Eintrag 55

Sich nackt machen

Was ist der Grund, warum viele Auftakte hinsichtlich mehr oder weniger gelingender Mehrfachbeziehungen mit einem initialen Ereignis geteilter Sexualität beginnen?
Liegt es an der Vorwegnahme der Gewissheit, die in unseren tiefsten Tiefen ruht, daß wir ohnehin alle in letzter Konsequenz eh das Resultat einer sexuellen Begegnung zwischen Menschen sind?
Wollen wir darum solche Verbundenheit greifbar (wieder) spüren und sehnen uns daher nach buchstäblich unter die Haut gehender Vertrautheit, nach „leibhaftiger“ Intimität?

In diesem Fall könnte (früh geteilte) Sexualität wenig hilfreich geraten, insbesondere wenn unsere Bedürftigkeit hinsichtlich Verbundenheit, Vertrautheit und Intimität sehr hoch ist (und bei den meisten Menschen in westlichen Industrienationen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist sie es – diese Bedürftigkeit!). Losgelassen, verhalten wir uns demgemäß schnell wie Hungernde, die man an ein exquisit zubereitetes Festmahl heranführt: Wir schöpfen hastig die Croûtons aus der Suppe, werfen uns händeweise die Pommes Duchesse in den nimmersatten Mund und plündern schießlich – weil dessen Speisen am süßesten und am leichtesten einzuverleiben sind – begierig das Nachspeisenbuffet…
Wertschätzung oder gar Einschätzbarkeit kommen aber auf diese Weise gegenüber Lebensmitteln wie auch Personen wohl eher kaum zustande. Was z.B. eine ehemalige Bekannte von mir schmerzlich erfahren mußte, die bei solch einem Erstlingsdate, bei dem die Beteiligten sich im Taumel der Leidenschaft zuvor nicht mehr verbal darüber ausgetauscht hatten, was „gemeinsam ausgekostete Sexualität“ für alle Seiten so zu beinhalten hätte, unversehens absichtsvoll mit Teelichtwachs begossen wurde…¹
Aber auch ohne „Überraschungen“ dieser Art ist die Chance eher gering, daß alsbaldige Sexualität als wechselseitiger „Kompatibilitätstest“ in Sachen Intimität und Nähe diesem hehren Ziel überhaupt gerecht werden kann. Solcherart (vor)vollzogene Sexualität wird nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren „um-zu-Charakter“ niemals so richtig verlieren und damit zu einer eher seriellen „Gipfel-Episode“ geraten, welche das Autorenpaar Gerrard und French in ihrem Roman „Killing me softly“ ² mittels der Aussage eines Bergsteigers einmal folgendermaßen beschrieben: „Neue Verliebtheit ist wie ein Berg. Zuerst opferst du alles und setzt jede Mühe daran, diesen Berg irgendwie zu besteigen. Wenn du das schließlich geschafft hast, versuchst Du vielleicht noch ein paar mal, diesen Berg auf unterschiedliche Art und Weise zu besteigen; dann ziehst du weiter…“.
Das meine ich mit „um-zu“. Denn so könnte doch am Ende irgendwie ein fades Gefühl übrig bleiben. Nach all der Umwerbung, nach all der Leidenschaft, nach all der intensiven physischen (aber gewiss auch psychischen und spirituellen Nähe und Verschmelzung): War ich letztendlich doch (nur) eine Bewältigung, eine Vollbringung in jemandes anderen Kalkül? Oder war er*sie*es in meinem?

Irgendwie kommen wir um Antoine de Saint-Exupérys Fuchs³ und sein „sich-miteinander-vertraut-machen“ wohl doch nicht herum [reichlich von mir zitiert in den Einträgen 25, 27, 32, 42 und 52], wenn unsere oligoamoren Wünsche „Verbundenheit“, „Vertrautheit“ und „Berechenbarkeit“ lauten. „Sich-miteinander-vertraut-machen“, diese „in Vergessenheit geratene“ Kunst.
Sogar der Kleine Prinz versucht sich in der entsprechenden Szene noch in die Serialität zu entziehen, indem er erwidert: „Aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden und viele Dinge kennenlernen…!“ Gut, daß das Buch dann solch ein geheimnisvoller Bestseller geworden ist, weil sich der Prinz dennoch entschließt, sich auf die Erfahrung des „sich-miteinander-vertraut-Machens“ einzulassen.
Warum aber, z.B., ist diesbezüglich „Der kleine Prinz“ ein so eckiges, sich nicht leicht erschließendes Werk geworden? Warum ist es in Teilen geradezu kryptisch, seine abschließende Wendung beinahe tragisch – zumindest traurig, so daß viele Leser*innen es oft mit gemischten Gefühlen zurück ins Regal stellten und trotzdem im weiteren Leben immer wieder einmal hervorholen?
Vermutlich, weil der Autor Saint-Exupéry erkannte und formulierte, daß das „sich-miteinander-vertraut-Machen“ eine Komponente enthält, die die eingangs erwähnte, früh initiierte Sexualität, zum selben Zweck niemals erfüllen kann.
Denn „Vertrauen“ (dem ich als Thema bereits insbesondere die Einträge 15, 26, 27 und 43 widme) ist eben keine „Einbahnstraße“. Es ist sogar weit mehr als eine offensichtliche zweispurige Straße, denn ein nicht immer unbedingt sichtbarer Teil dieser Verbindung führt direkt in unser eigenes Innerste. „Vertrauen“ in »die Anderen« oder in »die Welt« kann ich ja nämlich nur dann wirklich aufbauen, wenn ich es gleichermaßen in mich selbst (Eintrag 15) bzw. in »meine Welt« (Eintrag 26) erstrecken kann.
Planlos („Ach, lass‘ uns einfach machen und nicht schon im Vorhinein labeln, wo das hinführen soll…!“ ), unsicher („Ich weiß gar nicht so recht, ob ich das eigentlich will…“ ) oder mit hintersinniger Agenda (Stichwort: Gipfel-Episode) wird das jedoch nichts.
Bestenfalls wollen wir uns so mit einem früh geteilten Sexualitäts-Ereignis wie der kleine Prinz vor einem vermeintlichen Verlust von an anderer Stelle eventuell sinnvoller investierter Lebenszeit schützen. Schlimmstenfalls entziehen wir uns auf diese Weise möglichem – und sehr wahrscheinlichem – Schmerz, dem wir auf jeder Suchwanderung in uns selbst zum Aufbau von Vertrauen, zum „mit-uns-selbst-vertraut-Werden“ vermutlich begegnen werden.

„Oligotropos, hast Du jetzt echt gerade »schlimmstenfalls« geschrieben?“

Ja, das habe ich, denn darin liegt für mich der Kern meines heutigen Eintrags. Genau wie ich das Buch „Der kleine Prinz“ »eckig« und »kryptisch« nannte, so ist die Weltliteratur seit biblischen Zeiten voll von diesen Geschichten über symbolische oder buchstäbliche Suchwanderungen in unser eigenes Selbst. Diese „Suchwanderung in uns selbst hinein“ ist also ein Menschheitsthema, dem wir uns in oligoamoren Zusammenhängen nicht verschließen können – und „schlimmstenfalls“ schrieb ich, weil alles andere für mich ein aktives Wegsehen, ein Ignorieren und eine (Selbst)Verleugnung sind, die uns und unseren Beziehungen viel mehr Schaden zufügen werden, als jede Kellerleiche oder jeder alte Schmerz, dem wir in uns selbst bei unserer Innenschau begegnen könnten.
Denn höchstwahrscheinlich wird es ja so sein, daß wir in der Konfrontation mit uns selbst nicht nur Angenehmes und Harmonisches vorfinden werden. Aber wie anders können wir sonst jemals vor uns selbst – und in Konsequenz also auch vor unsere Liebsten treten und uns anvertrauen, wenn wir nicht wagten uns zu erklären? Genau also jenes »Wagnis, ein Jemand zu sein«, welches der Erziehungswissenschaftler Reinhard Kahl und die Philosophin Hannah Arendt in meinem Eintrag 39 betonen.
„Sich-miteinander-vertraut-machen“ und „sich-mit-uns-selbst-vertraut-machen“ bedeutet, sich miteinander (also auch mit sich selbst) die Zeit zu gewähren, einander mutig Antworten auf die Fragen zeigen zu können: Wer bist Du? – Wer bin ich?
Daß diese Fragen weder leichtfertig zu stellen noch leichtfertig zu beantworten sind, zeigen u.a. Lana und Lilly Wachowski sehr deutlich in ihrer zwischen 2015 und 2018 entstandenen Serie Sense 8(2.Staffel Folge 2). Als Reporter die Protagonist*innen mit der Taktik hinsichtlich einer banalen oder unmöglichen Antwort in die Enge treiben wollen, antworten diese:
„Wer ich bin? Meinen Sie, wo ich herkomme? Was ich eines Tages werden könnte? Was ich tue? Was ich getan habe? Wovon ich träume? Meinen Sie was Sie sehen oder was ich gesehen habe? Was ich fürchte oder wovon ich träume? Meinen Sie, wen ich liebe? Meinen Sie, was ich verloren habe?“

»Einfacher«, »schneller« oder »weniger komplex« als diese Fragen (und die Antworten darauf!) wird ein »sich zeigen« wohl kaum möglich sein, wenn wirkliche Verbundenheit, wahre Vertrautheit und tatsächliche Berechenbarkeit das gemeinsame Ziel sein sollen. Denn all diese Fragen zielen samt und sonders auf unsere Echtheit, gemeinhin auch „Authentizität“ genannt. „Authentisch“ ist aber kein Modelabel, irgendeine hübsche Lifestyle-Floskel, die ein Mensch sich umhängen kann, weil sie nach Weltgewandtheit und vermeintlicher Reife duftet. „Authentisch“ also „echt“ bedeutet, das zuzumuten, anzuvertrauen, auszuhalten und zu respektieren, was da jetzt, hier und heute, gerade lebendig ist. Das beinhaltet also auch menschliches Stückwerk, Un-Geklärtes und nicht immer Angenehmes.

Eine der großen Herausforderungen von ethischen Mehrfachbeziehungen ist für mich persönlich, unterschiedliche Beziehungen zu führen ohne die anderen Beteiligten dabei zu kompartmentalisieren (in einzelne Anteile aufspalten, siehe auch Einträge 2 und 44).
Dafür benötigen alle Beteiligte genau diese Neugier und diesen Mut, sich mit ihrer „inneren Unterschiedlichkeit“, also ihren Kontrasten, ihrer Heterogenität, ihren Unregelmäßigkeiten, ihrem Anderssein und ihren Spannungsfeldern kennenlernen zu wollen und zu akzeptieren, so daß genau aus dieser Vielfalt ebenfalls die Zutaten hervorgehen, die aus solch einer Mehrfachbeziehung „mehr als die Summe ihrer Teile“ macht.
Womit eine Mehrfachbeziehung quasi irgendwann ein lebendiges Abbild dieses „Chores unserer eigenen vielfältigen inneren Stimmen“ werden könnte, die jede und jeden von uns zu »uns « macht…

Warum ist diese Herausforderung für die Oligoamory so wichtig, warum ist es für diese besondere Form von „Mehrfachbeziehungen mit Wenigen“ so essentiell?
In Eintrag 5 zitiere ich meine eigene Geburtsfamilie mit dem markigen Ausspruch „Freundschaft ist ein schönes »Kann«, Familie ein schönes »Muß«!“
Ebenfalls in der Serie „Sense 8“ (Staffel 1, Folge 8) sagt der durch den Schauspieler Max Riemelt dargestellte Charakter „Wolfgang“ über ein Mitglied seiner Wahlfamilie: „Er ist mein Bruder. Und nicht durch so etwas zufälliges wie Blutsverwandtschaft. Uns verbindet etwas viel Stärkeres!“ Und auf die Nachfrage „Was denn?“, antwortet er: „Wir wollen es sein!“
Gelingende Beziehungen mit echter Zugehörigkeit sind also weit mehr als eine Konvention (ein »Muß«). Sie sind auch weit mehr als eine Option, die wir willkürlich „dazubuchen“ können (ein »Kann«).
Sie sind bewußte Willensentscheidungen, die wir füreinander eingehen, genau weil wir um die besondere und einzigartigen Natur der Verbindung zwischen uns und der jeweils anderen Person wissen, dadurch, daß darin jede*r von uns ein ganzer „Jemand“ sein darf.
Oligoamor ist es, wenn wir das wirklich wollen.




¹ Absurdes Beispiel? Ich fürchte, alle absurden Beispiele wirken gerade deswegen absurd, wenn und weil sie (leider) wirklich geschehen sind. Und ob dies das bizarrste Beispiel in meiner Reminiszenzen-Kiste war, weiß ich nicht einmal so genau, da es dort auch noch die Geschichte mit dem Erdnußbutterglas gibt, welches prompt im Rausch eines ersten Stelldicheins gezückt wurde…

² Nicci French, „Killing me softly“, Standalone Novels 1998, Neuauflage Penguin 2008

³ Antoine de Saint-Exupéry: „Der kleine Prinz“, Kapitel 21, Freundschaft mit dem Fuchs

Danke an WSNNY auf Pixabay für das Foto.

2 Antworten auf „Eintrag 55“

  1. Hallo Oligotropos,
    Ich stimme dir bei deiner Sichtweise von „mit sich selbst vertraut machen“ und „mit Anderen vertraut machen“ im Wesentlichen zu. Nur den Sex sehe ich anders: Sex zu haben, um Liebe (oder das Vertrauen dafür) zu bekommen, funktioniert nie. Weder zu zweit noch zu mehrt. Das ist ein „Um-zu“, da hast du völlig Recht. Aber deswegen ist Sex nicht ungeeignet, um Vertrauen aufzubauen. Sich wie Verhungernde aufeinander zu stürzen, kann den Hunger befriedigen – und Platz schaffen für einen nachfolgenden Prozess des Miteinander-Vertraut-Machens. Und auch beim Befriedigen gibt es Abstufungen: Nur weil ich mich auf das Buffet stürze, muss ich das Essen nicht dem nächsten Menschen ins Gesicht werfen (Stichwort Teewachs oder Erdnussbutter). Da kann ich schon auch „mittendrin“ fragen: „Hey, magst du das kosten?“ und auf eine Antwort warten. Oder um auf mein Party-Beispiel vor einiger Zeit zurückzugreifen: Vollgefuttert und nach ein oder zwei Gläsern Sekt redet es sich auch leichter 😉

    1. Da bin ich bei Dir, wenn die betreffenden Personen sich in solch einem Moment ganz und gar darüber einig sind, daß das, was (und wie) sie gerade teilen/geteilt haben, in der Form genau das Richtige für jede*n ist/war.
      Gleichzeitig glaube ich, daß Menschen normalerweise trotzdem in so einem Moment nicht wirklich einander ihr jeweiliges „inneres Kryptonit“ aushändigen.
      Denn dazu wären Beteiligte erforderlich, die sehr genau ihre Bedürftigkeit erforscht hätten und sich bewußt sind, daß (um mit Mike Hellwig zu sprechen:) kein Weg am Spüren unserer Verlassenheitswunde vorbeiführt, wenn wir einander wahrhaftig „kosten“ wollten. Alle Beteiligten müssten (statt Vermeider*innen oder Kompensator*innn zu sein) also willens sein, ihren Verlassenheitsschmerz zu fühlen und einander zu bekennen. Um dazu eine stabile Beziehung miteinander jenseits üblicher gesellschaftskonformer Rollenklischees aufzubauen, bedarf es Partner*innen, die sich bewußt sind, daß sie evtl. kompensieren, und die bereit sind, ihre Wunden bewusst zu öffnen, sie geradezu zu suchen und einander zu zeigen.

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