Eintrag 40

Von Kopf bis Fuß

Es war bereits der US-amerikanischer Erzähler und Satiriker Mark Twain der erkannte: „Schlagfertigkeit ist etwas, worauf du erst 24 Stunden später kommst.“
Kein neues Phänomen also – und das ist zumindest ein wenig tröstlich, denn neulich war ich mal wieder in einer solchen Situation, in der situative Schlagfertigkeit ausgezeichnet gewesen wäre, die entsprechende argumentative Abgeklärtheit dazu aber wiedermal einige Stunden hinterherhinkte…

Es war eines dieser weihnachtlichen Gespräche in gemächlicher Runde, mit einigen Menschen, die man eher periodisch trifft, die man vom Sehen kennt – und die von einem Psychologen wie Robin Dunbar vermutlich samt und sonders in den großen Kreis der „Bekannten“ eingeordnet worden wären.
Da saß ich also mit einer solchen „Bekannten“ zusammen. Sie: WG-erfahren, durchaus auch mit gelegentlichen nicht-monogamen Ereignissen im Leben vertraut. Und dann dreht sich das Thema irgendwann natürlich doch um meinen bLog, um die Oligoamory – und um mich.
Und ob es nun am Glühwein lag oder nicht, im Zeitalter sozialer Netzwerke sollte man als Autor besser stets auf gutgemeinte Kommentare zum eigenen Werk (welches die eigene Person leider zu oft mit einschließt) vorbereitet sein, denn genau dank der erwähnten Netzwerke ist heute der Beruf des Kritikers quasi unser aller täglich zweites Brot geworden – und wir werden in sozialen Medien, in Foren, auf Vergleichsportalen und Kundenplattformen doch auch regelmäßig dazu aufgefordert.
Eifrig übe man sich daher auch in der guten Kommunikation, mit solch‘ (konstruktiver?) Kritik angelegentlich umzugehen.
Meine Bekannte sprach also: „Weiß Du, Oligotropos, irgendwie finde ich Deine ganze Oligoamory sehr seltsam, sie fühlt sich für mich irgendwie nicht richtig an. Nach meiner Erfahrung ist es doch so: Da ist man in einer Beziehung und stellt irgendwann fest, daß da noch jemand weiteres ist, den man gutfindet und den man lieben möchte. Und eigentlich versucht man dann doch erst ab diesem Punkt mit diesem Thema umzugehen und sucht nach Lebens- und Liebensweisen, die das möglicherweise abbilden könnten. So, aus dem gelebten Leben heraus, von unten her. Deine Oligoamory, die scheint mir da total verkehrt, so vom Kopf auf die Füße gestellt. Und überhaupt: Ich habe ja schon erwähnt, daß ich auch diesbezüglich dieses ganze Datingverhalten als total künstlich und steif empfinde. Sollte es nicht so sein, daß sich Beziehungen einfach so ergeben, je nachdem ob Menschen kompatibel sind oder nicht? Du z.B. mit Deiner oligoamoren Suche. Das kommt für mich immer ein wenig steif und irgendwie sehr bemüht rüber – auf jeden Fall nicht so richtig im Flow. Ich fände es sehr schwierig, so eine Sache auf diese Art anzugehen…“
WHÄM!
Nun, ich saß ja direkt daneben – und wenn ich auch nicht schaffte, wirklich schlagfertig zu sein, so gelang mir immerhin eine selbstehrliche Ich-Botschaft. Denn ich konnte meiner Bekannten antworten, daß die Oligoamory in meinem Fall ja das Ergebnis meiner persönlichen Reise durch die Welt ethischer Non-Monogamie gewesen war, bei der ich mich und meine Bedürfnisse schon recht gründlich kennengelernt hatte. Und so seien in die Oligoamory bereits einige meiner Erkenntnisse darüber eingegangen, was ich in einer Beziehung für mich brauchen würde – und wo es mir auch wichtig sei, potentiell beteiligten Personen sofort und aufrichtig darüber ins Bild zu setzen (da ich z.B. weiß, wie schnell ich mich selbst in Wunschbilder und Projektionen verrenne).
Und was das Dating anging, so sagte ich, daß, wenn man in einer südniedersächsischen Kleinststadt zwischen Weser- und Leinebergland leben würde, man sich schon ein wenig strecken müsse, um mit wenigstens Ähnlichgesinnten in Kontakt zu kommen, da die Menge an fakultativ kompatiblen Menschen bei unter 1000 Einwohnern, mit einem Altersdurchschnitt von 60+, doch vermutlich eher klein sei…

Wie dem auch sei: Auch im Nachhinein bin ich mit den von mir gegebenen Antworten zufrieden. Wirklich schlagfertig waren sie allerdings nicht. Denn Stunden später (wann auch sonst!) dachte ich: „Jetzt weiß ich, was mich an der Kritik gestört hat. Und ich hätte antworten sollen: ‚Sorry – aber Oligoamory ist nicht etwas, was man macht, sondern etwas, das man ist !‘, genau.“
An dieser Stelle muss ich nun etwas ausholen, denn treue Leser*innen dieses bLogs könnten seit Eintrag 1 wissen, daß auch ich eines schönen Tages einmal recht plötzlich mit den Herausforderungen ethischer Nicht-Monogamie konfrontiert war – und ursprünglich auch kein Konzept dazu in der Tasche hatte, um damit umzugehen. Ich muß allerdings sagen, daß ich mir gewünscht hätte, wenigstens über irgendeine Art von Geländer zu verfügen, an dem ich mich in den folgenden Wochen und Monaten hätte entlang tasten können. Und immerhin erhielt ich nach einem dreiviertel Jahr auch einen wunderbaren Hinweis auf das Buch „More Than Two – A Practical Guide to Ethical Polyamory“ von F. Veaux und E. Rickert, welches meinem Beziehungsnetzwerk und mir half, erste Wege durch den Dschungel unserer Fragen und Befindlichkeiten zu schlagen. Aber bis dahin hatten wir mit „Try and Error“ im Heimwerkermodus auch schon eine Menge schmerzhafter Patzer fabriziert, die wirklich mit ein klein wenig mehr „Rahmen“ vermeidbar gewesen wären – abgesehen davon, daß man sich auf weiter Flur auch nicht so allein mit seinem (Mehrfach)Beziehungswunsch vorgekommen wäre.

Stichwort „Beziehungswunsch“: In vielen Foren und Gremien wird anhaltend darüber debattiert, ob ein Hang zu Mehrfachbeziehungen bei manchen Menschen nun angeboren oder erworben sei.
Ich sage: Ich glaube, diese heiß umstrittene „Theorie des Ursprungs“ ist für unsere gelebten Beziehungen nicht so sehr wichtig. Wenn ich allerdings auf mein eigenes Leben schaue, dann kann ich für mich durchaus auf eine kleine Historie putziger Dreier- und Viererkonstellationen verweisen (vor allem in Beziehungsablöse- oder -wechselsituationen). Diese Proto-Mehrfachbeziehungen hatten damals zwar alle keine langen Bestandszeiten – aber dennoch legen sie, wenn ich es wage mir diesbezüglich ehrlich ins Gesicht zu sehen, deutlich Zeugnis davon ab, daß ich wohl schon zumindest seit längerer Zeit eine gewisse Präferenz (oder Tendenz) in Richtung Mehrfachkonstellationen hatte und habe. Ob demgemäß „angeboren“ oder „erworben“, es ist auf jeden Fall ein Thema, welches sich als Spur in meinem Leben regelmäßig wieder auffinden läßt: Also ja, ich BIN das auch, es macht mich aus, es ist ein Faktor, der meinem Denken und Handeln immanent ist. Natürlich hätte ich mit Mitte 20 da noch nicht „oligoamor“ dranschreiben können. Aber wären mir Philosophien ethischer Non-Monogamie, wie sie in queeren, alternativen oder neopaganen Kreisen schon länger kursieren bekannt gewesen, dann hätte ich deutlich früher wenigstens den Begriff „polyamor“ für mich angenommen.
Denn in dem Sinne glaube ich nicht, daß Mehrfachbeziehungen etwas sind, was einem „einfach passiert“. Und viele Menschen aus dem queeren Spektrum würden mir möglicherweise zustimmen, daß, wenn man eine bestimmte Neigung, ein bestimmtes Sehnen in sich fühlt, früher oder später der Tag kommen wird, an dem eine innere Haltung eben nicht länger unterdrückt werden kann, sondern sich schon irgendwie ihren Weg nach draußen suchen wird. Genau dann – so würde ich es mir wünschen – wäre es ja gerade kolossal hilfreich, wenn es schon irgendeine Form von Orientierung, Auswahl oder Hilfe gäbe, eben diese persönlichen Neigungen oder Haltungen einordnen bzw. wenigstens benennen zu können.
Zu genau dieser Handlungshilfe sehe ich mich mit meiner Oligoamory aufgefordert – ein bunter Menüpunkt unter vielen zu sein, der eine Vorstellung, eine Ausrichtung präsentiert, auf daß er anderen Menschen als möglicher Anhaltspunkt für ihre eigene Beziehungsphilosophie und Lebensweise dienen kann.
Wenn ich demgemäß dabei mithelfen kann eine „Art zu Fühlen“ oder eine „Ars Vivendi“ vom Kopf auf die Füße zu stellen: Herzlich gern – damit finde ich die Oligoamory gänzlich zutreffend beschrieben. Denn die Alternative, ein mißverständliches Ungefähr, mit einem erheblichen Mangel an Begriffen sich selbst zu beschreiben und zu verorten, davon gibt es in meinen Augen da draußen schon allzuviel.

Bliebe mir heute nur noch, die schlagfertige Antwort auf die Datingkritik zu formulieren. Und ich gebe zu, daß ich darüber noch einen Moment länger nachdenken mußte.
Bis mir einfiel, was meine Bekannte mir mit ihrer Rezension eigentlich durch die Blume verkündet hatte: Ein überraschend stereotypes heteronormatives Narrativ.
Denn genau genommen hatte sie zweierlei ausgedrückt: Zum einen, daß „wirkliche/echte“ Beziehungen sich stets nur durch eine schwer fassbare, romantische verklärte Komponente zu finden und zu bilden hätten – und zum anderen, daß überhaupt nur (monogame) Singles eine wirkliche „Berechtigung“ zum Daten hätten.
Alle anderen von uns, die weder durch Singletum, noch durch romantisch verklärte Umstände von etwaiger Beziehungsanbahnung begünstigt wären, müssten sich nach diesem Modell mit entsagungsvollem Warten und Schmachten bescheiden – denn jegliches proaktive Verhalten wäre ja zutiefst künstlich und „bemüht“.
Das ist in der Tat eine ziemliche Keule für jegliches queere und non-monogame Leben – und übrigens auch noch eine, in der verborgen ein häßlicher Nagel steckt. Denn so ähnlich wie in dem einstmals abfällig gewählten Wort „gay“ steckt für uns „Alternativdatende“ der Vorwurf darin, daß wir andernfalls wohl dauergeil oder dauerbedürftig sein müssten, wenn wir nicht in der Lage wären auf die kosmische Fügung einer romantischen Zufallsbegegnung zu harren.
Mit dem Biedermeiersprüchlein „Das Glück kommt zu dem, der warten kann“ hatte ich schon immer so meine Schwierigkeiten, denn es könnte auch mit „…und wenn nicht, dann hat es nicht sollen sein“ enden – und mit einer derart fatalistischen Haltung werden wir weder eine Gesellschaft noch unsere Umwelt umgestalten oder gar retten können. Was eine solche Haltung „erhalten“ möchte, ist eine von mir im vorherigen Eintrag kritisierte, angepasste und ängstliche Einstellung, die genau verhindern wird, daß wir unsere Flagge wehen lassen und uns trauen „Jemand zu sein“.
Wiewohl ich als hochsensible Person vermutlich nie ein echter Fan des (Online)Datings sein werde, so halte ich es dennoch für ein zeitgemäßes Werkzeug, insbesondere, da ich ein überzeugter Fürsprecher des bewußten und freien Willens bin. Und wenn dann (hoffentlich!) aufrichtige, informierte und mündige Menschen im Rahmen eines „künstlich“ herbeigeführten Dates aufeinandertreffen, dann werden sie es vermutlich ganz alleine schaffen, darüber zu entscheiden, ob sie sich als beziehungskompatibel empfinden, ob da „mehr“ zwischen ihnen ist – oder nicht. Und dazu braucht es keine höheren Mächte, keine Schicksalsergebenheit – und bestenfalls bloß ein ganz kleines bißchen Romantik.

Tja. Das wäre vielleicht schlagfertig gewesen – obwohl ich annehme, daß das Gespräch, welches ich in der Tat dann doch in aller Ruhe zu ende führen konnte, ansonsten eine noch durchaus kämpferischere Wendung hätte nehmen können.
Und da der englischer Aphoristiker und Essayist Charles Caleb Colton auch erklärte, daß „Schlagfertigkeit der höchste Grad des Verstandes sei, denn er ließe auf die rascheste und kühlste Weise Genius in einem Augenblick sichtbar werden, da die Leidenschaften erhitzt sind“, teile ich meine verspäteten Erkenntnisse heute lieber hier mit Euch, meine treuen Leser*innen, und wünsche Euch ein wunderbares, fulminantes, mutiges – und schlagfertiges – 2020!



Danke an TessaMannonen auf Pixabay für das Foto.

Eintrag 39

Jemand sein

»Gedenkt man, wie viel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
Und leider ereignet sich dies nicht bloß dem Vorübergehenden. Gemeinschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Mitglieder, Städte gegen ihre würdigsten Bürger, Nationen gegen ihre vorzüglichsten Menschen.«

Dieses Zitat stammt aus dem RomanDie Wahlverwandtschaften ¹ von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1809. In der Tat handelt es sich dabei, wie der bemerkenswerte Titel nahezu vermuten läßt, um ein fast visionäres Buch, welches sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der heiklen Materie potentieller „Viel-Liebe“ versuchte. Es geht um wechselseitiges Begehren, um eine geradezu spirituelle Anziehungskraft, um Beziehungskompatibilität und romantische Motive. Allerdings traute es sich auch der Altmeister Goethe mit dem Roman damals nicht zu, die Geschichte am Ende für alle Beteiligten anders als in Chaos und Leid enden zu lassen – damit blieb er ein Kind seiner Zeit.
Was jedoch Goethe in meinen Augen seinen Kranz als Dichterfürst erhält, ist die Tatsache, daß er es wagte, ausgerechnet die Dynamik einer Vierecksbeziehung zu entwerfen, um mit seinem Werk darüber zu philosophieren, inwieweit seine Hauptpersonen aufgrund naturgesetzlicher Notwendigkeit oder aus freier Willensentscheidung heraus handelten.
Insbesondere Letzteres bildet ja in Beziehungsdingen bis heute immer noch eine der ganz großen Fragestellungen. Und von dem Philosophen Richard David Precht in seinem Buch „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ und dem Neurowissenschaften Gerald Hüther in seinem Werk „Die Evolution der Liebe“, über die Biologen Christopher Ryan und Calcida Jethá in ihrem BuchSex: Die wahre Geschichte bis hin zum Zenmeister Thich Nhat Hanh in „Quelle der Liebe – Wie Partnerschaft dauerhaft gelingt“ oder auch dem Seelencoach Veit Lindau in „Liebe radikal: Wie Du deine Beziehungen zum erblühen bringst“ wird ebenfalls in der Gegenwart über dieses Thema eifrig nachgedacht und geschrieben.

Daher habe ich gegenüber Goethe heute den Vorteil, daß ich auf ein ganzes Menü unterschiedlicher Blickwinkel zum Thema „(Mehrfach)Beziehungsfähigkeit“ zugreifen kann – außerdem kenne ich persönlich eine handvoll mutiger Menschen, die beweisen, daß ethische Non-Monogamie zwar nicht alltäglich einfach ist, jedoch auch keinesfalls Stoff für ein Drama von „Chaos und Leid“ sein muß.

Manchmal allerdings scheinen sich die „Umweltbedingungen“ für Mehrfachbeziehungen seit Goethes Zeiten bis heute wiederum nur wenig geändert zu haben. Mit der politischen wie der gesellschaftlichen Akzeptanz abseits hetero-monogamer Normativität scheinen sich weite Schichten der Bevölkerung nach wie vor schwer zu tun. Für die vier Protagonist*innen der „Wahlverwandtschaften“ bedeutete dies im Roman des 19. Jahrhunderts das Ende, bzw. wie Wikipedia so pragmatisch schreibt: „Das Experiment scheitert, weil die Gesellschaft nicht jene Bindungsfreiheit zulässt, die für Wahlverwandtschaften notwendig ist.“

Tatsächlich glaube ich, daß viele Menschen, die sich potentiell für ethische Non-Monogamie interessieren, diesen Satz auch heute noch genauso unterschreiben würden.
Und ja: Es ist auch schwer, zu einer Avantgarde von „Andersdenkenden“ zu gehören. Denn dies bedeutet nicht nur, sich eine andere Philosophie oder Lebensweise, als sie der „Mainstream“ hat, zu erwählen. Es bedeutet vor allem, auch gegenüber sich selbst tagtäglich immer wieder neu von dieser anderen Philosophie und Lebensweise überzeugt zu sein, obwohl man sich damit höchstwahrscheinlich in einem Umfeld bewegt, welches überwiegend noch nach anderen Maßstäben ausgerichtet ist.
Mit anderen Worten: Man braucht eine ziemlich starke Persönlichkeit.

Ich glaube, daß auch Goethe dies in seinem Roman, an dessen Konzeption er fast zwei Jahre feilte, sehr genau erkannt hatte: Umweltbedingungen sind ein wichtiger Faktor – aber daneben gibt es noch den Faktor der individuellen „Resilienz“ – also dem Maß, in wie weit ein Mensch, trotz widriger Umstände, in der Lage ist, dennoch seinen persönlichen Wünschen und Idealen treu zu bleiben.
Und natürlich hängen diese beiden Faktoren auch zusammen.
Goethe z.B. skizzierte genau genommen vier Hauptpersonen, die alle aus unterschiedlichen Gründen irgendwann unter dem äußeren Druck zusammenbrachen, weil sie in sich selbst ängstlich, verzagt, unsicher, eifersüchtig oder überheblich waren. Gleichzeitig spielt seine ganze Geschichte vor einem höchst obrigkeitsstaatlichen Hintergrund und einer (klein)bürgerlichen Gesellschaft, die genau darauf angelegt ist, ihre Mitglieder unmündig und begrenzt im Denken zu halten.
Das in meinen Augen „Revolutionäre“ an der Goethegeschichte ist darum, daß er genau mit Sätzen wie dem, der meinen heutigen Eintrag einleitet, sehr deutlich darauf hinweist, wie stark er sich selbst dieser mangelnden Förderung von „Persönlichkeitsbildung“ seiner Zeit bewußt war – und er sie darum quasi indirekt anklagte.

Und damit ist Goethe für mich auch in der Jetztzeit hochaktuell.
Denn in meinen Augen haben heute Modelle ethischer Non-Monogamie, wie die Poly– oder die Oligoamory, nur dann wirklich Aussichten auf Erfolg, wenn wir es schaffen, sowohl gesellschaftlich, als auch individuell, unsere Individualität, unsere „Verschiedenartigkeit“ zu wahren – um sie dadurch zugleich als Brücke zur Gemeinschaftsbildung zu begreifen.

Der Erziehungswissenschaftler Rainhard Kahl hat diesen scheinbaren Widerspruch für mich einmal sehr eindrücklich formuliert, indem er uns diesbezüglich zu unerschrockenem Handeln aufruft und uns einlädt „Ein Jemand zu sein“²:

»Das ist weder selbstverständlich noch banal, denn es bedeutet ein Wagnis, ein Jemand zu sein, nicht nur eine Rolle zu spielen oder zu funktionieren.
Denn „jeder Mensch steht an einer Stelle in der Welt, an der noch nie zuvor ein anderer vor ihm stand“³.
Erst aus dieser nicht weiter reduzierbaren Verschiedenheit und Eigenheit eines jeden – aus der Pluralität – ergibt sich die Möglichkeit zur Verständigung. Wenn wir alle identisch wären oder sein sollten, wäre Verständigung weder nötig noch denkbar.
Der Preis von Pluralität allerdings ist erst einmal eine ursprüngliche Fremdheit:
„Das Risiko, als ein Jemand im Miteinander in Erscheinung zu treten, kann nur auf sich nehmen, wer bereit ist, im sich Miteinander unter seinesgleichen zu bewegen, Aufschluß zu geben, wer er ist und auf die ursprüngliche Fremdheit dessen, der durch Geburt als Neuankömmling in die Welt gekommen ist, zu verzichten.“³
Auf seine ursprüngliche Fremdheit verzichten! Ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Mit dem Aufbau einer gemeinsamen Welt ließe sich diese ursprüngliche Fremdheit überwinden.
Der Misanthrop allerdings ist ein Mensch, der nicht auf seine Fremdheit verzichten mag:

„Die Menschlichkeit, die sich in Gesprächen der Freundschaft verwirklicht, nannten die Griechen ‚Philantropeia‘, eine Liebe zu den Menschen, die sich daran erweist, daß man bereit ist, die Welt mit anderen zu teilen. Ihr Gegensatz, die Misanthropie oder der Menschenhaß, besteht darin, daß der Misanthrop niemanden findet, mit dem er die Welt teilen möchte, daß er niemanden gleichsam für würdig erachtet, sich mit ihm an der Welt und an der Natur und dem Kosmos zu erfreuen.“ […]
„Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dieses Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch, ist heute Gegenstand der größten Sorge. Jede Wahrheit, ob sie nun den Menschen Heil oder Unheil bringen mag, ist unmenschlich im wörtlichen Sinne, weil sie zur Folge haben könnte, daß alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so daß aus vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände.“³«

All die Zitate, die Rainhard Kahl seinerseits verwendet, stammen übrigens von der Philosophin Hannah Arendt, die im Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der maßgeblich die „Endlösung der Judenfrage“ geplant und umgesetzt hatte, auf schonungsloseste Art damit konfrontiert worden war, wie aus einem „konformen Bürger“ ein gewissenloser Befehlsausführer geworden war. Fortan widmete diese Philosophin einen Großteil ihres Lebenswerkes der Fragestellung, welche Bedingungen erfüllt sein mußten, damit manche Menschen einen Teil ihrer Menschlichkeit abspalten konnten – wohingegen es anderen gelang, mitfühlend und empathisch zu bleiben.
Sie identifizierte, daß der Verzicht darauf „Ein Jemand zu sein (bzw. zu bleiben)“ und statt dessen zu einem angepassten Massenwesen und Trendfollower zu werden, am stärksten zu Verführbarkeit und Selbstvergessenheit beitrug. Und das solch eine Anpassung schließlich maßgeblich zu einem gesamtgesellschaftlichen Klima von Unterwürfigkeit und Angst führten, die Ausgrenzung und Gewaltexzesse schließlich erst ermöglichten.

Genau da empfinde ich, Oligotropos, die Tagesaktualität: Insbesondere wir Menschen, die bis in unsere privaten Beziehungen hinein versuchen nonkonformes, ja geradewegs queeres Gedankengut zu leben, sind aufgefordert, uns immer wieder darin zu üben „ein Jemand zu sein“. Speziell in einer Gesellschaft, die uns heute weit größere Freiheit ermöglicht als es das 19. Jahrhundert konnte – eine Freiheit, die aber heute trotzdem durch rechte Ränder oder digitale Massenhypes in Gefahr geraten kann, relativiert zu werden.
Für unsere Liebsten, für unsere Kinder, für uns selbst ist es darum wichtig, unser Profil zu pflegen, mit seinen Eigenheiten und Potentialen – eben genau um zu dem integrativen „bunten Buffet“ beizutragen, welches ich in Eintrag 33 beschreibe – und was unsere beste Versicherung ist gegen stumpfes Funktionieren und geistig weggetretenes Hinterherlaufen.

Das Schlusswort überlasse ich dazu noch einmal Rainhard Kahl:
»Die Lust sich zu exponieren verbindet Hannah Arendt mit der Bereitschaft sich vom Ungewissen treffen zu lassen. Verletzbarkeit ist eine Voraussetzung dafür, Erfahrungen zu machen und sich entwickeln zu können. Ja, Verletzbarkeit ist eine Funktion von Stärke. Die Stärke wächst mit dem Verzicht auf Panzerung.
In einem Fernsehinterview 1964 sagte sie:
„Wir fangen etwas an, wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen; was daraus wird, wissen wir nie. Das gilt für alles Handeln, ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist, im Vertrauen auf die Menschen, das heißt in irgendeinem, schwer genau zu fassenden, grundsätzlichen Vertrauen in das Menschliche aller Menschen.
Anders könnte man es nicht.“
«

¹ Johann Wolfgang von Goethe, „Die Wahlverwandtschaften“: 2. Teil, 1. Kapitel

² Reinhard Kahl, „Auf der Suche nach erwachsen gewordenen Erwachsenen“; Fachaufsatz in „Kinder suchen Orientierung“, 2002, Walther/Patmos-Verlag

³ Hannah Arendt, Auszüge aus ihrer Rede zur Verleihung des Lessing-Preises 1959

Danke an Kurt Kleeb auf Unsplash für das Foto!

Eintrag 38

Ihr Kinderlein kommet

Als meine damalige Frau und ich vor nunmehr 6 Jahren unsere Ehe in Richtung der Polyamory öffneten, konkret: eben weil ich mich in eine weitere Frau verliebt hatte, mit der ich auch eine vollwertige Beziehung führen wollte (siehe dazu Eintrag 1), teilte ich diese Entscheidung selbstverständlich im Sinne allumfassender Transparenz genauso unseren Kindern mit – die damals 7 und 9 Jahre alt waren.
Selbstverständlich“ sage ich, „im Sinne allumfassender Transparenz“, und wer meinen vorherigen bLogeintrag zu dem Thema gelesen hat, weiß, wie ich dazu stehe: „absolut aufrichtig“ und „sofort “ sind die Stichworte. Und da meine Kinder Teil meines Lebens waren und sind, so sind sie natürlich auch immer Teil meiner (häuslichen) Gemeinschaft. Und damit sind sie faktisch auch berechtigt, neue Informationen, die das Leben der gesamten Gemeinschaft irgendwie betreffen werden, auf schnellstem Wege zu erfahren.
Also nein, bei Kindern hört der Spaß auf…! “, liest man dann gerne in konventionellen Foren, vermutlich von Leuten, die sich unter „Polyamory“ so etwas wie permanent-rastlos fortgeführtes Rudelgetümmel im Schlafzimmer vorstellen. Und, ja, was manche Menschen unter „Polyamory“ verkaufen, das ist leider auch oftmals vorwiegend sexuell gewichtet (meine Kritik dazu Eintrag 2), also spreche ich ab jetzt von „Oligoamory“, denn darum sollte es hier ja auch ursprünglich gehen.

Was meine Kinder damals anging, so hielt ich eine kindgerechte Information auf jeden Fall für nötig; ich erzählte den beiden also, daß nun die X. bei uns mit dazukommen würde, dann wären wir mehr Leute und das hätte doch auch eine Menge Vorteile. Bei Beziehungen, so erklärte ich weiter, da müsse nicht immer erst jemand weggehen, bevor jemand Neues sich hinzugesellen dürfe, sondern es sei doch viel schöner, wenn so etwas auch wachsen könne.
Meine Kinder berieten sich kurz, bevor mein Sohn verkündete „Papa ist jetzt also wie ein orientalischer Sultan…! “, worauf er direkt von meiner (stets sehr korrekten) Tochter unterbrochen wurde: „Naja, dann müßte er jetzt doch eher hundert Frauen…“ – und ich rief komisch verzweifelt die Treppe zu meinen Liebsten hinunter: „Ich glaube ich hab’s verpatzt…! “.
Aber viel wichtiger: Quasi so ist es bis zum heutigen Tag in dem Verhältnis zu unseren Kindern geblieben. Von der ersten Sekunde an betrachteten die beiden unser Beziehungsgeflecht mit viel hintersinnig-wohlwollendem Humor – und machten sich damit die Gesamtsituation nach und nach zu eigen. Egal ob sie bei einer weiteren Verliebtheit von mir sagten: „Na, hat Papa wieder eine kleine Freundin…“, ob sie bei einem Paar, welches wir kennenlernten, nach dem ersten Treffen instinktsicher bekundeten „Die sind komisch...“ (es kam auch mittelfristig keine Beziehung zustande), oder ob sie begannen, alle Erwachsenen in wörtlicher Rede für sich fortan statt „Mama und Papa“ mit dem Kollektiv „die Eltern“ zu benennen á la: „Die Eltern haben gesagt, sie wollen noch einmal Einkaufen fahren…“ (was auch bis zum heutigen Tag so geblieben ist, gelobt sei das Patchworking!).
Aus Kindersicht taten die beiden also, was ihnen am Natürlichsten war – und darin stimmt die moderne Erziehungsforschung völlig überein. Denn sie suchten sich aus der neuen Konstellation das heraus, was ihnen Stabilität und Zuverlässigkeit bot und was sie für ihre optimale Entwicklung brauchten: Ein Höchstmaß an emotionaler Sicherheit und Geborgenheit und eine möglichst große Vielfalt an unterschiedlichsten Anregungen und Herausforderungen, die sie allein oder mit Hilfe der Erwachsenen bewältigen konnten¹.

Und die Erwachsenensicht? Nun, entgegen oberflächlich-offizieller Annahmen und Projektionen besteht ethische Non-Monogamie deutlich weniger aus den oben erwähnten rastlosen Orgien als vielmehr aus Arbeitsalltag, profaner Haushaltsorganisation und sehr weltlicher sozialer Interaktion. Das meiste davon ist für Kinder ziemlich langweilig, wodurch es in diesen Bereichen recht egal ist, ob man als Single, monogam oder mit fünf Partner*innen lebt – seine Kinder sieht man dabei meist gar nicht oder vielleicht aus der Entfernung von hinten. Nun gut, ganz egal ist es vielleicht nicht, denn mit mehr Erwachsenen beginnt man von dem unglaublichen Vorteil zu profitieren, daß da oft immer noch irgendjemand ist, der genug Energie hat, Legomodelle zu bestaunen, zum 63. Mal die gleiche Frage zu beantworten oder eine kreative Antwort auf eine gänzlich neue Frage zu finden (wie z.B. „Sag mal, kann man beim Sex eigentlich einschlafen…? “).
Und da wir gerade beim Sex sind, der ja von allen Außenstehenden immer so gerne hinsichtlich Kindern problematisiert wird: Für Kinder ist all das Normalität, was Erwachsene mit Souveränität tun. Also ist es wichtig, wie wir dazu stehen. Am Anfang wohnten wir in einem sehr kleinen Reihenhaus, wo die Kinder auf dem nächtlichen Weg zum Bad z.B. an unserer Schlafzimmertür vorbeitappen mußten. Tja, dann hält Mensch in seinem Tun eben solange inne, bis die Kleinen wieder zurückgetappt sind. Und morgens? Ja, dann kamen die Kindlein eben zu uns Dreien ins Bett gehopst (wie sie es zuvor bei Zweien auch getan hatten) und verteilten ihre Komplimente: „Ach X.“, sagte mein kleiner Sohn dabei mal zu meiner neuen Partnerin, „Du bist so richtig herrlich wabbelig…“. Was soll man bei so viel zutiefst liebevoll bekundeter Aufrichtigkeit noch sagen?
Ich könnte aus den Jahren noch tausend – durchaus auch weniger spektakuläre – Beispiele bringen, wichtig aber ist: Kinder werden sich ihre Welt schon untertan machen. Für sie ist in der Hinsicht jedoch Vieles, ja vermutlich das Meiste, was wir Erwachsenen untereinander tun oder sagen, eher wenig interessant.
Einmal machte ich mir diesbezüglich sogar Sorgen. Wir hatten im Urlaub miteinander ein Wochenende auf einer mittelalterlichen Burg verbracht, was die Kinder großartig fanden, gerade weil wir alle dort (also zu fünft) zusammen sein konnten. Nach den Ferien stand in den Schulklassen meiner Kinder das traditionelle Thema „Mein schönstes Ferienerlebnis“ an und in den entsprechenden Aufsätzen las ich, daß die Kinder das Thema mit der Burg fast nebensächlich behandelt hatten. Ich sprach daraufhin mit der Schulsozialarbeiterin, erläuterte ihr unsere etwas unkonventionelle häusliche Situation, und die sehr aufgeschlossene Dame sagte zu mir: „Wissen Sie, Oligotropos, Kinder haben einen sehr guten Sinn für ihr eigenes Stück Normalität. Natürlich vergleichen sich Kinder auch untereinander, sehen auch, daß andere Familien anders leben – aber das nehmen sie nicht halb so wichtig, wie wir Erwachsenen es von ihnen glauben. Für Kinder sind interessante Bezugspersonen viel bedeutender, Ansprache und verlässliche Strukturen. Und das gibt es bei ihnen ja alles.“

Und mit diesem „guten Sinn für das eigene Stück Normalität “ möchte ich im zweiten Teil dieses Artikels darstellen, was ich durch unsere Kinder darüber in Hinsicht auf die Oligoamory gelernt habe:
Denn was die tatsächliche Identifikation mit den von uns aufgenommenen Mehrfachbeziehungen angeht, dafür ist kaum etwas ein eindeutigerer Lackmus-Test, als der, wie wir es mit diesen Beziehungen gegenüber unseren Kindern halten.
In Eintrag 35, der vom „Richtigen Zeitpunkt “ des offiziellen Bekennens zu einer neuen Liebe handelt, stelle ich dar, daß ein häufiges Argument gegen dieses Bekenntnis wäre „daß man beim „Anbandeln“ ja so sehr lange selbst unsicher sei, ob es sich bei der neuen Begegnung um etwas „Ernstes“ handeln würde, wodurch es dann doch genau deswegen so sehr schwierig abzuschätzen sei, ob etwaige „Bestandspartner*innen“ mit an Bord genommen werden sollten, falls sich eben genau nichts „Konkretes“ aus jenem „Anbandeln“ ergeben würde…“.
Da unsere Kinder unveräußerliche Verbindlichkeiten sind, die mit dem Moment ihrer Entstehung zu unseren Leben gehören, gilt für sie an dieser Stelle allerdings nichts anderes, als für unsere (etwaigen) Bestandspartner*innen auch: Erkenne ich eine neue Beziehung als vollwertigen Teil meines Lebens an – oder nicht?
Wenn nicht, dann führe ich vielleicht einen „Spielbeziehung“ oder überhaupt nur ein „Spielchen“ – ich führe aber jedenfalls nichts, was nach oligoamoren Maßstäben als integre und ethische (Mehrfach)Beziehung gewertet werden kann.
Denn was ist die Alternative? Diese (Spiel)Beziehung aus dem sonstigen gemeinschaftlichen Leben heraushalten, verheimlichen, kompartmentalisieren (abspalten).
Für Kinder gilt aber viel mehr noch als für Bestandspartner*innen, daß dies nicht funktionieren wird. Denn vielleicht sind wir abgebrüht genug, daß wir einen erwachsenen Partner noch eine Weile über unsere wahren Beweggründe im Unklaren belassen könnten, für unsere Kinder ist dies Verhalten katastrophal. Denn vor allem kindliche Gehirne reagieren auf jede Abweichung zwischen Sein und Schein exorbitant empfindlich: Schließlich ist es für Kinder, die beim Homo sapiens in den ersten Lebensjahren absolut auf die Fürsorge durch Erwachsenen angewiesen sind, überlebenswichtig, auf diese Zeichen von Kohärenz (Nachvollziehbarkeit / Sinnzusammenhang) oder Inkohärenz (Widersprüchlichkeit / Inkonsequenz) zu achten. Und zwar gerade weil wir ja ihre „Erziehungsberechtigten“ sind – und der ganze kindliche Geist auf unsere Signale hinsichtlich Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Neugier, Begeisterung, Zuwendung, Motivation, (Selbst)Wirksamkeit und Bindung total sensibel eingestellt ist. Versuchen wir hier also mit einer versteckten Agenda durchzukommen, dann werden wir früher oder später die ersten Kennzeichen von Erziehungs- und Entwicklungsproblematiken heraufbeschwören, sei es als Rückzug, als Aggression oder als Hinwendung zu anderweitigen, äußeren „Sinngebern“.
Und das ist ja auch klar, wenn wir durch ein solches Verhalten unserer Rolle als Erwachsene nicht gerecht werden; wenn wir uns selbst genau nicht erwachsen verhalten, da Erwachsensein ja definitiv eine gewisse Lust auf die Übernahme von (Selbst)Verantwortung bedeutet.

Eine solche wenig ernsthafte und integre Haltung seinen Beziehungen gegenüber, die sich in falsch verstandener Verantwortlichkeit in Form von Verheimlichung oder Bagatellisierung vor den eigenen Kindern deutlich zeigt, hat in meinen Augen auch noch eine weitere gesellschaftspolitische Dimension.
Denn in Deutschland sind auch nach wie vor – und ich erinnere daran, daß wir wacker in das 21. Jahrhundert hineinschreiten! – Sätze wie die folgenden zu vernehmen: „Das Kind gehört zur Mutter! “ oder „Eine Familie besteht aus Vater, Mutter und ihren Kindern².“
Wer vor sich selbst tatsächlich noch diesen traditionellen Vorstellungen anhängt, den bitte ich dringlichst, auch in seinem „Hobbysektor“ einer Betätigung in irgendeiner Form von Mehrfachbeziehung, und sei es im Kontext von BDSM, Swingen, Casual Dating oder gar vorgeblicher Polyamory zu entsagen.
Ethische Non-Monogamie (wie Poly- und Oligoamory) sind vollwertige Lebensweisen und Beziehungsphilosophien, wie es z.B. bewußter Vegetarismus oder Veganismus in Bezug auf Ernährung sind: Entweder ist man da unbeirrbar bei der Sache und ist davon aus guten Gründen überzeugt – oder man ist es nicht.
Wir versuchen doch auch in punkto Ernährung unseren Kindern Konsequenz vorzuleben und speisen nicht am Wochenende heimlich Tofu und Salat, um uns dann Montags mit dem Kind die Rinderroulade zu teilen, um dem armen Ding – entgegen unserer eigenen Haltung – vorzuleben „was ein normales deutsches Kind isst“. Oder spätestens bei der Großmutter: Zuhause sind wir längst vegan – aber bei Omama loben wir das Hühnerfrikassee und verlangen laut nach einer zweiten Portion, um zu zeigen, daß wir alle nach wie vor „auf Linie“ sind. Selbstverständlich würden wir bei Oma auch niemals erzählen, daß es zuhause noch den Frank und die Katja gibt, mit denen wir seit zwei Jahren zusammenleben – nein, daß wäre nicht gut. Ob wir da vor unseren Kindern eine bessere Figur abgeben würden?

Wenn mir jetzt wirklich noch jemand entgegnen will „Oligotropos, was ich privat mache, das geht keinen was an…! “, der*dem antworte ich: „Das mag sein – aber mit der Einstellung ist niemand beziehungs- oder gar gemeinschaftsfähig.
In Mehrfachbeziehungskontexten ist so eine Art Inseldenken nicht mehr aufrechtzuerhalten, denn alle unsere Entscheidungen werden immer direkt alle Beteiligten unserer Gemeinschaft in irgendeiner Form berühren.
Und nein, ich stelle es mir als überhaupt nicht angenehm oder „cool“ vor, im eigenen Haus oder in der Familie als Geheimnisträger*in agieren zu müssen. Die Menschen, die mich direkt umgeben, sollten doch diejenigen sein, denen auch ich mich zur Gänze anvertrauen kann, wo ich „ich selbst“ sein möchte.
Es ist nicht möglich da irgendwelche Partner*innen oder eigene Kinder unter dem Scheinargument der „Schutzbedürftigkeit“ herauszurechnen. Denn „schutzbedürftig“ sind wir in diesen Fällen höchstwahrscheinlich eher selbst, da wir uns über unsere Gründe, die hinter unserem Mehrfachbeziehungswunsch stecken, bisher nicht klar genug geworden sind – oder uns noch dafür insgeheim schämen (Einträge 26, 27 und 28). Mit dieser Ambivalenz würden wir auf einige wirklich geniale Verbündete verzichten – genau eben auf unsere Kinder. Denn die legen an uns ganz andere Maßstäbe an, als wir es in unserer Selbstbetrachtung tun. Für die sind wir nicht nur „herrlich wabbelig“, sondern wir sind für sie auch die kompetentesten Reiseführer*innen in die Welt. In dem Fall also in unsere Welt, in der wir zeigen dürfen, daß sowohl Tofu schmeckt als auch Frank und Katja mit zu „den Eltern“ zählen.
Und Oma? Entweder beweist Oma, daß auch sie noch dazulernen kann oder wir müssen eben gucken, wer jetzt Donnerstagnachmittag auf das kleine Volk aufpaßt. Aber wir können uns auf dem Weg in die neue Welt nicht erpressen lassen – Gewissen gegen Hühnerfrikassee, nix da…
Und was sagst Du da, Oligotropos, Frank und Katja zählen jetzt mit zu „den Eltern“? Fremden Leuten vertraue ich doch nicht die Erziehung meiner Kinder an… Ups! Dazu zwei Dinge:
Zum einen – wenn Frank und Katja deine Liebsten in einer ethischen Mehrfachpartnerschaft sind, dann solltest du nach und nach genug Vertrauen fassen, daß du sie auch mit den anderen Teilen deiner Gemeinschaft, also deinen Kindern, interagieren lassen kannst. Frank und Katja machen übrigens auch deinethalben Kompromisse in den Momenten, wenn du mit deinen Kindern interagierst. Und überhaupt – ich sagte doch schon, daß es mit mehr Leuten tatsächlich einfacher wird (in der Hinsicht zumindest).
Zum anderen – Frank und Katja werden sich ihrerseits den strengsten Richtern, was die „Einmischung in die Erziehung“ angeht, anvertrauen müssen, nämlich den dazugehörigen Kindern. Und Kinder, das weiß ich aus eigener Anschauung, vergeben dieses Privileg sehr gezielt. Indem sie wie bei ihren biologischen Eltern Kompetenz, Kohärenz und nicht zuletzt eine riesige Portion wechselseitiger Sympathie abwägen. Darum kann ich, Hand auf’s Herz, bestätigen: Wenn sich dein Kind entschieden hat, seine Liebe zu schenken, dann kannst du es ganz sicher längst.

Tja. Und dann entsteht wohl tatsächlich so ein kleines Patchworkuniversum, wo im besten oligoamoren Sinne aus „Dein“, „Mein“, „Seinem“, „Ihrem“ und „Deren“ ein „Unser“ wird.
Meine Tochter hat das neulich (jetzt 15jährig) selbstverständlich etwas anders ausgedrückt. Da gab es zu Weihnachten beim Baumarkt, als wir alle an der Kasse anstanden, kleine Werbegeschenke.
Kassiererin: „Oder hier: Da hätte ich für euch noch einen ganz tollen Familienkalender…!
Tochter: „Brauchen wir nicht. Wir sind keine Familie. Wir leben nur zusammen, weil wir es nicht anders wollen!

Als wir dann mit rausgingen kicherte sie: „Ob die Kassiererin jetzt Angst vor mir hat…?!
Ich sag’s ja: Die machen sich ihre Welt schon untertan.
Beziehen wir sie darum besser gleich mit ein, wenn wir sie dabei lieber auf unserer Seite haben wollen…



¹ aus Karl Gebauer & Gerald Hüther „Kinder suchen Orientierung – Anregung für eine sinn-stiftende Erziehung“, walter/Patmos, 2002

² z.B.: „Europäische Bürgerinitiative ‚Vater, Mutter, Kind – zum Schutz von Ehe und Familie‘ 2016/17“ (Petition gescheitert)

Danke an Ben Wicks auf Unsplash für das Foto.

Eintrag 37 #Transparenz

Glasklar

Gerade erst habe ich mich in Eintrag 35 mit dem „richtigen Zeitpunkt“ beschäftigt, „wann“ bestehenden Partner*innen und Liebsten von dem potentiellen Aufblühen einer neuen Liebe berichtet werden sollte. In diesem Eintrag möchte ich diese Frage mit der wichtigen Idee der „Transparenz“ ergänzen.
„Transparenz“ gehört bereits zu den Grundbegriffen, die in der Polyamory häufig genannt werden (siehe hier); ein Grundwert der Oligoamory – den ich schon in Eintrag 3 benenne – ist sie auf jeden Fall.

„Transparenz“ ist ein etwas eckiges Wort, was einem außerhalb der ethischen Nicht-Monogamie im Kontext von Beziehungsführung eher selten begegnet. Transparenz – das kennt man eigentlich besser aus politischen Zusammenhängen, aus dem Finanzsektor oder dem behördlichen Arbeiten. Aber eben auch in den dortigen Bereichen, so sagt Wikipedia, bedeutet Transparenzein für erstrebenswert gehaltener Zustand frei zugänglicher Informationen und stetiger Rechenschaft über Abläufe, Sachverhalte, Vorhaben und Entscheidungsprozesse“.
Transparenz“, die gibt es aber auch im Lexikon der Psychologie, wo es heißt: „unmittelbares und ehrliches Zeigen eigener innerer Stimmungen sowie Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit verbaler Mitteilungen. Transparenz hat eine große, das soziale Zusammenleben regulierende Bedeutung. Sie hilft, Vertrauen zu bilden, Mitmenschen besser einzuschätzen, Bindungen zu stiften und zu festigen und gemeinsame Aktivitäten zu synchronisieren.“

Womit ich als Autor also sagen will: Ohne Transparenz ist eine um allseitige Aufrichtigkeit und Informiertheit bemühte Beziehungsbildung und -führung schwer vorstellbar.
Denn was ist denn die Aufgabe, genauer: die Funktion von Transparenz in einer Mehrfachbeziehung?
Die Autoren des Buches „More Than Two – A Practical Guide to Ethical Polyamory“ (2014), Franklin Veaux und Eve Rickert schreiben dazu in ihrer „Beziehungs-Grundrechteerklärung“, daß darin drei Ideen miteinander verknüpf seien, die für ethische Mehrfachbeziehungen fundamental seien – Einverständnis, Aufrichtigkeit und Handlungsfähigkeit; in ihren Worten:
Beim Einverständnis geht es um dich: Um deinen Körper, deinen Geist, deine Entscheidungen. Dein Einverständnis ist erforderlich, um zu dem Zugang zu erhalten was dir gehört. Die Menschen um dich herum haben Handlungsfähigkeit: Sie brauchen nicht dein Einverständnis, um zu handeln, denn du besitzt ja nicht ihre Körper, Geister oder Entscheidungen. Wenn jedoch ihr Verhalten sich mit deinem persönlichen Raum überkreuzt, dann benötigen sie dein Einverständnis.[…]
Aufrichtigkeit ist darum ein unentbehrlicher Teil jedes Einverständnisses. Denn du musst deinen Partner*innen die Möglichkeit zu informierten Entscheidungen geben, um mit dir in einer Beziehung zu sein. Wenn du lügst oder ausschlaggebende Informationen zurückhältst, dann nimmst du deinen Partner*innen die Möglichkeit zu echtem Einverständnis mit der Beziehung. […] Du solltest [auf diese Weise] niemanden zwingen, eine Entscheidung so zu treffen, wie du es willst; denn wenn du lügst oder wichtige Informationen zurückhältst, dann verweigerst du ihnen ihre Berechtigung zu wissen, daß sie eine Entscheidung hätten treffen können. Was also auch sg. „Auslassungslügen“ beinhaltet, denn eine „Auslassung“ liegt vor, wenn Information verborgen werden soll, die, wenn sie der anderen Partei bekannt gewesen wäre, für sie relevante Information enthalten hätte.
Handlungsfähigkeit ist daher ebenfalls mit Einverständnis verknüpft. […] Wir fordern euch auf, eure Partner*innen zu achten und euch selbst zu fragen, ob ihr ihre Freiheit der Wahl respektiert – selbst auf die Gefahr hin, daß ihre Entscheidungen euch wehtun könnten, selbst wenn sie sich für etwas entscheiden, was ihr selber nicht wählen würdet – denn es gibt auch kein echtes Einverständnis, wenn wir diese Freiheit der Wahl nicht haben.
Menschen zu ermächtigen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, ist indessen der beste Weg, auch die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Denn Menschen, die sich machtlos fühlen, können unberechenbar werden. Wenn wir aber unsere Bedürfnisse kommunizieren, und andere befähigen, daß sie dazu beitragen können, dann wird das in jedem Fall erfolgreicher sein als der Versuch, sie mit Informationsbeschränkung oder Zwang dazu zu bewegen
.“

Im oligoamoren Sinne hat „Transparenz“ damit immer zwei Dimensionen:

Zum einen den potentiell neu dazukommenden Liebsten gegenüber. Obwohl insbesondere in polyamoren Kreisen viel von „Erwartungsfreiheit“ die Rede ist (siehe Eintrag 2), sollten wir hier sehr realistisch und wirklich selbstehrlich sein: Selbstverständlich gibt es in uns allen gute persönliche Gründe, warum wir z.B. aktuell daten, gerne mehr bzw. neue Leute und Lieben in unserem Leben haben möchten – selbst wenn wir gerade „nur“ an einem Punkt in unserem Leben sind, wo wir das Gefühl haben, über die Kapazität zu verfügen, uns auf eine neue Beziehung einlassen zu können… Und auch was das „wie“ angeht, wäre es unredlich, wenn wir versuchen, mit „alles kann, nix muß“ zu operieren: Fast alle erwachsenen Menschen sind irgendwo in zumindest zeitliche Verpflichtungen, wie Arbeit, bestehende Beziehungen, Familie etc. eingebunden, was uns sehr selten „gänzlich frei“ in der Gestaltung weiterer, hinzukommender Beziehungen macht.
Gerade die „neuen Lieben“ sind also demgegenüber gemäß Veaux und Rickert in den Stand gleichberechtigter „informierter Entscheidungsfindung“ zu versetzen: Können und wollen sie sich mit dem „Gegebenen“ arrangieren? Ist der „weite Platz“ den wir ihnen aus unserer Sicht in unserem Herzen anbieten, aus ihrer Perspektive definitiv mehr als eine Nische im Gedränge?

Zum anderen sind da aber auch die lieben Menschen in unseren existierenden Bestandsbeziehungen. Und da diese schon jetzt bedeutende Strecken unseres Lebens teilen und dadurch mitgestalten, gehören diese damit bereits zu unserem persönlichen Dreiklang aus „Einverständnis, Aufrichtigkeit und Handlungsfähigkeit“ Wer jetzt nicht „Aber klar!“ sagt, der hat entweder schon eine dramatische Baustelle in seinen Bestandsbeziehungen oder eine höchst spektakuläre Auffassung seiner persönlichen Integrität. Denn: Transparenz, wie ich sie hier formuliere, ist auf die bestehenden Beziehungen übertragen ein Merkmal dafür, ob wir uns (überhaupt) wirklich mit unseren Bestandsbeziehungen identifizieren – also: Diese als Teil von uns und unserem Leben angenommen haben.
Und an dieser Stelle kommen wir zu der so oft umstrittenen „Treue in Mehrfachbeziehungen“. Wenn unsere Identifikation mit den von uns angenommenen Beziehungen und den damit übernommenen Verbindlichkeiten intakt ist, dann sind wir treu. Und zwar genau, wie auch Wikipedia es formuliert: „Treue (mhd. triūwe, Nominalisierung des Verbs trūwen „fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen“) ist eine Tugend, welche die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder einer Sache ausdrückt. Im Idealfall basiert sie auf gegenseitigem Vertrauen beziehungsweise Loyalität.“ Und das Vorhandensein von Vertrauen sowie Loyalität bildet buchstäblich das Grundgestein, mit dem jede menschliche Beziehung steht oder fällt.

Transparenz wirkt auf diese Weise immer als Signal in zwei Richtungen:
Auch ohne einen bisher gemeinschaftlich gesammelten Vertrauensschatz kann ich einer neu hinzukommenden Person zumindest zu erkennen geben, daß ich es nach besten Kräften mit meinem Wertesystem in alle Richtungen ernst meine. Fragen hinsichtlich meiner Motivationen können mich dann möglicherweise immer noch verunsichern (denn nackte Selbstehrlichkeit ist etwas, was wir gesellschaftlich nicht unbedingt aus dem Alltag gewohnt sind) – aber sie können mich nicht mehr vollkommen aus der Bahn werfen, da es keine traditionellen „Kellerleichen“ mehr gibt, die bei unpassender Gelegenheit ein plötzlich völlig anderes Bild von mir enthüllen werden, als ich nach außen vorgespielt habe. Und auch wenn die potentielle Verbindung dann am Ende (doch) nicht zustande kommt, habe ich mich zu jeder Zeit auf ethisch sicherem Boden befunden: Nicht ich habe versucht eine hübsche Fassade zu verkaufen, sondern die andere Person hat sich frei aus ihren ureigenen guten Gründen für oder gegen mich entschieden.
Für meine Bestandspartner*innen demonstriere ich mit meinem transparentem Verhalten, daß ich eine „sichere Bank“ bin und ergänze damit den hier bestehenden Vertrauensschatz. Denn meine charakterliche Prägung mag wandelbar sein, aber sie ist nicht beliebig: Meine Integrität, meine „aufrechterhaltene Übereinstimmung meines persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit meinem Reden und Handeln“ bleibt für mein direktes Umfeld nachvollziehbar. Und dies bedeutet, daß ich für meine bestehenden Lieblingsmenschen zugänglich bleibe, daß auch sie weiter mit ihrem Einverständnis, ihrer Aufrichtigkeit und Handlungsfähigkeit in einem gestaltbaren Dialog mit mir stehen. Was nicht weniger bedeutet, als daß unser vereinbarter Emotionalvertrag eben auf Augenhöhe ist.

Eindrucksvoll, was die Konsequenzen von Transparenz betrifft – und darum von meiner Seite empfehlenswert – ist der Film „Thanks for Sharing – Süchtig nach Sex“ (2012) mit Gwyneth Paltrow und Mark Ruffalo in den Hauptrollen als die Charaktere „Phoebe“ und „Adam“.
Der Film handelt nämlich von jeweils einer Frau und einem Mann, die beide für sich ein Merkmal haben, welches eventuell für andere Menschen problematisch sein könnte: Phoebe ist eine als geheilt geltende Brustkrebspatientin, Mark wiederum hat gerade 5 Jahre erfolgreich seine Sexsucht per Gruppentherapie (analog Anonyme Alkoholiker) in den Griff bekommen. Letzteres ist daher auch für Mark der Grund, sich wieder mutig der Möglichkeit einer neuen Beziehungsaufnahme zu stellen, und alsbald hat er auch ein vielversprechendes erstes Date – eben mit Phoebe.
Als die Hauptcharaktere „Phoebe“ und „Adam“ zum ersten Mal aufeinander treffen, kommt es zu der für mich bemerkenswerten Szene:
Kaum haben sich die beiden begrüßt (und eine optische Sympathie ist recht offensichtlich), erzählt Phoebe als allererste Information über sich rundheraus ihre Brustkrebsproblematik. Dabei gibt sie zu, daß sie zwar als „Überlebende“ und als geheilt gelte, sie aber wüßte, daß für manche Menschen wegen einer statistischen Rückfallwahrscheinlichkeit doch in so einem Fall ein Problem bestehen könnte, weshalb sie diese Auskunft über sich lieber gleich am Anfang deutlich machen wolle. Mark Ruffalo spielt den „Adam“ in dieser Szene in einer gelungenen Mischung aus Überraschung und Mitgefühl. Und selbst als Zuschauer*in ist man in dieser Szene von einer seltsamen Mischung aus Perplexität, Überfahren-Sein und Verwunderung erfüllt: War das jetzt in dieser Art so spontan – und wahrlich sehr unumwunden – nötig? Man kann in der Filmszene beinahe im Gesicht von Mark Ruffalo lesen, wie der Charakter Adam scheinbar kurz eine beschwichtigende gesellschaftliche Floskel erwägt á la „Ach, Brustkrebs, das haben wir doch irgendwie alle…“, er dann aber tatsächlich erfasst, was Phoebe gerade wirklich gesagt hat – und er schafft es rechtzeitig noch, die Kurve zu kriegen, ernsthaft und verständnisvoll zu bleiben, sowie zu demonstrieren, daß er mit dieser Tatsache keine Schwierigkeiten hat.
Bei den Zuschauer*innen wirkt das „Das war jetzt aber außerordentlich selbstehrlich…-Gefühl“ gerade noch nach, während Phoebe nun erleichtert weiterspricht. „Na, los Adam“, denken wir Zuschauer*innen, „sie hat ihre Karten aufgedeckt, jetzt trau‘ dich auch – sie kann wohl damit umgehen, hat doch selber »Gebrauchsspuren«!“ Der Adam-Charakter ringt auch sichtlich für wenige Sekunden mit diesem guten Vorsatz, als Phoebe plötzlich auf ihren Bruder zu sprechen kommt, der Alkoholiker ist, weshalb sie niemals mit jemandem in irgendeinem Suchtkontext eine Beziehung führen wollte… AU! Natürlich wäre gerade jetzt noch ein letztes Mal der Moment für schmerzhafte Transparenz und den Mut zur Wahrheit beim Mark-Charakter gekommen (womit sich Mark ja Phoebe hätte trotzdem anvertrauen können, um 1. zu sehen ob anfängliche Sympathie über ihre alte Ressentiments siegen könnte und um 2. zu demonstrieren, daß er ja, wie Phoebe selbst, als „geheilt“ gilt…) – aber natürlich sind wir im Hollywood-Kino (welches ja manchmal doch auf’s echte Leben schaut): Mark schweigt, teils etwas überfahren, teils nun verunsichert – und ist so froh, endlich wieder ein Date zu haben, daß er ein wichtiges Detail seiner Persönlichkeit darin lieber nicht zur Sprache bringt. Das Drama, daß sich später draus ergibt, bildet den dann folgenden Film…

(Und darum gilt in der Oligoamory, wie in Eintrag 35, natürlich auch für die Transparenz: „zeitnah“ heißt „sofort“, bzw. „100% von Anfang an“. Ermächtigt Euch!)



Danke an Michael Fenton auf Unsplash für das Foto.