Eintrag 59 #Neid

Gelb, gelb, gelb ist alles was ich hab’…¹

Neulich schrieb ich an eine Bekannte, daß, wenn es polyamore Mehrfachbeziehungen beträfe, in fast allen Fällen, in denen Betroffene über das Aufflammen von „Eifersucht“ klagen würden, ich aus meiner Sicht stattdessen nahezu immer guten alten, handfesten Neid erkennen könne. Und wenn ich mir dann Sherlock-Holmes-mäßig die Rahmenumstände der einhergehenden Szenarien vorknöpfte, dann fände ich mittlerweile nahezu regelmäßig sogar recht plausible Gründe für diesen guten alten, handfesten Neid bei den Betroffenen – bzw. im Privilegienverhalten ihrer „getroffenen“ Partner*innen. Und Neid wäre wegen dieser Privilegien daher auch oftmals angebracht – und würde nach meinem Empfinden häufig auf eine Diskrepanz im (Ermächtigungs)Verhältnis der Beteiligten oder einen blinden Fleck im Emotionalvertrag hinweisen.
Warum, glaube ich, ist das so?

Die „Biologie des Neides“ führt uns in die Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Forscher Giacomo Rizzolatti, Vittorio Gallese und Leonardo Fogassi im Hirn von Makakenäffchen die später sogenannten „Spiegelneuronen“ entdeckten: Als im Nebenkäfig ein anderes Äffchen eine Rosine erhielt, „feuerten“ bestimmte Neuronen im Hirn des diesen Vorgang beobachtenden Nachbaräffchens, als hätte es selbst diese Rosine erhalten.
In den nachfolgenden Jahrzehnten zeigten weitergehende Forschungen allerdings, daß diese „Spiegelneuronen“, die eng mit unserem hirneigenen „Belohnungszentrum“ verknüpft sind, so ihre Tücken hatten: Äffchen, die zunächst wochenlang mit Wohlbehagen Gurkenstückchen gefuttert hatten, verweigerten diese konsequent, sobald sie einmal mit einer (süßeren) Weintraube gefüttert wurden. Ebenso handelten demgemäß dann auch ihre zuschauenden Käfignachbarn, obwohl diese niemals eine Weintraube erhalten hatten. Sind wir also, wenn wir neidisch sind, so etwas wie „fremdbestimmte Äffchen“?
Der indische Neurologe Vilayanur Ramachandran verkündete hingegen im Jahr 2000, daß „dank dieser Zellen das Gehirn mühelos eine beobachtete Szene in etwas selbst Erlebtes übersetzen könne“ und prognostizierte, daß hier ebenso die Wurzeln für Mitgefühl zu finden seien sowie die neuronale Basis der Fähigkeit, andere zu verstehen.
Doch noch einmal 10 Jahre später stellten Wissenschaftler wie Kai Vogeley in Köln oder Claus Lamm in Wien fest, daß Spiegelneuronen lediglich erst einmal nur eine beobachtete Handlung als solche registrieren und Aktionen anderer nachvollziehbar machen würden. Gelte es jedoch, sich in eine handelnde Person hineinzuversetzen oder deren Emotionen mitzuempfinden, müsste unser Gehirn anderen Systemen, die zu weiten Teilen von persönlichen Erfahrungen abhingen, das Feld überlassen.
Der Hirnforscher Richard Kinseher präzisierte: Unser Gehirn sei dazu da, daß es uns unmittelbare und schnellste Reaktionen auf eine aktuelle Situation ermöglichen würde, um unser Überleben zu sichern; Schnelligkeit ginge dabei vor Genauigkeit. Würden wir eine Aktivität wahrnehmen, dann aktiviere unser Gehirn sofort die am besten zu diesem beobachteten Ereignis passenden Erfahrungen aus dem Gedächtnis. Dieser Vorgang wäre ein „Wieder-Erleben“ (= „Ressentiment“) einer gespeicherten Erfahrung. Indem wir eine Situation wieder-erlebten, könnten wir sie schnellstmöglich verstehen – wobei aber gleichzeitig mit der re-aktivierten Erfahrung auch stets dasjenige Wissen aktiviert würde, das wir beim Erlernen des ursprünglichen Erlebnisses erfahren hätten. Dieses Re-aktivieren von Erfahrungen als „Wieder-Erleben“ wäre so zwar eindeutig ein „Vor-Urteil“ – aber als solches sei es der Anfang einer neuen Entscheidungskette, in deren Verlauf nachjustieren und korrigieren möglich wäre, wenn genug Zeit dafür bleiben würde.

Letztere Darstellung – nämlich genau die mit dem „Ressentiment“, welches ich auch schon in meinem Eifersuchtseintrag 36 beschreibe – stellt in diesem Sinne „Neid“ viel eher in den Kontext unserer Psychologie als unserer Biologie.
Und dafür ist die Wahrscheinlichkeit auch weitaus höher, denn schon 430 v. Chr schrieb der griechische Philosoph Hippias von Elis: »Die neidischen Menschen sind doppelt schlimm dran: Sie ärgern sich nicht nur über das eigene Unglück, sondern auch über das Glück der anderen.« Womit Hippias bereits vor über 2000 Jahren verdeutlichte, daß Neid den bewußten „Abwärtsvergleich“ benötigt. Wie nötig, das hat für mich dann nur noch ein mittelalterlicher Sinnspruch besser ausgedrückt: »Neid ist gegen sich selbst ein harter Richter, gegen andere ein Tyrann.« – womit deutlich wird, daß ein neidischer Mensch nicht nur mit „Benachteiligungsverdacht“ seine Umgebung peinigt, sondern in vorderster Linie sich selbst so betrachtet.

Den soeben erwähnten „Abwärtsvergleich“ hat die emeritierte Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Verena Kast sehr gut folgendermaßen charakterisiert:
»Wenn wir den Stich des Neides in uns fühlen, oder wenn wir ganz und gar von Gefühlen des Neides überschwemmt werden, dann fühlen wir uns nicht gut, wir fühlen uns dann in jedem Fall in der „schlechteren Position“, haben die Überzeugung, im Vergleich zu anderen in ganz ungerechtfertigter Weise schlechter wegzukommen, ohne eine Möglichkeit zu haben, dies in irgendeiner Weise zu ändern.« und sie ergänzt »In Situationen, die unseren Neid ansprechen, sind wir nicht objektiv: Wir neigen dazu die Leistungen, das Wesen, die Besitztümer der anderen mit einem Vergrößerungsglas zu sehen, unsere eigenen mit einem Vekleinerungsglas.«²

Was geschieht denn nun aber eventuell ganz genau in uns, wenn wir in einer „geöffneten“ Beziehung – oder auch in einer bereits etablierten Mehrfachbeziehung – unsere Partner z.B. mit einem neuen Menschen erleben; insbesondere wenn diese dann miteinander Zeit verbringen, vielleicht sogar Kurzurlaube unternehmen, Sexualität teilen?
In einem meiner Kommentare zu Eintrag 36 vergleiche ich Eifersucht mit Curry, indem ich diese als „Mehrkomponentenemotion“ bezeichne. Ganz Ähnliches schreibt Verena Kast über den Neid:
»In der Emotion, die wir „Neid“ nennen, sind verschiedene andere Emotionen wirksam, zum Beispiel Trauer, Wut und Hass. Neid ist also ein zusammengesetztes Gefühl; das heißt, dass einzelne der beteiligten emotionalen Komponenten mehr im Vordergrund stehen können. […] Mit Neid als einem benennbaren Gefühl können wir in der Regel noch umgehen. Neid kann uns aber auch als ein sehr heftig aufwallendes Gefühl, als Affekt, überfallen, so dass nichts mehr in unserem Leben zählt – zumindest für eine gewisse Zeit – , außer dem Beneideten, dem Neid und den Überlegungen, wie man sich von diesem schrecklichen Affekt befreien könnte, was sich dann meistens in Rachefantasien niederschlägt.«
Hierbei kommt das zum Tragen, was Richard Kinseher oben „Wieder-Erleben“ und „Re-Aktivierung“ nannte und was ich in Eintag 36 als die „Autobahn im Kopf“ bezeichnete: Eine im Laufe des Lebens, durch vielerlei ähnlich gelagerte und verknüpfte Erlebnisse hervorgerufene, ansteigende Manifestation von situativ persönlicher Zurücksetzung, von erlittenem Ausgeschlossensein und hingenommener Nichtbeachtung. Ja, es ist richtig, daß solche Episoden selbstverständlich subjektiv irgendwann einmal in der Persönlichkeit der „neidenden“ Person entstanden sind. Verena Kast konkretisiert dahingehen:
»Die „Missgunst“ wie der Neid auch genannt wird, ist eine Mischung aus Angst, Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht, von Ärger, Feindseligkeit und Gefühlen der Minderwertigkeit, verbunden mit Gefühlen von – meist unterdrückter – Trauer. […] Es ist die Reaktion darauf, dass wir [in unserem Inneren immer noch!] nicht jederzeit das beste Kind der liebsten Mutter sind.«
Verena Kast erläutert die Konsequenzen: »Wir fühlen uns verletzt in unserem Selbstwertgefühl. Zugegeben oder nicht, wir geraten aus unserer Selbstwertbalance, wir müssen unseren Selbstwert neu regulieren. […] Denn Neidgefühle sind – zwar meistens maskiert – ungeheuer aggressive Gefühle; sie sind Angriffe auf unser eigenes Selbstwertgefühl und auf das Selbstwertgefühl anderer Menschen. Wird unser Selbstwertgefühl aber ständig angegriffen, dann sind wir viel weniger kreativ, als wir es sein könnten, sind viel weniger kompetent im Umgang mit dem alltäglichen Leben; wir sind viel weniger zufrieden, als wir es sein könnten, und wir reagieren leichter mit Feindseligkeit.«
Während Richard Kinseher oben also noch beschrieben hatte, daß wir in einer Entscheidungskette doch noch nachjustieren und korrigieren könnten, wenn genug Zeit dafür bleiben würde – dann ist hier sehr leicht zu sehen, daß wir dies in einem „Ressentiment-Moment“ des Neides allerhöchstwahrscheinlich kaum noch fertigbringen werden. Womit auf der Hand liegt, daß – genau wie bei der Eifersucht – ein „fortgesetzter Angriff auf das Selbstwertgefühl“ – z.B. dadurch, das die Umgebung keinerlei Rücksicht auf die eifersüchtige Person nimmt und auf einen „Abhärtungseffekt durch Gewöhnung“ setzt (indem etwa Art, Frequenz und Dauer der Treffen mit neuen/anderen Partnern beibehalten werden), eher den gegenteiligen Effekt einer alsbaldigen Eskalation herbeiführen werden.

Warum habe ich aber in meiner Anmoderation insbesondere von einer Diskrepanz im (Ermächtigungs)Verhältnis der Beteiligten oder einem blinden Fleck ihres Emotionalvertrages* gesprochen?
Eine Schlüsselstellung nimmt hier das oben erwähnte „innere beste Kind der liebsten (inneren) Mutter“ ein. Denn genau genommen legt diese Formulierung ihren Finger in eine Wunde unserer eigenen Selbstfürsorge. Für die wir heute ja doch alle in erster Linie selbst zuständig sind, da unsere biologischen Eltern gewöhnlich nicht mehr auf den Plan treten werden, um vergangene Defizite hinsichtlich einstiger Zurücksetzung, Ausgeschlossensein und Nichtbeachtung für unser „inneres Kind“ nachträglich wiedergutzumachen. Haben wir jetzt also unsere Partner*innen in der in Eintrag 58 beschriebenen „Bedürfniserfüllmanier“ nun als Pflaster in solche Defizitlücken gestopft, dann müssen wir nun erneut auf bitterste Weise realisieren, daß ein anderer Mensch für solch einen „um-zu-Zweck“ niemals nachhaltig tauglich sein kann.

Was aber, wenn wir das „Pflaster“ oder die „Bedürfniserfüllung“ der anderen sind – bzw. unsere bislang eingegangenen Partnerschaften allseitig über weite Strecken auf dieser Prämisse aufbauen?
In diesem Fall wird das Phänomen „Neid“ seinem Status als vollwertige Emotion zu 100% gerecht – indem sämtliche Emotionen grundsätzlich für uns als überlebenswichtige Warn- und Signalmechanismen gedacht sind – und die uns deswegen ja gerade in den Zustand von Selbstbewahrung und Selbstwirksamkeit versetzen sollen. Verena Kast verdeutlicht diesen Mechanismus folgendermaßen und appelliert an unsere Eigenkompetenz:
»Das Gefühl des Neids signalisiert uns, anders ausgedrückt, dass wir nicht mehr einverstanden sind mit uns selbst. Entweder müssen wir nun mehr aus unserem Leben machen, oder wir müssen die Vorstellung von uns selbst verändern, diese der Realität anpassen oder aber die Realität verändern.«

Wie ich das verstehe? Oberflächlich betrachtet könnte Neid vielleicht so erscheinen, als ob die neidische Person bei Leitungswasser und Knäckebrot dem Rest der Welt vorwerfen würde, in ihrer Abwesenheit in Gummibärchen zu schwelgen. Auf einen partnerschaftlichen Emotionalvertrag angewendet, könnte man nun vielleicht der neidischen Person die bereits erwähnte „Missgunst“ vorwerfen, in dem Sinne, daß – wenn es nach der eifersüchtigen Person gehen sollte – sich niemand jemals etwas „gönnen“ dürfte: Der Mangel müsste wahrnehmbar auf alle gleichmäßig verteilt sein, denn erst dann, und nur dann, wäre es ok.
Tatsächlich bin ich, Oligotropos, einige Jahre so einem Trugschluß aufgesessen (nicht als Eifersüchtiger, jedoch als davon vermeintlich „Eingeschränkter“).
Eigentlich ist aber diese trübe Denkweise eine 180°-Verkehrung des Prinzips, zu welchem ich mit der Oligoamory mittlerweile einladen möchte: Genau die Fülle, das „Mehr als die Summe“, muß wahrnehmbar für alle Beteiligte gleichmäßig verteilt sein!

Konkret kann dies dementsprechend also nicht bedeuten, eine Person wöchentlich mehr als 40 Stunden zur Erwerbsarbeit zu schicken, während eine andere die so gewonnene „Tagesfreizeit“ als Gelegenheit für abwechslungsreiche Dates nutzt. Noch mehr gilt das für Urlaube jeder Art, die Teile einer sogenannten Mehrfachbeziehung 1:1 miteinander ohne die übrigen verbringen wollen, da ganz abgesehen von der Ressource „Zeit“ hier fast in jedem Fall auch die Ressource „Geld“ betroffen ist – bei der dringlichst geschaut werden muß, inwieweit sie gemäß bestehender Verbindlichkeiten aus konkludenten Emotionalverträgen von wem und in welcher Art beigesteuert wurden. Und dazu zählt erst recht die Achtung vor bestehenden Partner*innen, bei der es Bände spricht, wenn irgendjemand rund um ein potentielles Treffen pauschal „Warum denn nicht? Such‘ Dir doch auch jemanden…!“ in den Raum stellt (einen höheren Grad an Austauschbarkeit und/oder Beliebigkeit hätte der gute alte Neid ja gar nicht entlarven können…).

Eine wahrhaftige Mehrfach-Beziehung, die diesen Namen verdient, benötigt für alle Beteiligte die von mir genau in dem Eintrag über Emotionalverträge aus der „Gewaltfreien Kommunikation“ zitierte Teilhabe an der „Celebration of Life“ – der „Feier des Lebens“ – und damit an der gemeinsam erzeugten Fülle anstelle einer „Verwaltung des Mangels“.
Nur dadurch kann es gelingen, aus dem Abwärtsvergleich der destruktiven Natur des Neids zu dessen konstruktiver Seite und seinem Aufwärtsvergleich zu gelangen: Was können wir, was kann ich verändern? Wo bin ich (schon) selbstwirksam? Was liegt innerhalb meiner Kraft?
Liebesbeziehungen (und die ihnen anhängenden Emotionalverträge) sollten uns Spielraum für sowohl Mitgestaltung als auch Selbstverwirklichung erlauben.
Darum sind Beziehungen immer dann problematisch, wenn wir sie als Orte wahrnehmen, an die wir schicksalhaft „gebunden“ sind, weil es „immer Schlimmeres auf der Welt gibt – und wodurch wir glauben, daß wir zumindest nichts „Besseres“ verdient haben. Womit wir genau die Muster unserer Vergangenheit mit all ihrer Hintanstellung doch bloß wiederholen werden (Wollen wir heute wirklich noch eine [Mehrfach]Beziehung mit früherer Ohn-Machts-Dynamik leben?).
Zur aktiven Teilhabe am „gemeinsamen Kuchen“ gehört es darum durchaus, auch laut die eigene Trommel zu schlagen und auf eigene Kompetenzen so wie auf die Wahrnehmung eventuell verschobener Ressourcenverteilung hinzuweisen. Neid darf in dieser Weise ein Antreiber für uns sein, gerade auch in einer Beziehung, uns zu „profilieren“.
Und damit wird Neid zu einem sehr wertvollen (Warn)Signal in Mehrfachbeziehungskontexten und hat als „großer Bruder“ auch viel häufiger Anlaß und Ursache, in Erscheinung zu treten, als seine Schwester, die in meinen Augen deutlich vertrautheitsbezogenere Eifersucht.
Das Schlußwort überlasse ich Frau Kast, die für mich noch einmal gut zusammenfaßt, wie wichtig darum Sehen und Gesehen-Werden mit wahrnehmbarer, allseitige Wertschätzung in Liebesbeziehungen ist:
»Es ist für unser Selbstwertgefühl und ein belastbares Identitätsgefühl wichtig, dass wir die Freude über Gelungenes ausdrücken können, ebenso, dass andere Menschen wahrnehmen, was wir schaffen, was wir tun. […] Erlauben wir uns diese Freude nicht, schmälern wir unser Selbstwertgefühl, damit aber auch unsere Kompetenz, Leben zu gestalten.«
(Gummibärchenessen macht also tatsächlich mehr Genuss, wenn man a) gemeinschaftlich den Ertrag auskostet und b) auch wirklich Gummibärchen bekommt, statt sich am Essvergnügen der anderen „mitfreuen“ zu dürfen.)



¹ Zeile aus dem seit ca. 1842 verbreiteten, deutschsprachigen Volkslied Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

² Verena Kast: „Über sich hinauswachsen – Neid und Eifersucht als Chancen für die persönliche Entwicklung“; Patmos Verlag; 2. Edition (Februar 2015)

* „Emotionalvertrag“ – ich erinnere: „Konkludente Anerkennung und Übereinkunft infolge einer gemeinsam begründeten emotionalen Nahbeziehung hinsichtlich der Gesamtheit der darin allseitig beigetragenen und potentiell zu genießenden freiwillig erbrachten Leistungen, Selbstverpflichtungen und Fürsorge.“

Und Dank an Muse Svenja, die wieder einmal durch ihre Überlegungen den Stein ins Rollen brachte.

4 Antworten auf „Eintrag 59 #Neid“

  1. Ich betone bei der Gestaltung von Mehrfachbeziehungen immer wieder, wie sehr Sekundärmotivationen im Beginn sowie Hierarchie in ihrer Umsetzung nicht funktionieren. Eine wirkungsvolle Strategie ist, *von Anfang an* alle Ressourcen (Zeit, Energie, emotionale Arbeit) möglichst fair zu verteilen. Ich sage lieber „fair“ als „gleich“, da es nicht um ein exakt gleich großes Stück Kuchen geht, sondern dass sich alle mit ihrem jeweiligen Stück vom Kuchen satt fühlen. Wie ich aus der Praxis mit meiner Lebensgefährtin und meinem Lebensgefährten bestätigen kann, verschwinden dann 90% aller klassischen Eifersuchtsauslöser und – dramen.

    Die meisten Menschen „stolpern“ allerdings in eine Mehrfachbeziehung, ändern erst mal gar nix am bisherigen Leben, und finden sich plötzlich in einer Kette aus emotionalen Ausbrüchen wieder – wo sie es doch „einfach“ mit einer neuen Verliebtheit schön haben wollten…

    Für eine solche Stelle scheint dein Werkzeug, Neid in der Eifersucht als Hinweis, um Sekundärmotivationen in der / einer Beziehung aufzudecken, sehr nützlich zu sein!

    Die Muse Svenja scheint dich zu inspirieren. Ich bin schon gespannt auf weitere Artikel 😉

    1. Woah, dazu müßte ich eine sehr lange Antwort schreiben… Aaaalso, mein idealistischer Wunsch, den ich ja schon auf meiner Startseite ausdrücke, wäre natürlich, möglichst in einer Beziehung immer von Verteilungsgerechtigkeit hin zu Bedürfnisgerechtigkeit zu gelangen. Aber das ist nach meinem Erleben nahezu nur dann in Reinform möglich, wenn die beteiligten Personen gemeinsam von 0 aus starten und von dort aus aufbauen. Falls eine der Beziehungen bereits etabliert ist – und weitere Personen kommen hinzu – dann gibt es Symmetrien, die vermutlich nicht mehr (bedürfnisgerecht) herzustellen sind: Mit einer weiteren Partnerin würde ich z.B. jetzt, wo ich schon ein Haus abbezahle, nicht noch einmal die Verbindlichkeit eingehen, ein weiteres zu bauen, selbst wenn das ihr Bedürfnis wäre. Oder jeder Partnerin einen Kinderwunsch erfüllen, jetzt wo ich auf die 50 zugehe (und bereits zwei Teenager habe) usw.
      Begriffen habe ich das zum ersten Mal, als ein anderer Poly zu mir wohlwollend (!) über meine Live-in-Partnerin sagte: „Naja, du nennst sie halt nicht Deine ‚Primary‘, was ja in Ordnung ist – aber de facto ist sie das schon, das weißt Du wohl?“.
      Da ist mir aufgefallen, daß ich mit dieser Partnerin in der Tat so viele Verbindlichkeiten teile, daß es auf jeden Fall sehr lange dauern würde, bis ich mit einer weiteren Partnerin eine ähnlich hohe Menge an Verflechtungen aufgebaut hätte.
      Und ja, bei meinem eigenen, ersten Versuch in Polyamorie hatte ich das kein bisschen auf dem Schirm – und die resultierenden Spannungen waren sehr hoch (Stichwort „hineinstolpern“).
      🙂 – und „Muse Svenja“ steckt in ähnlichen Stolperern und läßt mich als Fernbeobachter an ihren Fährnissen teilhaben (was für mich ein geniales Privileg ist: Bei anderen sieht man die eigenen Herausforderungen ja putzigerweise oftmals besser… 🙂).

  2. Ich kenne den Gedankengang, dass bestehende Beziehungen eine De-facto-Hierarchie ausbilden würden, aus der amerikanischen Poly-Szene. Das meinte wohl auch der von dir zitierte Poly. Aus meiner Erfahrung finde ich diese Sichtweise problematisch. Ich erkläre das gern mit einem Baum: Meine Partnerin und mein Partner waren lange vor mir ein Paar. Deren Beziehungsbaum ist groß und stark. Dann kam ich dazu. Meine Beziehungsbäume mit beiden waren am Anfang nicht so groß. Allerdings geben sie meinen Bäumen jede Möglichkeit, um nach derselben Zeit ebenso groß zu werden. Und während der Unterschied zwischen einem jungen und einem alten Baum noch für viele erkennbar ist, wächst der junge Baum anfangs schneller, bis nur mehr ein Baumexperte zwischen dem nicht mehr jungen und alten Baum unterscheiden kann.
    Auf deine Situation angewandt: Dass du Entscheidungen mit einer neuen Partnerin anders treffen würdest, als wenn du vor ihr Single gewesen wärst, macht deine bestehende Partnerin nicht zur „Primary“. Das ist ja der Punkt an *jeder* (ernstgemeinten) Beziehung – egal ob monogam oder polyamor: Dass wir Entscheidungen anders treffen, als wenn wir Single wären. Wir sollten nur dann von Hierarchie (mit ihrer problematischen Konsequenz für Mehrfachbeziehungen) sprechen, wenn es *extra* Einschränkungen gibt, zum Zweck, eine weitere Beziehung „kleiner“ zu halten. Gibt es die nicht, haben wir keine Hierarchie, sondern durch die Beziehung(en) veränderte Bedürfnisse. Also persönliche Weiterentwicklung 😉

    1. Tausend Dank für Deine durchdachte (und lebenswarme) Stellungnahme zu diesem wichtigen Thema. Ich selbst habe derzeit aus meiner Sicht diesbezüglich (noch) nicht genug „Hands-on“-Erfahrung, obwohl es mich schon lange juckt, einen Eintrag in Deinem Sinne zu der Dynamik anzufertigen.
      Persönlich hat mich Deine obige Antwort sehr bereichert (und mir Last von den Schultern genommen).

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