Eintrag 56

Wo (nur) die schönen Gefühle wohnen

Es lebte einst ein König, der sich in den Kopf gesetzt hatte, als Gemahlin nur die Schönste aller Frauen zu erwählen. Allein um diese „Schönste“ zu finden, scheute er keine Kosten und keine Mühen – und schon der Auswahlprozess hinsichtlich der geeigneten Kandidatin war das Aufwendigste und Anspruchvollste was die Welt bis dahin erlebt hatte.
Schließlich aber gelang es tatsächlich „die Schönste“ ausfindig zu machen, welche den Erwartungen des Königs entsprach: Nichts weniger als die vollkommenste Frau auf Erden.
Die Hochzeit wurde selbstverständlich ebenfalls mit entsprechendem Prunk gefeiert – jedoch war der König in seinem Streben nach Perfektion noch nicht gänzlich zufriedengestellt. Immerhin war sicherzustellen, daß die Frau an seiner Seite auch die Schönste der Schönen blieb; ja, es schien dem König daher unbedingt nötig, das Ebenmaß seiner Gattin noch weiter zu erhöhen.
Zu diesem Zweck ließ er die besten Ärzte einbestellen, die mit zahllosen Kunstgriffen und sogar gewagten Operationen die Ästhetik der Königin immer mehr bis zur höchsten Blüte steigerten. Am Ende war die Grazie der Königin so unbeschreiblich, daß keine Frau auf Erden ihr auch nur entfernt an Anmut glich.
Der König war es zufrieden und so lebte er mit diesem Wunder an seiner Seite eine Zeit lang glücklich und zufrieden. Doch nach einer Weile schien es ihm, daß da noch ein Schatten, irgendein kaum greifbarer Fehler, die vollendete Harmonie des Aussehens seiner Gemahlin dennoch zu beeinträchtigen schien. Daher rief er noch einmal seine vortrefflichsten Wissenschaftler und Ärzte zusammen, damit sie diesen allerletzten Mangel beseitigen sollten.
Die Gelehrten entschlossen sich zu einer letzten riskanten Operation, der sich die Königin – wie all die Male zuvor auch schon – zu unterziehen hatte. Der Eingriff dauerte Stunden –
und am Ende ruhte auf dem Operationstisch der einzigartigste, vollkommenste und fehlerloseste Leichnam, den die Welt jemals erblickt hatte.
Der seltsame Schatten, jener „allerletzte Makel“, war das Leben selbst gewesen…


Liebe Leser*innen, ich habe Euch dieses etwas schaurige Märchen aus alten Zeiten noch einmal hier erzählt, weil ich seit einiger Zeit ein Phänomen in der Lebenswelt ethischer Mehrfachbeziehungen (wie z.B. in der Polyamorie) beobachte, was mich auf besorgniserregende Weise regelmäßig an die obige Geschichte erinnert.
Denn in diese Lebenswelt scheinen in den letzten Jahren sehr stark Glaubenssätze aus der Selbsthilfe- und Selbstoptimierer-Szene eingewandert zu sein, die da z.B. heißen »„Gute“ Gefühle machen frei, friedlich und sorgen für (Selbst)Entfaltung – „Schlechte“ Gefühle sind toxisch, nehmen gefangen, verhindern Entwicklung.«
In Folge ergeht es daher sehr vielen Mensch, die sich durch den Mehrfachbeziehungs-Dschungel kämpfen, ganz ähnlich wie dem König im Märchen: Das offensichtlich „Schlechte“, das Un-Harmonische, dieser Makel jedenfalls, muß weg, damit es sich endlich „richtig“ anfühlt. Manchmal um jeden Preis.
Diesen Preis zahlen dann – entsprechend der Königin in der Geschichte – in erster Linie unsere Nähemenschen. Denn in der Begegnung mit diesen werden wir ja meist doch immer wieder mal mit „schlechten Gefühlen“ konfrontiert: Grundgefühlen wie Zorn, Trauer und Angst – aber auch komplexeren Empfindungen wie Neid, Eifersucht, Mißtrauen, Enttäuschung, Reue oder Trübsal.
Das fühlt sich für uns dann wiederum „schwer“ an, befangen und begrenzend. Also: „Das“ sind dann natürlich „Die“ : Unsere Nähemenschen mit ihren ungeklärten, klebrigen Emotionen und Gefühlen, die uns im Kontakt damit und mit ihnen runterziehen…
Wir selbst aber – gleich dem König – wünschen uns Ebenmaß und Harmonie für unsere entwickelten Beziehung ohne solche Beeinträchtigungen. Schließlich haben wir uns schon über die kleinlichen Begrenzungen und Ressentiments der Monogamie erhoben, da sollen solche engherzigen Einschränkung durch unsere potentiellen Partner*innen nicht durch die Hintertür ihren Weg in unsere neue, heile und bessere Welt der Mehrfachbeziehungen finden. Folglich bedarf es nur einer entschlossenen Operation – und solche „letzten Makel“ sind getilgt: Wir umgeben und nur noch mit Menschen, bei denen wir ausnahmslos die „schönen Gefühle“ erleben, wo alles leicht ist, alle jederzeit frei sind. Die schlechten Gefühle – und die Menschen, die diese in unser Leben tragen könnten – die lassen wir los und dann haben wir gleich noch viel mehr Platz für das Entwickelte und Gute…

Wer nun allerdings das Märchen eingangs mit mir gelesen hat, weiß, was das letztendliche Resultat einer solchen Handlungsweise ist: Am Ende werden wir mit lauter Leichen unser Leben teilen. Meisterhaften und vortrefflichen Leichen. Aber nichtsdestoweniger Leichen.

Zunächst einmal: Als Analogie lehrt uns derzeit der Klimawandel beim Thema Wetter z.B., daß willkürliche Einteilungen in Kategorien wie „gut/schön“ oder „schlecht“ nicht mehr unbedingt sinnstiftend sind. War 1957 für den Schlagersänger Freddy Quinn „immer nur Sonnenschein“ noch eine Verheißung, bedeutet dies heute selbst für einen Durchschnittslandwirt in Sachsen-Anhalt schon eine Existenzbedrohung.
Mit den Gefühlen ist es dahingehend ganz ähnlich. „Immer nur Sonnenschein“ hieße nämlich, den Weg des Märchenkönigs zu beschreiten und alle anderen Gefühle „wegzuoperieren“. Und da Gefühle sich nicht wirklich „wegmachen“ lassen, könnten wir jedoch zumindest gemäß zahlloser Selbsthilfe- und Ratgeberseiten diese „loslassen“.
Eventuell werden diese guten Ratgeber aber auch heute in unserem schnelllebigen Zeitalter mißverstanden, denn aus „Loslassen“ machen die allermeisten Ratsuchenden ein „nicht Zulassen“ – denn das ist etwas, zu dem wir Menschen sehr wohl und routiniert in der Lage sind. Aber ab dann müssen wir mit unserem ewigen „Sonnenschein“ zurechtkommen. Und entlang diesen Weges drohen Einseitigkeit, Dürre und schließlich die „schöne Leiche“.
Der bLogger Elias Fischer hat auf seiner Seite einen langen Artikel zu dem Thema verfaßt, der sehr ausführlich die Auswirkungen beschreibt, was geschieht, wenn wir versuchen, bestimmte Gefühle in uns „nicht mehr zuzulassen“ (zum vollständigen Artikel: Hier).
Die eindrücklichsten Folgen, die er darlegt, sind für mich das Nicht-mehr-Beschreiben-Können aller eigenen Gefühlen (da man einen Teil von diesen als „schlecht“ aussortiert hat und sich nicht mehr mit diesen ausreichend auseinandersetzt) – und damit einhergehend ein Verlust der vollen Breite und Tiefe des Fühlens insgesamt (Zitat: „Wenn wir uns weigern, die Wut, die Scham, die Angst oder die Trauer zu fühlen, dann ist da irgendwann auch keine echte lebendige Freude mehr. Keine Freude, die uns lebendig und ekstatisch erfüllt.“ ). Bzw. auch keine mehr, die sich wirklich lebendig und ekstatisch anfühlt, möchte ich ergänzen.

In meinem Eintrag 43 zum Thema Verbindlichkeit habe ich schon kurz skizziert, warum wir Jetztmenschen so schnell bereit sind, gleich dem Märchenkönig, zum Skalpell zu greifen und lieber zu trennen, als das zu erhalten, was eigentlich als Ganzes zusammengehört.
Denn andernfalls müßten wir bereits in der Lage sein, alle Gefühle auszuhalten.
Jaja, ich weiß schon: In erster Linie diese ungeklärten, klebrigen Gefühle der Anderen…
Gerade bei den vorgeblich „negativen“ Gefühlen wird indessen jedesmal sehr schnell deutlich, daß z.B. die Trauer, Wut oder Angst der Anderen (die wir nicht aushalten wollen) Trauer, Wut oder Angst um uns selbst sind – welche wir nicht aushalten können. Und das ist etwas, was wir auch meistens nicht gut gelernt haben, da ganze Generationen vor uns bereits auch schon bereitwillig zum Skalpell gegriffen haben, unsere Freiheit sezierten – und dadurch eine Trennungsrealität erschufen (siehe Eintrag 26).

Interessanterweise scheint allerdings gerade eine bestimmte Riege von Menschen in Mehrfachbeziehungsgefilden, die sich selbst als besonders „freiheitlich“ sehen – und die daraus ableitend für sich einfordern, daß bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen keinesfalls bewertet werden dürfen – sehr schnell ihrerseits bereit, Gefühle, insbesondere bei ihren Gegenübern, nach „gut (förderlich)“ oder „schlecht (hemmend)“ zu sortieren. Und damit aussortieren: „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg ¹ – ich bin so frei – so frei bin ich!“
Unsere Nähe- und Lieblingsmenschen sind aber keine klemmende Kaffeedose oder ein Rock, der mit einem Fleck zurück aus der Reinigung kommt. Für tiefgehende und verbindliche Beziehungen ist diese Einstellung nicht ohne Weiteres anwendbar.

Überhaupt – die Freiheit, in deren Namen Leichtigkeit und Ungezwungenheit immer wieder eingefordert wird – weiß man doch Koryphäen wie Erich Fromm², Eckhart Tolle oder gar den gesamten Buddhismus auf der eigenen Seite, wenn es da heißt: »Befreie Dich von Deinem Leid(en).« Hier im Westen scheinen wir dieses „Leiden“ mit dem Ziel einer jederzeitigen Idealperformance unbedingt in den Griff bekommen zu wollen.
Dabei will das buddhistische „Leiden“ doch genau ausdrücken, daß wir Menschen eben nicht (oder wenigstens: sehr sehr selten) in unserem Gleichgewicht sind. Daß wir – wie der getriebene König – unsere eigene Fehlerbehaftetheit und sogar unsere Sterblichkeit fürchten, nur um sie durch unser extremes Streben geradezu erst recht heraufzubeschwören.
„Gleichgewicht“ hingegen, so lehrt es der Buddhismus z.B., enthält alle Facetten, muß sie alle enthalten, um wahrhaftig und vollständig zu sein.

Wie der bLogger Elias Fischer also in seiner Analyse schon andeutete, verbieten wir uns mit einem Einteilen von Gefühlen in „gut“ oder „schlecht“, „befreiend“ oder „gefangennehmend“, „entwickelt“ oder „unreif“ einen wichtigen Teil unseres eigenen aufrichtigen Gesamtausdrucks.
In Eintrag 45 schrieb ich von der „Wunderbaren Alltäglichkeit des Seins“, in der wir uns als menschlich, fehlbar und tolerant erleben dürfen.
Wenn wir in unseren Beziehungen statt oberflächlich leidlich leidbefreit also lieber intensiv und tief auf diese eingelassen bestehen wollen, dann ist es ganz wichtig uns klarzuwerden, was uns in solchen Beziehungen wirklich erlaubt, frei zu sein.
Was ist an diesen verbindlichen Orten das wahrhaftig Erlaubende?
Es ist die Erlaubnis des selbstwirksam und stark machenden Statements, alle unsere Gefühle ausdrücken und zulassen zu dürfen: „JA, ich bin jetzt gerade [hier bitte entsprechendes Gefühl eintragen (wähle im Zweifel von dieser Liste)]!“.
Wenn wir dies uns und unseren Nähemenschen gestatten, dann muß auch die Auseinandersetzung mit den Gefühlen der Anderen nicht mehr immer so bedrohlich für uns sein. Denn ein erlaubender Mensch ist überraschenderweise als Bonus nahezu stets auch ein empathischer Mensch. Er*Sie*Es kann dem Gegenüber glaubhaft zeigen: Hier ist eine Adresse für Dich. Ich höre Dir zu. Ohne Verbesserungsvorschläge, ohne Beschwichtigung, ohne eigene Gegengeschichte.
So ein „jemand“ kann es sich dann nämlich dadurch ebenfalls erlauben auch energetisch ergriffen zu sein – wodurch der andere Mensch das Wichtigste von allem erfährt: Hiermit bist Du nicht allein.

Wenn „Liebe“ die stärkste Form von wechselseitiger Zuneigung und der größtmögliche Ausdruck von Freude darüber ist, daß das andere Lebewesen in unserer Welt existiert (ich schreibe „wechselseitig“ weil es sonst vielleicht bei bloßer Schwärmerei bleibt), dann ist es richtig und gut, nach Verbundenheit miteinander zu streben. Das Maß wirklicher Freiheit in den sich dann möglicherweise ausbildenden Beziehungen wächst mit dem Maß, in dem wir uns selbst die Erlaubnis geben, darin ganz (statt vollkommen) zu sein.




¹ Alexandra Reinwarth, „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“, mvg 2016; Selbsthilfebuch rund um die zentralen Entscheidungsfragen „Nervt es mich?“ und „Betrifft es mich persönlich?“

² Erich Fromm, „Die Kunst des Liebens“, 1956

Danke an Nathan Dumlao auf Unsplash für das Foto!

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