Eintrag 43 #Verbindlichkeit #Vertrauen

Lieber verbindlich als verstrickt

Der Philosoph und ehemalige Kulturreferent Julian Nida-Rümelin schrieb letztes Jahr¹ : „In der Sprachphilosophie ist man sich einig, dass eine erfolgreiche kommunikative Praxis nur dann zustande kommt, wenn sich die an der Kommunikation Beteiligten an bestimmte konstitutive Regeln halten. Dazu gehört die Regel der Wahrhaftigkeit [Synonyme: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Loyalität, Rechtschaffenheit, Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit]. Diese verlangt, dass ich, wenn ich etwas behaupte, auch selbst davon überzeugt bin, dass das zutrifft.
Ebenso können wir von unseren Kommunikationspartnern erwarten, dass sie uns vertrauen; das heißt, dass sie davon ausgehen, dass das, was ich sage, meinen eigenen Überzeugungen entspricht.
Diese Regeln sind nur vermeintlich trivial. Sie erlegen nämlich den Kommunikationspartnern die Verpflichtung auf, sich in ihrem Äußerungsverhalten an den von ihnen eingesehenen guten Gründen zu orientieren und nicht an ihrem Eigeninteresse. Denn in vielen Fällen würde das bloße Eigeninteresse gegen die Einhaltung der Regeln der Wahrhaftigkeit und des Vertrauens sprechen. Wenn wir immer dann unwahrhaftig
[= unaufrichtig, unehrlich, illoyal, korrupt, unverbindlich, unzuverlässig!] wären, wenn dies in unserem Interesse läge, würde der kommunikative Akt schlagartig an Wert verlieren.“

Aus oligoamorer Sicht finde ich diesen Text klasse, da Kommunikationspartner darin quasi wie Beteiligte an einer Beziehung behandelt werden – und so ist es sicher auch: Wenn Menschen kommunizieren, und sei es auch nur kurz oder über ein belangloses (Sach)Thema, dann stehen sie in diesem Moment in wechselseitiger Beziehung zueinander und ein (Informations)Austausch findet statt. Oligoamor bemerkenswert finde ich selbstverständlich, daß genau in diesem Kontext von Nida-Rümelin ebenfalls wichtige Beziehungswerte genannt werden: „Wahrhaftigkeit“, „Vertrauen“ und „Gesamtinteresse“.
Was die angesprochenen „Guten Gründe“ angeht, muß ich allerdings zugeben, daß ich diesbezüglich etwas zurückhaltender optimistisch bin als der Autor der obigen Zeilen. In Eintrag 11 dieses bLogs setze ich mich ausführlich mit den „individuellen guten Gründen“ auseinander und versuche zu zeigen, daß, wiewohl wir Menschen auf der Bedürfnisebene tatsächlich dieses „allseitig Gute“ schätzen und auch meist herbeizuführen wünschen, wir auf dem Weg dorthin aber dennoch oftmals von der Wahl unserer dazu eingesetzten Strategien selbstsabotiert werden. Wenn wir trotz Wahrnehmung unserer „guten Gründe“ z.B. eine Erfüllungsstrategie wählen, bei der Fremdbedürfnisse ignoriert oder gar beschnitten werden – gerade dort geraten wir ganz schnell wieder in das tückische Fahrwasser unseres nicht immer gar so selbstlosen Eigeninteresses.

Auch das zitierte „Vertrauen“ ist uns buchstäblich nicht gerade „in die Wiege gelegt“. Im Gegenteil. Sowohl der Glücksforscher Stefan Klein² als auch der Philosoph R.D. Precht³ weisen in ihren Arbeiten darauf hin, daß ein Evolutionserfolg der Gattung Mensch u.a. auf einem genetisch verankerten Vorsichtsverhalten beruht:
Wenn ein früher Homo sapiens beispielsweise auf einer Wanderung einen Busch mit blauen Beeren entdeckt hätte, wäre seinem Gehirn NICHT zuerst die Idee gekommen: „Großartig – die nächste Mahlzeit ist gesichert!“ – sondern vielmehr der Gedanke: „Sei besser vorsichtig, die Beeren könnten vielleicht giftig sein…“. D.h.: In einer unvertrauten Entscheidungssituation hätte unser Gehirn in deutlich mehr als 50% der Fälle zu Vorsicht und Vermeidung geraten. In der Frühzeit der Menschheit war so ein „Wachsamkeitsprogramm“ auf jeden Fall ja auch sinnvoll: Nicht jede Beere war essbar, nicht jede Katze war zum Streicheln geeignet, nicht jede Höhle war unbewohnt – und wenn plötzlich ein paar langhaarige Nachbarn mit krummen Ästen vor der Tür standen, wollten sie einen selten zum Hockeyspiel einladen.
Eines unser heutigen menschlichen Probleme besteht darin, daß dieses Wachsamkeitsprogramm – was ja genau genommen ein „Überlebens-Sicherungsprogramm“ war – auch heute noch in uns in Form von einem überwiegenden, initialen (einleitenden/anfänglichen) Mißtrauen aktiv ist. Also auch jedes mal, wenn wir mit neuen Menschen konfrontiert werden. Unser Urprogramm versucht uns alarmiert zu halten und sagt statt „Hey, ein neuer Mensch – das könnte eine bereichernde Gelegenheit sein…!“ viel lieber: „Holzauge sei wachsam, dem Typen solltest Du lieber erst mal auf den Zahn fühlen…“. Und da wir ein leistungsfähiges Gehirn haben, was in der Lage ist in kürzester Zeit seine Datenbanken vergangener potentiell schlechter Erfahrungen zu durchforsten, ist ein Film aus (Vor)Beurteilung und Annahmen schnell gestrickt. Die Resultate sind dann auch im 21. Jahrhundert Mißtrauen, Vermeidung und am Ende Ablehnung und Ausschließeritis.

Aus der Kombination nicht immer astreiner Bedürfniserfüllstrategien aufgrund von nur mittelmäßig abgeklärten persönlichen „guten Gründen“ plus tendenziellem Anfangsmißtrauen als reflexhafte Standardreaktion entsteht leicht das, was gewissermaßen der antagonistische Nemesis der Oligoamoy ist: UNVERBINDLICHKEIT.
Und als getreulicher Autor und Chronist der Oligoamory, als Idealist, als Romantiker und insbesondere als leidenschaftlicher Anwalt eines bewußten und freien menschlichen Willens liegt für mich genau darin das Hauptproblem gelingender – oder oftmals vielmehr mißlingender – ethischer Non-Monogamie.

Unverbindlichkeit – das fängt manchmal schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt an, wenn es heißt: „Joa, die Katrin und ich, wir haben da jetzt miteinander so ’ne Kiste, das will ich gar nicht irgendwie labeln…“. Schon in Eintrag 7 versuche ich zu beschreiben, daß dies nicht unbedingt ein reifer Ausdruck persönlicher Freiheit ist, sondern eher ein Eingeständnis von wenig reflektiertem Ungefähr.
Oder es betrifft das Drama klarer Nomenklatur insgesamt, überall dort, wo sg. „polyamore“ Menschen mit dieser Selbstbezeichnung zusammenkommen. Denn stellen wir uns schlicht z.B. eine*n Sozialwissenschaftler*in vor, die*der bei irgendeinem Poly-Stammtisch, -Workshop, -Seminar oder -Treffen die Anwesenden fragen würde, was das verbindende Merkmal aller Teilnehmer*innen hinsichtlich der Lebensweise und Philosophie der Polyamory wäre. Vermutlich stünde man erst einmal einer verlegen schweigenden Runde gegenüber, die dann etwas schelmisch gucken würde, bevor ein paar Leute sich grinsend in die Rippen stoßen um schließlich zu antworten: „…Daß wir alle Sex miteinander haben könnten!“. Oh weh, denke ich da, das wäre eine Antwort gewesen, wenn nach Promiskuität gefragt worden wäre oder nach Sexpositivität. Aber wenn das alles ist, was den kleinsten gemeinsamen Nenner polyamorer Mehrfach“beziehungen“ bildet, dann ist es kein Wunder, daß diese Lebensform immer um ihren Ruf und ihre Anerkennung fürchten und kämpfen muß. Und darum erkläre ich in Eintrag 2 auch ausführlich, warum ich mich genau nicht mehr zu solchen Polyamoren zählen möchte.
Denn am Ende wird diese Unverbindlichkeit dann erst recht eher früher als später ebenfalls die Auffassung hinsichtlich etwaiger Metamours (also den potentiellen weiteren Liebsten unserer Liebsten) prägen: Das sind Menschen, die ja der Partner im Schlepptau hat – man selbst möchte damit möglichst wenig zu tun haben. Weder im Sinne einer gemeinschaftlichen Verbundenheit (obwohl man den gleichen Lieblingsmenschen hat!), noch gar im Sinne irgendeiner Gesamtverantwortung für das gemeinsame Ganze. Das würde einem doch viel zu nahe rücken, wäre irgendwie beinahe schon unangenehm „real“, nee, das ginge gar nicht…

Zur Unverbindlichkeit nehmen wir Menschen Zuflucht, wie oben gesehen, wenn wir unser Eigeninteresse als das höchstwertige Gut in einer Beziehung ansehen. Eigeninteresse, welches uns den Rücken frei hält, um im Zweifelsfall nicht ganz aufrichtig zu sein, nicht ganz der Wahrheit verpflichtet sein zu müssen, was die eigene Loyalität daher flexibel hält, immer Spielraum für ein klein wenig Verführbarkeit läßt, uns nicht festlegt und moralische Bewegungsfreiheit einräumt.
Um alles in der Welt – warum wollen wir bloß in unseren intimsten Beziehungen so sein?

Weil wir Menschen sehr oft Angst vor Verpflichtung, Anforderung und Erwartung haben.
Wir haben Angst davor, verlässlich „jemand zu sein“.
Das scheint ein schreckliches Zeugnis zu werden, was ich uns da allen (mir eingeschlossen) ausstelle. Bleibt uns also doch nur als Ausweg die Monogamie – weil wir es gerade mal höchstens halbwegs schaffen maximal einem Partner, vielleicht ein bis drei Kindern und einem Haustier gegenüber eine einigermaßen authentische Vorstellung von uns zu bieten? Und wenn der schöne Schein bröckelt – raus mit einer Scheidung und hinein in die nächste Serialität?

In mehreren Einträgen auf diesem bLog habe ich geschrieben, daß ein Merkmal von „Erwachsensein“ eine gewisse Lust auf die Übernahme von Verantwortung sei. Echte Verantwortung, die ich im vorherigen Artikel noch einmal als „Verantwortlichkeit“ hervorhebe, geht nun aber unweigerlich mit (Selbst)Verpflichtung, mit Anforderungen und Erwartungen daran einher.
Warum haben wir trotzdem so große Not, verbindlich auf Beziehungsebene dafür einzustehen?

Ich glaube, daß hier der „blinde Fleck“ von Julian Nida-Rümeling dahintersteckt, daß nämlich unsere „guten Gründe“ oft eng mit unseren „Eigeninteressen“ verflochten sind.
In Eintrag 11 erzähle ich die Geschichte des „Schwarzen Fledermausmannes“, der ein guter Beziehungsmensch sein möchte. Er gerät allerdings in Turbulenzen, weil er sowohl bemüht ist, größtmögliche allseitige Bedürfniserfüllung anzustreben als auch seinem Eigeninteresse gerecht zu werden. Zu diesem Zweck wählt er verschiedene Strategien, die ihn schließlich aber nicht zum „großen Helden“ für alle machen, sondern am Ende muß er sich mit emotionalen Entladungen und in Folge sogar mit Selbstzweifeln herumschlagen.

Ihr lieben Leser*innen: Der „Schwarze Fledermausmann“, der sind wir alle!
Und wir leben heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer Zeit, in der die meisten von uns es nicht gelernt haben, sich mit allen (!) eigenen Gefühlen anderen Menschen zuzumuten – denn wir haben Angst, dann statt Applaus Ablehnung zu erfahren.

Bitte laßt diesen Gedanken einmal auf der Zunge zergehen.

Was sollten unsere intimsten Beziehungen im Idealfall sein? Ein Ort an dem wir uns authentisch ganz als wir selbst zeigen dürfen, an dem wir alle Masken fallen lassen können – ein Ort an dem wir darauf vertrauen dürfen, daß wir dort (trotzdem) immer als die Person, die wir sind, angenommen werden.
Wir sind aber eben auch Menschen. Darum können wir nicht immer nur das sozial erwünschte Spektrum positiver und angenehmer Gefühle zeigen. Sondern wir sind auch mal traurig, zornig, bedrückt, verwirrt. Wir sind auch nicht immer perfekt. Wir werden es nicht schaffen allzeit aufrichtig, ehrlich, loyal, rechtschaffen, verbindlich und zuverlässig zu sein. Wir sind menschlich fehlbar – und wir werden darum Fehler machen.

Viele von uns versuchen in der heutigen Zeit (immer noch?), ihre Beziehungen als „letzte Bastion der Seligkeit“ zu halten. Beziehungen, in denen stets Harmonie herrscht, in denen alles freudig und leicht ist, aus denen man allzeit energetisiert hervorgeht und in denen nur Wertschätzung und Anerkennung ausgedrückt werden…
So verständlich diese Sehnsucht auch zu Beginn dieses verrückten 21. Jahrhunderts und seiner aus den Fugen geratenen Work/Life-Balance sein mag – so vollkommen unrealistisch ist sie aber auch. Und sie erlegt allen Beteiligten ungeheuren Druck auf: Zum einen, ein Ideal zu verfolgen, bei dem jede*r sich im Keller zu verstecken hat, die*der dagegen verstößt, zum anderen, dieses unerfüllbare Bild jeder neuen Beziehung überzustülpen, in der Hoffnung, es doch vielleicht dort erfüllt zu bekommen…
Folglich bleibt uns in der Wirklichkeit nur, unzusammenhängende Inseln kurzen Glücks zu erschaffen, die wortwörtlich „un-verbindlich“ bleiben müssen. Denn würden wir sie doch verbinden, wäre ja wieder das unvollkommene Gesamtbild unserer Persönlichkeit sogleich sichtbar – mit unserer zeitweisen Traurigkeit, mit unserem situativen Zorn, mit eventueller Bedrückt- oder Verwirrtheit und vor allem mit unserer Fehlerhaftigkeit. Also führen wir lieber kompartmentalisierte (aufgespaltene) und unverbindliche Beziehungen. Denn wir möchten den Anderen unsere Defizite nicht zeigen, weil wir Schwierigkeiten haben, wirklich zu vertrauen: Nicht den Anderen und ihrer möglichen Reaktion – und auch nicht uns selbst und ob wir wiederum deren Reaktion aushalten würden…

Ihr Leute, wenn wir Mehrfachbeziehungen in dieser Art angehen, dann wird jeglicher Beziehungsaufbau, jegliche Beziehungsführung, jeglicher Versuch „(mehrere) Menschen (zugleich) zu lieben“ reine Makulatur bleiben.
Ich betone das „gemeinsame Ganze“ und das „allseitige Vertrauen“ in der Oligoamory so sehr, weil es ganz auf dem Grund der Dreh- und Angelpunkt ist, mit dem (genau genommen) jede Beziehungsführung steht oder fällt.
Beziehungen können keine Orte der Perfektion sein. Keine Orte, wo immer Frohsinn und Leichtigkeit sind. Wo immer nur die gute Laune und die guten Gefühle vorherrschen. Wo es keine Differenzen gibt und wo niemals jemand verletzt wird.
Darum müssen Beziehungen zuallererst Orte des Vertrauens sein. Bzw. alle Beteiligten müssen zuerst die Mühe und den Willen aufbringen, sie gemeinsam dazu zu machen. Um den oben erwähnten Druck gar nicht erst zuzulassen, sich dort nicht in ganzer (fehlbarer) menschlicher Natur zeigen zu dürfen. Um einen Ort zu erschaffen, an dem auch Trauer, Zorn, Bedrücktheit, Verwirrung und Fehler den gleichen Raum haben können wie die vermeintlich einfacheren „schönen Gefühle“. Letztendlich ist ja auch „schön“ diesbezüglich eine (Außen)Bewertung: Ich bin ein Mensch – und manchmal lache ich und manchmal weine ich – warum sollte ich mir für eines von beiden eine Tüte aufsetzen? Darüber hinaus: Wirklich authentisch, wirklich aufrichtig und damit glaubhaft verbindlich kann ich doch auch nur sein, wenn ich mich in meiner Gesamtheit zumuten darf.
Folglich sind auch nur Beziehungen authentisch, aufrichtig und verbindlich, in denen alle Beteiligten so vollständig „Sein“ dürfen.

Und was ist, wenn die Anderen das nicht aushalten?
Wenn wir Menschen es wollen, dann halten wir scheinbar Unglaubliches aus. Wir gebären Babys, wir durchqueren nachts Schneestürme, retten Menschen aus brennenden Gebäuden oder halten Sterbenden die Hand. Meistens haben wir dabei eine Wahl: Nichts von dem müssten wir tun. Alle vier soeben aufgezählten Beispiele fallen vermutlich definitiv in die Kategorie „unangenehm“ – und schwer. Trotzdem werden sie getan.
Wenn es um Menschen geht, die wir lieben und denen wir vertrauen, dann können wir enorme Fähigkeiten aktivieren.
Diese Fähigkeiten zu haben bedeutet jedoch nicht, daß wir durch sie unverwundbar werden. Daß wir deswegen alles tolerieren, akzeptieren oder mitmachen. Und das wäre ja auch wieder über-menschlich un-menschlich.
Aber unsere (Mit)Menschlichkeit zeigt, daß wir, wenn wir es wirklich wollen und uns eine Sache bzw. Lebewesen wirklich wichtig sind, wir weit über unsere urzeitliche „Vermeidungsstrategie“ hinauswachsen können.
Möglicherweise ist es diesbezüglich wie mit dem ersten Menschen, der einen brennenden Ast in die Hand nahm: Dieser Mensch wagte Vertrauen. In erster Linie in sich selbst, daß er da etwas schaffen wollte, wogegen all seine tierischen Instinkte und Ängste heftig widersprachen. Aber vielleicht auch Vertrauen in eine Gruppe, die hinter ihm stand, daß die ihm bei einem Fehlversuch anschließend schon helfen und „aushalten“ würde, müßte sie sein Wehklagen ertragen und seine Brandblasen pflegen.
Ohne die „Zumutung“ die wir für unsere vertraute Gruppe auf diese Weise vermutlich gelegentlich sind, könnten wir jedoch beim nächsten oder übernächsten Mal auch nicht ihr Held und ihre Quelle allseitigen Wohlergehens werden. Mensch zu sein, miteinander zu sein, bedeutet, beides regelmäßig zu akzeptieren – an uns, wie auch an den Anderen.

Ich wünsche uns allen, darum immer wieder den Mut zu (Zumutung!) einem bewußten Sprung in ein Vertrauen zu finden, für das es manchmal scheinbar keine plausible Begründung gibt.
Und daß wir bei Menschen landen können, die uns (aus)halten wollen.



¹ Julian Nida-Rümelin „Digitaler Humanismus“, Artikel in der Max Planck Forschung 2/2019

² Stefan Klein, „Die Glücksformel – oder: Wie die guten Gefühle entstehen“, Fischer 2014

³ Richard David Precht „Die Kunst, kein Egoist zu sein – Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält“, Goldmann 2012

Danke an meine steten Musen Kerstin, Svenja und Tobias und an congerdesign auf Pixabay für das Foto!

Eintrag 42

…sieh, das Gute liegt so nah.*

Der derzeit amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist jemand, der regelmäßig betont, daß Freiheit und Verantwortung Hand in Hand gehen. In seiner Rede im Futurium Berlin¹ sagte er letztes Jahr sogar, daß zur Freiheit eine „Erwartung an die Verantwortung“ gehöre, die aus der Freiheit erwächst.
Ich, als Autor dieses bLogs, glaube, daß er damit Recht hat, insbesondere weil „Verantwortung“ aus meiner Sicht direkt etwas mit „Nachhaltigkeit“ zu tun hat, die ja als Untertitel auch der Oligoamory zugrunde liegt.
In der von mir schon oft zitierten Buchszene, in der der „Kleine Prinz“ des Autors Antoine de Saint-Exupéry auf den Fuchs trifft, erklärt der Fuchs: „Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ ²
Demgemäß bedingen sich also ebenfalls Vertrauen und Verantwortung…

Freiheit, Vertrauen, Nachhaltigkeit, Verantwortung – ich möchte versuchen, ein wenig zu ordnen, warum ich denke, daß diese Werte für oligoamores Denken und Handeln wichtig sind – und wie sie zusammenhängen.

In meinem 3. Eintrag führe ich die Nachhaltigkeit als bedeutenden oligoamoren Wert ein, indem ich erläutere, daß „Nachhaltigkeit“ drei wichtige Kernkriterien umfasst³, nämlich Konsistenz, Effizienz und Suffizienz. Dazu schrieb ich, daß in der Oligoamory Beziehungen „konsistent, also sowohl dauerhaft als auch (werte- und personen-)beständig“ seien sollten.
„Zugleich sollten oligoamore Beziehungen aber auch für die daran Beteiligten effizient sein. Damit sei nicht weniger gemeint, als daß die Beziehungen den Menschen darin dienlich sein sollten, geeignet für alle Beteiligte, und förderlich, sich nach ihren jeweils individuellen Potentialen entfalten und ergänzen zu können.
Und suffizient sollten sie sein, […] weil die Beziehungen zufriedenstellend und (selbst)genügsam sein sollten, also eben gerade nicht unendlich oder beliebig, sondern menschlichen Maßen von Überschaubarkeit und Vertrautheit angemessen.“

Auch wenn ich diese Zeilen heute noch einmal lese, fällt mir auf, daß dies auf jeden Fall einigermaßen ambitionierte Wünsche für jede Beziehung sind. Gleichzeitig nicke ich aber auch beinahe unwillkürlich mit dem Kopf, weil ich denke: „Ja, solche Beziehungen würden von ihrer Berechenbarkeit, von ihrem Spielraum meiner Freiheitsgestaltung und von ihrer Wahrnehmungsmöglichkeit meines Angenommenseins/Einbezogenseins definitiv stark zu meinem persönlichen Wohlbefinden beitragen!“
An dieser Stelle kommt für mich dann in mehrfacher Hinsicht wieder Saint-Exupéry mit seinem Fuchs ins Spiel. Der Fuchs zeigt dem „Kleinen Prinzen“ nämlich, daß ein solcher ersehnter Zustand nicht schnell herbeiführbar ist. Als Bedingung nennt er ein „sich vertraut Machen“, also einen allmählichen Aufbau von Vertrauen, der nur wechselseitig und über einen längeren Zeitraum zum gemeinsamen Ziel führen kann. Und dieser Prozess würde dahinein münden, daß mit der wachsenden „Vertrautheit miteinander“ die zunehmende „Verantwortung füreinander“ einherginge.

Daß dies in der Tat ein wegweisend nachhaltiger Gedankengang ist, fällt vor allem dann auf, wenn wir die Verantwortung, die ja am Ende der Kette steht, einmal weglassen:
Ohne Verantwortung, bzw. genauer „Verantwortlichkeit“ würde es mit dem Vertrauen vermutlich sehr schwer werden. Wer könnte Vertrauen in eine Person oder Institution haben, die Verantwortlichkeit für ihr Sprechen und Handeln ablehnen würde – oder in dieser Eigenschaft recht wetterwendisch oder beliebig wäre? Auch jedwede gemeinsam verbrachte Zeit wäre dann keine hilfreiche Verbündete mehr, denn die für unsere Gehirne so wichtige „Kohärenz“ (Folgerichtigkeit/Sinnzusamenhang) könnte sich nicht einpendeln: Der verläßliche, vorhersagbare Fundus an ähnlichen Erfahrungen bliebe aus.
Und dadurch wären wir seelisch/mental ständig „auf dem Sprung“, in einem halbalarmierten Zustand vorsichtiger Wachsamkeit, weil möglicherweise im nächsten Moment eine gänzlich neue oder andere (Beziehungs)Erfahrung gemacht werden müsste, als beim Mal davor – oder dem davor…
Diese Lage, wenn der Alarmschalter des Gehirns längere Zeit auf einer mittleren Position feststeckt, nennt die Wissenschaft „Stress“. Und wer möchte mittel- oder langfristig in einer Beziehung sein, in der Stress die Normalsituation wäre?
Auf diese Weise wird sich ein „Zufriedenheitszustand“ der Nachhaltigkeit nie ergeben, denn wir könnten niemals sicher sein, ob unsere Beziehungen beständig (konsistent), geeignet (effizient) und ausreichend (suffizient) wären.

Ohne so erlebte Nachhaltigkeit wiederum würden wir höchstwahrscheinlich früher oder später in einen unerfüllten und bedürftigen Zustand geraten, der uns alsbald zu Konsum und einer gewissen Maßlosigkeit ( = Mangel an Maß) treiben würde.
Und da „Zu-friedenheit“ ja genau genommen eine „In-Friedenheit“, ein „In-Frieden-Sein“ bedeutet, würden wir mit dem Verlust unserer Zufriedenheit zugleich auch aggressiver und kompromißloser werden.
Hoppla!
Haben wir da gerade etwas wiedererkannt? Aus unserem Alltag oder sogar bezüglich des Zustands der Welt?

Wenn mir das gelungen ist, dann bin ich meinem heutigen bLog-Ziel sehr nahe.
Denn mit der Oligoamory möchte ich ja auch „Lust auf das Vertraute“ machen.
Und dies kann beizeiten bedeuten, daß ich mich darum bemühen muß, aus einer situativen „Unzufriedenheit“ eben nicht in Konsum und Maßlosigkeit zu flüchten.
Oder es kann bedeuten, daß ich aufgefordert bin zu schauen, ob ich mit dem „Vorhandenen“, dem Vertrauten, nicht doch „in Frieden“ sein kann.

Diesbezüglich leben wir zugegeben in einer etwas zwiespältigen Zeit. Denn wiewohl es zunehmend Initiativen gibt, die, wie ich hier, der Nachhaltigkeit mehr Bedeutung verleihen wollen, so gibt es immer noch genug Stimmen, die das „Vertraute“ als rückständig, altbacken oder langweilig stempeln wollen, um uns aus unserem Frieden zu locken (und ohne Unzufriedenheit gäbe es sicherlich deutlich weniger Konsum…).
Wenn wir diese Dynamik auf die Ebene der Beziehungsführung übertragen, dann sehen wir schnell, wie wir in eine Haltung von „höher-schneller-weiter“ katapultiert werden könnten, die non-monogamer Lebensführung z.T. einen so schlechten Ruf eingebracht hat. Denn wenn der innere Frieden erst einmal verloren ist, dann besteht die Gefahr, daß die unerfüllte Bedürftigkeit stets die Hoffnung nährt, daß „da draußen“ immer noch etwas (also: jemand!) passenderes, tolleres, besseres sein könnte – und das „Wisch-und-weg“ moderner Datingportale ist geboren. Und irgendwann geht es dann nicht einmal mehr um das Ziel der Erfüllung eigener Bedürfnisse (und sei es in irgendeinem unerreichbaren Superlativ), sondern nur noch um das nächste Neue, Aufregende, Aufreizende, weil nur noch dieser Kick stark genug ist, das Leeregefühl kurzfristig wirklich zu unterdrücken.

Wenn wir nicht in solch ein Hamsterrad geraten wollen, dann bleibt uns – auch und gerade in Beziehungsdingen – vor allem, eine etwas in Vergessenheit geratene Tugend (wieder) zu mobilisieren: Zufrieden zu sein mit dem, was wir (schon) haben. Oder was mir in der Oligoamory besonders lieb ist: Das, was wir haben, sorgfältig zu erwägen.
Das scheint mir heute in einer Zeit, in der immer noch so häufig Konsumlaune künstlich erzeugt wird, sehr wichtig zu sein: Was brauche ich denn (noch), um zu-frieden, in Frieden, zu sein? Oder wenigstens: zufriedener. Und: Gibt es das (nur?) „da draußen“?

Mit dem, was ich (schon) habe, kann ich aber mein „In-Frieden-Sein“ vermutlich viel besser überprüfen. Und dabei kann ich ganz bei mir bleiben – und muß nicht auf ein „Außen“ oder etwaige Partner*innen zeigen.
Z.B., wie sieht es mit meiner Verantwortlichkeit aus? Zur Verantwortlichkeit gehören wichtige Eckpfeiler jeder (Mehrfach)Beziehungsführung: Meine Aufrichtigkeit, meine Loyalität, das Maß meiner Transparenz. Wie viel solcher Kapazitäten bin ich bereit aufzuwenden, um mich beständig, integer und, ja, berechenbar, als jemand zu bewähren, der vertrauenswürdig ist? Und habe ich den Willen und die Zeit dazu?
Letztere Frage ist gar nicht so unwichtig. Neulich las ich auf einem Datingportal in einem Profil den Satz: „Bitte schreibe mich nur an, wenn Du in Deinem Leben wirklich Raum für eine weitere Beziehung hast.“
Manche Menschen scheinen es also auch mit Flirts wie mit Milchtüten zu halten: Sie kommen mit einer neuen Packung nach Hause, nur um festzustellen, daß der Kühlschrank schon voll ist – Folge: Neue Packungen haben keinen Platz, vorhandene Packungen werden sauer…

Nachhaltige Beziehungsführung, wie ich sie mir in der Oligoamory wünsche, will also mit Sorgfalt ausgeübt sein. Meine persönliche Freiheit geht nämlich tatsächlich mit einer „Erwartung an (meine) Verantwortung“ einher:
Einerseits, daß ich mich selbst gut genug kenne, um zu wissen wo meine Stärken und meine Grenzen bzw. meine noch ausbaufähigen Potentiale liegen. Andererseits, daß ein Beziehungsprozess, auf den sich zwei (oder mehr!) Lebewesen freiwillig einlassen, immer gleichzeitig ein Hineinwachsen in eine Gesamtverantwortung füreinander bedeutet.

Und das ist doch genau genommen sehr gut so. Denn Nachhaltigkeit, mit ihren Aspekten von Konsistenz, Effizienz und Suffizienz bedeutet doch, daß eine bestimmte Sache für uns einen Wert gewonnen hat. Soviel an Wert, daß sie eben normalerweise nicht beliebig oder austauschbar ist. Und dieser Wert ist aus einem Zugewinn an Vertrauen zu einem Gegenstand, einer Person oder einer Beziehung heraus entstanden.
Und jede*r weißes von sich selbst: Wen oder was man in dieser Weise „lieb gewonnen“ hat, mit dem ist man im Umkehrschluß wiederum besonders bemüht oder sorgfältig, zeigt sich „verantwortlich“.

In dieser Hinsicht kann die Parole aus der Umweltbewegung „Nachhaltigkeit beginnt vor der eigenen Haustür!“ direkt auf unsere intimen Beziehungen übertragen werden: Wir müssen den Blick dazu nicht in die Ferne schweifen lassen oder auf das ewig grünere Gras der Nachbar*in. Als der beste Beziehungsmensch können wir uns hier und heute gegenüber uns selbst und in unseren Bestandsbeziehungen erproben, verantwortlich und frei.
Was enorm sexy ist, übrigens, richtig gehend attraktiv…
Welch‘ schöneres Argument könnte es für (potentielle) Teilnehmer*innen ethischer Mehrfachbeziehungen geben?



* 2. Zeile aus Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Erinnerung“.

¹ Rede am 26. September 2019 im Futurium in Berlin zur Kampagne „Freiheit ist unser System“.

² „Der Kleine Prinz“; 21. Kapitel; „Freundschaft mit dem Fuchs“

³ Danke diesbezüglich nochmals für Input durch Dr. Bernd Siebenhüner.

Danke an pine watt auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 41

tl;dr

„Ach ja, Oligotropos… – dein bLog“, so seufzte neulich eine Bekanntschaft aus den sozialen Netzwerken. „Aber du schreibst immer so viel… …und so lang…!“
Liebe Leser*innen: Ich bekenne mich in all diesen Punkten schuldig. Und wenn ich „schuldig“ sage, dann meine ich im Sinne radikaler Aufrichtigkeit damit „ursächlich“.
Als ich in verschiedenen sozialen Netzwerken noch sehr aktiv war, habe ich mir darum gelegentlich auch schon einmal von Rezipient*innen den recht eigenwilligen Kommentar „tl;dr“ eingefangen. Dieses Akronym aus dem Netzjargon steht für die englischen Wörter „too long; didn’t read“ – und sollen als Antwort auf einen als überlang empfundenen Beitrag bedeuten: „[Der Text war] zu lang; [deswegen habe ich ihn] nicht gelesen“.*
Solch eine Anmerkung ist dann in ihrer Einfältigkeit nur noch mit der unverfrorenen Einleitung zu toppen: „Ich hab‘ den Text nicht ganz gelesen, aber…“ und dann wird unverdrossen drauflos kommentiert.
Ihr lieben Menschen, die Ihr Euch mit mir in das wortreiche Innere des entlegenen Eilands der Oligoamory begebt: In einer Zeit, in der Simplifikation und Mundgerecht-Machung oftmals publikumswirksam als das Gebot der Stunde angepriesen werden, werde ich Euch diesen Bärendienst nicht erweisen.
Denn es wäre nicht redlich von mir, Euch zu suggerieren, daß es in Beziehungsdingen auf schwierige Fragen einfache bzw. schnelle oder gar universelle Antworten gäbe.

Von hier gehen die Einträge vom entlegenen Eiland der Oligoamory jeden Monat hinaus in die Welt…

Den Wunsch nach Einfachheit und Leichtigkeit kann ich selbstverständlich gut nachvollziehen. Und unser Gehirn ist diesbezüglich ja auch oft ein allzu williger Erfüllungsgehilfe: Wenn wir z.B. verliebt sind, flutet es unsere Existenz mit körpereigenen Wohlfühlstoffen, die uns in der Kennenlernzeit erst einmal mögliche Diskrepanzen und Konfliktherde übersehen lassen. Oder es schaltet in langjährigen Beziehungen auf „Autopilot“ und ist darum bemüht, etwaige Abweichungen von der kohärenten Routine so weit wie möglich in den Hintergrund zu verschieben, so daß die partnerschaftliche „Funktionsharmonie“ den eindeutigen Vorzug bekommt.

Ethische (Mehrfach)Beziehungsführung – auf jeden Fall nach oligoamoren Ideen – wird sich allerdings nicht mit der idyllischen Oberfläche begnügen. Wer sich auf die abenteuerlichen Gewässer der Non-Monogamie begibt, muß darauf gefaßt sein: Das geht unter die Haut. Denn ethische Non-Monogamie, die das Präfix „ethisch“ verdient, verlangt von uns, daß wir Lust daran haben uns „im Miteinander unter unseresgleichen zu bewegen, [und] Aufschluß darüber zu geben, wer wir sind“ ¹.
Darum wünsche ich mir auch, daß das Oligoamory-Projekt nicht so sehr als tagesaktueller bLog aufgefasst wird – bei dem der oberste Eintrag stets eine situative Befindlichkeit des Autors oder eine weltbewegende neuste Erkenntnis enthält – sondern mehr als ein Kompendium miteinander vernetzter Knotenpunkte.
In dem Sinne finde ich es natürlich schön, wenn jemand einen meiner Einträge für sich als gut gelungen ansieht und diesen Artikel besonders herausstellt, teilt etc. Aber als ledigliche „Fundgrube“ würden die ethische Non-Monogamie und die Oligoamory schwer nachvollziehbares Stückwerk bleiben, dem ohne Bezug zu den anderen „Knotenpunkten“ das stützende Rückgrat fehlen würde.
Denn noch einmal: Oligoamory ist keine „Methode“, die man, wie z.B. Büroyoga, getrennt vom ursprünglichen Kontext rein situativ erfolgversprechend anwenden kann. Oligoamory ist eine Philosophie und eine Lebensweise, die zur (Selbst)Berechtigung und (Selbst)Ermächtigung bzw. dem reflektiven Selbsterleben aller daran Beteiligten einladen möchte.

Und dafür kann ich keinen „einfachen“ Schlüssel vorgaukeln.
Noch mehr: Da ich als Grundansatz für meine Ideale und Ziele „Beziehungsführung“ gewählt habe, wünsche ich mir als Schauplatz unseres oben erwähnten „Selbsterlebens“ unsere engen Begegnungen mit anderen Menschen in überschaubaren, auf Vertrauen basierenden Gemeinschaften. Ich möchte also nicht, daß wir als meditierende Einsiedler*innen irgendwann erleuchtet auf unserem einsamen Berg mit einem letzten „Heureka!“ auf den Lippen erwachen, sondern, daß wir quasi ein Selbst-Entwicklungsprojekt auf einer lebendigen Leinwand sind – „Mobilis in Mobili“ (lat.: Bewegt im Beweglichen)² sozusagen.
Speziell mit Letzterem ist ganz offensichtlich, daß wir bei so viel buchstäblich „unvorhersehbaren“ Faktoren und Einflußgrößen wirklich den größtmöglichen Mut haben müssen, auf jeglichen Autopiloten und auf alle fremdgenerierten Rezeptbücher zu verzichten. Und daß wir stattdessen „Vertrauen wagen“³ und neugierige Offenheit wie einen bisher eher wenig ausgebildeten Muskel trainieren sollten.

Deshalb ist ein großes Thema der Oligoamory die Einheit von sowohl freiem wie auch gleichzeitig verbindlichem Handeln. In Eintrag 7 stelle ich dar, daß diese Einheit bewußt und widerspruchsfrei gelebt werden kann – und daß dies in der Tat gar nicht mal so schwierig ist (Ich glaube sogar, daß viele Menschen, die sich im Umwelt- oder Tierschutz engagieren, grundsätzlich schon eine solche Philosophie umsetzen, insbesondere was ihre Ernährungs- und Konsumgewohnheiten angeht). Denn im Zentrum steht dabei unsere individuelle Integrität, unsere „fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln“ (Zitat Wikipedia). Dabei kann es sich demgemäß nicht um ein für die Ewigkeit in Stein gemeißeltes Regularium handeln: Denn wir sind so lebendig wie unser Umfeld, mit dem wir interagieren. Stete Beobachtung, Neubewertung, Dazulernen und Anpassung sind also ein unveräußerlicher Teil davon.

In Eintrag 9 betone ich darum beim Thema „Emotionalvertrag“, der – unausgesprochen oder nicht – hinter jeder tieferen Beziehung steht, daß es diesbezüglich wichtig ist, sich selbst gut kennenzulernen. Denn um mich gut vertreten zu können, um für mich einstehen und verhandeln zu können, muß ich zuerst wissen, was ich brauche und muß daher die Mühe auf mich nehmen, meine eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse kennenzulernen. Und dabei wird mir nicht helfen, wer ich nach Ansicht meiner Eltern oder Lehrer oder Chefs sein sollte, sondern nur, wer ich jetzt gerade bin – mit meinen aktuellen Stärken und Schwächen – und natürlich, was ich denn von der anhängigen Beziehung erhoffe.

Weil wir aber doch oft aufgrund eines „vorgegebenen“ Selbstbildes operieren, versuche ich z.B. in Eintrag 14 die Komplexität dessen zu beleuchten, was diese „Vorgaben“ ausmacht. Und ich versuche zu skizzieren, daß wir nicht alle die gleichen guten Chancen haben, aufgrund unserer Aufgestelltheit und unserer individuellen Resilienz mit unseren möglichen Vorerfahrungen in Sachen „Beziehung“ umzugehen. Trotzdem bestätigt auch die Wissenschaft, daß die Anerkennung unseres Kernselbst die zentrale Aufgabe unserer Eigenwahrnehmung ist, bei der allen Nähemenschen unserer Wahl eine ganz besondere unterstützende Rolle zukommt.

Demgemäß wende ich in Eintrag 18 allerdings ein, daß es für diese besonderen Nähemenschen manchmal schwer werden kann, wenn sie während unserer nicht immer einfachen Anstrengungen die gesamte Bandbreite unserer Potentialentfaltung miterleben. Denn auch darin wäre ich ein unredlicher Autor, würde ich verschweigen, daß eine Selbsterforschungsreise stets immer nur schöne oder angenehme Ergebnisse zu Tage fördern würde.
Daß es in einer Beziehung auf Augenhöhe dann schlechterdings jedoch auch unmöglich ist, diese Potentiale unter dem Teppich zu halten, beschreibe ich in Einträgen rund um persönliche Doppelbödigkeit (Eintrag 21) oder (mangelnde) Transparenz (Eintrag 37). In diesen Zusammenhängen weise ich immer wieder auf eine Haltung von hoher Aufrichtigkeit hin, die nach meinem Verständnis noch über bloße Ehrlichkeit hinausgeht, insbesondere in dem Aspekt, genau auch unangenehmen Erkenntnissen bzw. Gefühlen ihren benötigten Raum und die erforderliche Aufmerksamkeit zu geben (was für alle Beteiligten eben auch mal schwer „auszuhalten“ sein kann).

Aus der Anerkenntnis dieser „dunklen Aspekte“ lade ich dazu ein, sich sogar Phänomenen wie Depression (Eintrag 22) oder Abspaltung (Eintrag 26) nicht zu verweigern, da es sich dabei meistens um Facetten unseres Seins handelt, die über lange Zeit in uns gewachsen sind – und die sich durch ledigliches Verleugnen nicht nur nicht bessern, sondern sich oftmals geradewegs selbst bestätigen und stärken – und dadurch in der Jetztzeit erneut wieder Schwierigkeiten in unserer Beziehungsfähigkeit aufwerfen werden.

Unsere „dunklen Aspekte“ können uns aber ebenso wertvolle Hinweise darauf geben, wie es um die Sehnsucht nach unserer (verlorenen) Intimität beschaffen ist – und welche Erfüllungsstrategien wir dafür in der Gegenwart heranziehen. Und damit sind wir der Dynamik „Wir – und die Anderen“ und wie wir uns darin verorten (wollen), ein großes Stück näher gekommen. Also auch unseren Beweggründen dafür, warum wir uns eventuell mit non-monogamen Ideen beschäftigen – und wo diesbezüglich unsere Talente und unsere Defizite liegen könnten (Einträge 27 + 28).

Deshalb liegt hinter der Philosophie der Oligoamory die beinahe beziehungsanarchistische Betrachtung all unserer Nähemenschen als Gesamtgemeinschaft (von der auch wir Teil sind), frei von künstlicher Reihenfolge oder Hierarchie. Bezüglich dieser selbstgewählten Zugehörigen ist also bedeutsam, welche Konzessionen und faulen Kompromisse wir eingehen würden, um ein anerkanntes Gemeinschaftswesen zu sein, bzw. wie wir genug Vertrauen und Einschließlichkeit aufbringen können, um klassische Autoritäts- und Angststrukturen zu verhindern (Eintrag 29 + 33).

Und damit schließt sich mein Bogen zum Anfang, indem ich mit der Oligoamory zu einer Berechtigung und Ermächtigung aller an einer Beziehung Beteiligten hinführen möchte, wie ich es speziell in meinen jüngeren Artikeln 37 + 39 auch noch einmal deutlich betone.

Als Erforscher oligoamorer Lande danke ich allen Leser*innen, die sich immer wieder die Mühe machen, meine vielen und langen Einträge zu lesen, über sie nachzudenken und über sie zu sprechen. Wenn ich mir etwas wünschen darf, so hoffe ich, daß wir alle auf diese Weise zu einer friedlicheren, bewußteren und integrativeren Welt beitragen. Auf ein Neues!



* Quelle Wikipedia und Urban Dictionary

¹ Zitat von Hannah Arendt, in voller Länge in Eintrag 39 nachzulesen.

² Motto der Romanfigur Kapitän Nemo des Autors Jules Verne – Kapitän Nemo ist seinerseits aber sicher kein günstiges Beispiel für ein „Gemeinschaftswesen“…

³ klingt fast wie das bekannte Willy Brandt-Zitat („Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert.“), ist aber nur so ähnlich. Sinngemäß stimme ich dem Altkanzler selbstverständlich in diesem Aspekt zu.

Eintrag 40

Von Kopf bis Fuß

Es war bereits der US-amerikanischer Erzähler und Satiriker Mark Twain der erkannte: „Schlagfertigkeit ist etwas, worauf du erst 24 Stunden später kommst.“
Kein neues Phänomen also – und das ist zumindest ein wenig tröstlich, denn neulich war ich mal wieder in einer solchen Situation, in der situative Schlagfertigkeit ausgezeichnet gewesen wäre, die entsprechende argumentative Abgeklärtheit dazu aber wiedermal einige Stunden hinterherhinkte…

Es war eines dieser weihnachtlichen Gespräche in gemächlicher Runde, mit einigen Menschen, die man eher periodisch trifft, die man vom Sehen kennt – und die von einem Psychologen wie Robin Dunbar vermutlich samt und sonders in den großen Kreis der „Bekannten“ eingeordnet worden wären.
Da saß ich also mit einer solchen „Bekannten“ zusammen. Sie: WG-erfahren, durchaus auch mit gelegentlichen nicht-monogamen Ereignissen im Leben vertraut. Und dann dreht sich das Thema irgendwann natürlich doch um meinen bLog, um die Oligoamory – und um mich.
Und ob es nun am Glühwein lag oder nicht, im Zeitalter sozialer Netzwerke sollte man als Autor besser stets auf gutgemeinte Kommentare zum eigenen Werk (welches die eigene Person leider zu oft mit einschließt) vorbereitet sein, denn genau dank der erwähnten Netzwerke ist heute der Beruf des Kritikers quasi unser aller täglich zweites Brot geworden – und wir werden in sozialen Medien, in Foren, auf Vergleichsportalen und Kundenplattformen doch auch regelmäßig dazu aufgefordert.
Eifrig übe man sich daher auch in der guten Kommunikation, mit solch‘ (konstruktiver?) Kritik angelegentlich umzugehen.
Meine Bekannte sprach also: „Weiß Du, Oligotropos, irgendwie finde ich Deine ganze Oligoamory sehr seltsam, sie fühlt sich für mich irgendwie nicht richtig an. Nach meiner Erfahrung ist es doch so: Da ist man in einer Beziehung und stellt irgendwann fest, daß da noch jemand weiteres ist, den man gutfindet und den man lieben möchte. Und eigentlich versucht man dann doch erst ab diesem Punkt mit diesem Thema umzugehen und sucht nach Lebens- und Liebensweisen, die das möglicherweise abbilden könnten. So, aus dem gelebten Leben heraus, von unten her. Deine Oligoamory, die scheint mir da total verkehrt, so vom Kopf auf die Füße gestellt. Und überhaupt: Ich habe ja schon erwähnt, daß ich auch diesbezüglich dieses ganze Datingverhalten als total künstlich und steif empfinde. Sollte es nicht so sein, daß sich Beziehungen einfach so ergeben, je nachdem ob Menschen kompatibel sind oder nicht? Du z.B. mit Deiner oligoamoren Suche. Das kommt für mich immer ein wenig steif und irgendwie sehr bemüht rüber – auf jeden Fall nicht so richtig im Flow. Ich fände es sehr schwierig, so eine Sache auf diese Art anzugehen…“
WHÄM!
Nun, ich saß ja direkt daneben – und wenn ich auch nicht schaffte, wirklich schlagfertig zu sein, so gelang mir immerhin eine selbstehrliche Ich-Botschaft. Denn ich konnte meiner Bekannten antworten, daß die Oligoamory in meinem Fall ja das Ergebnis meiner persönlichen Reise durch die Welt ethischer Non-Monogamie gewesen war, bei der ich mich und meine Bedürfnisse schon recht gründlich kennengelernt hatte. Und so seien in die Oligoamory bereits einige meiner Erkenntnisse darüber eingegangen, was ich in einer Beziehung für mich brauchen würde – und wo es mir auch wichtig sei, potentiell beteiligten Personen sofort und aufrichtig darüber ins Bild zu setzen (da ich z.B. weiß, wie schnell ich mich selbst in Wunschbilder und Projektionen verrenne).
Und was das Dating anging, so sagte ich, daß, wenn man in einer südniedersächsischen Kleinststadt zwischen Weser- und Leinebergland leben würde, man sich schon ein wenig strecken müsse, um mit wenigstens Ähnlichgesinnten in Kontakt zu kommen, da die Menge an fakultativ kompatiblen Menschen bei unter 1000 Einwohnern, mit einem Altersdurchschnitt von 60+, doch vermutlich eher klein sei…

Wie dem auch sei: Auch im Nachhinein bin ich mit den von mir gegebenen Antworten zufrieden. Wirklich schlagfertig waren sie allerdings nicht. Denn Stunden später (wann auch sonst!) dachte ich: „Jetzt weiß ich, was mich an der Kritik gestört hat. Und ich hätte antworten sollen: ‚Sorry – aber Oligoamory ist nicht etwas, was man macht, sondern etwas, das man ist !‘, genau.“
An dieser Stelle muss ich nun etwas ausholen, denn treue Leser*innen dieses bLogs könnten seit Eintrag 1 wissen, daß auch ich eines schönen Tages einmal recht plötzlich mit den Herausforderungen ethischer Nicht-Monogamie konfrontiert war – und ursprünglich auch kein Konzept dazu in der Tasche hatte, um damit umzugehen. Ich muß allerdings sagen, daß ich mir gewünscht hätte, wenigstens über irgendeine Art von Geländer zu verfügen, an dem ich mich in den folgenden Wochen und Monaten hätte entlang tasten können. Und immerhin erhielt ich nach einem dreiviertel Jahr auch einen wunderbaren Hinweis auf das Buch „More Than Two – A Practical Guide to Ethical Polyamory“ von F. Veaux und E. Rickert, welches meinem Beziehungsnetzwerk und mir half, erste Wege durch den Dschungel unserer Fragen und Befindlichkeiten zu schlagen. Aber bis dahin hatten wir mit „Try and Error“ im Heimwerkermodus auch schon eine Menge schmerzhafter Patzer fabriziert, die wirklich mit ein klein wenig mehr „Rahmen“ vermeidbar gewesen wären – abgesehen davon, daß man sich auf weiter Flur auch nicht so allein mit seinem (Mehrfach)Beziehungswunsch vorgekommen wäre.

Stichwort „Beziehungswunsch“: In vielen Foren und Gremien wird anhaltend darüber debattiert, ob ein Hang zu Mehrfachbeziehungen bei manchen Menschen nun angeboren oder erworben sei.
Ich sage: Ich glaube, diese heiß umstrittene „Theorie des Ursprungs“ ist für unsere gelebten Beziehungen nicht so sehr wichtig. Wenn ich allerdings auf mein eigenes Leben schaue, dann kann ich für mich durchaus auf eine kleine Historie putziger Dreier- und Viererkonstellationen verweisen (vor allem in Beziehungsablöse- oder -wechselsituationen). Diese Proto-Mehrfachbeziehungen hatten damals zwar alle keine langen Bestandszeiten – aber dennoch legen sie, wenn ich es wage mir diesbezüglich ehrlich ins Gesicht zu sehen, deutlich Zeugnis davon ab, daß ich wohl schon zumindest seit längerer Zeit eine gewisse Präferenz (oder Tendenz) in Richtung Mehrfachkonstellationen hatte und habe. Ob demgemäß „angeboren“ oder „erworben“, es ist auf jeden Fall ein Thema, welches sich als Spur in meinem Leben regelmäßig wieder auffinden läßt: Also ja, ich BIN das auch, es macht mich aus, es ist ein Faktor, der meinem Denken und Handeln immanent ist. Natürlich hätte ich mit Mitte 20 da noch nicht „oligoamor“ dranschreiben können. Aber wären mir Philosophien ethischer Non-Monogamie, wie sie in queeren, alternativen oder neopaganen Kreisen schon länger kursieren bekannt gewesen, dann hätte ich deutlich früher wenigstens den Begriff „polyamor“ für mich angenommen.
Denn in dem Sinne glaube ich nicht, daß Mehrfachbeziehungen etwas sind, was einem „einfach passiert“. Und viele Menschen aus dem queeren Spektrum würden mir möglicherweise zustimmen, daß, wenn man eine bestimmte Neigung, ein bestimmtes Sehnen in sich fühlt, früher oder später der Tag kommen wird, an dem eine innere Haltung eben nicht länger unterdrückt werden kann, sondern sich schon irgendwie ihren Weg nach draußen suchen wird. Genau dann – so würde ich es mir wünschen – wäre es ja gerade kolossal hilfreich, wenn es schon irgendeine Form von Orientierung, Auswahl oder Hilfe gäbe, eben diese persönlichen Neigungen oder Haltungen einordnen bzw. wenigstens benennen zu können.
Zu genau dieser Handlungshilfe sehe ich mich mit meiner Oligoamory aufgefordert – ein bunter Menüpunkt unter vielen zu sein, der eine Vorstellung, eine Ausrichtung präsentiert, auf daß er anderen Menschen als möglicher Anhaltspunkt für ihre eigene Beziehungsphilosophie und Lebensweise dienen kann.
Wenn ich demgemäß dabei mithelfen kann eine „Art zu Fühlen“ oder eine „Ars Vivendi“ vom Kopf auf die Füße zu stellen: Herzlich gern – damit finde ich die Oligoamory gänzlich zutreffend beschrieben. Denn die Alternative, ein mißverständliches Ungefähr, mit einem erheblichen Mangel an Begriffen sich selbst zu beschreiben und zu verorten, davon gibt es in meinen Augen da draußen schon allzuviel.

Bliebe mir heute nur noch, die schlagfertige Antwort auf die Datingkritik zu formulieren. Und ich gebe zu, daß ich darüber noch einen Moment länger nachdenken mußte.
Bis mir einfiel, was meine Bekannte mir mit ihrer Rezension eigentlich durch die Blume verkündet hatte: Ein überraschend stereotypes heteronormatives Narrativ.
Denn genau genommen hatte sie zweierlei ausgedrückt: Zum einen, daß „wirkliche/echte“ Beziehungen sich stets nur durch eine schwer fassbare, romantische verklärte Komponente zu finden und zu bilden hätten – und zum anderen, daß überhaupt nur (monogame) Singles eine wirkliche „Berechtigung“ zum Daten hätten.
Alle anderen von uns, die weder durch Singletum, noch durch romantisch verklärte Umstände von etwaiger Beziehungsanbahnung begünstigt wären, müssten sich nach diesem Modell mit entsagungsvollem Warten und Schmachten bescheiden – denn jegliches proaktive Verhalten wäre ja zutiefst künstlich und „bemüht“.
Das ist in der Tat eine ziemliche Keule für jegliches queere und non-monogame Leben – und übrigens auch noch eine, in der verborgen ein häßlicher Nagel steckt. Denn so ähnlich wie in dem einstmals abfällig gewählten Wort „gay“ steckt für uns „Alternativdatende“ der Vorwurf darin, daß wir andernfalls wohl dauergeil oder dauerbedürftig sein müssten, wenn wir nicht in der Lage wären auf die kosmische Fügung einer romantischen Zufallsbegegnung zu harren.
Mit dem Biedermeiersprüchlein „Das Glück kommt zu dem, der warten kann“ hatte ich schon immer so meine Schwierigkeiten, denn es könnte auch mit „…und wenn nicht, dann hat es nicht sollen sein“ enden – und mit einer derart fatalistischen Haltung werden wir weder eine Gesellschaft noch unsere Umwelt umgestalten oder gar retten können. Was eine solche Haltung „erhalten“ möchte, ist eine von mir im vorherigen Eintrag kritisierte, angepasste und ängstliche Einstellung, die genau verhindern wird, daß wir unsere Flagge wehen lassen und uns trauen „Jemand zu sein“.
Wiewohl ich als hochsensible Person vermutlich nie ein echter Fan des (Online)Datings sein werde, so halte ich es dennoch für ein zeitgemäßes Werkzeug, insbesondere, da ich ein überzeugter Fürsprecher des bewußten und freien Willens bin. Und wenn dann (hoffentlich!) aufrichtige, informierte und mündige Menschen im Rahmen eines „künstlich“ herbeigeführten Dates aufeinandertreffen, dann werden sie es vermutlich ganz alleine schaffen, darüber zu entscheiden, ob sie sich als beziehungskompatibel empfinden, ob da „mehr“ zwischen ihnen ist – oder nicht. Und dazu braucht es keine höheren Mächte, keine Schicksalsergebenheit – und bestenfalls bloß ein ganz kleines bißchen Romantik.

Tja. Das wäre vielleicht schlagfertig gewesen – obwohl ich annehme, daß das Gespräch, welches ich in der Tat dann doch in aller Ruhe zu ende führen konnte, ansonsten eine noch durchaus kämpferischere Wendung hätte nehmen können.
Und da der englischer Aphoristiker und Essayist Charles Caleb Colton auch erklärte, daß „Schlagfertigkeit der höchste Grad des Verstandes sei, denn er ließe auf die rascheste und kühlste Weise Genius in einem Augenblick sichtbar werden, da die Leidenschaften erhitzt sind“, teile ich meine verspäteten Erkenntnisse heute lieber hier mit Euch, meine treuen Leser*innen, und wünsche Euch ein wunderbares, fulminantes, mutiges – und schlagfertiges – 2020!



Danke an TessaMannonen auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 39

Jemand sein

»Gedenkt man, wie viel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
Und leider ereignet sich dies nicht bloß dem Vorübergehenden. Gemeinschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Mitglieder, Städte gegen ihre würdigsten Bürger, Nationen gegen ihre vorzüglichsten Menschen.«

Dieses Zitat stammt aus dem RomanDie Wahlverwandtschaften ¹ von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1809. In der Tat handelt es sich dabei, wie der bemerkenswerte Titel nahezu vermuten läßt, um ein fast visionäres Buch, welches sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der heiklen Materie potentieller „Viel-Liebe“ versuchte. Es geht um wechselseitiges Begehren, um eine geradezu spirituelle Anziehungskraft, um Beziehungskompatibilität und romantische Motive. Allerdings traute es sich auch der Altmeister Goethe mit dem Roman damals nicht zu, die Geschichte am Ende für alle Beteiligten anders als in Chaos und Leid enden zu lassen – damit blieb er ein Kind seiner Zeit.
Was jedoch Goethe in meinen Augen seinen Kranz als Dichterfürst erhält, ist die Tatsache, daß er es wagte, ausgerechnet die Dynamik einer Vierecksbeziehung zu entwerfen, um mit seinem Werk darüber zu philosophieren, inwieweit seine Hauptpersonen aufgrund naturgesetzlicher Notwendigkeit oder aus freier Willensentscheidung heraus handelten.
Insbesondere Letzteres bildet ja in Beziehungsdingen bis heute immer noch eine der ganz großen Fragestellungen. Und von dem Philosophen Richard David Precht in seinem Buch „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ und dem Neurowissenschaften Gerald Hüther in seinem Werk „Die Evolution der Liebe“, über die Biologen Christopher Ryan und Calcida Jethá in ihrem BuchSex: Die wahre Geschichte bis hin zum Zenmeister Thich Nhat Hanh in „Quelle der Liebe – Wie Partnerschaft dauerhaft gelingt“ oder auch dem Seelencoach Veit Lindau in „Liebe radikal: Wie Du deine Beziehungen zum erblühen bringst“ wird ebenfalls in der Gegenwart über dieses Thema eifrig nachgedacht und geschrieben.

Daher habe ich gegenüber Goethe heute den Vorteil, daß ich auf ein ganzes Menü unterschiedlicher Blickwinkel zum Thema „(Mehrfach)Beziehungsfähigkeit“ zugreifen kann – außerdem kenne ich persönlich eine handvoll mutiger Menschen, die beweisen, daß ethische Non-Monogamie zwar nicht alltäglich einfach ist, jedoch auch keinesfalls Stoff für ein Drama von „Chaos und Leid“ sein muß.

Manchmal allerdings scheinen sich die „Umweltbedingungen“ für Mehrfachbeziehungen seit Goethes Zeiten bis heute wiederum nur wenig geändert zu haben. Mit der politischen wie der gesellschaftlichen Akzeptanz abseits hetero-monogamer Normativität scheinen sich weite Schichten der Bevölkerung nach wie vor schwer zu tun. Für die vier Protagonist*innen der „Wahlverwandtschaften“ bedeutete dies im Roman des 19. Jahrhunderts das Ende, bzw. wie Wikipedia so pragmatisch schreibt: „Das Experiment scheitert, weil die Gesellschaft nicht jene Bindungsfreiheit zulässt, die für Wahlverwandtschaften notwendig ist.“

Tatsächlich glaube ich, daß viele Menschen, die sich potentiell für ethische Non-Monogamie interessieren, diesen Satz auch heute noch genauso unterschreiben würden.
Und ja: Es ist auch schwer, zu einer Avantgarde von „Andersdenkenden“ zu gehören. Denn dies bedeutet nicht nur, sich eine andere Philosophie oder Lebensweise, als sie der „Mainstream“ hat, zu erwählen. Es bedeutet vor allem, auch gegenüber sich selbst tagtäglich immer wieder neu von dieser anderen Philosophie und Lebensweise überzeugt zu sein, obwohl man sich damit höchstwahrscheinlich in einem Umfeld bewegt, welches überwiegend noch nach anderen Maßstäben ausgerichtet ist.
Mit anderen Worten: Man braucht eine ziemlich starke Persönlichkeit.

Ich glaube, daß auch Goethe dies in seinem Roman, an dessen Konzeption er fast zwei Jahre feilte, sehr genau erkannt hatte: Umweltbedingungen sind ein wichtiger Faktor – aber daneben gibt es noch den Faktor der individuellen „Resilienz“ – also dem Maß, in wie weit ein Mensch, trotz widriger Umstände, in der Lage ist, dennoch seinen persönlichen Wünschen und Idealen treu zu bleiben.
Und natürlich hängen diese beiden Faktoren auch zusammen.
Goethe z.B. skizzierte genau genommen vier Hauptpersonen, die alle aus unterschiedlichen Gründen irgendwann unter dem äußeren Druck zusammenbrachen, weil sie in sich selbst ängstlich, verzagt, unsicher, eifersüchtig oder überheblich waren. Gleichzeitig spielt seine ganze Geschichte vor einem höchst obrigkeitsstaatlichen Hintergrund und einer (klein)bürgerlichen Gesellschaft, die genau darauf angelegt ist, ihre Mitglieder unmündig und begrenzt im Denken zu halten.
Das in meinen Augen „Revolutionäre“ an der Goethegeschichte ist darum, daß er genau mit Sätzen wie dem, der meinen heutigen Eintrag einleitet, sehr deutlich darauf hinweist, wie stark er sich selbst dieser mangelnden Förderung von „Persönlichkeitsbildung“ seiner Zeit bewußt war – und er sie darum quasi indirekt anklagte.

Und damit ist Goethe für mich auch in der Jetztzeit hochaktuell.
Denn in meinen Augen haben heute Modelle ethischer Non-Monogamie, wie die Poly– oder die Oligoamory, nur dann wirklich Aussichten auf Erfolg, wenn wir es schaffen, sowohl gesellschaftlich, als auch individuell, unsere Individualität, unsere „Verschiedenartigkeit“ zu wahren – um sie dadurch zugleich als Brücke zur Gemeinschaftsbildung zu begreifen.

Der Erziehungswissenschaftler Rainhard Kahl hat diesen scheinbaren Widerspruch für mich einmal sehr eindrücklich formuliert, indem er uns diesbezüglich zu unerschrockenem Handeln aufruft und uns einlädt „Ein Jemand zu sein“²:

»Das ist weder selbstverständlich noch banal, denn es bedeutet ein Wagnis, ein Jemand zu sein, nicht nur eine Rolle zu spielen oder zu funktionieren.
Denn „jeder Mensch steht an einer Stelle in der Welt, an der noch nie zuvor ein anderer vor ihm stand“³.
Erst aus dieser nicht weiter reduzierbaren Verschiedenheit und Eigenheit eines jeden – aus der Pluralität – ergibt sich die Möglichkeit zur Verständigung. Wenn wir alle identisch wären oder sein sollten, wäre Verständigung weder nötig noch denkbar.
Der Preis von Pluralität allerdings ist erst einmal eine ursprüngliche Fremdheit:
„Das Risiko, als ein Jemand im Miteinander in Erscheinung zu treten, kann nur auf sich nehmen, wer bereit ist, im sich Miteinander unter seinesgleichen zu bewegen, Aufschluß zu geben, wer er ist und auf die ursprüngliche Fremdheit dessen, der durch Geburt als Neuankömmling in die Welt gekommen ist, zu verzichten.“³
Auf seine ursprüngliche Fremdheit verzichten! Ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Mit dem Aufbau einer gemeinsamen Welt ließe sich diese ursprüngliche Fremdheit überwinden.
Der Misanthrop allerdings ist ein Mensch, der nicht auf seine Fremdheit verzichten mag:

„Die Menschlichkeit, die sich in Gesprächen der Freundschaft verwirklicht, nannten die Griechen ‚Philantropeia‘, eine Liebe zu den Menschen, die sich daran erweist, daß man bereit ist, die Welt mit anderen zu teilen. Ihr Gegensatz, die Misanthropie oder der Menschenhaß, besteht darin, daß der Misanthrop niemanden findet, mit dem er die Welt teilen möchte, daß er niemanden gleichsam für würdig erachtet, sich mit ihm an der Welt und an der Natur und dem Kosmos zu erfreuen.“ […]
„Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dieses Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch, ist heute Gegenstand der größten Sorge. Jede Wahrheit, ob sie nun den Menschen Heil oder Unheil bringen mag, ist unmenschlich im wörtlichen Sinne, weil sie zur Folge haben könnte, daß alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so daß aus vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände.“³«

All die Zitate, die Rainhard Kahl seinerseits verwendet, stammen übrigens von der Philosophin Hannah Arendt, die im Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der maßgeblich die „Endlösung der Judenfrage“ geplant und umgesetzt hatte, auf schonungsloseste Art damit konfrontiert worden war, wie aus einem „konformen Bürger“ ein gewissenloser Befehlsausführer geworden war. Fortan widmete diese Philosophin einen Großteil ihres Lebenswerkes der Fragestellung, welche Bedingungen erfüllt sein mußten, damit manche Menschen einen Teil ihrer Menschlichkeit abspalten konnten – wohingegen es anderen gelang, mitfühlend und empathisch zu bleiben.
Sie identifizierte, daß der Verzicht darauf „Ein Jemand zu sein (bzw. zu bleiben)“ und statt dessen zu einem angepassten Massenwesen und Trendfollower zu werden, am stärksten zu Verführbarkeit und Selbstvergessenheit beitrug. Und das solch eine Anpassung schließlich maßgeblich zu einem gesamtgesellschaftlichen Klima von Unterwürfigkeit und Angst führten, die Ausgrenzung und Gewaltexzesse schließlich erst ermöglichten.

Genau da empfinde ich, Oligotropos, die Tagesaktualität: Insbesondere wir Menschen, die bis in unsere privaten Beziehungen hinein versuchen nonkonformes, ja geradewegs queeres Gedankengut zu leben, sind aufgefordert, uns immer wieder darin zu üben „ein Jemand zu sein“. Speziell in einer Gesellschaft, die uns heute weit größere Freiheit ermöglicht als es das 19. Jahrhundert konnte – eine Freiheit, die aber heute trotzdem durch rechte Ränder oder digitale Massenhypes in Gefahr geraten kann, relativiert zu werden.
Für unsere Liebsten, für unsere Kinder, für uns selbst ist es darum wichtig, unser Profil zu pflegen, mit seinen Eigenheiten und Potentialen – eben genau um zu dem integrativen „bunten Buffet“ beizutragen, welches ich in Eintrag 33 beschreibe – und was unsere beste Versicherung ist gegen stumpfes Funktionieren und geistig weggetretenes Hinterherlaufen.

Das Schlusswort überlasse ich dazu noch einmal Rainhard Kahl:
»Die Lust sich zu exponieren verbindet Hannah Arendt mit der Bereitschaft sich vom Ungewissen treffen zu lassen. Verletzbarkeit ist eine Voraussetzung dafür, Erfahrungen zu machen und sich entwickeln zu können. Ja, Verletzbarkeit ist eine Funktion von Stärke. Die Stärke wächst mit dem Verzicht auf Panzerung.
In einem Fernsehinterview 1964 sagte sie:
„Wir fangen etwas an, wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen; was daraus wird, wissen wir nie. Das gilt für alles Handeln, ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist, im Vertrauen auf die Menschen, das heißt in irgendeinem, schwer genau zu fassenden, grundsätzlichen Vertrauen in das Menschliche aller Menschen.
Anders könnte man es nicht.“
«

¹ Johann Wolfgang von Goethe, „Die Wahlverwandtschaften“: 2. Teil, 1. Kapitel

² Reinhard Kahl, „Auf der Suche nach erwachsen gewordenen Erwachsenen“; Fachaufsatz in „Kinder suchen Orientierung“, 2002, Walther/Patmos-Verlag

³ Hannah Arendt, Auszüge aus ihrer Rede zur Verleihung des Lessing-Preises 1959

Danke an Kurt Kleeb auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 38

Ihr Kinderlein kommet

Als meine damalige Frau und ich vor nunmehr 6 Jahren unsere Ehe in Richtung der Polyamory öffneten, konkret: eben weil ich mich in eine weitere Frau verliebt hatte, mit der ich auch eine vollwertige Beziehung führen wollte (siehe dazu Eintrag 1), teilte ich diese Entscheidung selbstverständlich im Sinne allumfassender Transparenz genauso unseren Kindern mit – die damals 7 und 9 Jahre alt waren.
Selbstverständlich“ sage ich, „im Sinne allumfassender Transparenz“, und wer meinen vorherigen bLogeintrag zu dem Thema gelesen hat, weiß, wie ich dazu stehe: „absolut aufrichtig“ und „sofort “ sind die Stichworte. Und da meine Kinder Teil meines Lebens waren und sind, so sind sie natürlich auch immer Teil meiner (häuslichen) Gemeinschaft. Und damit sind sie faktisch auch berechtigt, neue Informationen, die das Leben der gesamten Gemeinschaft irgendwie betreffen werden, auf schnellstem Wege zu erfahren.
Also nein, bei Kindern hört der Spaß auf…! “, liest man dann gerne in konventionellen Foren, vermutlich von Leuten, die sich unter „Polyamory“ so etwas wie permanent-rastlos fortgeführtes Rudelgetümmel im Schlafzimmer vorstellen. Und, ja, was manche Menschen unter „Polyamory“ verkaufen, das ist leider auch oftmals vorwiegend sexuell gewichtet (meine Kritik dazu Eintrag 2), also spreche ich ab jetzt von „Oligoamory“, denn darum sollte es hier ja auch ursprünglich gehen.

Was meine Kinder damals anging, so hielt ich eine kindgerechte Information auf jeden Fall für nötig; ich erzählte den beiden also, daß nun die X. bei uns mit dazukommen würde, dann wären wir mehr Leute und das hätte doch auch eine Menge Vorteile. Bei Beziehungen, so erklärte ich weiter, da müsse nicht immer erst jemand weggehen, bevor jemand Neues sich hinzugesellen dürfe, sondern es sei doch viel schöner, wenn so etwas auch wachsen könne.
Meine Kinder berieten sich kurz, bevor mein Sohn verkündete „Papa ist jetzt also wie ein orientalischer Sultan…! “, worauf er direkt von meiner (stets sehr korrekten) Tochter unterbrochen wurde: „Naja, dann müßte er jetzt doch eher hundert Frauen…“ – und ich rief komisch verzweifelt die Treppe zu meinen Liebsten hinunter: „Ich glaube ich hab’s verpatzt…! “.
Aber viel wichtiger: Quasi so ist es bis zum heutigen Tag in dem Verhältnis zu unseren Kindern geblieben. Von der ersten Sekunde an betrachteten die beiden unser Beziehungsgeflecht mit viel hintersinnig-wohlwollendem Humor – und machten sich damit die Gesamtsituation nach und nach zu eigen. Egal ob sie bei einer weiteren Verliebtheit von mir sagten: „Na, hat Papa wieder eine kleine Freundin…“, ob sie bei einem Paar, welches wir kennenlernten, nach dem ersten Treffen instinktsicher bekundeten „Die sind komisch...“ (es kam auch mittelfristig keine Beziehung zustande), oder ob sie begannen, alle Erwachsenen in wörtlicher Rede für sich fortan statt „Mama und Papa“ mit dem Kollektiv „die Eltern“ zu benennen á la: „Die Eltern haben gesagt, sie wollen noch einmal Einkaufen fahren…“ (was auch bis zum heutigen Tag so geblieben ist, gelobt sei das Patchworking!).
Aus Kindersicht taten die beiden also, was ihnen am Natürlichsten war – und darin stimmt die moderne Erziehungsforschung völlig überein. Denn sie suchten sich aus der neuen Konstellation das heraus, was ihnen Stabilität und Zuverlässigkeit bot und was sie für ihre optimale Entwicklung brauchten: Ein Höchstmaß an emotionaler Sicherheit und Geborgenheit und eine möglichst große Vielfalt an unterschiedlichsten Anregungen und Herausforderungen, die sie allein oder mit Hilfe der Erwachsenen bewältigen konnten¹.

Und die Erwachsenensicht? Nun, entgegen oberflächlich-offizieller Annahmen und Projektionen besteht ethische Non-Monogamie deutlich weniger aus den oben erwähnten rastlosen Orgien als vielmehr aus Arbeitsalltag, profaner Haushaltsorganisation und sehr weltlicher sozialer Interaktion. Das meiste davon ist für Kinder ziemlich langweilig, wodurch es in diesen Bereichen recht egal ist, ob man als Single, monogam oder mit fünf Partner*innen lebt – seine Kinder sieht man dabei meist gar nicht oder vielleicht aus der Entfernung von hinten. Nun gut, ganz egal ist es vielleicht nicht, denn mit mehr Erwachsenen beginnt man von dem unglaublichen Vorteil zu profitieren, daß da oft immer noch irgendjemand ist, der genug Energie hat, Legomodelle zu bestaunen, zum 63. Mal die gleiche Frage zu beantworten oder eine kreative Antwort auf eine gänzlich neue Frage zu finden (wie z.B. „Sag mal, kann man beim Sex eigentlich einschlafen…? “).
Und da wir gerade beim Sex sind, der ja von allen Außenstehenden immer so gerne hinsichtlich Kindern problematisiert wird: Für Kinder ist all das Normalität, was Erwachsene mit Souveränität tun. Also ist es wichtig, wie wir dazu stehen. Am Anfang wohnten wir in einem sehr kleinen Reihenhaus, wo die Kinder auf dem nächtlichen Weg zum Bad z.B. an unserer Schlafzimmertür vorbeitappen mußten. Tja, dann hält Mensch in seinem Tun eben solange inne, bis die Kleinen wieder zurückgetappt sind. Und morgens? Ja, dann kamen die Kindlein eben zu uns Dreien ins Bett gehopst (wie sie es zuvor bei Zweien auch getan hatten) und verteilten ihre Komplimente: „Ach X.“, sagte mein kleiner Sohn dabei mal zu meiner neuen Partnerin, „Du bist so richtig herrlich wabbelig…“. Was soll man bei so viel zutiefst liebevoll bekundeter Aufrichtigkeit noch sagen?
Ich könnte aus den Jahren noch tausend – durchaus auch weniger spektakuläre – Beispiele bringen, wichtig aber ist: Kinder werden sich ihre Welt schon untertan machen. Für sie ist in der Hinsicht jedoch Vieles, ja vermutlich das Meiste, was wir Erwachsenen untereinander tun oder sagen, eher wenig interessant.
Einmal machte ich mir diesbezüglich sogar Sorgen. Wir hatten im Urlaub miteinander ein Wochenende auf einer mittelalterlichen Burg verbracht, was die Kinder großartig fanden, gerade weil wir alle dort (also zu fünft) zusammen sein konnten. Nach den Ferien stand in den Schulklassen meiner Kinder das traditionelle Thema „Mein schönstes Ferienerlebnis“ an und in den entsprechenden Aufsätzen las ich, daß die Kinder das Thema mit der Burg fast nebensächlich behandelt hatten. Ich sprach daraufhin mit der Schulsozialarbeiterin, erläuterte ihr unsere etwas unkonventionelle häusliche Situation, und die sehr aufgeschlossene Dame sagte zu mir: „Wissen Sie, Oligotropos, Kinder haben einen sehr guten Sinn für ihr eigenes Stück Normalität. Natürlich vergleichen sich Kinder auch untereinander, sehen auch, daß andere Familien anders leben – aber das nehmen sie nicht halb so wichtig, wie wir Erwachsenen es von ihnen glauben. Für Kinder sind interessante Bezugspersonen viel bedeutender, Ansprache und verlässliche Strukturen. Und das gibt es bei ihnen ja alles.“

Und mit diesem „guten Sinn für das eigene Stück Normalität “ möchte ich im zweiten Teil dieses Artikels darstellen, was ich durch unsere Kinder darüber in Hinsicht auf die Oligoamory gelernt habe:
Denn was die tatsächliche Identifikation mit den von uns aufgenommenen Mehrfachbeziehungen angeht, dafür ist kaum etwas ein eindeutigerer Lackmus-Test, als der, wie wir es mit diesen Beziehungen gegenüber unseren Kindern halten.
In Eintrag 35, der vom „Richtigen Zeitpunkt “ des offiziellen Bekennens zu einer neuen Liebe handelt, stelle ich dar, daß ein häufiges Argument gegen dieses Bekenntnis wäre „daß man beim „Anbandeln“ ja so sehr lange selbst unsicher sei, ob es sich bei der neuen Begegnung um etwas „Ernstes“ handeln würde, wodurch es dann doch genau deswegen so sehr schwierig abzuschätzen sei, ob etwaige „Bestandspartner*innen“ mit an Bord genommen werden sollten, falls sich eben genau nichts „Konkretes“ aus jenem „Anbandeln“ ergeben würde…“.
Da unsere Kinder unveräußerliche Verbindlichkeiten sind, die mit dem Moment ihrer Entstehung zu unseren Leben gehören, gilt für sie an dieser Stelle allerdings nichts anderes, als für unsere (etwaigen) Bestandspartner*innen auch: Erkenne ich eine neue Beziehung als vollwertigen Teil meines Lebens an – oder nicht?
Wenn nicht, dann führe ich vielleicht einen „Spielbeziehung“ oder überhaupt nur ein „Spielchen“ – ich führe aber jedenfalls nichts, was nach oligoamoren Maßstäben als integre und ethische (Mehrfach)Beziehung gewertet werden kann.
Denn was ist die Alternative? Diese (Spiel)Beziehung aus dem sonstigen gemeinschaftlichen Leben heraushalten, verheimlichen, kompartmentalisieren (abspalten).
Für Kinder gilt aber viel mehr noch als für Bestandspartner*innen, daß dies nicht funktionieren wird. Denn vielleicht sind wir abgebrüht genug, daß wir einen erwachsenen Partner noch eine Weile über unsere wahren Beweggründe im Unklaren belassen könnten, für unsere Kinder ist dies Verhalten katastrophal. Denn vor allem kindliche Gehirne reagieren auf jede Abweichung zwischen Sein und Schein exorbitant empfindlich: Schließlich ist es für Kinder, die beim Homo sapiens in den ersten Lebensjahren absolut auf die Fürsorge durch Erwachsenen angewiesen sind, überlebenswichtig, auf diese Zeichen von Kohärenz (Nachvollziehbarkeit / Sinnzusammenhang) oder Inkohärenz (Widersprüchlichkeit / Inkonsequenz) zu achten. Und zwar gerade weil wir ja ihre „Erziehungsberechtigten“ sind – und der ganze kindliche Geist auf unsere Signale hinsichtlich Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Neugier, Begeisterung, Zuwendung, Motivation, (Selbst)Wirksamkeit und Bindung total sensibel eingestellt ist. Versuchen wir hier also mit einer versteckten Agenda durchzukommen, dann werden wir früher oder später die ersten Kennzeichen von Erziehungs- und Entwicklungsproblematiken heraufbeschwören, sei es als Rückzug, als Aggression oder als Hinwendung zu anderweitigen, äußeren „Sinngebern“.
Und das ist ja auch klar, wenn wir durch ein solches Verhalten unserer Rolle als Erwachsene nicht gerecht werden; wenn wir uns selbst genau nicht erwachsen verhalten, da Erwachsensein ja definitiv eine gewisse Lust auf die Übernahme von (Selbst)Verantwortung bedeutet.

Eine solche wenig ernsthafte und integre Haltung seinen Beziehungen gegenüber, die sich in falsch verstandener Verantwortlichkeit in Form von Verheimlichung oder Bagatellisierung vor den eigenen Kindern deutlich zeigt, hat in meinen Augen auch noch eine weitere gesellschaftspolitische Dimension.
Denn in Deutschland sind auch nach wie vor – und ich erinnere daran, daß wir wacker in das 21. Jahrhundert hineinschreiten! – Sätze wie die folgenden zu vernehmen: „Das Kind gehört zur Mutter! “ oder „Eine Familie besteht aus Vater, Mutter und ihren Kindern².“
Wer vor sich selbst tatsächlich noch diesen traditionellen Vorstellungen anhängt, den bitte ich dringlichst, auch in seinem „Hobbysektor“ einer Betätigung in irgendeiner Form von Mehrfachbeziehung, und sei es im Kontext von BDSM, Swingen, Casual Dating oder gar vorgeblicher Polyamory zu entsagen.
Ethische Non-Monogamie (wie Poly- und Oligoamory) sind vollwertige Lebensweisen und Beziehungsphilosophien, wie es z.B. bewußter Vegetarismus oder Veganismus in Bezug auf Ernährung sind: Entweder ist man da unbeirrbar bei der Sache und ist davon aus guten Gründen überzeugt – oder man ist es nicht.
Wir versuchen doch auch in punkto Ernährung unseren Kindern Konsequenz vorzuleben und speisen nicht am Wochenende heimlich Tofu und Salat, um uns dann Montags mit dem Kind die Rinderroulade zu teilen, um dem armen Ding – entgegen unserer eigenen Haltung – vorzuleben „was ein normales deutsches Kind isst“. Oder spätestens bei der Großmutter: Zuhause sind wir längst vegan – aber bei Omama loben wir das Hühnerfrikassee und verlangen laut nach einer zweiten Portion, um zu zeigen, daß wir alle nach wie vor „auf Linie“ sind. Selbstverständlich würden wir bei Oma auch niemals erzählen, daß es zuhause noch den Frank und die Katja gibt, mit denen wir seit zwei Jahren zusammenleben – nein, daß wäre nicht gut. Ob wir da vor unseren Kindern eine bessere Figur abgeben würden?

Wenn mir jetzt wirklich noch jemand entgegnen will „Oligotropos, was ich privat mache, das geht keinen was an…! “, der*dem antworte ich: „Das mag sein – aber mit der Einstellung ist niemand beziehungs- oder gar gemeinschaftsfähig.
In Mehrfachbeziehungskontexten ist so eine Art Inseldenken nicht mehr aufrechtzuerhalten, denn alle unsere Entscheidungen werden immer direkt alle Beteiligten unserer Gemeinschaft in irgendeiner Form berühren.
Und nein, ich stelle es mir als überhaupt nicht angenehm oder „cool“ vor, im eigenen Haus oder in der Familie als Geheimnisträger*in agieren zu müssen. Die Menschen, die mich direkt umgeben, sollten doch diejenigen sein, denen auch ich mich zur Gänze anvertrauen kann, wo ich „ich selbst“ sein möchte.
Es ist nicht möglich da irgendwelche Partner*innen oder eigene Kinder unter dem Scheinargument der „Schutzbedürftigkeit“ herauszurechnen. Denn „schutzbedürftig“ sind wir in diesen Fällen höchstwahrscheinlich eher selbst, da wir uns über unsere Gründe, die hinter unserem Mehrfachbeziehungswunsch stecken, bisher nicht klar genug geworden sind – oder uns noch dafür insgeheim schämen (Einträge 26, 27 und 28). Mit dieser Ambivalenz würden wir auf einige wirklich geniale Verbündete verzichten – genau eben auf unsere Kinder. Denn die legen an uns ganz andere Maßstäbe an, als wir es in unserer Selbstbetrachtung tun. Für die sind wir nicht nur „herrlich wabbelig“, sondern wir sind für sie auch die kompetentesten Reiseführer*innen in die Welt. In dem Fall also in unsere Welt, in der wir zeigen dürfen, daß sowohl Tofu schmeckt als auch Frank und Katja mit zu „den Eltern“ zählen.
Und Oma? Entweder beweist Oma, daß auch sie noch dazulernen kann oder wir müssen eben gucken, wer jetzt Donnerstagnachmittag auf das kleine Volk aufpaßt. Aber wir können uns auf dem Weg in die neue Welt nicht erpressen lassen – Gewissen gegen Hühnerfrikassee, nix da…
Und was sagst Du da, Oligotropos, Frank und Katja zählen jetzt mit zu „den Eltern“? Fremden Leuten vertraue ich doch nicht die Erziehung meiner Kinder an… Ups! Dazu zwei Dinge:
Zum einen – wenn Frank und Katja deine Liebsten in einer ethischen Mehrfachpartnerschaft sind, dann solltest du nach und nach genug Vertrauen fassen, daß du sie auch mit den anderen Teilen deiner Gemeinschaft, also deinen Kindern, interagieren lassen kannst. Frank und Katja machen übrigens auch deinethalben Kompromisse in den Momenten, wenn du mit deinen Kindern interagierst. Und überhaupt – ich sagte doch schon, daß es mit mehr Leuten tatsächlich einfacher wird (in der Hinsicht zumindest).
Zum anderen – Frank und Katja werden sich ihrerseits den strengsten Richtern, was die „Einmischung in die Erziehung“ angeht, anvertrauen müssen, nämlich den dazugehörigen Kindern. Und Kinder, das weiß ich aus eigener Anschauung, vergeben dieses Privileg sehr gezielt. Indem sie wie bei ihren biologischen Eltern Kompetenz, Kohärenz und nicht zuletzt eine riesige Portion wechselseitiger Sympathie abwägen. Darum kann ich, Hand auf’s Herz, bestätigen: Wenn sich dein Kind entschieden hat, seine Liebe zu schenken, dann kannst du es ganz sicher längst.

Tja. Und dann entsteht wohl tatsächlich so ein kleines Patchworkuniversum, wo im besten oligoamoren Sinne aus „Dein“, „Mein“, „Seinem“, „Ihrem“ und „Deren“ ein „Unser“ wird.
Meine Tochter hat das neulich (jetzt 15jährig) selbstverständlich etwas anders ausgedrückt. Da gab es zu Weihnachten beim Baumarkt, als wir alle an der Kasse anstanden, kleine Werbegeschenke.
Kassiererin: „Oder hier: Da hätte ich für euch noch einen ganz tollen Familienkalender…!
Tochter: „Brauchen wir nicht. Wir sind keine Familie. Wir leben nur zusammen, weil wir es nicht anders wollen!

Als wir dann mit rausgingen kicherte sie: „Ob die Kassiererin jetzt Angst vor mir hat…?!
Ich sag’s ja: Die machen sich ihre Welt schon untertan.
Beziehen wir sie darum besser gleich mit ein, wenn wir sie dabei lieber auf unserer Seite haben wollen…



¹ aus Karl Gebauer & Gerald Hüther „Kinder suchen Orientierung – Anregung für eine sinn-stiftende Erziehung“, walter/Patmos, 2002

² z.B.: „Europäische Bürgerinitiative ‚Vater, Mutter, Kind – zum Schutz von Ehe und Familie‘ 2016/17“ (Petition gescheitert)

Danke an Ben Wicks auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 37 #Transparenz

Glasklar

Gerade erst habe ich mich in Eintrag 35 mit dem „richtigen Zeitpunkt“ beschäftigt, „wann“ bestehenden Partner*innen und Liebsten von dem potentiellen Aufblühen einer neuen Liebe berichtet werden sollte. In diesem Eintrag möchte ich diese Frage mit der wichtigen Idee der „Transparenz“ ergänzen.
„Transparenz“ gehört bereits zu den Grundbegriffen, die in der Polyamory häufig genannt werden (siehe hier); ein Grundwert der Oligoamory – den ich schon in Eintrag 3 benenne – ist sie auf jeden Fall.

„Transparenz“ ist ein etwas eckiges Wort, was einem außerhalb der ethischen Nicht-Monogamie im Kontext von Beziehungsführung eher selten begegnet. Transparenz – das kennt man eigentlich besser aus politischen Zusammenhängen, aus dem Finanzsektor oder dem behördlichen Arbeiten. Aber eben auch in den dortigen Bereichen, so sagt Wikipedia, bedeutet Transparenzein für erstrebenswert gehaltener Zustand frei zugänglicher Informationen und stetiger Rechenschaft über Abläufe, Sachverhalte, Vorhaben und Entscheidungsprozesse“.
Transparenz“, die gibt es aber auch im Lexikon der Psychologie, wo es heißt: „unmittelbares und ehrliches Zeigen eigener innerer Stimmungen sowie Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit verbaler Mitteilungen. Transparenz hat eine große, das soziale Zusammenleben regulierende Bedeutung. Sie hilft, Vertrauen zu bilden, Mitmenschen besser einzuschätzen, Bindungen zu stiften und zu festigen und gemeinsame Aktivitäten zu synchronisieren.“

Womit ich als Autor also sagen will: Ohne Transparenz ist eine um allseitige Aufrichtigkeit und Informiertheit bemühte Beziehungsbildung und -führung schwer vorstellbar.
Denn was ist denn die Aufgabe, genauer: die Funktion von Transparenz in einer Mehrfachbeziehung?
Die Autoren des Buches „More Than Two – A Practical Guide to Ethical Polyamory“ (2014), Franklin Veaux und Eve Rickert schreiben dazu in ihrer „Beziehungs-Grundrechteerklärung“, daß darin drei Ideen miteinander verknüpf seien, die für ethische Mehrfachbeziehungen fundamental seien – Einverständnis, Aufrichtigkeit und Handlungsfähigkeit; in ihren Worten:
Beim Einverständnis geht es um dich: Um deinen Körper, deinen Geist, deine Entscheidungen. Dein Einverständnis ist erforderlich, um zu dem Zugang zu erhalten was dir gehört. Die Menschen um dich herum haben Handlungsfähigkeit: Sie brauchen nicht dein Einverständnis, um zu handeln, denn du besitzt ja nicht ihre Körper, Geister oder Entscheidungen. Wenn jedoch ihr Verhalten sich mit deinem persönlichen Raum überkreuzt, dann benötigen sie dein Einverständnis.[…]
Aufrichtigkeit ist darum ein unentbehrlicher Teil jedes Einverständnisses. Denn du musst deinen Partner*innen die Möglichkeit zu informierten Entscheidungen geben, um mit dir in einer Beziehung zu sein. Wenn du lügst oder ausschlaggebende Informationen zurückhältst, dann nimmst du deinen Partner*innen die Möglichkeit zu echtem Einverständnis mit der Beziehung. […] Du solltest [auf diese Weise] niemanden zwingen, eine Entscheidung so zu treffen, wie du es willst; denn wenn du lügst oder wichtige Informationen zurückhältst, dann verweigerst du ihnen ihre Berechtigung zu wissen, daß sie eine Entscheidung hätten treffen können. Was also auch sg. „Auslassungslügen“ beinhaltet, denn eine „Auslassung“ liegt vor, wenn Information verborgen werden soll, die, wenn sie der anderen Partei bekannt gewesen wäre, für sie relevante Information enthalten hätte.
Handlungsfähigkeit ist daher ebenfalls mit Einverständnis verknüpft. […] Wir fordern euch auf, eure Partner*innen zu achten und euch selbst zu fragen, ob ihr ihre Freiheit der Wahl respektiert – selbst auf die Gefahr hin, daß ihre Entscheidungen euch wehtun könnten, selbst wenn sie sich für etwas entscheiden, was ihr selber nicht wählen würdet – denn es gibt auch kein echtes Einverständnis, wenn wir diese Freiheit der Wahl nicht haben.
Menschen zu ermächtigen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, ist indessen der beste Weg, auch die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Denn Menschen, die sich machtlos fühlen, können unberechenbar werden. Wenn wir aber unsere Bedürfnisse kommunizieren, und andere befähigen, daß sie dazu beitragen können, dann wird das in jedem Fall erfolgreicher sein als der Versuch, sie mit Informationsbeschränkung oder Zwang dazu zu bewegen
.“

Im oligoamoren Sinne hat „Transparenz“ damit immer zwei Dimensionen:

Zum einen den potentiell neu dazukommenden Liebsten gegenüber. Obwohl insbesondere in polyamoren Kreisen viel von „Erwartungsfreiheit“ die Rede ist (siehe Eintrag 2), sollten wir hier sehr realistisch und wirklich selbstehrlich sein: Selbstverständlich gibt es in uns allen gute persönliche Gründe, warum wir z.B. aktuell daten, gerne mehr bzw. neue Leute und Lieben in unserem Leben haben möchten – selbst wenn wir gerade „nur“ an einem Punkt in unserem Leben sind, wo wir das Gefühl haben, über die Kapazität zu verfügen, uns auf eine neue Beziehung einlassen zu können… Und auch was das „wie“ angeht, wäre es unredlich, wenn wir versuchen, mit „alles kann, nix muß“ zu operieren: Fast alle erwachsenen Menschen sind irgendwo in zumindest zeitliche Verpflichtungen, wie Arbeit, bestehende Beziehungen, Familie etc. eingebunden, was uns sehr selten „gänzlich frei“ in der Gestaltung weiterer, hinzukommender Beziehungen macht.
Gerade die „neuen Lieben“ sind also demgegenüber gemäß Veaux und Rickert in den Stand gleichberechtigter „informierter Entscheidungsfindung“ zu versetzen: Können und wollen sie sich mit dem „Gegebenen“ arrangieren? Ist der „weite Platz“ den wir ihnen aus unserer Sicht in unserem Herzen anbieten, aus ihrer Perspektive definitiv mehr als eine Nische im Gedränge?

Zum anderen sind da aber auch die lieben Menschen in unseren existierenden Bestandsbeziehungen. Und da diese schon jetzt bedeutende Strecken unseres Lebens teilen und dadurch mitgestalten, gehören diese damit bereits zu unserem persönlichen Dreiklang aus „Einverständnis, Aufrichtigkeit und Handlungsfähigkeit“ Wer jetzt nicht „Aber klar!“ sagt, der hat entweder schon eine dramatische Baustelle in seinen Bestandsbeziehungen oder eine höchst spektakuläre Auffassung seiner persönlichen Integrität. Denn: Transparenz, wie ich sie hier formuliere, ist auf die bestehenden Beziehungen übertragen ein Merkmal dafür, ob wir uns (überhaupt) wirklich mit unseren Bestandsbeziehungen identifizieren – also: Diese als Teil von uns und unserem Leben angenommen haben.
Und an dieser Stelle kommen wir zu der so oft umstrittenen „Treue in Mehrfachbeziehungen“. Wenn unsere Identifikation mit den von uns angenommenen Beziehungen und den damit übernommenen Verbindlichkeiten intakt ist, dann sind wir treu. Und zwar genau, wie auch Wikipedia es formuliert: „Treue (mhd. triūwe, Nominalisierung des Verbs trūwen „fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen“) ist eine Tugend, welche die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder einer Sache ausdrückt. Im Idealfall basiert sie auf gegenseitigem Vertrauen beziehungsweise Loyalität.“ Und das Vorhandensein von Vertrauen sowie Loyalität bildet buchstäblich das Grundgestein, mit dem jede menschliche Beziehung steht oder fällt.

Transparenz wirkt auf diese Weise immer als Signal in zwei Richtungen:
Auch ohne einen bisher gemeinschaftlich gesammelten Vertrauensschatz kann ich einer neu hinzukommenden Person zumindest zu erkennen geben, daß ich es nach besten Kräften mit meinem Wertesystem in alle Richtungen ernst meine. Fragen hinsichtlich meiner Motivationen können mich dann möglicherweise immer noch verunsichern (denn nackte Selbstehrlichkeit ist etwas, was wir gesellschaftlich nicht unbedingt aus dem Alltag gewohnt sind) – aber sie können mich nicht mehr vollkommen aus der Bahn werfen, da es keine traditionellen „Kellerleichen“ mehr gibt, die bei unpassender Gelegenheit ein plötzlich völlig anderes Bild von mir enthüllen werden, als ich nach außen vorgespielt habe. Und auch wenn die potentielle Verbindung dann am Ende (doch) nicht zustande kommt, habe ich mich zu jeder Zeit auf ethisch sicherem Boden befunden: Nicht ich habe versucht eine hübsche Fassade zu verkaufen, sondern die andere Person hat sich frei aus ihren ureigenen guten Gründen für oder gegen mich entschieden.
Für meine Bestandspartner*innen demonstriere ich mit meinem transparentem Verhalten, daß ich eine „sichere Bank“ bin und ergänze damit den hier bestehenden Vertrauensschatz. Denn meine charakterliche Prägung mag wandelbar sein, aber sie ist nicht beliebig: Meine Integrität, meine „aufrechterhaltene Übereinstimmung meines persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit meinem Reden und Handeln“ bleibt für mein direktes Umfeld nachvollziehbar. Und dies bedeutet, daß ich für meine bestehenden Lieblingsmenschen zugänglich bleibe, daß auch sie weiter mit ihrem Einverständnis, ihrer Aufrichtigkeit und Handlungsfähigkeit in einem gestaltbaren Dialog mit mir stehen. Was nicht weniger bedeutet, als daß unser vereinbarter Emotionalvertrag eben auf Augenhöhe ist.

Eindrucksvoll, was die Konsequenzen von Transparenz betrifft – und darum von meiner Seite empfehlenswert – ist der Film „Thanks for Sharing – Süchtig nach Sex“ (2012) mit Gwyneth Paltrow und Mark Ruffalo in den Hauptrollen als die Charaktere „Phoebe“ und „Adam“.
Der Film handelt nämlich von jeweils einer Frau und einem Mann, die beide für sich ein Merkmal haben, welches eventuell für andere Menschen problematisch sein könnte: Phoebe ist eine als geheilt geltende Brustkrebspatientin, Mark wiederum hat gerade 5 Jahre erfolgreich seine Sexsucht per Gruppentherapie (analog Anonyme Alkoholiker) in den Griff bekommen. Letzteres ist daher auch für Mark der Grund, sich wieder mutig der Möglichkeit einer neuen Beziehungsaufnahme zu stellen, und alsbald hat er auch ein vielversprechendes erstes Date – eben mit Phoebe.
Als die Hauptcharaktere „Phoebe“ und „Adam“ zum ersten Mal aufeinander treffen, kommt es zu der für mich bemerkenswerten Szene:
Kaum haben sich die beiden begrüßt (und eine optische Sympathie ist recht offensichtlich), erzählt Phoebe als allererste Information über sich rundheraus ihre Brustkrebsproblematik. Dabei gibt sie zu, daß sie zwar als „Überlebende“ und als geheilt gelte, sie aber wüßte, daß für manche Menschen wegen einer statistischen Rückfallwahrscheinlichkeit doch in so einem Fall ein Problem bestehen könnte, weshalb sie diese Auskunft über sich lieber gleich am Anfang deutlich machen wolle. Mark Ruffalo spielt den „Adam“ in dieser Szene in einer gelungenen Mischung aus Überraschung und Mitgefühl. Und selbst als Zuschauer*in ist man in dieser Szene von einer seltsamen Mischung aus Perplexität, Überfahren-Sein und Verwunderung erfüllt: War das jetzt in dieser Art so spontan – und wahrlich sehr unumwunden – nötig? Man kann in der Filmszene beinahe im Gesicht von Mark Ruffalo lesen, wie der Charakter Adam scheinbar kurz eine beschwichtigende gesellschaftliche Floskel erwägt á la „Ach, Brustkrebs, das haben wir doch irgendwie alle…“, er dann aber tatsächlich erfasst, was Phoebe gerade wirklich gesagt hat – und er schafft es rechtzeitig noch, die Kurve zu kriegen, ernsthaft und verständnisvoll zu bleiben, sowie zu demonstrieren, daß er mit dieser Tatsache keine Schwierigkeiten hat.
Bei den Zuschauer*innen wirkt das „Das war jetzt aber außerordentlich selbstehrlich…-Gefühl“ gerade noch nach, während Phoebe nun erleichtert weiterspricht. „Na, los Adam“, denken wir Zuschauer*innen, „sie hat ihre Karten aufgedeckt, jetzt trau‘ dich auch – sie kann wohl damit umgehen, hat doch selber »Gebrauchsspuren«!“ Der Adam-Charakter ringt auch sichtlich für wenige Sekunden mit diesem guten Vorsatz, als Phoebe plötzlich auf ihren Bruder zu sprechen kommt, der Alkoholiker ist, weshalb sie niemals mit jemandem in irgendeinem Suchtkontext eine Beziehung führen wollte… AU! Natürlich wäre gerade jetzt noch ein letztes Mal der Moment für schmerzhafte Transparenz und den Mut zur Wahrheit beim Mark-Charakter gekommen (womit sich Mark ja Phoebe hätte trotzdem anvertrauen können, um 1. zu sehen ob anfängliche Sympathie über ihre alte Ressentiments siegen könnte und um 2. zu demonstrieren, daß er ja, wie Phoebe selbst, als „geheilt“ gilt…) – aber natürlich sind wir im Hollywood-Kino (welches ja manchmal doch auf’s echte Leben schaut): Mark schweigt, teils etwas überfahren, teils nun verunsichert – und ist so froh, endlich wieder ein Date zu haben, daß er ein wichtiges Detail seiner Persönlichkeit darin lieber nicht zur Sprache bringt. Das Drama, daß sich später draus ergibt, bildet den dann folgenden Film…

(Und darum gilt in der Oligoamory, wie in Eintrag 35, natürlich auch für die Transparenz: „zeitnah“ heißt „sofort“, bzw. „100% von Anfang an“. Ermächtigt Euch!)



Danke an Michael Fenton auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 36 #Eifersucht

Eifersucht – eine Annäherung

Du mit Deiner ewigen Eifersucht…! “, so klingt es. „Du hast doch Komplexe! “.
Und überhaupt: „Überkommene bürgerliche Ressentiments...“, seien das – und darum wird der eifersüchtigen Person obendrauf noch mit einem ironischen Augenzwinkern das Sprüchlein „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht was Leiden schafft “ serviert.
Aber auch in Kreisen der vermeintlich so empathischen und gut aufgeklärten ethischen Mehrfachbeziehungen heißt es schnell: „Arbeite mal an Deiner Eifersucht ( = damit wir anderen unbehelligt weiter machen können wie bisher)!“. Oder das Königsargument jeder Küchentischpsychologie wird ins Feld geführt: „Das Problem sei bei der Person zu belassen, die das Problem hat ( = damit der Rest des Beziehungsnetzwerks unbehelligt weiter machen kann wie bisher).“
Auweia!
Das ist alles wenig friedvoll, größtenteils unzutreffend und die übrigen Körnchen Wahrheit, die darin noch enthalten sind, sind so verdreht wiedergegeben, daß sie in so einem Fall kaum noch hilfreich geraten werden. Was aber ganz sicher deutlich wird ist, daß Eifersucht ein Thema ist, wo Emotionen und Gefühle auf allen Seiten schnell eskalieren – und wo es darum gar nicht so einfach ist, einen Pfad durch den verfilzten Dschungel aus eilfertigen Diagnosen und kategorischen Schuldzuschreibungen zu bahnen.

Durchatmen.
Meiner bisherigen Lebenserfahrung nach gibt es „die Eifersucht“ per se nicht. Eifersucht ist so individuell und unterschiedlich, wie die Menschen, die davon geplagt werden. Geplagt werden, sage ich – ebenfalls nach meiner bisherigen Lebenserfahrung – denn ich habe auch noch nie irgendeine Person getroffen, die wirklich „gerne“ eifersüchtig ist. Und leider auch mit letzterem Vorwurf werden die Betroffenen ja ebenfalls regelmäßig konfrontiert: Eifersüchtige würden ihre Eifersucht geradezu mit Genuß „instrumentieren“, um anderen Menschen „alles“ kaputt zu machen.
Schon ein Blick in die deutschsprachige Wikipedia läßt dies unwahrscheinlich werden:
Eifersucht beschreibt eine schmerzhafte Emotion, die innerhalb einer Partnerschaft, Familie oder Freundschaftsbeziehung entstehen kann; und zwar dann, wenn man empfindet, eine Zuneigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respektsbezeugung vom Partner, von der Bezugsperson oder einem anderen geschätzten Menschen nicht oder nur unzureichend bekommen zu haben.“, heißt es da.

Nun höre ich bereits, wie sich die von der Eifersucht vermeintlich bedrängte/beengte/eingeschränkte Seite zum Gegenschlag bereit macht: Da stünde doch eindeutig „wenn man empfindet, eine Zuneigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respektsbezeugung vom Partner, von der Bezugsperson oder einem anderen geschätzten Menschen nicht oder nur unzureichend bekommen zu haben“. Womit doch erwiesen sei, daß es sich um eine bloße „Empfindung“ – also eine rein subjektive Einschätzung handeln würde. Und überhaupt: Das sei ja ein ganz schön heftiges Anspruchsdenken, wenn andere Menschen für die ausreichende Versorgung mit „Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respekt“ solcherart in Beschlag genommen würden. Die betroffene Person solle mal an ihrem Selbstwert arbeiten.

Durchatmen.
So brauchbar geraten ich den Wikipedia-Eintrag zum Thema Eifersucht insgesamt ansehe, so scheint auch dieser in einem wichtigen Aspekt in meinen Augen zu kurz zu greifen. Wenn man sich den übrigen Artikel (wie so viele andere Beiträge zu dem Thema auch) nämlich durchliest, dann ist die dortige Beschreibung insgesamt sehr dem Präsens (der Gegenwart) verhaftet. „[Eifersucht] entsteht durch das Empfinden einer Vertrautheit zwischen dem Partner und einer dritten Person, die die eifersüchtige Person ausschließt“, ist da zu lesen, sowie „Eifersucht setzt ein Subjekt und zwei Objekte voraus: das Objekt des „Anspruches“ auf Liebe oder der Verlustangst (den Partner) und das Objekt der Eifersucht, welches die Zweierbeziehung als „Eindringling“ bedroht“ und gegen Ende „Im Fall von Eifersucht empfindet der Betroffene mangelnde Wertschätzung durch eine konkrete Person“.

Wenn das so schlicht zutreffen würde, dann sollten meiner Meinung nach die meisten Fälle von Eifersucht – zumindest in ethisch-nicht-monogamen Gefilden – nur sehr selten zu den existenzerschütternden Dramen werden, welche die Beteiligten dort häufig trotzdem erleben müssen. Und selbst wenn wir einwenden, daß die allermeisten von uns eben noch aus der „alten Welt der Monogamie“ mit ihren erlernten Regularien von Anspruchs- und Besitzdenken stammen, so bleibt zugegebenermaßen immer noch ein erhebliche Menge von Beziehungssprengstoff übrig, der eben genau durch einen bloßen Paradigmenwechsel, was die Beziehungsphilosophie angeht, in keiner Weise zu entschärfen ist.
Warum, glaube ich, ist das so?

Zuallererst scheint mir wichtig, die in unserem Denken und Sprechen häufig als „Schuld “ („Du bist schuld dass…!“) vermengten Begriffe von „Ursache“ und „Auslöser“ fein säuberlich voneinander zu trennen. Denn all das, was z.B. der Wikipedia-Artikel beschreibt, gehört für mich in die Kategorie „Auslöser“: Menschen sind in einer Beziehung, ein Beziehungsparameter ändert sich (z.B. durch das Hinzukommen einer Person oder ein zeitintensives Hobby), dies verändert die Beziehungssymmetrie, eine diesbezüglich sensible Person erlebt nun Entzug bis hin zu Minderwertigkeitsgefühlen begleitet von Zorn, Trauer, Angst und Scham.
Selbstverständlich ist es darum auch richtig, sich diesen „Auslöser“ ebenfalls einmal anzusehen: Verstößt dieser in irgendeiner Weise gegen den bestehenden Emotionalvertrag, welcher der Bestandsbeziehung zu Grunde liegt? Beispiel: Wenn miteinander ethische Non-Monogamie, wie Poly- oder Oligoamory, vereinbart wurde und nun steht die Einlassung auf eine weitere Beziehung im Raum, dann könnte das absolut von der Vereinbarung gedeckt sein, wenn nicht plötzlich andere Absprachen (Job, Haushalt, Finanzen) grob vernachlässigt werden. Wahrscheinlich müsste aber auch diese bestehende Absprache „Emotionalvertrag“ zumindest nachjustiert werden, da die Ressource „Zeit“ bekanntlich nicht unendlich teilbar und vermehrbar ist.
Die Empörung in non-monogamen Kreisen hinsichtlich der Eifersucht ist ja nun aber meist vor allem deswegen allseitig so groß, gerade weil trotz all dieser guten Absprachen und Justierungen die Eifersucht trotzdem hervorspringen kann wie ein ungebändigter Tiger. Und das, obwohl man sich gerade noch in allem so einig war…

Meinem Erleben nach ist Eifersucht ein „Ursachenphänomen“ und nicht primär ein „Auslöserphänomen“. Daher die gute Nachricht zuerst: Eifersucht hat allerhöchstwahrscheinlich ursächlich weniger mit den in der Gegenwart agierenden Menschen zu tun. Oder „nur“ soviel: Das, was sich in der Gegenwart abspielt, ist der immer wieder bediente Auslöser (psychologisch „Trigger“) für die ursächlich weit darunter begründete Eifersucht.
Hier enden unsere guten Nachrichten aber auch schon, denn mit dieser Auffassungsweise entfernen wir jetzt buchstäblich den Deckel von der Büchse der Pandora, unter dem in uns allen eine oft furchteinflößende Gemengelage lauert:

Unser Gehirn ist ein wahrlich großartiges Organ. Seine Speicherfähigkeit ist legendär, seine Wirtschaftlichkeit auch¹. Um seine Wirtschaftlichkeit zu erhalten (z.B. damit wir tagtäglich neues Wissen aufnehmen können, ohne groß nachzudenken Auto fahren und effizient unsere Tagesarbeit mit wechselnden Herausforderungen erledigen) bearbeitet und speichert es zahlreiche Eindrücke mit einem vereinfachenden „Blockverfahren“ (also in Form von komprimierten Informationsblöcken), damit uns die schiere Zahl der eingehenden Informationen und Sinneseindrücke nicht handlungsunfähig machen kann. Dieses „Blockverfahren“ setzt mit der Gehirnentwicklung vor unserer Geburt ein und ist unser ganzes Leben lang aktiv.
Das „Geheimnis“ dieses Blockverfahrens ist ein wichtiger Teil unseres Gehirnspeichers, der als „das Unbewußte“ bezeichnet wird, der genau diese großen Informationsmengen aufnehmen und je nach Bedarf zuordnen kann. Dieses „Unbewußte“ dient während unserer Sozialisation auch dazu, all die Emotionen und Gefühle aufzunehmen, mit denen wir uns aus irgendwelchen Gründen nicht sofort auseinandersetzen können – oder wollen. Letzteres ist aber genau genommen kein gutes Zeichen, denn auf diese Weise kann über einen längeren Erleidenszeitraum das entstehen, was psychologisch als „Komplex“ bezeichnet wird, da das Gehirn – wirtschaftlich wie es ist – ähnliche Erfahrungen quasi in einer gemeinsamen Ablage bündelt. Oder wie der Psychologe C.G. Jung sagte: „verinnerlichte, generalisierte konflikthafte Erfahrungen, die emotional betont und mit einem bestimmten Beziehungsthema verknüpft sind “.
Dazu führt die Psychologin Dr. Verena Kast aus: „Werden Themen oder Emotionen, die mit dem Komplex verbunden sind, angesprochen, dann wird das Gesamte der unbewussten Verknüpfung aktiviert, samt der dazugehörigen Emotionen aus der ganzen Lebensgeschichte und den daraus resultierenden, stereotyp ablaufenden Abwehrstrategien. Man kann die Emotionen in dieser Situation nicht mehr kontrollieren, man kann nicht ruhig über eine Situation nachdenken, man hat einen ‚Emotionsdurchbruch‚.“²
An dieser Stelle ist bereits zu erkennen, daß hier „Auslöser“ und „Ursache“ miteinander verknüpft sind. Eifersucht ist dadurch fast immer ein „Ressentiment“.
Noch einmal Dr. Kast: „Das Wort Ressentiment kommt von französisch re-sentir ‚erneut fühlen‘. Es geht um das wiederholte Durch- und Nacherleben einer bestimmten Beziehungserfahrung. Immer wieder fällt einem dann ein, wie man ungerecht behandelt worden ist, wie man keine Möglichkeit hatte, sich erfolgreich dagegen zu wehren. […] Die Ohnmacht des Handelns, die zu einer Entwicklung des Ressentiments geführt hat, wird deutlich sichtbar. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert, gefangen, wehrlos. Das heißt sie haben eine Einbuße an Selbstwirksamkeit, einem wichtigen Aspekt des Selbstwertgefühls, und dies korrespondiert mit einer Komplexepisode, deren Thema Demütigung und damit eine Selbstwertverletzung ist.
Der Anthropologe Max Scheler nannte dies „Seelische Selbstvergiftung“, da die Ressentiments auf normalen menschlichen Affekten und Basisemotionen beruhten, die zur richtigen Zeit nicht ausgedrückt werden konnten und nun im „Auslösefall“ mit Heftigkeit und Dramatik an die Oberfläche brechen.
Was also bedeutet: Unsere eifersüchtigen Personen, ja, die spüren jetzt tatsächlich Zorn, Trauer, Angst und Scham mit einer lebensbedrohlichen Heftigkeit, als ob die einst zugrunde liegenden Ereignisse gerade erst passiert wären – aber sie spüren sie heute, als ob sie dem aktuell auslösenden Ereignis zugeordnet wären – in der Non-Monogamie also beispielsweise beim Hinzukommen weiterer potentieller Lieben.

Daß die Betroffenen an diesem Phänomen „arbeiten“ – wie es in den gutgemeinten Ratschlägen gerne heißt – dem stellen sich vor allem zwei Problematiken entgegen:
Zum einen ist da die vergangene Zeit, die es eben meist nicht mehr möglich macht, die unausgelebten Erfahrungen mit den damals wirklich betroffenen, eben ursächlichen, Personen noch einmal zufriedenstellend und heilsam zu klären. Trotzdem könnte man doch vielleicht für sich selbst heute (wenn die damals „Ursächlichen“ nicht [mehr] zur Verfügung stehen) die Thematiken noch einmal bewußt vornehmen und reflektieren; nun, da wir erwachsen sind und einen übergeordneteren Blick auf die Ereignisse haben – auch dieser Hinweis ist in zahlreichen Ratgebern enthalten.
Aber zum anderen ist da unser Gehirn selber, was mit seinen Arbeitsstrategien ein ganz eigenes Hindernis auftürmt. Der Wissenschaftsautor Stefan Klein beschreibt in seinem Buch „Die Glücksformel “³, wie das Gehirn Nervenbahnen (= Datenbahnen!), die häufig benutzt werden, stärkt – und solche, die wenig „befeuert“ werden, reduziert. Beim Denken in Ressentiments und Komplexepisoden wirkt sich dies verhängnisvoll aus. Klein schreibt dazu: „Wenn wir einmal begonnen haben, die Welt durch eine dunkel Brille zu sehen, ist das Gehirn versucht, diese negative Stimmung aufrechtzuerhalten: Es wählt Reize aus, die zur Gefühlslage passen. Düstere Gedanken, negative Erfahrungen und bittere Erinnerungen erhalten vorrangig Zugang zum Bewußtsein. So sieht man überall Elend, und der ganze Organismus reagiert entsprechend darauf. Man kann es sich so vorstellen, dass die Großhirnnrinde einen abstrakten negativen Gedanken denkt und es schafft, das übrige Gehirn davon zu überzeugen, dass dieser ebenso wirklich sei wie ein physischer Stressor (also ein echter Angriff o.ä.). Im Zustand der Niedergeschlagenheit richtet sich diese Überlebensfunktion gegen uns selbst. […] Bis ins feinste Detail malen wir uns aus, was alles geschehen könnte, befassen uns mit Sorgen und irgendwelchen Möglichkeiten, die doch wahrscheinlich nie eintreten. Aber schon die Gedanken daran ziehen unsere Stimmung nach unten; also ein Preis, den der Mensch auch für seine Phantasie und Intelligenz bezahlt.“
Womit Stefan Klein quasi auch den großen Archetypen aller Eifersüchtigen, den schwermütigen Othello aus dem gleichnamigen Drama passend klassifiziert hätte.

Was also tun?
So eine ‚Einbahnstraße im Kopf‘, die schon in der Kindheit angelegt worden ist, und die sich durch verstärkende ‚Wiedererlebens-Ereignisse‘ im Laufe der Zeit zu einer vierspurigen Autobahn ausgebaut hat, die bekommt man nie wieder vollständig rückgebaut…“, sagte diesbezüglich eine befreundete Psychologin mal zu mir. „Aber“, sagte sie „man kann mit dem gleichen Mechanismus, den das Gehirn benutzt hat, um diesen Denkpfad auszubauen, heute einen anderen Pfad stärken, um diesem Denken etwas gleich- bzw. höherwertiges entgegenzusetzen.“ Also quasi eine ganz eigene neue Autobahn anlegen, auf die dann ein höchst vertrauensvoller und mutiger Gedankensprung notwendig wäre, um die Wege des Denkens zurück in schmerzfreie(re) Gefilde zu leiten (siehe unten).

Das aber erfordert couragiertes Engagement, und ich möchte hier zum Ende des Artikels kurz vier Grundvoraussetzungen dafür skizzieren, die nach meiner oligoamoren Erfahrung dazu unabdingbar sind:

  1. Die eifersüchtige Person muß die Gelegenheit bekommen, die Gesamtheit ihrer Gefühle erst einmal wieder frei von Scham fühlen und ausdrücken zu dürfen. Dazu muß sie die Freiheit von allen anderen im Beziehungsnetzwerk gewährt bekommen – und natürlich muß sie sich dazu erst einmal selber ermächtigen (was, da diese „Art zu denken“ ja ungewohnt ist, richtig schwer sein kann). Systeme wie Brad Blantons „Radikale Ehrlichkeit“ aber auch die „Radikale Erlaubnis“ nach Mike Hellwig können dazu nützliche Herangehensweisen sein.
  2. Alle Beteiligten müssen im Gesamtbeziehungsnetzwerk aktiv für ein gemeinsames Wohlwollen zusammenwirken. Einstellungen wie „Komm‘ mal wieder klar…“ oder „Geht’s jetzt wieder…?“ sind vollkommen kontraproduktiv. Die Entscheidung aller Beteiligten für Verbindlichkeit und der Wunsch hinsichtlich des wirklichen gemeinschaftlichen „ZusammenSein-Wollens“ (u.a. Eintrag 33) sollte für alle so glasklar aussprechbar wie wahrnehmbar sein.
    Denn: In der Oligoamory sorgen selbstverständlich alle Beteiligten im Sinne der Gesamtheit, die „mehr als die Summe ihrer Teile“ ist, für Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt in der Gesamtbeziehung.
    [Ein transparent bekundetes „2.“ wird übrigens auch verhindern, daß die eifersüchtige Person als „Boykotteur*in“ angesehen werden könnte, welche die Eifersucht „benutzt“ um die Gesamtbeziehung doch letztendlich zu verhindern.
    Insbesondere das Vorhalten von Eifersucht als „Schuld“ („Wegen Dir kann ich X jetzt nicht mehr so oft sehen…“) muß so weit wie nur möglich verhindert werden. Denn schuldig fühlt sich ein eifersüchtiger Mensch tief drinnen meist ohnehin schon – und Schuldgefühle werden nur tiefer in ein bestehendes Trauma führen.]
  3. Auf keinen Fall die unvorhersehbare Taktik „Weiter wie bisher“ wählen! Die eifersüchtige Person hat sonst keine Chance, ihre „neue Straße“ zu stärken. Wenn immer wieder die gleichen auslösenden Trigger gesetzt werden (z.B. Intimität / Zeit verbringen mit neuen Liebsten), dann werden immer nur wieder neue Kaskaden an Ressentiments und Komplexereignissen ausgelöst – und die düstere alte Autobahn gewinnt.
    Dies ist für viele Mehrfachbeziehungen der in der Praxis schwierigste Teil: Denn es heißt „Fuß vom Gas!“, langsamer machen. Und es heißt für die sich neu entfaltende Verbindung, frisch entdeckte Dinge (z.B. Intimität) erst einmal wieder zu lassen, bis die neue Straße breit genug ist.
    Wenn die eifersüchtige Person die uneingeschränkte aufrichtige Sicherheit erfährt, daß ihr alle Werkzeuge zur Rückgewinnung ihrer Kompetenz zugetraut werden, ist dies auf der Empathieebene weitaus hilfreicher.
  4. „Wege von der Autobahn“ führen über die Individualität der betroffenen Personen. Oft müssen die Menschen lernen, sich selbst (wieder) zu glauben, sich selbst zu vertrauen. Indem ihnen das gelingt, können sie dann auch den Blickwinkel auf das Außen der Gegenwart mit seinen aktuellen Auslösern nachhaltig verändern (auch wenn das am Anfang vielleicht erst nur immer für kurze Zeit glückt). So besteht aber die Chance, daß dabei eine neue Idee, eine andere Sichtweise entstehen kann. Und diese Idee kann helfen, eine (sonst auslösende) Situation anders als bisher zu bewerten.
    Warnung: Dies ist NICHT mit positivem Denken zu verwechseln. Positives Denken, auf Eifersucht angewendet, wirkt wie eine oberflächliche Selbstprogrammierung, die nicht tauglich ist, den ursächlichen Problemkern gespeicherter alter Komplexe in einem Individuum zu erreichen. Das Gehirn wird „positives Denken“ in dem Fall als „Ablenkungsmanöver“ von der eigentlichen Ursache registrieren und sein Mißtrauen zum Selbstschutz daraufhin eher noch erhöhen!


¹ Die derzeit verständlichsten Erklärungen zu den neusten Erkenntnissen der Neurowissenschaften bezüglich der Kapazitäten unseres Gehirns liefert derzeit Prof. Gerald Hüther in seinen verschiedenen Publikationen und Videobeiträgen.

² Verena Kast: Wi(e)der Angst und Haß: Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung, Patmos Verlag, 2017
Ebenfalls lesenswert:
Verena Kast: Neid und Eifersucht: Die Herausforderung durch unangenehme Gefühle, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1998

³ Stefan Klein: „Die Glücksformel – oder: Wie die guten Gefühle entstehen“, Fischer Verlag, 2014

Danke an meine Nesting-Partnerin Kerstin, ohne die Eifersucht für mich eine nebulöse und irritierende Unbekannte geblieben wäre, und Danke an Thomas Wolter auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 35

Alte Kisten rosten nicht

Dies ist der mittlerweile 35. Eintrag zum Thema „Oligoamory“ – und darum ist es mir ein Anliegen, darin noch einmal eine Grundlage anzusprechen, die mir hinsichtlich dieser Beziehungsphilosophie wichtig ist.
Denn in der Praxis kann eventuell schnell mal wegen der putzigen Vorsilbe „Oligo-“ (ich erinnere: von altgriechisch ὀλίγος olígos „wenig“) verlorengehen, daß es dabei nämlich nicht nur um hübsch übersichtliche Mehrfachpartnerschaften mit wenigen Beteiligten geht, sondern, daß ich damit auch zu einer hohen qualitativen Fokussierung auf die unausweichlichen „Essentials“ ethischer Nicht-Monogamie einladen möchte.
Da man, wie der Volksmund sagt „keine zweite Chance hat, einen ersten Eindruck zu hinterlassen“, kommt in dieser Hinsicht der „Startphase“ einer jeden oligoamoren Beziehung besondere Bedeutung zu – wiewohl es gleichzeitig ein Merkmal eigentlich jeder Beziehungsform ist: Was wir früh verbocken, müssen wir im Nachhinein eher aufwendig wieder versuchen auf einen guten Weg zu bringen…
In echten Gesprächen und beim Surfen durch zahlreiche Foren rund um das Thema Nicht-Monogamie fällt mir z.B. nach wie vor auf, wie willkürlich noch immer mit der Zeitspanne operiert wird, wann Partner*innen zu informieren seien, wenn sich irgendetwas Neues „anbandelt“.
Zeitnah“ wird dann in Deutschland gern gesagt und geschrieben; die Ansichten, was denn „zeitnah“ sei, gehen dann aber schon im nächsten Teilsatz meist weit auseinander. Von „in den ersten 24h“ bis „innerhalb von 14 Tagen“ habe ich schon alles gehört und gelesen – und die Menschen, die solches sagten oder schrieben waren sich ihrer Sache stets sehr sicher. Kritischen Nachfragen wurde regelmäßig vor allem mit dem Aufwands-Argument begegnet – was genau genommen ein Selbstscham- bzw. Bequemlichkeitsargument ist: Beim „Anbandeln“ sei man ja so sehr lange selbst unsicher, ob es sich bei der neuen Begegnung um etwas „Ernstes“ handeln würde, wodurch es dann doch genau deswegen so sehr schwierig abzuschätzen sei, ob etwaige „Bestandspartner*innen“ mit an Bord genommen werden sollten, falls sich eben genau nichts „Konkretes“ aus jenem „Anbandeln“ ergeben würde…

Ich als Autor dieses bLogs werbe spätestens seit Eintrag 20 für eine Herangehensweise der „radikalen Aufrichtigkeit“, die meiner Meinung nach uns allen das Leben in Wechselwirkung einfacher machen könnte. Dazu muß diese radikale Aufrichtigkeit bzw. radikale Ehrlichkeit aber bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt ansetzen: Nämlich schon bei der Zurkenntnisnahme unserer eigenen Motive. Die beiden Kernfragen, die ich in Eintrag 21 streife, lauten ja nach wie vor:
Wünsche ich mir mehrfache Liebesbeziehungen – und wenn ja, warum?
Und wenn ich auf die erste Frage in mir ein großes klares JA! gefunden habe, dann wäre es ein bißchen wir früher zu Schulzeiten, wenn ich meine Hausaufgaben im Vorhinein komplett erledigen könnte, indem ich auch auf die zweite Teilfrage zumindest die Ahnung einer Antwort finden würde. Und dann sollte gelten: Montagmorgen – Hausaufgabe fertig, Ranzen gepackt. Was, wie wir noch wissen, enorm zu einem stressfreieren Aufbruch und zu einem ruhigeren Gewissen beitrug.
Infolge wäre es dann für uns poly- oder oligoamore Personen egal, ob wir abends tanzen gehen oder ein arbeitsbedingtes Fortbildungsseminar zur Rechnungsprüfung besuchen: Wir wissen über uns, daß wir potentiell für Mehrfachpartnerschaften offen sind – und daß wir also fakultativ daher in jeder Umgebung einen neuen interessanten Menschen treffen könnten.

Wenn wir unsere Hausaufgaben hinsichtlich unserer ureigensten Motivationen hinter unserer Poly- oder Oligoamory jedoch nicht bzw. nur unvollständig gemacht haben, dann geraten wir allerdings sofort in Gefahr, vor uns selbst immer irgendwie verlegen zu sein, indem wir uns selbst mit dem gesellschaftlichen Stereotyp beschämen: „Der*Die Poly-/Oligoamore da, der*die ist dauerbedürftig/dauergeil und immer latent auf Partner*innensuche…“.
Unser stolzes Selbst hält dann zwar noch eine Weile dagegen: „Also wirklich, über solch gesellschaftlich-normativer Verurteilung, da stehe ich weit drüber – schließlich habe ich mich doch bewußt für die Poly-/Oligoamory entschieden! “…
Aber – die kleine nagende Stimme ist geweckt, die uns einzuflüstern versucht, daß unsere Grundhaltung irgendwie doch nicht so ganz ok ist, weil wir wohl doch stets auf der Suche nach jemandem fürs Bett sind, nach dem nächsten Verliebtheitskick, nach einem (neuen) aufregenden Menschen, der uns vom Einerlei unseres Alltags zumindest eine Zeit lang ablenken soll.
Auch Letzteres wäre völlig in Ordnung, wenn wir dies zuvor wirklich als den tiefsten Grund unserer Motivation geklärt hätten.
Da wir (s.o.) den Grund unserer Motivation aber eben meist nicht gut geklärt haben, ist die allererste Person, mit der wir nicht ehrlich und aufrichtig sind, wenn wir ins Rennen gehen, wir selbst! Denn in uns selbst bleibt ja eine verschlossene Truhe mit Gründen stehen, die wir lieber nicht so genau angucken wollen. An diese „verschlossene Truhe“ bleiben wir aber auf diese Weise gekettet, denn eine „informierte Wahl “ (wie Franklin Veaux und Eve Rickert es in ihrem Buch „More Than Two“¹ nennen), würde voraussetzen, daß ich im Besitz aller Informationen bin. Versuche ich aber nun, bloß mit meiner inneren „Teil-Wahrheit“ loszuziehen, bin ich niemals wirklich frei, denn unsichtbar zerre ich ab jetzt meine Truhe mit „Uneingestandenem“ überall hin hinter mir her.
Unfrei zu sein und vor allem sich irgendwo unfrei zu fühlen, insbesondere wenn man sich unter anderen Menschen bewegt, macht aber niemandem Spaß – insbesondere, wenn bei diesen Menschen jemand interessantes dabei sein könnte, auf den ich vielleicht neugierig werde. Mir bleibt also nur die Strategie, mich in solch einem Kontext freier zu geben, als ich es wirklich bin, die innere Nervstimme zum Schweigen zu bringen und die lästige unsichtbare Truhe unter dem Tisch zu verstecken. In einem sich eventuell entwickelnden Gespräch werde ich folglich versuchen, mich kompetent und ungehemmt zu präsentieren. In seinem Konzept der „Radikalen Aufrichtigkeit “ (Eintrag 20) nennt Dr. Brad Blanton genau diese Verhaltensweise „den eigenen Mythos erschaffen“. Blanton führt aus, daß unsere Gegenwartskultur extrem von dieser Art Alltags-Unaufrichtigkeit geprägt ist, weil die allermeisten von uns in Folge nur noch mit diesen Mythen-Ichs interagieren. Mythen, in denen wir uns als weit großartiger, als rationaler und stimmiger bzw. mehr als Herr*Frau der Lage darstellen, als wir es ehrlicherweise sind.
Die nächste Person, demgemäß, mit der wir nicht ehrlich und aufrichtig sind, ist dann somit unser potentielles „Angebandel“. Und ich spreche jetzt nicht davon, daß wir beim Flirt oder Date nicht ein wenig unser Gefieder glänzen lassen können!
Ich spreche von der unterschwelligen Inkohärenz (siehe Eintrag 25), die wir dadurch jedes Mal auf unsere Gegenüber abstrahlen, da wir selbst – bzw. genau genommen unser gesponnener Mythos – hinsichtlich unserer Motivationen und Interessen, die wir nun nach außen verkaufen, stets etwas ambivalent und punktuell seltsam unbestimmt bleiben wird. Kein Wunder – dank unserer „unsichtbaren Truhe“ unter dem Tisch. Es gibt ja mittlerweile sogar Menschen, für die so eine „verruchte Undurchschaubarkeit“ gerade den gewissen Reiz eines Flirts ausmacht – aber im Bereich ethischer Non-Monogamie muß ich davon dringlich abraten. „Unklarheiten“ und „Annahmen“ werden sich mittelfristig zu einer riesigen Baustelle enwickeln, vor allem, wenn wir doch eigentlich anfangs noch den Gedanken im Kopf gehabt hatten, eventuell eine Person in eine Mehrfachpartnerschaft auf Augenhöhe einzupflegen…

Spätestens an dieser Stelle ist aber leicht zu sehen, warum sich hier ein schwindelerregendes Nebelfeld voller halsbrecherischer Ausweichmanöver aufzutun beginnt: Da habe ich mich in eine Situation gebracht, wo ich mit meinen ungeklärten Bedürfnissen auf eine Person getroffen bin, der ich einen vorteilhaften Werbemythos meiner selbst angeboten habe, und – da ich das ja von mir ahne – bei der ich schlimmstenfalls annehmen muß, daß ich meinerseits vor allem einer „Wunschvorstellung“ verfallen bin. Der anderen Person ergeht es wiederum vielleicht mit mir so ähnlich – aber selbst im besten Fall weiß sie jetzt immer noch nicht so ganz woran sie mit mir ist. Was soll ich also tun? Die Welle reiten, so lange sie währt – bis irgendwo eine Maske fällt und sich alles in Wohlgefallen auflöst?
Wenn ich dann noch Bestandspartner*innen habe, die mich bereits besser kennen, wird die Bredouille möglicherweise noch schlimmer, denn meine nagende innere Stimme projiziere ich dann schnell auf jedwede noch so harmlose Nachfrage. Oder wie ich in Eintrag 26 schrieb: „Oft sind es aber unsere Ängste, die sehr konkrete Gestalt in uns annehmen können: Angst vor (im Leben so oft erlebter) Zurückweisung; Angst, ausgeschlossen oder allein gelassen zu werden. Oder es sind Ängste von Beschämung und Strafe (die wir mittlerweile mehr im Kopf auf uns selbst herabbeschwören), weil wir bemerken, daß wir etwas nicht so sorgfältig erledigt bzw. durchdacht haben – oder erledigen konnten, wie wir es eigentlich gewünscht hätten. Von sich selber ertappt – ein scheußliches Gefühl…
Daß in solchen Fällen Menschen dann dermaßen verunsichert sind, daß sie nicht mehr wissen „wann“ der richtige Zeitpunkt ist, um ihre Bestandspartner einzuweihen, weil sie eben schon selbst nicht mehr wissen „wann“ irgendetwas echt ist – speziell weil sie es über sich selbst so wenig wissen – das finde ich menschlich vollkommen nachvollziehbar.

Die just beschriebene Kette kann meiner Ansicht aber nach nur an einer Stelle verhindert werden – und das ist ganz an ihrem Anfang: Die Hausaufgabe zu erledigen, für sich selbst das Ob und das Warum hinsichtlich des eigenen Mehrfachbeziehungswunsches zu klären. Und das bedeutet, daß das Ergebnis dieser Hausaufgabe, vor allen weiteren Schritten, direkt Grundlage für Verhandlung mit der*dem Bestandspartner*in wird. Ich hätte mich in Eintrag 9 nicht so ausführlich mit dem „Emotionalvertrag“ (=„Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge“) beschäftigt, wenn dieser nicht maßgeblich mit unserem Bindungsverhalten verknüpft wäre. Ergo wird jede weitere Beziehungsanbandelung immer die Symmetrie dieses Übereinkommens beeinflussen und damit verändern. Und sei es nur die Freiheit betreffend, die wir haben, überhaupt neue/mehrere/parallele Beziehungen andenken zu können und zu dürfen.
In ethischer Non-Monogamie, die diesen Namen verdienen soll, ist es wegen dieser Dynamik nicht mehr möglich unser Inneres – und damit unsere verborgenen Auffassungen von uns selbst – als ein privates kleines Königreich zu verwalten und eventuell nicht einmal intime Partner*innen dort hineinzulassen.
Denn die Alternative wäre immer nur der „Mythos“, die „schön ummantelte Wahrheit²“, eine Reklameversion unserer selbst, mit der wir unsere Liebsten abspeisen würden, nur um ihnen – aber eben vor allem uns selbst (!) – möglicherweise unbequem Tatsachen vorzuenthalten.

Fazit: „zeitnah“ heißt in der Oligoamory „sofort“. Punkt!
Und ja, daß soll in Schritt 1 heißen z.B. eine SMS zu schicken wie: „Bin jetzt in der Disco. Gerade gesehen: Total tolle und super-attraktive Menschen heute hier. Musik genau meine Richtung. Könnte sich was ergeben.“ Oder eine WhatsApp: „Gerade in der Pause (Rechnungswesen) total intensives Gespräch mit X geführt. Hab‘ gemerkt, daß ich rote Ohren bekommen habe. Gehe mit X nachher zur Vertiefung noch auf einen Schlummertrunk.“
Das, liebe Leser*innen sind genau die Auftakte zu „informierten Wahlen“, die es in der ethischen Non-Monogamie braucht. Auftakte, mit der durchaus die eigene situative Aufregung und die eigene Unsicherheit kommuniziert werden dürfen – ja, auch ein bißchen die eigene Irrationalität, denn das macht uns zu Menschen.
Schritt 2 lautet folgerichtig, nun nicht sofort das Mobilteil ins Handschuhfach oder an die Garderobe zu entsorgen, sondern eine Antwort abzuwarten. Vielleicht Antworten, die vorher abgesprochen waren, um klares Fahrwasser oder Nöte der anderen Seite in Kurzform zu kommunizieren: „Alles klar! “ oder „Sei bitte trotzdem vor 2 Uhr zuhause“ oder „Kondome schützen! “ oder „Meld‘ Dich bitte, wenn es konkreter wird nochmal kurz “.
Denn so eine „Truhe“ mit persönlichen Ängsten, alten Ressentiments, kleinen Sorgen und zwickenden Beklommenheiten, die hat ja eigentlich jede*r – also auch unsere liebsten Menschen. Und wir würden eben ethisch und sehr integer handeln, wenn wir darauf Rücksicht nehmen könnten, daß diese nun mal da sind.
Der Riesenvorteil, der sich aus solchem Handeln allerdings ergeben würde, wäre, daß wir die ganze Zeit zu 100% mit unserer Wirklichkeit und der allseitigen Wahrheit verbunden blieben: Herumgerate, Annahmen oder peinliche Verstellung könnten auf diese Weise außen vor bleiben.

Ja, ich gebe zu, daß bei diesem Vorgehen sich möglicherweise nicht alle „Wellen“ realisieren würden, die da zu reiten wären – um bei meinem obigen Bild zu bleiben. Und ebenfalls ja: Dies liegt exakt daran, daß allerspätestens die Oligoamory so konzipiert ist, daß ihr wesentliches Merkmals das „Mithineindenken aller potentiell beteiligten Personen“ ist. Aber nach meiner Auffassung kann sich die Oligoamory auch nur dann mit dem Label „ethisch“ schmücken, wenn diese Bedingung gewährleistet ist – die Bedingung, die ja im Positivfall dann wie in zahlreichen von mir geschriebenen Beiträgen das Erleben des „Mehr als die Summe seiner Teile“ erst möglich macht.
Wenn nämlich die Kehrseite Geheimniskrämerei, Gemauschel, Egotripping, und im-Unklaren-lassen wäre, dann weiß ich, um welches Vorgehen ich mich weiter bemühen werde.
Und wie ich – frei von meiner Truhe oder bewußt um ihren Inhalt wissend – zur Freiheit und zum Wohlbefinden aller anderen Beteiligten beitragen will.



¹ Das „Standardwerk“ zur ethischen Non-Monogamie für mich ist nach wie vor das leider bislang nicht auf Deutsch vorliegende Buch von Franklin Veaux und Eve Rickert „More Than Two – A practical guide to ethical polyamory“, Thorntree-Press 2014.

² ein Zitat übrigens von Käpt’n Blaubär (Walter Moers)

Dank an Frank Winkler auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 34

In guten wie in schlechten Tagen

„Überrascht hörte er den echten Schmerz in ihrer Stimme, und ihm fiel wieder ein, wie sie bei der Flucht über die Stiege gewesen war, klaglos und stark, eine Gefährtin, wie man sie sich nicht besser wünschen konnte.“

(aus: Tad Williams, Der Drachenbeinthron, Wolfgang Krüger Verlag 1991 )

Das obige Zitat und das Kühlschrankfoto scheinen eine linguistische Verknüpfung nahezulegen, die so recht an das romantische Narrativ rührt:
Gefährt*innen, die sind durch dick und dünn geradezu schicksalhaft miteinander verbunden. Denn Freud‘ wie auch Leid, welches eine*n von ihnen betrifft, schlägt stets auch direkt auf alle anderen durch.

Ganz so linear, wie es das Wortspiel auf dem Foto suggeriert, ist es dann in der linguistischen¹ Wirklichkeit allerdings nicht. Um überhaupt irgendeine gemeinsame Wurzel von den scheinbar so sehr ähnlich klingenden Worten „Gefährt*in“ und „Gefahr“ zu finden, muß man weit in die Sprachgeschichte zurück – sehr weit zurück. Über 5000 Jahre weit genau genommen, 3500 v. Chr. etwa, als einige wortgewandte Völkchen, welche uns heute als „die Indoeuropäer“ bekannt sind, irgendwo nördlich des Schwarzen Meeres kulturschöpfend tätig waren. Diese Indoeuropäer verfügten in ihrer Sprache über eine Silbe, die da „per-“ lautete. Die Silbe schliff sich sehr bald schon durch den auch damals bereits etwas maulfaulen Gebrauch ab, so daß statt des harten „p“ oft ein weiches „v“ oder „f“ die erste Stelle einnahm. Dieses „per-“ oder „v/fer-“ diente bei den Indoeuropäern dazu, zahlreiche Arten von irgendeiner Fortbewegung von einem Punkt zu einem anderen auszudrücken (wie z.B. auch heute noch in dem Wort „Fähre“), gleichzeitig aber auch die Anstrengung, den Versuch und den gesamten Prozeß, den diese Bewegung notwendigerweise erforderlich machte. Den klugen Indoeuropäern war also offenbar gegenwärtig, daß jede (Fort)Bewegung stets einer (Willens)Anstrengung bedurfte und ebenso, daß es daher keine „Gelinggarantie“ gab – also bei jeder Bewegung auch ein Risiko bestand (vermutlich kein Wunder bei den Straßenverhältnissen 3500 v.Chr…).
Das Leben der Nachfahren dieser Indoeuropäer scheint dann doch etwas gemäßigter, vielleicht auch etwas luxuriöser geworden zu sein. Auf jeden Fall entschieden schon die Folgegenerationen alsbald, daß zur Klarstellung vielleicht doch besser zwei verschiedene Formulierungen günstig wären: Zum einen also hinsichtlich der Bewegung – woraus sich in Nordeuropa schließlich das Wort „fahren“ entwickeln sollte, und zum anderen ein eigenes Wort für das Risiko und die Angst davor. Letzteres kann man im Englischen heute noch an dem Wort „fear“ (=Furcht/Angst) erkennen – und eben im Deutschen an den heutigen Worten „Gefahr“ oder „Fährnis“.
In diesem Sinne leitet sich aber „(Lebens)Gefährt*in“ natürlich nicht von dem Wort „Gefahr“ ab, sondern von „fahren“: Denn ein*e Gefährt*in ist schlicht jemand, mit dem man „auf Fahrt“ ist. Und ich erinnere daran: „Fahrt“ bedeutet im Kern ja jedwede Form von Bewegung, auch zu Fuß oder sogar im Kopf: wie z.B. bei der „Klassenfahrt“, die ja auch ein Wandertag sein kann, oder „man ist ganz schön in Fahrt “ – womit der Volksmund meint, daß eine Person mächtig in Wallung und sehr energisch ist.

Als ich neulich über den obigen Kühlschrankspruch in dieser Weise schmunzelte, überlegte ich ebenfalls, ob nicht trotzdem ein Teil „indoeuropäischer Wahrheit“ in ihm steckte, die dem Gedanken von Gemeinschaftlichkeit und der Wahl unserer „Zugehörigen“, wie ich sie mir für die Oligoamory wünsche, auf interessante Art nahekam.
Jede*r wackere Indoeuropäer*in hätte mir nämlich vermutlich zugestimmt, daß die Auswahl von „Gefährt*innen“, also Menschen, mit denen man sich „auf Fahrt“ – also auf irgendeine Form von Unternehmung – begab, erhebliche Bedeutung hätte. Insbesondere wegen der „ergebnisoffenen“ Natur einer solchen Unternehmung. Denn zu indoeuropäischer Zeit zumindest scheinen die Menschen sich der Tatsache recht bewußt gewesen zu sein, daß im Vorfeld niemals gewiss war ob eine „Reise“ zu Ende geführt werden konnte – oder ob dieses Ende in irgendeiner Art glücklich oder erfolgreich geraten würde.
Dieses potentielle Risiko, diese „Fährnis“ hat sich wiederum zu jeder Zeit sicherlich auch auf die möglichen „Gefährt*innen“ ausgewirkt: Möchte ich bei so einer Unternehmung mit etwaig ungewissem Ausgang dabei sein? Möchte ich daran mitwirken und eventuell einen Teil der Verantwortung für diesen „Ausgang“ (wie auch immer der sein möge) mit übernehmen?
„Fahrten“ – also Reisen sind und waren regelmäßig so „gefährlich“, daß sich im Laufe der menschlichen Geschichte immer wieder Personengruppen schon aus Gründen der Sicherheit und der Kooperation zusammengefunden haben, allein um das „Risiko“ und die „Angst“ für die*den Einzelne*n zu minimieren. Und deswegen war meist auch nicht beliebig, „wer“ da zusammen unterwegs war: In Wegstationen und Karawansereien formten sich Reisegruppen mit ähnlichen Zielen, ein guter Ruf oder eine Empfehlung mochten Gold wert sein. Auf diese Weise konnten Menschen mit ähnlichen Zielen zur Reisebegleitung „zusammenfinden“ – und „kennenlernen“, ja, dazu war dann ausreichend Zeit während der Reise (Über „Zusammenfinden und Kennenlernen“ siehe auch Eintrag 25).
Und von dem Wort „Reisebegleitung“ ist es nicht einmal mehr einen halben Schritt zu dem Wörtchen „Beziehung“ – die sich unweigerlich ergibt, wenn Menschen eine gewisse Zeit aufeinander angewiesen diese zusammen verbringen.

Und eine „Beziehung“ hat wahrhaft eine Menge Analogien zu einer Reise. Obwohl das Wort „Beziehung“ selbst eher recht jung ist (17. Jahrhundert), so stammt sein Grundverb „ziehen“ von der indoeuropäischen Wurzel „deuk-“, was „mit Kraft zu sich bewegen“ heißt.
Auch „Beziehung“ ist also eine Unternehmung, die im eigentlichen Sinne etwas mit Bewegung zu tun hat. Wenn man nun an zwei oder mehr Beteiligte in einer Beziehung denkt, die sich „mit Kraft zu sich bzw. zueinander bewegen“, dann könnte man an die Dynamik eines Magnetspiels oder eines Tanzes denken (oder wenn man den Rahmen größer ziehen will vielleicht auch an Planeten in einem Sonnensystem), bei der sich irgendwann ein energiegeladenes Gleichgewicht aus Abstand und Nähe zu entwickeln beginnt – wenn die Teile nicht gerade mit einem Knall aneinander prallen oder sich voneinander abstoßen.
Unsere gemeinsamen „Fahrten“, unsere Gefährt*innen“ und sogar unsere „Beziehungen“ sind demgemäß jedenfalls eines nie: Statisch, festgelegt oder vorherbestimmt.
Und wir, die wir heute in einem Zeitalter leben, dem gelegentlich eine gewisse „Vollkaskomentalität“ nachgesagt wird, tun gut daran, uns darum regelmäßig an die Wahrheit der Indoeuropäer zu erinnern: Eine Garantie auf einen „sicheren Verlauf“ oder ein „unzweifelhaftes Ziel“ gibt es nicht.
Dennoch erzählen sich die Menschen seit mehr als indoeuropäischen Zeiten Geschichten, wie wir diesen „Gefahren und „Unwägbarkeiten“ eventuell doch etwas entgegensetzen können. Nämlich in der Wahl und in der Kooperation mit unseren Gefährt*innen“:
Gilgamesch wäre ohne seinen besten Kumpel Enkidu beinahe dem Wahnsinn verfallen oder zumindest ein schlechter König geworden; Odysseus wäre ohne seine tapferen Männer nur ein einsamer Schiffbrüchiger geblieben; der frühmittelalterliche Gralsmythos berichtete erstmals ausführlich, daß ohne Mitmenschlichkeit und die vereinte Weisheit von Männern und Frauen weder Reife noch Liebe erfahrbar seien; und was wäre aus Frodo geworden ohne Merry, Pippin, Aragorn, Gimli und Legolas; was aus Luke ohne Han, Leia, Chewie, R2D2 und C3PO, was aus Harry ohne Ron, Hermine, Ginny, Luna und Neville?
Samt und sonders Geschichten, in denen sich der Zusammenhang zwischen „Gefährt*innen“ und „Lebensgefahr“ regelrecht aufdrängt, ja, auch und gerade wegen des eingangs erwähnten „romantischen Narrativs“.
Der Kern des „romantischen Narrativs“ – so ungern dies seine Gegner*innen“ nämlich hören wollen – ist das freiwillig für die Gemeinschaft erbrachte Selbstopfer ². Dabei muß es gar nicht immer direkt um das eigene Leben gehen, was manchmal in den dramatischsten Geschichten scheinbar so im Vordergrund steht. Denn das größte Opfer, das größte Geschenk, was wir Menschen als spatiotemporär begrenzte und endliche Lebewesen geben können, ist schlicht: Unsere (Lebens)Zeit. Unsere eigene Zeit, die wir uns für die anderen nehmen. Um mit ihnen zu fühlen, mit ihnen entweder auszuhalten oder gemeinsam zu lachen – aber vor allem: um einfach mit ihnen da zu sein.
Verlauf: Ungewiss. Ausgang: Offen.
Wenn Franklin D. Roosevelt recht hatte und „Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist “, dann bedeutet es für ein endliches Lebewesen in diesem Sinne ungeheuren Mut und erheblichen Erkenntnisgewinn, sich auf das Abenteuer „gemeinsam“ einzulassen.
Denn darin investieren wir unwiederbringlich und auf „eigene Gefahr“ unser definitiv begrenztes und darum kostbarstes Gut „Lebenszeit“ in eine Unternehmung mit anderen Menschen.
Auch hierin ist zu erkennen, warum der verbindliche Wunsch hinsichtlich eines „ZusammenSein-Wollens“, den ich im vorherigen Eintrag 33 erwähnte, für (Mehrfach)Beziehungen so außerordentlich bedeutsam ist: Gefährt*innen entscheiden sich sowohl für die gemeinsame „Fahrt“ – also die Unternehmung, die konzeptionelle Beziehung, ein Ideal, ein eventuelles Ziel – als auch füreinander – also für die anderen Gefährt*innen.
Weil aber Reise und Ziel (= Beziehungsverlauf und Effekt) nur eventuell bzw. wie oben erwähnt „ungewiss“ sind, sind es tatsächlich unsere „Gefährt*innen“, die nahezu 100% unserer tagtäglichen Wirklichkeit bilden. In Risiko, Angst und Gefahr werden uns kaum unsere Ideale, Pläne und Konzeptionen beistehen oder trösten – sondern unsere Gefährt*innen sind es, die diese Herausforderungen mit uns bestehen – und wir mit ihnen.
Und darum ist es ja ein bißchen wie bei einer alpinen Seilschaft: Alle müssen ein wenig immer auch für die anderen da sein, Verantwortung für das Ganze übernehmen, damit allen ein Mißgeschick oder eine menschliche Nachlässigkeit gestattet werden kann, ohne daß sofort die gesamte Gruppe dabei zu Schaden kommt. Oder wie es die christliche Seefahrt formuliert: Eine Hand für Dich, die andere für das Schiff.
Lebensgefährt*innen und Lebensgefahr – zwei Wörter also, die also auch in ethischen (Mehrfach)Partnerschaften immer noch genau so viel und hochaktuell miteinander zusammenhängen wie dereinst zu indoeuropäischen Zeiten.

►Wieviele Gefährten soll ich wählen? Dazu erzählt Eintrag 12 etwas.
►Und wenn ich mir auf so einer Reise selber begegne? Oder dem, was in mir verborgen ist? Davon handeln Eintrag 18 (Suchwanderung) und Eintrag 21 („Ungeheuer“ der Innenwelt).



¹ Linguistik ist die Wissenschaft von der Sprache. Ein sehr gutes Online-Werkzeug, welches auch ausführliches etymologisches, also sprachgeschichtliches, Wissen anbietet, findet sich hier: DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache)

² Wiewohl ich mich in meinen Texten vielfach als Romantiker selbstverständlich positiv zum romantischen Narrativ äußere, so ist mir die mißbräuchliche Anwendung als „romantische Verbrämung“ zum Zwecke der Ausbeutung und Kleinhaltung bestimmter Personengruppen schmerzhaft bewußt. Bitte dazu unbedingt den letzten Absatz von Eintrag 5 lesen!