Leistung und Teilhabe

Vor über 5 Jahren, im November 2019, schrieb ich meinen 33. Eintrag in dieses bLog-Buch, worin es um die „Einschließlichkeit“ von ethischen Mehrfachbeziehungen ging.
Zu der Zeit war noch Frau Angela Merkel (CDU) deutsche Kanzlerin, sie hatte mit der CSU und der SPD eine sogenante „Große Koalition“ gebildet; die AfD war erstmals mit einem Kontingent von 12,6% Teil des Bundestages geworden.
Daher ging es in dem erwähnten Eintrag auch um Politik, gerade weil diese damals als äußerst passendes Beispiel für die Grenzen des „Willens zur Einschließlichkeit“ dienen konnte… Doch heute, 5 Jahre und eine Pandemie später, möchte ich beinahe sagen: »Wenn ich geahnt hätte, was noch kommen würde…« (und ich hoffe so sehr, daß ich dies in weiteren 5 Jahren nicht nochmals bekräftigen muß).
Denn eigentlich habe ich gar nicht so viel Lust, erneut politisch zu werden, da es auf diesem bLog doch um (mehrfache) Liebesbeziehungen gehen sollte; aber auch unsere Liebesbeziehungen existieren eben nun einmal nicht im luftleeren Raum, sondern sie sind Teil dieser Welt, womit, wie schon verschiedentlich auf diesem bLog zuvor, noch einmal das geflügelte Zitat der feministischen Theoretikerin Carol Hanisch gilt „daß das Private politisch und das Politische privat“ sei. Die Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und politischen Strukturen läßt sich eben doch nicht von der Hand weisen – bzw. genauer: daß die politischen Strukturen die Kraft besitzen, unsere persönlichen Erfahrungen zu beeinflussen.
Der gute Scott Peck, der „Vater der Gemeinschaftsbildung(sprozesse)“, hatte dies auf nahezu prophetische Weise bereits in den späten 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erkannt. Vor allem in seinen beiden wegbereitenden Büchern, die später für zahlreiche Kleingemeinschaften, Kommunen und Ökodörfer grundlegende Literatur wurden, namentlich „The Road less traveled“ von 1978 (deutsch „Der wunderbare Weg“)„ und insbesondere „The Different Drum“ von 1987 (deutsch: „Gemeinschaftsbildung“ )¹ hatte er die „Einschließlichkeitsfrage“, also die Frage nach Inklusivität, eindrücklich folgendermaßen formuliert:
„Gibt es einen Grund, warum jemand nicht teilhaben sollte?“
Diese Formulierung zur Einschließlichkeit war und ist gewissermaßen „revolutionär“, weil es die Begründungslast umkehrt, denn die nicht-einschließliche Form der Frage lautet doch normalerweise ganz überwiegend: „Aus welchem Grund sollte jemand teilhaben dürfen ?“.
Womit ich in der Jetztzeit angekommen bin, in der es mir um die Einschließlichkeit nochmals deutlich schlechter bestellt zu sein scheint, als 5 Jahre zuvor.
Nach wie vor lese ich in vielen Foren, in denen polyamore Menschen diskutieren, Klagen, warum wir mit unserer Lebensweise und Beziehungsphilosophie nach wie vor auf so große Widerstände treffen würden. Häufig wird obendrein bedauert, wie sehr die Monogamie noch immer als erstrebenswerter Normal- und Idealzustand des Beziehungslebens angesehen wäre – bis zu dem Punkt, daß auch in Bestandspartnerschaften so gar nicht daran zu rütteln sei.
Dann seufze ich oft innerlich und denke, daß es genau genommen leider nicht nur eine Kommunikations- oder Abmachungsproblematik der davon betroffenen „Beziehungsinsassen“ ist, sondern daß, damit sich an dieser Sichtweise wirklich maßgeblich etwas ändern könnte, wir leider auch unsere mentale Verflochtenheit mit unserer Wirtschaftsweise und unserem Gesellschaftsmodell in der westlichen Welt dafür überdenken müssten. Ja, auch ganz persönlich.
Denn der allgemeine Trend neigt sich derzeit zunehmend eher zur „Nicht-Einschließlichkeit“. Oder bestenfalls zur „bedingten Einschließlichkeit“.
Und das ist, freundlich gesagt, irgendwie schräg – und schlimmstenfalls besorgniserregend – denn eigentlich ist Homo sapiens, also wir alle, sowohl genetisch als auch epigenetisch (also von unserer Prägung her, die wiederum unsere Gene beeinflußt) auf Zugehörigkeit und Gemeinschaft gepolt.
Stefan Fritze, Oberarzt vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim betont sogar in einem diesjährigen Tagesschau-Artikel zum „Weltfreundschaftstag 2025“²: »In prähistorischen Zeiten war es kaum möglich, ohne enge Kontakte zu überleben. Kurzzeitige Einsamkeit (als Stress) scheint also ein Warnsignal des Körpers zu sein, etwas zu verändern.«
Um allerdings zugehörig zu werden, an Gemeinschaft teilhaben zu dürfen, drängt sich mittlerweile nichtsdestoweniger zunehmend ein „Leistungsanteil“ mit in die Gleichung, der gewissermaßen eine Antwort auf die nicht-integrative Form der Fragestellung nach Einschließlichkeit liefern soll:
„Warum sollte jemand teilhaben dürfen ?“ „Weil er*sie*es etwas beiträgt!“
Und dieses Prinzip wirkt von der ganz großen Zugehörigkeit unseres Staates und unserer Wirtschaftsgemeinschaft bis hin zu den kleinsten privaten Einheiten – unseren (romantischen) Beziehungen, speziell wenn diesen noch dazu erst ein ganz buchstäblicher Mini-Gesellschaftsvertrag zugrunde liegt, z.B. eine Ehe (seit 2017 als „Ehe für alle“ auch für gleichgeschlechtliche Paare).
In der Zeitschrift Max-Planck-Forschung (Ausgabe 2|2025) formuliert der Wissenschaftsjournalist Tobias Beuchert (anläßlich der Buchvorstellung von Petra Pinzlers aktueller politischer Bestandsaufnahme „Hat das Zukunft oder kann das weg?“, campus 2025), daß „jede (politische) Maßnahme eine soziale Komponente hätte, von Menschen getragen werden müsse.“ Diese soziale Komponente hat allerdings auch eine Rückwirkung, in dem wir „Betroffene“ uns dementsprechend dann am entsprechenden größeren Kontext orientieren:
Schließen sich, wie nun gerade, z.B. in Europa immer mehr Türen für Neuankömmlinge, werden die Barrieren für Grenzübertritte von Waren, Dienstleistungen und Personen immer mehr erhöht – und wird zugleich von Neuankömmlingen wie Alteingesessenen ein immer höherer Leistungsanteil verlangt, um am großen Ganzen weiterhin vollumfänglich teilhaben zu dürfen, dann hat das Auswirkungen auf unsere Sicht auf die Welt – und damit eben auch auf unsere privaten Verhältnisse.
Denn wir erleben es in unserem Alltag, das „Außen“ macht es vor. Die Antwort auf die Frage danach, wie und warum jemand dazukommen und mitmachen dürfte, lautet immer häufiger: „Erst Leistung, dann Teilhabe!“.
Selbst unsere romantischen Beziehungen unterwerfen wir dadurch nach und nach einem solchen Diktat, indem auch „Liebe“ oder „Beziehungen“ immer weiter im Sinne von Fortschritt, Erfolg und Zugewinn gedacht werden müssen, ein Prinzip, welches Eve Rickert und Franklin Veaux in ihrem Polyamorie-Buch „More Than Two“ von 2014³ die „soziale Rolltreppe“ nannten – auf der es auch immer nur vor- und vor allem aufwärts gehen soll.
Und das ist ein zunehmend kritischer Zustand, denn Scott Pecks ursprünglich integrative, gemeinschaftsfördernde Frage, warum denn jemand NICHT mitmachen sollte, wird auf diese Weise mehr und mehr als Zumutung empfunden: „Wie jetzt? Einfach so?“
Der erwähnte Journalist Tobias Beuchert verwendet in seiner Rezension angesichts solcher anwachsenden sowohl gesamtgesellschaftlichen wie auch privaten Reserviertheit ein maritimes Bild, indem er sagt: „Trotzdem hat schon Schiffe gegeben, die mutig, hoffnungsvoll und voller Ideen in wilde Gewässer aufgebrochen und ans Ziel gelangt sind. Vielleicht lag es auch daran, dass es an Bord gerecht zuging, alle Verantwortung übernahmen und sich bei Entscheidungen mit eingebunden fühlten.“
Demnach fehlt es uns im Moment offensichtlich oft an Mut, an Hoffnung und Ideen. Wir haben genau nicht den Eindruck, daß uns individuell Verantwortung zugetraut wird, sondern fühlen uns häufig bevormundet. Und wir erleben uns dadurch nicht als eingebunden – womit sich die Schlange in den Schwanz beißt, denn für das Erlebnis von Eingebundenheit sollen wir ja erst einmal etwas leisten…
Gemäß dieser Gesetzmäßigkeit beginnen unsere Datingprofile immer mehr wie „Bestelllisten“ auszusehen. Der Raum, den andere Menschen in unseren Herzen noch einnehmen könnten ist nach und nach immer enger umgrenzt – und auf jeden Fall deutlich definiert.
Und das betrifft auch unsere bereits eingegangenen Beziehungen – die Frage nach dem jeweiligen Beitrag, nach dem insgesamten Nutzen drängt sich zunehmend laut in den Vordergrund, wird zum Maßstab der „Güte“ der „Qualität“ der zugrundeliegenden Beziehung – und zu einer kaum noch verstummenden Quelle für Vergleichs- und Konkurrenzgedanken.
Was der Qualität unserer Beziehungen nach außen wie nach innen natürlich extrem abträglich ist, weil wir durch die Verschiebung der Legitimierung der Zugehörigkeit auf die Leistungsebene die tatsächliche Bedeutsamkeit der zwischenmenschlichen Verbindung für uns verlieren.
Und bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte hier ebenfalls nicht für Beliebigkeit eintreten. Ich persönlich glaube ganz und gar nicht, daß wir individuell mit jedweder Person eine Beziehung eingehen können, insbesondere eine freundschaftliche oder gar romantische (sonst wäre ich wohl auch nicht Mr. Oligoamory, der hier mit zahlreichen Worten für „[Liebes]Beziehungen mit Wenigen“ plädiert…). Worauf ich hinauswill sind die berühmten „Bedeutsamen (persönlichen) Beziehungen“ über die ich schon einen Dreiteiler auf diesem bLog geschrieben habe ( 1 | 2 | 3 ).
Noch einmal Stefan Fritze vom Zentralinstitut für seelische gesundheit, Mannheim: »Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Tiefe der Verbindungen. Im Kern basiert Einsamkeit auf einem Mangel bedeutungsvoller sozialer Beziehungen. Authentische Freundschaften hingegen, die auf Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitigem Interesse basieren, können diesen Mangel ausgleichen und wie ein emotionales Schutznetz wirken.«
In dem entprechenden Interview konkretisiert er zudem, daß der Wert dieser Beziehungen speziell in solchen Aspekten begründet ist, die nicht nach Leistungsmaßstäben quantifizierbar sind: »Qualitativ hochwertige Freundschaften sind charakterisiert durch prosoziale Verhaltensweisen. Also so Dinge wie Zuspruch, Unterstützung in schwierigen Phasen, Verlässlichkeit, emotionale Nähe und Loyalität.«²
Was können wir also tun? Speziell in Zeiten, in denen das politische „Draußen“ Teilhabe auf so unheilvolle Weise immer stärker mit Leistung verknüpfen möchte, wodurch es für uns selbst im Privaten immer schwieriger wird ausreichend offen zu bleiben – und so auch unseren Lieblingsmenschen zu begegnen, also mit einer oligoamoren Anti-Leistungsgerechtigkeitshaltung von Solidarität, Gleichberechtigung und Wertschätzung?
Neulich begegnete mir in den sozialen Netzwerken dazu ein genialer Text der Autorin und Yogini Moksha Devi (Verena Maria Rottmar), der mir darauf eine erste Antwort zu geben scheint, wie wir möglicherweise einen Weg vom derzeitigen „schroffen Individualismus“, wie Scott Peck es genannt hatte, zu einem „sanfteren Individualismus“ zurückfinden können – und den ich heute, zum Ende dieses Eintrags, mit Euch teilen möchte:
Wir leben in einer Ära der Rückzüge.
Nicht aus Ruhe – sondern aus Vorsicht.
Nicht aus Klarheit, sondern aus Angst, irgendwo zu viel zu werden, zu wenig zu sein, oder zu nah an etwas, das Veränderung bringen könnte.
Das Nein hat Konjunktur.
Nicht das sanfte, ehrliche, tastende Nein. Nicht das Nein, dass gerade lebensnotwendig ist, und gesund.
Sondern das reflexartige. Das, das gar nichts mehr wissen will.
Kein Gespräch. Keine Begegnung. Keine Abweichung vom eigenen Kurs, so eng der auch gezogen wurde.
„Das ist nicht mein Weg.“
„Ich fühl‘ da keinen Impuls.“
„Danke, aber nein.“
Und das darf sein. Natürlich darf es sein.
Aber manchmal – ist dieses Nein ein Schutzschild gegen Nähe, gegen das Risiko, mit jemandem gemeinsam neue Wege zu entdecken und sich überraschen zu lassen.
Menschen, die sich trauen, Brücken zu bauen, kennen dieses Gefühl:
Du reichst etwas hin, nicht um jemanden zu verbiegen, sondern um ihn einzuladen.
Ein gemeinsames Erleben.
Ein Gespräch.
Ein Abend voller Vielleicht.
Eine Erfahrung, die keine Sicherheit verspricht.
Eine Meinung, die nicht in Stein gemeißelt ist.
Und stattdessen kommt das klare, undurchlässige, kalte Nein, oder die passiv-aggressive Erläuterung, die dich hinters Lichtführen möchte.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus einer seltsamen Logik: „Ich muss mich schützen.“
Und versteht mich nicht falsch… oft ist das auch dran!
Aber manchmal – vergessen wir dabei, dass echte Verbindung nicht von allein passiert.
Sie passiert, wenn jemand einen Schritt tut, auch wenn der Boden noch wackelt.
Wenn jemand sagt:
„Ich versteh’s nicht ganz. Aber ich komm mit.“
„Ich will mich dem nicht verschließen, gib mir noch etwas Zeit.“
Die Welt wird nicht reicher, wenn alle nur noch das tun, was sie eh schon kennen.
Sie wird reicher, wenn Menschen sich überraschen lassen vom Leben eines anderen.
Nicht, um sich zu verlieren – sondern um sich tiefer zu erinnern, wer sie noch sein könnten.
Und manchmal ist das größte Geschenk:
Ein kleines, zögerndes Ja.
Juhuuu….
Und dann, verschieben sich Grenzen – Brücken entstehen.
Im Kleinen.
Im Menschlichen.
Im Mut, nicht alles gleich wegzuwischen, was nicht 100 % passt.
Denn manchmal liegt das Wunder nicht im perfekten Match,
sondern in der Bereitschaft,
trotzdem da zu sein.
¹ Scott Peck, „Der wunderbare Weg: Eine neue spirituelle Psychologie – Vorwort von Thorwald Dethlefsen“; Goldmann Verlag 2004 und „Gemeinschaftsbildung: Der Weg zu authentischer Gemeinschaft“, Eurotopia Verlag 2017
² Der komplette Beitrag zum Weltfreundschaftstag 2025 ist im Tagesschau-Archiv HIER zu finden.
³ Eve Rickert und Franklin Veaux: „More Than Two: A Practical Guide to Ethical Polyamory“, Thorntree-Press 2014
Dank an Markus Spiske auf Unsplash für das Foto!
Und vor allem Dank an Moksha Devi (Verena Maria Rottmar) und ihre höchstpersönliche Erlaubnis, ihren berührenden Text „Wir leben in einer Ära der Rückzüge“ (Fundort FB-Auftritt) zu verwenden.
Sämtliche Rechte verbleiben bei der Autorin!


Hallo Oligotropos,
Da hast du ein umfassendes Bild gezeichnet – von der Leistungseinforderung in der Gesellschaft zur Leistungseinforderung im Privaten. Natürlich kannte ich das Zitat von Carol Hanisch, habe es aber noch nirgendwo in Verbindung mit Leistungseinforderung angetroffen. Insofern eine interessante Verknüpfung.
Meine Gedanken dazu:
„Warum sollte jemand nicht teilhaben dürfen?“ – Weil das Einladen dieser Person dem gesamten System Ressourcen abzieht, ohne neue hinzuzufügen. Ich denke hier an die Einladungspolitik von sexpositiven Partys oder Swingerclubs. Wer sich besitzergreifend und ignorant verhält, wer einfach anfasst anstatt vorher um Konsens zu fragen, fliegt raus – oder wird beim Erkennen der Warnsignale gar nicht erst eingeladen. Nicht-Teilhabe hätte eigentlich die Funktion einer Immunreaktion. Nur sind wir im gesellschaftlichen und polyamoren Diskurs von solch einer sinnvollen Anwendung von Teilhabe weit entfernt.
Daher ein Gedankenanstoß: Was ist, wenn wir Leistung neu denken? Es ist ja immer Leistung an wen und wozu (um was zu bekommen?). Die Leistung am Arbeitsplatz ist zum Beispiel an ein garantiertes Gehalt und Anerkennung am Arbeitsplatz gebunden.
Könnte nicht aus einer Meta-Perspektive „Leistung“ im Beziehungsdiskurs mit „Teilhabe“ gleichgesetzt werden? Mein „Trotzdem da sein“ ist doch eine mentale Leistung. Mein Angebot, etwas Neues miteinander zu probieren, und was ich dafür bereit bin zu tun, ist doch ein Angebot an Leistung. Auch ein garantiertes regelmäßiges Treffen in einer Freundschaft ist eine Leistung – ein Angebot an Zeit und emotionaler Investition.
Ich lasse dir den Gedanken mal so da.
Lg Sacriba
Scott Peck, von dem das Originalzitat „Warum denn NICHT?“ ja stammt, ist als Gemeinschaftsmensch – über unsere normal-demokratische Mehrheitsfindung hinaus – vielmehr von einem eher konsentischen Prozess ausgegangen. Ein solcher ist aus meiner Sicht deutlich nuancierter („Wer stimmt zu [trägt vollinhaltlich mit]?, „Wer hat Bedenken [trägt aber mit]?“, „Wer enthält sich?“, „Wer hat schwere Bedenken [und trägt nicht mit]?“, „Wer steht beiseite?“) als das, was wir in unseren westlichen Staaten bei einer Wahl erleben: Mehrheit setzt durch (eben auch notfalls gegen die Minderheit) – aber dies ist das „Entscheidungsfindungsverhalten“, welches die meisten von uns erlernt haben und auch in ihren Beziehungen häufig anwenden (und hey, ich bin ein großer Freund von Demokratie und demokratischen Abläufen, das möchte ich betonen!)
In Kommunen und Lebensgemeinschaft (die mit Peck als Grundlage arbeiten) wird indessen oft tatsächlich solange an einer Entscheidung gewerkelt, bis allumfassender Konsens hergestellt werden kann – oder lieber auf eine Entscheidung sogar verzichtet, wenn das nicht zu machen ist. Bewundernswert (wenn auch für praktische Alltagsentscheidungen manchmal ungünstig […wie lange man wohl auf eine Waschmaschine verzichten kann, bis alle mit deren ökologischen Kriterien einverstanden sind…]).
Den Gedanken übrigens, daß Teilnahme allein schon durchaus eine Leistung in sich ist, hatte ich beim Schreiben des Textes übrigens tatsächlich auch 🙂 Ich hab‘ ihn dann nicht hingeschrieben, weil er einem Teil von mir zu kühn für die Abgründe des Tagesgeschäfts erschien… Aber! Wer als Kind in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland aufwuchs, hatte die Chance, in dieser etwas aufbruchsfreudigeren Zeit das herrlich anarchische Kinderliedersammelsurium „Die Rübe“ (1973) von Fredrik Vahle u. Christiane Knauf zu genießen. Auf dieser befindet sich ein Lied nach Bertold Brecht, welches genau das Spannungsfeld von Teilhabe und Leistung (bzw. beidem…) in humoristischer Weise aufgreift: „Ein Fisch mit Namen Fasch“. Den Text verlinke ich HIER.