohne eine Möglichkeit zu haben, dies in irgendeiner Weise zu ändern.« und sie ergänzt »In Situationen, die unseren Neid ansprechen, sind wir nicht objektiv: Wir neigen dazu die Leistungen, das Wesen, die Besitztümer der anderen mit einem Vergrößerungsglas zu sehen, unsere eigenen mit einem Vekleinerungsglas.«²

Was geschieht denn nun aber eventuell ganz genau in uns, wenn wir in einer „geöffneten“ Beziehung – oder auch in einer bereits etablierten Mehrfachbeziehung – unsere Partner z.B. mit einem neuen Menschen erleben; insbesondere wenn diese dann miteinander Zeit verbringen, vielleicht sogar Kurzurlaube unternehmen, Sexualität teilen?
In einem meiner Kommentare zu Eintrag 36 vergleiche ich Eifersucht mit Curry, indem ich diese als „Mehrkomponentenemotion“ bezeichne. Ganz Ähnliches schreibt Verena Kast über den Neid:
»In der Emotion, die wir „Neid“ nennen, sind verschiedene andere Emotionen wirksam, zum Beispiel Trauer, Wut und Hass. Neid ist also ein zusammengesetztes Gefühl; das heißt, dass einzelne der beteiligten emotionalen Komponenten mehr im Vordergrund stehen können. […] Mit Neid als einem benennbaren Gefühl können wir in der Regel noch umgehen. Neid kann uns aber auch als ein sehr heftig aufwallendes Gefühl, als Affekt, überfallen, so dass nichts mehr in unserem Leben zählt – zumindest für eine gewisse Zeit – , außer dem Beneideten, dem Neid und den Überlegungen, wie man sich von diesem schrecklichen Affekt befreien könnte, was sich dann meistens in Rachefantasien niederschlägt.«
Hierbei kommt das zum Tragen, was Richard Kinseher oben „Wieder-Erleben“ und „Re-Aktivierung“ nannte und was ich in Eintag 36 als die „Autobahn im Kopf“ bezeichnete: Eine im Laufe des Lebens, durch vielerlei ähnlich gelagerte und verknüpfte Erlebnisse hervorgerufene, ansteigende Manifestation von situativ persönlicher Zurücksetzung, von erlittenem Ausgeschlossensein und hingenommener Nichtbeachtung. Ja, es ist richtig, daß solche Episoden selbstverständlich subjektiv irgendwann einmal in der Persönlichkeit der „neidenden“ Person entstanden sind. Verena Kast konkretisiert dahingehen:
»Die „Missgunst“ wie der Neid auch genannt wird, ist eine Mischung aus Angst, Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht, von Ärger, Feindseligkeit und Gefühlen der Minderwertigkeit, verbunden mit Gefühlen von – meist unterdrückter – Trauer. […] Es ist die Reaktion darauf, dass wir [in unserem Inneren immer noch!] nicht jederzeit das beste Kind der liebsten Mutter sind.«
Verena Kast erläutert die Konsequenzen: »Wir fühlen uns verletzt in unserem Selbstwertgefühl. Zugegeben oder nicht, wir geraten aus unserer Selbstwertbalance, wir müssen unseren Selbstwert neu regulieren. […] Denn Neidgefühle sind – zwar meistens maskiert – ungeheuer aggressive Gefühle; sie sind Angriffe auf unser eigenes Selbstwertgefühl und auf das Selbstwertgefühl anderer Menschen. Wird unser Selbstwertgefühl aber ständig angegriffen, dann sind wir viel weniger kreativ, als wir es sein könnten, sind viel weniger kompetent im Umgang mit dem alltäglichen Leben; wir sind viel weniger zufrieden, als wir es sein könnten, und wir reagieren leichter mit Feindseligkeit.«
Während Richard Kinseher oben also noch beschrieben hatte, daß wir in einer Entscheidungskette doch noch nachjustieren und korrigieren könnten, wenn genug Zeit dafür bleiben würde – dann ist hier sehr leicht zu sehen, daß wir dies in einem „Ressentiment-Moment“ des Neides allerhöchstwahrscheinlich kaum noch fertigbringen werden. Womit auf der Hand liegt, daß – genau wie bei der Eifersucht – ein „fortgesetzter Angriff auf das Selbstwertgefühl“ – z.B. dadurch, das die Umgebung keinerlei Rücksicht auf die eifersüchtige Person nimmt und auf einen „Abhärtungseffekt durch Gewöhnung“ setzt (indem etwa Art, Frequenz und Dauer der Treffen mit neuen/anderen Partnern beibehalten werden), eher den gegenteiligen Effekt einer alsbaldigen Eskalation herbeiführen werden.

Warum habe ich aber in meiner Anmoderation insbesondere von einer Diskrepanz im (Ermächtigungs)Verhältnis der Beteiligten oder einem blinden Fleck ihres Emotionalvertrages* gesprochen?
Eine Schlüsselstellung nimmt hier das oben erwähnte „innere beste Kind der liebsten (inneren) Mutter“ ein. Denn genau genommen legt diese Formulierung ihren Finger in eine Wunde unserer eigenen Selbstfürsorge. Für die wir heute ja doch alle in erster Linie selbst zuständig sind, da unsere biologischen Eltern gewöhnlich nicht mehr auf den Plan treten werden, um vergangene Defizite hinsichtlich einstiger Zurücksetzung, Ausgeschlossensein und Nichtbeachtung für unser „inneres Kind“ nachträglich wiedergutzumachen. Haben wir jetzt also unsere Partner*innen in der in Eintrag 58 beschriebenen „Bedürfniserfüllmanier“ nun als Pflaster in solche Defizitlücken gestopft, dann müssen wir nun erneut auf bitterste Weise realisieren, daß ein anderer Mensch für solch einen „um-zu-Zweck“ niemals nachhaltig tauglich sein kann.

Was aber, wenn wir das „Pflaster“ oder die „Bedürfniserfüllung“ der anderen sind – bzw. unsere bislang eingegangenen Partnerschaften allseitig über weite Strecken auf dieser Prämisse aufbauen?
In diesem Fall wird das Phänomen „Neid“ seinem Status als vollwertige Emotion zu 100% gerecht – indem sämtliche Emotionen grundsätzlich für uns als überlebenswichtige Warn- und Signalmechanismen gedacht sind – und die uns deswegen ja gerade in den Zustand von Selbstbewahrung und Selbstwirksamkeit versetzen sollen. Verena Kast verdeutlicht diesen Mechanismus folgendermaßen und appelliert an unsere Eigenkompetenz:
»Das Gefühl des Neids signalisiert uns, anders ausgedrückt, dass wir nicht mehr einverstanden sind mit uns selbst. Entweder müssen wir nun mehr aus unserem Leben machen, oder wir müssen die Vorstellung von uns selbst verändern, diese der Realität anpassen oder aber die Realität verändern.«

Wie ich das verstehe? Oberflächlich betrachtet könnte Neid vielleicht so erscheinen, als ob die neidische Person bei Leitungswasser und Knäckebrot dem Rest der Welt vorwerfen würde, in ihrer Abwesenheit in Gummibärchen zu schwelgen. Auf einen partnerschaftlichen Emotionalvertrag angewendet, könnte man nun vielleicht der neidischen Person die bereits erwähnte „Missgunst“ vorwerfen, in dem Sinne, daß – wenn es nach der eifersüchtigen Person gehen sollte – sich niemand jemals etwas „gönnen“ dürfte: Der Mangel müsste wahrnehmbar auf alle gleichmäßig verteilt sein, denn erst dann, und nur dann, wäre es ok.
Tatsächlich bin ich, Oligotropos, einige Jahre so einem Trugschluß aufgesessen (nicht als Eifersüchtiger, jedoch als davon vermeintlich „Eingeschränkter“).
Eigentlich ist aber diese trübe Denkweise eine 180°-Verkehrung des Prinzips, zu welchem ich mit der Oligoamory mittlerweile einladen möchte: Genau die Fülle, das „Mehr als die Summe“, muß wahrnehmbar für alle Beteiligte gleichmäßig verteilt sein!

Konkret kann dies dementsprechend also nicht bedeuten, eine Person wöchentlich mehr als 40 Stunden zur Erwerbsarbeit zu schicken, während eine andere die so gewonnene „Tagesfreizeit“ als Gelegenheit für abwechslungsreiche Dates nutzt. Noch mehr gilt das für Urlaube jeder Art, die Teile einer sogenannten Mehrfachbeziehung 1:1 miteinander ohne die übrigen verbringen wollen, da ganz abgesehen von der Ressource „Zeit“ hier fast in jedem Fall auch die Ressource „Geld“ betroffen ist – bei der dringlichst geschaut werden muß, inwieweit sie gemäß bestehender Verbindlichkeiten aus konkludenten Emotionalverträgen von wem und in welcher Art beigesteuert wurden. Und dazu zählt erst recht die Achtung vor bestehenden Partner*innen, bei der es Bände spricht, wenn irgendjemand rund um ein potentielles Treffen pauschal „Warum denn nicht? Such‘ Dir doch auch jemanden…!“ in den Raum stellt (einen höheren Grad an Austauschbarkeit und/oder Beliebigkeit hätte der gute alte Neid ja gar nicht entlarven können…).

Eine wahrhaftige Mehrfach-Beziehung, die diesen Namen verdient, benötigt für alle Beteiligte die von mir genau in dem Eintrag über Emotionalverträge aus der „Gewaltfreien Kommunikation“ zitierte Teilhabe an der „Celebration of Life“ – der „Feier des Lebens“ – und damit an der gemeinsam erzeugten Fülle anstelle einer „Verwaltung des Mangels“.
Nur dadurch kann es gelingen, aus dem Abwärtsvergleich der destruktiven Natur des Neids zu dessen konstruktiver Seite und seinem Aufwärtsvergleich zu gelangen: Was können wir, was kann ich verändern? Wo bin ich (schon) selbstwirksam? Was liegt innerhalb meiner Kraft?
Liebesbeziehungen (und die ihnen anhängenden Emotionalverträge) sollten uns Spielraum für sowohl Mitgestaltung als auch Selbstverwirklichung erlauben.
Darum sind Beziehungen immer dann problematisch, wenn wir sie als Orte wahrnehmen, an die wir schicksalhaft „gebunden“ sind, weil es „immer Schlimmeres auf der Welt gibt – und wodurch wir glauben, daß wir zumindest nichts „Besseres“ verdient haben. Womit wir genau die Muster unserer Vergangenheit mit all ihrer Hintanstellung doch bloß wiederholen werden (Wollen wir heute wirklich noch eine [Mehrfach]Beziehung mit früherer Ohn-Machts-Dynamik leben?).
Zur aktiven Teilhabe am „gemeinsamen Kuchen“ gehört es darum durchaus, auch laut die eigene Trommel zu schlagen und auf eigene Kompetenzen so wie auf die Wahrnehmung eventuell verschobener Ressourcenverteilung hinzuweisen. Neid darf in dieser Weise ein Antreiber für uns sein, gerade auch in einer Beziehung, uns zu „profilieren“.
Und damit wird Neid zu einem sehr wertvollen (Warn)Signal in Mehrfachbeziehungskontexten und hat als „großer Bruder“ auch viel häufiger Anlaß und Ursache, in Erscheinung zu treten, als seine Schwester, die in meinen Augen deutlich vertrautheitsbezogenere Eifersucht.
Das Schlußwort überlasse ich Frau Kast, die für mich noch einmal gut zusammenfaßt, wie wichtig darum Sehen und Gesehen-Werden mit wahrnehmbarer, allseitige Wertschätzung in Liebesbeziehungen ist:
»Es ist für unser Selbstwertgefühl und ein belastbares Identitätsgefühl wichtig, dass wir die Freude über Gelungenes ausdrücken können, ebenso, dass andere Menschen wahrnehmen, was wir schaffen, was wir tun. […] Erlauben wir uns diese Freude nicht, schmälern wir unser Selbstwertgefühl, damit aber auch unsere Kompetenz, Leben zu gestalten.«
(Gummibärchenessen macht also tatsächlich mehr Genuss, wenn man a) gemeinschaftlich den Ertrag auskostet und b) auch wirklich Gummibärchen bekommt, statt sich am Essvergnügen der anderen „mitfreuen“ zu dürfen.)



¹ Zeile aus dem seit ca. 1842 verbreiteten, deutschsprachigen Volkslied Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

² Verena Kast: „Über sich hinauswachsen – Neid und Eifersucht als Chancen für die persönliche Entwicklung“; Patmos Verlag; 2. Edition (Februar 2015)

* „Emotionalvertrag“ – ich erinnere: „Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.“

Und Dank an Muse Svenja, die wieder einmal durch ihre Überlegungen den Stein ins Rollen brachte.

Eintrag 58

Dreierlei

Während ich mich in den letzten drei Einträgen noch einmal stärker mit dem philosophisch-spirituellen Hintergrund der Oligoamory beschäftigt habe, möchte ich diesmal ein (kleines) bisschen mehr zur gelebten Praxis hinlenken. Da ich in den vergangenen Wochen häufiger mit der Frage konfrontiert worden bin, „was“ einen denn zu einem „echten Oligoamoren“ machen würde – bzw. „wie“ sich eine Beziehung kernkompetent als „oligoamor“ auszeichnet, habe ich überlegt, welche Bereiche aus meiner Sicht einigermaßen durchdacht werden sollten, falls je*mensch sich auf ein oligoamores Beziehungsleben einlassen wollte.
Diese Bereiche habe ich hier auf meinem bLog an verschiedenen Stellen bereits angesprochen – und auf diese werde ich auch Bezug nehmen; mir war es allerdings wichtig, quasi noch einmal einen konkreteren Drei-Schritte-Prozess zu skizzieren, „wie“ der Weg hin zu einer oligoamoren Mehrfachbeziehung auf persönlicher Ebene aussehen könnte.

Frage 1: Warum möchte ich überhaupt Teil einer oligoamoren Mehrfachbeziehung sein?

Da ich bereits in Eintrag 3 „Ehrlichkeit“ und „Aufrichtigkeit“ zu den Grundwerten der Oligoamory zähle, ist es unumgänglich, daß wir diese auf uns selbst ebenso konsequent anwenden wie auf potentielle Partner*innen. Nicht umsonst küre ich in Eintrag 46 die „Selbsterkenntnis“ zu einem der wichtigsten Ideale meiner Beziehungsphilosophie. Und es ist ja selbst sprichwörtlich schon beinahe ein alter Hut, daß ein starker Fokus von uns stets auf einer ganz wichtigen Nahbeziehung ruhen sollte: Der zu uns selbst.
Da in den Medien und in den sozialen Netzwerken hinsichtlich Mehrfachbeziehungen an dieser Stelle meist gerne die Vorzüge multifunktionaler Bedürfniserfüllung durch eine Erhöhung der fakultativen Partner*innenanzahl ins Feld geführt wird, ist es für mich (seit Eintrag 2) nochmals äußerst bedeutsam, darauf hinzuweisen, daß diese Form von „Ressourcenerschließung“ in der Oligoamory nicht gemeint ist. Viele offene Beziehungsmodelle und leider auch etliche „mehrfach Liebende“ in der Polyamorie springen nämlich genau an dieser Stelle zu kurz.
Bewusstheit über die eigenen Bedürfnisse zu erlangen, ja daß wir überhaupt Bedürfnisse haben, wie deren „Mix“ – oder vielmehr deren „(Er)Füllstand“ – augenblicklich in unserem Leben zusammengesetzt ist, ist tatsächlich ein ganz wesentlicher Teil gründlicher Selbstwahrnehmung und -erkenntnis. Leider bleiben viele Menschen dann aber genau an diesem Punkt ihrer Selbsterforschungsreise mit ihrem Kenntnisstand stehen, indem sie ihren ermittelten Bedarf zur Chefsache und damit zum argumentativen Ausgangspunkt ihres Strebens nach Mehrfachbeziehungen erheben.
Wenn wir uns aber unser Zufriedenheit wie ein traditionelles, aufrecht stehendes Regenfass vorstellen, bei dem die Bedürfnisse gewissermaßen die Fassdauben (die Bretter, aus denen ein Fass besteht) darstellen, dann kann das Wohlbefinden (also der Inhalt des Fasses) in diesem Zufriedenheits-Fass nur so hoch steigen, wie die kürzeste Fassdaube es zuläßt. Sind also als Beispiel unsere „Fassdauben“ (= Bedürfnisse) wie Sicherheit, Kommunikation, Kreativität, Wirksamkeit etc. hoch und stark, kann unser Zufriedenheitsfass trotzdem nicht mehr Wohlbefinden fassen, als die nur halbhohe Daube „Geborgenheit“ zuläßt, wenn wir exakt bei diesem Bedürfnis ein Defizit haben, weil dieses Brett eben kürzer oder verkümmert ist: Denn gerade an dieser Stelle wird jedes „mehr“ an Wohlbefinden, was wir versuchen würden, in unser Fass hineinzubekommen, über genau dieses „zu kurz geratene“ Bedürfnis effektlos abfließen.
Falls wir ein Bedürfnis haben, was in diesem Sinne „zu kurz kommt“, dann spüren wir also vor allem ein Fehlen in Form von Bedürftigkeit – denn es müßte ja nun „nur“ diese verflixte eine Daube geflickt oder erhöht werden, damit wir ein „mehr“ an Zufriedenheit und Wohlbefinden erleben könnten (was die anderen Fassdauben ja locker hergäben!).
Wenn wir jetzt dem oben erwähnten, medial angepriesenen, kurzsichtigen Bedürfnismanagement nachgeben würden, würden wir nun vielleicht versuchen, einen Menschen in diese „Bedürfnislücke“ zu stopfen, damit diese*r sowohl einen weiteren Abfluß unseres Wohlbefindens an dieser Stelle verhindert als auch darüber hinaus für eine insgesamte Erhöhung unseres Wohlbefindens-Niveaus sorgt…
Kapiert? Dämmert es, warum das nicht funktionieren kann – zumindest nicht als Grundlage für eine Beziehung auf Augenhöhe?
Zum einen „benutzen“ wir in dieser Art eine Person in einer „um zu“-Weise (und das ist etwas, was Menschen früher oder später bemerken werden – und worauf sie mit Resignation, Flucht oder Rebellion reagieren werden!), zum anderen versuchen wir mit einem völlig untauglichen Kunstgriff unser eigenes Problem zu lösen: Ein anderer normal sterblich-begrenzt-fehlbarer Mensch KANN diese „Lücke“ in uns niemals füllen. Noch mehr: Durch seine sterblich-begrenzte Fehlbarkeit werden wir mit diesem Menschen regelmäßig a) Enttäuschungen erleben, falls er einmal seine Funktion, die wir ihm zugewiesen haben, aus unserer Sicht nicht gut erfüllt, und b) haben wir dadurch auch noch einen Sündenbock im Außen erschaffen, dem wir ständig „Schuld“ zuschieben können, falls der Füllstand in unserem eigenen „Zufriedenheitsfass“ aus irgendwelchen Gründen nachläßt.

Wenn ich also in der Oligoamory von Selbsterkenntnis und Bewußtmachung spreche, dann meine ich damit, daß wir uns unserer internen Schwächen und Stärken äußerst ehrlich klar werden sollten. Denn dort liegen die Punkte, die in einer Mehrfachbeziehung gerade nicht wie mit einer beruhigenden Schicht aus warmer Schokolade augenblicklich geglättet und ausgeglichen werden, sondern exakt die, mit denen wir uns im Prozess mit unseren potentiell dazukommenden Liebsten vermutlich auf das Deutlichste auseinandersetzen und abarbeiten werden (müssen), da sie meist dann sehr schnell (und dazu mit einiger Heftigkeit) zu Tage treten werden.

Frage 2: Habe ich Platz für einen ganzen weiteren Menschen in meinem Leben?

Bereits aus dem obigen Abschnitt ergibt sich automatisch schon eine Teilantwort dieser Frage. Denn wenn ich andere Menschen nicht fragmentieren oder kompartmentalisieren kann, um sie als „Quickfix“, als Pflaster oder Notnagel unter dem dürftigen Tarnmäntelchen der „Viel-Liebe“ für eines meiner Defizite einzuspannen, dann gehört zum Inhalt des Adjektives „ethisch“ in „ethische Mehrfachbeziehungen“, daß ich jeden „ihn“, „sie“ oder „es“ als vollständige und berechtigte Person ansehe und ihm oder ihr folglich all die Würdigung als Persönlichkeit und Lebewesen zubillige, die ich mir auch für mich selber wünsche. Genau wegen dieser unbedingten „Zubilligung“ frage ich bereits in meinem Eintrag 30

  • Ob in meinem schon reichen Leben überhaupt Platz für einen GANZEN (weiteren) Menschen ist (ich erinnere an das Anaïs Nin-Zitat aus Eintrag 6, daß „jeder neue Mensch für eine neue Welt in uns steht, die möglicherweise nicht geboren wurde, bis dieser neue Mensch in unser Leben kommt – und das nur durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten kann.“).
  • Ob ich derzeit mein „inneres Haus“ aufrichtig genug aufgeräumt habe, um einen (weiteren) Menschen hineinzulassen – oder ob ich nur einen knappen Platz an meinem bestgeschmückten Schaufenster zu vergeben habe.
  • Ob ich derzeit einen stabilen Ort biete, an dem ein anderer Mensch sicher genug sein kann, um sich ihrer*seiner „Alltagsrüstung“ zu entledigen.
  • Ob ich über genug innere Gewißheit verfüge, daß ich mich nicht an mir selbst festklammern muß, in der panischen Angst, mich selbst zu verlieren – sondern sowohl einen Arm für mich als auch einen Arm für jemand anderen habe, um sie*ihn mit ihrer*seiner Gewißheit zu empfangen und auszuhalten.

Ohne die faktische Kapazität (in Form von ganz bodenständigen Ressourcen, inklusive Zeit) und dem Mut, uns auf eine „ganze Person“ einzulassen, werden nämlich auch wir in einer Mehrfachbeziehung (genau genommen: in keiner Beziehung!) sonst nicht zur Ruhe kommen können, weil – wie ich in Eintrag 55 schrieb – „sich miteinander vertraut machen“ bedeutet, mit anderen Lebewesen Antworten auf die Fragen „Wer bist Du – Wer bin ich?“ zu suchen. Genau dafür benötigen aber alle beteiligten Parteien eine gewisse Sicherheit, daß es die anderen bei diesem Prozess hinsichtlich des Ziels von Intimität, Vertrautheit und Nähe in Sachen Integrität und Verbindlichkeit in etwa genauso ernst meinen wie man selbst.
Jemand, der in so einem Fall nur für ein paar Stunden am Wochenende zur Verfügung steht und sonst seinen übrigen Alltag wie ein privates kleines Königreich verwaltet, wirkt dann in dieser Hinsicht in etwa so kohärent wie ein Gegenüber, welches während eines Gesprächs die ganze Zeit auf dem Mobiltelefon herumwischt…
In einem meiner Kommentare zu Eintrag 55 habe ich vor einiger Zeit den Therapeuten und Schriftsteller Mike Hellwig¹ zitiert, der einmal sagte, „daß – um eine stabile Beziehung miteinander jenseits üblicher gesellschaftskonformer Rollenklischees aufzubauen – es Partner*innen bedürfe, die sich bewußt sind, daß sie evtl. kompensieren, und die bereit sind, ihre Wunden bewusst zu öffnen, sie geradezu zu suchen und einander zu zeigen.“ Dahingehend könnte man mir vorwerfen, daß ich die Oligoamory eventuell zu stark auf „Defizitäres“ oder zumindest auf „kuratives Potential“ hin anlegen würde. So möchte ich aber nicht verstanden werden: Ich wähle vorwiegend die „heftigen, „harten“ oder vermeintlich „problematischen“ Beispiele, weil es nach meiner Erfahrung sehr einfach ist, nahezu jede Beziehung bei einigermaßen heiterem Wetter zu führen und zu genießen. Dazu ist auch wenig aktive persönliche Willensanstrengung notwendig. Wirklich „zählen“, wirklich zeigen, ob wir dabei sind, eine vollwertige Beziehung mit allseitig gewährter Augenhöhe aufzubauen, wird es sich immer nur im Sturm, wenn eben nicht alles glatt läuft oder sich eins ins andere fügt. Und genau dazu ist es vorher wichtig, daß wir für uns abgeklärt haben, ob wir dann – weil es schwierig, unangenehm, unschön werden könnte – bereit sind einen anderen Menschen „ganz“ – also eben auch mit seinen Schwierigkeiten, mit dem Unangenehmen oder unschönen Seiten – uns in unserem Sein berühren zu lassen. Und damit eine Unsicherheit in uns akzeptieren, daß wir nicht immer wissen können, was das wiederum in uns auslösen wird. Weshalb ich in Eintrag 55 betonte: Oligoamor ist es, wenn wir das wirklich wollen.

Frage 3: Wie sieht es mit meinen bestehenden Emotionalverträgen aus?

Einer der wichtigsten Einträge dieses bLogs ist Eintrag 9, in welchem ich auf unsere unsichtbaren und meist konkludent eingegangenen „Emotionalverträge“ hinweise, die wir in jeder unserer Nahbeziehungen eingehen. Wer sich jetzt feiern möchte, weil er*sie*es noch keine Partnerschaft in diesem Sinne eingegangen ist und sich für vermeintlich „vertragsfrei“ hält, dem*der möchte ich sagen, daß fast all unsere näheren Beziehungen mit Lebewesen Emotionalverträgen unterliegen, seien es pflegebedürftige Angehörige, Eltern oder Kinder – aber ebenso Haustiere, ehrenamtliche Engagements oder sogar Arbeitsstellen.
Ethische Mehrfachbeziehungen“ unterscheiden sich nach meinem Empfinden von „unethischen Mehrfachbeziehungen“ durch die Haltung gegenüber der Frage, wie wir es generell in Beziehungen mit unserer Verbindlichkeit und unserer Selbstverpflichtung halten. Sind wir das von mir bereits in einigen Einträgen skizzierte „moralische Chamäleon“, welches sich je nach Art des (Unter)Grundes wandelt – oder schaffen wir es, unsere einmal erklärte Haltung integer zu bewahren, auch wenn das bedeuten sollte, daß wir uns gegebenenfalls einmal nicht wegducken können, vielleicht sogar die berühmte „Nehmerqualität²“ beweisen müssten?
Letztere wäre ohnehin eine gute Eigenschaft, die zu besitzen sich als Vertreter*in einer nonkonformen Lebens- und Liebesweise auszahlt, z.B. wenn man in unvermeidlichen Kontakt zur „normalen Welt“ gerät…
Emotionalverträge sind von ihrer Natur her großartige Dinge: Denn durch sie erweisen wir uns als berechenbare Beziehungsmenschen, die „zu ihrem Kram stehen“. Gleichzeitig sind sie unglaublich dynamisch; sie fordern uns eigentlich zu einem hohen und transparenten Maß an Kommunikation mit den anderen am Vertrag beteiligten Lebewesen auf, weil es so sehr wichtig ist, daß alle Beteiligten unter dem Vereinbarten wirklich das Selbe verstehen. Gleichzeitig entsteht auf diese Weise ein Spielraum, der darum stets gemeinschaftlich nachjustiert werden muß und ebenfalls Raum für Neuverhandlung und Erweiterung läßt.
Da aber „Emotionalverträge“ genau deswegen keine hieb- und stichfesten schriftlichen Kontrakte sind, die in irgendeinem Tresor für immer gesichert verstauben, sondern, wie ich in Eintrag 9 schrieb „höchst subjektive, »gefühlte« Arrangements des Gebens und Nehmens (oder sanfter: des Beitragens und Genießens) in menschlichen Beziehungen“, erweist sich ihre wahre Qualität ein klein bisschen mehr an unserer diesen gegenüber an den Tag gelegten Einstellung als an ihrem virtuellen Inhalt.
Heißt übersetzt: Ein*e integere*r Beziehungspartner*in signalisiert Respekt für die anderen Beteiligten an einer Beziehung vor allem bereits dadurch, daß er*sie*es so spricht und handelt, daß die anderen Beteiligten am Sprechen und Handeln erkennen können, daß sich die sprechende bzw. handelnde Person dabei als Teil eines verbindlichen, größeren „Wirs“ zu erkennen gibt.
Was hier scheinbar so kompliziert klingt, habe ich in Eintrag 53 ausgeführt und es schlicht „die-anderen-mit-hinein-Denken“ genannt. Es ist das Gegenteil von Ichbezogenheit und bloßem Eigennutz – und wenn es uns gelingt, den Personen, mit denen wir bereits irgendeine Art von Beziehung haben, diese Form von Wertschätzung rückzumelden, dann sind der Rest, wie es so schön heißt, (auszuhandelnde) Details.
Mehrfachbeziehungen haben auf allen Ebenen mit Menschen zu tun – darum ist es von enormer Wichtigkeit, auf allen Ebenen diesem „menschlichen Faktor“ oberste Priorität zu geben, sei es uns selbst gegenüber, sei es einer Person gegenüber, bei der aus welchen Gründen auch immer unser Interesse aufgeflammt ist – und ganz besonders eben den Personen gegenüber, mit denen wir uns bereits in einer (Nah)Beziehung befinden.
In der Einstellung unseren Bestandsbeziehungen (und also unseren „Bestandsverträgen“) gegenüber zeigt sich, in welcher Weise unsere für uns selbst in Anspruch genommene Integrität ( = Handeln in fortwährend aufrechterhaltender Übereinstimmung mit dem persönlichen Wertesystem) mit unserer Gesamthaltung zu Wertschätzung und Berechenbarkeit gekoppelt ist.
Ich schreibe „Gesamthaltung“, weil eine nachlässige oder leichtfertige Herangehensweise gegenüber bestehenden Verbindlichkeiten mit vorhandenen Beziehungsmenschen in deutlicher Sprache davon spricht, nicht nur – wie wir allerhöchstwahrscheinlich den nächsten Beziehungsmenschen ebenso behandeln werden – sondern darüber hinaus auch, wie wir uns in uns selbst vermutlich gleichfalls adressieren: Jemand, der das (aus welchen Gründen auch immer) alles nicht wert ist.
Selbstwirksam und verantwortlich erweisen wir uns daher, wenn wir unseren Wunsch nach Mehrfachbeziehungen insbesondere innerhalb unserer bestehenden Emotionalverträge zu integrieren beginnen. Denn spätestens hier haben wir uns auf verschiedenen Ebenen mit Widerständen des „menschlichen Faktors“ auseinandergesetzt – persönlich, partnerschaftlich und überpersönlich.

Wenn es beim Fußball also heißt „den Kasten sauberhalten!“, würde ich demgemäß hinsichtlich der Oligoamory empfehlen, mit der Pflege dieser drei Kästen zu beginnen:
1) Grund für eigenes Begehren
2) Raum im eigenen Leben
3) Bestehende Emotionalverträge

Viel Erfolg!




¹ Mike Hellwig, geboren 1964, wandte sich nach einem Studium der Germanistik der Psychologie zu und entwickelte als Therapeut die Methode der Radikalen Erlaubnis. Dazu mehrere Publikationen z.T. Eigenverlag.

² Ausdruck aus dem Boxsport, welcher die Eigenschaft beschreibt, auch Schläge einzustecken aber dadurch nicht die Balance oder den Fokus zu verlieren.

Danke an jacqueline macou auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 57

ganz besonders

Im Schlußwort meines vorherigen Eintrags 56 rufe ich zur Ganzheit in unseren (Liebes)Beziehungen auf, womit ich die Oligoamory auch wortwörtlich als stark von holistischen (= ganzheitlichen) Gedankengängen durchdrungen zu erkennen gebe.
Regelmäßigen Leser*innen meines bLogs wird das ohnehin nicht verborgen geblieben sein, da ich in nahezu jedem zweiten Artikel dazu einlade, mit dem Eingehen von Mehrfachbeziehungen – und dem Abenteuer solch einer Form von Gemeinschaftlichkeit – einander als „mehr als die Summe der Teile“ zu erleben.

Nach dem Lesen meines letzten Eintrags fiel mir auf, daß ich es für wichtig erachte, noch einmal ganz eindeutig „Farbe zu bekennen“, was diesbezüglich der Hintergrund oligoamoren Denkens und Handelns ist.
Darum gibt es erst einmal wieder einen Block Theorie, bis ich am Ende zu beschreiben versuche, warum ich für mich (und damit also auch für die Oligoamory) in Sachen „Beziehungsfähigkeit“ und ganz praktisch-erdiger Beziehungsführung meine Herangehensweise gewählt habe.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich zwei Betrachtungsweisen für Systeme und Organisationsformen entwickelt; mittlerweile werden beide regelmäßig auf biologische, technische, soziologische und sogar psychologische Zusammenhänge angewendet:

Zum einen ist da eben der Holismus, der von der Vorstellung ausgeht, daß Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes – und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile – zu betrachten sind. Der Holismus vertritt die Auffassung, daß ein System nicht vollständig aus dem Zusammenwirken aller seiner Einzelteile verstanden werden kann, und daß die Bestimmung der Einzelteile von ihrer funktionalen Rolle im Ganzen abhängig ist.
Ein einfaches Beispiel hierzu ist die berühmte „Babyrassel“: Wenn wir eine solche Rassel auseinandernähmen, erhielten wir vielleicht zwei Schalen, einen Stiel und ein paar Plastikkügelchen; die eigentliche „Hauptfunktion“des Gegenstandes – nämlich das Rasseln – könnten wir so allerdings nicht sichtbar machen.
Ebenso würde es uns vermutlich ergehen, wollten wir 100%ig korrekt versuchen, einen menschlichen Organismus nachzubauen: Wir könnten alle Elemente vollständig und absolut präzise zusammenfügen, wären aber doch nicht in Lage, auf diese Weise „Leben“ oder gar „Bewußtsein“ herzustellen.
Und auch wenn wir eine komplexe Organisation wie z.B. die „Vereinten Nationen“ beobachten würden, so hätten wir als Zutaten Menschen, Gebäude, Logistik; wir würden Gremien und Räte identifizieren Finanzflüsse, eine Charta, Unterorganisationen und vieles mehr – könnten aber allein anhand dieser Komponenten nicht den Erfolg der UN bei der Wiederherstellung von Frieden und Stabilität z.B. in Liberia (UNMIL) erklären.

Einen ganz anderen Ansatz hingegen wählt der Reduktionismus. Dieser geht davon aus, daß ein System durch seine Einzelbestandteile insgesamt bestimmt wird. Dazu gehört die vollständige Zurückführbarkeit von Theorien auf Beobachtungen, von Begriffen auf Dinge oder von gesetzmäßigen Zusammenhängen auf ursächliche Ereignisse. So geht diese Theorie davon aus, daß auf eine Ursache genau eine Wirkung folgt, die wiederum die Ursache für eine weitere Wirkung ist und so fort.
Auf unsere Beispiele oben bezogen könnte der Reduktionismus folgern, daß das Auftreffen der Plastikkügelchen auf die Schalen der Rassel – infolge der Bewegung des Gegenstandes – die Bewegungsenergie der Teilchen in Schallwellen umwandeln würde.
Reduktionismus würde in dieser Art auch darlegen, daß „Leben“ bzw. „Bewußtsein“ kausale Folgen der 100% korrekten Anordnung aller Komponenten in einem Lebewesen sind, die schließlich in ihren Prozessen funktionell aufeinander aufbauen würden.
Ebenso wäre der Erfolg bei der liberische Friedensmission der UN reduktionistisch nachvollziehbar, da der Weg des Prozesses von der Antragstellung bis zum Verlassen des Landes durch den letzten Blauhelmsoldaten durch alle Teile der Organisation im Einzelnen, Abschnitt für Abschnitt, aufeinander folgend nachzuvollziehen sei.

Wie so oft in Philosophie und Wissenschaft scheint es also wieder einmal lediglich ein Dilemma des eigenen Standpunktes und der Wahl der Methode zu sein, auf welche Weise man ein bestimmtes Ergebnis zu erklären versucht…
Um uns daher so langsam unserem eigenen Feld der „Beziehungen“ anzunähern, möchte ich beide Herangehensweisen auf das Beispiel eines Waldstücks anwenden, welches verschiedene Lebensräume (Licht, Schatten, Wasser, unterschiedliche Böden etc.) enthält und unterschiedliche Lebewesen (Mikroorganismen, Pilze, Pflanzen, Tiere) beherbergt.
Ein holistischer Ansatz dazu wäre nun quasi das, was wir heute meistens als „ökologisch“ bezeichnen: So ein Wald stellt ein komplexes, gegliedertes System aus Elementen dar, die untereinander in vielfältigen Wechselbeziehungen stehen und dadurch Eigenschaften hervorbringen, die durch eine isolierte Betrachtung der einzelnen Elemente nicht mehr erklärbar sind. Umwelt und Artengemeinschaft beeinflussen einander gegenseitig, und zwar so, daß letztlich ein Zustand erreicht wird, in dem diese Artengemeinschaft zusammen mit dem von ihr gestalteten Lebensraum eine Einheit bilden (Beispiel: Pilze leben in Symbiose mit den Wurzeln eines Baumes, so daß dieser besser wächst, zahlreiche andere Tiere ernährt, deren Hinterlassenschaften mit dem Schatten des Baumes den Pilzen in der Erde darunter wieder zugute kommen usw.).

Würde man hingegen ein solches Waldstück reduktionistisch angehen, so würde man alle darin vorhandenen Komponenten getrennt und für sich betrachten: Da gibt es Stellen im Boden mit saurem pH-Wert, da gibt es Steinpilze, einige Kiefern, fünf Eichhörnchen, einen Fuchs etc. In dieser Betrachtungsweise wird vom Individuum ausgegangen: Auf einer Fläche koexistieren alle Faktoren und Arten, die dorthin gelangt sind und geeignete Umweltbedingungen vorgefunden haben. Sie sind in ihrer Existenz nicht daran gebunden, für andere oder eine übergeordnete Gesellschaft Funktionen zu erfüllen. Und sogar evolutionär wäre diese Argumentation nachvollziehbar: Die Natur hält erwiesenermaßen an allen Komponenten fest, solange diese in einem System nicht „stören“ (Die „Resthörner“auf Giraffenköpfen sind so ein Beispiel. Bei Giraffenvorfahren müssen diese Hörner – wie bei anderen Pflanzenfressern auch – einstmals eine wichtige Rolle gespielt haben. Bei heutigen Giraffen sind diese „Überbleibsel“ schlicht immer noch da, weil sie bei der weiteren Evolution der Giraffen „nicht im Weg waren“).

Und damit haben wir bereits oligoamoren Boden betreten.
Wie – das habt Ihr nicht bemerkt?
Nun, denn auch in der Welt der Mehrfachbeziehungen gibt es exakt die beiden von mir hier so ausführlich vorgestellten Blickrichtungen.
Da gibt es die reduktionistischen Betoner*innen der persönlichen Freiheit, die wortgetreu postulieren, daß „sie auch in einer Liebesbeziehung in ihrer Existenz nicht daran gebunden sind, für andere irgendeine Art von Funktion zu erfüllen“ – und da gibt es die idealistischen Holistiker*innen wie mich, die deutlich machen möchten, daß wir in unseren Liebesbeziehungen stets alle zusammen sind und dort das Miteinander und das aufeinander bezogene Handeln Dreh- und Angelpunkt des „gemeinsamen Ganzen“, des „gemeinsamen Wirs“, sind.

Ich persönlich glaube nämlich darüber hinaus, daß wir uns allerspätestens in den Beziehungen, die jene sublim metaphysische Komponente „Liebe“ als gemeinschaftsstiftendes Merkmal enthalten, eine reduktionistische Betrachtung ganz einfach nicht leisten können. Denn Reduktionismus würde ja tatsächlich beinhalten, daß wir uns mit Umständen und Menschen umgäben, die darum Teil unserer Lebenswelt wären, „weil sie nicht stören“ [also: wechselseitig niemand verbindlich beizutragen braucht!]. Und wie schrieb ich schon in meinem Eintrag 2: „Dadurch erhöht sich meiner Meinung nach die Gefahr von Serialität bzw. Austauschbarkeit. Und dies wäre für mich ein höchst unethischer Umgang mit meinen etwaigen Partner*innen – und ich selbst möchte natürlich ebenfalls von meinen Lieblingsmenschen keinesfalls so gesehen oder gar behandelt werden wollen. […] Und was würde uns selbst wohl widerfahren, sollten wir selber einmal krank, behindert oder alt werden? Wieviel Liebe ist dann für uns in diesem Modell noch drin?“

In Eintrag 54 zitiere ich Mahatma Gandhi mit dem ganzheitlichen Ausspruch »Du und ich wir sind eins: Ich kann Dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen«. Positiv ausgedrückt versuchte der weise Inder hiermit zu beschreiben, daß ein bewußtes Miteinander aus der Erkenntnis entsteht, daß jede Wirkung, die wir in der äußeren Welt wahrnehmen, ursprünglich einmal als eine Ursache unserer eigenen, inneren Welt begonnen hat. Denn darüber hinaus möchte Gandhi ebenfalls ausdrücken, daß jeder selbstsüchtige Gedanke („Ich will jetzt aber unbedingt/sofort…“ ) immer bloß selbstsüchtige Auswirkungen heraufbeschwören wird, mit selbst im besten Fall höchstens indifferenten oder belanglosen „Erfolgen“ für uns selbst. Schlimmstenfalls führt jeder Versuch, uns einen Vorteil durch die Ausnutzung von Schwäche, Unerfahrenheit oder der Bedürftigkeit von anderen zu verschaffen, unvermeidlich in einer Beziehung auch mittelfristig zu unserem eigenen Nachteil.
„Ganzheitlich“ hingegen ist jeder Wunsch, jeder Gedanke, jede Handlung, wenn der daraus resultierende Vorgang möglichst vielen (oder noch besser: allen!) Beteiligten, die mit dem Vorgang zu tun haben, nutzt.
Denken wir kurz an unser Waldbeispiel oben, falls die Pilze am Fuß des Baumes beginnen würden, den Baum zu ignorieren oder zu schädigen. Sie würden damit nicht nur die Maximierung des allgemeinen Nutzens ihrer „Tätigkeit“ (weit über den Baum und sich selbst hinaus!) sofort beenden, sondern am Ende auch sich selbst ihrer Lebensgrundlage entziehen.
In Beziehungen – und vollumfänglich in unseren Liebesbeziehungen – sind wir in ganz ähnlicher Weise immer Teil eines „Ganzen“. Und so wie darin kein Teil mittelfristig gegen ein anderes Teil ankämpfen kann, ohne sich selbst zu schädigen, so hängt das Wohl aller Beteiligten von der Anerkennung dieser Aufeinanderbezogenheit im Interesse des Ganzen ab (Siehe auch Eintrag 53: Die anderen Beteiligten „mit hineindenken“ ).

Ihr fleißigen Leser*innen, die Ihr mir bis hierher gefolgt seit: Ich muß bekennen, daß es mir in dieser Hinsicht sehr häufig noch selber wie den Piraten in dem Film Fluch der Karibik mit der sagenumwobenen „Isla de Muerta“ ergeht – oder wie es Kapitän Jack Sparrow ausdrückte: „Eine Insel, welche nur von denjenigen gefunden werden kann, die schon wissen wo sie ist…“.

Auch der US-amerikanische Psychater und Psychotherapeut Scott Peck, der sich viel mit Beziehungs- und Gemeinschaftsbildung beschäftigt hat, sagte einmal in einem Interview, daß Leben in verbindlichen, von Liebe getragenen Beziehungen kein „Allheilmittel“ sei – in der Art, daß man, sobald man auf ganzheitliche Weise solch eine Art von Verbindung aufgebaut hätte, man keinerlei Schwierigkeiten mehr meistern müßte und all überall nur noch Wohlgefallen herrschen würde. Im Gegenteil, erläuterte Peck – denn die Wirklichkeit würde ja dennoch weiter existieren. Ehrlicherweise würde er sogar zugeben, daß seiner Meinung nach in (Liebes)Beziehungen durch mehr Beteiligte auch mehr Dynamik, mehr Emotionen und dadurch sogar mehr Schmerz vorhanden wären als in einem Dasein als Einzelwesen. Aber dadurch eben auch z.B. mehr und tiefere Freude.
Alles in allem sei für ihn das Typische an einem Leben „in Beziehung“ nicht die Tatsache, daß es weniger schmerzhaft sei, sondern, daß es in jeder Dimension lebendiger wäre.

Der franko-amerikanische Psychologe Richard Beauvais (1938-2019) hat dies für mich sehr schön und poetisch folgendermaßen zusammengefaßt:

»Ich bin hier, weil es keine Zuflucht gibt vor mir selbst, ich fliehe,
solange ich mir nicht selbst in den Augen und Herzen meiner Mitmenschen begegne.
Bis ich aushalte, daß sie meine Geheimnisse teilen,
fühle ich mich vor mir und ihnen nicht sicher.
Aus Angst davor, erkannt zu werden, kann ich weder mich selbst erkennen noch andere;
ich werde allein sein.
Wo sonst als in dieser Gemeinsamkeit, die wir teilen, kann ich einen solchen Spiegel finden?
Hier, gemeinsam, kann ich mir gegenüber endlich aufrichtig erscheinen;
nicht als der Gigant meiner Tagträume, nicht als der Zwerg meiner Ängste,
sondern als Person, als Teil eines Ganzen, mit meinem Beitrag darin.
In diesem Boden kann ich Wurzeln schlagen und wachsen.
Nicht mehr allein – wie im Tod –
sondern lebendig, für mich selbst und für andere.«




Danke an Tomislav Jakupec auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 56

Wo (nur) die schönen Gefühle wohnen

Es lebte einst ein König, der sich in den Kopf gesetzt hatte, als Gemahlin nur die Schönste aller Frauen zu erwählen. Allein um diese „Schönste“ zu finden, scheute er keine Kosten und keine Mühen – und schon der Auswahlprozess hinsichtlich der geeigneten Kandidatin war das Aufwendigste und Anspruchvollste was die Welt bis dahin erlebt hatte.
Schließlich aber gelang es tatsächlich „die Schönste“ ausfindig zu machen, welche den Erwartungen des Königs entsprach: Nichts weniger als die vollkommenste Frau auf Erden.
Die Hochzeit wurde selbstverständlich ebenfalls mit entsprechendem Prunk gefeiert – jedoch war der König in seinem Streben nach Perfektion noch nicht gänzlich zufriedengestellt. Immerhin war sicherzustellen, daß die Frau an seiner Seite auch die Schönste der Schönen blieb; ja, es schien dem König daher unbedingt nötig, das Ebenmaß seiner Gattin noch weiter zu erhöhen.
Zu diesem Zweck ließ er die besten Ärzte einbestellen, die mit zahllosen Kunstgriffen und sogar gewagten Operationen die Ästhetik der Königin immer mehr bis zur höchsten Blüte steigerten. Am Ende war die Grazie der Königin so unbeschreiblich, daß keine Frau auf Erden ihr auch nur entfernt an Anmut glich.
Der König war es zufrieden und so lebte er mit diesem Wunder an seiner Seite eine Zeit lang glücklich und zufrieden. Doch nach einer Weile schien es ihm, daß da noch ein Schatten, irgendein kaum greifbarer Fehler, die vollendete Harmonie des Aussehens seiner Gemahlin dennoch zu beeinträchtigen schien. Daher rief er noch einmal seine vortrefflichsten Wissenschaftler und Ärzte zusammen, damit sie diesen allerletzten Mangel beseitigen sollten.
Die Gelehrten entschlossen sich zu einer letzten riskanten Operation, der sich die Königin – wie all die Male zuvor auch schon – zu unterziehen hatte. Der Eingriff dauerte Stunden –
und am Ende ruhte auf dem Operationstisch der einzigartigste, vollkommenste und fehlerloseste Leichnam, den die Welt jemals erblickt hatte.
Der seltsame Schatten, jener „allerletzte Makel“, war das Leben selbst gewesen…


Liebe Leser*innen, ich habe Euch dieses etwas schaurige Märchen aus alten Zeiten noch einmal hier erzählt, weil ich seit einiger Zeit ein Phänomen in der Lebenswelt ethischer Mehrfachbeziehungen (wie z.B. in der Polyamorie) beobachte, was mich auf besorgniserregende Weise regelmäßig an die obige Geschichte erinnert.
Denn in diese Lebenswelt scheinen in den letzten Jahren sehr stark Glaubenssätze aus der Selbsthilfe- und Selbstoptimierer-Szene eingewandert zu sein, die da z.B. heißen »„Gute“ Gefühle machen frei, friedlich und sorgen für (Selbst)Entfaltung – „Schlechte“ Gefühle sind toxisch, nehmen gefangen, verhindern Entwicklung.«
In Folge ergeht es daher sehr vielen Mensch, die sich durch den Mehrfachbeziehungs-Dschungel kämpfen, ganz ähnlich wie dem König im Märchen: Das offensichtlich „Schlechte“, das Un-Harmonische, dieser Makel jedenfalls, muß weg, damit es sich endlich „richtig“ anfühlt. Manchmal um jeden Preis.
Diesen Preis zahlen dann – entsprechend der Königin in der Geschichte – in erster Linie unsere Nähemenschen. Denn in der Begegnung mit diesen werden wir ja meist doch immer wieder mal mit „schlechten Gefühlen“ konfrontiert: Grundgefühlen wie Zorn, Trauer und Angst – aber auch komplexeren Empfindungen wie Neid, Eifersucht, Mißtrauen, Enttäuschung, Reue oder Trübsal.
Das fühlt sich für uns dann wiederum „schwer“ an, befangen und begrenzend. Also: „Das“ sind dann natürlich „Die“ : Unsere Nähemenschen mit ihren ungeklärten, klebrigen Emotionen und Gefühlen, die uns im Kontakt damit und mit ihnen runterziehen…
Wir selbst aber – gleich dem König – wünschen uns Ebenmaß und Harmonie für unsere entwickelten Beziehung ohne solche Beeinträchtigungen. Schließlich haben wir uns schon über die kleinlichen Begrenzungen und Ressentiments der Monogamie erhoben, da sollen solche engherzigen Einschränkung durch unsere potentiellen Partner*innen nicht durch die Hintertür ihren Weg in unsere neue, heile und bessere Welt der Mehrfachbeziehungen finden. Folglich bedarf es nur einer entschlossenen Operation – und solche „letzten Makel“ sind getilgt: Wir umgeben und nur noch mit Menschen, bei denen wir ausnahmslos die „schönen Gefühle“ erleben, wo alles leicht ist, alle jederzeit frei sind. Die schlechten Gefühle – und die Menschen, die diese in unser Leben tragen könnten – die lassen wir los und dann haben wir gleich noch viel mehr Platz für das Entwickelte und Gute…

Wer nun allerdings das Märchen eingangs mit mir gelesen hat, weiß, was das letztendliche Resultat einer solchen Handlungsweise ist: Am Ende werden wir mit lauter Leichen unser Leben teilen. Meisterhaften und vortrefflichen Leichen. Aber nichtsdestoweniger Leichen.

Zunächst einmal: Als Analogie lehrt uns derzeit der Klimawandel beim Thema Wetter z.B., daß willkürliche Einteilungen in Kategorien wie „gut/schön“ oder „schlecht“ nicht mehr unbedingt sinnstiftend sind. War 1957 für den Schlagersänger Freddy Quinn „immer nur Sonnenschein“ noch eine Verheißung, bedeutet dies heute selbst für einen Durchschnittslandwirt in Sachsen-Anhalt schon eine Existenzbedrohung.
Mit den Gefühlen ist es dahingehend ganz ähnlich. „Immer nur Sonnenschein“ hieße nämlich, den Weg des Märchenkönigs zu beschreiten und alle anderen Gefühle „wegzuoperieren“. Und da Gefühle sich nicht wirklich „wegmachen“ lassen, könnten wir jedoch zumindest gemäß zahlloser Selbsthilfe- und Ratgeberseiten diese „loslassen“.
Eventuell werden diese guten Ratgeber aber auch heute in unserem schnelllebigen Zeitalter mißverstanden, denn aus „Loslassen“ machen die allermeisten Ratsuchenden ein „nicht Zulassen“ – denn das ist etwas, zu dem wir Menschen sehr wohl und routiniert in der Lage sind. Aber ab dann müssen wir mit unserem ewigen „Sonnenschein“ zurechtkommen. Und entlang diesen Weges drohen Einseitigkeit, Dürre und schließlich die „schöne Leiche“.
Der bLogger Elias Fischer hat auf seiner Seite einen langen Artikel zu dem Thema verfaßt, der sehr ausführlich die Auswirkungen beschreibt, was geschieht, wenn wir versuchen, bestimmte Gefühle in uns „nicht mehr zuzulassen“ (zum vollständigen Artikel: Hier).
Die eindrücklichsten Folgen, die er darlegt, sind für mich das Nicht-mehr-Beschreiben-Können aller eigenen Gefühlen (da man einen Teil von diesen als „schlecht“ aussortiert hat und sich nicht mehr mit diesen ausreichend auseinandersetzt) – und damit einhergehend ein Verlust der vollen Breite und Tiefe des Fühlens insgesamt (Zitat: „Wenn wir uns weigern, die Wut, die Scham, die Angst oder die Trauer zu fühlen, dann ist da irgendwann auch keine echte lebendige Freude mehr. Keine Freude, die uns lebendig und ekstatisch erfüllt.“ ). Bzw. auch keine mehr, die sich wirklich lebendig und ekstatisch anfühlt, möchte ich ergänzen.

In meinem Eintrag 43 zum Thema Verbindlichkeit habe ich schon kurz skizziert, warum wir Jetztmenschen so schnell bereit sind, gleich dem Märchenkönig, zum Skalpell zu greifen und lieber zu trennen, als das zu erhalten, was eigentlich als Ganzes zusammengehört.
Denn andernfalls müßten wir bereits in der Lage sein, alle Gefühle auszuhalten.
Jaja, ich weiß schon: In erster Linie diese ungeklärten, klebrigen Gefühle der Anderen…
Gerade bei den vorgeblich „negativen“ Gefühlen wird indessen jedesmal sehr schnell deutlich, daß z.B. die Trauer, Wut oder Angst der Anderen (die wir nicht aushalten wollen) Trauer, Wut oder Angst um uns selbst sind – welche wir nicht aushalten können. Und das ist etwas, was wir auch meistens nicht gut gelernt haben, da ganze Generationen vor uns bereits auch schon bereitwillig zum Skalpell gegriffen haben, unsere Freiheit sezierten – und dadurch eine Trennungsrealität erschufen (siehe Eintrag 26).

Interessanterweise scheint allerdings gerade eine bestimmte Riege von Menschen in Mehrfachbeziehungsgefilden, die sich selbst als besonders „freiheitlich“ sehen – und die daraus ableitend für sich einfordern, daß bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen keinesfalls bewertet werden dürfen – sehr schnell ihrerseits bereit, Gefühle, insbesondere bei ihren Gegenübern, nach „gut (förderlich)“ oder „schlecht (hemmend)“ zu sortieren. Und damit aussortieren: „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg ¹ – ich bin so frei – so frei bin ich!“
Unsere Nähe- und Lieblingsmenschen sind aber keine klemmende Kaffeedose oder ein Rock, der mit einem Fleck zurück aus der Reinigung kommt. Für tiefgehende und verbindliche Beziehungen ist diese Einstellung nicht ohne Weiteres anwendbar.

Überhaupt – die Freiheit, in deren Namen Leichtigkeit und Ungezwungenheit immer wieder eingefordert wird – weiß man doch Koryphäen wie Erich Fromm², Eckhart Tolle oder gar den gesamten Buddhismus auf der eigenen Seite, wenn es da heißt: »Befreie Dich von Deinem Leid(en).« Hier im Westen scheinen wir dieses „Leiden“ mit dem Ziel einer jederzeitigen Idealperformance unbedingt in den Griff bekommen zu wollen.
Dabei will das buddhistische „Leiden“ doch genau ausdrücken, daß wir Menschen eben nicht (oder wenigstens: sehr sehr selten) in unserem Gleichgewicht sind. Daß wir – wie der getriebene König – unsere eigene Fehlerbehaftetheit und sogar unsere Sterblichkeit fürchten, nur um sie durch unser extremes Streben geradezu erst recht heraufzubeschwören.
„Gleichgewicht“ hingegen, so lehrt es der Buddhismus z.B., enthält alle Facetten, muß sie alle enthalten, um wahrhaftig und vollständig zu sein.

Wie der bLogger Elias Fischer also in seiner Analyse schon andeutete, verbieten wir uns mit einem Einteilen von Gefühlen in „gut“ oder „schlecht“, „befreiend“ oder „gefangennehmend“, „entwickelt“ oder „unreif“ einen wichtigen Teil unseres eigenen aufrichtigen Gesamtausdrucks.
In Eintrag 45 schrieb ich von der „Wunderbaren Alltäglichkeit des Seins“, in der wir uns als menschlich, fehlbar und tolerant erleben dürfen.
Wenn wir in unseren Beziehungen statt oberflächlich leidlich leidbefreit also lieber intensiv und tief auf diese eingelassen bestehen wollen, dann ist es ganz wichtig uns klarzuwerden, was uns in solchen Beziehungen wirklich erlaubt, frei zu sein.
Was ist an diesen verbindlichen Orten das wahrhaftig Erlaubende?
Es ist die Erlaubnis des selbstwirksam und stark machenden Statements, alle unsere Gefühle ausdrücken und zulassen zu dürfen: „JA, ich bin jetzt gerade [hier bitte entsprechendes Gefühl eintragen (wähle im Zweifel von dieser Liste)]!“.
Wenn wir dies uns und unseren Nähemenschen gestatten, dann muß auch die Auseinandersetzung mit den Gefühlen der Anderen nicht mehr immer so bedrohlich für uns sein. Denn ein erlaubender Mensch ist überraschenderweise als Bonus nahezu stets auch ein empathischer Mensch. Er*Sie*Es kann dem Gegenüber glaubhaft zeigen: Hier ist eine Adresse für Dich. Ich höre Dir zu. Ohne Verbesserungsvorschläge, ohne Beschwichtigung, ohne eigene Gegengeschichte.
So ein „jemand“ kann es sich dann nämlich dadurch ebenfalls erlauben auch energetisch ergriffen zu sein – wodurch der andere Mensch das Wichtigste von allem erfährt: Hiermit bist Du nicht allein.

Wenn „Liebe“ die stärkste Form von wechselseitiger Zuneigung und der größtmögliche Ausdruck von Freude darüber ist, daß das andere Lebewesen in unserer Welt existiert (ich schreibe „wechselseitig“ weil es sonst vielleicht bei bloßer Schwärmerei bleibt), dann ist es richtig und gut, nach Verbundenheit miteinander zu streben. Das Maß wirklicher Freiheit in den sich dann möglicherweise ausbildenden Beziehungen wächst mit dem Maß, in dem wir uns selbst die Erlaubnis geben, darin ganz (statt vollkommen) zu sein.




¹ Alexandra Reinwarth, „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“, mvg 2016; Selbsthilfebuch rund um die zentralen Entscheidungsfragen „Nervt es mich?“ und „Betrifft es mich persönlich?“

² Erich Fromm, „Die Kunst des Liebens“, 1956

Danke an Nathan Dumlao auf Unsplash für das Foto!