Eintrag 76

Abrüstung

»Emotionale Rüstung ist nicht leicht abzulegen, und das sollte sie auch nicht sein.
Sie hat sich aus einem bestimmten Grund gebildet: als Erfordernis für bestimmte Arten von Verantwortlichkeit, als konditionierte Reaktion auf sehr reale Umstände, als Schutz vor unerträglichen Gefühlen.
Sie hat einen entscheidenden Zweck erfüllt. Sie hat Leben gerettet.
Dennoch kann sie mit der Zeit abgemildert werden. Sie kann in ihrem Kern zu Sanftheit schmelzen. Sie kann das Licht an ihrem Ursprung offenbaren.
Aber bedränge sie niemals, stemme dich niemals gegen sie; verlange niemals, dass sie ihren Schutz fallen lässt, bevor ihre Zeit gekommen ist.
Denn sie weiß etwas, was du nicht weißt:
In einer immer noch beängstigenden Welt ist Rüstung nicht weniger gültig als Verletzlichkeit.
Lasst sie sich in ihrem eigenen einzigartigen Tempo lösen.«


Diese Gedanken teilte der kanadische Autor und Filmemacher Jeff Brown 2015 in seinem Buch „Spiritual Graffiti“ (Enrealment Press).

Ich glaube, daß diese Worte sehr viel Wahrheit enthalten – und ich glaube ebenfalls, daß fast alle Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner Form von ethischer Mehrfachbeziehung befinden, sich irgendwie darin wiedererkennen können.

Dies schreibe ich heute in meiner fortgesetzten Überzeugung und Anerkennung der Tatsache, daß vermutlich wirklich keine Beziehungsform Menschen so stark mit ihren innerseelischen Potentialen konfrontiert, wie es Mehrfachbeziehungen in der Lage sind zu tun.

An dieser Stelle muß ich nun gleich erst einmal eine Art – wie sagt man heute? – „Disclaimer“ einfügen: Ich halte durchaus auch dyadische¹ Modelle – und insbesondere das bekannteste Modell der Mono-Amorie², die „Zweierbeziehung“ – für prinzipiell geeignet und sehr wohl in der Lage, dies genauso zu gewährleisten. Wie ich aber bereits in meinem Eintrag 9 anhand der „Kleinwagen-Metapher“ versucht habe zu verdeutlichen, bin ich mir aufgrund meiner Lebenserfahrung recht sicher, daß jenes Standardmodell aufgrund der häufig ebenfalls sehr standardmäßigen Zurkenntnisnahme (oder doch eher: Nichtzurkenntnisnahme) der anhängigen AGB für die jeweiligen „Insassen“ eine allzu intensive Auseinandersetzung mit den konkreten Befindlichkeiten der wechselseitigen Innenleben normalerweise eher vermeidet [wodurch im Krisenfall dann ja die Sprengkraft auch bekanntermaßen häufig besonders brisant gerät…].

Diese „Sicherheitsreserve“ (die eher eine Art „Ignoranzpuffer“ ist), gibt es in Mehrfachbeziehungen vom ersten Moment des Zustandekommens an nicht.
Denn dort es gibt keine Muster, keine Blaupausen, anhand derer die potentiell Beteiligten sich schlicht eine Kopie von irgendetwas Vorhandenem oder bewährt Vorgelebtem ziehen könnten. Jeder Schritt hinein in die Beziehung – ja, schon bloß in die Gründung einer Mehrfachbeziehung hinein – ist ziemlich aufregend und immer neu.

Irgendwie eine seltsame Sache. Eine Mehrfachbeziehung entsteht (oder erweitert sich). Das ist ja vor der Hand ein Augenblick großer Freude – der auch von Personen eines positiv eingestellten Umfelds mit entsprechenden Glückwünschen und Enthusiasmus begrüßt und bejubelt wird.
Die Beteiligten selbst erleben diese große Freude (hoffentlich) ebenfalls. Aber neben dem Hindernislauf, den jedwedes nicht-normative Geschehen in einer ansonsten noch weitgehend normativen Welt bewältigen muß (Polyamorie? Ist das so etwas wie Fremdgehen mit Erlaubnis…?“ / „Und an die Kinder habt ihr dabei wohl gar nicht gedacht…?“), wird für die Beteiligten selbst eher früher als später die Begegnung mit ihrer eigenen „emotionalen Rüstung“ die wahre Herausforderung werden.

Dies ist ein Umstand, der selten an die große Glocke gehängt wird. Einmal stehen Beteiligte von Mehrfachbeziehungen regelmäßig für das Umfeld ohnehin schon unter einem großen Rechtfertigungs- und Erfolgsdruck („Wußte ich’s doch: Polyamorie KANN nicht funktionieren…!“). Zusätzlich drängen sich vor allem die eher praktischen Gründe häufig in den Vordergrund, die zuallererst beackert werden wollen („Dienstags? Dienstags habe ich diese Woche bis 17 Uhr Yoga und danach muß ich noch die Kinder abholen – wir müssen unser gemeinsames Treffen verschieben, wenn…“). Und nicht zuletzt ist das eingangs erwähnte Thema außerordentlich persönlich.

Mehrfachbeziehungen beruhen auf Grundwerten wie Offenheit, Transparenz und Aufrichtigkeit. Und um mehr als eine Person und ihre Termine sowie Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen – und Göttin bewahre, wenn es womöglich mehr als zwei sind! – ist Flexibilität von Nöten und die in Eintrag 62 erwähnte „Ambiguitätstoleranz“.
Allein das Wort „Rüstung“ legt aber bereits nahe, daß es mit unserer Offenheit und Flexibilität eventuell nicht so weit her ist, wie wir es vor uns selbst (oder gar Anderen) bei einer Tasse Kaffee zugeben würden. Selbst unsere Toleranz wird vom festen Sitz unserer Rüstung begrenzt – hat sie sich doch einstmals gebildet, um die Überforderung durch fremdwillkürlich auf uns eindrängende, äußere Einflüsse zu ertragen – nicht aber, um diese verstehen zu wollen, da uns das zum damaligen Zeitpunkt nicht geholfen oder geschützt hätte.

Nun aber also endlich „hinein in die Mehrfachbeziehung“! Wenn es soweit ist, wird für viele von uns eventuell ein langgehegter Wunsch war – bei manchen mag sogar das Eingeständnis dieses unterschwellig lang vorhandenen Wunsches Geburtshelfer und gleichfalls noch Zeuge dieser Entwicklung sein. Und manche von uns „erwischt“ es aus heiterem Himmel und eine neue Welt in uns entsteht, die möglicherweise nicht geboren wurde, bis diese neuen Menschen in unser Leben kamen, weil durch dieses Zusammentreffen erst diese Welt hervortreten konnte…³
Wie dem auch sei. Auf diesem bLog – als Hervorhebung durch die Oligoamory – formuliere ich Mehrfachbeziehungen als Synthese aus vertrauensvollen Liebesbeziehungen und Gemeinschaftsbildung. Dazu bewerbe ich hier das Modell der selbstgewählten „Zugehörigen“ als Gefährt*innen, mit denen wir unser Leben teilen wollen (insb. Eintrag 5, Eintrag 34, Eintrag 55). Im Kern geht es mir hier also um nichts weniger als darum, gemeinsam unser selbstgestaltetes „Zuhause“ zu errichten, worin auch jede*r in sich selbst „zuhause“ sein kann.

In seinem Buch „Hearticulations“ (Enrealment Press 2020) ergänzt Jeff Brown allerdings:

»Du kannst nicht von zu Hause weglaufen. Denn du nimmst es stets mit dir, wohin du auch gehst.
Es kann durchaus von Wert sein, in eine andere geografische Umgebung zu fliehen – aber trotzdem wirst du irgendwann den Weg zurückgehen müssen, um deine Kindheit zurückzufordern.
Denn sie ist nach wie vor in dir lebendig, diktiert noch immer deine Beziehungsmuster, kontrolliert noch immer deine Entscheidungen.
Sie muss anerkannt werden. Sie muss konfrontiert werden. Sie muss geheilt werden.
Und bis das geschieht, bleibt sie weiterhin der Ort, an dem du lebst.«


Meine Kindheit? Der Ort an dem ich lebe? Sollte das wahr sein?

In der US-amerikanischen Science-Fiction-Fernsehserie Deep Space 9 aus dem Jahr 1993 gibt es in der Pilotfolge eine hochinteressante Sequenz:
In seinem ersten Abenteuer begegnet einer der Protagonisten der Serie einer Spezies von Fremdwesen, die ewig existieren und daher nicht den Faktor „Zeit“ als immerwährend fortschreitende Gegebenheit kennen – für sie existiert alles, was ist, in einer immerwährenden Einheit. Für eine Verständigung mit den Fremdwesen ist dies erst einmal ungünstig. Die Aliens nehmen aus ihrer Sicht nämlich wiederum den Protagonisten als sprunghaft, selbstbezogen und unberechenbar handelnd wahr, da sie nicht verstehen, daß sein Agieren einer linearen Existenz „in der Zeit“ geschuldet ist.
Dem Protagonisten gelingt dennoch schließlich eine Verständigung: Er erklärt den Fremdwesen, daß wir Menschen durch unsere Biologie von Geborenwerden und Sterben exakt dieser linearen Existenz unterworfen sind – insbesondere auch, was unser Handeln, Denken und Planen angeht. Er wählt zur Verdeutlichung die Analogie eines Spieles, welches zwar festen Regeln unterworfen ist, bei dem hingegen aber der exakte Verlauf nicht vorherbestimmt werden kann. Als Kontrast zur den in ihrer „Ewigkeit“ etwas rigide und eher passiv wirkenden Fremdwesen, erklärt der Protagonist die Neugierde und Flexibilität der Menschen mit genau ihrer linearen Natur: Dadurch, daß der „Spielverlauf“ nicht festgelegt sei, wären Überraschung, Neugierde und Agilität gegenüber dem, was kommen könnte, kennzeichnende Charakteristika unserer Art. Die Fremdwesen können dieser Erklärung gut folgen, obwohl das Konzept selbstverständlich sehr stark im Gegensatz zu ihrer eigenen Daseinsform steht.
Da entdecken sie plötzlich in der Psyche unseres Protagonisten etwas Erstaunliches – und sofort konfrontieren sie diesen mit jener Szene, die sie ihm kurzerhand vor Augen stellen: Er selbst, in einem brennenden, auseinanderfallenden Raumschiff, unfähig seine sterbende Frau unter einem verbogenen Stahlträger hervorzuziehen. Unser Protagonist ist entsetzt und sagt, daß dies ein schrecklicher Moment seiner Vergangenheit sei, von dem er sofort weg wolle. Die Aliens hingegen sind verwundert und fragen ihn, warum er denn dann dennoch dort emotional existieren würde. In diesem Moment erkennt der Protagonist, daß es zumindest in unserem Geist Orte gibt, die „nicht-linear“ sind, eingefrorene Zeit, Trauma-Orte des Ausgeliefertseins, von denen wir uns bisher nicht (er)lösen konnten.

Genau diese „Orte des Ausgeliefertseins“ meint auch Jeff Brown, wenn er sagt, daß wir dort „weiterhin leben“. Unerlöste Seelenorte, die unsere heutigen Absichten und unsere heutigen Beziehungsdynamiken mit ihren Kräften von Zurücksetzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Erniedrigung und sogar Gewalt fortgesetzt beeinflussen. Beeinflussen können – weil sie in uns auf gewisse Weise noch nicht geendet haben.
Leider aber eben auch Orte, die wir aufgrund der von uns getroffenen Wahlen (oder nicht-Wahlen – aber auch das sind ja genau genommen Wahlen) noch zu „unserem Zuhause“ zählen.
Fremdgenerierte Zurücksetzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Erniedrigung und Gewalt der Vergangenheit „wohnen“ also auch heute noch mit uns – und warten damit auch genau genommen bereits auf diejenigen Leute, die wir absehbar mit in unser Leben, „unser Haus“, einladen werden.

Dies ist der Punkt, an dem Mehrfachbeziehungen zu einem Zerrbild des von mir sonst auf diesem bLog so eifrig propagierten „Mehr als die Summe der Teile“ werden können – weitaus dramatischer als jede bloße Paarbindung aus lediglich zwei Personen.
Insbesondere dann, wenn wir Mehrfachbeziehungen aus dem unbewußten Wunsch heraus eingehen, es mit unseren anderen unangenehmen „Mitbewohnern“ nicht mehr gar so allein „zuhause“ aushalten zu müssen. Bereits in Eintrag 58 warne ich davor, andere Menschen für persönliche Bedürfnislücken einzuspannen, um mittels dieses Kunstgriffs das Maß an eigenem Wohlbefinden zu erhöhen.
Auf diese Weise wird sich dann nämlich viel eher das alte Polyamorie-Axiom bestätigen: „Du willst mehr Drama? Füge weitere Personen hinzu!“.

Um unser eigenes Haus aufzuräumen benötigen wir – wie ich in zahlreichen Einträgen schrieb – Bewußtheit, Hinsehen-Wollen und vor allem eine Menge Mut. Andere Menschen können uns dabei bestenfalls vielleicht unterstützen, die Arbeit selbst dazu bleibt aber ganz und gar nichtsdestoweniger allein die Unsrige.

Heute, da ich selbst seit knapp drei Monaten selber (wieder) an einem Neubeginn in Sachen Mehrfachbeziehung stehe, kann ich Euch, meinen werten Leser*innen, vermutlich keine erlösende Pointe präsentieren.
Ich wollte mit Euch allerdings in diesem Artikel die Weisheit in den Worten von Jeff Brown teilen, da seine Eingangsbemerkung für mich einen wichtigen Schlüssel in dieser Sache enthält: Die Anerkenntnis des Vorhandenseins unserer Rüstung und die Anerkennung der jeweiligen Natur und Herkunft unserer Rüstung.
Die beschriebenen Rüstungen haben wir uns (und das wissen wir in unseren Herzen sehr gut) nicht aus Arroganz, Eitelkeit oder Selbsterhöhung heraus angelegt. Auch unsere Liebsten haben das entsprechend also nicht getan.
In unseren (Mehrfach)Beziehungen werden wir demgemäß stets in einem gewissen Maß an noch vorhandener „Aufrüstung“ aufeinandertreffen, weil ein Teil unserer Welt, unseres „Zuhauses“ für uns – in den Worten von Meister Brown – noch ausreichend „beängstigend“ ist. In der Tat kann der Beginn einer Mehrfachbeziehung daselbst erst einmal sogar noch eine ganze Menge „Beängstigung“ enthalten oder noch obendrein hinzufügen – je nachdem, wie unsere eigenen unerlösten Momente inneren Ausgeliefertseins beschaffen sind.
Druck, übereiltes Handeln oder Erwartungen sind hier also in jedem Fall die schlechtesten Herangehensweisen.

Was aber gibt uns Hoffnung auf Abrüstung?
Ich glaube, das ist unsere Liebe. Oder meinethalben eine Nummer kleiner zur Beginn einer Beziehung: Unsere Verliebtheit.
Denn irgendwo da, an diesem Beginn muß es jenen Moment gegeben haben, als unser Gegenüber – und sei es auch nur für einen kleinen Moment – sich verletzlich gezeigt hat, Panzerung und Schilde senkte, so daß wir das „Licht an deren Ursprung“ erkennen konnten.
Und es ist doch exakt dieses Licht, welches uns angezogen, uns fasziniert hat; das Licht, in dem wir die Zugewandheit und Verbundenheit unserer Seelen für einen Augenblick bereits erkennen konnten.

Wenn der Schriftsteller Henry David Thoreau Recht hat, daß „Liebe sowohl ein Licht als auch eine Flamme sein muß“, dann wird es eben diese Flamme sein, die den Kern unserer Rüstungen zu Sanftheit schmelzen kann.
Gewähren wir uns und einander daher Zeit zur Erlösung.
In unserem eigenen einzigartigen Tempo.



¹ dyadisch: fachsprachlich = zu einem Zweiersystem gehörig (welches auch ausschließlich aus zwei Einheiten besteht).

² Mono-Amorie/Monoamorie verwende ich auf diesem bLog als bewußt entgegengesetzte Formulierung zu dem Begriff „Polyamorie„. Da „Polyamorie“ aus altgriechisch πολύ poly „viele“ und lateinisch amor „Liebe“ zusammengesetzt ist und daher „viele Lieben“ bzw. die „Viel-Liebe“ zu mehreren bezeichnet, steht „Monoamorie“ (aus altgriechisch μόνος monos „ein-/einzig-“ und lateinisch amor „Liebe“ zusammengesetzt) für die Liebe zu nur einer einzigen anderen Person. Eine Erscheinungsform der Mono-Amorie ist z.B. die Ehe = Monogamie.

³ Und noch einmal Dank an Anaïs Nin für dieses wundervolle Zitat!

Danke an 4317940 auf pixabay.com für das Foto!

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