Eintrag 1

Wie es dazu kam, daß ich mich aufmachte, das entlegene Eiland zu entdecken:

Meine vorherige Ehe wurde von meinen damaligen Freunden und Bekannten stets als „Offene Beziehung“ bezeichnet – eine Beschreibung, mit der sich meine damalige Frau und ich niemals als zutreffend beschrieben wohlfühlten.
Wir hatten kurz vor Ende des letzten Jahrtausends, wenige Jahre bevor wir dann 2002 heirateten, „lediglich“ – und zugegeben, vermutlich etwas naiv – miteinander ausgemacht, daß niemals einer von uns beiden eine weitere sexuelle Begegnung außerhalb unserer Beziehung mit jemand anderem erleben sollte, für den man nicht wahrhafte Zuneigung und Gefühle empfand (!).
Ja, Ihr da draußen habt richtig gelesen. Während viele Paare in „Offenen Beziehungen“ ebenfalls wohl die Vereinbarung haben, weitere sexuelle Begegnungen zuzulassen, wird dort häufig gerade das Heraushalten von Zuneigung bzw. Liebe ebenfalls festgelegt, um die Bestandsbeziehung zu sichern – und wir beide hielten es damals genau genommen nahezu umgekehrt.

Diese gewissermaßen antithetische Übereinkunft funktionierte für uns über ein Jahrzehnt gut bis…, ja, bis aus den zugelassenen Gefühlen und der Zuneigung eines Tages unversehens ein Wunsch nach einer echten weiteren Nahbeziehung im Raum stand.
Die geneigten Leser*innen mag es eventuell verwundern, da diese Folge beim heutigen darüber Nachsinnen sich doch als recht logische Konsequenz einer solchen Haltung darstellen mag. Wir jedoch hatten nie irgendein Vorgehen, einen B-Plan für genau diesen Moment überlegt, wenn aus den Empfindungen für einen weiteren lieben Menschen ein weiterer vollwertiger Beziehungswunsch entstehen würde…
Sämtliche Beteiligte fielen buchstäblich aus allen rosa Wolken.

Dementsprechend versuchten wir von da an etwa ein Jahr lang zu dritt (also gut, zu fünft, wenn man die Kinder mitzählt), gewissermaßen im „Heimwerkermodus“, mit Verständnis, Humor, und Mitgefühl eine Herangehensweise an dieses vermeintlich konventionslose neue Miteinander hinsichtlich veränderter Konfigurationen an Tisch und Bett zu finden.
Erst einige Zeit später gerieten wir – quasi durch eine Zufallsempfehlung – an das Buch „More Than Two – A Practical Guide to Ethical Polyamory“ von Eve Rickert und Franklin Veaux. Und diese 480-Seiten starke Abhandlung wurde quasi unsere erste wirkliche Grundlage – wenn man so will eine erste Landkarte – hin zu einem echten Verständnis der Bedeutung und der Auswirkungen von Mehrfachbeziehungen, insbesondere betreffs der daran Beteiligten.
Dadurch ergaben sich aber auch letztendlich Kriterien bezüglich der Bedürfnisse und Ansprüche eben jener Beteiligten an die Substanz dieser der Polyamory anhängigen Beziehungsphilosophie und der angestrebten eigenen Lebensweise selbst.

Am Ende trug unser selbstgezimmertes Floß darum dann auch nur noch zwei von uns (und nicht die Stammbesatzung!) vom altweltlichen Gestade der Monoamory zu dem vielgestaltigen Archipel der Polyamory hinüber, mit Landkarte und viel Idealismus im Gepäck.
Meine Hoffnung, daß meine Suchwanderung hier alsbald ihr ersehntes Ziel finden würde, erwies sich allerdings als verfrüht. Dabei erschien das neue Land zunächst weit und frei und voller spannender Bewohner*innen, deren Gepflogenheiten wir uns mit Eifer anzupassen suchten.
Dies geschah über rege Teilnahme an netzseitigen Foren zum Thema, über den Besuch von Stammtischen mit Einheimischen – und natürlich auch mit dem gezielten Eingehen einiger weniger Liebesbeziehungen mit jenen (den Einheimischen, nicht den Stammtischen).
Sogar das erstaunliche Atoll der Beziehungsanarchie nahmen wir dabei anfänglich mit Ehrfurcht zur Kenntnis und wagten sogar einige Schritte auf seiner eigentümlich egalitären Oberfläche.

Indessen: Nach beinahe drei Jahren intensiver Forschungsarbeit hatte sich in meinem kleinen Expeditionscorps Unruhe und Verwirrung ausgebreitet. Denn als ob ein zürnender Amor die Sprachen der polyamor Lebenden verwirrt und verstreut hätte, wollte sich keine beständige Basis für die dazugehörige Lebensweise etablieren lassen.

So gab es dort etwa Liebende, die wie in einer geschlossenen Ehe zu Mehreren lebten. Etliche Menschen sahen sich hingegen als Teile weitverzweigter und offener Beziehungsnetzwerke an. Einige wiederum lebten jedoch nahezu ausschließlich allein und verbanden sich mit jeweils ausgewählten Partner*innen nur auf Festivals, Seminaren oder an besonders gestalteten Wochenenden. Teilweise wurde dazu die unbedingte Deckungsgleichheit mit freier oder universeller Liebe postuliert. Andere Polyamoristen schienen indessen etwas zu leben, was Swingen nicht unähnlich war, und eine Anzahl führte sogar serielle oder parallele Affären im Namen der Viel-Liebe, und überhaupt schien die Betonung persönlicher sexueller Aspekte und Freiheiten vielerorts im Vordergrund zu stehen.
Aber dem ungeachtet nannten sich alle stolz Praktizierende der Lebensweise „Polyamory“ – und behaupteten dies besonders vehement und laut in Abgrenzung zu ihren nächsten Nachbarn, die mit entsprechender Leidenschaftlichkeit exakt das Gleiche wiederum für sich in Anspruch nahmen…

Die überall hervortretenden Meinungsverschiedenheiten schienen dadurch die verheißenen Merkmale von Transparenz, Verantwortung und Verbindlichkeit, durch die auch ich einst motiviert zu dem Archipel der Polyamorie aufgebrochen war, auf jederzeit verhandelbare Fußnoten zu reduzieren.

Zu diesem Zeitpunkt erkannte ich, daß ich eben nicht nur als Forscher, sondern selbst auch als Suchender gekommen war, mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen daran, was ich an Mehrwert für mich in polyamoren Beziehungen zu finden hoffte.
Was mir aber besonders deutlich wurde war das Dilemma, daß der bloße Begriff der Polyamorie zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Nutzer*innen nicht mehr konsistent verwendet wurde – und also auch nicht mehr in der Kommunikation zum Zusammenfinden Gleichgesinnter und zur Gemeinschaftsbildung taugte.

Was war zu tun?
Sich mit „Mission Impossible“ zufriedengeben und im Ungefähren mit Kompromissen einrichten? Ruhelos wanderte mein Fernglas über den vielgestaltigen Archipel, der auf einmal so unwirtlich und zerklüftet erschien. Sollte es…?

Doch dort, am äußersten Ende des Archipel, kaum sichtbar, in flimmernde Ferne entrückt, war da nicht doch noch ein weiteres Eiland, nominell dem Archipel zuzuordnen – und doch in seiner Ausprägung eigenständig? Mit einer streng wirkenden Küstenlinie – jedoch üppig grünendem, höchst lebendig erscheinendem Inneren…?
Ein Eiland, welches noch so ursprünglich wähnte, als wäre es bislang noch von keiner sauren Quelle der Begriffsverwässerung getrübt worden.

Mein Entschluß stand umgehend fest. Mit einem kleinen Boot wagten eine einzige Begleiterin und ich die ungewisse Überfahrt. Doch glücklich knirschte schließlich rauh der Kies des Strandes unter unserem Kiel.
Und so setzte ich endlich meinen Fuß in dieses neue Land.
Als ich dabei die mitgebrachte Herzflagge mit der blauen Doppelspirale entrollte, meinte ich in der Weite des blühenden Landesinneren einige wenige menschliche Silhouetten von Mitgliedern des hiesigen Stammes wahrzunehmen. Die kurze Erscheinung dieser ausgewählt Wenigen war es, die mir in jenem Moment den Namen des kleinen Eilandes eingab – und so sprach ich, die Insel betretend:
„Ich nenne Dich OLIGOAMORY!“





(Dank an Ken Suarez auf unsplash.com für das Bild der Insel!)

4 Antworten auf „Eintrag 1“

    1. If multiple relationships would rest on economic principles only, that might be true – it would be a sobering point of view, though. Oligoamory therefore wants to invite to relationships which emerge from loving and caring for each other – and concerning all persons involved as whole beings, with all their strenghts and shortcomings. A togetherness like that would provide a place for childern, the elderly or disabled persons every bit as for the youthful and strong.

  1. Womöglich läuft es am Ende bei allen eben auf diesen Punkt hinaus.
    Wie wachsen die meisten von uns denn auf, welche Prägung erfahren wir?
    Die meisten von uns lernen die Monogamie als nicht hinterfragtes Normkonzept kennen und erleben in dieser ihre mehr oder weniger glücklichen Eltern, Großeltern, weitere Angehörige, usw als Vorbilder, sehen wie und ob diese fremdgehen, jagen das Ideal des einen perfekten Partners, mit dem keine Wünsche und Bedürfnisse offen bleiben.
    Einige erkennen, dass Normverhalten nicht unbedingt der beste Weg ist, gehen selbst fremd, verlieben sich außerhalb der Beziehung, öffnen diese, graben tiefer, finden Polyamorie und die Beziehungsanarchie als große, neue Probierfelder, denken „das ist jetzt mein Konzept, mein heiliger Gral, mein Rezept zum Glücklichsein.“
    Vielleicht sollen das alles aber keine Rezepte sein, nach denen man sich ein glückliches Leben backt, das Leben ist kein Fertighaus, es entwickelt sich mit jedem Stein, jeder Begegnung weiter.
    Es ist gut, dass verschiedene Konzepte definitionsgemäß voneinander abgrenzen, dass es Begrifflichkeiten gibt, mit denen auf einem Nenner kommuniziert werden kann, wenn man denn so will. Aber sich selbst per Definition zu begrenzen – abzugrenzen – einzugrenzen – das sehe ich als etwas gefährliches an. Man nimmt sich selbst Spielraum zur Entwicklung und Gestaltung.
    Wir gehen Beziehungen mit dem Wunsch ein, dass diese für immer halten mögen, damit wir uns auch im Alter und in schweren Zeiten aufeinander verlassen können. Wünsche gehen leider nicht immer in Erfüllung.

    1. Einschließlichkeit ist ein wunderschönes Ideal – und ich glaube selber auch, daß dies auf persönlicher Beziehungsebene, in echten Partnerschaften, gelingen kann.
      Die mittlerweile allgegenwärtige Begriffsverunsicherung hinsichtlich der Bezeichnung „Polyamory“ indessen hat mich in dem Ringen erschöpft, der zehnköpfigen Hydra „Öffentlichkeit“, der jeden Tag zehn weitere Häupter entsprießen, wöchentlich erneut zu erklären, aus welchen ethischen Gründen für mich Polyamory nicht mit z.B. Promiskuität gleichzusetzen ist.
      Diese Begriffsverwischung u.a. macht es Menschen wie mir auch schwer, potentielle Partner*innen auszumachen, die eine ähnliche Beziehungssprache sprechen.
      Darüber hinaus gibt es aber auch noch echte systemeigene Problematiken in der Philosophie der Polyamory selber, hinsichtlich derer ich mich nicht mehr gänzlich mit dieser Lebensweise identifizieren kann. Diese Gründe habe ich vor allem hier niedergelegt.

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