Eintrag 36 #Eifersucht

Eifersucht – eine Annäherung

Du mit Deiner ewigen Eifersucht…! “, so klingt es. „Du hast doch Komplexe! “.
Und überhaupt: „Überkommene bürgerliche Ressentiments...“, seien das – und darum wird der eifersüchtigen Person obendrauf noch mit einem ironischen Augenzwinkern das Sprüchlein „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht was Leiden schafft “ serviert.
Aber auch in Kreisen der vermeintlich so empathischen und gut aufgeklärten ethischen Mehrfachbeziehungen heißt es schnell: „Arbeite mal an Deiner Eifersucht ( = damit wir anderen unbehelligt weiter machen können wie bisher)!“. Oder das Königsargument jeder Küchentischpsychologie wird ins Feld geführt: „Das Problem sei bei der Person zu belassen, die das Problem hat ( = damit der Rest des Beziehungsnetzwerks unbehelligt weiter machen kann wie bisher).“
Auweia!
Das ist alles wenig friedvoll, größtenteils unzutreffend und die übrigen Körnchen Wahrheit, die darin noch enthalten sind, sind so verdreht wiedergegeben, daß sie in so einem Fall kaum noch hilfreich geraten werden. Was aber ganz sicher deutlich wird ist, daß Eifersucht ein Thema ist, wo Emotionen und Gefühle auf allen Seiten schnell eskalieren – und wo es darum gar nicht so einfach ist, einen Pfad durch den verfilzten Dschungel aus eilfertigen Diagnosen und kategorischen Schuldzuschreibungen zu bahnen.

Durchatmen.
Meiner bisherigen Lebenserfahrung nach gibt es „die Eifersucht“ per se nicht. Eifersucht ist so individuell und unterschiedlich, wie die Menschen, die davon geplagt werden. Geplagt werden, sage ich – ebenfalls nach meiner bisherigen Lebenserfahrung – denn ich habe auch noch nie irgendeine Person getroffen, die wirklich „gerne“ eifersüchtig ist. Und leider auch mit letzterem Vorwurf werden die Betroffenen ja ebenfalls regelmäßig konfrontiert: Eifersüchtige würden ihre Eifersucht geradezu mit Genuß „instrumentieren“, um anderen Menschen „alles“ kaputt zu machen.
Schon ein Blick in die deutschsprachige Wikipedia läßt dies unwahrscheinlich werden:
Eifersucht beschreibt eine schmerzhafte Emotion, die innerhalb einer Partnerschaft, Familie oder Freundschaftsbeziehung entstehen kann; und zwar dann, wenn man empfindet, eine Zuneigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respektsbezeugung vom Partner, von der Bezugsperson oder einem anderen geschätzten Menschen nicht oder nur unzureichend bekommen zu haben.“, heißt es da.

Nun höre ich bereits, wie sich die von der Eifersucht vermeintlich bedrängte/beengte/eingeschränkte Seite zum Gegenschlag bereit macht: Da stünde doch eindeutig „wenn man empfindet, eine Zuneigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respektsbezeugung vom Partner, von der Bezugsperson oder einem anderen geschätzten Menschen nicht oder nur unzureichend bekommen zu haben“. Womit doch erwiesen sei, daß es sich um eine bloße „Empfindung“ – also eine rein subjektive Einschätzung handeln würde. Und überhaupt: Das sei ja ein ganz schön heftiges Anspruchsdenken, wenn andere Menschen für die ausreichende Versorgung mit „Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe oder Respekt“ solcherart in Beschlag genommen würden. Die betroffene Person solle mal an ihrem Selbstwert arbeiten.

Durchatmen.
So brauchbar geraten ich den Wikipedia-Eintrag zum Thema Eifersucht insgesamt ansehe, so scheint auch dieser in einem wichtigen Aspekt in meinen Augen zu kurz zu greifen. Wenn man sich den übrigen Artikel (wie so viele andere Beiträge zu dem Thema auch) nämlich durchliest, dann ist die dortige Beschreibung insgesamt sehr dem Präsens (der Gegenwart) verhaftet. „[Eifersucht] entsteht durch das Empfinden einer Vertrautheit zwischen dem Partner und einer dritten Person, die die eifersüchtige Person ausschließt“, ist da zu lesen, sowie „Eifersucht setzt ein Subjekt und zwei Objekte voraus: das Objekt des „Anspruches“ auf Liebe oder der Verlustangst (den Partner) und das Objekt der Eifersucht, welches die Zweierbeziehung als „Eindringling“ bedroht“ und gegen Ende „Im Fall von Eifersucht empfindet der Betroffene mangelnde Wertschätzung durch eine konkrete Person“.

Wenn das so schlicht zutreffen würde, dann sollten meiner Meinung nach die meisten Fälle von Eifersucht – zumindest in ethisch-nicht-monogamen Gefilden – nur sehr selten zu den existenzerschütternden Dramen werden, welche die Beteiligten dort häufig trotzdem erleben müssen. Und selbst wenn wir einwenden, daß die allermeisten von uns eben noch aus der „alten Welt der Monogamie“ mit ihren erlernten Regularien von Anspruchs- und Besitzdenken stammen, so bleibt zugegebenermaßen immer noch ein erhebliche Menge von Beziehungssprengstoff übrig, der eben genau durch einen bloßen Paradigmenwechsel, was die Beziehungsphilosophie angeht, in keiner Weise zu entschärfen ist.
Warum, glaube ich, ist das so?

Zuallererst scheint mir wichtig, die in unserem Denken und Sprechen häufig als „Schuld “ („Du bist schuld dass…!“) vermengten Begriffe von „Ursache“ und „Auslöser“ fein säuberlich voneinander zu trennen. Denn all das, was z.B. der Wikipedia-Artikel beschreibt, gehört für mich in die Kategorie „Auslöser“: Menschen sind in einer Beziehung, ein Beziehungsparameter ändert sich (z.B. durch das Hinzukommen einer Person oder ein zeitintensives Hobby), dies verändert die Beziehungssymmetrie, eine diesbezüglich sensible Person erlebt nun Entzug bis hin zu Minderwertigkeitsgefühlen begleitet von Zorn, Trauer, Angst und Scham.
Selbstverständlich ist es darum auch richtig, sich diesen „Auslöser“ ebenfalls einmal anzusehen: Verstößt dieser in irgendeiner Weise gegen den bestehenden Emotionalvertrag, welcher der Bestandsbeziehung zu Grunde liegt? Beispiel: Wenn miteinander ethische Non-Monogamie, wie Poly- oder Oligoamory, vereinbart wurde und nun steht die Einlassung auf eine weitere Beziehung im Raum, dann könnte das absolut von der Vereinbarung gedeckt sein, wenn nicht plötzlich andere Absprachen (Job, Haushalt, Finanzen) grob vernachlässigt werden. Wahrscheinlich müsste aber auch diese bestehende Absprache „Emotionalvertrag“ zumindest nachjustiert werden, da die Ressource „Zeit“ bekanntlich nicht unendlich teilbar und vermehrbar ist.
Die Empörung in non-monogamen Kreisen hinsichtlich der Eifersucht ist ja nun aber meist vor allem deswegen allseitig so groß, gerade weil trotz all dieser guten Absprachen und Justierungen die Eifersucht trotzdem hervorspringen kann wie ein ungebändigter Tiger. Und das, obwohl man sich gerade noch in allem so einig war…

Meinem Erleben nach ist Eifersucht ein „Ursachenphänomen“ und nicht primär ein „Auslöserphänomen“. Daher die gute Nachricht zuerst: Eifersucht hat allerhöchstwahrscheinlich ursächlich weniger mit den in der Gegenwart agierenden Menschen zu tun. Oder „nur“ soviel: Das, was sich in der Gegenwart abspielt, ist der immer wieder bediente Auslöser (psychologisch „Trigger“) für die ursächlich weit darunter begründete Eifersucht.
Hier enden unsere guten Nachrichten aber auch schon, denn mit dieser Auffassungsweise entfernen wir jetzt buchstäblich den Deckel von der Büchse der Pandora, unter dem in uns allen eine oft furchteinflößende Gemengelage lauert:

Unser Gehirn ist ein wahrlich großartiges Organ. Seine Speicherfähigkeit ist legendär, seine Wirtschaftlichkeit auch¹. Um seine Wirtschaftlichkeit zu erhalten (z.B. damit wir tagtäglich neues Wissen aufnehmen können, ohne groß nachzudenken Auto fahren und effizient unsere Tagesarbeit mit wechselnden Herausforderungen erledigen) bearbeitet und speichert es zahlreiche Eindrücke mit einem vereinfachenden „Blockverfahren“ (also in Form von komprimierten Informationsblöcken), damit uns die schiere Zahl der eingehenden Informationen und Sinneseindrücke nicht handlungsunfähig machen kann. Dieses „Blockverfahren“ setzt mit der Gehirnentwicklung vor unserer Geburt ein und ist unser ganzes Leben lang aktiv.
Das „Geheimnis“ dieses Blockverfahrens ist ein wichtiger Teil unseres Gehirnspeichers, der als „das Unbewußte“ bezeichnet wird, der genau diese großen Informationsmengen aufnehmen und je nach Bedarf zuordnen kann. Dieses „Unbewußte“ dient während unserer Sozialisation auch dazu, all die Emotionen und Gefühle aufzunehmen, mit denen wir uns aus irgendwelchen Gründen nicht sofort auseinandersetzen können – oder wollen. Letzteres ist aber genau genommen kein gutes Zeichen, denn auf diese Weise kann über einen längeren Erleidenszeitraum das entstehen, was psychologisch als „Komplex“ bezeichnet wird, da das Gehirn – wirtschaftlich wie es ist – ähnliche Erfahrungen quasi in einer gemeinsamen Ablage bündelt. Oder wie der Psychologe C.G. Jung sagte: „verinnerlichte, generalisierte konflikthafte Erfahrungen, die emotional betont und mit einem bestimmten Beziehungsthema verknüpft sind “.
Dazu führt die Psychologin Dr. Verena Kast aus: „Werden Themen oder Emotionen, die mit dem Komplex verbunden sind, angesprochen, dann wird das Gesamte der unbewussten Verknüpfung aktiviert, samt der dazugehörigen Emotionen aus der ganzen Lebensgeschichte und den daraus resultierenden, stereotyp ablaufenden Abwehrstrategien. Man kann die Emotionen in dieser Situation nicht mehr kontrollieren, man kann nicht ruhig über eine Situation nachdenken, man hat einen ‚Emotionsdurchbruch‚.“²
An dieser Stelle ist bereits zu erkennen, daß hier „Auslöser“ und „Ursache“ miteinander verknüpft sind. Eifersucht ist dadurch fast immer ein „Ressentiment“.
Noch einmal Dr. Kast: „Das Wort Ressentiment kommt von französisch re-sentir ‚erneut fühlen‘. Es geht um das wiederholte Durch- und Nacherleben einer bestimmten Beziehungserfahrung. Immer wieder fällt einem dann ein, wie man ungerecht behandelt worden ist, wie man keine Möglichkeit hatte, sich erfolgreich dagegen zu wehren. […] Die Ohnmacht des Handelns, die zu einer Entwicklung des Ressentiments geführt hat, wird deutlich sichtbar. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert, gefangen, wehrlos. Das heißt sie haben eine Einbuße an Selbstwirksamkeit, einem wichtigen Aspekt des Selbstwertgefühls, und dies korrespondiert mit einer Komplexepisode, deren Thema Demütigung und damit eine Selbstwertverletzung ist.
Der Anthropologe Max Scheler nannte dies „Seelische Selbstvergiftung“, da die Ressentiments auf normalen menschlichen Affekten und Basisemotionen beruhten, die zur richtigen Zeit nicht ausgedrückt werden konnten und nun im „Auslösefall“ mit Heftigkeit und Dramatik an die Oberfläche brechen.
Was also bedeutet: Unsere eifersüchtigen Personen, ja, die spüren jetzt tatsächlich Zorn, Trauer, Angst und Scham mit einer lebensbedrohlichen Heftigkeit, als ob die einst zugrunde liegenden Ereignisse gerade erst passiert wären – aber sie spüren sie heute, als ob sie dem aktuell auslösenden Ereignis zugeordnet wären – in der Non-Monogamie also beispielsweise beim Hinzukommen weiterer potentieller Lieben.

Daß die Betroffenen an diesem Phänomen „arbeiten“ – wie es in den gutgemeinten Ratschlägen gerne heißt – dem stellen sich vor allem zwei Problematiken entgegen:
Zum einen ist da die vergangene Zeit, die es eben meist nicht mehr möglich macht, die unausgelebten Erfahrungen mit den damals wirklich betroffenen, eben ursächlichen, Personen noch einmal zufriedenstellend und heilsam zu klären. Trotzdem könnte man doch vielleicht für sich selbst heute (wenn die damals „Ursächlichen“ nicht [mehr] zur Verfügung stehen) die Thematiken noch einmal bewußt vornehmen und reflektieren; nun, da wir erwachsen sind und einen übergeordneteren Blick auf die Ereignisse haben – auch dieser Hinweis ist in zahlreichen Ratgebern enthalten.
Aber zum anderen ist da unser Gehirn selber, was mit seinen Arbeitsstrategien ein ganz eigenes Hindernis auftürmt. Der Wissenschaftsautor Stefan Klein beschreibt in seinem Buch „Die Glücksformel “³, wie das Gehirn Nervenbahnen (= Datenbahnen!), die häufig benutzt werden, stärkt – und solche, die wenig „befeuert“ werden, reduziert. Beim Denken in Ressentiments und Komplexepisoden wirkt sich dies verhängnisvoll aus. Klein schreibt dazu: „Wenn wir einmal begonnen haben, die Welt durch eine dunkel Brille zu sehen, ist das Gehirn versucht, diese negative Stimmung aufrechtzuerhalten: Es wählt Reize aus, die zur Gefühlslage passen. Düstere Gedanken, negative Erfahrungen und bittere Erinnerungen erhalten vorrangig Zugang zum Bewußtsein. So sieht man überall Elend, und der ganze Organismus reagiert entsprechend darauf. Man kann es sich so vorstellen, dass die Großhirnnrinde einen abstrakten negativen Gedanken denkt und es schafft, das übrige Gehirn davon zu überzeugen, dass dieser ebenso wirklich sei wie ein physischer Stressor (also ein echter Angriff o.ä.). Im Zustand der Niedergeschlagenheit richtet sich diese Überlebensfunktion gegen uns selbst. […] Bis ins feinste Detail malen wir uns aus, was alles geschehen könnte, befassen uns mit Sorgen und irgendwelchen Möglichkeiten, die doch wahrscheinlich nie eintreten. Aber schon die Gedanken daran ziehen unsere Stimmung nach unten; also ein Preis, den der Mensch auch für seine Phantasie und Intelligenz bezahlt.“
Womit Stefan Klein quasi auch den großen Archetypen aller Eifersüchtigen, den schwermütigen Othello aus dem gleichnamigen Drama passend klassifiziert hätte.

Was also tun?
So eine ‚Einbahnstraße im Kopf‘, die schon in der Kindheit angelegt worden ist, und die sich durch verstärkende ‚Wiedererlebens-Ereignisse‘ im Laufe der Zeit zu einer vierspurigen Autobahn ausgebaut hat, die bekommt man nie wieder vollständig rückgebaut…“, sagte diesbezüglich eine befreundete Psychologin mal zu mir. „Aber“, sagte sie „man kann mit dem gleichen Mechanismus, den das Gehirn benutzt hat, um diesen Denkpfad auszubauen, heute einen anderen Pfad stärken, um diesem Denken etwas gleich- bzw. höherwertiges entgegenzusetzen.“ Also quasi eine ganz eigene neue Autobahn anlegen, auf die dann ein höchst vertrauensvoller und mutiger Gedankensprung notwendig wäre, um die Wege des Denkens zurück in schmerzfreie(re) Gefilde zu leiten (siehe unten).

Das aber erfordert couragiertes Engagement, und ich möchte hier zum Ende des Artikels kurz vier Grundvoraussetzungen dafür skizzieren, die nach meiner oligoamoren Erfahrung dazu unabdingbar sind:

  1. Die eifersüchtige Person muß die Gelegenheit bekommen, die Gesamtheit ihrer Gefühle erst einmal wieder frei von Scham fühlen und ausdrücken zu dürfen. Dazu muß sie die Freiheit von allen anderen im Beziehungsnetzwerk gewährt bekommen – und natürlich muß sie sich dazu erst einmal selber ermächtigen (was, da diese „Art zu denken“ ja ungewohnt ist, richtig schwer sein kann). Systeme wie Brad Blantons „Radikale Ehrlichkeit“ aber auch die „Radikale Erlaubnis“ nach Mike Hellwig können dazu nützliche Herangehensweisen sein.
  2. Alle Beteiligten müssen im Gesamtbeziehungsnetzwerk aktiv für ein gemeinsames Wohlwollen zusammenwirken. Einstellungen wie „Komm‘ mal wieder klar…“ oder „Geht’s jetzt wieder…?“ sind vollkommen kontraproduktiv. Die Entscheidung aller Beteiligten für Verbindlichkeit und der Wunsch hinsichtlich des wirklichen gemeinschaftlichen „ZusammenSein-Wollens“ (u.a. Eintrag 33) sollte für alle so glasklar aussprechbar wie wahrnehmbar sein.
    Denn: In der Oligoamory sorgen selbstverständlich alle Beteiligten im Sinne der Gesamtheit, die „mehr als die Summe ihrer Teile“ ist, für Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt in der Gesamtbeziehung.
    [Ein transparent bekundetes „2.“ wird übrigens auch verhindern, daß die eifersüchtige Person als „Boykotteur*in“ angesehen werden könnte, welche die Eifersucht „benutzt“ um die Gesamtbeziehung doch letztendlich zu verhindern.
    Insbesondere das Vorhalten von Eifersucht als „Schuld“ („Wegen Dir kann ich X jetzt nicht mehr so oft sehen…“) muß so weit wie nur möglich verhindert werden. Denn schuldig fühlt sich ein eifersüchtiger Mensch tief drinnen meist ohnehin schon – und Schuldgefühle werden nur tiefer in ein bestehendes Trauma führen.]
  3. Auf keinen Fall die unvorhersehbare Taktik „Weiter wie bisher“ wählen! Die eifersüchtige Person hat sonst keine Chance, ihre „neue Straße“ zu stärken. Wenn immer wieder die gleichen auslösenden Trigger gesetzt werden (z.B. Intimität / Zeit verbringen mit neuen Liebsten), dann werden immer nur wieder neue Kaskaden an Ressentiments und Komplexereignissen ausgelöst – und die düstere alte Autobahn gewinnt.
    Dies ist für viele Mehrfachbeziehungen der in der Praxis schwierigste Teil: Denn es heißt „Fuß vom Gas!“, langsamer machen. Und es heißt für die sich neu entfaltende Verbindung, frisch entdeckte Dinge (z.B. Intimität) erst einmal wieder zu lassen, bis die neue Straße breit genug ist.
    Wenn die eifersüchtige Person die uneingeschränkte aufrichtige Sicherheit erfährt, daß ihr alle Werkzeuge zur Rückgewinnung ihrer Kompetenz zugetraut werden, ist dies auf der Empathieebene weitaus hilfreicher.
  4. „Wege von der Autobahn“ führen über die Individualität der betroffenen Personen. Oft müssen die Menschen lernen, sich selbst (wieder) zu glauben, sich selbst zu vertrauen. Indem ihnen das gelingt, können sie dann auch den Blickwinkel auf das Außen der Gegenwart mit seinen aktuellen Auslösern nachhaltig verändern (auch wenn das am Anfang vielleicht erst nur immer für kurze Zeit glückt). So besteht aber die Chance, daß dabei eine neue Idee, eine andere Sichtweise entstehen kann. Und diese Idee kann helfen, eine (sonst auslösende) Situation anders als bisher zu bewerten.
    Warnung: Dies ist NICHT mit positivem Denken zu verwechseln. Positives Denken, auf Eifersucht angewendet, wirkt wie eine oberflächliche Selbstprogrammierung, die nicht tauglich ist, den ursächlichen Problemkern gespeicherter alter Komplexe in einem Individuum zu erreichen. Das Gehirn wird „positives Denken“ in dem Fall als „Ablenkungsmanöver“ von der eigentlichen Ursache registrieren und sein Mißtrauen zum Selbstschutz daraufhin eher noch erhöhen!


¹ Die derzeit verständlichsten Erklärungen zu den neusten Erkenntnissen der Neurowissenschaften bezüglich der Kapazitäten unseres Gehirns liefert derzeit Prof. Gerald Hüther in seinen verschiedenen Publikationen und Videobeiträgen.

² Verena Kast: Wi(e)der Angst und Haß: Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung, Patmos Verlag, 2017
Ebenfalls lesenswert:
Verena Kast: Neid und Eifersucht: Die Herausforderung durch unangenehme Gefühle, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1998

³ Stefan Klein: „Die Glücksformel – oder: Wie die guten Gefühle entstehen“, Fischer Verlag, 2014

Danke an meine Nesting-Partnerin Kerstin, ohne die Eifersucht für mich eine nebulöse und irritierende Unbekannte geblieben wäre, und Danke an Thomas Wolter auf Pixabay für das Foto.

Eine Antwort auf „Eintrag 36 #Eifersucht“

  1. Da möchte ich mich wieder mit einem „Ja, aber…“ einbringen. Ich stimme dir in der Unterscheidung zwischen Auslöser(in der Gegenwart)und Ursache der Eifersucht (in einer schmerzhaften Erfahrung der Vergangenheit)zu. Allerdings würde ich das Gewicht nicht überwiegend auf die Ursache legen. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass für Menschen, die gerade Eifersucht empfinden, meistens in der Gegenwart ein Ungleichgewicht (an Bedürfniserfüllung) der Fall ist. Oft ist es sogar parallel: Worüber dieser Mensch bei Anderen eifersüchtig ist, das fehlt ihm_ihr. Wer zum Beispiel in einem Polykül beim Anblick der neuen Verliebtheit des_der Partner_in *auf ebenjene Verliebheitsgefühle* eifersüchtig ist, wünscht sich eine solche Verliebtheit für die eigene Beziehung. Hier sind dann aber die schmerzhaften Fragen nötig: Sind wir verliebt? Wann haben wir denn das letzte Mal als verliebtes Pärchen etwas unternommen? Gibt es überhaupt genug Zeit und Energie, um zweimal verliebt zu sein – in die Ursprungs- und die neue Beziehung? Haben emotional verletzende Handlungen im Zuge der neuen Beziehung das Vertrauen (eine Grundlage für Verliebtheit) beschädigt? Was muss regelmäßig passieren, damit unsere Verliebtheit wieder erwacht bzw. aufrecht bleibt? Wenn es dazu eine Ursache in der Vergangenheit desjenigen Menschens gibt, bestimmt diese nicht ob dieser Mensch die Situation belastend erlebt, sondern welche (destruktiven) Strategien vorhanden sind. Wer den_die eigene Partner_in oft (unbewusst) unfair oder ignorant behandelt, und damit die eigene Verantwortung zur Aufrechterhaltung einer Verliebtheit abgibt, löst natürlich aus, dass sich der_die Partner_in besonders leicht in jemand Anderen verliebt, bzw. durch minimalen Mehraufwand eine liebevollere Beziehung aufbauen kann. Solche Verhaltensweisen können dann durch Analyse der Ursachen aufgedeckt werden, und gemeinsam mit den „gespiegelten“ Auslösern (auf die eigene Beziehung) zu einer konstruktiven Strategie der Bedürfniserfüllung, in der Gegenwart, beitragen.

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