Eintrag 8

Beziehungsschach mit dem Zen-Meister

Manchmal gibt es auf dem entlegenen Eiland der Oligoamory sogar Internet. Via Satellitenlink. An manchen Tagen funktioniert es nicht – heute klappt es. Schnell checke ich Nachrichtenportale, browse kurz durch den bunten Blätterwald.
Doch da – BÄM! – prangt plötzlich ein großes Zitat von Bhagwan Shree Rajneesh1 auf meinem Bildschirm; angetan mit irgendeinem hübschen Hintergrundbildchen:

Wir werden alleine geboren, wir sterben alleine. Zwischen diesen beiden Tatsachen erschaffen wir uns tausend und eine Illusion von Miteinander – alle möglichen Arten von Beziehungen, Freunde und Feinde, Geliebte und Verhaßte, Nationen, Rassen, Religionen. Wir schaffen Halluzinationen aller Art, nur um einen Umstand zu vermeiden: Daß wir allein sind. Aber was immer wir tun, die Wahrheit kann nicht geändert werden. Es ist so, und anstatt zu versuchen davor zu entkommen, ist die beste Möglichkeit, sich daran zu erfreuen.
Freude am eigenen Alleinsein ist das, worum es z.B. bei der Meditation geht. Der Meditierende ist jemand, der tief in das Alleinsein eintaucht und weiß, dass wir alleine geboren werden, wir alleine sterben werden und tief im Inneren auch alleine leben. Warum also nicht erleben, was dieses Alleinsein ist? Es ist unsere tiefste Natur, es ist unser innerstes Wesen.

(The Sound of One Hand Clapping, Rede Nr. 14)

Augenblicklich wühlt sich alles in mir auf: „Woah! Das ist ja sowas von anti-oligoamor! Und überhaupt: Wieder mal so ein Zitat, welches vermutlich vor allem die Jungen und Gesunden anspricht, solange die ihr Leben selbst in der Hand haben…!“
Natürlich versuche ich mich sogleich ein bißchen zu beruhigen. Weiß ich doch auch ein paar Autoritäten auf meiner Seite, die das ebenfalls so auf keinen Fall stehen lassen würden:
Der Kinderarzt Dr. William Sears fällt mir sofort ein, der achtsame Vertreter des „Attachment Parenting2“ (deutsch etwa: zuneigungsbetonte Elternschaft), der sich ja gerade für die Natürlichkeit und Wichtigkeit einsetzt, sofort mit unserer Geburt in eine enge menschliche Verbindung hineingeboren zu werden. Ebenso der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der anhand von Kindern und Jugendlichen immer wieder bestätigt hat, wie wichtig es für uns Menschen ist, uns ein Leben lang in Gemeinschaft sowohl als verbunden als auch als frei zu erleben, um Sozialkompetenz und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Und nicht zuletzt die große Verhaltens- und Primatenforscherin Jane Goodall, die sogar bei unseren nächsten tierischen Verwandten beobachtet und nachgewiesen hat, daß auch bei diesen Geboren-Werden und Sterben Prozesse hoher Gruppendynamik und Anteilnahme der Gemeinschaft sind – und somit offenbar sehr tief auch in unserer eigenen Soziologie und Biologie verankert sind.

Dennoch bin ich vor einigen Tagen bei einem Landausflug zum Archipel einem Polyamoren begegnet, der mir zu meinem letzten Eintrag über Freiheit und Verbindlichkeit wörtlich sagte:
„Nach meiner Erfahrung ist Liebe nicht personenbezogen. Ich kann mich entscheiden meine Liebe zu teilen mit wem oder wie vielen Menschen ich will. Aber wenn ich jemanden vermisse, vermisse ich entweder meine Vorstellung von ihm oder vermisse das, was er mir gibt. Als ich mich mal so nach Menschen verzehrt habe und sie vermisst habe, habe ich mich gefragt, was ich wirklich vermisse: Den anderen Menschen oder das Gefühl was er mir gibt? Und dann habe ich mich gefragt warum vermisse ich dieses oder jenes Gefühl. Die Antwort war ziemlich ernüchternd…: Weil ich selbst einen Mangel an gerade diesen Gefühlen: Nähe, Anerkennung, Liebe, Selbstbewusstsein, Bindung etc. in mir gefühlt habe. Und ich habe daraus gelernt, dass eine fehlende Bindung (Nähe, Anerkennung etc.) zu mir selbst nicht durch Verbindungen zu anderen kompensiert werden kann.“
Gerade wenn man Lehren wie die von Rajneesh oben so hinsichtlich der Liebe auf das „un-anhängige Selbst“ anwendet, wirkt das doch erst mal wie eine gründliche (Selbst)Erkenntnis, durchaus nachvollziehbar – und natürlich hört es sich auch wunderschön an.

Demgegenüber ist aber eben auch unser Grundbedürfnis nach anderen Menschen bzw. menschlicher Gemeinschaft eine unumstößliche Tatsache…
Woraus resultiert dieser Widerspruch – und ist es überhaupt ein solcher?

Als Bhagwan Shree Rajneesh vor allem in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinen Reden Menschen westlicher Industrienationen gemäß hinduistischem Sannyasa und buddhistischem Zen die Hingabe an die Leere nahebrachte, konfrontierte er damals direkt eine Lebensweise lärmender Massenbetriebsamkeit und die erste große Hochblüte populärer Unterhaltungskultur. U.a. dem von der Hippiebewegung wieder aufgegriffenen Ausdruck der „Gemeinschaftlichkeit“ (englisch: togetherness) setzte er gezielt das Konzept des Alleinseins, ja der „Alleinheit“ (englisch: aloneness), entgegen – und entschied sich sehr bewußt dafür, dies gerade nicht als „Einsamkeit“ (englisch: lonliness) zu definieren.
Die Form von „Gemeinschaftlichkeit (togetherness)“, die Rajneesh bei uns Westmenschen seinerzeit beobachtete, mußte ihm vermutlich oft oberflächlich, übertrieben und wie eine Flucht ins Außen erscheinen. Begriff und Lebensweise solcher Art „togetherness“ wurden von Rajneesh mehrfach in seinen Reden deutlich kritisiert3.

Das, was wir heute als gemeinschaftliches Konzept der Polyamory kennen, steckte damals buchstäblich noch in den Windeln. Morning Glory Zell-Ravenheart gab dem „Baby“ überhaupt erst in dem Jahr seinen Namen, in dem Rajneesh als „Osho“ starb (1990).
„Gemeinschaftlichkeit“ (togetherness), wie sie heute in der Polyamory und erst recht in der Oligoamory aufgefasst wird, bedeutet nämlich eigentlich etwas sehr Wichtiges; so definiert das Collins English Dictonary dies als:
eine Empfindung von Nähe oder Zuneigung durch die Verbindung mit anderen Menschen“ – und Webster’s New World College Dictionary schreibt in seiner 4. Edition sogar:
das miteinander Verbringen von viel Zeit, wie z.B. von Freizeit- oder sozialen Aktivitäten durch die Mitglieder einer Gruppe, insbesondere wenn davon auszugehen ist, daß dies zu einer stärker verbundenen, stabilen Beziehung führt“.
Also Verhaltensbeschreibungen, mit denen wohl auch Dr. Sears, Jesper Juul und Jane Goodall recht einverstanden wären.

Wie kann es demgegenüber trotzdem so scheinen, als ob Rajneesh in seiner Lehre den Menschen ein Dasein als „einsamer Wolf“ oder vielleicht besser in „Allein-heit“ empfiehlt?
Einsame Wölfe, die nichts in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen sollen, denen ihr Selbst genug sein muss und die die anderen Menschen bestenfalls als Luxus4, als „Lebensdreingabe“ um sich zulassen.

Kann es sein, daß „wir Westmenschen“ dann schon wieder in die nächste Falle gestolpert sind?
Eigentlich wollen das hinduistische Sannyasa und das buddhistische Zen doch vor allem Folgendes sagen:

„Lass die Vorstellung von Deinem ‚Ich‘ los. Dann kannst Du ‚Ich‘ wahrhaftig sein.“

Dieser Wunsch, dieses Ziel, ist wirklich weise: Denn im Alltag sind ja vor allem sowohl die Vorstellungen von uns selbst, wie auch auch unsere Vorstellungen, die wir uns hinsichtlich der Anderen machen, das, was uns das Leben schwer macht.
Marshall B. Rosenberg, der „Vater der gewaltfreien Kommunikation“ nannte eben diese Vorstellungen und Annahmen zutreffend „Diagnosen und Beurteilungen“.
Ebenso wie hinduistische Sannyasin oder buddhistische Zen-Meister erklärt aber auch Rosenberg, daß diese Diagnosen und Beurteilungen fast immer irrational sind, weil sie vor allem unseren eigenen angeeigneten Glaubenssätzen entsprängen, wie etwas/jemand sein „müsste“ – und nicht etwa echter konkreter (Sinnes)Wahrnehmung im Hier&Jetzt.
Genau darum ist gute Beziehungs- und Gemeinschaftsbildung auch so schwer.
Der US-amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Scott Peck, der sich wohl am intensivsten mit der Praxis von Gemeinschaftsbildung auseinandergesetzt hat, nannte die vier Phasen eines solchen Prozesses „Pseudogemeinschaft“, „Chaos“, „Leere“ und „Gemeinschaft“. Ich werde sie hier mal „Oberflächliches-gut-Verstehen“, „Krise“, „Klarheit“ und „echte Beziehung“ nennen. Und ohne jetzt tiefer auf diese verschiedenen Phasen einzugehen, möchte ich zeigen, was diese Phasen mit dem bisher Gesagten zu tun haben.

Bezüglich Scott Peck und seiner Gemeinschaftsbildung war ich lange irritiert, wenn er über Gruppen von 60 und mehr Personen schrieb. Ich hielt dies für kaum glaublich und nahm an, daß kleine Gruppen doch viel leichter in Beziehung zu bringen sein müssten, weil ich insbesondere für die „Chaosphase“ die Gleichung aufmachte: Mehr Beteiligte = Größeres Durcheinander.
Meine eigenen Nah- und Mehrfachbeziehungen bewiesen mir aber nahezu das Gegenteil. Wenige Beteiligte können es aufgrund des viel höheren Nähefaktors und genau wegen der wenigen Mitwirkenden tatsächlich sehr viel schwerer haben.

In die Chaos-/Krisenphase bringen wir nämlich genau die zuvor erwähnten Vorstellungen, Annahmen, Diagnosen und Beurteilungen über uns und die Anderen mit hinein – und fangen dort damit an uns aneinander „abzuarbeiten“.
Mit wenigen „Mitspieler*innen“ (zwei oder drei, z.B.) kann dies regelrecht zu einer Art „Beziehungsschach“ oder „-skat“ geraten (und auch als „Beziehungsdoppelkopf“ oder „-Poker“ wird es mit vier bis sechs Beteiligten nicht besser). Da werden dann buchstäblich Züge geplant und Trümpfe gegeneinander ausgespielt. Und alles in dem Bestreben, dieses „Spiel“ am Ende für sich zu entscheiden. Was bedeutet: Den anderen Beteiligten so zu zeigen, daß nur die eigene (Spiel)Weise die erwiesenermaßen vorteilhafteste und darum richtige sein muß (und die der Anderen damit natürlich nachweislich als nicht erfolgreich und daher falsch bloßgestellt wird).
Scott Peck beschreibt nun, daß diese Konkurrenz- und Krisenphase erst dann endet, wenn alle Beteiligten genau diese Strategie für sich als unsinnig und nicht zielführend entlarven.
Und hier befürchte ich eben, daß es die „Wenigen“ miteinander eventuell deutlich schwerer haben, bis sie sich aus gegenseitiger Umklammerung, Erniedrigungsversuchen oder Schuldzuweisungen entlassen können. Denn bei wenigen Beteiligten ist es allzu leicht, sich sehr lange einzureden, daß es doch noch eine Chance oder einen bislang unbekannten Winkelzug zum vermeintlichen „Sieg“ gibt – oder darauf zu hoffen,daß die Anderen vielleicht einfach von sich aus irgendwann aufgeben…
Bei 40, 60 oder mehr Teilnehmer*innen würde selbst sehr hartnäckigen Spieler*innen die letztendliche Vergeblichkeit oder Unsinnigkeit einer solchen Sisyphusaufgabe viel schneller einleuchten…

Erst also, wenn wir in unseren Liebesbeziehungen an diesen Punkt kommen, dann treffen all die hier beschriebenen Philosophien erst wirklich zusammen und die vermeintlich beharrlichen Widersprüche lösen sich auf.
Darum auch nannte Scott Peck die darauffolgende, dritte Phase nicht sogleich „Gemeinschaft“, sondern „Leere“: Weil diese Erkenntnis, dieses Loslassen der eigenen Voreingenommenheit und des eigenen Sendungsbewußtseins nichts anderes ist als das Zen der Buddhisten, das Sannyasa der Hindus und die Urteilsfreiheit der „Gewaltfreien Kommunikation“.
Diese „Leere“ ist der Moment den z.B. Sportler, Künstler oder Handwerker als „Flow“ kennen, der aus einer Einheit von purem Wahrnehmen sowie Tun und Sein in einem besteht – der Moment aus dem heraus viele Erkenntnisse und Errungenschaften entstehen können.
Auch deswegen folgt die „Gemeinschaft“ oder die „echte Beziehung“ nicht gleich nach der Krise, weil diese „Leere“ ja ebenfalls einen „Augenblick großer Klarheit“ ist, der uns unsere Wahl- und Handlungsfreiheit zurückgibt, um uns un-verstellt zu entscheiden.
Und dieser Augenblick großer Klarheit kann sich in Beziehung eben auch erst dann vollständig entfalten, wenn alle Beteiligten ihn gemeinsam erreichen.
Was zugleich bedeutet, daß dies auch ein Zustand großer selbstgewählt-zugelassener Verletzlichkeit ist. Auch und gerade vor sich selbst, wenn man sich just seiner liebgewonnen und oft auch lange Zeit sinnstiftenden Glaubenssätze entledigt hat…

Egal, was dann passiert: Es ist Raum entstanden für etwas Neues und Echtes.
Vielleicht wird es eine wirkliche Beziehung; vielleicht wird es echte Gemeinschaftlichkeit.

Aber ohne die vorhergehende wirkliche Krise, ohne die darauffolgende Auseinandersetzung, ohne die Reibung aneinander, können wir uns noch sehr lange für den alleinigen Mittelpunkt der Welt halten.
Denn auch dafür brauchen wir die anderen liebenden Menschen vom Geboren-Werden bis zum Sterben um uns:
Nicht nur, um zu erleben, daß es gar nicht darauf ankommt, ob wir dieser Mittelpunkt sind.
Sondern um die Chance zu haben, zu erfahren, daß in unseren liebevollen Beziehungen und in echter Gemeinschaft das Potential unserer Vielfältigkeit immer noch unendlich viel größer wird als das Potential unserer Einzigartigkeit alleine.

1 Erst in seinem letzten Lebensjahr gab Rajneesh die Weisung, alle seine Arbeiten und Publikationen fortan unter einem von ihm neu angenommenen Namen „Osho“ herauszubringen. Da mir der Autor für den Großteil meines eigenen Lebens unter seiner am längsten geführten Bezeichnung „Rajneesh“ bekannt war, werde ich diese weiterhin verwenden.

2 Dr. Sears Standpunkt wurde direkt von den Ergebnissen der Autorin und Anthropologin Jean Liedloff beeinflußt (Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit).

3Vom Trug der Gemeinschaftlichkeit (The Fallacy of Togetherness, 1968)

4Die Macht der Liebe, Kapitel 2: Er sagte / Sie sagte; Von Liebe in einer Beziehung

Dank geht an Jason Leung auf Unsplash.com für das schöne Schachbrettbild.

4 Antworten auf „Eintrag 8“

  1. Ich kenne mich ja mit diesen Indern nicht aus, ich denke aber damit, dass wir im Grunde IMMER allein sind, hat er recht.

    Kein anderer Mensch in meinem Umfeld, auf der Welt eigentlich – fühlt und erlebt die Welt wie ich.
    Ich kann meine Gefühle und Wahrnehmung sicher erklären, so dass ein anderer oberflächlich verstehen kann, wie es in mir aussieht, aber wirklich zu 100% kann niemand nachvollziehen, was in einem Menschen wirklich passiert. Zudem ist die Welt auf Mimik, Gestik, Sprache – KOMMUNIKATION eben angewiesen, die ein fühlender Mensch nicht immer adäquat geben kann, um zu verstehen.

    Ich bin immer allein mit dem, was in mir ist, denn alle Worte, die ich habe reichen nicht aus um jemand anderem wirklich verständlich zu machen, was in mir passiert.

    Also ja: Der Mensch ist allein. Im Inneren immer. Das Äußere kann mit Menschen gefüllt werden, die man gern um sich hat, auf die man sich verlassen kann. Das Innere aber ist ein Turm ohne Türen und was von den Fenstern heraus gerufen wird, sind Versuche, das komplexe Innen verständnisgerecht für das Außen zu vereinfachen.

    1. Die Forschung – und da insbesondere die Kinder- und Jugendpsychatrie – hat ja immer mehr bestätigt, daß wir buchstäblich leben, was wir erleben – und erlebt haben. Eines der wichtigsten Fundamente für Kinder ist das Erfahren einer sichern Bindung durch ihre Eltern. Vertrauensvolle positive Beziehungen zu anderen Menschen sind das ganze weitere Leben lang ein entscheidender Faktor für unsere Gesamtzufriedenheit, wie auch für unsere Gesundheit.
      Viele von uns sind in genau an ihrem „Fundament“ nicht (genug) bestätigt und gefördert worden, mußten aber natürlich trotzdem irgendwie mit den Herausforderungen des Lebens (allein) fertig werden – und haben uns so eine „Der Starke ist am tüchtigsten allein“-Haltung zugelegt. Da wir nicht rechtzeitig genügend Akzeptanz und Unterstützung (aus sozialer Bindung) erfahren haben, haben wir auf diese Weise oft diese Alleinheit zu unserer angenommenen „Normalität“ gemacht.

  2. Hallo Oligotropos,

    Danke, dass du dem scheinbaren Widerspruch zwischen andere Menschen zu brauchen und eine Verbindung zu sich selbst zu haben einen Beitrag gewidmet hast.

    Zu dem Zitat deines Poly-Besuchs: „Ich habe daraus gelernt, dass eine fehlende Bindung (Nähe, Anerkennung etc.) zu mir selbst nicht durch Verbindungen zu anderen kompensiert werden kann.“
    Wie bei vielen Aussagen aus die Philosophie vieler Polys kann ich darauf antworten: Ja, eh, aber … Menschen brauchen beides, gleichzeitig! Genauso wie ich nicht gut mit anderen Menschen Party machen kann, wenn ich Hunger und Durst habe (mein Körper also einen Mangel erleidet), kann ich keine gute Verbindung zu mir selbst aufbauen, solange ich auf der personalen Ebene, im Kontakt zu anderen Menschen, an einem ständigen Mangel leide. Allein zu sein bedeutet in einem solchen Mangelzustand immer auch gleichzeitig einsam zu sein. Der Versuch, mit sich selbst eine gute Verbindung aufzubauen, wird dann wie ein Leuchtpfeil darauf zeigen, sich doch passende, nähegebende Menschen zu suchen. Genauso wie ich, hungrig, das Pizzastück in der Hand meines Gesprächspartners interessanter finden werde als ich die Inhalte des Gesprächs. Aber natürlich ist es einfach, alle diese Dinge zu missbrauchen: Ich kann versuchen, mich unglaublich auf das Gespräch zu konzentrieren, bis ich meinen Hunger vergesse. Das klappt vielleicht sogar momentan. Aber der kommt ja wieder, und diesmal schlimmer als zuvor. Ich kann auch jedes Mal frustessen, wenn ich mich gerade einsam fühle. Ich kann mich in unpassenden, energiefressenden Verbindungen zu anderen Menschen aufreiben, bis ich gar keine Zeit oder Energie mehr habe, darüber nachzudenken, was ich, für mich, in meinem Leben überhaupt langfristig will. Ich kann mich auch in Philosophien ohne empirischen Abgleich mit der Welt verkriechen, und das für eine Verbindung zu mir selbst halten, bis ich gar nicht mehr merke, dass ich keine bedeutsame Verbindung zu einem einzigen anderen Menschen habe. Letzteres, denke ich, trifft auf deinen Poly-Besuch zu.

    Vielen Dank übrigens für die Einführung in Scott Peck’s Theorie über Gemeinschaftsbildung!

    1. Vielen Dank zurück für das offensichtlich sorgfältige Hineindenken in meinen Text. Ich fühle mich als Autor zweifach gebauchpinselt: Sowohl rezipiert als auch so aufgefaßt, wie ich es rüberbringen wollte.
      Und natürlich Danke für das geniale Essens-Beispiel, was anhand eines anderen Basisbedürfnisses die „Mangelkette“ super beschreibt – da habe ich auch für mich nochmal etwas besser verstanden.
      Etwas mehr Praxis und etwas weniger Elfenbeinturm zum Abgleich tut und täte mir auch immer wieder gut – grandioser Schlußakkord von Dir 😉!

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