Eintrag 119

Das ist aber meine Freiheit und ich darf das….oder?

Der November bringt nichts Neues mehr? Keineswegs: Hashtags wie #NoShaveNovember, #Movember, #NovemberRain, #NovemberNights und (speziell) in den USA sowie Kanada #ThangsgivingNovember beweisen, daß das nicht so ist.
Zeit also, ebenfalls auf Oligoamory.org im November etwas Neues zu inszenieren: Meinen ersten Gastbeitrag! Und da ich, Oligotropos, schon etwas reifer bin, ist auch dieser Text bereits ein paar Jahre älter, mit 6 Jahren gewissermaßen ein vollwertiges, polyamores Schulkind – aber vor allem eines, von dem ich selbst immer noch lernen kann und ebenso eines, von dem ich hoffe, daß wir alle nach wie vor profitieren.
Daher ist dieser Gastbeitrag zusätzlich von mir als eine Art „Rettungsmission“ und „Wieder-in-Erinnerung-Rufen“ des anhängigen Textes gedacht, da die Gedanken, die darin zum Ausdruck kommen, zu den berühmten „Schultern“ zählen, auf denen auch meine Oligoamory heute steht.

Im Frühjahr 2016 startete Yaniv Barinberg (damals noch unter seinem Deadname „Inna“) seinen Blog mit dem Namen »POLYPLOM – Von der täglichen Kunst polyamore Beziehungen zu führen«.
Yaniv ist Autor*in, ausgebildeter systemischer Beziehungscoach, Paarberater*in und hat überdies einen Master in Philosophie erworben. Er schreibt aus der Perspektive einer queeren, weißen Person mit jüdischer Migrationsgeschichte.
Auf seinem Blog schrieb er in dem Abschnitt »Über mich«:
„Ich lebe in zwei liebevollen Beziehungen und möchte mit euch meine intimen, lustigen, manchmal absurden und teilweise bereichernden Erfahrungen aus dem Leben einer polyamoren Person teilen.
Ich habe leider nicht die Weisheit nicht mit dem Löffel gegessen und würde mich auch nicht als Expert*in für polyamore Beziehungen bezeichnen. Aus diesem Grund findet ihr keine ‘Ich weiß alles besser und möchte euch eines besseren belehren Beiträge hier. Stattdessen werdet ihr ehrliche, lustige, wütende, euphorische, traurige und hoffnungsvolle Texte hier findet. Ich schriebe über offene Beziehungen, Eifersucht, Kinder kriegen, Poly Familien, Outing, Antisemitismus und vieles mehr.“


Yanivs Online-Projekt war knapp fünf Jahre lang aktiv, im September 2019 entstand sein letzter Blog-Eintrag.
Yaniv trat damit allerdings keineswegs still und leise von der polyamoren Bühne ab: Denn im September 2020 erschien sein Buch unter dem Titel »Mehr ist Mehr – meine Erfahrungen mit Polyamorie« ¹, welches ein großartiges Kompendium aus Blogbeiträgen und weiteren, ergänzenden Texten geworden ist. Mehr Infos dazu findet ihr auf der Seite von edition assemblage.

Yaniv hat mir für diesen Gastbeitrag höchstpersönlich erlaubt, seinen früheren Blog-Eintrag aus dem Januar 2019, den ihr auch als ein Kapitel seines Buches finden könnt, zu verwenden.
Als Blogger habe ich Yaniv für seine breit aufgestellte, intersektionale Perspektive zutiefst geschätzt, ebenso – und beinahe noch mehr – für seinen fragenden, persönlichen und umsichtigen Schreibstil, der sich immer an dem kleinen aber wichtigen Wort „ethisch“ in „ethische Mehrfachbeziehungen“ wie der Polyamory orientiert hat.²
So. Und jetzt geht es endlich los:

Das Thema „Freiheit und Polyamorie“ hat mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt. Besonders nachdem ich viel unterwegs war, Vorträge gehalten habe und Workshops gab. Immer wieder sind Menschen auf mich zugekommen, die das Gefühl hatten, an der Polyamorie zu scheitern, weil sie nicht gut genug oder schnell genug ihre Gefühle verarbeitet haben oder schlichtweg nicht wussten, wie sie mit einer Situation umgehen sollten. Häufig stand die Angst im Vordergrund, Beziehungspersonen zu verlieren oder sie mit den eigenen Gefühlen zu überfordern. Und immer wieder drehten sich solche Gespräche um ein Konzept von Freiheit, welches ich nicht gut nachempfinden kann bzw. wo es mir schwer fällt zu verstehen, wieso das als Argument in polyamoren Beziehungen benutzt wird. Sehr häufig äußerte sich dieses Konzepte in Sätzen wie „Du schränkst meine Freiheit ein“. Damit ist gemeint, dass jemand sich frei fühlen möchte zu jedem Zeitpunkt Beziehungen und/oder sexuellen Kontakt jeglicher Form mit anderen zu haben.

Ich möchte versuchen zu erklären, wieso ich damit meine Schwierigkeiten habe.

Zum einen waren es sehr häufig Cis-Frauen, die zu mir kamen und mir ihr Dilemma geschildert haben. Ihre Beziehungspersonen, sehr häufig Cis-Männer, waren diejenigen, die den Satz, in unterschiedlichsten Variationen, aussprachen. Wieso Gender an dieser Stelle eine Rolle spielt? Weil als Frau sozialisiert zu werden konstant bedeutet, zur Beziehungs- und Emotionsarbeit erzogen zu werden. Ich ärgere mich in solchen Momenten, weil der Satz keine andere Alternative lässt, als dass die Cis-Frauen genau diese Rolle und Aufgabe übernehmen. Häufig sind Sätze, die darauf anspielen, dass jemand ein grundsätzliches Recht oder einen Anspruch auf etwas hat, auf eine gewisse Art und Weise lähmend. Schließlich lassen sie keinen Raum für Diskussionen oder Auseinandersetzungen. Stattdessen schaffen sie sehr viel Raum für Schuldgefühle, denn meistens bleiben die Beteiligten mit ihren Gefühlen alleine oder trauen sich nicht mehr, mit ihren Beziehungspersonen darüber zu reden. Ein Freiheitsargument einzuführen kann immer nur für eine Person funktionieren, denn würden es zwei oder mehr Personen gleichzeitig einbringen, wäre es überflüssig. Das macht es zu einer Einbahnstraße für eine Person.

Zum anderen gibt Freiheit als Argument nicht die Möglichkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen. Stattdessen wird ein jegliches Gefühl als schlecht und nicht wünschenswert abgestempelt. Ich finde das ganz schön unfair, weil es ja schließlich – zumindest häufig – nicht darum gehen sollte eine Handlung zu verbieten, sondern eine Auseinandersetzung über unterschiedliche Bedürfnisse zu führen. Diese Auseinandersetzung kann tricky sein, das gebe ich zu. Manchmal muss sich eine Person mehr zurücknehmen als die andere, manchmal fühlt sich jemand benachteiligt und manchmal haben eine oder mehrere Personen Angst, dass auf Gefühle einzugehen bedeuten könnte, für unbestimmte Zeit Monogamie zu praktizieren, weil kein Raum ist, um polyamor/offen zu leben. Letzten Endes ist es jedoch eine Frage der Aushandlung und des Aufeinandereingehens.

Offene/polyamore Beziehungen zu führen bedeutet für mich nicht, zu jedem Zeitpunkt machen zu können, wonach mir der Sinn steht. À la: „Falls meine Beziehungsperson(en) damit Schwierigkeiten haben sollten, so ist es deren Problem, ich ziehe nicht in Erwägung, mit was auch immer aufzuhören.“ Diese Art Beziehungen zu führen ist nicht meins. Und ich tue mich auch schwer damit, Menschen irgendeine Form von Rat oder Tipp zu geben, wenn sie mich fragen, was sie machen können, wenn ihre Beziehungsperson sich ihren Gefühlen verwehrt. Ich finde es ungerecht und auf eine negative Art und Weise egoistisch, dass nur noch die Bedürfnisse einer Person im Vordergrund stehen. Eine Beziehung jeglicher Art bedeutet für mich ein gemeinsames Projekt, etwas, was zwei oder mehr Menschen miteinander gestalten und sich aus diesen Menschen heraus und mit ihnen zusammen entwickelt. Deswegen fällt es mir so schwer, nachzuvollziehen, dass Menschen dieses Totschlagargument verwenden. Das hat für mich nämlich nicht mehr viel mit gemeinsamer Gestaltung zu tun.

Ich sehe durchaus die Schwierigkeit(en), wenn es darum geht, unterschiedliche Bedürfnisse auszuhandeln/in Einklang zu bringen. Als meine Beziehungsperson und ich unsere Beziehung von monogam zu offen für physische Erfahrungen mit anderen geöffnet haben, habe ich mich ganz lange verwehrt. Ich hatte Angst, alles würde sich zwischen uns verändern, ich hatte Angst vor Zurückweisung und ich wollte mich dieser neuen Erfahrung (noch) nicht stellen. Deswegen habe ich es immer weiter aufgeschoben, habe ihr das Gefühl gegeben, dass ich noch mehr Zeit brauche, dabei war Zeit nicht das Problem. Deshalb weiß ich ganz genau, dass es manchmal schwierig sein kann, über Bedürfnisse zu reden und Aushandlungen oder Kompromisse zu finden, weil es manchmal nicht klar scheint aus welchem Gefühl oder welcher Motivation heraus sich jemand für mehr Zeit ausspricht. Manchmal bedeutet es eben auch, dass eine oder mehrere Personen eine Zeit lang unzufrieden sein werden, aber so sind Kompromisse nun einmal, sie machen nicht immer Spaß. Ich denke, dass es wichtig ist, nicht zu vergessen, dass Kompromisse für alle Beteiligten, mal mehr mal weniger, ein Zugeständnis sind und häufig nichts, was sie von sich aus, wenn es einzig und allein nach ihren Bedürfnissen ginge, so entscheiden würden. Das bedeutet, dass alle einen Schritt aufeinander zu gehen. Wenn ich beispielsweise die Absprache eingehe, dass ich meine Beziehungsperson nach einem Date mit einer anderen Person anrufe, dann mache ich das, weil ich weiß, dass es ihr wichtig ist, meine Stimme zu hören und dadurch Sicherheit und Zuneigung zu erfahren. Für mich ist es kein großer Aufwand, einen Anruf zu tätigen, aber vielleicht bedeutet meiner Beziehungsperson diese vermeintliche Kleinigkeit sehr viel. Der Anruf ist je nach Situation vielleicht sogar schon der Kompromiss zwischen „Wir sehen uns direkt nach dem Date“ und „Wir hören uns gar nicht“.

Damit will ich sagen, dass ich gerne Kompromisse eingehe und versuche, die Gefühle meiner Beziehungsperson(en) so ernst wie möglich zu nehmen. Das bedeutet für mich nicht, dass ich sofort jedes meiner Bedürfnisse hinten anstelle oder nur noch auf die Bedürfnisse meiner Beziehungspersonen eingehe. Es kann aber bedeuten, dass ich nicht sofort von 0 auf 100 gehen möchte. Beispielsweise, wenn ich gerne bei meinem Date schlafen wollen würde, meine Beziehungsperson(en) sich damit jedoch erst einmal nicht so wohl fühlen, bedeutet es unter Umständen, dass wir uns da langsam herantasten. Schritt für Schritt würden wir dem Übernachten näher kommen. Mein ursprüngliches Bedürfnis ist also nicht verworfen, seine Befriedigung wird einfach unserem gemeinsamen Tempo angepasst.

Letzten Endes ist es meiner Meinung nach klar, dass ein Mensch theoretisch alles machen kann, wozu er in der Lage ist. Das ist keine Frage der Freiheit. Es geht gar nicht um den Satz „Das ist aber meine Freiheit und ich darf das“, sondern um den Zusatz, der nicht ausgesprochen wird, nämlich „und du kannst nichts dagegen machen“. Und das ist das, was ich so schwer verstehen kann, weil es einfach nicht mit meinem Verständnis von Polyamorie (und überhaupt von Beziehungen) zusammenpasst und was häufig – wie am Anfang beschrieben – Cis-Frauen abbekommen, die die Emotionsarbeit leisten sollen. Ich will damit nicht sagen, dass Menschen jeglichen Genders dieses Argument vorbringen können. Mir ist es nur in letzter Zeit vermehrt aufgefallen, dass viele Cis-Frauen mit dieser Problematik auf mich zukamen. Ich will in einer Beziehung nicht das Recht auf etwas haben, unabhängig der Konsequenzen. Es geht mir ja nicht aus Prinzip darum zu gewinnen oder Recht zu behalten. Ich will gemeinsam Lösungen und Ideen finden, so verstehe ich zumindest Beziehungen. Und ein Totschlagargument ist für mich alles andere als konstruktiv oder hilfreich dabei.




¹ „Mehr ist Mehr – Meine Erfahrungen mit Polyamorie“, Yaniv Barinberg, Paperback (Naturkarton Cover), 144 Seiten,
140 x 205mm, 978-3-96042-089-7 / 2-973, 18,00 Euro, aktuelle Auflage 26.02.2024, mit Illustrationen von Carina Büker

² Auf den obigen Blogbeitrag verweise ich selbst in meinem wesensverwandten, eigenen Eintrag 28 zum Thema Freiheit in ethischen Mehrfachbeziehungen.

Dank gebührt dem Autor Yaniv Barinberg für die höchstpersönliche Erlaubnis zur Nutzung seines ehm. blog-Beitrags und jetzigem Buchkapitel.
Ebenso Dank an Ankush Minda auf Unsplash für das Titelfoto, welches auch den Orginalbeitrag zierte!

Yaniv, – Du fehlst mir in der Blogosphere!

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